Der große Unterschied

Menschen unterscheiden sich von Tieren. Auf der einen Seite stehen in dieser Unterscheidung also die Menschen, auf der anderen Seite die Gesamtheit aller Tiere. Das heißt, Menschen unterscheiden sich von Tieren ebenso sehr, wie sich Tiere von Pflanzen unterscheiden.

Die Verfasser des Alten Testaments haben angenommen, dass Gott im Rahmen des Schöpfungsprozesses grundsätzlich verschiedene Lebensformen erschaffen hat: Bevor es Sonne, Mond und Sterne gab, erschuf Gott am dritten Tag samenbringende Gräser und Kräuter sowie fruchttragende Bäume. Nachdem Gott am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne geschaffen hatte, ging er daran, das Wasser und die Luft mit Lebewesen zu bevölkern. Gräser, Kräuter und Bäume sind für die Bibelschreiber also Lebensformen, die unabhängig von den Gestirnen existieren können. Am sechsten Tag machte Gott das Vieh, das Gewürm und den Menschen. Domestizierte Landtiere, Bodenlebewesen und die Menschen gehören für die Bibelschreiber offenbar in dieselbe Kategorie. Es gibt in der Vorstellung der Bibelschreiber keine Wildtiere. Und auch keine Raubtiere. Die Welt der Jäger und Sammler wird total ignoriert. Das ist ein typischer Fall von Betriebsblindheit. Wir sollten uns jedoch nicht einbilden, dass dem modernen Menschen so was nicht mehr passieren kann. Die Welt im Zeitalter der industriellen Revolution als göttliches Uhrwerk zu interpretieren, ist ebenso ein Fall von Betriebsblindheit, wie im Zeitalter der Digitalisierung den Urstoff des Seins in der Information zu sehen.

Heute gehen wir davon aus, dass das Leben eine Einheit ist, die sich im Rahmen der Evolution in die Vielheit ausgefaltet hat. Wir benutzen gerne das Bild von einem Baum, der sich von einem einzigen Stamm her in Äste aufteilt und sich immer mehr verzweigt. Wir glauben daran, dass alles Leben einen gemeinsamen Ursprung hat. Alle Lebewesen verbindet der universell gültige Code der DNA, der stets aus denselben Nukleinsäuren und denselben Aminosäuren aufgebaut ist. Unterschiede gibt es nur in der Anzahl und Anordnung der Bausteine, während die Bausteine überall dieselben sind.

Wir glauben heute, dass das Leben irgendwann vor etwa vier Milliarden Jahren in heißen Quellen am Meeresboden begann, als eine Mischung anorganischer Substanzen aus irgendeinem unerfindlichen Grund plötzlich lebendig wurde. Ich habe so meine Zweifel an dieser Glaubensvorstellung, aber das soll jetzt nicht das Thema sein. Hier geht es erstmal nur um den fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Der Unterschied zwischen einem Löwen und einem Tiger gehört in eine andere Kategorie als der Unterschied zwischen Fischen, Insekten und Vögeln. Löwen und Tiger sind beides Raubtiere. Mensch und Schimpanse sind beides Säugetiere. Mensch und Schimpanse gehören beide zu den Primaten, doch ist der Unterschied zwischen Gorilla, Orang-Utan, Bonobo und Schimpanse ein anderer als der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse. Die Frage ist nun, was diesen Unterschied genau ausmacht.

Es wird gerne gesagt, dass sich der Mensch durch Werkzeuggebrauch, Sprache, Selbst- und Todesbewusstsein grundsätzlich vom Tier unterscheidet. Oder durch den aufrechten Gang. Nur stimmt das so nicht. Auch Schimpansen benutzen Werkzeuge. Mit Hilfe von Steinen knacken sie Nüsse. Mit Hilfe von Stöcken angeln sie Termiten. Wieder andere basteln sich Kissen aus Blättern. Schimpansen können durchaus auf zwei Beinen laufen.

Der Mensch unterscheidet sich von seinen nächsten Verwandten also nur durch das Ausmaß des Werkzeuggebrauchs, aber der Werkzeuggebrauch selber ist kein Alleinstellungsmerkmal. Dasselbe gilt für die Sprache. Affen sind durchaus in der Lage, ihren Lauten und Gesten einen semantischen Gehalt zuzuordnen. Anscheinend lügen sie sogar. Das heißt, ein Schimpanse, der es auf die Banane seines Kumpels abgesehen hat, stößt auch schon mal den Schlangen-Warnruf aus, damit der Kumpel die Banane Banane sein lässt und davonrennt. Auch das Selbst- und dem Todesbewusstsein ist in vielen Tieren bereits angelegt, mithin kein Alleinstellungsmerkmal.

Der Mensch ist zwar nicht das einzige Lebewesen, das Feuer nutzt, aber er ist das einzige Lebewesen, das Feuer machen kann. Von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, das Feuer zu kontrollieren und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Andererseits gibt es keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist.

Nun könnte man sagen, das Feuer gehört zur Gruppe der Werkzeuge. Die meisten Anthropologen, Biologen und sonstigen Forscher sehen zwischen der Benutzung eines Steins und der Benutzung eines Feuers keinen großen Unterschied.

Doch Feuer ist eben gerade kein Werkzeug wie ein Stein oder ein Stöckchen, sondern ein Prozess, der, einmal in Gang gesetzt, eine Eigendynamik entfaltet. Kein anderes Lebewesen außer dem Menschen setzt bewusst einen Prozess oder einen Mechanismus in Gang, um damit ein gesetztes Ziel zu erreichen. Das ist absolut einzigartig. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Technologien sind nichts anderes als Möglichkeiten zur Ingangsetzung von Prozessen. Die Agrarisierung ist nichts anderes als die Ingangsetzung von Prozessen, die von der Natur abgekupfert wurden. Mit der Erfindung des Verbrennungsmotors und der Dampfmaschine und nun der Digitalisierung hat der Mensch die Möglichkeiten, Prozesse in Gang zu setzen, ins Unendliche potenziert.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Tiere, Pflanzen und Menschen sind immer Teil von natürlichen Prozessen. Der umfassendste Prozess, den wir kennen, ist die Evolution. Aber es ist niemand da, der die Evolution steuert. Es sei denn, man glaubt eben an Gott bzw. an intelligent design. Im Grunde genommen kann nur einer Prozesse bewusst in Gang setzen, und das ist eben gerade Gott. Das ist ihm sogar wesensimmanent. Da der Mensch ebenfalls Prozesse in Gang setzt, ist er eher Gott denn Tier. Und das stimmt, denn Gott ist ja nichts anderes als eine ins Absolute übersteigerte Selbstprojektion.

Feuer ist ein anorganisches Element wie Wasser, Erde oder Luft. Diese vier Elemente sind für die Gestaltung eines Lebensraums wesentlich. Auf dem Mars gibt es kein Leben, weil es an Wasser und Atmosphäre mangelt. Physiker glauben, dass das ganze Universum aus einem Feuerball mit schier unvorstellbaren Temperaturen hervorgegangen ist.

In den alten Mythologien erscheint die Erde häufig als Insel oder Berg, die auf einem Urmeer schwimmt, das bei den Griechen Okeanos, bei den Ägyptern Nun heißt. Wasser ist für uns moderne Menschen nach wie vor der Entstehungsort für Leben. Feuer ist unserer Vorstellung jedoch der Entstehungsort fürs ganze Universum. Mithin ist in unserer Vorstellung Feuer die göttliche Schöpferkraft schlechthin. Weil sie gelernt haben, das Feuer zu kontrollieren, verhalten sich Menschen wie Götter und unterwerfen seit der Agrarisierung Pflanzen und Tiere. In Wirklichkeit hat das Feuer den Affen in seinen Bann gezogen und macht mit ihm, was es will.

Jane Goodall hat Schimpansen beobachtet, die in der Nähe eines Wasserfalls ein seltsames Verhalten zeigten. Sie schienen in Trance zu versinken und sich dabei in einer Art Tanz zu wiegen. Goodall interpretierte dieses Verhalten als Anfänge von religiösem Verhalten. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber es ist doch erstaunlich, dass Schimpansen dieses merkwürdige Verhalten in Gegenwart von Wasser an den Tag legen. Und nicht in Gegenwart von Vulkanen, Waldbränden oder Sonnenlicht.

Der Mensch kann ohne Feuer nicht leben. Als er ohne Feuer gelebt hat, war der Mensch noch kein Mensch, sondern ein Affe. Seit wann der Mensch Feuer benutzt, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Die älteste, von Menschen benutzte Feuerstelle ist eine Million Jahre alt. Vor einer Million Jahren gab es den Homo sapiens noch gar nicht. Schon der Homo erectus, der Denisova-Mensch und der Neandertaler kannten das Feuer und organisierten ihr soziales Leben um die Feuerstelle herum.

Der Umgang mit dem Feuer hat aus einem Affen den Menschen gemacht. Deshalb muss man, wenn man etwas über die Menschwerdung sagen will, den Affen und das Feuer zusammen denken. Die einfache Formel lautet:

Affe + Feuer = Mensch

Die Kombination aus Affe + Feuer ergibt eine neue, noch nie da gewesene Lebensform, die sich von allen anderen Tieren grundlegend unterscheidet. Das bestätigen die 30 Billionen Tonnen Technosphäre, mit denen wir uns bereits jetzt umgeben und die uns von der Natur mit ihren Tieren und Pflanzen für immer trennen.

In dem Moment, in dem unsere Spezies angefangen hat, mit dem Feuer zu hantieren, hat der Affe aufgehört, unser Bruder zu sein. Ich stelle das nicht aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus fest, eher mit einer gewissen Trauer. Die Loslösung aus dem Tierreich und aus der Natur deute ich als Verlust und nicht als Gewinn. Denn da, wo der Mensch in seiner Entwicklung hingeht, begegnet er nicht mehr dem Anderen, sondern nur noch ins Unendliche vervielfältigten Spiegelbildern seiner selbst. Der Weg, den der Mensch geht, führt in die absolute Einsamkeit, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen.