Die Mär vom Ende des Ölzeitalters

Als Menschen leben wir in Geschichten, nicht in der Wirklichkeit. Was wir uns von morgens bis abends erzählen, sind unsere eigenen Erfindungen. Wir sind nicht die Schöpfer der Welt, aber von Geschichten über die Welt. Manche dieser Geschichten sind sehr mächtig. Sie haben das Potenzial, die Welt zu verändern. Mächtige Geschichten verbreiten sich. Das heißt, sie werden von immer mehr Menschen geglaubt, die ihr Leben schließlich an dieser Geschichte ausrichten. Die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters ist eine solche mächtige Geschichte.

Die Geschichte, die uns erzählt wird, geht folgendermaßen: Wir haben in der Vergangenheit bereits mehr als die Hälfte der fossilen Brennstoffe verbraucht. Zumindest, was Erdöl angeht. Aber auch Erdgas und Kohle sind endliche Ressourcen. Atomkraft ist wegen der damit verbundenen Risiken keine wirkliche Option, und wäre sie eine, würde uns das nicht viel weiter bringen, denn das zur Verfügung stehende Uran hält auch nicht besonders lange vor. Auf die Zeit der Fülle und Verschwendung wird also demnächst unweigerlich die Zeit des Mangels folgen. Den fetten folgen die mageren Jahre, das wusste schon die biblische Geschichte um Josef, der McKinsey des damaligen Pharaos. Uns Modernen geht es heute nicht anders. Wie der kluge Pharao müssen wir dem kommenden Mangel vorbeugen und deshalb auf erneuerbare Energien setzen. Das sind Holz, Biomasse, Wasserkraft, Wind und Sonnenenergie. Wir können den Weltenergiebedarf auch bei steigender Weltbevölkerung ganz und gar aus erneuerbaren Energiequellen schöpfen, wenn wir uns entsprechend einschränken und die Energien achtsam und effizient nutzen.

Ich erinnere mich daran, dass in meiner Jugend Holzheizungen wegen ihrer schädlichen Emissionen verboten waren. Und jetzt sollen sie uns und unseren Kindern plötzlich die Zukunft sichern? Klar, die Abgastechnik hat in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Eine moderne Heizung stößt nur noch einen Bruchteil der Schadstoffe aus wie eine von 1960. Auch die Energieeffizienz dieser Öfen hat sich verbessert. Mit ein paar Scheiten Holz kann man die Wohnung wohlig heizen und am nächsten Morgen sogar noch die Nachwärme genießen. Das hört und fühlt sich wunderbar an.

Es gibt ein paar Sachen, die in der Geschichte nicht erzählt werden: Aufgrund unserer zunehmenden Neigung zum Alleinleben brauchen immer mehr Menschen einen Holzofen und die entsprechende Menge an Brennmaterial. Die Wohnfläche pro Person hat sich seit 1950 mehr als verdoppelt und dieser zusätzliche Raum will beheizt werden. Dass dies in der Geschichte nicht auftaucht, liegt daran, dass der oder die Erzähler auf die zusätzliche Wohnfläche nicht verzichten wollen. Ebensowenig wollen sie ihren beheizten Wohnraum wie früher mit der Großfamilie teilen, zu der eben auch schreckliche Tanten und Onkel gehören, die man lieber von hinten oder gar nicht sieht.
An solchen wundersamen Aussparungen erkennt man übrigens, dass es sich bloß um eine Geschichte und nicht um die Wirklichkeit handelt.

Was auch nicht erzählt wird, ist, dass Holz in Europa schon mal der Hauptenergielieferant gewesen ist. Holz hat schon in der Antike nicht ausgereicht, als bloß ein paar Millionen Menschen in Europa lebten. Das Ergebnis war nämlich, dass der Kontinent abgeholzt wurde. Das zur Verfügung stehende Holz hat selbst dann nicht gereicht, als neugegründete Forstbehörden Abgeholztes in schnell wachsenden Fichten-Monokulturen systematisch wieder aufgeforstet haben. Ersetzt man Holz durch noch schneller wachsende Biomasse, versucht man, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, denn je schneller Pflanzen wachsen, desto mehr laugen die Böden aus und müssen mit Erdölprodukten gedüngt werden. Dass die Waldflächen in Deutschland im 20. Jahrhundert netterweise wieder zugenommen haben, ist übrigens den fossilen Energieträgern zu verdanken, die billiger als Holz waren.

Wenn Holz so langsam nachwächst, dass es nicht für eine Milliarde Menschen reicht, wie soll es dann für sieben, acht, zehn Milliarden Menschen reichen? Holz steht also nur in begrenzten Mengen zur Verfügung und kann die Energielücke, die durch den Wegfall der fossilen Brennstoffe entsteht, keinesfalls schließen. Zumal die Erzähler dieser Geschichte ja auch noch suggerieren, dass wir in Zukunft trotz verstärkter Holznutzung rings um uns herum naturnahe Wälder haben werden, die unserer Erholung dienen und schöne Wander- und Joggingwege für uns bereithalten.

Wasserkraft ist eine Energiequelle, die schon seit langer Zeit genutzt wird. Man hat nie damit aufgehört, Wasserkraft zu nutzen, wo es sinnvoll ist, sie zu nutzen, auch im Ölzeitalter nicht. Zur sinnvollen, also weitgehend schadlosen Nutzung brauchen Flüsse allerdings ein bestimmtes Gefälle, sonst veralgen und verschlammen sie und sterben ab. Wasserkraft kann in Europa nicht mehr in nennenswert größerem Umfang ausgebeutet werden. Hier sind die Grenzen schon fast erreicht.

Bleiben also Wind und Sonne. Beides sind sogenannte volatile Energieträger, das heißt, sie stehen nicht konstant zur Verfügung, sondern eben bloß, wenn der Wind bläst und die Sonne scheint. Zudem liefert die Sonne immer dann besonders viel Energie, wenn man sie gar nicht braucht, nämlich im Sommer. Weder will man im Sommer heizen noch vermehrt die Maschinen laufen lassen und arbeiten.

Ein Stromnetz ist eine empfindliche Angelegenheit. Wenn zuviel Strom eingespeist wird, bricht es ebenso zusammen, wie wenn zuviel entnommen wird. Wind und Sonne garantieren keine gleichmäßige Einspeisung. Die Energiewende in Deutschland sieht realiter so aus, dass die herkömmlichen Kraftwerke annähernd gleich viel Energie wie vor der besagten Wende produzieren müssen. Durch den in Angriff genommenen Verzicht auf Atomkraft wurden sogar alte Kraftwerke, deren Emissionen gewaltig und deren Effizienz schlecht ist, wieder in Betrieb genommen. Das angeblich ach so umweltfreundliche Öko-Deutschland ist deshalb, was die CO2-Bilanz angeht, durchaus kein Vorzeigeland. Seit der Energiewende sind die Emissionen nämlich angestiegen. Auch das ist etwas, das in der Geschichte der erneuerbaren Energien meist verschwiegen wird.

Wie man sieht, stimmt an der Geschichte, wie sie uns von den Verfechtern der Energiewende erzählt wird, so manches nicht.

Man könnte die Geschichte von den erneuerbaren Energien allerdings auch anders erzählen. Es ist richtig, dass die Vorräte an fossilen Brennstoffen, die in der Erde verbuddelt sind, zur Neige gehen. Aber es ist möglich, aus Sonnenenergie, Kohlenstoff und Wasser synthetische Treibstoffe herzustellen, also künstliches Benzin zu machen. Es ist auch richtig, dass die Sonne uns weitaus mehr Energie zur Verfügung stellt, als wir nutzen können. Es ist richtig, dass die Sonne eine schier unerschöpfliche Energiequelle ist. Energie steht uns im Überfluss zur Verfügung. Deshalb macht es auch nichts, wenn das Energieverhältnis von Sonne zu künstlichem Benzin ein miserables ist und man sehr viel Sonnenlicht braucht, um ein bisschen Benzin oder Öl zu gewinnen. So schlecht sieht es aber gar nicht aus. Aus 100 Megawatt Sonneneinstrahlung lassen sich anscheinend 16.000 Liter Benzin pro Tag gewinnen. Wer es nicht glauben will, kann es hier nachlesen.

In dieser Geschichte, die uns die Wissenschaftler der ETH Zürich erzählen, gibt es gar keine Mangelsituation. Vorzugsweise in den Wüsten der Welt, wo es sowieso kaum Leben gibt und also nichts zerstört wird, könnte man, wenn man wollte, gigantische Solaranlagen errichten, die synthetische Treibstoffe produzieren und den Weltbedarf abdecken. Das Leben könnte grade so weitergehen wie bisher oder sogar noch bequemer werden.

Diese Geschichte der Fülle, der Verschwendung und eines Lebens im technischen Schlaraffenland ist genauso möglich wie die Geschichte, dass wir nachhaltig wirtschaften, uns einschränken und klein machen müssen. Die Geschichte, dass wir bescheiden werden und uns überdies in unserer Bescheidenheit kontrollieren lassen müssen, ist die mächtigere der beiden Varianten. Tatsächlich werden überall in Europa in den Haushalten ja schon intelligente Stromzähler eingebaut, die uns in absehbarer Zukunft vorschreiben werden, wann wir die Waschmaschine einschalten dürfen und wann nicht. Warum tun wir uns das an?

Die Frage ist, warum wir lieber an eine Geschichte des Mangels und der Einschränkung glauben als an eine Geschichte der Fülle und der Verschwendung? Wieso findet die Geschichte des synthetischen Benzins nicht dieselbe oder sogar mehr Resonanz als die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters? Zumal die Geschichte mit dem künstlichen Treibstoff weniger Lücken und Brüche hat als die Mangelgeschichte und uns ein deutlich angenehmeres Leben bieten würde. Das ist doch seltsam, oder?

Auf diese Frage gibt es zwei unterschiedliche Antworten. Die erste Antwort ist, dass die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters und des darauf folgenden Mangels eine religiöse ist und dass es hier wie in allen religiösen Geschichten darum geht, die Mitmenschen in Angst und Schrecken zu versetzen und auf diese Weise nicht nur in Abhängigkeit, sondern auch klein zu halten. Das Herrschaftsinstrument aller religiösen Gruppierungen ist und bleibt nun mal die Angst, die man verbreitet. So eben auch hier.

Die zweite und das ist meine persönliche Antwort ist, dass ich in diesem technischen Schlaraffenland nicht glücklich bin. Ich brauche nicht noch mehr Straßen, noch mehr Hochhäuser, noch mehr Gewerbegebiete, noch mehr Ölraffinerien, noch mehr Stromleitungen, noch mehr Kondensstreifen am Himmel und noch mehr technischen und sonstigen Schnickschnack um mich herum. Die Welten wie sie in Star Wars, Blade Runner und anderen SF-Filmen gezeichnet werden, sind für mich Horrorwelten. Ich habe kein gesteigertes Verlangen danach, in Flugbooten durch irgendwelche Straßenschluchten zu rasen und die Nacht vollständig zum Tag zu machen oder umgekehrt. Ich brauche zum Glücklichsein Weite, Natur, Tiere und Pflanzen um mich herum, und das Ganze möglichst abwechslungsreich und bunt gestaltet.

Im selben Maß, wie die technisch-industrielle Welt um mich herum zunimmt, lähmt sie mich und nimmt mir die Lebensfreude. Ich denke automatisch, so wie die Welt in meiner Kindheit war, war sie noch in Ordnung. Klar, das ist natürlich subjektiv. Jeder technische Fortschritt, den ich live miterlebt habe, hat die Welt für mich nicht verbessert, sondern bei näherer Betrachtung immer mehr Nach- als Vorteile für mich gehabt. Allerdings bin ich schon in eine Welt mit Kühlschrank, Waschmaschine und Auto hineingeboren. Wobei sich die Zahl der Autos damals nicht mit der von heute vergleichen lässt.

Deshalb ist jede Geschichte, die den technischen Fortschritt zugunsten einer natürlichen Umwelt eindämmt, für mich zuerst mal eine gute Geschichte. Aber die Geschichten müssen wahr sein. Je wahrer, desto besser. Eine unwahre Geschichte bewirkt nämlich genau das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist.

Die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters und den erneuerbaren Energien als zukunftsträchtiger Ersatz ist eine unwahre Geschichte, wenn sich Öl künstlich aus Sonnenlicht, Kohlenstoff und Wasser herstellen lässt. Die erneuerbaren Energien, so wie sie derzeit eingesetzt werden, haben bei näherer Betrachtung mehr Nach- als Vorteile und können unseren auf eine gewisse Konstanz angewiesenen Energiebedarf nicht decken. Das ist nämlich physikalisch nicht möglich, und gegen die Gesetze der Physik kommen unsere Geschichten dann doch nicht an. Diese Geschichte wird uns also nicht in die angenehme Zukunft führen, wie ich sie mir und vielleicht auch viele andere sich erträumen. Sondern in eine Diktatur. Wenn die Geschichte so umgesetzt wird, wie sie erzählt wird, läuft es darauf hinaus, die Menschen an die volatilen Energieträger Sonne und Wind anzupassen. Konkret sieht das so aus, dass dem Menschen die Energiemenge zugeteilt wird, die er verbrauchen darf. Und da gibt es eben jemand, der das bestimmt. Ob das nun ein Diktator, eine Öko-Partei, eine Expertenkommission oder eine KI ist, ist im Endeffekt egal. Die intelligenten Stromzähler sind schon mehr als nur ein Schritt in diese Richtung.

Wir sollten gründlich über die Geschichten nachdenken, die wir uns selber und unseren Mitmenschen erzählen. Es ist gut möglich, dass der bevorstehende Energiemangel in Wirklichkeit erst durch die Maßnahmen erzeugt wird, die aufgrund der Geschichten vom Ende des Öls und von den erneuerbaren Energien ergriffen werden.