Der große Unterschied

Menschen unterscheiden sich von Tieren. Auf der einen Seite stehen in dieser Unterscheidung also die Menschen, auf der anderen Seite die Gesamtheit aller Tiere. Das heißt, Menschen unterscheiden sich von Tieren ebenso sehr, wie sich Tiere von Pflanzen unterscheiden.

Die Verfasser des Alten Testaments haben angenommen, dass Gott im Rahmen des Schöpfungsprozesses grundsätzlich verschiedene Lebensformen erschaffen hat: Bevor es Sonne, Mond und Sterne gab, erschuf Gott am dritten Tag samenbringende Gräser und Kräuter sowie fruchttragende Bäume. Nachdem Gott am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne geschaffen hatte, ging er daran, das Wasser und die Luft mit Lebewesen zu bevölkern. Gräser, Kräuter und Bäume sind für die Bibelschreiber also Lebensformen, die unabhängig von den Gestirnen existieren können. Am sechsten Tag machte Gott das Vieh, das Gewürm und den Menschen. Domestizierte Landtiere, Bodenlebewesen und die Menschen gehören für die Bibelschreiber offenbar in dieselbe Kategorie. Es gibt in der Vorstellung der Bibelschreiber keine Wildtiere. Und auch keine Raubtiere. Die Welt der Jäger und Sammler wird total ignoriert. Das ist ein typischer Fall von Betriebsblindheit. Wir sollten uns jedoch nicht einbilden, dass dem modernen Menschen so was nicht mehr passieren kann. Die Welt im Zeitalter der industriellen Revolution als göttliches Uhrwerk zu interpretieren, ist ebenso ein Fall von Betriebsblindheit, wie im Zeitalter der Digitalisierung den Urstoff des Seins in der Information zu sehen.

Heute gehen wir davon aus, dass das Leben eine Einheit ist, die sich im Rahmen der Evolution in die Vielheit ausgefaltet hat. Wir benutzen gerne das Bild von einem Baum, der sich von einem einzigen Stamm her in Äste aufteilt und sich immer mehr verzweigt. Wir glauben daran, dass alles Leben einen gemeinsamen Ursprung hat. Alle Lebewesen verbindet der universell gültige Code der DNA, der stets aus denselben Nukleinsäuren und denselben Aminosäuren aufgebaut ist. Unterschiede gibt es nur in der Anzahl und Anordnung der Bausteine, während die Bausteine überall dieselben sind.

Wir glauben heute, dass das Leben irgendwann vor etwa vier Milliarden Jahren in heißen Quellen am Meeresboden begann, als eine Mischung anorganischer Substanzen aus irgendeinem unerfindlichen Grund plötzlich lebendig wurde. Ich habe so meine Zweifel an dieser Glaubensvorstellung, aber das soll jetzt nicht das Thema sein. Hier geht es erstmal nur um den fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Der Unterschied zwischen einem Löwen und einem Tiger gehört in eine andere Kategorie als der Unterschied zwischen Fischen, Insekten und Vögeln. Löwen und Tiger sind beides Raubtiere. Mensch und Schimpanse sind beides Säugetiere. Mensch und Schimpanse gehören beide zu den Primaten, doch ist der Unterschied zwischen Gorilla, Orang-Utan, Bonobo und Schimpanse ein anderer als der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse. Die Frage ist nun, was diesen Unterschied genau ausmacht.

Es wird gerne gesagt, dass sich der Mensch durch Werkzeuggebrauch, Sprache, Selbst- und Todesbewusstsein grundsätzlich vom Tier unterscheidet. Oder durch den aufrechten Gang. Nur stimmt das so nicht. Auch Schimpansen benutzen Werkzeuge. Mit Hilfe von Steinen knacken sie Nüsse. Mit Hilfe von Stöcken angeln sie Termiten. Wieder andere basteln sich Kissen aus Blättern. Schimpansen können durchaus auf zwei Beinen laufen.

Der Mensch unterscheidet sich von seinen nächsten Verwandten also nur durch das Ausmaß des Werkzeuggebrauchs, aber der Werkzeuggebrauch selber ist kein Alleinstellungsmerkmal. Dasselbe gilt für die Sprache. Affen sind durchaus in der Lage, ihren Lauten und Gesten einen semantischen Gehalt zuzuordnen. Anscheinend lügen sie sogar. Das heißt, ein Schimpanse, der es auf die Banane seines Kumpels abgesehen hat, stößt auch schon mal den Schlangen-Warnruf aus, damit der Kumpel die Banane Banane sein lässt und davonrennt. Auch das Selbst- und dem Todesbewusstsein ist in vielen Tieren bereits angelegt, mithin kein Alleinstellungsmerkmal.

Der Mensch ist zwar nicht das einzige Lebewesen, das Feuer nutzt, aber er ist das einzige Lebewesen, das Feuer machen kann. Von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, das Feuer zu kontrollieren und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Andererseits gibt es keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist.

Nun könnte man sagen, das Feuer gehört zur Gruppe der Werkzeuge. Die meisten Anthropologen, Biologen und sonstigen Forscher sehen zwischen der Benutzung eines Steins und der Benutzung eines Feuers keinen großen Unterschied.

Doch Feuer ist eben gerade kein Werkzeug wie ein Stein oder ein Stöckchen, sondern ein Prozess, der, einmal in Gang gesetzt, eine Eigendynamik entfaltet. Kein anderes Lebewesen außer dem Menschen setzt bewusst einen Prozess oder einen Mechanismus in Gang, um damit ein gesetztes Ziel zu erreichen. Das ist absolut einzigartig. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Technologien sind nichts anderes als Möglichkeiten zur Ingangsetzung von Prozessen. Die Agrarisierung ist nichts anderes als die Ingangsetzung von Prozessen, die von der Natur abgekupfert wurden. Mit der Erfindung des Verbrennungsmotors und der Dampfmaschine und nun der Digitalisierung hat der Mensch die Möglichkeiten, Prozesse in Gang zu setzen, ins Unendliche potenziert.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Tiere, Pflanzen und Menschen sind immer Teil von natürlichen Prozessen. Der umfassendste Prozess, den wir kennen, ist die Evolution. Aber es ist niemand da, der die Evolution steuert. Es sei denn, man glaubt eben an Gott bzw. an intelligent design. Im Grunde genommen kann nur einer Prozesse bewusst in Gang setzen, und das ist eben gerade Gott. Das ist ihm sogar wesensimmanent. Da der Mensch ebenfalls Prozesse in Gang setzt, ist er eher Gott denn Tier. Und das stimmt, denn Gott ist ja nichts anderes als eine ins Absolute übersteigerte Selbstprojektion.

Feuer ist ein anorganisches Element wie Wasser, Erde oder Luft. Diese vier Elemente sind für die Gestaltung eines Lebensraums wesentlich. Auf dem Mars gibt es kein Leben, weil es an Wasser und Atmosphäre mangelt. Physiker glauben, dass das ganze Universum aus einem Feuerball mit schier unvorstellbaren Temperaturen hervorgegangen ist.

In den alten Mythologien erscheint die Erde häufig als Insel oder Berg, die auf einem Urmeer schwimmt, das bei den Griechen Okeanos, bei den Ägyptern Nun heißt. Wasser ist für uns moderne Menschen nach wie vor der Entstehungsort für Leben. Feuer ist unserer Vorstellung jedoch der Entstehungsort fürs ganze Universum. Mithin ist in unserer Vorstellung Feuer die göttliche Schöpferkraft schlechthin. Weil sie gelernt haben, das Feuer zu kontrollieren, verhalten sich Menschen wie Götter und unterwerfen seit der Agrarisierung Pflanzen und Tiere. In Wirklichkeit hat das Feuer den Affen in seinen Bann gezogen und macht mit ihm, was es will.

Jane Goodall hat Schimpansen beobachtet, die in der Nähe eines Wasserfalls ein seltsames Verhalten zeigten. Sie schienen in Trance zu versinken und sich dabei in einer Art Tanz zu wiegen. Goodall interpretierte dieses Verhalten als Anfänge von religiösem Verhalten. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber es ist doch erstaunlich, dass Schimpansen dieses merkwürdige Verhalten in Gegenwart von Wasser an den Tag legen. Und nicht in Gegenwart von Vulkanen, Waldbränden oder Sonnenlicht.

Der Mensch kann ohne Feuer nicht leben. Als er ohne Feuer gelebt hat, war der Mensch noch kein Mensch, sondern ein Affe. Seit wann der Mensch Feuer benutzt, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Die älteste, von Menschen benutzte Feuerstelle ist eine Million Jahre alt. Vor einer Million Jahren gab es den Homo sapiens noch gar nicht. Schon der Homo erectus, der Denisova-Mensch und der Neandertaler kannten das Feuer und organisierten ihr soziales Leben um die Feuerstelle herum.

Der Umgang mit dem Feuer hat aus einem Affen den Menschen gemacht. Deshalb muss man, wenn man etwas über die Menschwerdung sagen will, den Affen und das Feuer zusammen denken. Die einfache Formel lautet:

Affe + Feuer = Mensch

Die Kombination aus Affe + Feuer ergibt eine neue, noch nie da gewesene Lebensform, die sich von allen anderen Tieren grundlegend unterscheidet. Das bestätigen die 30 Billionen Tonnen Technosphäre, mit denen wir uns bereits jetzt umgeben und die uns von der Natur mit ihren Tieren und Pflanzen für immer trennen.

In dem Moment, in dem unsere Spezies angefangen hat, mit dem Feuer zu hantieren, hat der Affe aufgehört, unser Bruder zu sein. Ich stelle das nicht aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus fest, eher mit einer gewissen Trauer. Die Loslösung aus dem Tierreich und aus der Natur deute ich als Verlust und nicht als Gewinn. Denn da, wo der Mensch in seiner Entwicklung hingeht, begegnet er nicht mehr dem Anderen, sondern nur noch ins Unendliche vervielfältigten Spiegelbildern seiner selbst. Der Weg, den der Mensch geht, führt in die absolute Einsamkeit, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen.

 

Die angebliche Liebe zur Natur

Naturliebhaber zu sein, ist absolut in. Ein großer Teil der meinungsbildenden Stadtbewohner setzt sich verbal dafür ein, die Natur zu bewahren, nachhaltig zu wirtschaften, bescheiden zu leben, biologisch angebaute Nahrungsmittel zu konsumieren, auf alternative Energien umzusteigen, dem Raubbau und dem Artensterben ein Ende zu bereiten, den Müll zu recyclen und in Frieden nicht nur mit allen Menschen, sondern auch mit der Natur zu leben. Der Mensch liebt den Wald. Er liebt die Tiere. Er liebt seinen Garten. Bei so viel gutem Willen und so viel Liebe muss man sich doch fragen, warum unser Heimatplanet trotzdem immer weiter zerstört wird.

Um die fortschreitende Zerstörung zu erklären, sucht der naturliebende Mensch einen Sündenbock und den findet er im Kapitalismus, unserem Geld- und Wirtschaftssystem, den Superreichen oder anderen Verschwörern. Das ist bequem, denn so muss der Mensch sich nicht selbst hinterfragen. Stimmt es denn, dass der Mensch die Natur liebt? Ist es nicht vielmehr so, dass der Mensch die Natur verachtet und deshalb alle wesentlichen Naturprinzipien bewusst ins Gegenteil verkehrt? Ist es nicht so, dass der Mensch auf eben diese Abwendung von der Natur stolz ist und die damit verbundenen Verhaltensweisen zu wertvollen Tugenden erklärt? Ich möchte das mal gern an einigen Beispielen zeigen.

Das Verhältnis von alt und jung

Tiere sind fast das ganze Jahr über mit Balz, Paarung und Aufzucht der Jungen beschäftigt. Für die Eltern ist das nicht selten ein ziemlicher Stress. Trotzdem ziehen erwachsene Tiere ihre Jungen auf, ohne dass dabei irgendeine Form von Verpflichtung der Jungen gegenüber den Alten entsteht. Sobald die Jungen das dafür vorgesehene Alter erreicht haben, ziehen sie ihrerseits wieder Junge auf, ohne sich jemals um die Alten zu kümmern. Dankbarkeit ist Tieren fremd. Wenn ein Alttier zu schwach geworden ist, sein Revier zu verteidigen, wird es von Jüngeren vertrieben. Wenn ein Tier nicht mehr für sich selber sorgen kann, stirbt es.

Einzig der Mensch betreibt einen Kult um seine Alten. Von Anfang an wird den Kindern Dankbarkeit gegenüber den Eltern eingetrichtert, gerade so, als hätten die Kinder darum gefleht, geboren zu werden. In armen Ländern gelten Kinder als familiäre Altersversorgung, in unserer westlichen Kultur als künftige Rentenzahler. Durch einen einseitig geschlossenen Generationenvertrag werden die Nachkommen darauf verpflichtet, für die Alten zu sorgen, nicht nur materiell, sondern auch in Form von Pflege und Zuwendung. Wer nicht für seine Eltern sorgen will, gilt als egoistisch, herzlos oder gar unmenschlich.

Religion heißt Rückbindung. Gemeint ist damit die Rückbindung an ein göttliches Wesen. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass Gott eine menschliche Projektion und in diesem Sinne in der Regel ein übersteigertes Elternbild darstellt, dann bedeutet Religion nichts anderes als die Rückbindung der Jungen an die Alten. Das Christentum lehrt uns, dass der Sohn für die Werke des Vaters geradestehen und, wenn nötig, sein Leben geben muss, um den Murks des Alten zu retten. Aus eben diesem Grund ist Jesus am Kreuz für die Menschheit gestorben.

Im Tierreich geben die Elterntiere uneigennützig und bereitwillig ihre Lebensenergie für den Nachwuchs. Menschlich hingegen ist es, von den Nachkommen zu fordern, dass sie einen nicht geringen Teil ihrer Lebensenergie für die Eltern oder allgemein für die Alten zu opfern haben, sei es als direkte Zuwendung oder in Form von Zahlungen. Die Alten nutzen das weidlich aus, indem sie immer älter und immer mehr werden. In hochzivilisierten Staaten sehen wir uns dem Paradoxon gegenüber, dass es inzwischen mehr Alte als Kinder zu versorgen gibt. Wenn die Alten die Lebensenergie ihrer Nachkommen für sich in Anspruch nehmen, bleiben den Nachkommen weniger Mittel und weniger Zeit, sich um die eigenen Kinder zu kümmern. Entsprechend werden in solchen Gesellschaften, wo die Alten die Jungen über Gebühr beanspruchen, zu wenig Kinder geboren, was mittelfristig zur Vergreisung der Gesellschaft führt.

Wo die Jungen nicht für die Alten Verantwortung übernehmen müssen, können sie neue Wege gehen. Tiere sind frei, sich den verändernden Lebensumständen anzupassen. Der Mensch kann das nicht. Der junge Mensch wird von Anfang an gezwungen, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten und stur den bereits ausgelatschten Pfaden zu folgen. Der Zwang vermittelt sich dem jungen Menschen über Erziehung, Bildung, Berufstätigkeit, Werbung oder allgemeiner, über die Erwartungshaltung der Gesellschaft. Das geht so lange, bis der Zwang inkarniert ist und der junge Mensch selber glaubt, dass seine wahre Lebensaufgabe darin besteht, sich in den Dienst der Alten zu stellen. Zumindest gilt das für Frauen und Töchter. Deshalb kann unsere Gesellschaft sich gar nicht verändern, kann sich der Mensch nicht veränderten Umständen anpassen, mag das Geschrei nach Veränderung auch noch so laut sein. Wahlfreiheit besteht nur an der Oberfläche. Der junge Mensch kann zwischen verschiedenen Berufen wählen, aber dass er einen Beruf ergreifen und sich damit in den Dienst der Gesellschaft stellen muss, steht nicht zur Debatte.

Tiere werden vom Instinkt geleitet. Wo dies nicht der Fall ist, lernen sie durch Nachahmung. Dabei sind die Jungen frei, die Alten nachzuahmen. Diese Freiheit hat der Mensch seinen Kindern genommen. Kinder dürfen nicht frei entscheiden, was sie lernen wollen, sondern werden in ein rigides Schulsystem gepresst, in dem die Alten entscheiden, was für die Jungen wissenswert ist. Was ist das also für eine Liebe, die der Mensch seinen Kindern gegenüber empfindet? Ist es nicht so, dass die Tiere ihre Jungen mehr lieben als der Mensch, der aus seinen Kindern, noch bevor sie überhaupt geboren sind, bereits ein Mittel zum Zweck macht?

Das Verhältnis von lebenstüchtig und untüchtig

Im Tierreich überleben nur die Lebenstüchtigen und auch nur solange, wie sie das Leben meistern. Die Untüchtigen sterben früh. Ebenso die Lustlosen und Müden. Das ist ein ebenso einfaches wie hartes Naturgesetz. Doch ist es wirklich hart, wenn man davon ausgeht, dass die Tüchtigkeit dem Lebenswillen entspricht? Ist es im Gegenteil nicht weise, dass diejenigen leben, die sich für den Erhalt ihres Lebens anstrengen und ihr Leben verteidigen, und dass diejenigen sterben, die das nicht tun? Tiere zeigen täglich, dass ihnen ihr Leben etwas bedeutet.

Beim Menschen klaffen Lebenswille und -tüchtigkeit auseinander. Wir gehen davon aus, dass auch derjenige leben will, der das Leben selbst nicht meistert und dauerhaft auf die Hilfe von Anderen angewiesen ist. Lebensuntüchtige Mitglieder unserer Gesellschaft zu unterstützen, halten wir für eine unserer wertvollsten menschlichen Qualitäten. Ja, es ist sogar so, dass unsere Gesellschaft immer mehr lebensuntüchtige Mitglieder hervorbringt, nur damit wir eben diese typisch menschliche Eigenschaft voll ausleben können. Die Lebensuntüchtigen bekommen inzwischen durchaus mehr Aufmerksamkeit als die Tüchtigen. Zahllose Berufe im sozialen Bereich haben ihren Sinn und Zweck einzig und allein darin, die Untüchtigen zu fördern und zu unterstützen. Das ist mit ein Grund, warum es immer mehr arme, kranke, süchtige und andere hilfsbedürftige Menschen gibt. Ja, an manchen Schulen geht man heute sogar so weit, dass sich die tüchtigen, fleißigen und ehrgeizigen Kinder in ihrem Lerntempo den untüchtigen anpassen müssen. Tüchtigkeit, Fleiß und Ehrgeiz sind in Verruf geraten. Den Tüchtigen wird auch keineswegs dafür gedankt, dass auf ihre Kosten die Untüchtigen am Leben erhalten werden. Im Gegenteil, die Untüchtigen halten es für ihr gutes Recht, auf Kosten der Tüchtigen und Ehrgeizigen zu leben. Ein Großteil der Menschen glaubt heute sowieso, dass der Staat für sie sorgen muss.

Im Tierreich sorgt jedes erwachsene Tier für sich selbst. Wo Tiere in Herden leben, muss in der Regel doch jedes Tier seine Nahrung selber suchen und wird nicht von anderen gefüttert. Wenn es bei den Bienen eine Ausnahme gibt, dann nur deshalb, weil die Bienenkönigin für den gesamten Nachwuchs zuständig ist. Wenn Tiere gemeinsam jagen, bestimmt die Hierarchie, welches Tier zuerst von der Beute fressen darf, und das ist das Alphatier. Das stärkste Tier frisst sich also zuerst satt und dann erst kommen die rangniedrigen und damit schwächeren zum Zug. Wenn die Nahrung knapp wird, stirbt zuerst das schwächste Tier, das in der Rangordnung ganz unten steht. Bei uns Menschen gilt es als egoistisch und  damit verwerflich, wenn der Stärkste sich kraft seiner Stärke zuerst bedient.

Das Alphatier ist dasjenige, von dessen überschüssiger Energie die anderen Mitglieder der Herde profitieren. Je höher ein Tier in der Rangordnung steht, desto nützlicher ist es für die Anderen, für die Gemeinschaft insgesamt. Dieser Nutzen für die Anderen ist jedoch nur ein Nebenprodukt der Sorge des Tiers für sich selbst. Indem das Tier erst mal für sich selbst sorgt, gibt es von seiner Kraft unwillkürlich an Andere ab. Immer ist es jedoch so, dass das Alphatier etwas gibt, von dem die Anderen profitieren. In unserer menschlichen Gesellschaft haben wir dieses Verhältnis ebenfalls gründlich auf den Kopf gestellt. Alphatiere sind bei uns diejenigen, die den Anderen etwas wegnehmen bzw. die anderen Mitglieder der Gemeinschaft ausbeuten. Alphatiere sind bei uns diejenigen, die Steuern erheben und/oder andere für ihren Gewinn schuften lassen.

Da das Alphatier dasjenige mit der höchsten Reproduktionsrate ist, werden im Tierreich positive Qualitäten gefördert, wie Stärke, Intelligenz, Geschicklichkeit, Vorsicht, geschärfte Sinne oder was auch immer. Das bringt eine Gruppe und sogar eine Spezies insgesamt weiter, langfristig profitieren alle Mitglieder, auch die schwächeren, von der Auswahl und Verstärkung positiver Qualitäten.

In unserer Gesellschaft fördern wir neben Untüchtigkeit und Hilfsbedürftigkeit auch eine Reihe weiterer Eigenschaften, die der Gruppe oder Spezies schaden. Es schwächt eine Spezies, wenn sich die Mitglieder gegenseitig ausbeuten, austricksen oder sonstwie Schaden zufügen.

Das Verhältnis von begrenzt und grenzenlos

Tiere unterliegen im Allgemeinen irgendwelchen Beschränkungen. Häufig sind Tiere an ihr Revier gebunden. Aber selbst da, wo Tiere lange Wanderungen unternehmen, bleiben sie ihren Wanderrouten treu. Eine Schwalbe, die in Afrika überwintert, kommt nicht auf die Idee, es zur Abwechslung doch mal in Asien zu versuchen. Wir staunen über die Lachse, die nach ihrem Ausflug ins Meer in den See zurückkehren, in dem sie aus den Larven geschlüpft sind.

Auch Jahreszeiten und die Rhythmen der Natur schränken die Lebensweise der Tiere ein. Im Frühling pflanzen sie sich fort, im Sommer und im Herbst fressen sie sich Speck an und im Winter werden alle Aktivitäten heruntergefahren. Manchmal, wie bei den Bären, wird der Winter sogar ganz verschlafen. Es gibt zwar Tiere, die tagsüber oder nachts aktiv sind, aber es gibt keine Tiere, bei denen der Tag- und Nachtrhythmus beliebig ist.

Eine weitere Begrenzung besteht darin, dass Tieren nur soviel Energie zur Verfügung steht, wie sie durch ihren Stoffwechsel selbst erzeugen.

Ganz anders der Mensch. Eines seiner wesentlichen Kennzeichen ist Mobilität und so verbringt er sehr viel Zeit in allen Arten von Fahrzeugen. Der Mensch lebt nicht länger ortsgebunden, sondern da, wo es ihn hinzieht oder wo er Arbeit findet. Millionen von Menschen pendeln zu ihren Arbeitsplätzen und machen Urlaub möglichst weit weg. Einer, der die ganze Welt bereist hat, wird von seinen Mitmenschen bewundert. In jeder Sekunde des Tages befinden sich heute mehr als eine Million Menschen in der Luft. Aber nicht nur der Mensch ist ständig in Bewegung, sondern er transportiert auch Unmengen von Gütern hin und her. Mit derselben Mahlzeit nimmt man Nahrungsmittel zu sich, die von verschiedenen Kontinenten stammen. Äpfel aus Neuseeland, Reis aus Vietnam, Kaffee aus Guatemala.
Der Mensch macht immer häufiger die Nacht zum Tag. Nicht nur im Krankenhaus wird Schichtdienst geleistet, überall fordern inzwischen auch die Maschinen Schichtdienste ein, weil der Dauerbetrieb mehr Profit abwirft. Dafür opfert der Mensch seinen geregelten Wach- und Schlafrhythmus. Durch den industriell-technischen Komplex verbraucht jeder Mensch überdies hundert- bis zweihundertmal so viel Energie, wie er selbst erzeugen kann, wenn er beispielsweise acht Stunden täglich auf dem Laufband oder mit einem Fahrrad Strom produziert. In Amerika sogar über vierhundertmal soviel und in Dubai werden auch schon mal die tausend überschritten. Was unseren Gesamtenergieverbrauch angeht, ist es für die Erde so, als würden sich mehr als eine Billion Menschen auf ihr tummeln.

Es ist also nicht länger die Natur, die dem Menschen Grenzen setzt, das besorgt der Mensch lieber selber, und so erfindet ein Teil der Menschheit eine Flut von Verordnungen und Vorschriften, nach denen sich alle gleichermaßen zu richten haben, ganz egal, in welcher Gegend und unter welchen Umständen sie auch immer leben mögen. Inzwischen schränken uns menschengemachte Vorschriften mehr ein, als die Natur es je vermocht hätte. Und ein Ende ist nicht abzusehen :-).

Die den Tieren von der Natur gesetzten Grenzen engen das Tier nicht ein, weil Grenzen und Lebensweise einander meistens entsprechen. Es sei denn, Trockenheit, Überschwemmungen oder sonstige Naturkatastrophen bringen den Ablauf durcheinander, was schon mal vorkommt und eine Herausforderung für die Tiere ist. Es gibt ja tatsächlich auch immer mal wieder Massensterben, aus Gründen, die wir häufig gar nicht kennen. Trotz oder gerade wegen solcher Schwierigkeiten können verschiedene Mitglieder oder Herden derselben Spezies unterschiedliche Gewohnheiten annehmen, unterschiedliche Fähigkeiten ausbilden oder sich genetisch verändern, ohne dass damit gleich die ganze Art in Frage gestellt wird. Gerade weil Tiere ihre Grenzen leben, können sie neue Wege gehen oder gar neue Arten bilden. Die Fähigkeit zur Evolution bleibt erhalten.

Jeder, der ein Geschäft gründen, kreativ tätig sein oder einen neuen Weg gehen will, macht die Erfahrung, dass ihn Staat und Gesellschaft massiv dabei behindern. Nirgendwo sind Geschäftsneugründungen so kompliziert wie in unserer Kultur. Dabei kann sich kaum noch Neues entwickeln. Stattdessen wird es immer mehr Menschen unmöglich gemacht, selbständig und selbstverantwortlich zu leben. Der Mensch, für sich genommen, kann sich nicht mehr weiterentwickeln, sondern degeneriert. Er wird schwächer, kränker und verliert Fähigkeiten, die er in der Vergangenheit erworben hat. Außerdem verschwinden allmählich die Unterschiede zwischen den Menschen. Dass alle Menschen gleich sein mögen, gehört zu unseren beliebtesten Leitbildern. Konkret heißt das jedoch, dass die Bandbreite dessen, was Mensch sein könnte, immer kleiner wird. Der Mensch nähert sich dem Durchschnitt an, wird zu Otto Normalverbraucher oder auch zum ununterscheidbaren Massenmenschen. Statt Vielfalt hervorzubringen, gibt es in den zivilisierten Ländern eine ausgesprochen starke Tendenz zur Gleichmacherei, bei der alle über denselben Kamm geschoren werden. Was sich hingegen weiterentwickelt, ist der industriell-technische Komplex und die existenzielle Abhängigkeit des Menschen von seinen Gerätschaften.

In der Natur erscheint das Leben als Fülle. Jedes Lebewesen verschwendet sich selbst und will mehr von dem Stoff, der Leben heißt. Kein Tier hält sich freiwillig zugunsten seiner Artgenossen bescheiden zurück. Kein Tier überlässt einem Anderen seine Vorteile, wenn es nicht muss. Jedes Tier ist gleichzeitig die Äußerung eines unbändigen Lebenswillens, es ist durch und durch lebendig.

Die Menschen haben hingegen den Mangel zu ihrem Credo erhoben. Sie sehen keine Fülle, sondern bloß ausgehende Ressourcen. Auf diesem Mangeldenken baut der Mensch seine Lebensweise auf: Vorratshaltung, Geiz, Nachhaltigkeit, Bewahrung: all das macht nur einen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass die Welt und ihre Stoffe zur Neige gehen. Der Mensch bringt es nicht fertig, sich selbst zu verschwenden. Er klammert sich an jedes gelebte Jahr und verneint gerade dadurch das Leben. Die beliebte Forderung nach Selbstbeschränkung bedeutet die Schwächung des Lebenswillens.

Aufgrund solcher Beobachtungen wie oben beschrieben, glaube ich nicht, dass der Mensch die Natur liebt. Meiner Ansicht nach ist das Gegenteil der Fall. Die überall stattfindende Naturzerstörung ist nicht nur ein Versehen oder ein Kollateralschaden der städtisch-industriellen Lebensweise. Der Mensch zerstört systematisch die Natur, weil er sie im Grund verachtet und nichts mit ihr zu tun haben will. Jede neue Generation entfernt sich noch weiter von der Natur als die vorhergehende. Amerikanische Kinder kennen Kartoffeln und Tomaten nur noch in Form von Pommes mit Ketchup. Es gibt immer weniger Berufe, die tatsächlich noch etwas mit der Natur zu tun haben.

Selbst der angebliche Naturfreund liebt die Natur in der Regel nicht wirklich. Was dieser von der Natur möchte, sind saftig leckere Früchte, ein paar bunte Blümchen im Gärtchen, eine hübsche Kulisse für den Waldspaziergang und eine Menge Tierlein, an deren putzigem Aussehen und drolligem Verhalten er sich via Instagram ergötzen kann. Die Menschen, die wirklich noch in und mit der Natur leben wollen und das auch tun, kann man an einer Hand abzählen. Vielleicht sollten wir einfach mal damit aufhören, uns selbst was in die Tasche zu lügen.

Gewalt: ein Erfolgsrezept der Evolution?

In den Nachrichten erscheint die Welt als Schauplatz eskalierender Krisen und Konflikte. Von Teilen Libyens, der Sahel-Zone und Nordnigeria erstrecken sich Kriege über die ganze Region der großen afrikanischen Seen und das Horn von Afrika, über Syrien, Jemen, Irak bis nach Afghanistan und Pakistan. Überall ist der terroristische Islamismus auf dem Vormarsch und fordert ungezählte Opfer. Da ist außerdem der Bürgerkrieg in der Ukraine, der bisher über fünftausend Menschenleben gekostet hat, im Verein mit zunehmenden Spannungen zwischen West und Ost. Nicht zu vergessen die Menschen, die jährlich einfach mal so erschossen werden: 46.000 in Russland, 25.000 in Brasilien, 21.000 in Kolumbien und 10.000 (manchmal ist auch von 30.000 die Rede) in den USA.

Ein Blick in unsere Vergangenheit bestätigt das grausame Bild. Im Laufe der historisch belegten Menschheitsgeschichte wurden in geschätzten 15.000 Kriegen rund 3,5 Milliarden Menschen umgebracht. Bei 100 Milliarden Menschen, die bis heute insgesamt auf diesem Planeten gelebt haben sollen, heißt das, dass jeder 30. Mensch durch Gewalt umgekommen ist (lt. Wikipedia).

Der Mensch ist gewalttätig. Das kann man angesichts der evidenten Daten nicht anders sagen. Sich dem nicht zu stellen und sich stattdessen in eine gewaltfreie Fantasiewelt hineinzuträumen, in der alle Menschen liebevoll und achtsam miteinander umgehen, löst das Problem der Gewalt nicht mal ansatzweise. Sicher ist es positiv für das eigene Selbst- und Menschenbild, Gewalt bloß für eine vorübergehende Störung, Krankheit oder Trübung eines ansonsten klaren Bewusstseins zu halten. Sich als göttliches Wesen zu imaginieren, das fernab jeglicher Gewalt friedlich vor sich hinlebt, heißt jedoch, die Augen zu verschließen vor dem, was die Realität uns zeigt. Ja, ich weiß: viele der spirituellen Verdränger halten ihr erträumtes Paradies für die wahre Wirklichkeit und die Realität für eine Illusion. Ich halte die Realität lieber für die Realität.

Der Mensch ist gewalttätig. Er ist es seit einer Million Jahre und mehr. Seine nächsten Verwandten sind nicht viel besser. Schimpansen schließen sich zu Banden zusammen, um gezielt Mitglieder anderer Gruppen zu überfallen und so übel zuzurichten, dass die Opfer an ihren Verletzungen elend sterben. Gorillas töten die Kinder ihrer Rivalen, um sich auf diese Weise Respekt beim weiblichen Geschlecht zu verschaffen. Orang-Utans vergewaltigen die Weibchen. Nur einer der großen Menschenaffen ist friedlich: der Bonobo. Für den Bonobo gilt: make love, not war. So etwa zwölfmal täglich, manchmal mit Genossen desselben, manchmal mit dem anderen Geschlecht. Jeder mit jedem. Wie es sich gerade ergibt. Sex dient der Entspannung und dem Abbau von Aggressionen. Bei den Bonobos sind die Geschlechter kodominant und die Männchen in der Regel Muttersöhnchen. Es ist die Mama, die ihrem Sohnemann zum Alpha-Status innerhalb der Gruppe verhilft. Deshalb bedeutet den Bonobos der Alpha-Status auch nicht mehr so viel.

Der Mensch ist gewalttätig. Wenn er es nicht ist, lebt er in einem Land mit einem funktionierenden Rechtssystem, relativem Wohlstand und geordneten politischen Strukturen, die demokratisch oder autokratisch sein können. Wo immer solche Strukturen zusammenbrechen, bahnt sich Gewalt erneut und unerbittlich ihren Weg. Gewalt hat viele Gesichter. Häufig geht es ums nackte Überleben, um Verteilungskonflikte, um Rangordnungen oder um Sexualität. Es geht um Gruppenbildung, kollektive Identität und Feindbilder.

Wenn wir akzeptieren, dass der Mensch eine ungeheuer lange Geschichte der Gewalt hinter sich hat, können wir erkennen, dass er seinem Temperament und seiner körperlichen Ausstattung nach zur Ausübung von Gewalt prädisponiert ist und dass es ihm schwer fällt, gegen diese Disposition anzugehen. Sie ist das evolutionäre Erbe, das sich im Miteinander von Mensch und Umwelt über die Jahrmillionen herausgebildet hat. Gewalt war der Weg des Menschen und der Menschenaffen, um die Kälteperioden des Eiszeitalters mit den entsprechenden Klimaschwankungen zu überstehen.

Als sich die Bonobos von ihrem Vorfahr, den sie mit den Schimpansen gemeinsam hatten, trennten, konnten sie ihre ökologische Nische erweitern, denn zu dem Zeitpunkt kehrten die Regenwälder nach einer Trockenperiode wieder nach Zaire zurück, jedoch ohne die vorherigen Bewohner, die Gorillas, die sich bereits früher von einem gemeinsamen Urahn abgespalten hatten. Es gab keine Rivalen, und Nahrung war im Überfluss vorhanden. Deshalb konnte der Bonobo sich in größeren Gruppen organisieren. Ab einer bestimmten Gruppengröße können sich die Weibchen untereinander zusammentun und der Verbrüderung der Männchen ihre eigene Power entgegensetzen. In der Mangelsituation, in die Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans und der Mensch hineingestellt wurden, war das nicht möglich.

Ist Gewalt also eine Erfolgsstrategie der Evolution? Wenn wir uns in der Natur umgucken, finden wir ab und zu eine Spezies, in der sich Artgenossen töten, aber alles in allem sind diese Fälle selten. Es gibt verschiedene Ameisenarten, die Kriege miteinander führen, Tüpfelhyänen, die Einzelgänger überfallen, Löwen, die den Nachwuchs der Rivalen umbringen und die berühmte Gottesanbeterin, die nach dem Geschlechtsakt dem Männchen, das sie begattet hat, den Kopf abbeißt. Natürlich töten viele Tierarten, aber die Aggression richtet sich normalerweise gegen andere Arten, nämlich gegen die Beutetiere. Natürlich kämpfen Tiere gegen Exemplare der eigenen Art, doch solche Wettkämpfe enden in der Regel, wenn einer der Gegner aufgibt. Wenn tödliche Gewalt gegen Artgenossen eine Erfolgsstrategie der Evolution ist, dann zumindest eine, die verhältnismäßig selten zur Anwendung kommt.

Dafür gibt es einen einfachen Grund. Überschießende Gewalt ist eine anstrengende Sache, die mit viel Aufwand und Stress verbunden ist. Wer Artgenossen tötet, muss damit rechnen, von Artgenossen getötet zu werden. Es sind ebenbürtige Gegner, die dem potenziellen Angreifer im Verhalten sehr nahe stehen, sodass die taktischen Manöver leicht durchschaut werden. Das dient nicht unbedingt dem Überleben der Art.

In seltenen Fällen wie dem der Menschen und Menschenaffen mag sich eine Konstellation aus Umweltbedingungen und Lebewesen ergeben haben, in der Gewalt gegen die eigene Art der Problemlösung und dem Überleben dient. Für sich genommen, ist Gewaltanwendung jedoch selber ein Problem, so ähnlich, als würde man, indem man ein Loch stopft, woanders fünf weitere aufreißen. Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans haben sich irgendwie mit ihrer Gewalttätigkeit arrangiert. Dem Menschen will das anscheinend nicht gelingen.

Jede Generation redet sich ein, dass es künftig keine Kriege mehr geben wird, und erlebt doch immer wieder mit, dass welche ausbrechen. Wir setzen unsere Intelligenz mit Vorliebe dafür ein, immer noch hinterhältigere und zerstörerische Waffensysteme zu entwickeln. Gewehre, Nervengifte, Panzer, Raketen, Tarnkappenbomber, Atombomben, Drohnen und was uns eben sonst noch so alles einfällt. Wenn in den letzten sechzig Jahren noch kein Atomkrieg ausgebrochen ist, dann nur deshalb, weil die eventuellen Angreifer für sich selbst mehr Nachteile in Kauf nehmen müssen, als sie verkraften können, und nicht etwa aus Nächstenliebe.

Vielleicht erwarten wir zu viel von uns selbst. Wir reden uns ein, bei entsprechender spiritueller Schulung von jetzt auf gleich eine friedvolle, achtsame, altruistische Spezies werden zu können, die sich noch nicht mal Sex zur Entspannung gönnt, sondern stattdessen auch noch auf Schnitzel und Salami, womöglich sogar alle tierischen Produkte verzichtet, und ignorieren dafür drei bis fünf Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte.

Vielleicht sollten wir zur Abwechslung die Achtsamkeit mal auf unsere Gewaltätigkeit statt auf unsere vermeintliche Göttlichkeit lenken und sie als evolutionäres Erbe akzeptieren, ohne vor uns selbst zu Tode zu erschrecken, uns zu verabscheuen oder den Moralapostel herauszukehren. Denn nur so können wir lernen, damit umzugehen. Es ist doch schon mal ein erstaunlicher Fortschritt in Sachen Friedfertigkeit, wenn wir nur noch blutrünstige Thriller lesen, statt Mord und Totschlag als reality show zu inszenieren. Es ist doch schon mal ein Fortschritt, wenn wir uns gegenseitig bloß in den wirtschaftlichen Ruin treiben, statt uns Bomben auf den Kopf zu werfen. Ein Virus im Computer vernichtet insgesamt doch weniger Menschenleben als Milzbrandbazillen in Postwurfsendungen. Wir sind, was wir sind, und wenn wir uns ändern, dann nicht, weil wir uns das eben mal vornehmen, sondern im Wechselspiel mit den sich ebenfalls verändernden Umweltbedingungen. Eines geht nicht ohne das andere. Und es geht nur im Rhythmus, den die Evolution vorgibt.

Wer zuviel auf einmal will, stolpert doch bloß über die eigenen Füße. Wer einen Schritt nach dem anderen tut, kommt eher zum Ziel.