Im Bann des Lichts

Wenn ein Kind geboren wird, sagt man, dass es das Licht der Welt erblickt. Am Lichterfest Weihnachten freuen wir uns über ein strahlendes Lächeln und über leuchtende Kinderaugen. In der Pubertät pflegt ein junger Mensch fürs andere und manchmal auch fürs eigene Geschlecht zu entflammen. Dann brennt er vor Sehnsucht und Begeisterung oder glüht vor Leidenschaft und Liebe. Manchmal entbrennt der Mensch auch in Wut oder Hass. Bisweilen hält er flammende Reden. Hin und wieder geht dem Menschen ein Licht auf, das er tunlichst nicht unter seinen Scheffel stellt. Anderen sollte man ein Feuer unterm Hintern machen oder Zunder geben. Wer kein großes Licht ist, hat oft nicht mal einen Funken Verstand. Es gehört sich nicht, andere hinters Licht zu führen. Wenn nach achtzig oder neunzig Jahren der Lebensfunke erlischt, fährt das lichtscheue Gesindel zur Hölle oder wird im Fegefeuer geläutert, während der Erleuchtete im ewigen Licht wandelt.

Menschen sind Kinder des Feuers. Es gibt keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist. Und von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, Feuer selbst zu entfachen und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Was für die Fische das Wasser, für die Vögel die Luft und für die Würmer die Erde, ist für uns Menschen das Feuer: es ist unser Element. Deshalb glauben Wissenschaftler, dass der Kosmos in einem Feuersturm begonnen hat. Deshalb glauben religiöse Menschen, dass sie nach ihrem Tod ins Licht eingehen. Menschen sind aufs Feuer und aufs Licht fixiert. Wie die obigen Redensarten zeigen, identifizieren wir uns sogar mit Feuer und Licht.

Ohne Feuer wären wir keine Menschen. Ohne Feuer hätte der Homo erectus und später der Homo sapiens die Eiszeiten nicht überlebt. Ohne Feuer würden wir noch mit Steinen auf Nüssen rumklopfen oder mit Stöckchen in Baumrinden pulen. Hätten wir nicht angefangen, den Umgang mit dem Feuer zu erlernen, hätte sich unsere Großhirnrinde nicht auffalten müssen, um all die Informationen zu speichern, die dem Instinkt zuwiderlaufen. Da allein der Mensch mit dem Feuer umgeht, hat nur er das Gen, das während der Embryonalentwicklung die Vermehrung bestimmter Hirnstammzellen und die Faltenbildung zur Vergrößerung der Oberfläche der Großhirnrinde anregt. Dank dieses Gens ist unser Gehirnvolumen dreimal so groß wie das unserer tierischen Verwandten.

Ohne den Umgang mit dem Feuer wären unsere Vorfahren nie auf die Idee gekommen, den Blick in den Himmel zu heben, um dort noch mächtigere Feuer zu entdecken: die Sonne und die Sterne. Es hätte keine Astronomie, keine Mathematik und keine Kalender gegeben, die die Zeit für Aussaat und Ernte bestimmten. Es hätte keine Landwirtschaft gegeben, denn um Landwirtschaft zu betreiben, braucht man nicht nur eine Kenntnis der Jahreszeiten, sondern auch im Feuer geschmiedete Metallwerkzeuge, um den Boden zu bearbeiten.

Es liegt deshalb eine tiefere Wahrheit darin, wenn wir vom Licht des Geistes reden. Oder vom Licht der Vernunft. Oder vom Licht der Aufklärung. Unser Geist ist zutiefst vom Feuer geprägt. Ja, man kann sogar sagen, das Feuer hat unseren menschlichen Geist hervorgebracht. Als Menschen nehmen wir die Welt mit unserem Feuergeist wahr. Wir können gar nicht anders. Deshalb beleuchten wir sogar nachts unsere Städte. Vom Flugzeug aus betrachtet, sehen Städte nachts wie glitzernde Geschmeide aus Gold aus. Oder wie das Abbild unseres Gehirns, mit den Städten als leuchtenden Nervenknoten und den Verkehrswegen als Dendriten und Axonen. Mit den nächtlich beleuchteten Städten setzen wir unserem eigenen Gehirn ein Denkmal. Wo das Licht des Geistes leuchtet, wird keine Nacht mehr sein. So ähnlich steht es schon in der Bibel.

 

Viele haben noch eine Erinnerung daran, dass es nicht immer das Feuer und das Licht waren, die unser Dasein bestimmt haben. Die alten Mythen erzählen davon, dass wir ursprünglich aus dem Wasser kamen. Deshalb gibt es auch viele Redensarten, die mit Wasser zu tun haben: sich wohl wie ein Fisch im Wasser fühlen, jemandem das Wasser abgraben, mit allen Wassern gewaschen sein. Aber der Urknall mit seinem anschließenden Feuersturm hat den Ringstrom Okeanos (Griechenland), das Urmeer Apsu (Sumer) oder den Milchozean (Indien) als Anfang der Schöpfung inzwischen gründlich verdrängt. Kaum jemand denkt den Beginn des Universums noch auf andere Weise denn als Big Bang, und wenn er es tut, wird er verlacht.

Jesus Christus spielt in dieser Geschichte des Lichts eine besondere Rolle. Er ist tatsächlich ein Wendepunkt. Was Jesus Christus bedeutet, lässt sich, grob zusammengefasst, so beschreiben: Vor Jesus Christus wurde das Licht hauptsächlich als Sonne in der Außenwelt verehrt. Die Bronzezeit war die große Zeit der Sonnengötter. Nach Jesus Christus war das Licht mit dem Logos verschmolzen und als Licht des Geistes zur Innenwelt geworden. In Wirklichkeit war das natürlich ein langwieriger Prozess, aber Jesus Christus ist so was wie die personifizierte Zusammenfassung dieses Prozesses: der Kristallisationspunkt. Nicht umsonst sagt Jesus Christus von sich selbst: „Ich bin der Weg und das Licht.“

Wir sind heute der Meinung, dass das Leben auf der Erde ohne das Licht der Sonne nicht möglich wäre. Das ist richtig. Aber ohne die Dunkelheit des restlichen Universums wäre das Leben ebensowenig möglich. Das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, konnte nur im Spannungsfeld von Licht und Dunkel entstehen. Wir tun so, als wäre das Sonnenlicht die Schöpferkraft, dabei entsteht Leben immer im Dunkeln: in den Tiefen des Meeres, in der Erde, im Mutterleib.

Unsere Lichtbesessenheit treibt bisweilen seltsame Blüten. Eine davon ist das Olbersche Paradoxon. Es wird gerne benutzt, um die Endlichkeit des Universums anschaulich zu demonstrieren. Heinrich Olbers (1758-1840) hat sich, wie vor ihm Johannes Kepler, gefragt, warum es nachts eigentlich dunkel ist. Wenn man von einem ewig existierenden, unveränderlichen und unendlichen Weltall ausgeht, müsste man, egal wohin man guckt, überall Sterne sehen, denn die Sterne hätten ja alle Zeit der Welt, ihr Licht überallhin zu schicken. Wenn das Weltall unendlich wäre, müsste der Himmel überall so gleißend hell wie die Sonne sein. Vor lauter Helligkeit könnten wir die Sonne gar nicht mehr erkennen. In diesem Weltall wäre es auch nicht lausig kalt, sondern überall so heiß, dass Leben nicht möglich wäre. Die Schlussfolgerung, die nicht nur Olbers und Kepler, sondern mit ihnen alle Wissenschaftler ziehen, lautet, dass aus diesem Grund das Universum endlich sein muss.

Man könnte auch eine andere Schlussfolgerung aus dieser Geschichte ziehen, nämlich die, dass das Licht endlich ist und irgendwann aufhört zu leuchten oder sich in was anderes, vielleicht (Bio-)Masse, verwandelt. Doch das lässt unsere zutiefst religiös motivierte und deshalb radikalfundamentalistisch zu nennende Lichtbesessenheit offenbar nicht zu. Wir können besser damit leben, wenn das Weltall endlich und das Licht unendlich ist, statt umgekehrt.

Hinweise, dass Licht nicht ewig leuchtet, gibt es genug. Wir selber sind beispielsweise so ein Hinweis. Schließlich definieren wir uns und die ganze Biomasse auf diesem Planeten als umgewandeltes Sonnenlicht. Wenn wir selber absorbiertes Sonnenlicht sind, gibt es ja vielleicht noch andere Absorptionsformen, die Photonen (also Licht) vernichten. Und ja, die gibt es in der Wechselwirkung von Photonen mit Materie durchaus. Trotzdem hält die Wissenschaft an dem Glauben fest, dass Licht im Prinzip unendlich ist und ewig existiert. Man kann sich dann aber schon mal fragen, wie in einem endlichen Universum unendliches Licht entstehen sollte, denn schließlich ist das Licht ja bloß eine Erscheinung innerhalb des Universums. Das ist doch irgendwie bizarr.

Seit Einstein behaupten unsere Wissenschaftler ja auch, dass nichts schneller ist als das Licht. Die Lichtgeschwindigkeit mit annähernd 300.000 km/sec ist ebenso absolut wie Gott. Die Wissenschaftler sagen, für Dinge, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, vergeht keine Zeit. Deshalb kommen sie ja zum Schluss, dass Licht ewig sein muss. Dabei hat Einstein mit dem EPR-Versuch selber gezeigt, dass miteinander verschränkte Teilchen über die Lichtgeschwindigkeit hinaus immer wissen, was das jeweils andere tut. Was verbindet diese Teilchen miteinander, das schneller ist als das Licht? Vielleicht dasselbe Bit? Würde das nicht heißen, dass Information schneller ist als das Licht?

Die Vorstellung vom ewigen Licht und der absoluten Lichtgeschwindigkeit sind religiöse Vorstellungen, die sich aufgrund unserer typisch menschlichen Lichtbessenheit in die ansonsten nüchtern-objektive Weltsicht der Wissenschaft hineingemogelt haben. Wir sind Kinder des Lichts. Deshalb muss das Licht ewig leuchten. Und nicht, weil es das wirklich tut.

Phasenübergang und Resonanzkatastrophe

Die griechische Wirtschaft ist am Ende. In Libyen, Syrien und Ägypten kommt es zu Aufständen und Bürgerkriegen, die durch fremde Mächte und ausländische Soldaten angeheizt werden. Die Türkei nutzt die Unruhen, um mit Gewalt gegen Volksstämme im eigenen Land vorzugehen. Jordanien ist mit Flüchtlingen überfüllt. Der Iran rüstet auf und übt sich in Drohgebärden. Im Irak geht es drunter und drüber. Bedeutende Schätze des Weltkulturerbes gehen für immer verloren.

In seinem spannenden Buch 1177 vor Christus. Der erste Untergang der Zivilisation führt Eric H. Cline den Leser aufs Glatteis, indem er ihn zunächst glauben lässt, dass es sich von ihm bei ähnlich formulierten Schlagzeilen um aktuelle Nachrichten handelt. Dann weist er darauf hin, dass exakt dieselbe Beschreibung genauso für die Zeit vor rund 3000 Jahren passt, als die großen Zivilisationen der Bronzezeit innerhalb von nicht mal hundert Jahren nacheinander zusammenbrachen.

Die Bronzezeit umfasst einen Zeitraum von etwa 2000 Jahren und ist weitgehend identisch mit dem von mir schon mehrfach beschriebenen Phasenübergang (hier und hier), der das Ende der Jäger- und Sammlerepoche einläutete, um eine grundsätzlich neue Form des Zusammenlebens zu etablieren, deren Grundpfeiler fortan Landwirtschaft, Berufstätigkeit, Sklavenhaltung, Verstädterung und Tempelkult waren. Vor der Bronzezeit lebte der Mensch noch als Teil mit und in der Natur. Nach der Bronzezeit hatte sich der Mensch ein gutes Stück weit aus der Natur herausgelöst. Er war zu einem Kulturwesen geworden, das überwiegend in einer von ihm selbst gestalteten Umwelt lebte. Vor der Bronzezeit wurden Tiere noch als Geistwesen verehrt, nach der Bronzezeit standen sie nicht mehr als gleichberechtigte oder sogar überlegene Geschöpfe neben dem Menschen, sondern der Mensch fühlte sich ihnen überlegen und degradierte sie zu Nutztieren.

Zwischen der Bronze- und der Jetztzeit gibt es viele Parallelen, die den Schluss zulassen, dass wir uns wieder in einem Phasenübergang befinden, der mit der Industriellen Revolution begonnen hat und noch nicht ganz abgeschlossen ist. Bei einem Phasenübergang handelt sich um eine grundsätzliche Neuorganisation des menschlichen Zusammenlebens. Stand im Zentrum der ersten Menschheitsphase die Jagd, so in der zweiten die berufliche Arbeit. Da heute jedoch immer mehr von diesen Berufstätigkeiten von Maschinen übernommen und zum großen Teil besser als von Menschen erledigt werden, ist absehbar, dass sich das Zeitalter der Arbeit dem Ende zuneigt, so wie vor fünftausend Jahren das Zeitalter des Jagens und Sammelns zu Ende ging.

Wie unsere moderne westliche Zivilisation seit dem Mittelalter aufgeblüht ist und sich in alle Teile der übrigen Welt ausdehnte, so war auch die Bronzezeit eine Zeit des Aufblühens, des internationalen Handels, des kulturellen Austausches, der gegenseitigen Befruchtung. Hier wie dort wurde das Aufblühen mit zahllosen Kriegen und Ausbeutung erkauft. Könige verbrüderten und bekämpften sich, schlossen Bündnisse und zettelten Kriege an. Beides, sowohl die Verbrüderung wie der Kampf, ließen die Völker erstarken, die Wirtschaft aufblühen. Das regte die menschliche Kreativität an und führte zur Schaffung von Kultur und (Waffen-)Technik. Damals wie heute gab es eine Menge Verflechtungen und internationale Beziehungen. Herrscher tauschten eifrig Geschenke (mitunter auch Töchter und Handwerker) und gründeten weitreichende soziale Netzwerke, indem sie sich fleißig eines neuen Informationsmediums bedienten: der Schrift. Sie schickten sich gegenseitig Tontäfelchen, von denen inzwischen Tausende gefunden wurden. Damals wie heute erreichte der Wohlstand zumindest einer bestimmten Bevölkerungsschicht ein erstaunlich hohes Niveau. Neben Handelskonzernen gab es Banken und Versicherungen. Es gab Rundreisen und Tourismus. Es gab Korruption, diplomatische Missionen, Handelsembargos und, wenn ein Krieg ausgetragen wurde, auch schon mal sogenannte False-Flag-Aktionen. Damals wie heute war man abhängig von einem steten Zustrom an Bodenschätzen, Baumaterialien, Nahrung und Arbeitskräften. Was für uns heute das Erdöl, war für die damalige Welt das Zinn, welches zur Herstellung von Bronze gebraucht wurde.

Die Welt damals war wie die heutige eine eng vernetzte Welt, die erste globalisierte Epoche der Menschheitsgeschichte.

Dann brach diese blühende Welt innerhalb von nur einem Jahrhundert vollständig zusammen. Völker wie die Mykener, die Minoer, die Hethiter, die Kanaaniter, die Assyrer, die Uguriter verschwanden von der Bildfläche, während andere wie die Ägypter, die Israeliten und die Zyprer sich so verwandelten, dass sie mit den ursprünglichen Völkern bis auf den Aufenthaltsort kaum noch was gemeinsam hatten. Es war ein kumulativer Untergang. Ein Systemkollaps. Gefolgt von einer Epoche, die als erstes Dunkles Zeitalter in die Weltgeschichte einging.

Für diesen umfassenden Zusammenbruch werden gerne die sogenannten Seevölker verantwortlich gemacht. Aber diese Antwort ist zu einfach. Erstens streiten sich die Wissenschaftler bis heute darum, wer diese Seevölker denn eigentlich waren. Es war nicht so, dass die großen Städte, die zwischen 1190 und 1130 in Schutt und Asche gelegt wurden, allesamt vom Meer aus angegriffen wurden. Es gab genauso viele Angriffe von der Landseite her. Manchmal ist deshalb auch von Fremdvölkern die Rede. Zweitens weiß man nicht, ob es sich bei diesen Fremdvölkern um Invasoren oder Migranten handelte. Drittens wurden nicht alle Städte, die niedergebrannt wurden, tatsächlich angegriffen. Manche scheinen einfach so aufgegeben worden zu sein. Viertens gibt es zahlreiche Hinweise, dass nicht nur Angreifer von auswärts über die Städte herfielen, sondern dass sich die Völker selbst gegen ihre Herrscher erhoben und rebellierten. Während manche Städte dem Erdboden gleichgemacht wurden, zerstörte man in anderen nur die Tempel und die Paläste der Reichen. Zudem dürfte in der fraglichen Zeit eine Reihe von größeren und kleineren Erdbeben stattgefunden haben. Und nicht zuletzt spielte anscheinend ein Klimawandel eine nicht unerhebliche Rolle. Nach einer schnellen Erwärmungsphase kühlte das Klima überraschend wieder ab, was im gesamten Mittelmeerraum eine mehrere Jahrzehnte währende Phase der Trockenheit und Dürre zur Folge hatte, was wiederum zu gravierenden Hungersnöten führte. Nicht eine einzelne Ursache führte zum Untergang, sondern ein unentwirrbarer Komplex verschiedener Ursachen.

Alle diese Erklärungen deuten darauf hin, dass es sich bei dem Zusammenbruch weniger um ein schlichtes Ursachen-Wirkungs-Gefüge als vielmehr um ein Resonanzphänomen handelt. Oder genauer: um eine Resonanzkatastrophe. Es fällt schwer, zwischen einem Erdbeben und einem Klimawandel einen Zusammenhang zu sehen. Ebenso haben Überfälle von Außen und Rebellionen im Innern in der Regel verschiedene Ursachen. Resonanzen entstehen jedoch, wenn verschiedene Systeme sich gegenseitig anregen.

Resonanz bezeichnet das Mitschwingen eines schwingfähigen Systems. Die im Resonanzfall anwachsenden Ausschläge entstehen dadurch, dass das System bei jeder Schwingung erneut Energie aufnimmt und speichert. Schwingfähige Systeme gibt es nicht nur in der Technik oder in der Physik. Resonanz ist universales Prinzip. Ein Ökosystem ist ein schwingfähiges System, ebenso das Klima oder eine Population.

Auch eine Zivilisation lässt sich als schwingfähiges System verstehen. Wenn eine Kultur aufblüht, gerät sie mehr und mehr ins Schwingen und dabei wird ihre Vernetzung dichter. Da die Ausschläge jedoch wellenförmig, also gegenläufig sind, nimmt mit dem Aufblühen einer Kultur entsprechend auch ihr Zerstörungspotential zu. Zu jedem positiven Ausschlag gehört ein negativer. Deshalb sind kulturelle Errungenschaften nie ohne Kriege und Ausbeutung zu haben. Das Schöne und das Hässliche einer Kultur sind unauflöslich miteinander verschränkt.

Dieses Muster ist durch die ganze Geschichte hindurch zu beobachten. Zum alten Griechenland mit seiner Kunst und seiner Philosophie gehören die Sklavenhaltung ebenso wie Krieg und Umweltzerstörung (Abholzung). Zum Römischen Reich die Eroberungsfeldzüge und die Grausamkeiten der Gladiatorenkämpfe. Zur Renaissance die Vernichtung der Ureinwohner Amerikas und die Pestwellen. Zum Humanismus die Hexenverbrennungen. Zur Aufklärung der Kolonialismus. Die technischen Erfindungen im Rahmen der Industriellen Revolution wurden mit dem Elend der arbeitenden Massen bezahlt. Der Wohlstand der Neuzeit hat Umweltzerstörungen in nie gekanntem Ausmaße und das Artensterben als negatives Pendant.

Das Aufblühen einer Kultur ist also identisch mit dem Aufschaukeln eines schwingfähigen Systems. Wenn das System (die Zivilisation) schließlich durch zu große Ausschläge aus dem schwingfähigen Amplitudenbereich heraustritt, zerstört es sich selbst. Es kommt zur Resonanzkatastrophe. Deshalb sind alle großen Reiche untergegangen. Deshalb kam es in der Bronzezeit zum Systemkollaps.

Eine Resonanzkatastrophe in Form eines umfassenden Systemkollapses steht im Zentrum eines Phasenübergangs. Die Trümmer des alten Systems sind sozusagen der Nährboden für das Neue. Zwischen dem Alten und dem Neuen liegt ein Bruch. Das Neue ist nicht einfach nur das Alte in gewandelter Form. Die alten Reiche mussten zusammenbrechen, um Platz für etwas Neues zu schaffen, wozu beispielsweise die Entwicklung der Demokratie, die Logosphilosophie und das Christentum gehörten.

Da die berufliche Arbeit als Organisationsprinzip verschwindet, muss das Zusammenleben früher oder später neu organisiert werden. Eine solche Neuordnung ist ein Phasenübergang. Wir befinden uns in einem solchen, ähnlich wie die Menschen der Bronzezeit.

Viele Menschen haben das Gefühl, in einem sich aufschaukelnden System zu leben. Sowohl die positiven wie die negativen Ausschläge werden immer stärker. In den letzten zwanzig Jahren haben wir überall Eskalationen erlebt: im Energieverbrauch, der Vermüllung, der Bevölkerungsentwicklung, der Schuldenberge, der Informationen, des Artenrückgangs, der Krankheiten. Immer mehr Teilsysteme geraten außer Kontrolle. Ebenso eskalieren die Maßnahmen und die Tricks, mit denen das System noch zusammengehalten wird. Um den Zusammenbruch zu vermeiden, werden Menschen immer mehr reglementiert und zur Kasse gebeten. Um das System zu finanzieren, muss ein Mitglied dieses Systems inzwischen mehr als die Hälfte seines Verdienstes hergeben. Dabei wird das System immer fragiler. Schon kleine Abweichungen wie Schneefall oder Regen verursachen heute ein Chaos.

Der Untergang unserer derzeitigen Lebensweise ist jedoch nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Welt und vermutlich auch nicht mit dem Ende der Menschheit. Für die vom Kollaps Betroffenen mag es heftig werden. Doch ist ein Ende immer auch gleichzeitig ein Neuanfang. Das Leben geht auch nach einer Resonanzkatastrophe, nach einem umfassenden Systemkollaps weiter. Das sollten wir nicht vergessen. Für die Bewohner der Neuen Welt werden wir die Alten und genauso interessant oder uninteressant sein, wie es für uns die Hethiter oder Minoer sind.