Schrödingers Katze und Fingers Ameisen

Es gibt inzwischen einige berühmte Katzen, doch die berühmteste von allen ist eine, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt, nämlich Schrödingers Katze.

Sie hat Weltberühmtheit erlangt, weil Erwin Schrödinger damit ein Phänomen der Quantenphysik anschaulich machen wollte, und zwar die Überlagerung von Zuständen. Bei Schrödingers Katze handelt es sich bloß um ein Gedankenexperiment. Würde man das Experiment real durchführen, wäre der Ärger mit Tierschützern vorprogrammiert und Erkenntnisse würde man dabei auch keine gewinnen.

Das Experiment, das man sich vorstellen soll, geht so: In einem Kasten, in den der Beobachter nicht hineinschauen kann, sitzt eine Katze neben einer Apparatur, die durch den Zerfall eines Atoms gesteuert wird. Zerfällt das Atom, wird Radioaktivität frei. Diese wird von einem Geigerzähler gemessen, woraufhin ein Hammer eine Phiole mit Gift zertrümmert, welches die Katze sofort tötet. Solange das Atom nicht zerfällt, passiert der Katze nichts. Irgendwann wird das Atom zerfallen, aber man kann den Zeitpunkt nicht genau vorhersagen, sondern nur bestimmte Wahrscheinlichkeiten dafür angeben.

Der Physiker fragt sich, ob die Katze in dem Kasten tot oder lebendig ist und gibt daraufhin die erstaunliche Antwort, dass die Katze, solange der Kasten nicht geöffnet wird, gleichzeitig tot und lebendig ist, weil sich im Kasten bei der Katze die Zustände des Tot- und Lebendigseins überlagern. Natürlich kann man zu jedem Zeitpunkt feststellen, ob die Katze noch lebt oder ob sie schon tot ist, indem man den Kasten öffnet und reinguckt. Daraus zieht der Physiker nun den doch einigermaßen verblüffenden Schluss, dass das Reingucken den entscheidenden Unterschied ausmacht. Erst in dem Moment, in dem man in den Kasten reinguckt, wird festgelegt, ob die Katze tot oder lebendig ist. Wenn man also beim Reingucken in den Kasten feststellt, dass die Katze tot ist, ist es nicht das Gift, das die Katze umgebracht hat, sondern das Reingucken. Der Physiker sagt, dass erst die Messung entscheidet, ob die Katze tot oder lebendig ist.

Wo es um die Katze geht, machen die Physiker jedoch sogleich wieder einen Rückzieher. Mit einer echten Mieze funktioniert dieses Experiment nämlich nicht, weil sie ein Objekt der Makrowelt, also unserer Lebenswelt ist. Solche Versuche funktionieren bloß in der mikroskopisch superwinzigkleinen Welt der Quanten.

In diesem Katzen-Experiment werden jedoch sowieso zwei Dinge in einen Topf geworfen und miteinander vermischt. Es gibt in dem Experiment nämlich sowohl eine Messung als auch eine Beobachtung. Die Messung wird durch den Geigerzähler vorgenommen, und da ist es ja in der Tat so, dass diese Messung die Katze vom Zustand des Lebendigseins in den Zustand des Totseins befördert. Denn sobald Radioaktivität gemessen wird, wird ja automatisch der Hammer in Bewegung gesetzt. Ob man in den Kasten reinguckt oder nicht, hat mit dieser Messung rein gar nichts zu tun. Aber was in diesem Fall die Unterscheidung von Messung und Beobachtung angeht, bleiben Erwin samt seiner Physikergilde merkwürdig schwammig.

Man kann sich schon mal fragen, weshalb die Physik zu solchen Taschenspielertricks greift, um ihren Untersuchungsgegenstand anschaulich zu machen. Denn was anderes als ein Trick ist es nicht.

Ich lasse mich trotzdem mal auf das Spiel ein und wende mich also der superwinzigkleinen Welt der Quanten zu. Die Gegenstände, die hier untersucht werden, sind so klein, dass das Auge des Physikers aus der Quantenperspektive wie das von einem Superriesengiganten wirkt. Das menschliche Auge ist im Verhältnis zum Quant größer als die Sonne im Verhältnis zur Erde. Behaupte ich mal, nachgeprüft habe ich es nicht. Wie die Sonne strahlt dieses Riesenauge Energie ab, denn damit das Auge was sehen kann, muss es schließlich hell sein. Sonst macht der Beobachter die Erfahrung, dass im Dunkeln alle Katzen grau sind.

Doch das menschliche Auge genügt dem Vorhaben nicht. Um Atome zu sehen, muss man ein Elektronenmikroskop bauen. Man muss das Auge künstlich also enorm vergrößern. Und um Quanten zu sehen, genügt sogar ein Elektronenmikrosop nicht mehr, dafür braucht es einen LHC mit einem ringförmigen Beschleunigungstunnel, der im CERN um die 27 Kilometer lang ist. Das CERN hat mit dem LHC-Betrieb einen geschätzten Jahresverbrauch von 1.200 Millionen kWh, das ist ungefähr soviel, wie 400.000 Zweier-Haushalte, also 800.000 Personen an Energie verbraten.

Machen wir also auch mal ein Gedankenexperiment und nehmen statt Schrödingers Katze Fingers Ameisen. Stellen Sie sich einfach mal einen Ameisenhaufen vor, auf dem eine Menge Ameisen rumwuseln. Diese Ameisen sind so klein, dass ein Beobachter sie mit bloßem Auge gar nicht sehen kann. Um die Ameisen sichtbar zu machen, basteln die Beobachter deshalb ein Mikroskop. Da dieses Mikroskop ein elektronisches ist, strahlt es Licht ab. Das ist nichts anderes als Wärme. Auf die Ameisen wirkt das Elektronenmikroskop stärker als die Sonneneinstrahlung auf uns. Aber selbst damit sieht man noch keine Ameisen. Deshalb baut man den LHC.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die superwinzigkleinen Ameisen zu Asche verbrennen, sobald man den Hitzestrahl des Elektronenmikroskops auf sie richtet. Und wenn man sich im CERN damit vergnügt, im LHC mit unvorstellbar beschleunigten Ameisenhaufen um sich zu werfen, in der Hoffnung, dass mal zwei aufeinanderprallen, kann man sich vorstellen, dass von den Ameisen nicht viel übrig bleibt. Oder anders: das, was schließlich übrig bleibt und von den haushohen Detektoren gemessen werden kann, sind keine Ameisen.

In der superwinzigkleinen Welt der Quanten bewegen wir uns in einer Welt, die nochmal um Größenordnungen kleiner ist als die Welt der Atome. Um diese Welt überhaupt beobachten zu können, muss man also zuerst so was wie eine Atombombe drauf schmeissen. Oder am besten gleich einen explodierenden Kernreaktor mit mehreren Blöcken. Also so ein Ding wie in Fukushima. Das dürfte in etwa den Größen- und Energieverhältnissen entsprechen. Denn es ist so: je kleiner etwas ist, umso mehr Energie muss man aufwenden, um es sichtbar zu machen.

Da muss man sich schon fragen, was für Erkenntnisse man über eine Stadt gewinnen kann, die zuerst mittels einer Super-Atombombe eingeebnet wird. Was man hinterher untersuchen kann, ist die von der Bombe stammende Radioaktivität, die Asche und die Krater in der in Trümmer gelegten Stadt. Die Physiker geben nun vor, anhand der Radioaktivität, der Asche und den Kratern gültige Erkenntnisse über die Stadt und ihre Bewohner ableiten zu können. Und das glauben wir den Wissenschaftlern. Genausogut kann man auch den Zaubersprüchen eines Schamanen glauben. Das ist wenigstens nicht so teuer.

Naturwissenschaft besteht heute darin, unter höchst unnatürlichen Bedingungen höchst unnatürliche Ergebnisse zu erzwingen. Und das unter Zuhilfenahme von Taschenspielertricks.

Denn die ganze Quantenphysik ist im Grunde nichts anderes als eine semantische Taschenspielerei. Aus: Ich weiß nicht, ob die Katze tot oder lebendig ist wird – hokuspokusfidibus – ein: Ich weiß, dass die Katze entweder tot oder lebendig ist.

Bei diesem Zaubertrick wird Nicht-Wissen in Wissen umdeklariert und als Unbestimmtheit zu einer Eigenschaft der Materie gemacht. Was im Subjekt also eine Begrenzung darstellt, wird ins Objekt verlagert und erscheint als Unbestimmtheit des Objekts.

Und schon kann sich unser menschlicher Geist darin gefallen, so zu tun, als wüsste er wieder etwas mehr. Er kann sich sogar als Allwissender aufspielen, indem er alles, was er nicht weiß, als Unbestimmtheit ins zu beobachtende Objekt auslagert.

Der menschliche Geist wird auf diese, nun ja, doch etwas zweifelhafte Weise nicht nur zum Allwissenden, er wird sogar zum Schöpfer. Denn schließlich kann sich der Geist nun einreden, dass erst die Beobachtung den Zustand festlegt. Auf einmal ist es seine Beobachtung, die darüber entscheidet, ob die Katze im Kasten tot oder lebendig ist. Und was die superwinzigkleinen Teilchen angeht, kann sich der menschliche Geist einreden, dass er die Teilchen sogar erzeugt, dass erst seine Beobachtung den Teilchen überhaupt Existenz verleiht. Und das ist ja gar nicht mal so falsch, weil die Radioaktivität, die Asche und die Krater ja wirklich erst durch die Beobachtung erzeugt werden.

Die Frage ist, warum die Quantenphysik trotzdem eine wichtigere Rolle in der heutigen Welt spielt als seinerzeit Uri Geller, der ja behauptet hat, mit seinen Geisteskräften Gabeln und Löffel verbiegen zu können. Tja, Uri Geller ist damals eben rechtzeitig entlarvt worden. Aber bis heute hat sich noch niemand getraut, die Quantenphysik als Hokuspokus zu entlarven.

Die Quantenphysik schmeichelt nämlich dem allseits bekannten menschlichen Größenwahn. Alles zu wissen ist etwas, das der menschliche Geist seit jeher anstrebt. Schon lange liebäugelt dieser Geist auch damit, Gott zu spielen und die Welt als seine eigene Schöpfung auszugeben. Mit der Quantenphysik kann man die Grenze zwischen der materiellen Welt und der Welt der Vorstellungen einreißen und problemlos zwischen realen und virtuellen, also eingebildeten, Teilchen hin und hersurfen. Die Quantenphysik löst zumindest im Bereich der superwinzigkleinen Teilchen den Unterschied zwischen materieller und geistiger Welt auf. War es in den Religionen der Geist Gottes, der die Welt kreiert, so spielt die Quantenphysik mit der Möglichkeit, dass der menschliche Geist die Welt kreiert, mithin selber Gott ist. In der Quantenphysik wird alles irgendwie möglich. Und tatsächlich gibt es inzwischen eine ganze Anzahl von Physikern, die ernsthaft behaupten, dass das Universum und mithin die Welt, in der wir leben, erst durch Beobachtung entsteht.

Aber das ist noch nicht alles, weshalb die Quantenphysik so attraktiv erscheint. Der Quantenphysik verdanken wir nämlich das Rechnen in Wahrscheinlichkeiten. Ohne Quantenphysik hätten Statistiken niemals die Bedeutung erlangt, die sie heute in der Bewertung der Welt ganz selbstverständlich einnehmen. Durch das Rechnen mit Wahrscheinlichkeiten werden Prozesse, die vorher als unberechenbar galten, nun doch berechenbar. Statistiken und Wahrscheinlichkeiten haben sich als neue Macht- und Kontrollinstrumente entpuppt, die sich hervorragend dafür eignen, das Leben selbst in schnöde Zahlenspiele zu verwandeln. Man kann heute keine Zeitung mehr aufschlagen, ohne dass man irgendwelchen Statistiken begegnet. Der Staat schafft Ämter, die sich mit nichts anderem befassen, als die Welt und das Verhalten der Bürger in unzählige Statistiken zu verwandeln.

Nichts eignet sich besser zur Demontage des Individuums als Statistiken und das Rechnen in Wahrscheinlichkeiten. Was den Wert des Einzelnen ausmacht, verschwindet hinter der Summe aller Individuen, deren Werte gemittelt werden und so den Durchschnittsbürger hervorbringen, der zum Prototyp hochstilisiert und an dem alles gemessen wird. Der Durchschnittsbürger wird zur Norm, an die die Einzelnen sich nach und nach anpassen. Wo das nicht von selbst geschieht, wird eben nachgeholfen. Mein Standardbeispiel ist hier der Blutdruck. 120/80 ist ein gemittelter Wert, der entsteht, wenn der erste Kandidat 40/20 und der zweite 200/140 hat. Der Wert entsteht ebenfalls, wenn ein Kandidat 121/81 und der zweite 119/79 hat. Aus diesem gemittelten Wert lässt sich nicht im Geringsten ableiten, dass er der gesündeste Wert für alle ist. Aber genau davon wird irrsinnigerweise ausgegangen.

Die Physiker sagen, die Quantenwelt handelt von Teilchen, die sich nicht voneinander unterscheiden lassen. Doch gilt: Wenn wir die Methoden der Quantenphysik auf unsere eigene Lebenswelt anwenden, werden wir als Menschen so ununterscheidbar wie die Weizenhalme auf einem Acker. Und tatsächlich lassen sich Entwicklungen in dieser Hinsicht auch ganz ohne LHC oder Elektronenmikroskop beobachten.

Die Quantenphysik ist also weniger eine Methode, um physikalische Erkenntnisse über das Verhalten von Materie zu gewinnen, sie ist vielmehr eine Methode, um die Menschen zu transformieren und sie den maschinellen Prozessen anzupassen. Eine Maschine unterscheidet sich von einem Lebewesen ja gerade dadurch, dass ihre Funktionsweise berechenbar und die einzelnen Teile austauschbar sind. Es geht nicht um mehr Wissen über die Materie, sondern um mehr Wissen über die Menschen. Wenn die Physiker Quanten sagen, meinen jene, die die Methoden der Quantenphysik praktisch anwenden, Menschen. Also: viel Spaß beim Lesen dieses Artikels, ihr Quanten.

 

Liebe als Bauprinzip der Welt

Sinne ich über das Wesen der Liebe nach, fällt mir meine Großmutter ein, die mich bisweilen als liebes Kind betitelte, wenn ich mich so verhielt, wie sie sich das vorstellte. In der Familie gibt es Liebe als kuschelig-heimeliges Gefühl zwischen Glück und Geborgenheit, während die erotische Liebe eher einer aufregenden Achterbahnfahrt gleicht. Im Kind ist Liebe spontan und unreflektiert präsent. Für den Erwachsenen öffnet sich der Horizont zur bewussten Wahrnehmung des geliebten Menschen als Gegenüber, und Liebe wird zum aktiven Interesse an dessen Wohlergehen. Ab diesem Moment sind die geliebten Menschen nicht länger nur Objekte. Liebe kann sich von konkreten Personen und Haustieren auf abstraktere Bereiche erweitern. In einer allgemeineren Form liebt man den Wald, die Natur, das Leben oder die Welt als solche. Und schließlich gibt es Liebe, die gar keines Objektes mehr bedarf. Dann ist Liebe einfach so da. Manche behaupten, dass dies eine Erfahrung ist, die man vor allem in der Meditation macht. Meiner Ansicht nach macht man diese Erfahrung, wenn man Frieden mit sich selber schließt, sich mit all seinen Macken akzeptiert und nicht mehr an sich arbeiten muss, um besser, effizienter, moralischer, schöner, beliebter oder liebenswerter zu werden.

Liebe als Beziehung

Wenn nach dem Handeln aus Liebe gefragt wird, fällt mir das Sprichwort ein: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Genau genommen, ist das aber gar kein Handeln aus Liebe, sondern aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus. Diese Regel hat ihre Verankerung in der Suche nach der Wahrheit, nicht in der Liebe. Ich kann jemanden gerecht behandeln, ohne dass ich liebevolle Gefühle für ihn hege. Für Gerechtigkeit und Wahrheit kann ich mich bewusst einsetzen, Gefühle kann ich jedoch nicht bewusst erzeugen, es sei denn, der Verstand setzt sich über das Gefühlsleben und tut ihm Gewalt an.

Wird die obige Lebensregel in ihre bejahte Form verkehrt, stimmt sie allerdings schon nicht mehr. Was du willst, das man dir tu, das füg auch allen anderen zu, kann dazu führen, dass einer dem anderen seine eigenen Vorstellungen überstülpt und ihn damit überfährt. Vegetarier sind meist nicht sonderlich begeistert, wenn ein Fleischesser ihnen seine Lieblingsgerichte auftischt, wie auch umgekehrt der Fleischesser ein langes Gesicht macht, wenn ihm fortan nur noch Karottensalat serviert wird. Es scheint mir ein Problem zu sein, dass viele Menschen ihren eigenen Vorstellungen so verhaftet sind, dass sie nur aus diesen heraus lieben und sich nicht in andere Personen hineinversetzen können. In diesem Fall wird Liebe besitzergreifend oder gar verschlingend. Liebe als Beziehung braucht zwingend das Andere, das Gegenüber, das Du und die Anerkenntnis, dass zwischen mir und dem Anderen keine Identität besteht.

Häufig sieht Liebe so aus, dass sich die Liebenden nur gegenseitig in ihren jeweiligen Selbstbildern bestätigen. Entsprechen diese Selbstbilder nicht der Realität, wird Liebe zu einem Schatten- oder Maskentanz. Viele Beziehungen scheitern, wenn das Leben in der Maske unerträglich wird. Es gibt aber auch das Gegenteil, nämlich dass in der Liebe nach und nach die Masken abgelegt und sämtliche Rollenspiele beendet werden. Wenn Menschen sich unverstellt von Angesicht zu Angesicht begegnen, ist das eine gelungene Form von Liebe.

Liebe ist also ein schillernder Begriff mit unglaublich vielen Facetten. Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner, der für alle Formen von Liebe gilt. Liebe ist immer eine Frage von Nähe und Distanz. Damit werden gegenläufige Bewegungsrichtungen ausgedrückt. Im selben Maß, wie sich Liebende aufeinander zubewegen, verringert sich die Distanz zwischen ihnen. Lösen sie sich voneinander, vergrößert sich die Distanz in dem Maße, wie Nähe schwindet. Es ist eine einzige Bewegung, die je nach Blickwinkel zwei verschiedene Komponenten hat.

Dennoch ist es von entscheidender Bedeutung, die beiden Komponenten als entgegengesetzte Bewegungsrichtungen wahrzunehmen, da sie sich wie Gegenspieler verhalten. Jede Bewegungsrichtung, für sich allein genommen, führt ins Extrem und damit zu einem Desaster. Zu große Nähe führt entweder zu einem Crash oder dazu, dass einer der beiden Partner sich aufgibt und ganz und gar im anderen aufgeht. Wenn Menschen sich so verhalten, spricht man von Hörigkeit oder Unterwerfung. Auch der Mythos der verschlingenden Urmutter ist ein Fall von zu großer und damit ungesunder Nähe. In der entgegengesetzten Richtung, wenn die Distanz zu groß wird, hört aller Austausch auf. Bindungen und Strukturen zerfallen, die Partner geraten in Isolation und treiben als fensterlose Monaden ziel- und bestimmungslos durch einen kalten und leeren Raum.

Liebe ist immer Bewegung, weil das Verhältnis von Nähe und Distanz sich ständig verändert, unablässig neu ausgelotet und neu angepasst wird. Liebe kann nie statisch sein, nicht einmal in der Form, in der sie ohne Objekt auftritt.

Wir sind es gewohnt, Liebe vor allem mit Zuwendung, Verbundenheit, Intimität, Fürsorge, Anhänglichkeit oder, wie es in kitschigen Liebesromanen der Fall ist, gar mit Verschmelzen gleichzusetzen, sodass wir gerne übersehen, dass eine Liebesbeziehung eine zweite, nicht minder wichtige Komponente hat, nämlich der geliebten Person den Freiraum zu gewähren beziehungsweise die Bedingungen zu schaffen, sodass sie sich nach ihren Anlagen, Interessen und Wünschen frei entfalten und wachsen kann. In der wechselseitigen Gewährung ist es die Anerkennung der Autonomie des Gegenübers. Während es als Nähe darum geht, Grenzen aufzulösen, ist es als Distanz ebenso wichtig, Grenzen zu setzen. Liebe ist also ein Widerspruch in sich. Der Ur-Gegensatz.

Es gibt verschiedene Formen von Liebe. In einer Freundschaft ist es normalerweise kein Problem, sich anzunähern und trotzdem die entsprechenden Freiräume zu berücksichtigen. Jeder der Partner signalisiert seine Grenzen, die der Andere respektiert. Annäherung erfolgt als freiwillige Zurücknahme der zuerst gesetzten Grenzen, Distanzierung als Ausweitung derselben. Irgendwann pendelt sich die Beziehung zwischen diesen beiden Polen ein. Eltern haben die Aufgabe, ihre Kinder zu schützen und für die Kinder die Freiräume zu schaffen, die diese für eine ungestörte Entwicklung brauchen. Kinder brauchen einerseits Freiraum, um die Welt und sich selbst zu entdecken, andererseits aber auch Regeln, die ihnen Halt geben. Deshalb setzen Eltern für ihre Kinder auch Grenzen. In der erotischen Liebe versuchen die Partner, die Grenzen des jeweils Anderen aktiv zu überschreiten oder ihn in Form von Verführung über die eigene Grenze zu ziehen. Die Grenzüberschreitung gehört in diesem Fall zum Spiel dazu, gerade das macht den Reiz aus. Aus diesem Grund ist die erotische Liebe meist eine aufregende Angelegenheit, und so lässt sich auch erklären, warum es gerade hier doch relativ häufig zu Gewaltanwendung kommt.

Ähnliches gilt auch für eine auf abstraktere Bereiche übertragene Liebe. Das Leben zu lieben, heißt nichts anderes, als Bedingungen zu schaffen, in denen das Leben sich frei entfalten kann. Die Natur zu lieben, heißt nichts anderes, als ihre Gesetzmäßigkeiten zu achten und zwischen ihren und meinen Interessen einen angemessenen Ausgleich zu finden. Es heißt auch, dass man sich konkret auf das Leben und die Natur einlässt und nicht nur aus dem Elfenbeinturm darüber philosophiert.

Liebe als Urgrund

Als Nähe und Distanz umspannt Liebe allerdings nicht nur menschliche Beziehungen oder Beziehungen von Menschen zur Welt. Liebe ist ein weit umfassenderes Konzept. Als Nähe und Distanz ist sie der Urgrund des Seins.

Liebe, ontologisch als Urgrund des Seins aufgefasst, ist der gelungene Ausgleich zweier entgegengesetzter Bewegungsrichtungen. Überall, wo Nähe und Distanz miteinander harmonieren, entsteht etwas, nimmt Form an und wird Realität. In der Verwirklichung und der Konkretisierung offenbart Liebe ihr Wesen.

Liebe ist nicht nur das Streben nach Vereinheitlichung, sie ist ebenso das Streben nach Selbstverwirklichung, nach Autonomie und Trennung.

Unsere Welt, der Kosmos, ist nichts anderes, als dieser Form gewordene Ur-Gegensatz. Das Spannungsverhältnis, das in der Liebe selber liegt, nimmt als Weltgeschehen Form an. Das ist die Wirklichkeit. Ziel unseres Menschseins ist es, diese Wirklichkeit zu erkennen und sie nicht mit eigenen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen zu übertünchen. Nur, wo diese gegenläufigen Kräfte miteinander in Harmonie schwingen, entsteht Welt, entsteht Materie, entsteht überhaupt etwas. Zuviel Nähe endet in einem Schwarzen Loch, in zur Singularität verdichteter Materie, die räumlich nicht mal mehr ein Punkt ist. Zuviel Distanz führt in die Entropie, in die Leere. Beides ist Nichtsein. Liebe ist das Hier und Jetzt und nicht in einem immateriellen Jenseits zu finden.

Alles Sein ist dynamisch angelegt. Liebe als Urgrund des Seins ist ein permanenter Tanz, in dem Formen und Lebewesen erscheinen, nach einiger Zeit wieder verschwinden und durch andere Formen und Lebewesen ersetzt werden.

Diese Suche nach dem dynamischen Gleichgewicht begründet sowohl unsere materielle wie auch unsere geistige Welt. Liebe ist der Urgrund unseres Seins, und zwar nicht in einer metaphorischen oder transzendenten Bedeutung, sondern ganz real, ganz konkret. Dieser Tanz von Nähe und Distanz findet sich im Kosmos als einander umkreisende Sterne, tanzende Galaxien und Schwarze Löcher ebenso wie im Bereich der Elementarteilchen. Dieser Tanz wird physikalisch und chemisch ebenso wie biologisch getanzt. Dieser Tanz wird ausgefeilter und komplizierter, wenn Pflanzen, Tiere und Menschen daran teilnehmen. Das Balz- und Revierverhalten der Tiere, das Jagen und das Fressen, das Wandern und Brüten, in all dem zeigt die Liebe als ontologische Kategorie ihr Wesen. Der Mensch ist das Lebewesen, das diesen Tanz nicht nur mittanzt, sondern auch darüber nachdenken und aus dem Takt geraten kann. Damit erreicht dieser Tanz eine neue Qualität.

Liebe als Bauprinzip der Welt

Beziehung als Tanz von Nähe und Distanz ist das Bauprinzip der Welt. Beziehung oder Wechselwirkung ist eine, nein es ist die ontologische Kategorie überhaupt.

Von allem Anfang an gibt es zwei unterschiedliche Gruppen von Beziehungskräften, nämlich solche, die auf Bindung und Synthese aus sind, und das Gegenteil davon, die sich als Trennung, Abstandhalter und Ausdifferenzierung bemerkbar machen. Diese beiden Gruppen treten als permanente Gegenspieler auf.

In der Physik kennt man bislang vier Wechselwirkungen, von denen die Gravitation mit ihrer unendlichen Reichweite die ursprünglichste ist. Die drei anderen Wechselwirkungen, nämlich die starke, die schwache und die elektromagnetische Kraft kann man nicht eindeutig einer Gruppe zuordnen, weil sie unter verschiedenen Bedingungen sowohl anziehende wie abstoßende Anteile haben. Bei der elektromagnetischen Kraft kommt es beispielsweise auf die Ladung an:  ungleiche Ladungen ziehen sich an, gleiche stoßen sich ab. In der Quantenphysik gehören Austauschteilchen wie Gluonen zu den bindungsstiftenden Phänomenen. Die schwache Kernkraft bewirkt meistens, aber nicht immer Zerfall und gehört damit in erster Linie zu den Trennkräften. Weiterhin fallen mir als Trennkräfte Abkühlung, Entropie, das Pauli-Prinzip und Dekohärenz ein. Vor allem anderen gehört in diese Gruppe aber die Raumzeit und ihre immer noch andauernde Ausdehnung. Die Entfernungen im Universum sind ungeheuerlich.

Wenn diese beiden gegenläufigen, verschiedene Spielarten umfassenden Kräfte in ein wie auch immer geartetes dynamisches Gleichgewicht kommen, entstehen potentiell Strukturen und Muster, die in unserem Erkenntnisvermögen als Sein oder Weltgeschehen erscheinen. Aus dem Wechselspiel von näheschaffenden und distanzhaltenden Kräften entsteht also Existenz. Verhalten sich die beiden Gegenspieler nicht komplementär, entsteht kein dynamisches Gleichgewicht und damit tritt nichts in unser Erkenntnisvermögen, das wir beobachten und untersuchen können. Es kommt keine Existenz zustande. Anderes ist nicht dauerhaft stabil und verwandelt sich, wie beispielsweise das Neutron, das, sobald es aus dem Atomkern herausgelöst ist, in ein Proton, ein Elektron und ein Neutrino zerfällt.

Die Naturkonstanten sind der mathematische Ausdruck austarierter Bindungs- und Trennkräfte. Die krummen Zahlen stellen sozusagen die Kompromisse dar, auf die sich die beiden Gruppen von Gegenspielern sozusagen geeinigt haben.

Materie ist prinzipiell nichts anderes als Energie, und Energie ist nichts anderes als dieser Tanz der Liebe. Eins lässt sich ins andere überführen, wie Albert Einstein in seiner berühmt gewordenen Formel E = mc2 bewiesen hat. Wenn man versucht, einen Körper auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, wird er immer schwerer, je näher er an die Lichtgeschwindigkeit herankommt. Bewegungsenergie wird in Masse umgewandelt, um ihn abzubremsen. So kommt es nie dazu, dass ein Teilchen mit einer Ruhemasse es einem Photon gleich tun kann.

Wenn Kräfte wie die vier Wechselwirkungen als Tanz der Liebe aufgefasst werden, erscheinen sie in unserer Wahrnehmung nicht nur als Außenwelt, als Materie und als Energie, sondern auch als Innenwelt, die wir über unser Gefühl erfassen. Die Wahrnehmung der Außenwelt und die Erfahrung der Innenwelt sind zwei unterschiedliche Wahrnehmungsweisen desselben Phänomens. Eine Wahrnehmungsweise pflegen wir als Ich zu bezeichnen, die andere als Selbst. Aber weder Ich noch Selbst sind etwas Substanzielles. So wie Nähe nicht besser ist als Distanz, so ist auch das Selbst nicht besser als das Ich. Es kommt darauf an, die beiden Wahrnehmungsweisen in einem dynamischen Gleichgewicht zu halten, ohne eine davon zu verdrängen oder überzubewerten.

Nun versteht man, dass der fokussierende Blick der Beobachtung nicht neutral ist. Wer beobachtet, will etwas wissen. Neugier ist eine Kraft, ein energetisches Phänomen. Deshalb verändert sich die Wirklichkeit, je nachdem, ob man in ihr mitfließt oder sie bewusst beobachtet. Es ist die Energie der Beobachtung, die im berühmten Doppelspalt-Experiment aus einer Welle ein Teilchen macht. Es sind die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen, die hier ganz verschiedene Muster erzeugen. Ohne Beobachtung erscheint ein Interferenzmuster, welches das Mitfließen wahrnehmbar macht. Werden die Photonen hingegen mit einem Elektronendetektor beobachtet, erscheint ein Muster, das die Photonen als voneinander getrennte Teilchen ausweist. Die Beobachtung selbst ist also das energetische Phänomen, welches das dynamische Gleichgewicht der Beziehungen und damit die Materie verändert.

Im Mikrokosmos der Quantenwelt reicht die Beobachtung sogar aus, Energie so weit zu verdichten, dass sie als Materie (als Teilchen) überhaupt erst sichtbar wird. Der fokussierende Blick (die Beobachtung) beispielsweise in Form eines Elektronendetektors ergreift im Spiel von Nähe und Distanz Partei und trägt somit dazu bei, das gesuchte dynamische Gleichgewicht herzustellen. In der Quantenwelt ist dieses Gleichgewicht ohne die entsprechende Beobachtung schon beinahe erreicht, so dass bereits Wirkungen gemessen werden können, ohne dass die Dinge als Dinge sichtbar sind bzw. Teilchen voneinander unterschieden werden können. Die Beobachtung verleiht den Quantenteilchen die noch fehlende Energie, um die Schwelle in unser Wahrnehmungsvermögen zu überschreiten. Man kann das mit einem Reiz in unserem Reizleitungssystem vergleichen. Ein Reiz muss eine bestimmte Schwelle überschreiten, um von einem Generatorpotenzial zu einem Aktionspotenzial und von der entsprechenden Nervenzelle weitergeleitet zu werden. Erwin Schrödinger hat dieses Phänomen mit seiner berühmt gewordenen Katze erklärt.

Es ist ungewohnt, Liebe mit Prozessen aus der Physik, Chemie und Biologie zu beschreiben. Liebe wird meist mit Worten verknüpft, die zum Träumen einladen. Liebe ist das, was wir gern für unsere Gefühlswelt reservieren wollen. Wir wollen glauben, dass es Liebe nur geben kann, wo es Menschen gibt. Dass auch in dem, was wir unbelebt nennen, eine Form von Liebe wirkt, erscheint erst mal seltsam. Aber vielleicht ist das angeblich Unbelebte gar nicht so leblos, wie wir glauben. Vielleicht führt die Ausdifferenzierung unseres Wahrnehmungsvermögens und die Ausbildung von Vernunft und Bewusstsein dazu, dass wir das Offensichtlichste nicht mehr erkennen können, nämlich dass zwischen Sein und Leben kein Unterschied ist. Wo Liebe ist, ist auch Leben. Und wo Leben ist, ist Liebe. Nicht nur wir Menschen haben Gefühle. Wir sind Teil eines fühlenden Kosmos.