„Es geht uns doch immer besser“

Das ist die beliebteste Antwort, die ich bekomme, wenn ich mit anderen Menschen über unser Menschsein, die Gesellschaft, den Zeitgeist, die Technik und den Fortschritt diskutiere.

Es geht uns doch immer besser. Noch nie sind Menschen im Durchschnitt so alt geworden wie heute. Noch nie konnten sie so leicht an die Orte reisen, die sie immer schon sehen wollten. Noch nie waren die Läden so überquellend voll. Noch nie hatte der einzelne Mensch so viele Güter und Dienstleistungen zur Verfügung. Noch hat es prozentual so wenig hungernde Menschen gegeben. Noch nie hatte der Mensch so viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Noch nie hatten die Menschen so viel Freiheit. Noch nie konnten die Menschen so ungeschminkt sagen, was sie denken. Noch nie war das Leben so bequem. Noch nie musste man sich so wenig Sorgen machen. Noch nie war der Speisezettel so abwechslungsreich. Noch nie waren die Menschen so gut versorgt. Noch nie …. Noch nie … Noch nie … .

Sicher kann man diese Noch-nie-Antworten kritisch hinterfragen und Unken wie den Klimawandel, die Terrorgefahr, den Peak Oil, das Bevölkerungswachstum oder endemisch gewordene Krebszahlen rufen. Aber irgendwie stimmt die Antwort ja schon.

Wenn ich auf meine kritischen Fragen mal wieder diese Antwort bekomme, merke ich, dass von mir unterschwellig gleichzeitig so etwas wie Dankbarkeit erwartet wird. Dass es irgendwie ungehörig ist, an der Gesellschaft, dem Zeitgeist und vor allem an Wissenschaft, Fortschritt und Technik zu zweifeln. Man gibt mir zu verstehen, dass ich nicht dazu gehöre, wenn ich nicht in dieses Loblied vom Bessergehen miteinstimmen will.

Alle diese Leute versichern mir auf die eine oder andere Weise, dass der Sinn meines Lebens darin besteht, mich immer weniger anstrengen zu müssen.

Denn immer stehen schon Batterien von Menschen parat, die bereit sind, etwas für mich zu tun, wenn es mir mal nicht immer besser gehen sollte. Viele dieser Menschen stehen sogar für mich bereit, ohne dass ich von ihrer Existenz weiß, ohne dass ich sie gerufen habe und ohne dass ich ihre Hilfe überhaupt in Anspruch nehmen will. Viele Menschen scheinen förmlich darauf zu warten, dass es mir schlecht geht, damit sie endlich was zu tun haben.

Es gibt heute sehr viele Menschen, die verdienen ihren eigenen Lebensunterhalt auf der Basis, dass es anderen Leuten schlecht geht. Alte Leute leben heute nicht so lange, um alt zu werden, sondern weil sie von anderen mit viel Aufwand am Leben erhalten werden. Dieser Aufwand ist notwendig geworden, damit die Anderen genug Arbeit haben, Geld verdienen können und sich wiederum all die Reisen, Dienstleistungen und Produkte kaufen können. Es ist sogar zwingend notwendig geworden, dass es vielen Leuten schlecht geht, damit die Anderen sich überhaupt selbst verwirklichen können. Denn viele Menschen erfahren ihre Selbstverwirklichung darin, anderen Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen.

Da sind erstmal die Berater für alle möglichen Probleme, die ich normalerweise gar nicht habe. Die Finanzberater, die Rechtsberater, die Suchtberater, die Lebensgestaltungsberater, die Essberater, die Modeberater, die Einrichtungsberater, die Familienberater, die Krisenmanager, die Energiesparberater, die Sozialämter und die Berater, die mir sagen, auf was alles ich Anspruch habe und wer wo wie bereit steht, um mir zu helfen. All diese Leute können nur leben, wenn ich mein eigenes Leben in den Sand setze, mich verzocke, eine schlechte Ehe führe, nicht weiß, welche Möbel ich brauche, oder in irgendwelche Krisen gerate.

Ja, dann gibt es ja auch noch die Polizei und die Feuerwehr, deine Freunde und Helfer.

Da ist außerdem der ganze Gesundheitsapparat, inzwischen wohl der wesentlichste Arbeitgeber in diesem in unserem Staat. Die Zahl der Ärzte hat sich in den letzten 50 Jahren vervierfacht. Inzwischen gibt es vierhunderttausend Ärzte, die nur dann ihr Auskommen haben, wenn ich krank bin, und das am besten chronisch. Vor 50 Jahren betreute ein Arzt im Schnitt 1.000 Bürger. Heute sind es im Schnitt 250. Wohl gemerkt: Bürger, nicht Patienten. Ein Dorf mit tausend Einwohnern muss heute vier Ärzte ernähren. Dazu noch all die Therapeuten: die Logopäden, Ergo-, Beschäftigungs-, Bewegungs- Familien-, Beziehungs- und Psychotherapeuten. Die Heilpraktiker. Die Osteopathen und Kinesiologen. Die Seelsorger, die Nothelfer, die Rettungssanitäter.

All die unendlich vielen Leute im Pflegedienst, die Krankenschwestern, die Rollstuhl- und Rollatorproduzenten, die Optiker und Hörgerätehersteller, die Treppenliftbauer, die Apotheker, die Pharmabranche und deren Werbeplattformen ARD und ZDF, und diejenigen, die mir erklären, wie der Rollstuhl und das Pflegebett funktionieren und wie ich meinen Lebensabend gestalten soll. Die meine Wohnung putzen, für mich einkaufen, mir das Essen auf Rädern und die Getränkekisten bringen und den Taxichauffeur für mich machen.

Ich bin ein gesellschaftlicher Versager, weil ich in den letzten fünf Jahren nicht beim Arzt war, keinen Zusammenbruch hatte und weder eine Sucht noch eine Krise vorzuweisen habe. Ich mache eine Menge Leute arbeitslos. Ich hindere andere Leute an ihrer Selbstverwirklichung. Wenn ich keine Hilfe brauche und keine Hilfe in Anspruch nehme, bin ich mitverantwortlich dafür, dass das Leben anderer sinnlos wird. Das ist die traurige Wahrheit.

Manchmal habe ich fast ein schlechtes Gewissen, weil ich die mir empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch nehme. Weil ich die letzten fünf Jahre bloß zweimal beim Zahnarzt war und der außer ein bisschen Zahnstein noch nicht mal was gefunden hat. Immerhin konnte er mir eine neue Zahnbürste empfehlen, mit der ich jetzt auch die Zwischenzahnräume putzen kann.

Aber irgendwie habe ich doch keine Lust, krank und alt zu werden, bloß damit Andere dafür sorgen können, dass es mir immer besser geht.

So gesehen, müssen wir in diesem unserem Land, wo es immer allen besser geht, dankbar für die Flüchtlinge sein. Endlich kommen Menschen, die wieder Hilfe brauchen. Menschen, die wir retten, integrieren, pflegen, heilen, beraten, bespaßen, verwalten und belehren können. Endlich gibt es wieder was zu tun.

Eigentlich ist es schade, dass ich keine Probleme habe. Dass es zahllose Menschen gibt, die meine Probleme schon gelöst haben, bevor sie sich überhaupt stellen. Ich hätte gern mal wieder ein paar Schwierigkeiten, die mir selber gehören. Eine Zeitlang habe ich mir selber Herausforderungen gestellt, Abenteuerreisen gemacht, meinen Besitz verschenkt und was man sonst alles so tut, um mal wieder das Gefühl haben, zu leben, in Gefahr zu sein, sich beweisen zu müssen, stark zu sein.

Aber es macht einen Unterschied, ob ich mich selbst herausfordere oder ob das Schicksal mich herausfordert. Sich selber herauszufordern, sich selber in Gefahr zu bringen, sich selber künstlichen Mangel aufzuerlegen, ist irgendwie Betrug. Es fehlt etwas Wesentliches, auch wenn man die selbst auferlegten Herausforderungen zur eigenen Zufriedenheit bewältigt. Es ist, als ob die Evolution einen aufs Abstellgleis geschoben hätte. Als ob Gott einen vergessen hätte.

Krank ist Kult

Der Parkplatz vor dem Krankenhaus ist überfüllt. Die halb auf dem Bürgersteig abgestellten Wagen ziehen sich noch ein gutes Stück die Straße entlang. Vor dem Eingang fahren in schöner Regelmäßigkeit Ambulanzen vor, aus denen Menschen in Rollstühlen oder sonst irgendwelchen Gestellen gehoben werden. Es ist ein reges Kommen und Gehen. Das Krankenhaus ist zweifellos ein sehr stark frequentierter Ort. Es ist absolut in.

Im Foyer herrscht eine geschäftige und doch irgendwie weihevolle Atmosphäre. Patienten, Pflegepersonal und selbst Besucher verbreiten ein Flair um sich, als würden sie an etwas Großartigem wie einem Stapellauf teilhaben. Oder den Vorbereitungen zur Mondlandung. Die Menschen sind offener als anderswo, sie reden miteinander und gehen mehr aufeinander ein. Ich spüre eine unterschwellige Erregung, die durchaus nicht deprimiert, sondern eher freudig auf mich wirkt. Eine Art Stolz, als würde jeder der Teilnehmer an etwas Erhabenem mitwirken. Alles, was geschieht, scheint irgendwie bedeutsam.

Es herrscht annähernd dieselbe Feierlichkeit wie früher beim Gottesdienst. Klammheimlich hat eine Verschiebung stattgefunden. Was unseren Vorfahren das Gottes-, ist für den modernen Menschen das Krankenhaus. Während ich das Treiben beobachte, wird mir wieder bewusst, dass Religion und Technik zusammengehören. Religion war noch nie etwas Anderes als die Verehrung von Technik. Deshalb ist es logisch, dass an einem Ort wie dem Krankenhaus, wo überall nur Apparate piepsen, eine religiöse Atmosphäre herrscht.

Im Krankenhaus ist man dem technischen Gott, dem wir uns alle längst bedingungslos unterworfen haben, am nächsten. Der Patient liefert sich dem Moloch aus. Erfüllt von einem Gefühl religiöser Hingabe wird der Patient zum Pionier auf dem Weg zum Cyborg. Laut Fremdwörterbuch ist ein Pionier ein Soldat der technischen Truppe. Der Patient als Soldat und Wegbereiter in eine technisch-künstliche Welt. Na also, passt doch!

Früher einmal waren Pioniere taffe Menschen, die mutiger, ausdauernder, kräftiger, intelligenter und vor allem gesünder als der Durchschnitt waren. Typen wie der Marlboro Mann beispielsweise. Heute sind die Pioniere solche, die husten, schniefen, Beutel für Körperflüssigkeiten mit sich herumtragen oder im Rollstuhl geschoben werden. Ich frage mich, wohin all diese modernen Pioniere unsere Gesellschaft führen? Der Cyborg der Zukunft ist kein Arnold Schwarzenegger. Sondern der Dauerbewohner einer Intensivstation, die er nicht mehr verlassen kann, weil ihn das umbringen würde.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine findet im Krankenhaus statt. Nicht nur, dass der menschliche Körper in der Medizin auf technisch-funktionale Abläufe reduziert und wie eine reparaturbedürftige Maschine behandelt wird, im Operationssaal hat die Technik ja auch tatsächlich Zugriff, kann in den Menschen eindringen und ihn konkret verwandeln. Beispielsweise in einen Prothesenträger. Die meisten direkten technischen Veränderungen am Menschen geschehen ja unter der Maßgabe, körperliche Defizite auszugleichen, um den Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Im Krankenhaus verschmelzen Religion und Technik zu einem Gesundheitswesen, das seltsamerweise immer mehr kranke Menschen hervorbringt. Und zwar in einer Größenordnung, die für mich etwas Schauriges hat.

1960 gab es in Deutschland knapp 94.000 Ärzte. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung betreute ein Arzt also 780 Bürger.

2015 gehörten dem praktizierenden Ärztestand 371.300 Ärzte an, das heißt, das jeder Arzt im Schnitt nur noch 221 Bürger betreut. Wohlgemerkt: Ich rede hier von normalen Bürgern, nicht von Patienten.

Ein Dorf mit 1.000 Einwohnern muss heute vier Ärzte finanzieren. Trotzdem hat ein Arzt im Durchschnitt nicht mehr als acht Minuten pro Patient übrig. Ein Facharzt behandelt täglich 41, ein Hausarzt 53 Patienten. Wo kommen all diese kranken Menschen her? Wenn ein Arzt 221 Bürger betreut, wäre er, selbst, wenn jeder Bürger krank sein sollte, bei diesem 8-Minuten-Takt doch locker in einer Woche mit allen durch. Für den Rest des Jahres, also satte 51 Wochen, könnte sich der Arzt auf die faule Haut legen. Stattdessen klagt jeder Arzt über Überarbeitung und Dauerstress und nicht wenige schieben im Krankenhaus Dienste von 36 Stunden.

Zwischen 1973 und 2013 hat sich die Zahl der Krebsfälle verdoppelt. Nicht mehr lange, und die Zahl der Neuerkrankungen bewegt sich in derselben Größenordnung wie die Zahl der Geburten. 2013 gab es 482.500 neue Krebsfälle und knapp 700.000 Geburten. Ja, das ist ein makabrer Vergleich. Wieso nehmen die Ärzte diese Zahlen einfach so hin? Wieso gibt das keinen Aufschrei in der Bevölkerung?

Im Jahr 2011 gab es in Deutschland 15 Millionen Operationen. Dazu werden wohl auch endoskopische Untersuchungen gehören, anders kann ich mir diese horrende Zahl schon gleich gar nicht erklären. Alle sechs Jahre sind also alle Bewohner Deutschlands einmal durchoperiert und jeder einzelne Bürger macht im Laufe seines Lebens vierzehn Operationen mit. Das ist verrückt!

Im Jahr 2005 gab es noch drei Millionen Operationen weniger. Sind innerhalb von nur sechs Jahren die Leute so viel kränker geworden?

Es wird gerne erzählt, dass die steigende Lebenserwartung der Grund für diese doch ziemlich gruselige Entwicklung ist. Aber das stimmt nicht. Von den 15 Millionen Operationen entfielen rund 1.750.000 auf die Altersgruppe zwischen 70 und 80, um danach rapide abzunehmen, sei es, weil die Leute verstorben sind oder ganz alte Leute doch eher in Ruhe gelassen werden. Dann bleiben immer noch 13 Millionen Operationen übrig, die sich auf die Bevölkerung unter 70 verteilen.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, hier findet etwas statt, was rational nicht mehr zu erklären ist. Was mich am meisten wundert, ist, dass sich niemand darüber zu wundern scheint.

Für mich sieht es so aus, dass wir dem technischen Fortschritt nicht nur die Natur, sondern auch bereitwillig unsere Gesundheit opfern. Wir werden nämlich nicht immer gesünder, sondern immer kränker, wie die Zahlen beweisen. Wir werden auch immer schwächer. Ich habe eine Zahl im Hinterkopf, dass Jungs seit den 70er Jahren körperlich um mehr als 20% schwächer geworden sind und die Mädchen deshalb jetzt gleichziehen.

Aber das scheint den Menschen zu gefallen. Sie fühlen sich als moderne Helden, wenn sie im Krankenhaus sind. Über nichts reden sie lieber als über ihre Krankheiten. Sie lieben es geradezu, krank zu sein. Mit Freude nehmen sie ihre Pillen und Tröpfchen ein. Krank ist Kult.

Wenn wir so weitermachen, kommen wir in absehbarer Zeit dahin, dass die eine Hälfte der Bevölkerung krank im Bett liegt und von der anderen Hälfte der Bevölkerung gepflegt wird.

Gut, wenn wir dann Roboter haben, die all das für uns erledigen, woraus das Leben sonst noch besteht.