Das Sterben der Bauernhöfe

Im Jahr 1971 gab es in Deutschland 1.017.697 Bauernhöfe. 2016 waren es gerade mal noch 276.000. Deutschland ist nicht allein vom Höfesterben betroffen. Frankreich hatte zwischen 1963 und 2011 einen Rückgang von ursprünglich 1,9 Millionen Betrieben auf 499.000 zu verzeichnen. In den anderen europäischen Ländern sieht es auch nicht viel anders aus. Und das Höfesterben geht weiter. Ein Ende ist bislang nicht abzusehen.

 

Immer weniger Höfe erzeugen immer mehr

Dabei werden in Deutschland mehr Tiere geschlachtet als noch vor zehn Jahren. Wenn man mal die Schweineproduktion betrachtet, ergeben sich folgende Zahlen: Im Jahr 2000 wurden 45 Millionen Schweine geschlachtet, im Jahr 2013 waren es 15 Millionen mehr. Im Jahr 2000 wurden durchschnittlich 350 Tiere in einem Stall gehalten, im Jahr 2013 waren es sage und schreibe 2.163. In derselben Zeit, in der Öko-Freaks und Tierfreunde sich vehement gegen Massentierhaltung engagieren, versechsfacht sich also die Zahl der Schweine pro Haltung. Kann man daraus womöglich den Schluss ziehen, dass die Öko-Freaks die Massentierhaltung erst herbeigeredet haben? Ganz so abwegig, wie das scheint, ist das gar nicht.

Es wird durch das Höfesterben auch nicht weniger Ackerland bewirtschaftet. Die übrig gebliebenen Höfe vergrößern sich und intensivieren zudem die Landwirtschaft. Der Ertrag pro Hektar hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren deutlich erhöht. Im Jahr 1970 wurden in Deutschland 23,7 Millionen Tonnen Getreide geerntet, im Jahr 2014 waren es 52 Millionen Tonnen. Also etwas mehr als doppelt so viel. Die Maisproduktion hat überhaupt erst in den 70er Jahren so richtig angefangen. 2013 wurden 4,4 Millionen Tonnen Körnermais und 80 Millionen Tonnen Silomais erzeugt.

Deutschland produziert inzwischen zuviel Milch, zuviel Fleisch und zuviel Getreide. Das Überangebot drückt die Preise in den Keller, was offenbar gewollt ist, weil der Preisverfall die kleinen und mittleren Betriebe zur Aufgabe zwingt. Hinzu kommt, wenn ich das richtig verstanden habe, dass die Subventionspolitik der EU die Großbetriebe bevorzugt. Mit unseren Steuergeldern finanzieren wir das Höfesterben also mit.

Die Biobewegung: Vorstellung und Realität

Außerdem haben die Bauern dank den Grünen, Tierrechtlern und anderen Ideologen einen schlechten Ruf. Häufig werden sie als Tierquäler bezeichnet. Und auch das trifft die kleinen und mittleren konventionell wirtschaftenden Betriebe mehr als die Großbetriebe. Was Besseres als die grüne Politik und die Verunglimpfung des gesamten Bauernstandes konnte den Großen der Branche gar nicht passieren.

In der Öffentlichkeit hat sich durch das lautstarke Geschrei der Öko-Freaks die Vorstellung verfestigt, dass eine 80 Millionen Bevölkerung locker mit Lebensmitteln von Bio-Höfen ernährt werden kann, wenn nur die konventionell wirtschaftenden Bauern nicht so dröge und unflexibel wären. Bio ist in und hat inzwischen auch die Supermärkte erobert. Trotzdem gibt es in Deutschland nur knapp 27.000 Höfe, die biologisch-ökologisch wirtschaften. Es gibt nicht mehr davon, weil es sich für die Bauern schlicht nicht rechnet.

Zwischen 2006 und 2016 hat die Zahl der Bio-Betriebe in Deutschland um 9.298 zugenommen, während die Zahl der konventionell wirtschaftenden Höfe zwischen 2008 und 2016 um 45.600 abgenommen hat. Das heißt, auf jeden Bio-Betrieb, der neu gegründet wurde, kommen mehr als vier konventionelle Höfe, die aufgegeben haben. Oder: auf einen Betrieb, der auf Bio umgestellt hat, kommen drei, die von Agrarfabrikanten oder ominösen Investoren, die mit der Landwirtschaft gar nichts am Hut haben, aufgekauft wurden.

Den Tieren, der Natur und den Menschen würde es weitaus mehr nützen, die konventionellen Höfe und damit die Artenvielfalt unter den Höfen zu erhalten statt mit ein paar wenigen Bio-Betrieben die zunehmende Konzentration auf immer größer werdende Agrarfabriken schönfärberisch zu verdecken. Die Bio-Höfe dienen doch hauptsächlich bloß dem Selbstbild einer naturfremden Stadtbevölkerung, die sich als tierlieb und naturverbunden imaginiert, während die Besitzer der Großbetriebe sich genüsslich die Hände reiben und die Bauern in den Ruin treiben. Und wie sich nun allmählich herausstellt, ist Bio ja noch nicht mal gesünder.

Der Verbraucher will biologisch angebautes Obst und Gemüse, glückliche Schweine und freilaufende Hühner. Er will einen Bauernhof, wie er ihn von seinen Bilderbüchern aus der Kindheit her kennt. Es gibt Bauern, die dieses Bedürfnis aufgreifen und befriedigen. Aber hinter dieser schönen Oberfläche verbirgt sich eine Wahrheit, die alles andere als idyllisch ist. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind die mittleren und kleinen Betriebe.

Wenn wir als Gesellschaft die Artenvielfalt unter den Bauernhöfen erhalten würden, hätten junge Leute, die an der Landwirtschaft interessiert sind, viel mehr Möglichkeiten, einen Hof selber zu gestalten, dabei aufs Tierwohl zu achten und Überproduktion zu vermeiden. Wenn die Höfe erst mal in den Händen von Agrarfabriken und sogenannten Investoren sind, ist dieser Zug abgefahren.

Und tatsächlich ist dieser Zug schon längst abgefahren. Die meisten Bauernhöfe dürften unwiderruflich dahin sein, denn wenn ein Hof erst mal aufgegeben ist, wird es schwierig, ihn wiederzubeleben. Ist er aufgekauft worden, ist es sogar unmöglich.

Es wird nicht nur zuviel produziert, es wird auch zuviel weggeworfen. Pro Jahr wirft im Schnitt jeder Bundesbürger etwa 90 kg Lebensmittel in den Abfalleimer, wobei ich nicht weiß, ob da nicht auch Kartoffelschalen und Kohlstrünke mitgerechnet werden. Etwa doppelt so viel, also 180 kg pro Person, werden anscheinend vom Handel entsorgt, wo als oberstes Gebot gilt, dass alle Waren dem Konsumenten stets zur Verfügung stehen müssen. Wenn ich die Zahlen richtig interpretiere, wird in Deutschland pro Verbraucher dieselbe Menge an Nahrungsmitteln weggeworfen, die er zu sich nimmt.

Die Dynamik dahinter

Diese Dynamik, in deren Sog die Höfe sterben, wird meistens mit Profitstreben und Geldgier in Verbindung gebracht. Ich glaube, dass diese Erklärung zu kurz greift. Die Geldwirtschaft ist nur das Mittel, um den technisch-industriellen Komplex weiter voranzutreiben. Und dieser technisch-industrielle Komplex hat in letzter Konsequenz die Vernichtung der Natur als Ziel. In diesem Komplex wird Natur nur noch als Kulisse zu Erholungszwecken geduldet.

Beim Höfesterben handelt es sich nämlich um einen Selektionsprozess, bei dem nur diejenigen Betriebe übrig bleiben, die schließlich voll automatisiert werden können. Diese Vollautomatisierung hat parallel zum Höfesterben eingesetzt. Die Landmaschinen werden entsprechend den Ackerflächen immer größer. Die Ställe sind vollautomatisiert, mit automatischer Fütterung, automatischer Entmistung und Melkrobotern. Hier mal ein Beispiel, wie das aussieht. Man kann nicht sagen, dass die Tiere gequält wirken. Im Hintergrund sieht man, dass die Ziegen gern ins Karussell reinhüpfen.

Diese Entwicklung geht weiter. Längst hat die Robotik auch in der Landwirtschaft Einzug gehalten. Es gibt Roboter, die Unkraut jäten. Andere verspritzen gezielt und dosiert Herbizide oder Pestizide, wodurch die Menge an eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmitteln erheblich reduziert werden kann. Es gibt Drohnen, die die Felder überwachen und dem Bauern Fotos auf den Computer senden. Es gibt Geräte, die die Kau- und Mahlbewegungen von Kühen messen und Alarm schlagen, wenn Abweichungen auftreten, weil das möglicherweise auf eine Krankheit hindeuten könnte. Am Ende dieses Prozesses werden nur noch ein paar Computerexperten notwendig sein, um die Ernährung der gesamten Bevölkerung sicherzustellen. Den bäuerlichen Menschen, der für die Verbundenheit von Mensch und Natur steht, wird es nicht mehr geben, weil die Verbundenheit von Mensch und Natur schon vor langer Zeit aufgekündigt wurde.

Es ist das, was der Großteil von uns Menschen will. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Wir können uns die Klagerufe und die Trauergesänge sparen, die doch nur Heuchelei sind.

Wir glauben, dass wir ein Recht drauf haben, von der Natur oder vom lieben Gott ernährt zu werden, ohne einen Finger dafür rühren zu müssen. Und da weder die Natur noch der liebe Gott uns das Essen in den Mund schieben, bauen wir uns eben eine Maschinenwelt, die das übernimmt und unseren Traum vom Schlaraffenland erfüllt. Nahrung ist uns keine Mühe wert, deshalb klinken wir uns aus diesem Prozess der Nahrungsbeschaffung und -zubereitung mehr und mehr aus. Mit diesem Stoffwechselprozess, der ja das eigentliche Wesen von Natur ist, wollen wir nichts mehr zu tun haben. Denn zum Stoffwechselprozess gehört der Tod, und den wollen wir Menschen unbedingt vermeiden.

Und es scheint ja hervorragend zu funktionieren. Die Zahlen sprechen für sich. Die industrialisierte Landwirtschaft ist ein Erfolgsmodell, und zwar umso erfolgreicher, je industrialisierter.

 

Weniger Zeit für Kochen und Essen

Auch mit Kochen und Vorratshaltung verbringen wir heute viel weniger Zeit als noch vor zwanzig oder gar fünfzig Jahren. Kaum jemand weckt heute noch ein oder dörrt Obst oder macht Sauerkraut selber. Das Wissen über alte Konservierungsmethoden geht verloren, wozu haben wir schließlich die Kühltruhe? Beim Kochen ist convenience food angesagt, das man kurz in die Mikrowelle schiebt, oder der smoothie, der auf Knopfdruck aus dem Automaten kommt. Und dummerweise schmeckt billiges Industrie-Baguette aus dem Supermarkt tatsächlich oft besser als das vom Bäcker, das schon nach wenigen Stunden hart und ungenießbar wird. Dasselbe gilt für Brot. Wobei es weder das Brot vom Bäcker noch das aus dem Supermarkt mit selbstgebackenem Brot aus frisch gemahlenem Getreide aufnehmen kann. Da merkt man dann so richtig, dass Brot nicht gleich Brot ist. Das muss auch gesagt werden. Aber das ist mit Arbeit verbunden. Und wer macht das noch außer ein paar rückständigen Idioten? Lieber denken die Menschen schon über Nahrungsmittel aus dem 3-D-Drucker nach.

Sogar fürs Essen nimmt sich der Mensch im Alltag immer weniger Zeit. Dafür wird maßgeschneiderte Ernährung inklusive digitaler Ernährungsberatung immer wichtiger. Immer weniger Menschen vertrauen darauf, dass ihr Körper ihnen selber sagt, was er braucht und was gut für ihn ist, statt dessen kaufen sie haufenweise Ernährungsratgeber und halten sich an zeitgeistgebundene Theorien, die von vegan bis paläo und von low carb bis fettsäurereich eine ebensogroße Vielfalt bieten wie der Supermarkt. Dazu werden alle möglichen Nahrungsergänzungsmittel geschluckt, von denen man sich Gesundheit und Wohlbefinden erhofft. Schritt für Schritt entwickeln wir uns so in Richtung Chemitarier.

 

Die Abschaffung der Natur

Wir Menschen sind dabei, uns aus der Natur herauszulösen. Wir wollen mit der Natur nichts mehr zu tun haben, es sei denn, wir gestalten sie nach unseren Vorstellungen selbst. Stattdessen machen wir uns lieber von einer selbst geschaffenen Technologie abhängig, über die wir mehr und mehr die Kontrolle verlieren. Aber kümmert das jemanden ernstlich? Außer mir, meine ich. Die Allermeisten vertrauen darauf, dass die Megamaschine uns mit allem Notwendigen und mit noch mehr Überflüssigem bis in alle Ewigkeit versorgen wird, ohne zu wissen, ob wir morgen überhaupt noch genügend Energie zur Verfügung haben, um diese Megamaschine zu betreiben. In unserem Bestreben, die Natur zu kontrollieren und sie unseren Zwecken zu unterwerfen, werden wir als Einzelne mehr und mehr von einem technisch-bürokratischen Superorganismus aufgesogen, kontrolliert und versorgt. Aber anscheinend kommt das ja gut. Bei näherer Betrachtung will der Großteil der Menschen von der Wiege bis zur Bahre gepampert werden.

Wenn sich der Mensch zwischen Natur und Technik entscheiden muss, entscheidet er sich ausnahmslos immer für den technischen Weg. Handy, Smartphone und die Apps haben sich in Windeseile um die ganze Welt verbreitet, ohne dass irgendjemand Druck auf den Verbraucher ausüben musste. Facebook hat inzwischen mehr als zwei Milliarden Nutzer.

Der Wirtschaftsjournalist Daniel Ben-Ami formuliert das Glaubenscredo, dem fast alle Menschen, Bürokraten wie Wissenschaftler, grüne Ideologen wie Marktliberale, Veganer wie Fleischesser, Bauern wie Verbraucher gleichermaßen anhängen:

„Mit der Neugestaltung und Nutzbarmachung der Natur zu unserem eigenen Vorteil haben wir eine viel wohlhabendere Gesellschaft geschaffen … Wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt hängen exakt vom zunehmenden Einfluss der Menschen auf die Natur ab. Wir müssen unsere Kontrolle über die Natur ausdehnen, statt sie zu reduzieren.“

Daniel Ben-Ami sagt wenigstens, was viele nicht zugeben wollen. Denn so geht der Mensch seit jeher mit der Natur um, wenn man mal alle Schönfärberei und Heuchelei beiseite lässt. Und so gesehen, trägt jeder Mensch sein Scherflein zur Abschaffung der Natur bei, der eine mehr, der andere weniger. Die Abschaffung der Natur ist unser großes menschliches Gemeinschaftswerk, und ich denke, wir werden nicht aufhören, bis wir das Ziel erreicht haben.

Und da dies so ist, bliebe zu wünschen, der Mensch hätte wenigstens genügend Mumm, zu der von ihm gewollten und in Gang gesetzten Entwicklung zu stehen und die Folgen entsprechend zu tragen statt sich hinter angeblicher Natur- und Tierliebe zu verstecken und angesichts des Artensterbens in Jammergeschrei auszubrechen.