Der große Unterschied

Menschen unterscheiden sich von Tieren. Auf der einen Seite stehen in dieser Unterscheidung also die Menschen, auf der anderen Seite die Gesamtheit aller Tiere. Das heißt, Menschen unterscheiden sich von Tieren ebenso sehr, wie sich Tiere von Pflanzen unterscheiden.

Die Verfasser des Alten Testaments haben angenommen, dass Gott im Rahmen des Schöpfungsprozesses grundsätzlich verschiedene Lebensformen erschaffen hat: Bevor es Sonne, Mond und Sterne gab, erschuf Gott am dritten Tag samenbringende Gräser und Kräuter sowie fruchttragende Bäume. Nachdem Gott am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne geschaffen hatte, ging er daran, das Wasser und die Luft mit Lebewesen zu bevölkern. Gräser, Kräuter und Bäume sind für die Bibelschreiber also Lebensformen, die unabhängig von den Gestirnen existieren können. Am sechsten Tag machte Gott das Vieh, das Gewürm und den Menschen. Domestizierte Landtiere, Bodenlebewesen und die Menschen gehören für die Bibelschreiber offenbar in dieselbe Kategorie. Es gibt in der Vorstellung der Bibelschreiber keine Wildtiere. Und auch keine Raubtiere. Die Welt der Jäger und Sammler wird total ignoriert. Das ist ein typischer Fall von Betriebsblindheit. Wir sollten uns jedoch nicht einbilden, dass dem modernen Menschen so was nicht mehr passieren kann. Die Welt im Zeitalter der industriellen Revolution als göttliches Uhrwerk zu interpretieren, ist ebenso ein Fall von Betriebsblindheit, wie im Zeitalter der Digitalisierung den Urstoff des Seins in der Information zu sehen.

Heute gehen wir davon aus, dass das Leben eine Einheit ist, die sich im Rahmen der Evolution in die Vielheit ausgefaltet hat. Wir benutzen gerne das Bild von einem Baum, der sich von einem einzigen Stamm her in Äste aufteilt und sich immer mehr verzweigt. Wir glauben daran, dass alles Leben einen gemeinsamen Ursprung hat. Alle Lebewesen verbindet der universell gültige Code der DNA, der stets aus denselben Nukleinsäuren und denselben Aminosäuren aufgebaut ist. Unterschiede gibt es nur in der Anzahl und Anordnung der Bausteine, während die Bausteine überall dieselben sind.

Wir glauben heute, dass das Leben irgendwann vor etwa vier Milliarden Jahren in heißen Quellen am Meeresboden begann, als eine Mischung anorganischer Substanzen aus irgendeinem unerfindlichen Grund plötzlich lebendig wurde. Ich habe so meine Zweifel an dieser Glaubensvorstellung, aber das soll jetzt nicht das Thema sein. Hier geht es erstmal nur um den fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Der Unterschied zwischen einem Löwen und einem Tiger gehört in eine andere Kategorie als der Unterschied zwischen Fischen, Insekten und Vögeln. Löwen und Tiger sind beides Raubtiere. Mensch und Schimpanse sind beides Säugetiere. Mensch und Schimpanse gehören beide zu den Primaten, doch ist der Unterschied zwischen Gorilla, Orang-Utan, Bonobo und Schimpanse ein anderer als der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse. Die Frage ist nun, was diesen Unterschied genau ausmacht.

Es wird gerne gesagt, dass sich der Mensch durch Werkzeuggebrauch, Sprache, Selbst- und Todesbewusstsein grundsätzlich vom Tier unterscheidet. Oder durch den aufrechten Gang. Nur stimmt das so nicht. Auch Schimpansen benutzen Werkzeuge. Mit Hilfe von Steinen knacken sie Nüsse. Mit Hilfe von Stöcken angeln sie Termiten. Wieder andere basteln sich Kissen aus Blättern. Schimpansen können durchaus auf zwei Beinen laufen.

Der Mensch unterscheidet sich von seinen nächsten Verwandten also nur durch das Ausmaß des Werkzeuggebrauchs, aber der Werkzeuggebrauch selber ist kein Alleinstellungsmerkmal. Dasselbe gilt für die Sprache. Affen sind durchaus in der Lage, ihren Lauten und Gesten einen semantischen Gehalt zuzuordnen. Anscheinend lügen sie sogar. Das heißt, ein Schimpanse, der es auf die Banane seines Kumpels abgesehen hat, stößt auch schon mal den Schlangen-Warnruf aus, damit der Kumpel die Banane Banane sein lässt und davonrennt. Auch das Selbst- und dem Todesbewusstsein ist in vielen Tieren bereits angelegt, mithin kein Alleinstellungsmerkmal.

Der Mensch ist zwar nicht das einzige Lebewesen, das Feuer nutzt, aber er ist das einzige Lebewesen, das Feuer machen kann. Von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, das Feuer zu kontrollieren und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Andererseits gibt es keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist.

Nun könnte man sagen, das Feuer gehört zur Gruppe der Werkzeuge. Die meisten Anthropologen, Biologen und sonstigen Forscher sehen zwischen der Benutzung eines Steins und der Benutzung eines Feuers keinen großen Unterschied.

Doch Feuer ist eben gerade kein Werkzeug wie ein Stein oder ein Stöckchen, sondern ein Prozess, der, einmal in Gang gesetzt, eine Eigendynamik entfaltet. Kein anderes Lebewesen außer dem Menschen setzt bewusst einen Prozess oder einen Mechanismus in Gang, um damit ein gesetztes Ziel zu erreichen. Das ist absolut einzigartig. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Technologien sind nichts anderes als Möglichkeiten zur Ingangsetzung von Prozessen. Die Agrarisierung ist nichts anderes als die Ingangsetzung von Prozessen, die von der Natur abgekupfert wurden. Mit der Erfindung des Verbrennungsmotors und der Dampfmaschine und nun der Digitalisierung hat der Mensch die Möglichkeiten, Prozesse in Gang zu setzen, ins Unendliche potenziert.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Tiere, Pflanzen und Menschen sind immer Teil von natürlichen Prozessen. Der umfassendste Prozess, den wir kennen, ist die Evolution. Aber es ist niemand da, der die Evolution steuert. Es sei denn, man glaubt eben an Gott bzw. an intelligent design. Im Grunde genommen kann nur einer Prozesse bewusst in Gang setzen, und das ist eben gerade Gott. Das ist ihm sogar wesensimmanent. Da der Mensch ebenfalls Prozesse in Gang setzt, ist er eher Gott denn Tier. Und das stimmt, denn Gott ist ja nichts anderes als eine ins Absolute übersteigerte Selbstprojektion.

Feuer ist ein anorganisches Element wie Wasser, Erde oder Luft. Diese vier Elemente sind für die Gestaltung eines Lebensraums wesentlich. Auf dem Mars gibt es kein Leben, weil es an Wasser und Atmosphäre mangelt. Physiker glauben, dass das ganze Universum aus einem Feuerball mit schier unvorstellbaren Temperaturen hervorgegangen ist.

In den alten Mythologien erscheint die Erde häufig als Insel oder Berg, die auf einem Urmeer schwimmt, das bei den Griechen Okeanos, bei den Ägyptern Nun heißt. Wasser ist für uns moderne Menschen nach wie vor der Entstehungsort für Leben. Feuer ist unserer Vorstellung jedoch der Entstehungsort fürs ganze Universum. Mithin ist in unserer Vorstellung Feuer die göttliche Schöpferkraft schlechthin. Weil sie gelernt haben, das Feuer zu kontrollieren, verhalten sich Menschen wie Götter und unterwerfen seit der Agrarisierung Pflanzen und Tiere. In Wirklichkeit hat das Feuer den Affen in seinen Bann gezogen und macht mit ihm, was es will.

Jane Goodall hat Schimpansen beobachtet, die in der Nähe eines Wasserfalls ein seltsames Verhalten zeigten. Sie schienen in Trance zu versinken und sich dabei in einer Art Tanz zu wiegen. Goodall interpretierte dieses Verhalten als Anfänge von religiösem Verhalten. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber es ist doch erstaunlich, dass Schimpansen dieses merkwürdige Verhalten in Gegenwart von Wasser an den Tag legen. Und nicht in Gegenwart von Vulkanen, Waldbränden oder Sonnenlicht.

Der Mensch kann ohne Feuer nicht leben. Als er ohne Feuer gelebt hat, war der Mensch noch kein Mensch, sondern ein Affe. Seit wann der Mensch Feuer benutzt, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Die älteste, von Menschen benutzte Feuerstelle ist eine Million Jahre alt. Vor einer Million Jahren gab es den Homo sapiens noch gar nicht. Schon der Homo erectus, der Denisova-Mensch und der Neandertaler kannten das Feuer und organisierten ihr soziales Leben um die Feuerstelle herum.

Der Umgang mit dem Feuer hat aus einem Affen den Menschen gemacht. Deshalb muss man, wenn man etwas über die Menschwerdung sagen will, den Affen und das Feuer zusammen denken. Die einfache Formel lautet:

Affe + Feuer = Mensch

Die Kombination aus Affe + Feuer ergibt eine neue, noch nie da gewesene Lebensform, die sich von allen anderen Tieren grundlegend unterscheidet. Das bestätigen die 30 Billionen Tonnen Technosphäre, mit denen wir uns bereits jetzt umgeben und die uns von der Natur mit ihren Tieren und Pflanzen für immer trennen.

In dem Moment, in dem unsere Spezies angefangen hat, mit dem Feuer zu hantieren, hat der Affe aufgehört, unser Bruder zu sein. Ich stelle das nicht aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus fest, eher mit einer gewissen Trauer. Die Loslösung aus dem Tierreich und aus der Natur deute ich als Verlust und nicht als Gewinn. Denn da, wo der Mensch in seiner Entwicklung hingeht, begegnet er nicht mehr dem Anderen, sondern nur noch ins Unendliche vervielfältigten Spiegelbildern seiner selbst. Der Weg, den der Mensch geht, führt in die absolute Einsamkeit, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen.

 

Die Flucht vor der Individualität

Beim Menschen ist keine Schraube locker, wie häufig behauptet wird, im Gegenteil. Die Schrauben, die den menschlichen Hirnkasten zusammenhalten, wurden übers Normalmaß hinaus angezogen. Vielleicht wurde ein elektrischer Schraubenzieher mit zuviel power benutzt. Auf jeden Fall hat sich der Inhalt in unserem Hirnkasten bei der Montage verdreht. Die Folge davon ist, dass der Mensch schwarz für weiß hält, krank für gesund und Dekadenz für Fortschritt.

Ein schönes Beispiel in dieser Kategorie der Verdrehungen sind auch die endlos wiederholten Vorwürfe von Egoismus und Individualismus, die heute jeder jedem macht und die dafür verantwortlich sein sollen, dass der Mensch zum Schrecken des Ökosystems mutiert, die Tierwelt am Aussterben und die Welt samt ihrem Klima in einem absolut desolaten Zustand ist. Nichts könnte falscher sein. Nie war der Mensch weniger ein Individuum als heute. Seit Tausenden von Jahren läuft die menschliche Entwicklung kontinuierlich darauf hinaus, die ursprünglich einmal vorhandene Individualität zu zerstören. Heute ist dieser Prozess so gut wie abgeschlossen. Der Mensch ist nämlich kein Individuum mehr. Deshalb fangen einige Forscher damit an, sich nun für Schwarmintelligenz zu interessieren.

In der grünlinken Mainstream-Ideologie ist hingegen ständig von der individualistischen Gesellschaft die Rede. Von der Gier und dem Egoismus, die den Einzelnen in dieser Gesellschaft prägen. Das ist schon ein Widerspruch in sich. Eine Gesellschaft aus Individuen kann es nicht geben. Eine Gesellschaft entsteht immer nur da, wo Individualität zugunsten der Gemeinschaft aufgegeben wird, wo der Einzelne seine persönlichen Bedürfnisse zugunsten eines übergeordneten Systems zurückstellt. Das geschieht meist nicht freiwillig. Viel häufiger wird der Einzelne vom System gezwungen. Er muss Steuern und sonstige Abgaben bezahlen. Er wird mit einer Flut von Gesetzen überschüttet. Heutzutage darf man nicht mal mehr sein Eigentum verschenken, ohne dass die Gesellschaft dafür Schenkungssteuer verlangt. Man darf sich die Mieter für seine Wohnung weder selber raussuchen, wenn man damit irgendjemand diskriminiert, noch darf man die Mieter rausschmeißen, selbst dann nicht, wenn sie sich als Messies entpuppen, die in der Badewanne Kronenkorken sammeln.

Das objektive Anzeichen dafür, dass es keine Individuen mehr gibt, besteht darin, dass heute in unserem Gesellschaftssystem kein Mensch mehr für sich selber sorgen kann. Jeder Mensch ist heute dermaßen mit anderen Menschen vernetzt und von anderen Menschen abhängig geworden, dass schon eine relativ kleine Störung ausreicht, um einen Dominoeffekt hervorzurufen, der die ganze Welt in eine tiefe Krise stürzt. Es reicht, wenn sich irgendwo in Amerika eine einzige Bank verzockt, um eine weltweite Wirtschaftskrise auszulösen. Das hat uns das Jahr 2008 gezeigt.

In der Folge dieser Krise hat sich die Menschheit noch enger vernetzt und der einzelne Mensch hat sich noch abhängiger und unselbständiger gemacht. Der Mensch glaubt, dass ein vernetztes System Sicherheit gewährt. Was wir jedoch gerade erleben, ist, dass sich abstrakte Gebilde, die eigentlich nur in unserer Vorstellungswelt existieren, wie Konzerne, Banken, Börsen, Versicherungen, Aktiengesellschaften, Staaten und Staatenverbünde stabilisieren, während das Leben für den Einzelnen immer unsicherer und unberechenbarer wird.

Es gibt in unserer Gesellschaft keine Menschen mehr, die gleichzeitig ihre Nahrung anbauen, ihr Haus und ihre Möbel bauen, die Stoffe für ihre Kleidung und dann auch noch die Kleidung selber machen. Für einen Jäger und Sammler war das absolut normal. Jeder Jäger machte seine Werkzeuge und seine Klamotten selbst. Jeder Sammler konnte Körbe flechten. In den meisten dieser Gesellschaften war es zudem so, dass auch der Sammler jagen konnte, wenn vielleicht auch nur kleinere Tiere. Und jeder Jäger kannte sich so weit mit Pflanzen aus, dass er sie auch sammeln konnte.

Heute ist es nicht mal so, dass ein Teil der Gesellschaft Nahrung anbaut, während ein anderer Teil Häuser baut und wieder ein anderer Teil Stoffe webt, nein, der Prozentsatz der Menschen, die in solch praktischen Berufen unterwegs sind, ist in den letzten fünfzig Jahren erschreckend geschrumpft. Von fünf Menschen verbringen heute vier ihren Berufsalltag damit, dass sie hinter einem Computer sitzen oder an irgendwelchen Besprechungen teilnehmen, dass sie andere Leute therapieren oder in Ladengeschäften Dinge verkaufen, die man zum Leben überhaupt nicht braucht. Oder dass sie sogar Dinge herstellen, wie Bücher und Filme, die keinen anderen Zweck haben, als den Leuten, die nicht mehr für sich selber sorgen, die Langeweile zu vertreiben.

Und auch der Eine von den Fünfen, der noch einen praktischen Beruf hat, wie Landwirt, Maurer oder Schreiner, legt kaum noch selbst Hand an, sondern bedient Maschinen. Die Haupttätigkeit des Landwirts besteht im Traktorfahren. Die Tätigkeit des Schreiners besteht darin, Sägen, Pressen und Schleifmaschinen einzustellen oder CNC-Maschinen zu programmieren. In diesen praktischen Berufen, die ja tatsächlich unsere Existenz sichern, haben schon längst computergesteuerte Maschinen das Kommando übernommen und den Menschen zum Hilfsarbeiter degradiert. Sollte also tatsächlich mal die Stromversorgung zusammenbrechen und der moderne Mensch auf sich selbst zurückgeworfen werden, wird er verhungern oder verdursten. Was für den zivilisierten Menschen also Fortschritt ist, bedeutet vom Standpunkt eines Selbstversorgers aus zunehmende Unfähigkeit und Dekadenz.

Der Grund für diese umfassende Auflösung des Individuums ist, dass der Mensch nicht in der Wirklichkeit lebt. Der Mensch lebt in den Geschichten, die er sich erzählt. Der Glaube an diese Geschichten ist dem Menschen wichtiger als die wirkliche Welt. Für seine Geschichten opfert der Mensch alles. Sogar sein Leben. Sogar den ganzen Planeten. Doch diese Geschichten sind erfunden. Es sind Fiktionen wie Einhörner und Trolle.

Die Geldwirtschaft ist beispielsweise eine Geschichte, die nur dank des Glaubens existiert, dass Geld einen Wert hat. Wenn die Menschen aufhören, an Geld zu glauben, sehen sie, dass sie nur wertloses Papier in den Händen halten. Oder dass die Zahlen auf dem Kontoauszug eben nur Zahlen sind, ohne irgendeinen reellen Wert dahinter.

Dasselbe gilt für die großen Konzerne. Ein solcher existiert nur, weil die Menschen daran glauben. In Wirklichkeit ist ein Konzern nichts anderes als ein paar wertlose Unterschriften auf einem Blatt Papier, denn weder die Gebäude, auf denen der Konzernname steht, noch die Menschen, die in dem Konzern arbeiten, sind der Konzern. Sie sind, was sie sind: Gebäude und Menschen. Erst der Glaube, dass diese Gebäude, Arbeiter, Firmenschilder und Vorstandsetagen zusammen einen Konzern bilden, machen diesen zum Konzern. Der Glaube verleiht dem Konzern eine Schein-Wirklichkeit.

Dasselbe ist es mit den Börsen, den Banken, den Staaten und all diesen Gebilden, die wir für so wichtig halten. In Wirklichkeit existieren sie nur in unserer Vorstellung und hören sofort auf zu existieren, wenn ein Großteil der Menschen den Glauben daran verliert. Wenn die Menschen den Glauben an die Deutsche Bank, an RWE, an Telekom verlieren, dann verkaufen sie die Aktien dieser Firmen. Wenn alle Leute, die Aktien halten, diese zeitgleich verkaufen und niemand diese Aktien mehr kauft, hört ein Konzern auf zu existieren.

Diese Fähigkeit, irgendwelchen erfundenen Geschichten zu glauben, wurde in den Religionen ausgebildet. Je mehr Menschen anfingen, an dieselbe Geschichte zu glauben, desto mehr wurde aus der bloßen Fähigkeit ein Zwang. Das ergibt sich aus den Mehrheitsverhältnissen. Wenn bloß zwei Menschen dieselbe Geschichte glauben, ist es ziemlich einfach, diesen Glauben wieder aufzukündigen. Wenn hundert Menschen dieselbe Geschichte glauben, wenden sich 99 Menschen gegen denjenigen, der damit aufhört. Noch drastischer wird es, wenn solche Zahlen in die Millionen gehen oder gar alle Bewohner des Planeten umfassen.

Religionen sind nichts anderes als Geschichten, die Menschen einander erzählen. Haben sich die Jäger und Sammler ursprünglich die Geschichten von Tiergeistern erzählt, um einander für die Jagd Mut zu machen, so wurden in der landwirtschaftlichen Revolution aus diesen Geistern übermächtige Götter, die über dem Menschen stehen, genauso wie der Mensch über den Tieren und den Pflanzen steht. Da die Götter alle überaus menschliche Züge tragen, sind es nichts anderes als Projektionen, die dazu dienen, die Welt in eine hierarchische Ordnung zu bringen. Diese war notwendig geworden, damit der Mensch Tiere und Pflanzen in seinen Besitz nehmen und nach eigenem Belieben verändern, sprich züchten konnte. Tiere und Pflanzen wurden nicht länger als eigenständige Lebewesen respektiert, sondern wurden Besitztümer, sprich Sachen, über die der Besitzer verfügen konnte. Aber nicht nur Tiere und Pflanzen verloren in dieser hierarchischen Ordnung ihre Individualität, sondern auch der Mensch, der sich über sie erhob. Weder der König noch sein Sklave sind Individuen. So wie der König nur existiert, weil es Sklaven gibt, so gibt es Sklaven nur dort, wo ein König herrscht. Ein Herrscher braucht zwingend jemand, über den er herrschen kann, sonst ist er kein Herrscher. Und ebenso braucht ein Sklave zwingend einen Herrn.

Götter und Geister existieren nur in den Geschichten, die Menschen einander erzählen. Aber sie sind nicht so harmlos, wie manch einer glauben mag. Denn sie verändern die Welt tatsächlich. Nicht auf dem Weg der Wunder oder einer wie auch immer gearteten rätselhaften Bewusstwerdung, sondern indem ganz real Tempel und Kirchen für diese Götter gebaut werden und Priester ihren Anteil an allen möglichen Leistungen verlangen, für die sie selber keinen Finger gerührt haben. Die alten Geschichtenerzähler verlangten ihren Tribut in Form von Opfertieren, Getreide oder Butter. Heute sind es Steuern und sonstige Abgaben, die der abhängige Mensch entrichten muss.

Wenn plötzlich über Nacht alle Bürger zu dem Entschluss kämen, nicht länger an Geschichten zu glauben, sondern in die Wirklichkeit zurückzukehren, würden nicht nur alle Konzerne, das gesamte Geld- und das Wirtschaftssystem, sondern auch alle Staaten und Kirchen sang- und klanglos in sich zusammenstürzen. Natürlich wird das nicht passieren, weil heute weit mehr Bürger in Berufen unterwegs sind, die alle zusammengenommen der Funktion des Priesters in der Bronzezeit entsprechen. Dazu gehören beispielsweise alle Verwaltungs- und alle Heilberufe. Die gesamte Werbung und die gesamte Unterhaltungsindustrie. Alles, was im weitesten Sinn mit Politik und Geld zu tun hat. Vier von fünf Menschen gehören heute zur Priesterkaste. Weil alle diese Menschen leben wollen, können wir gar nicht mehr damit aufhören, an die Geschichten zu glauben. Doch selbst, wenn die Geschichten brüchig werden, ändert sich nichts. Wenn vier von fünf Menschen ihren Lebensunterhalt Fiktionen verdanken, werden sie nicht zulassen, dass einer vom Glauben abfällt, denn damit würden sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

Warum sind für den Menschen die Geschichten wichtiger als die Wirklichkeit? So wichtig gar, dass er ihnen einen Schrein baut? Denn in Wahrheit ist unsere ganze Zivilisation nichts Anderes als der Schrein um die erfundenen Geschichten herum.

Die Geschichten, die wir einander pausenlos erzählen, sind aus zwei Gründen für uns wichtig. Erstens geben sie unserem Leben den Sinn, den wir in der Wirklichkeit vergeblich suchen. Menschen sind bereit, für ihre Götter zu sterben. Für ihren König oder für ihre Nation. Oder für die Demokratie. Oder sonst ein Abstraktum, das nur in ihrer Vorstellungswelt Bestand hat. Kein Mensch ist jedoch bereit, für die Wirklichkeit zu sterben. Weil in der Wirklichkeit ein Tod nur ein Tod ist und keine Heldentat. Die Wirklichkeit hebt den Menschen nicht über sich selbst hinaus, sondern wirft ihn, im Gegenteil, auf sich selbst zurück.

Der zweite Grund, warum wir uns pausenlos Geschichten erzählen, ist der, dass diese Geschichten uns Gemeinsamkeit suggerieren, wo keine ist. Ohne Geschichten ist jeder Mensch für sich und lebt in seiner eigenen, kleinen Welt. In dieser Welt ist er ein Individuum. Individuum kommt von in-dividuus, das Nicht-Teilbare. Was der Mensch mit seinen eigenen Sinnen erlebt, ist weder teilbar noch mitteilbar. Ein Individuum ist weder Subjekt noch Objekt. Sondern gelebte Erfahrung. Oder eben Leben pur. Was der Mensch kommunizieren kann, ist jedoch bloß eine Erinnerung, eine vermittelte Schein-Wirklichkeit, die sich zur unmittelbaren Erfahrung wie ein Abziehbild verhält.

Der Mensch ist süchtig nach Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Er hält es allein mit sich in seiner Wirklichkeit nicht aus. Er hält es nicht aus, ein Individuum zu sein. Einsamkeit ist für den Menschen schlimmer als der Tod. Deshalb sind die Geschichten, die ihm vorgaukeln, Teil einer Gemeinschaft zu sein, nicht allein mit sich zu sein, so wichtig für ihn, dass er für diese Illusion sogar sein Leben hingibt.

Unsere Gesellschaft ist keine individualistische. Sondern das Gegenteil davon. Die ganze Zivilisationsgeschichte von ihren Anfängen bis auf den heutigen Tag ist nichts anderes als die Flucht vor der Individualität.