Alles ist käuflich

Sollte es je ein Spiel um die Weltherrschaft gegeben haben, so steht der Sieger fest: es ist der technisch-industriell-kommerzielle Komplex, in seiner Vereinfachung als Kapitalismus bezeichnet. Dieser Komplex verwandelt die Welt in Konsumgüter. Alles ist käuflich. Längst geht es nicht mehr nur um lebensnotwendige Güter wie Nahrungsmittel, Wohnung oder Kleidung. Es geht auch nicht mehr um Luxusgüter oder Statussymbole wie Schmuck, Rennpferde oder Theaterkarten.

Die neuen Produkte sind weniger konkret und werden deshalb oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Gesundheit ist ein solches Produkt. Oder Schmerzfreiheit. Ein aktives Leben. Gedächtnisleistung. Schönheit. Eine längere Lebenserwartung kann man sich ebenso kaufen wie einen friedvollen Lebensabend samt Treppenlift und Rundumbetreuung. Man muss sich nur mal die Werbung im Vorabendprogramm von ARD und ZDF angucken. Da sieht man, was die fitten Alten sich alles kaufen können.

Rat und Hilfe kauft man sich heute ebenso wie Zuwendung. Therapeuten verdienen ihren Lebensunterhalt, indem sie Altruismus vermarkten und eine Vielzahl von käuflichen Produkten erfinden, sei es in Form von Gesprächen, Massagen, Übungen oder was auch immer. Das ist ein gutes Geschäft. Ein Milliardengeschäft.

Nächstenliebe ist ebenso wie Fairness, Glück, Zufriedenheit, Glaube, Ethik zum Konsumgut mutiert. Diese Werte kauft man sich heute zusammen mit anderen Produkten. Da steht dann beispielsweise groß und fett fair trade auf der Verpackung. Man zahlt einen Euro mehr für eine gerechtere Entlohnung der Näherin in Bangladesch oder den Bauern in Guatemala. Auch wenn in Wirklichkeit 99 Cent dieses einen Euros an die Organisationen gehen, die so schlau waren, aus Fairness und Nächstenliebe ein käufliches Produkt zu kaufen.

Produkte sind nicht mehr nur Produkte. Mit ihnen wird ein bestimmtes Image verbunden. So macht der Verkäufer ein doppeltes Geschäft und verdient gleich zweimal. Der Händler verkauft nicht nur Schuhe, sondern damit gleichzeitig auch ein bestimmtes Bild seines Trägers: der taffe Naturbursche oder die elegante Lady, die sich auf internationalem Parkett zu bewegen weiß. Man kauft sich nicht nur ein Müsli, sondern damit gleichzeitig auch Fitness und Aktivität. Man kauft sich nicht nur einen Tofuburger, sondern damit gleichzeitig auch Tierwohl. In der Kombination verschiedener Produkte kauft sich der Konsument so seinen Lifestyle zusammen.

Aber nicht deshalb hat der technisch-industriell-kommerzielle Komplex gesiegt. Sondern weil es ihm gelungen ist, auch den Widerstand, die Kritik und den Protest zu vermarkten. Mit dem Protest gegen den Kapitalismus wird ebenso Geld verdient wie mit dem Kapitalismus selbst. Und das ist das Perfide an der ganzen Geschichte. Denn damit wird das System allumfassend und wasserdicht.

Oder anders formuliert: Der technisch-industriell-kommerzielle Komplex ist zwingend auf seine Kritiker angewiesen, denn es sind gerade die Kritiker, die ihm bislang unerschlossene Bereiche des Lebens zuführen und damit neue Produktreihen und weiteres Wachstum ermöglichen. Die Kritiker sind die Pioniere des kapitalistischen Systems.

Blues, Rock, Heavy Metal, Hiphop: das waren alles mal Protestbewegungen, die sich explizit gegen den Kapitalismus wandten. Heute sind diese Musikrichtungen riesige Marketingmaschinen, die Millionen in die Kassen von Agenturen, Plattenfirmen und Künstlern spielen. Der Kapitalismus belohnt ja sogar Bob Dylan mit einem Nobelpreis. Und der Protestsänger nimmt das Preisgeld an. Wobei ich das an Bob Dylans Stelle natürlich auch getan hätte.

Jeans und Turnschuhe waren ebenfalls mal Ausdruck einer Protesthaltung gegen den Kapitalismus. Heute kann man nicht nur verblichene, sondern sogar zerrissene oder schmutzige Jeans zu überteuerten Preisen kaufen. Es gibt Hemden, bei denen ein oder zwei Knöpfe absichtlich mit andersfarbiger Nähseide oder falsch befestigt sind. Sogar Unzulänglichkeit, Farbenblindheit oder Schlamperei werden also zu Produkten, die der Konsument kaufen kann.

Meditation galt lange Zeit als Königsweg, um dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad aus Produktion und Kommerz zu entkommen oder sich zumindest innerlich davon zu distanzieren. Heute gibt es einen riesigen Markt an Zen- und sonstigen Meditationskursen, vom Mandalamalen, Kranichfalten und Blumenbinden über Tanzen, Bogenschießen und Körperübungen hin zu Mindful Leadership, Mindful-Based Stress Reduction oder Neurolinguistischem Programmieren. Was Körperübungen angeht, gibt es nicht nur Yoga, Tai Chi, Qigong, holotropes Atmen und eine Million anderer Möglichkeiten, sein Geld loszuwerden. Die einzelnen Bereiche zerfallen wiederum in Unterkategorien und damit in eine Unzahl weiterer Produkte. Aus Yoga wird integrales Yoga, Samyana Yoga, Nada Yoga oder Kundalini Yoga. Qigong wendet sich an die Hormone oder an bestimmte Organe.

Stille, Ruhe und Gelassenheit kann man heute ebenso kaufen wie ein Pfund Leberwurst oder eine Rolex. Mit allem Drum und Dran ist Stille nicht gerade billig. Das muss man sich mal vorstellen: Da gibt es Leute, die machen aus dem Nichtstun ein Produkt, um es anderen Leuten für teuer Geld anzudrehen. Das ist so verrückt, dass es fast schon wieder genial ist.

Kritiker der industriellen Landwirtschaft suchten den Ausstieg aus derselben, indem sie die BIO-Marke kreierten. BIO steht für naturverbunden, für ein Wirtschaften im Einklang mit der Natur. Der Verbraucher glaubt, etwas für die Natur zu tun, wenn er BIO kauft. Auch der Glaube ist ein käufliches Produkt.

In kurzer Zeit wurde BIO nämlich zur Massenware, die auch in den Supermärkten angeboten wird. Was viel nachgefragt wird, muss in großen Mengen produziert werden. Um in großen Mengen produzieren zu können, werden die anfänglich strengen Bestimmungen deshalb wieder aufgeweicht. Wer heute BIO-Eier kauft, kauft in der Regel Eier aus einer Massentierhaltung. Statt neun Hennen werden – wow! – bloß sechs pro Quadratmeter gehalten und diese paar Zentimenter mehr Platz pro Legehenne lässt sich der BIO-Bauer vom Konsumenten teuer bezahlen. Ein BIO-Schwein bis 50 kg darf über 0,3 Quadratmeter mehr verfügen als ein konventionelles und wird anders gefüttert, was dem Schwein aber egal sein dürfte. Aufgrund der steigenden Nachfrage gleicht sich die BIO-Landwirtschaft der konventionellen also wieder an. Deshalb müssen ständig neue Marken erfunden werden wie das Tierwohl-Label, die Weidemilch oder sonstige BIO-Siegel. Inzwischen sind es schon so viele, dass man gar nicht mehr durchblickt, worin die Unterschiede denn nun eigentlich bestehen. Die Siegel verlieren ihren Wert und der Konsument den Überblick.

Ein neues Produkt sind auch die Community-Marktplätze wie Airbnb, wo private Vermieter ihr Zuhause vermarkten können, oder Vermittlungsdienste wie Uber, die private Transporte vermitteln. Das ist ein ganz raffiniertes System. Das Unternehmen braucht nämlich weder Gebäude noch Produktionslagen. Es muss nichts investieren. Es übernimmt auch keine rechtliche Verantwortung. Es wird so getan, als würde Geld keine Rolle spielen, weil man Wohnung ja auch mal tauschen kann. Das Unternehmen lässt sich aber nicht nur für den Kontakt zwischen Privatanbieter und Kunde bezahlen, sondern mischt sich zunehmend in die Gestaltung des Geschäfts zwischen Anbieter und Kunde ein. Wer bei dem Spiel mitmacht, übernimmt die Pflichten eines Angestellten, ohne jedoch im selben Maß auch Rechte zugebilligt zu bekommen.

Was hier zum Produkt gemacht wird, an dem sich gut verdienen lässt, ist die Privatsphäre. Zwar haben Pensionen, Hotels und Restaurants schon immer mit familiärer Atmosphäre geworben, aber deshalb hatte trotzdem keiner der Gäste Zutritt zum Wohn- oder Schlafzimmer des Gastwirts oder Hotelbesitzers. Stattdessen gab es an den Türen Schilder mit der Aufschrift PRIVAT, was vom Gast respektiert wurde. Mit Airbnb oder Uber wird der private Raum nun zum Produkt. Der Kunde schläft im Bett des Anbieters. Und wenn ihm die Privatsphäre nicht gefällt, kann er sich bei Airbnb beschweren.

Schon vor langer Zeit ist die Falle zugeschnappt, ohne dass wir es bemerkt haben. Aus dem technisch-industriell-kommerziellen Komplex, der sich sogar die Aussteiger einverleibt und die Revolution geschickt zu vermarkten weiß, gibt es keinen Ausweg mehr. Es ist völlig unerheblich, ob sich ein Mensch mit dieser Situation abfindet oder nicht, denn beide Haltungen werden gleichermaßen zu Geld gemacht und dienen der Profitmaximierung.

Der technisch-industriell-kommerzielle Komplex lässt sich mit einem Dampfer vergleichen, der unaufhaltsam in eine bestimmte Richtung fährt. Manche auf dem Dampfer versammeln sich im Bug und jubeln, andere drängen sich im Heck zusammen und schieben den Jubelnden eine wie auch immer geartete Schuld in die Schuhe. Manche ziehen sich in ihre Kabinen zurück, lesen esoterische Bücher und träumen davon, dem Dampfer und seiner Dynamik in ihrem Astralkörper zu entkommen. Wieder andere begeben sich im Spielcasino in virtuelle Räume. Es gibt auch welche, die auf dem Dampfer Stühle herumtragen in der irrigen Annahme, dadurch die Richtung, die der Dampfer eingeschlagen hat, verändern zu können. Die Stühletransporteure verlangen, dass alle Anderen an Bord mitmachen.  Wieder Andere hocken sich in die Rettungsboote und glauben, dass sie das Schiff verlassen hätten, ohne zu merken, dass die Rettungsboote gar nicht zu Wasser gelassen wurden. Wohin das Schiff fährt, weiß niemand. Manche glauben, den Eisberg zu sichten, auf den der Dampfer zusteuert. Aber vielleicht bringt die Klimaerwärmung den ja gerade noch rechtzeitig zum Abschmelzen. 🙂