Die Gurken-Batterie

Es gibt einen einfachen Versuch, Kindern die Funktionsweise einer Batterie zu erklären. Man braucht dazu eine saure Gurke, eine 5-Cent-Münze, ein Stück Alufolie und einen Kopfhörer mit Stecker. Man legt eine Gurkenscheibe auf die Alufolie und auf die Gurkenscheibe die Kupfermünze. Dann setzt man den Kopfhörer auf und berührt mit dem Stecker Alufolie und Gurke. Berührt man mit dem Stecker zudem auch noch die Münze, knackt oder knistert es im Kopfhörer. Dasselbe kann man angeblich auch mit einer rohen Kartoffel machen. Wenn man statt der Gurkenscheibe die Zunge nimmt, spürt man ein Bizzeln. Strom fließt.

Das Prinzip der Batterie entdeckte Luigi Galvani durch Experimente mit Froschschenkeln. Wenn diese mit Eisen und Kupfer in Berührung kommen und darüber hinaus auch das Eisen und das Kupfer miteinander verbunden sind, zucken die Muskeln. Mit dem Froschschenkel, dessen Salzwasseranteil als Elektrolyt diente, und zwei verschiedenen Metallen stellte Galvini einen Stromkreis her. Das Froschschenkel-Salzwasser ist Salzwasser von der Art, wie es auch zu 80% den menschlichen Körper bildet.

Das unedlere Metall (die Alufolie) gibt Elektronen an das edlere Metall (die 5-Cent-Münze) ab. Die Gurkenscheibe dient als Medium. Nachdem eine Gurkenscheibe auf diese Weise als Batterie gedient hat, kann man sie nicht mehr aufs Wurstbrot legen und essen, weil sie Metallionen enthält und deshalb giftig geworden ist. Die Froschschenkel ebenfalls.

Metallische Zahnfüllungen in Verbindung mit einem Stückchen Alufolie (wie bpsw. von einer Schokoladenverpackung) stellen im Mund ebenfalls eine Batterie her. Man spürt ein heftiges Ziehen. Es gibt Berichte über Menschen, die nicht mit einem Radioapparat, sondern angeblich mit ihren metallischen Zahnfüllungen Radio hören. Theoretisch ist das sogar möglich. Die Plombe wirkt wie ein elektronischer Schaltkreis, und daraus besteht eben auch ein Radioapparat.

Wenn ich so was lese, finde ich das spannend oder witzig. Aber nur, solange ich Alufolie, Gurkenscheibe und Münze als vollständig voneinander getrennte Dinge betrachte, deren Kontakt ich beim Herstellen von Stromkreisen steuern und kontrollieren kann. Nur: so funktioniert die Wirklichkeit nicht. In Wirklichkeit ist nichts voneinander getrennt. Um das, was uns gegenständlich und getrennt erscheint, wie die Folie oder die Münze, bilden sich Felder. Elektrische Felder. Magnetfelder. Gravitationsfelder. Higgs-Felder und was weiß ich noch für welche. Diese Felder interagieren miteinander. Diese Interaktion wird auch nicht durch die Isolierhüllen aus Plastik und Gummi verhindert, mit denen wir die Drähte umgeben. Die Isolierung bewirkt nur, dass der Strom auch wirklich in den Drähten fließt und nicht überspringt.

Ein menschlicher Körper lässt sich sowieso nicht isolieren, wenn er am Leben bleiben will. Ein menschlicher Körper lebt von permanentem Austausch. Vom Austausch mit der Luft, die wir ein- und ausatmen. Mit dem Wasser, das durch unseren Körper fließt, weshalb wir einerseits ständig was trinken und andererseits öfters mal aufs Klo gehen. Mit der Nahrung, die wir essen und deren Reste wir als Dünger wieder abgeben. Zumindest war dies lange Zeit mal so. Wo unser Dünger nach der Kläranlage heute landet, weiß der Himmel. Auf den Feldern jedenfalls nicht.

Wenn wir Brot und Fleisch zu uns nehmen, wissen wir das, weil wir es sehen, schmecken, riechen, kauen. Mit Wasser ist die Erfahrung des Austauschs schon nicht mehr ganz so prägnant. Wasser muss nicht gekaut werden und riechen tut es meistens auch nach nichts. Auf der molekularen und atomaren Ebene verlieren wir völlig den Bezug zu diesem Austausch. Wir wissen zwar, dass wir atmen, aber dass wir es tun, fällt uns meistens erst auf, wenn die Atmung in irgendeiner Weise gestört ist, sei es, dass wir beim Tauchen die Luft anhalten oder Schnupfen haben. Ein einzelnes Sauerstoff- oder Kohlendioxidatom können wir bewusst nur identifizieren, wenn wir technische Gerätschaften zu Hilfe nehmen. Unser Körper braucht jedoch weder ein Elektronenmikroskop noch sonst was, um zu merken, dass er nicht Kohlendioxid einatmet, sondern Kohlenmonoxid. Er reagiert darauf, indem er umfällt und stirbt. Das Bewusstsein desjenigen, der Kohlenmonoxid eingeatmet hat, wird nie davon erfahren. Es sei denn, es wird wiederbelebt und die Ärzte erklären, was passiert ist.

Was Strom, Sonnenlicht und Magnetfelder angeht, so müssen wir eine ganze Menge zuviel davon abbekommen, bis es uns auffällt und wir anfangen, drüber nachzudenken. Einen Stromschlag beispielsweise. Oder einen Sonnenbrand. Wenn wir bewusst schon kein Kohlendioxid-Atom wahrnehmen können, dann noch viel weniger ein Elektron oder ein Ion. Unser Körper kann das aber. Und er reagiert darauf. Beispielsweise mit einer Mutation. Oder einer Krebserkrankung. Oder indem er ein Photon Sonnenlicht in Vitamin D umwandelt.

Das Salzwasser, aus dem wir zu einem großen Teil bestehen, ist ein wunderbares Leitmedium. Außerdem fließen alle möglichen Ionen drin rum, auch solche unterschiedlicher Metalle wie Eisen oder Kupfer. Wir haben sogenannte neuronale Netze in unserem Gehirn, in unserem Herz, im Verdauungstrakt, im ganzen Körper. Ständig fließen kleine hochempfindliche Ströme, ohne die wir nicht lebendig wären. Das Leben hat seine eigenen Stromkreise, von denen unsere gesamte Technik nur ein stark vergröbertes Abziehbild ist.

Das Erstaunliche an uns Menschen ist, dass wir so tun, als hätte die grobschlächtige Elektrifizierung der Welt keinerlei Einfluss auf unsere hochempfindlichen biologischen Systeme. Als wären die elektrischen Stromleitungen in unseren Körpern vollständig isoliert von den technischen Stromkreisen, mit denen wir uns mehr und mehr umgeben. Vielleicht geben wir uns dieser Illusion hin, weil die Tastatur unseres Computers aus Plastik ist. Auch die Leute, die an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sind, haben ihre Öfen für absolut dicht gehalten.

Dabei kann es gar nicht anders sein, als dass unsere elektromagnetischen Körperfelder mit den elektromagnetischen technischen Feldern interagieren. Dass wir nichts oder wenig davon merken, bedeutet gar nichts, wie das Beispiel der Kohlenmonoxidvergiftung zeigt. Der Fehler besteht darin, den Ofen und das brennende Holz als Eines anzugucken und den Menschen, der sich am Ofen wärmt, als das Andere, die nichts miteinander zu tun haben. Der Fehler besteht darin, so zu tun, als gäbe es keinerlei Verbindungsmöglichkeiten zwischen dem Einen und dem Anderen. So funktioniert Wirklichkeit aber nicht. Denn schließlich wärmen wir uns ja am Feuer. Und außer der Wärme gibt es eben noch Gase und vieles andere mehr.

Man kann davon ausgehen, dass sich unsere Körper auf elektromagnetischem Weg ebenso mit der uns umgebenden Technik austauschen wie mit dem Sonnenlicht. Austausch ist nun mal das Wesen alles Lebendigen.

Wenn wir von Cyborgs reden, denken die meisten Menschen zuerst an einen Terminator. An technische Implantate wie Chips oder künstliche Augen, die ihren Trägern Superkräfte verleihen. Oder an Exoskelette und Beinprothesen. Manche denken auch noch an Herzschrittmacher und Hörgeräte. Aber das alles ist in Wahrheit nur die Spitze des Eisberges. Diese Spitze sehen wir, wenn wir Gegenstände als getrennt voneinander betrachten.

Um den ganzen Eisberg zu sehen, muss man den Blick unter die „Wasseroberfläche“ wagen. Dafür braucht es die Erfahrung, dass es in der Wirklichkeit keine Grenzen gibt und nichts voneinander getrennt ist. Unter der Wasseroberfläche sieht es so aus, dass die elektromagnetischen Felder unserer Technik, mit der wir uns mehr und mehr umgeben, unsere elektromagnetischen Körperfelder verändern. Und wo sich diese Felder verändern, verändern sich allmählich, vielleicht über mehrere Generationen hinweg, auch die Körper, die sich in einer technischen Umwelt bewegen. Wo sich die Körper verändern, verändert sich das Fühlen und das Denken. Als Beispiel für solche schleichenden Veränderungen sei unsere sich verändernde Einstellung zur Körperbehaarung wie Achsel- oder Schamhaare erwähnt. Heute sind die Menschen am Körper lieber glatt wie Metall oder Plastik und nicht behaart wie ein Affe oder ein anderes Säugetier.

Die Mensch-Maschine-Verschmelzung geschieht  weit weniger durch Implantate oder gentechnische Manipulationen. In erster Linie vollzieht sie sich auf dieser Ebene der elektromagnetischen Felder, wo wir uns mit den Maschinen zu einer Einheit verbinden. In dieser Verschmelzung von Mensch und Maschine werden die Menschen mehr und mehr zu Maschinen und die Maschinen immer menschlicher. Ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung kann man beides nicht mehr auseinanderhalten. Aus dieser Verschmelzung erwächst etwas Neues, das es bislang in der Geschichte der Evolution so nicht gab: ein kybernetischer Organismus. Eine Megamaschine. Ich meine damit nicht, dass jeder einzelne Mensch in Verbindung mit der ihn umgebenden Technik zur Megamaschine wird und 7,5 Milliarden Megamaschinen auf diesem Planeten herumwuseln. Sondern ich meine eine einzige Megamaschine mit 7,5 Milliarden Kondensatoren oder Elektrolyten.

Unter der „Wasseroberfläche“ sind wir nahezu unbemerkt zu Schaltstellen, Elektrolyten, Batterien und Austauschteilchen eines gewaltigen kybernetischen Organismus geworden. Die Zellen in unserem Körper wissen wahrscheinlich nichts davon, was ein Mensch ist, allenfalls haben sie eine Ahnung davon. Ebensowenig wissen wir, was diese Megamaschine ihrem Wesen nach ist. Allenfalls haben wir eine Ahnung davon.

Eines jedoch kann man, denke ich, schon sagen: Aus der Interaktion künstlich-technischer und natürlicher elektromagnetischer Felder ist eine Megamaschine erwachsen, die uns längst für ihre Zwecke benutzt und entsprechend steuert, während wir uns immer noch in der Illusion wiegen, die Technik, die wir geschaffen haben, im Griff zu haben.