Ein neues Menschenbild

In den vergangenen Jahrtausenden hat sich der Mensch über sein Verhältnis zu Gott definiert. Im Polytheismus tritt an die Stelle eines einzigen Gottes ein ganzes Pantheon von Göttern. Im Pantheismus, wie er heute in vielen spirituellen Richtungen vertreten wird, gibt es keinen personifizierten Gott, dafür jedoch das Göttliche als geistigen Urgrund, das als Universum, als Evolution, als Natur für uns sichtbar wird. Das Prinzip bleibt jedoch immer dasselbe: Erst in seinem Verhältnis zu Gott oder dem Göttlichen weiß der Mensch, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf. Doch ist es wohl gerade umgekehrt: der Mensch schuf Gott zu seinem Bilde. Die jeweiligen Gottesbilder, die sich durch die Zeit hindurch und in den verschiedenen Religionen wandelten, gaben den Menschen Orientierung und sagten ihnen, wer sie sind. In Gott erkannten sie sich selbst. Oder anders: Gott war das Spiegelbild des Menschen. Er war das kollektive Bewusstsein, das sich, tausendfach gebrochen, in den Individuen widerspiegelte.

Der wissenschaftliche Mensch der Neuzeit hat Gott zur bloßen Hypothese erklärt und damit den Spiegel zerbrochen. Wo immer Gott an Bedeutung verliert, weiß der Mensch nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist. Mit Gott hat der Mensch seine bisherige Orientierung verloren. Er muss sich neu bestimmen.

Der Darwinismus bietet eine alternative Erklärung: Der Mensch stammt vom Affen ab. Diese Erklärung ist heute weitgehend akzeptiert und wird in den Schulen gelehrt, trotzdem bleiben viele Fragen offen: Warum hat der Mensch Geist? Warum kann er über etwas nachdenken? Woher kommt das Bewusstsein vom Tod? Was ist Leben? Woher kommt es? Was ist der Sinn von allem? Wonach kann ich mich richten, wenn Ethik und Moral nicht mehr gottgegeben, sondern lediglich gesellschaftliche Übereinkunft sind? Und nicht zuletzt: Warum sind ausgerechnet wir, die Vernunftbegabten, eine Spezies, die dabei ist, diesen Planeten in eine Wüste zu verwandeln? Warum tun wir das? Wenn der Mensch für das sechste große Artensterben verantwortlich ist, was bedeutet dann Vernunft? Wer sind wir eigentlich?

Für die Abstammung des Menschen vom Affen hat die Wissenschaft inzwischen so viele Beweise geliefert, dass man dies erstmal getrost als gegeben hinnehmen kann. 98%  unseres Genmaterials ist mit dem von Schimpansen identisch. In der Archäologie hat man zahlreiche Knochenreste gefunden, die den Übergang vom Affen zum Menschen dokumentieren. Wenn man Schimpansen und Bonobos in ihrem Verhalten beobachtet, kann man die Verwandtschaft auch nicht leugnen. Die Frage, warum der Mensch Geist, Sprache, Kultur und Technik entwickelt hat und in die Lage versetzt worden ist, den ganzen Planeten umzukrempeln, bleibt jedoch unbeantwortet. Warum ist der Schimpanse dabei geblieben, mit Steinen Nüsse zu knacken und mit Zweigen nach Ameisen zu pulen? Warum baut er keine Städte, verehrt keine Götter und fliegt nicht zum Mond? Was unterscheidet den Schimpansen vom Menschen?

Meine Antwort lautet, der Mensch hat Geist entwickelt, weil er angefangen hat, mit dem Feuer zu spielen. Der Umgang mit dem Feuer zwang unseren Vorfahren Verhaltensweisen auf, die nicht im Instinkt verankert waren, sondern diesem gerade diametral entgegenstanden. Diese neuen Verhaltensweisen mussten irgendwo gespeichert werden, damit sie an die Nachkommen weitergegeben werden konnten. Deshalb war es notwendig geworden, ein größeres Gehirnvolumen zu entwickeln und nur deshalb konnte die entsprechende Mutation sich beim Menschen durchsetzen. Die aus dem Umgang mit dem Feuer entwickelten Techniken und Verhaltensweisen werden nicht intrinsisch als Instinkt weitergegeben, sondern extrinsisch über Erziehung, Kultur und Zivilisation. So gut wie unsere ganze Technologie, vom ersten Lagerfeuer bis hin zur Atombombe und zu Quantencomputern, ist eine Folge davon, dass vor ein bis zwei Millionen Jahren schimpansenähnliche Wesen anfingen, mit dem Feuer zu experimentieren. Der Geist, den der Mensch entwickelt hat, ist ein Feuergeist.

Als Menschen sind wir also mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. Und damit sind wir ein verkörperter Widerspruch.

„Aristoteles … glaubte: Alles Lebendige strebt nach Sein. Dieses Streben ist seine Seele. Ein Wesen sehnt sich zu sein, zu dauern, mehr zu sein, als es ist. Es dürstet danach, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten, mehr von diesem kostbaren Stoff aufzusaugen – von einem Stoff, dessen man nur habhaft wird, wenn man atmet. Dieser Durst ist das Leben. Der Lebenswunsch trägt einen Organismus wie die Woge den Schwimmer.“ (Weber, S. 32)

Leben ist nicht nur Fülle, sondern Überfülle. Da alles sein will und danach strebt, mehr zu sein, ist exponenzielles Wachstum die unausweichliche Folge. Da der Planet nicht mitwächst, führt exponenzielles Wachstum der Lebewesen, die ihn besiedeln, schließlich dazu, dass das Leben aufgrund seiner Überfülle an sich selbst erstickt und kollabiert. Um die Überfülle zu bändigen, hat die Natur tief in die Trickkiste gegriffen. Sie hat die Eiszeiten und die Jahreszeiten erfunden, den Stoffwechselkreislauf, der darin besteht, dass Eines das Andere frisst, komplizierte Balzrituale und … und …  – den Waldbrand, das Feuer.

Die Geschichte des Feuers auf unserem Planeten ist so alt wie die Geschichte der Vegetation selbst. Der geologische Nachweis von Waldbränden ist so alt wie der Nachweis von Waldvegetation: ungefähr 350 Millionen Jahre. Das heißt, mit den Wäldern entstanden gleichzeitig auch die Waldbrände. Beides gehört unabdingbar zusammen. Das Feuer war notwendig, damit die Wälder nicht an sich selbst erstickten, damit sie sich von Zeit zu Zeit verjüngen konnten.

Feuer ist der Gegenspieler des Lebendigen. „Sein unmittelbarer Effekt ist zerstörerisch. Es löst die hochkomplexen Strukturen organischer Substanzen auf und reduziert sie zu Asche und Rauch. Dieses Ergebnis ist irreversibel; es ist unmöglich, dass sich die Überreste wieder in ihre ursprünglichen Formen und Farben zurückverwandeln.“ (Goudsblom, S. 11)

Maßlos, zerstörerisch, irreversibel, ziellos, sich selbst erzeugend – das sind die Eigenschaften des Feuers. Es sind auch die Eigenschaften unseres menschlichen Geistes. Deshalb führt unsere Vernunft dazu, dass wir uns wie ein Feuerbrand über den Planeten ausbreiten und dabei sind, die lebendige Natur in unlebendige Technosphäre zu verwandeln. Unter Technosphäre werden sämtliche, von Menschenhand erschaffenen Artefakte verstanden: Häuser, Straßen, Städte ebenso wie Autos, Kraftwerke, Telefonnetze oder Kugelschreiber, Bücher und Computer. Wissenschaftler der Universität von Leicester haben errechnet, dass die gesamte Technosphäre inzwischen 30 Billionen Tonnen wiegt. Das ist hunderttausendmal mehr als das Gewicht aller sieben Milliarden Menschen zusammengenommen, mehr als 50 kg auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche.

Wie alle Lebewesen wollen wir uns ausbreiten, entfalten und vermehren. Wir wollen mehr von dem, was Leben ist, und mehr hinterlassen, als wir am Anfang hatten. Wir tragen den Durst nach Leben in uns. Wir sind dieser Durst nach Leben. Wir breiten uns solange aus, bis wir an Grenzen stoßen. Dank unseres Geistes ist es uns gelungen, die meisten Grenzen zu überwinden, und wo wir sie nicht überwinden können, sie wenigstens zu verschieben, wie bei der Lebenserwartung. Unsere Fressfeinde haben wir weitgehend ausgerottet oder dahin vertrieben, wo sie uns nicht gefährlich werden können. Wir haben gelernt, in stark variierenden Klimaverhältnissen zurechtzukommen und mit Krankheiten fertig zu werden. Was wir noch nicht können, ist, andere Planeten zu besiedeln. Möglicherweise ist uns hier definitiv eine Grenze gesetzt, denn bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass wir die ungeheuren Entfernungen jemals überwinden können.

Als Menschen sind wir mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. In uns begegnen sich exponenzielles Wachstumspotenzial und exponenzielles Zerstörungspotenzial. Beide Potenziale sind maß- und grenzenlos. Unser Wachstumspotenzial kann den Planeten verwüsten. Unser Zerstörungspotenzial ebenso. Und irgendwie sind wir da schon gut unterwegs. Was die Verwüstung angeht, liefern sich das Bevölkerungswachstum und das Wachstum der Technosphäre ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Der Phasenübergang vom Jäger und Sammler zum Metallurg, Händler, Krieger und Bauer in der Bronzezeit gab uns die Mittel in die Hand, die ganze Erde in Technosphäre zu verwandeln, eine Entwicklung, die durch die Industrielle Revolution eskaliert ist. Die Digitale Revolution hat zum Inhalt, nach der Erde nun auch den Menschen selbst in Technosphäre zu verwandeln. Das ist der Weg, den wir gehen. Im gleichen Maße, wie wir die Umwelt in eine technisch-künstliche verwandeln, verwandeln wir selbst uns in Cyborgs.

Ob wir uns durch exponenzielles Wachstum oder durch exponenzielle Zerstörung vernichten, ist eigentlich egal.

Bleibt in dieser anscheinend ausweglosen Situation ein Ausweg? Besteht die Aufgabe als Mensch vielleicht darin, das Wachstums- und das Zerstörungspotential gegeneinander auszugleichen, sodass sie sich wechselseitig selbst begrenzen? Können wir als Menschheit zumindest noch paar hunderttausend Jährchen überleben, wenn wir lernen, uns selbst ein Maß zu setzen, uns selbst zu begrenzen?

Seit jeher tragen Menschen auch einen asketischen Hang zur Selbstbegrenzung in sich. Gnóthi seautón, erkenne dich selbst, und medén ágan, nichts im Übermaß: so lauten zwei Inschriften im Apollotempel von Delphi. Vielleicht haben diese uralten Worte ja immer noch Gültigkeit.

In vergangenen Tagen wurden Selbsterkenntnis und Maßhalten über die Religionen vermittelt. Mit dem Zusammenbruch der Gottesbilder und der Durchsetzung des wissenschaftlichen Weltbildes sagen die Religionen den meisten Menschen nicht mehr viel. Aber wenn man auf dem wissenschaftlichen Weg zum selben Ergebnis kommt, handelt es sich bei Selbsterkenntnis und Maßhalten womöglich um etwas, das über den Zeitgeist hinausgeht, nämlich um fundamentale Weisheiten, die dem Leben an sich dienen.

Literatur:
Goudsblom, Johan: Die Entdeckung des Feuers. 2000
Weber, Andreas: Alles fühlt. 2008

Freiheit, die ich meine …

Tiere handeln instinktiv. Das ist ihnen angeboren. Es ist noch nicht mal so, dass Mama Bär oder Papa Luchs ihrem Nachwuchs instinktives Handeln explizit beibringen. Stattdessen wecken Tiereltern bei ihren Jungen durch Vormachen den Instinkt und bringen ihn zur Entfaltung, ähnlich wie der erste Atemzug die Lunge zur Entfaltung bringt. Der Instinkt ist für die jeweils artspezifischen Verhaltensweisen verantwortlich. Einzelne Exemplare einer Spezies können zwar individuelle Verhaltensweisen und Vorlieben ausbilden, aber alles in allem verhält sich ein freilebendes Tier wie seine Vorfahren vor hundert, tausend oder zehntausend Jahren. Doch auch da, wo Verhaltensweisen einer Spezies sich grundsätzlich ändern, erfolgen die Veränderungen aus dem Instinkt heraus und entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Anpassung an eine sich ebenfalls gerade verändernde Umwelt.

Ein Tier ist also in seinem Verhalten an seinen Instinkt gebunden. Das löst in uns Menschen die Vorstellung von Unfreiheit aus. Instinkt wird gerne mit einem in den Genen codierten Programm verglichen, das nach vorgegebenen Regeln abläuft. Instinkt bringen wir deshalb mit Automatismen und stupiden Reiz-Reaktions-Schemata in Verbindung. Mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf sind wir Menschen froh, dass wir uns als zunehmend weniger instinktgebunden erfahren. Im Gegensatz zum Tier halten wir Menschen uns für frei und flexibel. Sind wir das wirklich?

Es ist schon mal falsch, im Instinkt so was wie ein Herrschaftsinstrument zur Unterwerfung des Tiers zu sehen. Instinkt äußert sich nicht über eine innere Stimme, die pausenlos Befehle erteilt, sich als Pflichtgebot bemerkbar macht. Instinkt ist kein Du sollst … oder Du musst … . Wer sich so was vorstellt, überträgt rein menschliche Erfahrungen unreflektiert aufs Tier. Machtverhältnisse, wie sie den Beziehungen zwischen Herr und Knecht, Chef und Untergebenen, Obrigkeit und Untertanen entsprechen, gibt es im Tierreich nicht in dieser Form. Das Alpha-Tier beutet die Mitglieder seines Rudels oder seiner Herde nicht aus, wie menschliche Herrschaftsverhältnisse das nahelegen. Es gibt deshalb auch keinen inneren Imperator mit einem Thronsessel in der DNA-Struktur.

Wenn ein Tier Hunger hat, ist es eins mit seinem Hunger. Es steht nicht neben sich, um sich seines Hungers erstmal bewusst zu werden. Für diese Bewusstwerdung braucht es nämlich Selbstbeobachtung, und genau diese fehlt dem Tier. Selbstbeobachtung ist weit mehr, als sich bloß im Spiegel erkennen und damit eine wie auch immer geartete Ich-Vorstellung zu haben. Ein Tier zerfällt nicht in eine handelnde Instanz und eine Instanz, die dieses Handeln beobachtet und darüber reflektiert. Deshalb zerfallen für ein Tier Hunger und Fressenwollen auch nicht in Ursache und Wirkung. Erst eine reflektierende Instanz kann künstlich einen Unterschied setzen und den Schluss ziehen, dass ein Hungergefühl den Wunsch nach Nahrungsaufnahme erzeugt. Wie der Hunger erst durch Selbstbeobachtung als Hunger bewusst wird, so entsteht auch der Wille erst durch Selbstreflexion. Ohne Bewusstwerdung gibt es keinen Willen. Die Bewusstwerdung des eigenen Willens erfolgt zudem so gut wie immer in der Negation. Erst wenn man gegen seinen Willen handelt oder gezwungen wird, gegen seinen Willen zu handeln, wird einem bewusst, dass man so etwas wie einen Willen hat.

Auch als Mensch kann ich immer noch die Erfahrung machen, dass der Wille verschwindet, sich in Nichts auflöst, wenn ich ganz eins mit meinen Instinkten bin. Ich habe diese Erfahrung zwei- oder dreimal in lebensgefährlichen Situationen gemacht. Das Nichtvorhandensein des Willens ist etwas grundsätzlich anderes, als seinen Willen zu bekommen. Aus seinem Instinkt heraus zu handeln, ist auch nicht dasselbe, wie im Flow zu sein, wo man wie auf einer Welle schwimmt und alles mühelos wie von selbst zu gehen scheint.

Instinkt drückt sich nicht über eine innere Stimme aus, die Befehle erteilt, sondern als nicht hinterfragbares, vereinheitlichtes Gefühl. Ein Tier lebt seine Lust, oder in der Negation, seine Unlust. Das ist Instinkt. Dabei ist die Lust das, was dem Tier am meisten nützt, und die Unlust das, was das Tier vor Schaden bewahrt. Wenn man tut, was einem am meisten nützt, und vermeidet, was einem schadet, kann man zu recht von einem geglückten Leben sprechen.

Freiheit ist nicht dadurch definiert, dass man von zwei Übeln das kleinere wählt oder seine Entscheidung anhand einer Liste von Pros und Contras austüftelt. Freiheit ist, in vollkommenem Einklang mit seinen Gefühlen zu handeln. Von Nutz- und Haustieren einmal abgesehen, ist jedes Tier deshalb frei. Jedes wild lebende Tier verwirklicht Freiheit in einem Maß, von dem wir Menschen nicht mal träumen können.

Menschen sind aus zweierlei Gründen nicht frei. Zum Einen unterscheiden die allermeisten Menschen zwischen guten und schlechten Gefühlen und treffen eine Wertung zugunsten der guten Gefühle wie Freude, Liebe, Glück, Dankbarkeit, Zufriedenheit. Das sind die Gefühle, die nicht nur sein dürfen, sondern jeden, der was auf sich hält, permanent aus- und erfüllen müssen. Es sind Gefühle, die angeblich das Miteinander fördern. Das Paradies oder der Himmel als idealisierte Vorstellungen von Glück besteht ausschließlich aus solch guten Gefühlen, und das Ziel des Menschen besteht darin, das Paradies auf Erden zu errichten bzw. den Himmel auf die Erde zu holen.

Allen Gefühlen, die keine guten oder angenehmen sind, wie Zorn oder Neid, bringen wir tiefes Misstrauen entgegen. Der Mensch hat vergessen, dass die angeblich schlechten Gefühle ihm gerade so beim Überleben helfen wie die guten. Stattdessen glaubt er, dass sie die Quelle von Gewalt und Aggression sind und deshalb nicht ausgelebt, sondern im Zaun gehalten, unterdrückt oder gar ganz abgeschafft werden müssen. Das heißt, es gibt nicht nur einen inneren Beobachter, der sich seiner Gefühle bewusst wird, sondern außerdem einen Richter, der die Gefühle in gute und schlechte unterteilt, und desweiteren einen Kontrolleur, der absegnet, dass gute Gefühle gelebt werden, während er das den schlechten Regungen verbietet.

Ein sehr bewusster Mensch mit einer entsprechenden Schulung verdrängt die schlechten Gefühle nicht, sondern leitet sie in Kanäle, die sein innerer Kontrolleur für unschädlich hält. Ein solcher Mensch erlaubt sich, seine Wut an einem Kissen oder einem Sandsack abzureagieren, aber er verbietet sich, die Wut an dem auszulassen, der sie verursacht hat.

Mit einem solchen Dreigestirn aus Beobachter, Richter und Kontrolleur an der Seite seiner Gefühle, kann der Mensch nicht frei sein, sondern wird zu seinem eigenen Gefängnis. Die allermeisten Menschen halten das für gut und sinnvoll, ja sogar für notwendig. Deshalb ist Bewusstwerdung nicht nur in spirituellen Kreisen absolut angesagt. Es soll mir aber niemand erzählen, dass es beim neutralen Beobachten bleibt. Hinter dem Rücken des Beobachters verbergen sich immer der Richter und der Kontrolleur, auch wenn sie nicht offen in Erscheinung treten.

Ich habe so den Verdacht, dass der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur gerade erzeugen, was sie unbedingt vermeiden wollen, nämlich Hass, Gewalt und Aggression. Mit dem Ergebnis, dass der Mensch alle anderen Lebewesen, die den Planeten bevölkern, an Gewalttätigkeit und Aggressivität bei Weitem übertrifft. Wenn Gefühle wie Zorn oder Neid unterdrückt und negiert werden, lösen sie sich deshalb noch lange nicht auf. Sie lösen sich auch nicht auf, wenn sie ersatzweise an einem Kissen abreagiert werden. Sie akkumulieren sich, und so wird aus einem Schneeball dann irgendwann eine Lawine. Ein Schneeball tötet nicht, eine Lawine hingegen schon.

Zum Anderen ist der Mensch das Tier, das sein Innenleben nach und nach vollständig veräußerlicht und sich dabei sich selbst entfremdet. Gilbert Dietrich nennt den Menschen das Tier des endlosen Outsourcing.

In dieser Veräußerlichung verkehrt sich die ursprüngliche Freiheit ins Gegenteil, nämlich in absolute Unfreiheit. An die Stelle des Instinkts tritt beim Menschen ein Lernprozess, und dabei lernt der Mensch lauter Dinge, die seinem ursprünglichen instinktiven Gefühl in der Regel zuwiderlaufen. Ein Baby, das Lust auf Milch und Wärme hat, lernt ziemlich schnell, dass es seine Bedürfnisse zurückstellen muss. Ein Kleinkind, das sich Sand und Würmer in den Mund stecken will, wird schon daran gehindert, sobald es nach dem Wurm gegriffen hat. Ein Schulkind, das seinen Bewegungsdrang austoben will, lernt stattdessen, fünf Stunden lang still auf dem Stuhl zu sitzen. Durch Lernen kommt es zu einer Umwertung des instinktiven Gefühls. Das Kind erfährt eine positive Resonanz auf Dinge, die ihm schaden, und eine negative auf Dinge, die ihm nutzen. Kein Wunder, dass sich der Mensch deshalb in einer natürlichen Umwelt gar nicht mehr zurechtfindet.

Was ein Kind lernen will, ist auch nicht ihm selbst überlassen. Dass es in den Kindergarten und zur Schule gehen muss, gilt als selbstverständlich. So erfährt ein Kind sein Leben schon früh als eine Abfolge von Regeln, Ge- und Verboten. Aus dem, was mal Instinkt war, wird in dieser Veräußerlichung nun ein Regelapparat, wobei die Regeln häufig widersprüchlich sind und mal so und mal so gehandhabt werden. Das Kind kann sich weder auf sein Gefühl noch auf seine Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit verlassen. Die Verwirrung ist komplett. Dies ist der sogenannte Zivilisationsprozess, der nicht nur identisch mit der Geschichte der Menschheit ist, sondern sich auch in jedem einzelnen Menschen vollzieht.

Der Mensch hält sich für frei, weil er an fast jedem Ort der Erde leben kann, im ewigen Eis ebenso wie in den Tropen. Es ist richtig, dass der Mensch von natürlichen Verhältnissen wie Klima, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Tag und Nacht, Sommer und Winter scheinbar immer unabhängiger wird. Dafür ist er umso abhängiger von seiner selbstgemachten Umwelt, die aus Stadtlandschaften, Industriegebieten und landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen besteht. Das herausragende Merkmal der vom Menschen geschaffenen Lebenswelt ist Monotonie. Die Städte auf der ganzen Welt sehen heute zum Verwechseln ähnlich aus. Egal, ob man sich in Alaska, auf Feuerland, in Zentralafrika oder Südostasien bewegt, man findet sich zurecht, weil die städtischen Strukturen wie beispielsweise das Verkehrsnetz in allen Städten ähnlich sind. Im Zentrum gibt es gigantische Hochhäuser, Einkaufsstraßen, Hotels, Tempel oder Kirchen, Museen und Parks. In der Peripherie einerseits Wohngebiete mit reicheren und ärmeren Vierteln bis hin zu Slums. Andererseits Gewerbe- und Industriegebiete. Es genügt, eine Stadt gesehen zu haben, um alle zu kennen. Was die Monotonie von industriell genutzten Ackerflächen angeht, erübrigt sich wohl jeder Kommentar.

In ihrer zunehmenden Vereinheitlichung und Vernetzung wird die von Menschen geschaffene Lebenswelt gegenüber natürlichen Einflüssen jedoch zunehmend fragiler. Das eigentliche Problem, dem wir uns heute gegenübersehen, ist nicht der Klimawandel als solcher, denn der Homo Sapiens hat schon viele Klimawandel mitgemacht. Das Problem besteht darin, dass schon kleinste Unregelmäßigkeiten heute riesige Probleme verursachen, weil unsere technische Lebenswelt insgesamt instabiler geworden ist. Vor fünfzig Jahren konnten Züge auch bei dichtem Schneefall fahren, heute fallen Züge bereits aus, wenn mal bloß ein Zentimeter Schnee runterkommt. Von einem zunehmend fragiler werdenden Gesamtsystem existenziell abhängig zu sein, hat mit Freiheit nichts mehr zu tun.

Der Mensch glaubt, frei zu sein, weil er angeblich so viele Möglichkeiten hat, zwischen denen er sich entscheiden kann. Tatsächlich wird aber jeder Mensch zuerst einmal erzogen, was seine Möglichkeiten schon ziemlich einschränkt. Dann durchläuft jeder Mensch ein Schulsystem, das seine Möglichkeiten weiter einschränkt. Was die Berufsausbildung angeht, kann ein junger Mensch lediglich wählen, wo in diesem arbeitsteiligen System er sich eingliedern, welches Rädchen er spielen will. Wer sich einer Berufsausbildung und den sonstigen Regeln verweigert, wird vom System ausgespuckt. Irgendwer hat mal gesagt, dass es in Deutschland eine Einheitspartei mit unterschiedlichen Farben gibt und man immer nur diese eine Partei wählt, egal, ob man nun rot, grün, schwarz oder gelb ankreuzt. So steht es mit unseren Wahlmöglichkeiten. Bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich als unbedeutende Akzidentalien, nicht als Essenzialien.

Wenn der Mensch das Tier ist, das sein Innenleben veräußerlicht, so finden natürlich auch der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur ihre realen Entsprechungen in der von Menschen geschaffenen Lebenswelt. Schon immer haben Menschen einander kontrolliert. Diese Aktivitäten haben sich in Institutionen, Organisationen und Ämtern mit den entsprechenden Berufsbildern nicht nur schon längst verselbständigt, sie bekommen in einem zunehmend komplexer werdenden Gesamtsystem  auch immer mehr Gewicht. Heute kann kaum ein Mensch sein Haus noch selber bauen. Daran sind nicht nur mangelnde Fähigkeiten, sondern auch die eskalierende Flut von Vorschriften schuld, die der Gesetzgeber oder irgendeine EU-Kommission erlassen hat.

Tiere ob ihres vermeintlich gencodierten Instinkts als unfrei und gesteuert zu bedauern, entspringt dem Neid derer, die sich inzwischen in der Unfreiheit zuhause fühlen. Ich fürchte, die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, wie sich Freiheit wirklich anfühlt.

Arbeitsteilung als Ursache für überschießende Aggression

Seit es Menschen gibt, soll es ungefähr 15.000 Kriege mit geschätzten 3,5 Milliarden Toten gegeben haben. Das heißt: bei 100 Milliarden Menschen, die insgesamt gelebt haben, wäre in der Vergangenheit jeder 30. durch Krieg und Gewalt umgekommen. Im 20. Jahrhundert starben 100 bis 185 Millionen Menschen in weit über 100 Kriegen. Was den Zeitraum nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute betrifft, wird von mindestens 25 Millionen Kriegstoten ausgegangen. Wie fragwürdig solche Zahlenspiele auch immer sein mögen, geben sie doch wider, womit wir es zu tun haben, wenn von menschlicher Aggression die Rede ist.

Mich beschäftigt immer wieder die Frage nach dem Ursprung dieser Aggression, für deren Ausmaß es im Tierreich keine Entsprechungen gibt. Natürlich verhalten sich auch Tiere aggressiv und Gewalt ist durchaus ein Erfolgsrezept der Evolution, wenn auch kein häufig angewandtes. Dennoch sprengt die Aggression, wie sie beim Menschen zutage tritt, diesen „natürlichen“ Rahmen bei Weitem.

Die Sonderrolle des Menschen wird häufig mit dem Zivilisationsprozess in Verbindung gebracht. So behauptet Erich Fromm, dass die Kriegslust mit der Zivilisation zugenommen hat und macht dafür den Besitz verantwortlich. Je mehr Besitztümer es zu erwerben und zu verteidigen gibt, desto größer werden nach Fromm in einer Gesellschaft Habgier, Hass und Neid. Tatsächlich gibt es einige egalitär organisierte, unspezialisierte und „unzivilisierte“ Jäger- und Sammlergesellschaften, die so friedlich wie Bonobos zusammenleben, wozu beispielsweise verschiedene Pygmäenstämme in Zentralafrika gehören.

Umgekehrt wird jedoch genauso behauptet, dass der Zivilisationsprozess den Menschen friedlicher mache, als er von Natur aus ist. Auch diese Aussage kann mit Zahlen belegt werden. Die höchsten Homizidraten gibt es ebenfalls in von der Zivilisation relativ unberührt gebliebenen Jäger- und Sammlerkulturen. Bei den !Kung in der Kalahari beträt sie 30 bis 50 pro 100.000 im Jahr, bei Urvölkern in Papua-Neuguinea oder im Amazonas sogar 100 bis 550. Im Vergleich dazu kommt Deutschland auf gerade mal 2 pro 100.000 und sogar die USA samt ihrem Waffenkult schaffen auch nicht mehr als 10 pro 100.000 im Jahr.

Merkwürdigerweise scheint beides zu stimmen: der Zivilisationsprozess macht die Menschen einerseits friedlicher und andererseits kriegerischer. Was kann man mit einer solchen Aussage also anfangen?

Was die friedlichen Jäger und Sammler betrifft, ist mir folgendes aufgefallen: Es sind sehr kleine Gruppen, die selten mehr als 50 Personen umfassen. In aller Regel handelt es sich um den Zusammenschluss mehrerer Kernfamilien aus Eltern und Kindern, die untereinander alle mehr oder weniger blutsverwandt sind. Gleichzeitig gibt es keine Arbeitsteilung, die den einen vom anderen existenziell abhängig macht. Frauen gehen mit auf die Jagd, Männer gehen ebenfalls sammeln, und jeder bis auf die kleinsten der Kinder ist in der Lage, für sich selber zu sorgen. Statt einer existenziellen gibt es bloß eine rituelle Arbeitsteilung wie den gemeinsamen Bau einer Hütte für Gemeinschaftszwecke. Dem Individuum kommt eine höhere Bedeutung als der Gemeinschaft zu. Mit zunehmender Bevölkerungsdichte wird diese unorganisierte, unspezialisierte Lebensweise dauerhaft unmöglich.

Jäger- und Sammlergesellschaften, in denen das Individuum einer wie auch immer organisierten Gemeinschaft untergeordnet wird,  sich also dem Gruppenzwang beugen muss, sind in aller Regel nicht friedlich. Sie werden umso kriegerischer, je weiter die soziale Organisation und der technische Fortschritt voranschreiten.

Ich glaube, dass es weniger der Besitz ist, welcher Menschen aggressiv macht, als vielmehr die existenzielle Abhängigkeit von anderen. Wenn mein Leben davon abhängt, dass ein anderer die übernommene Aufgabe ordentlich erfüllt, habe ich das Bedürfnis, mich in das Leben des Anderen einzumischen und zu kontrollieren, ob er seine Aufgabe auch wirklich gut erledigt. Wenn das, was ich beim Anderen sehe, nicht mit meinen Erwartungen korrespondiert, fange ich an, den Anderen zu belehren. Schließlich hängt für mich ja einiges davon ab. Durch Arbeitsteilung entsteht wechselseitige existenzielle Abhängigkeit und diese Abhängigkeit ist wiederum die Ursache für Gruppenzwang, verbunden mit Ängsten und den daraus resultierenden Kontrollmechanismen. Kommt als weiterer entscheidender Faktor hinzu, dass existenzielle Abhängigkeit sehr leicht als Machtmittel missbraucht werden kann. Das weiß und fürchtet jeder.

Die Arbeitsteilung, die letztendlich zu existenzieller Abhängigkeit vom Anderen respektive der Gruppe führt, scheint vor ungefähr 40.000 Jahren aufgekommen zu sein. Das Verhältnis vom Individuum zur Gruppe verkehrte sich. Das Individuum musste sich jetzt der Gruppe unterordnen, die das Verhalten des Einzelnen kontrollierte. Wer sich nicht adäquat verhielt, wurde aus der Gruppe ausgestoßen. Die durch den Gruppenzwang entstehende Aggression konnte aufgrund der gleichzeitigen existenziellen Abhängigkeit innerhalb der Gruppe nicht mehr ausgelebt werden und wurde deshalb vorzugsweise an anderen, das heißt fremden Gruppen abreagiert.

Ein Großteil überschießender menschlicher Aggression ist auf diesen gruppendynamischen Effekt zurückzuführen. Existenzielle Abhängigkeit macht nicht friedlich, wie der Buddhismus behauptet, sondern ganz im Gegenteil aggressiv.

Der Zivilisationsprozess bringt nicht nur die Menschen untereinander in zunehmende existenzielle Abhängigkeit, sondern führt auch zu einer Vergrößerung der jeweils interagierenden Gruppen. Wo Arbeitsteilung stattfindet, werden aus Gruppen mit fünfzig Mitgliedern schnell welche mit hundert oder zweihundert. Mit Arbeitsteilung geht Spezialisierung einher und wo Spezialisierung stattfindet, wird, um alle Bedürfnisse decken zu können, Lebensnotwendiges getauscht und gehandelt, wodurch neue Abhängigkeiten entstehen.

Der zweite Quantensprung in Sachen existenzieller Abhängigkeit vollzog sich zusammen mit der Agrarisierung, die den Menschen die Möglichkeit eröffnete, erstmals in Städten zu wohnen und große Volksstämme zu einer Einheit zusammenzuschließen. Bezahlt wurde dieser Schritt mit einer weiteren Entmachtung des Individuums, das sich fortan damit begnügen musste, bloß einen Beruf auszuüben und von vielen anderen Berufsgruppen und der dabei entstehenden Verwaltung existenziell abhängig zu werden.

Die Geschichte der Menschheit lässt sich lesen als Prozess, der immer größere Gruppen von Menschen in existenzielle Abhängigkeit voneinander bringt. Die dabei entstehenden Aggressionen können innerhalb dieser Verflochtenheit jedoch nicht abreagiert werden. Wenn irgendwo eine Gruppe ausgemacht wird, die nicht in das eigene Netzwerk gehört, kommt es zu einer explosionsartigen Entladung der angestauten Aggressionen, die Kriege eskalieren, und werden umso brutaler und zerstörerischer, je höher das angestaute Aggressionspotenzial ist.

In der Vergangenheit hat dieses Muster ganz gut funktioniert. Diese Entwicklung kommt jedoch mit der Bildung einer Weltgemeinschaft an ihr Ende. In diesem Fall gibt keine fremden Gruppen mehr, an denen sich die gruppendynamisch angestauten Aggressionen entladen können. Wenn absehbar ist, dass es nur noch eine einzige große Gruppe gibt, muss sich die in der Gruppe entstehende Aggression über den Umweg der Organisationsstruktur letztendlich gegen die Gruppenmitglieder selbst richten. Hierin haben der Krieg gegen den Terrorismus und die zunehmende Überwachung durch den Staat ihre Wurzeln.

Wieso scheint die Welt dann im Laufe dieses Zivilisationsprozesses trotzdem friedlicher zu werden?

Den Quantensprung in Sachen Frieden haben wir vor allem dem technischen Fortschritt zu verdanken, wiewohl ein oberflächlicher Blick gerade das Gegenteil suggeriert. Schließlich hatten neue Waffen und -systeme bis zum Bau der Atombombe gegenüber den vorhergehenden ein immer noch größeres Vernichtungspotenzial und die großen Kriege der jüngsten Vergangenheit haben weitaus mehr Tote gefordert als die großen Kriege in weiter zurückliegenden Jahrhunderten. Dennoch ist es so, dass gerade die Existenz der Atombombe bis heute den nächsten großen Krieg verhindert hat. Das „Gleichgewicht des Schreckens“ funktioniert also. Zumindest bis jetzt.

Aber technischer Fortschritt bewirkt in Sachen Friedfertigkeit noch mehr. Wohlstand ist eine Folge technischen Fortschritts, und Menschen, denen es materiell gut geht, sind nun mal bequemer und friedlicher als solche, die ums nackte Überleben kämpfen müssen. Dass es in Ländern mit den größten Unterschieden zwischen Arm und Reich auch die meiste Gewalt und die meisten Morde gibt, liegt eben daran, dass hier noch ums nackte Überleben gekämpft wird. Wenn es einer Gesellschaft in materieller Hinsicht gut geht, fühlen sich die einzelnen Mitglieder unabhängiger voneinander. Das befreit und macht friedlich.

Zudem verlagert sich die existenzielle Abhängigkeit in der modernen Gesellschaft zunehmend auf technische Errungenschaften, die vielen zuverlässiger erscheinen als Menschen mit ihren Launen, ist die Technik doch im wahrsten Sinne des Wortes „selbstlos“ und leichter den eigenen Erfordernissen anzupassen. Das Vertrauen in die Technik mildert Ängste ab. Bei manchen löst die Abhängigkeit von einer selbstgeschaffenen Technologie auch Unruhe aus, deshalb sind Veränderungen, die auf Technik zurückgehen, häufig das Thema erregter Diskussionen: Klimawandel, Peak Oil, Ozonloch, Vermüllung der Meere und was es sonst noch alles so gibt.

Letztendlich weiß der einzelne Mensch in der heutigen modernen Welt jedoch gar nicht mehr, von was und wem er nun tatsächlich abhängig ist. Was dann bleibt, ist höchstens ein diffuses Unbehagen als Ergebnis einer zersplitterten Aggression, der jede Richtung fehlt. Aus Aggression wird dann Depression, was durch den exorbitant steigenden Verbrauch von Antidepressiva bestätigt wird.

Wo Wohlstand herrscht, können die Menschen mehr Zeit damit verbringen, sich zu bilden. Auch das dient dem Prozess der Befriedung. Gebildete Menschen, die Handel treiben oder über Ideen diskutieren, neigen weniger zu roher Gewalt als ungebildete, die in ihrem Gegenüber hauptsächlich den Konkurrenten um lebensnotwendige Güter sehen. Die Aggression nimmt subtilere Formen an, wird beispielsweise in Form eines Wirtschaftskriegs ausgetragen.  Bildung im Verbund mit technischen Errungenschaften wie Buch, Fernsehen, Computer tragen überdies dazu bei, dass angestaute Aggressionen nicht direkt an den Mitmenschen, sondern in virtuellen Räumen abreagiert werden. Das führt wiederum dazu, dass grausame Traditionen verringert oder sogar ganz abgeschafft werden.

Im Mittelalter hat sich das Volk beispielsweise an öffentlichen Hinrichtungen belustigt, und je grausamer diese waren, desto mehr fühlten sich die Schaulustigen davon angezogen. Sogar Kinder wurden zu solchen Veranstaltungen mitgeschleppt. Folter, Sklaverei, Verfolgung, Vergewaltigungen von Frauen, Gewalt gegen Kinder und Tiere: all das, was in früheren Jahrhunderten durchaus als „normal“ galt, wird heute vielerorts verurteilt. Stattdessen werden den verschiedenen Gruppen immer mehr Rechte eingeräumt: Frauen, Kinder, Minderheiten, sogar Tiere werden heute durch Gesetze geschützt. Sie werden Teil des einen großen Netzwerks, das am Ende alle umfassen soll.

Gehen wir Menschen also endlich friedlicheren Zeiten entgegen? Noch sind wir keine Weltgemeinschaft, sondern unterwegs zu dieser. Noch immer sind Religionen und Nationen gruppenbildende Kräfte, die den notwendigen Nährboden für Feindbilder liefern. Doch trotz allem, was in dieser Hinsicht noch auf uns zukommen mag, wird sich die Weltgemeinschaft früher oder später etablieren, schon allein deshalb, weil die einzelnen Nationen in vielerlei Bereichen wie Finanzwesen, Verkehr und Ernährung schon zu sehr miteinander vernetzt sind. Es würde mehr Opfer fordern, wollte man diese Entwicklung wieder rückgängig machen, als wenn Nationen und Religionen schließlich überwunden werden.

In einer Weltgemeinschaft wird sich der einzelne Mensch vermutlich friedlicher verhalten, schon allein deshalb, weil er dank permanenter Überwachung gar keine andere Wahl hat. Kann die Technik ihr Versprechen einlösen und Wohlstand für alle aufrechterhalten, gibt es keinen Grund für kriegerische Auseinandersetzungen mehr und die Menschen werden die entsprechenden Eigenschaften, die sie zum Kampf befähigt hatten, nach und nach verlieren, so wie sich Zootiere in freier Wildbahn ja auch nicht mehr gegen ihre wild lebenden Artgenossen behaupten können.

Doch auch, wenn die einzelnen Menschen sich friedlicher verhalten, heißt das nicht, dass sie dann im Einklang mit der Natur leben. Im Gegenteil. Natur wird nur noch insofern eine Rolle spielen, wie sie der Nahrungsmittelproduktion und der Erholung dient. In der geeinten Welt, wie sie sich abzeichnet, wird Natur nur noch Dekoration sein und eine ähnliche Funktion wie der Kletterbaum und die hübschen Pflanzen in einem modernen Zoogehege haben. Die Weltgemeinschaft wird die Welt in einen Zoo verwandeln mit uns selbst als Insassen. Schließlich träumen wir ja seit Tausenden von Jahren vom Garten Eden und vom Paradies, und was ist das anderes als eine Zoolandschaft, in der alle wohl versorgt werden und nichts mehr zu befürchten haben?

Die existenzielle Abhängigkeit von der Natur zu Beginn unserer Menschwerdung tauschen wir am Ende gegen die existenzielle Abhängigkeit von einem selbstgeschaffenen technisch-industriellen Komplex ein. Ob dieses Großexperiment uns den Traum vom Garten Eden tatsächlich erfüllen wird, lässt sich jetzt allerdings noch nicht vorhersagen. Ich bin mir ja noch nicht mal sicher bin, ob es mir gefällt, Bewohner eines Zoos zu sein.

Befreiung von der Menschennatur

In der ZEIT vom 29.12.2014 bin ich auf einen Artikel von Jens Jessen gestoßen, der das vergangene Jahr rückblickend als ein Jahr der Befreiung des Menschen von seiner Menschennatur einstuft. Die Stichworte sind social freezing, Leihmutterschaft, Genderdebatte und Sterbehilfe. Jessen beklagt, dass der Mensch in zunehmendem Maße aus seinen natürlichen Bindungen (Erbgut, Familie, Geschlecht) herausgelöst, im Reagenzglas gezeugt, in gekauften Mutterkörpern ausgetragen und am Ende seines Lebens vielleicht schon bald nach Bedarf und Ermessen getötet wird.

Ich habe den Artikel mit Interesse gelesen, schon allein deshalb, weil darin von der promethischen Unabhängigkeitserklärung des Menschen die Rede ist. Prometheus war derjenige, der den Göttern das Feuer gestohlen, es den Menschen gebracht und dafür von Zeus grausam bestraft wurde. An einem mythischen Ort irgendwo im Kaukasus wurde Prometheus an einen Felsen geschmiedet, wo seine Qualen permanent erneuert wurden, indem ein Adler täglich die nachwachsende Leber fraß. Nach dreißigtausend Jahren wurde Prometheus von Herakles befreit, der den Adler mit einem seiner unfehlbaren Pfeile tötete und den todessüchtigen Kentauren Chiron als Stellvertreter einsetzte.

Die Herauslösung des Menschen aus seiner Naturhaftigkeit ist jedoch kein Thema des Jahres 2014, und der im Artikel behauptete Epochenbruch hat überhaupt nicht stattgefunden. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist nämlich nichts anderes als eben gerade die Herauslösung aus seinen angeblich natürlichen Bindungen. Sie macht das Wesen des Menschen aus.

Unsere Menschwerdung ist identisch mit dem Zivilisationsprozess, der mit der Domestizierung des Feuers begann. Zivilisation beginnt nicht erst mit Städtebau und Schriftsystem, sondern mit dem ersten Schritt, der dazu führte, dass instinktgesteuerte Bedürfnisse nicht mehr direkt, sondern über einen Umweg erfüllt werden. Wo Fleisch oder Nüsse vor dem Verzehr im Feuer geröstet werden, muss die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung zurückgestellt werden. Der Hunger kann nicht sofort gestillt werden. Indem unsere Vorfahren die Kontrolle über das Feuer erlangten, entwickelten sie gleichermaßen die Kontrolle über die eigenen Triebe. In diesem Sinne gibt es keine unzivilisierten Menschen.

Dieser Prozess, der uns Menschen aus der Natur herauslöst, dauert seit einer Million oder noch mehr Jahren an. Es gibt keine Epochenbrüche dahingehend, dass wir Menschen uns in dieser Zeit jemals umorientiert hätten. Es gibt nur Zeiten, in denen sich der Prozess beschleunigt und eine andere Qualität annimmt. Es kommt dann zu einem Phasenübergang.

Phasenübergänge gab es in der Vergangenheit schon häufig. Der Übergang von der passiven zur aktiven Nutzung des Feuers gehört dazu, ebenso wie der Übergang von der Brandrodung zur Landwirtschaft oder der Übergang von der Landwirtschaft zur Industrieproduktion. Seit geraumer Zeit, aber nicht erst seit dem vergangenen Jahr verlagert sich der Schwerpunkt von der Optimierung der Umwelt nun zur Selbstoptimierung. Nachdem wir uns in der Vergangenheit damit befasst haben, Hochleistungskühe und Hochleistungsweizen zu züchten, wenden wir die Verfahren, mit denen wir die gewünschten Ergebnisse erreicht haben, nun auf uns selber an. Das erscheint mir ganz logisch und unausweichlich.

Dieselben Klagen haben wir übrigens auch schon damals bei der ersten Herztransplantation gehört. Heute ist Organtransplanatation ein gängiges medizinisches Verfahren.