Ein neues Menschenbild

In den vergangenen Jahrtausenden hat sich der Mensch über sein Verhältnis zu Gott definiert. Im Polytheismus tritt an die Stelle eines einzigen Gottes ein ganzes Pantheon von Göttern. Im Pantheismus, wie er heute in vielen spirituellen Richtungen vertreten wird, gibt es keinen personifizierten Gott, dafür jedoch das Göttliche als geistigen Urgrund, das als Universum, als Evolution, als Natur für uns sichtbar wird. Das Prinzip bleibt jedoch immer dasselbe: Erst in seinem Verhältnis zu Gott oder dem Göttlichen weiß der Mensch, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf. Doch ist es wohl gerade umgekehrt: der Mensch schuf Gott zu seinem Bilde. Die jeweiligen Gottesbilder, die sich durch die Zeit hindurch und in den verschiedenen Religionen wandelten, gaben den Menschen Orientierung und sagten ihnen, wer sie sind. In Gott erkannten sie sich selbst. Oder anders: Gott war das Spiegelbild des Menschen. Er war das kollektive Bewusstsein, das sich, tausendfach gebrochen, in den Individuen widerspiegelte.

Der wissenschaftliche Mensch der Neuzeit hat Gott zur bloßen Hypothese erklärt und damit den Spiegel zerbrochen. Wo immer Gott an Bedeutung verliert, weiß der Mensch nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist. Mit Gott hat der Mensch seine bisherige Orientierung verloren. Er muss sich neu bestimmen.

Der Darwinismus bietet eine alternative Erklärung: Der Mensch stammt vom Affen ab. Diese Erklärung ist heute weitgehend akzeptiert und wird in den Schulen gelehrt, trotzdem bleiben viele Fragen offen: Warum hat der Mensch Geist? Warum kann er über etwas nachdenken? Woher kommt das Bewusstsein vom Tod? Was ist Leben? Woher kommt es? Was ist der Sinn von allem? Wonach kann ich mich richten, wenn Ethik und Moral nicht mehr gottgegeben, sondern lediglich gesellschaftliche Übereinkunft sind? Und nicht zuletzt: Warum sind ausgerechnet wir, die Vernunftbegabten, eine Spezies, die dabei ist, diesen Planeten in eine Wüste zu verwandeln? Warum tun wir das? Wenn der Mensch für das sechste große Artensterben verantwortlich ist, was bedeutet dann Vernunft? Wer sind wir eigentlich?

Für die Abstammung des Menschen vom Affen hat die Wissenschaft inzwischen so viele Beweise geliefert, dass man dies erstmal getrost als gegeben hinnehmen kann. 98%  unseres Genmaterials ist mit dem von Schimpansen identisch. In der Archäologie hat man zahlreiche Knochenreste gefunden, die den Übergang vom Affen zum Menschen dokumentieren. Wenn man Schimpansen und Bonobos in ihrem Verhalten beobachtet, kann man die Verwandtschaft auch nicht leugnen. Die Frage, warum der Mensch Geist, Sprache, Kultur und Technik entwickelt hat und in die Lage versetzt worden ist, den ganzen Planeten umzukrempeln, bleibt jedoch unbeantwortet. Warum ist der Schimpanse dabei geblieben, mit Steinen Nüsse zu knacken und mit Zweigen nach Ameisen zu pulen? Warum baut er keine Städte, verehrt keine Götter und fliegt nicht zum Mond? Was unterscheidet den Schimpansen vom Menschen?

Meine Antwort lautet, der Mensch hat Geist entwickelt, weil er angefangen hat, mit dem Feuer zu spielen. Der Umgang mit dem Feuer zwang unseren Vorfahren Verhaltensweisen auf, die nicht im Instinkt verankert waren, sondern diesem gerade diametral entgegenstanden. Diese neuen Verhaltensweisen mussten irgendwo gespeichert werden, damit sie an die Nachkommen weitergegeben werden konnten. Deshalb war es notwendig geworden, ein größeres Gehirnvolumen zu entwickeln und nur deshalb konnte die entsprechende Mutation sich beim Menschen durchsetzen. Die aus dem Umgang mit dem Feuer entwickelten Techniken und Verhaltensweisen werden nicht intrinsisch als Instinkt weitergegeben, sondern extrinsisch über Erziehung, Kultur und Zivilisation. So gut wie unsere ganze Technologie, vom ersten Lagerfeuer bis hin zur Atombombe und zu Quantencomputern, ist eine Folge davon, dass vor ein bis zwei Millionen Jahren schimpansenähnliche Wesen anfingen, mit dem Feuer zu experimentieren. Der Geist, den der Mensch entwickelt hat, ist ein Feuergeist.

Als Menschen sind wir also mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. Und damit sind wir ein verkörperter Widerspruch.

„Aristoteles … glaubte: Alles Lebendige strebt nach Sein. Dieses Streben ist seine Seele. Ein Wesen sehnt sich zu sein, zu dauern, mehr zu sein, als es ist. Es dürstet danach, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten, mehr von diesem kostbaren Stoff aufzusaugen – von einem Stoff, dessen man nur habhaft wird, wenn man atmet. Dieser Durst ist das Leben. Der Lebenswunsch trägt einen Organismus wie die Woge den Schwimmer.“ (Weber, S. 32)

Leben ist nicht nur Fülle, sondern Überfülle. Da alles sein will und danach strebt, mehr zu sein, ist exponenzielles Wachstum die unausweichliche Folge. Da der Planet nicht mitwächst, führt exponenzielles Wachstum der Lebewesen, die ihn besiedeln, schließlich dazu, dass das Leben aufgrund seiner Überfülle an sich selbst erstickt und kollabiert. Um die Überfülle zu bändigen, hat die Natur tief in die Trickkiste gegriffen. Sie hat die Eiszeiten und die Jahreszeiten erfunden, den Stoffwechselkreislauf, der darin besteht, dass Eines das Andere frisst, komplizierte Balzrituale und … und …  – den Waldbrand, das Feuer.

Die Geschichte des Feuers auf unserem Planeten ist so alt wie die Geschichte der Vegetation selbst. Der geologische Nachweis von Waldbränden ist so alt wie der Nachweis von Waldvegetation: ungefähr 350 Millionen Jahre. Das heißt, mit den Wäldern entstanden gleichzeitig auch die Waldbrände. Beides gehört unabdingbar zusammen. Das Feuer war notwendig, damit die Wälder nicht an sich selbst erstickten, damit sie sich von Zeit zu Zeit verjüngen konnten.

Feuer ist der Gegenspieler des Lebendigen. „Sein unmittelbarer Effekt ist zerstörerisch. Es löst die hochkomplexen Strukturen organischer Substanzen auf und reduziert sie zu Asche und Rauch. Dieses Ergebnis ist irreversibel; es ist unmöglich, dass sich die Überreste wieder in ihre ursprünglichen Formen und Farben zurückverwandeln.“ (Goudsblom, S. 11)

Maßlos, zerstörerisch, irreversibel, ziellos, sich selbst erzeugend – das sind die Eigenschaften des Feuers. Es sind auch die Eigenschaften unseres menschlichen Geistes. Deshalb führt unsere Vernunft dazu, dass wir uns wie ein Feuerbrand über den Planeten ausbreiten und dabei sind, die lebendige Natur in unlebendige Technosphäre zu verwandeln. Unter Technosphäre werden sämtliche, von Menschenhand erschaffenen Artefakte verstanden: Häuser, Straßen, Städte ebenso wie Autos, Kraftwerke, Telefonnetze oder Kugelschreiber, Bücher und Computer. Wissenschaftler der Universität von Leicester haben errechnet, dass die gesamte Technosphäre inzwischen 30 Billionen Tonnen wiegt. Das ist hunderttausendmal mehr als das Gewicht aller sieben Milliarden Menschen zusammengenommen, mehr als 50 kg auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche.

Wie alle Lebewesen wollen wir uns ausbreiten, entfalten und vermehren. Wir wollen mehr von dem, was Leben ist, und mehr hinterlassen, als wir am Anfang hatten. Wir tragen den Durst nach Leben in uns. Wir sind dieser Durst nach Leben. Wir breiten uns solange aus, bis wir an Grenzen stoßen. Dank unseres Geistes ist es uns gelungen, die meisten Grenzen zu überwinden, und wo wir sie nicht überwinden können, sie wenigstens zu verschieben, wie bei der Lebenserwartung. Unsere Fressfeinde haben wir weitgehend ausgerottet oder dahin vertrieben, wo sie uns nicht gefährlich werden können. Wir haben gelernt, in stark variierenden Klimaverhältnissen zurechtzukommen und mit Krankheiten fertig zu werden. Was wir noch nicht können, ist, andere Planeten zu besiedeln. Möglicherweise ist uns hier definitiv eine Grenze gesetzt, denn bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass wir die ungeheuren Entfernungen jemals überwinden können.

Als Menschen sind wir mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. In uns begegnen sich exponenzielles Wachstumspotenzial und exponenzielles Zerstörungspotenzial. Beide Potenziale sind maß- und grenzenlos. Unser Wachstumspotenzial kann den Planeten verwüsten. Unser Zerstörungspotenzial ebenso. Und irgendwie sind wir da schon gut unterwegs. Was die Verwüstung angeht, liefern sich das Bevölkerungswachstum und das Wachstum der Technosphäre ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Der Phasenübergang vom Jäger und Sammler zum Metallurg, Händler, Krieger und Bauer in der Bronzezeit gab uns die Mittel in die Hand, die ganze Erde in Technosphäre zu verwandeln, eine Entwicklung, die durch die Industrielle Revolution eskaliert ist. Die Digitale Revolution hat zum Inhalt, nach der Erde nun auch den Menschen selbst in Technosphäre zu verwandeln. Das ist der Weg, den wir gehen. Im gleichen Maße, wie wir die Umwelt in eine technisch-künstliche verwandeln, verwandeln wir selbst uns in Cyborgs.

Ob wir uns durch exponenzielles Wachstum oder durch exponenzielle Zerstörung vernichten, ist eigentlich egal.

Bleibt in dieser anscheinend ausweglosen Situation ein Ausweg? Besteht die Aufgabe als Mensch vielleicht darin, das Wachstums- und das Zerstörungspotential gegeneinander auszugleichen, sodass sie sich wechselseitig selbst begrenzen? Können wir als Menschheit zumindest noch paar hunderttausend Jährchen überleben, wenn wir lernen, uns selbst ein Maß zu setzen, uns selbst zu begrenzen?

Seit jeher tragen Menschen auch einen asketischen Hang zur Selbstbegrenzung in sich. Gnóthi seautón, erkenne dich selbst, und medén ágan, nichts im Übermaß: so lauten zwei Inschriften im Apollotempel von Delphi. Vielleicht haben diese uralten Worte ja immer noch Gültigkeit.

In vergangenen Tagen wurden Selbsterkenntnis und Maßhalten über die Religionen vermittelt. Mit dem Zusammenbruch der Gottesbilder und der Durchsetzung des wissenschaftlichen Weltbildes sagen die Religionen den meisten Menschen nicht mehr viel. Aber wenn man auf dem wissenschaftlichen Weg zum selben Ergebnis kommt, handelt es sich bei Selbsterkenntnis und Maßhalten womöglich um etwas, das über den Zeitgeist hinausgeht, nämlich um fundamentale Weisheiten, die dem Leben an sich dienen.

Literatur:
Goudsblom, Johan: Die Entdeckung des Feuers. 2000
Weber, Andreas: Alles fühlt. 2008

Die Zähmung des Feuergeistes

Der Mensch des 21. Jahrhunderts wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein.

Das sind Worte von Willigis Jäger, dem bekannten Zen- und Kontemplationsmeister, dessen Anliegen es ist, die spirituellen Wege des Ostens und Westens unter einem Dach zu vereinen. Dieses Dach gibt es schon und unter dem Dach ein stattliches Anwesen: der Benediktushof in Holzkirchen.

Mystiker im 21. Jahrhundert sind jedoch keine Menschen mit geheimnisvollen Visionen, ekstatischen Verzückungen oder übernatürlichen Gaben, sondern Menschen, die sich einer manchmal ganz schön ermüdenden und vor allem langwierigen Geistesschulung unterziehen, wobei die oben angeführten Phänomene als Hindernisse auf dem Weg und nicht als Fortschritt gelten. Bei der Geistesschulung in der Tradition des Benediktushofes geht es darum, aus dem sich unaufhörlich selbst antreibenden Gedanken-und-Emotionen-Karussell auszusteigen, um die Wirklichkeit live und unverstellt zu erleben. Es geht darum, eins mit dem Augenblick zu werden. Das ist Präsenz im Hier und Jetzt.

Wir müssen raus aus dem Ego-Tunnel. Das ist so einfach und doch so schwer.

So sagt Willigis oft unter Bezugnahme auf das Buch Der Ego-Tunnel von Thomas Metzinger. Und auch hier muss man sich erst mal wieder überlegen, was damit gemeint ist.

In einer beliebten Interpretation steht das Ego dem Selbst gegenüber und wird gegen dieses abgegrenzt. Das Ego ist die Abkürzung von Egoismus und damit wird gern alles verbunden, was wir schlecht an uns finden: die Triebe, die Emotionen, die Trägheit und außerdem alles, was irgendwie mit Kapitalismus, Ressourcenverschwendung und der schönen neuen Konsumwelt zu tun hat. Kurz gesagt, in all diesen Fällen ist das Ego der Sündenbock und muss als Grund dafür herhalten, dass wir nicht in Frieden miteinander und nicht im Paradies leben. Das Selbst hingegen steht für unsere gute, wahre und edle Natur, die vom Ego bloß verdunkelt wird.

Die Trennung in Ego und Selbst ist jedoch künstlich. Dahinter steht als Einheit das Ich, das sich aufspaltet, damit es im Spiegel immer noch was sehen kann, das ihm gefällt, selbst wenn es gerade dabei ist, die Welt zugrunde zu richten. Die Aufspaltung in Ego und Selbst ist ein raffinierter Trick, den unser Gehirn sich ausgedacht hat, damit es sich empören und trotzdem alles beim Alten belassen kann.

Das Ego, das Ich und das Selbst sind in Wirklichkeit keine unterschiedlichen Entitäten, sondern ein und dasselbe. Ego, Ich und Selbst sind, wenn man es ganz genau nimmt, noch nicht einmal eine Entität, sondern nur eine von unserem Gehirn produzierte Illusion, aber eine, die sich im Laufe von mindestens zwei Millionen Jahren herausgebildet hat und dabei immer komplexer geworden ist. Die Illusion eines Ichs ist nicht nur tief in den Strukturen unseres Gehirns verankert, sondern spiegelt sich auch in der Welt, wie wir sie uns bis heute erschaffen haben. Sie tarnt sich als Religion, Architektur, Technik, Wissenschaft, Schrift und Sprache und vieles andere mehr. Als Kultur und Zivilisation tritt sie uns unablässig vor Augen und bestätigt sich auf diese Weise permanent selbst.

Das Ich als Einheit aus Ego und Selbst ist das, was uns zu Menschen macht und uns vom Tier unterscheidet. Es ist ein höherstufiges, reflexives Selbstbewusstsein, das sich von der Selbstwahrnehmung, wie Schimpansen und manche andere Tiere sie haben, erheblich unterscheidet. Das Ich gibt uns unsere personale Identität und ist der scheinbare Träger all unseres Denkens und Handelns. Wie kam es zur Ausbildung dieser Ich-Struktur?

Vor etwa 2 bis 2,5 Millionen Jahren verließ eine Linie der Waldmenschenaffen die Regenwälder, um in die offene Savanne zu ziehen. Die Waldaffenmenschen verständigten sich vermutlich ähnlich wie Schimpansen durch Laute, Mimik und vor allem durch Gesten. Wie die Schimpansen benutzten sie wahrscheinlich schon Stöcke und knackten Nüsse mit Hilfe von Steinen. Wie die Schimpansen gaben sie solche Techniken durch wiederholtes Vorführen an andere weiter. Und wie manche Schimpansen setzten sich unsere Vorfahren vielleicht auch schon auf Blätterkissen, in der vagen Ahnung, dass dieses Sitzen auf dem Kissen noch einmal sehr wichtig werden könnte.

Von den affentypischen Tätigkeiten bis zur Atombombe, Mondlandung und der digitalen Informationsverarbeitung war es ein weiter Weg. Dieser Weg wäre nicht möglich gewesen, wenn unsere Vorfahren in der Savanne nicht einem Phänomen begegnet wären, welches ihr Leben grundlegend veränderte. In der Savanne kam es zur folgenschweren Begegnung von Waldaffenmensch und Feuer.

Wenn unser Vorfahr, der homo erectus, damals schon Worte gehabt hätte, um zu beschreiben, wie er das Feuer erlebte, hätte er es nicht viel anders beschrieben, wie in den Religionen heute noch immer das Übernatürliche beschrieben wird. Aus seiner subjektiven Sicht heraus muss ihm das Feuer als etwas Furchtbares und Gewaltiges erschienen sein. Feuer konnte ganze Landstriche verwüsten und seine ganze Horde auf einmal auslöschen. Feuer bereitete Schmerz und hinterließ Narben, nicht nur auf der Haut, sondern auch in der Landschaft. Feuer reagierte so ganz anders als ein Lebewesen und schien trotzdem irgendwie lebendig zu sein. Die tanzenden Flammen hatten etwas Geisterhaftes. Es wurde häufig von Blitz und Donner begleitet. Ein Feuersturm brüllte wie unzählige Raubtiere auf einmal.

Das alles wäre für den Waldaffenmenschen ein Grund gewesen, das Feuer zu meiden. Das hat er nicht getan. Stattdessen ist er im Laufe seiner Entwicklung eine immer enger werdende Symbiose mit dem Feuer eingegangen, sodass er schließlich ganz und gar davon abhängig wurde.  Was bedeutete es für die Entwicklung des menschlichen Geistes, dass er mit dem Feuer eine Symbiose eingegangen ist?

Das grundlegende Gefühl, dem die Tiere folgen, ist der Instinkt. Tiere in freier Wildbahn sind eins mit ihrem Instinkt. Sie können nicht gegen ihren Instinkt handeln. Das heißt, sie sind Ausdruck eines ursprünglichen, unverfälschten Gefühls. Aristoteles nennt diese innerste Wirklichkeit Seele. Beseelt heißt: voll und ganz vom Gefühl als der biologischen Kraft des Zusammenhalts erfüllt sein. Seele und Leben sind die beiden Seiten derselben Medaille.

Feuer hingegen erfordert ein Verhalten, das dem Instinkt zuwiderläuft, denn der Umgang mit Feuer und hier vor allem das Kochen bricht mit der einfachen Reflexkette Hunger – Nahrungssuche – Essen und verlangt stattdessen einen Umweg. Wenn zuerst Feuer gemacht und die Nahrung gekocht wird, können instinktive Bedürfnisse nicht sofort befriedigt, sondern müssen aufgeschoben werden. Zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung schiebt sich ein komplexer Ablauf, in dem verschiedene Individuen verschiedene Aufgaben erledigen. Während die einen Holz sammeln und Feuer machen, kümmern sich andere um die Beschaffung von Nahrung. Auf diese Weise wächst ein Bewusstsein für Arbeitsteilung sowie für den Ablauf von Kettenreaktionen, was die Grundlage für die Entwicklung eines Denkens bildet, das sich in Kausalitäten und Zusammenhängen vollzieht. Feuer erzwingt eine soziale Koordination, die nicht der hierarchischen Struktur der Gruppe entspricht. Da das Ausgehen des Feuers für die ganze Gruppe gravierende Folgen haben kann, entstehen Verantwortung und Pflicht im Rahmen von Gruppendruck. Anstelle instinktiven Verhaltens im Einklang mit der umgebenden Natur treten vom Feuer diktierte Prozesse, die mühsam erlernt, über eine Kultur bewahrt und dem Nachwuchs explizit weitervermittelt werden müssen. Damit das Rad nicht immer wieder neu erfunden werden muss, stützt sich die Gruppe auf Riten als standardisierte Verfahrensweisen, die eine erlernte Alternative zu den Instinkten bilden.

Mit dem Zuwiderhandeln gegen seine innerste Natur und sein instinktives Gefühl begann die rasante geistige Entwicklung des Menschen. Das Heraustreten aus dem Instinkt ist gleichbedeutend mit der Herauslösung aus der Natur und der Beginn von Kultur und Zivilisation. Es ist der Weg, den wir als Menschen gehen, der Weg in die Veräußerlichung. Zivilisationsprozess und Menschwerdung sind daher dasselbe.

In diesem Prozess hat der Mensch eine Menge kognitiver Fähigkeiten erworben. Vor etwa 500.000 bis 300.000 Jahren haben sich zum ersten Mal Jenseitsvorstellungen herausgebildet, die in den ersten Bestattungsritualen ihren Ausdruck fanden. Vor 200.000 bis 100.000 Jahren war unser Urahn wissenschaftlich tätig und stellte mit Birkenpech den ersten Klebstoff her. Vor 40.000 Jahren entwickelte er bildhafte Vorstellungen und bemalte Höhlenwände. Er begann zu zählen, indem er Kerben in Knochen ritzte. Und er stellte die ersten Tonstatuetten her. Vor 5.000 Jahren erfand er mit der Schrift die Möglichkeit, seine Gedanken außerhalb seiner selbst in unveränderlicher Form festzuhalten. In immer kürzeren Abständen kam es zu immer größeren Entdeckungen. Der Mensch veränderte sich selbst und die Welt in einem Maße wie noch kein Lebewesen vor ihm.

Das alles, diese Einheit aus Zivilisationsprozess und Menschwerdung, bildet die kollektive Ebene unserer Ich-Struktur, die durch eine individuelle Ebene aus persönlichen Erfahrungen und Prägungen ergänzt wird. Es ist also kein Wunder, wenn es uns so schwer fällt, all das mal für eine Weile hinter uns zu lassen und wieder in den Augenblick zu kommen.

In der Vergangenheit war es so, dass der Mensch in diesem vom Umgang mit dem Feuer ausgelösten Prozess der Getriebene war, denn dieser Prozess hat seine eigene Dynamik, der sich der Mensch nicht so ohne Weiteres entziehen kann. Diese Dynamik ist es, die uns inzwischen an den Rand der Selbstzerstörung gebracht hat. Wir sind an einen Punkt gekommen, an dem wir, wenn wir als Spezies überleben wollen, lernen müssen, den Prozess zu steuern und unseren Feuergeist zu beherrschen. Das geht nur im Rahmen einer Geistesschulung, wie sie beispielhaft im Benediktushof in Holzkirchen vermittelt wird.

Durch das Sitzen in der Stille, die permanente Rückkehr zum Atem, unabhängig davon, was an Gedanken, Bildern und Emotionen auftaucht, nimmt das mit diesen Geistestätigkeiten verbundene Erregungspotenzial langsam ab. Denkend hinterfragt sich das Denken und kommt zu dem Schluss, dass Denkprozesse eben gerade nicht geeignet sind, die Wirklichkeit angemessen zu erfassen. Das Ich erkennt nicht nur seine eigene Beschränktheit, sondern auch seinen illusionären Charakter. In seltenen Momenten fallen sowohl das Ich als auch das Denken weg. Es gibt weder Beobachter noch Beobachtetes. Sondern nur noch diesen Atemzug. Diesen Augenblick.

Lieber Willigis,
zu Deinem 90. Geburtstag ganz herzliche Glückwünsche. Ich wünsche Dir und uns allen, dass wir begreifen, was Du uns mit Deinem Hiersein und Deiner Lehrtätigkeit geschenkt hast. Mögen wir alle zu Mystikern des 21. Jahrhunderts werden.