Überwachungsstaat und Brütertechnologie

Jeder Mensch weiß, das Kohle, Erdöl und Erdgas endliche Reserven sind, die in hundert, spätestens zweihundert Jahren unwiderruflich zu Ende sein werden. In der Mainstreampresse ist deshalb viel von der Energiewende die Rede. Da wird schon gerne mal so getan, als könnte man die fossilen Energieträger einfach durch Wind- und Sonnenenergie ersetzen. Das ist ein fundamentaler Irrtum.

Mit Wind- und Sonnenenergie wird ausschließlich Strom erzeugt. Der Strom, den wir verbrauchen, macht aber nur einen geringen Teil des Gesamtenergieverbrauchs aus. Es stimmt schon: Wir verbrauchen in den Industrieländern so viel Strom, dass einem schwindlig davon werden kann, trotzdem ist das nicht mehr als die Spitze des Eisbergs, die von der Gesamtmasse des Energieverbrauchs bloß 10 % bis 20% ausmacht.

Von dieser Spitze des Eisbergs können in Deutschland mit Hilfe von circa 30.000 Windrädern und unzähligen Fotovoltaikanlagen je nach Jahreszeit und Windaufkommen zwischen 10 % und 35% erzeugt werden. 10% von 10% macht ein Hundertstel des gesamten Energiebedarfs aus. 20% von 10% ein Fünfzigstel. Im Klartext heißt das: Deutschland ist trotz der mit großem Aufwand und hohen Kosten betriebenen Energiewende immer noch zu 79% von den fossilen Energieträgern abhängig. Wenn man die Atomkraft dazunimmt, werden 86% unseres Gesamtenergieverbrauchs über die vier vorzeitlichen Mammuts Kohle, Erdöl, Erdgas und Uran abgedeckt.

Seit der Energiewende hat Deutschland ein Kohlendioxid-Problem. Wind- und Sonnenenergie erzeugen bloß Strom, wenn die Sonne scheint oder wenn der Wind bläst. Ins Stromnetz muss jedoch permanent Strom eingespeist werden, und zwar genausoviel, wie am anderen Ende Industrie und Privatverbraucher entnehmen. Das heißt, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, muss schnell irgendwo ein Kraftwerk hochgefahren werden, und das ist ein Kraftwerk, das in der Regel mit Kohle oder Erdgas betrieben wird. Diese zusätzlich benötigten Kraftwerke werden in der Regel nie wirklich auf null heruntergefahren, sondern in einer Art Schlummerbetrieb gehalten, damit sie sofort einsatzbereit sind, wenn man die zusätzliche Energie braucht. Mit den alternativen Energien unterhält man also nicht nur einen Energiekreislauf, sondern deren zwei.

Atomkraft eignet sich nicht für diesen Zusatzbetrieb, da ein Atomkraftwerk nicht so schnell hoch- und runtergefahren werden kann. Atomkraftwerke sind grundlastfähig, das heißt, sie können Erdöl, Erdgas und Kohle ersetzen, aber sie eignen sich nicht dazu, Energiespitzen auszugleichen. Zudem hat Deutschland ja den ehrgeizigen Plan, ganz aus der Atomkraft auszusteigen. Der bislang durch Wind und Sonnenenergie erzeugte Strom reicht jedoch nicht mal aus, um die Lücke, die durch den Wegfall der Atomkraftwerke entsteht, zu decken. Und schon gleich gar nicht, wenn in Deutschland die Wirtschaft wieder wächst. Jedes noch so kleine Wirtschaftswachstum bedeutet im Klartext nämlich nichts anderes als zusätzlichen Energieverbrauch.

Auf der Seite der Stromabnehmer muss zwischen einer Grundlast und der Spitzennachfrage unterschieden werden. Wenn am frühen Morgen der Hahn kräht, ist die Nachfrage nach Strom um mehr als die Hälfte geringer als am späten Nachmittag, wenn alle Welt in den Betrieben und Büros rödelt. Allein bei einer Großstadt wie New York beläuft sich diese Differenz auf zwei Milliarden Watt und wenn man das Einzugsgebiet von New York noch dazunimmt, kommen circa zwanzig Milliarden Watt zusammen. Diese Differenzen sind also keine Kinkerlitzchen, nein, es handelt sich um riesige Mengen.

Das ist jetzt erstmal die Problematik mit der Stromversorgung, die ja, wie gesagt, nicht mehr als 10% bis 20% des Gesamtenergieverbrauchs ausmacht. Vom Gesamtpaket an Energie entfallen 10% allein auf die Herstellung von Dünger. Genau genommen, essen wir heute von Pflanzen umgewandeltes Erdöl. Das wird auch in Zukunft vorerst so bleiben. Daneben gibt es den Komplex der Schwerindustrie und den Verkehr, die beide enorme Energiefresser sind. Um die Menge an Energie zu erzeugen, die unsere Autos allein als Benzin benötigen, wobei die Herstellung der Autos noch gar nicht mal berücksichtigt ist, müssten in Deutschland circa weitere 200.000 Windräder aufgestellt werden. Für die gesamte Industrie vielleicht noch mal so viel. Schon mit 30.000 Windrädern sieht Deutschland ziemlich verspargelt aus, vor allem im Norden, wo auch tatsächlich so viel Wind weht, dass sich der Betrieb lohnt. Wie ein mit 400.000 Windrädern bestücktes Deutschland aussieht, kann man sich gar nicht so recht vorstellen.

Wenn man das alles zusammenfasst, kann man ohne Weiteres sagen: Wenn Erdöl, Erdgas und Kohle ausgehen, haben wir ein riesiges Energieproblem. Die einzige Technologie, die dieses Problem lösen kann, ist nach dem jetzigen Stand der Dinge die Brütertechnologie. Herkömmliche Atomkraftwerke mit Druck- und Siedewasserreaktoren haben zwei Nachteile: Der allergrößte Teil der Energie, die im Uran steckt, verpufft ungenutzt, nämlich an die 99 %, und es fallen radioaktive Abfallstoffe an, die die Welt auf Jahrhunderttausende hinaus verseuchen. Mit der Brütertechnologie ist man in der Lage, fast die gesamte im Uran steckende Energie zu nutzen. Zudem kann man abgebrannte Brennstäbe recyceln, sodass am Ende weitaus weniger Atommüll übrig bleibt.

Wenn man in die Brütertechnologie einsteigt, hält der zur Verfügung stehende nukleare Brennstoff erheblich länger, nämlich so an die 20.000 Jahre. Und wenn es dann noch gelingen sollte, Uran aus dem Meerwasser zu gewinnen, steht Energie für rund 500.000 Jahre bereit. Das ist so viel, dass man es sich erlauben kann, die gewaltigen Mengen an Erdöl und Erdölprodukten synthetisch herzustellen, die es braucht, um die Wirtschaft, die Schwerindustrie und das Transportwesen in der bisherigen Form aufrechtzuerhalten. Da keiner von uns freiwillig in ein vorindustrielles Zeitalter zurückkehren wird, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass der Mensch früher oder später in die Brütertechnologie einsteigen wird. Das ist der bequemste und der billigste Weg, und deshalb werden wir wohl diesen Weg wählen. In der Vergangenheit hat die Menschheit immer den bequemsten und billigsten Weg gewählt.

Die Brütertechnologie hat allerdings einige erhebliche Nachteile. Sie ist nicht nur gefährlicher und schwieriger zu handhaben als die bisherige Reaktortechnik. Als Abfallprodukt fallen zudem große Mengen an hochgiftigem und hochgefährlichen Plutonium an, und das ist nun leider der Stoff, aus dem Atombomben gemacht werden. Jede Regierung, die Brütertechnologie betreibt, kann also leicht auch Atomwaffen basteln. Nicht nur für Regierungen, auch für Schurken und Terroristen wird mit der Brütertechnologie der Zugang zur Atombombe erheblich einfacher. Was passiert, wenn ein Verrückter eine Atombombe auf einen Kernreaktor wirft, will man sich lieber gar nicht erst vorstellen.

Wenn man über diese Problematik nachdenkt, fügen sich plötzlich zwei anscheinend unabhängig voneinander verlaufende Entwicklungslinien passgenau in eins. Die Brütertechnologie kann sich nicht etablieren, solange es Nationalstaaten gibt, denn die Gefahr, dass die Regierungschefs von Nationalstaaten irgendwann Atombomben auf andere Nationalstaaten werfen, mit denen man zufällig gerade verfeindet ist, ist viel zu groß. Brütertechnologie ist nur in einer globalisierten, einheitlich regierten Welt eine Option. Hinter dem Trend zur Abschaffung der Nationalstaaten und der Globalisierung steckt also bei näherer Betrachtung nicht die Sehnsucht nach Frieden, sondern die Sehnsucht nach einer Welt, in der uns weiterhin genügend Energie zur Verfügung steht. Der Energiehunger ist die eigentliche Dynamik, die sich als Friedenssehnsucht und Verbundenheit tarnt.
Die Brütertechnologie ist auch nur dann eine Option, wenn man davon ausgehen kann, dass mögliche Terroristen bereits im Vorfeld ausgeschaltet werden können. Um das zu erreichen, braucht es den totalen Überwachungsstaat, auf den wir gerade sowieso zusteuern. In einer vom Plutonium dominierten Gesellschaft muss jeder Bürger absolut gläsern sein. Sein Tun muss lückenlos überwacht werden. Es kann keine Privatsphäre mehr geben. In einer Plutoniumwirtschaft ist die Illusion von Sicherheit nur um diesen Preis möglich.

Das also ist der tiefere Sinn, der hinter dem Aufbau des Überwachungsstaates steht, den die meisten von uns misstrauisch und mit Unbehagen beäugen. Der Überwachungsstaat ist die notwendige Voraussetzung, damit die Menschheit in nicht allzu ferner Zukunft in die Brütertechnologie einsteigen kann.

Die Menschheit wird nicht freiwillig auf Strom, Computer, Waschmaschinen, Autos und die sonstigen Annehmlichkeiten des Industriezeitalters verzichten. Auf die industrielle Landwirtschaft können wir gar nicht mehr verzichten, selbst wenn wir es wollten. Die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern wollen dasselbe bequeme Leben, das wir im Westen bereits führen. Deshalb werden die Brütertechnologie und der Überwachungsstaat kommen. Es sind die beiden Seiten derselben Medaille.

Die Menschheit wird sich diesem „Fortschritt“ ebenso anpassen, wie sie sich bereits in der Vergangenheit immer an ihre Technik angepasst hat. Wir sind auf einem Weg, auf dem eine Umkehr weder möglich noch gewollt ist. Schon unsere Vorfahren haben immer ihre Freiheit zur Disposition gestellt und die Bequemlichkeit vorgezogen. Es ist schon lange nicht mehr so, dass der Mensch die von ihm geschaffene Technik beherrscht. Das Gegenteil ist der Fall. Der Mensch ist schon lange zum Sklaven des sogenannten Fortschritts geworden. Denn ohne seine Technik ist er gar nicht mehr überlebensfähig.