Techno-Steuern

Gegenspieler der Natur und damit des Lebendigen ist unbestritten die zunehmende Vertechnisierung der Welt durch den Menschen. Natur verschwindet überall da, wo die sogenannte Technosphäre sich ausbreitet. Unter Technosphäre versteht man alle menschengeschaffenen Produkte vom Wattestäbchen bis hin zu Weltraumstationen. Die Technosphäre umfasst auch die gesamte menschliche Infrastruktur: Dörfer, Städte, Straßen, Krankenhäuser, Häfen, Staudämme und nicht zuletzt die öden Monokulturen industrieller Landwirtschaft. Sphärenklänge sind in diesem Kontext keine Engelsstimmen, sondern das Summen, Brummen, Kreischen, Schleifen, Schaben, Knattern, Rattern, Lärmen und Dröhnen von Maschinen.

In den vergangenen 50 (!) Jahren haben 11 Milliarden Menschen gleich viele Ressourcen verbraucht wie rund 95 Milliarden Menschen in den 50.000 Jahren davor. Pro Jahr verbraucht der brave Bundesbürger aktuell im Schnitt rund 10 Tonnen Metall, Mineralien, fossile Brennstoffe und Biomasse. Wir Menschen wandeln soviel Natur in Technosphäre und Abfall um, dass wir 2 1/2 Planeten von der Größe der Erde bräuchten, damit die Natur unsere Aktivitäten einigermaßen verkraften könnte. Da wir jedoch nur diese eine Erde zur Verfügung haben, leben wir auf Kosten der Substanz und verdrängen weiträumig die meisten der freilebenden Arten, deren Individuen mehr als ein Kilogramm wiegen. Dieser Vorgang ist als das sechste große Arten- oder Massensterben bekannt.

In den letzten 40 (!) Jahren haben sich weltweit die Bestände der Wildtiere im Durchschnitt mehr als halbiert, bis 2020 werden 2/3 der Wirbeltiere, die nicht zum Nutzvieh zählen, verschwunden sein. Und man kann wahrhaftig nicht sagen, dass die Welt um 1980 herum von Wildtieren noch gewimmelt hat. Auch damals waren das Artensterben und die Rote Liste schon ein heiß diskutiertes Thema, an dem sich, wie heutzutage auch, eine Menge Leute bloß bereichert haben, ohne dass sich irgendwas geändert hätte. Nicht umsonst war das ja die Zeit, in der die Grünen den Einzug in die Politik schafften, um alternative Lebens- und Regierungskonzepte der technisch-kapitalistischen Maschinerie als Fraß vorzuwerfen. War die Situation 1980 durch die explodierende Massenproduktion schon ernst genug, hat sie sich seit damals geradezu dramatisch verschlechtert.

Ein Blick auf unsere nächsten Verwandten veranschaulicht die Veränderungen: 7.500.000.000 Menschen stehen gerade mal noch 200.000 Schimpansen, 14.000 Orang-Utans und 4.000 Graue Gorillas gegenüber. 60% aller Affenarten sind vom Aussterben bedroht.

Die meisten der auch für den Menschen gefährlichen Umweltveränderungen gehen auf die Vertechnisierung der Welt zurück: Waldsterben, Ozonloch, Klimawandel, Entgleisung der fundamentalen, weltumspannenden Kreisläufe von Kohlenstoff und Stickstoff, überall sinkende Grundwasserspiegel, die zudem mit Antibiotika, Hormonen, Nitraten und anderen Stoffen verseucht werden, Vermüllung der Meere mit Plastikabfällen, Elektronikschrottberge in Afrika, radioaktive Abfälle, die noch Tausende von Jahren vor sich hinstrahlen werden und für die kein Endlager gefunden wird. Und nicht zuletzt droht im Hintergrund zudem der Ausbruch eines Atomkriegs mit dem Horrorszenarium, dass Atombomben auf Atomkraftwerke geworfen werden. Die meisten Menschen sind hochgradig technikgläubig. Sie nehmen es unbesehen hin, dass die Vertechnisierung jährlich Hunderttausende von Menschen das Leben kostet, sei es durch Unfälle, Krieg oder Vergiftung der Lebensgrundlagen. Sie halten die Vertechnisierung der Welt immer noch für eine großartige Leistung und sind – im wahrsten Sinne des Wortes – wahnsinnig stolz auf den Zivilisationsprozess, was ja nur ein anderes Wort für die Vertechnisierung ist. Genau das ist der Zivilisationsprozess: ein Wahn.

Bevor selbsternannte Weltretter überstürzt Maßnahmen ergreifen, um zu retten, was wohl nicht mehr zu retten ist, müssten sich die Menschen ihrer Destruktivität überhaupt erstmal richtig gewahr werden. Sie müssten erkennen, was sie tun. Die Zerstörung der Biosphäre ist nämlich nicht nur ein Kollateralschaden, den man mit ein paar halbherzigen Maßnahmen wie Pseudo-Kommunismus oder Veganismus oder dergleichen wieder beseitigen kann. Seit sich der Mensch mit dem Feuer eingelassen hat, ist die Zerstörungskraft des Feuers auch dem Menschen immanent. Erst, wenn man das kapiert hat, kann man sich Maßnahmen überlegen, um die menschliche Zerstörungskraft vorübergehend vielleicht etwas einzudämmen.

Die einzig adäquate Maßnahme, die mir einfällt, besteht darin, die Vertechnisierung so teuer zu machen, dass sie sich nicht mehr lohnt. Das wäre eigentlich ganz leicht zu bewerkstelligen. Statt die menschliche Arbeitskraft oder den gesamten Konsum zu besteuern, könnte man sämtliche Steuern und Sozialabgaben auf Rohstoffe, Energie und Technik umlegen.

Im Prinzip ist ein Staatshaushalt ja nichts anderes als eine doppelte Buchführung. Was auf der einen Seite die Einnahmen sind, sind auf der anderen Seiten die Ausgaben, und die Aufgabe besteht darin, die Einnahmen und die Ausgaben zur Deckung zu bringen. Wie man das anstellt, ist egal. Im Jahr 2017 arbeitet ein durchschnittlicher Arbeitnehmer bereits mehr als das halbe Jahr für den Staat. Das heißt, der Staat kassiert um die 55% des Einkommens und verspricht dafür Sicherheit, Bildung, Infrastruktur, Gesundheits- und Altersversorgung und dergleichen mehr.

Statt den Menschen nun 55% des Einkommens wegzunehmen, könnte man Energie und technische Geräte um eben diesen Betrag verteuern. Statt Unternehmenssteuer müssten die Betriebe Maschinen- und Robotersteuern bezahlen. Dann könnte die menschliche Arbeit wieder mit Maschinen und Robotern konkurrieren. Es würde sich wieder lohnen, selber irgendwo Hand anzulegen statt dauernd bloß Wegwerfprodukte zu kaufen, die aufgrund der Notwendigkeit, Umsatz zu machen, immer schneller kaputt gehen.

Da wir aufgrund des technischen Fortschritts unter massiver Überproduktion leiden, wäre eine Reduzierung der Produktivität ein echter Gewinn, um nicht zu sagen, ein Segen. Das könnte man mit einem bedingungslosen Grundeinkommen erreichen. Ich war bislang ein eingefleischter Gegner des BGE, weil es den Menschen total abhängig macht und den Lebenswillen lähmt. Es zerstört die Fähigkeit und den Wunsch, für sich selber zu sorgen. Wenn man jedoch der weiteren Vertechnisierung ein Ende setzen wollte, wäre das BGE vorübergehend vermutlich doch eine sinnvolle Maßnahme. Sollte sich die Gesellschaft irgendwann anti-technisch organisiert haben, könnte man es ja wieder abschaffen. Vielleicht kommen unsere Nachfahren ja irgendwann in ferner Zukunft an den Punkt, wo sie es wieder als ihre Aufgabe angucken, selbst für sich zu sorgen, und stolz darauf sind, wenn ihnen das ohne die Zuhilfenahme von Fremdenergie gelingt. Das wären dann allerdings keine Menschen mehr, definiert sich Menschsein doch eben durch den Fremdenergieverbrauch.

Das Grundeinkommen wäre dazu da, die Grundbedürfnisse abzudecken. Da fallen mir zuerst Nahrung, Wohnung und Kleidung ein. Vielleicht gibt es noch andere existenzielle Bedürfnisse wie ein gewisses Maß an Sauberkeit und gesellschaftlichem Austausch. Aber das kostet ja nichts oder zumindest nicht viel. Im Grunde ist das BGE so was wie Hartz IV für alle. Mehr nicht. Technische Geräte wie Waschmaschine, Wäschetrockner, Herd, Heizung, Kühlschrank, Gefriertruhe, Fernsehen, Musikanlage, Computer, elektrische Küchengeräte, Rasenmäher, Auto usw. gehören nicht zu den Grundbedürfnissen, die über das Grundeinkommen abgedeckt werden. Wer nicht in einem Wohnheim wohnen und sich stattdessen mit technischem und sonstigem Schnickschnack umgeben will, muss, wie bisher auch, dafür arbeiten. Ich gehe schon davon aus, dass angesichts der menschlichen Technikbesessenheit die meisten Menschen tatsächlich weiterhin arbeiten würden. Wer von uns will schon auf die obengenannten Gerätschaften verzichten? Wer will nicht in seiner eigenen Wohnung wohnen? Und wenn manche (oder auch viele) das nicht wollen, ist das auch okay. Aussteiger und Minimalisten sind in diesem Modell ja explizit erwünscht.

Wenn sämtliche Steuern und Abgaben auf Energie und Technik umgelegt würden, würde jedes technische Gerät vermutlich das Dreifache oder Fünffache kosten. Vielleicht sogar noch mehr. Dann muss man sich schon überlegen, ob sich die Anschaffung lohnt. Ob man nicht beispielsweise besser fährt, wenn man die Wäsche auf die Leine hängt anstatt sie in den Trockner zu stopfen. Ob es nicht günstiger ist, von Hand zu spülen oder den Teig von Hand zu rühren als mit der Maschine. Ob man wirklich bereit ist, sich das halbe Leben lang krumm zu legen, nur um sich ein Auto kaufen zu können. Natürlich würde auch die Energie sehr viel teurer werden. Sodass sich vielleicht mancher überlegt, wieder mit der Sonne schlafen zu gehen und mit ihr aufzustehen. Viele Menschen werden sich die Technik, mit der sie sich jetzt gerade umgeben, schlichtweg nicht mehr leisten können. Vielleicht wird es dann wieder modern, im Garten zu zelten. Vielleicht können die Kinder dann ja wieder mal auf der Straße spielen. Auf jeden Fall wäre die Techno-Steuer ein Mechanismus, der die Produktion den Bedürfnissen anpasst. Es gäbe keine Überproduktion mehr. Die Techno-Steuer wäre der Sand im Getriebe der Wirtschafts- und Marketing-Maschinerie. Sie würde die Vertechnisierung der Welt zumindest effektiv verlangsamen.

In diesem Modell kann jeder mit dem Grundeinkommen machen, was er will. Jeder kann selber entscheiden, was und wie lange er arbeiten will. Es besteht kein Zwang zur Arbeit, weil die existenziellen Bedürfnisse ja abgedeckt sind. Von seinem Einkommen kann jeder kaufen, was er will. Freie Entscheidungen finde ich besser, als den Menschen vorschreiben zu wollen, wieviel Energie sie verbrauchen oder wie oft in der Woche sie Fleisch essen dürfen. Allerdings muss der Mensch die Folgen seiner Entscheidung selber tragen. Wenn sich einer dafür entscheidet, sein Grundeinkommen in einen Laptop oder in ein i-Phone zu stecken, dann hat er eben nichts zu essen. Der Staat hat bereits für den Menschen gesorgt, zweimal für den Menschen zu sorgen, ist nicht mehr seine Sache.

Wichtig an diesem Modell ist, dass das Grundeinkommen zwingend mit einer vollständigen Umstrukturierung des Steuersystems gekoppelt ist. Solange die Einnahmen des Staates weiterhin von den Einkommen bzw. der menschlichen Arbeitskraft abhängen, macht ein Grundeinkommen keinen Sinn. In diesem Fall entsteht nämlich automatisch der Zwang zur Arbeit, um das Grundeinkommen überhaupt finanzieren zu können. Statt zu mehr Freiheit und einer Umstrukturierung der Gesellschaft führt das BGE für sich allein genommen in die paradoxe Situation, dass die Menschen gezwungen werden, freiwillig mehr zu arbeiten als im alten System. Für sich allein genommen, führt das BGE zu einer absolut verlogenen Gesellschaftsordnung, falls es nicht gleich in einem Desaster endet.

Das bisherige Steuersystem, in das der Mensch mit seiner Arbeitskraft eingebunden ist, stammt aus der Bronzezeit. Dieses Steuersystem war sinnvoll für eine agrarische Gesellschaft, in der die menschliche Arbeitskraft neben Ochs und Pferd die Hauptenergiequelle war. Nun leben wir nicht mehr in einer Agrar- sondern in einer Industriegesellschaft. Für eine Gesellschaft, die über Strom, Maschinen und Roboter verfügt, hat das alte Steuersystem deswegen eine Menge unerwünschter Effekte, von denen der ewige Zwang zum Wirtschaftswachstum nur einer ist.

Meiner Ansicht nach hätte das Steuersystem allerdings bereits vor hundert oder zweihundert Jahren dem veränderten Paradigma angepasst werden müssen. Jetzt sehen wir uns in der Situation, dass die Vertechnisierung mit einer den Rahmen der Naturverträglichkeit sprengenden Bevölkerungsexplosion einhergeht und eine Eigendynamik entfaltet, die niemand steuern oder beherrschen kann. In dieser Phase des vielgerühmten Zivilisationsprozesses stellt sich heraus, dass nicht der Mensch das Feuer beherrscht, sondern das Feuer bzw. die Vertechnisierung den Menschen. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir auf einen Systemkollaps zusteuern, vergleichbar mit jenem, wie er sich auch in der Bronzezeit ereignet hat. Was danach kommt, ist schwer zu sagen. Vielleicht ein Zeitalter, in dem nicht-lebendige Systeme die Herrschaft über den Planeten haben und die Menschen, die den Kollaps überleben, kein eigenes Leben mehr haben, sondern Kapital in irgendeinem von Maschinenintelligenz ausgedachten Plan sind, ähnlich wie heute die Tiere in der Massentierhaltung. Wenn das die Zukunft ist, ist es mir egal, ob ich den Kollaps überlebe oder nicht. Deswegen mache ich mir auch keine großen Sorgen mehr.

Eine andere Lösung wäre nur denkbar, wenn der Mensch aus seinem Zivilisations- und Technikwahn aufwachen würde. Vom Erwachen reden die Buddhisten jedoch schon seit zweieinhalbtausend Jahren, ohne dass sie je kapiert haben, dass das Feuer (Vertechnisierung) und nicht die Gier oder der Egoismus das ursächliche Problem der Menschheit ist. Deshalb sehe ich für eine andere Lösung einigermaßen schwarz.

Das Verschwinden der ANDEREN

In gerade mal lächerlichen 22 Jahren (zwischen 1985 – 2007) ist auf Sumatra die Hälfte (!) des Regenwaldes verschwunden. Er musste Plantagen zur Gewinnung von Palmöl, Kautschuk und Papier weichen. Nicht selten ist die bevorzugte Methode der Umwandlung von Urwald in Plantage die Brandrodung. Allein im Jahr 2015 soll es in Indonesien mehr als 100.000 Waldbrände gegeben haben. Das heißt, der Lebensraum der Orang-Utans und anderer Urwaldbewohner verschwindet nicht nur peu à peu, sondern im Eiltempo. Haben diese Menschenaffen früher ganz Südasien und Nordindien bewohnt, findet man sie jetzt nur noch auf Sumatra und Borneo.

Zum Schutz der Orangs und anderer vom Aussterben bedrohter Tierarten setzen Regierungen und NGOs auf Öko-Tourismus. Das ist eine feine Sache, denn solche Projekte tragen zum Schutz der Umwelt und zum Wohlergehen der ansässigen Bevölkerung bei. In die betroffenen Regionen fließen Gelder, die pro Naturbewahrung verwendet werden (können). Arbeitsplätze entstehen und das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge wächst. So lautet der Plan, der ja zuerst mal ganz gut klingt. Wie der ökologisch verantwortliche Tourist dem Orang-Utan trotzdem auf die Pelle rückt, ist heute in der F.A.Z. zu lesen.

Denn in Wirklichkeit dringen immer mehr Touristen in einen sowieso schon bedrohten Lebensraum ein und stören sowieso schon vom Aussterben bedrohte Tierarten bei der Nahrungssuche, bei der Paarung und bei der Aufzucht der Jungen. In Bukuit Lawang auf Sumatra sind es täglich mehrere hundert Touristen, für die die Orang-Utans die große Attraktion sind. Bei den Führungen werden weder Schonzeiten beachtet noch Mindestabstände eingehalten. Die Orangs werden gefüttert und damit an die Menschen(massen) gewöhnt und auf bestimmte Verhaltensweisen hin dressiert. Die Touristen lassen ihre Abfälle im Wald liegen und verbreiten unter den Affen Krankheiten wie Hepatitis und andere Infektionen.

Wie man an diesem Beispiel erkennt, gereichen alle Vorteile dieser ökologisch motivierten Tourismusprojekte (Geld, Arbeitsplätze, Bewusstseinschaffung) den Menschen und alle Nachteile den Tieren und der Pflanzenwelt.

Die Tragik dieser für den Umgang des Menschen mit der Natur doch sehr typischen Geschichte besteht darin, dass es immer noch besser ist, die Natur und die Menschenaffen durch Tourismusprojekte zu dezimieren als durch Abholzung, Brandrodung und Plantagen. Man gewinnt etwas Zeit. Die Zerstörung geht langsamer voran, ist entschieden sanfter, ein kleines bisschen weniger gewinnorientiert und verschafft nicht nur den Reisenden, sondern allen Beteiligten ein gutes Gewissen. Die Tragik dieser Geschichte besteht darin, dass man gar nicht ernsthaft auf diese Tourismusprojekte schimpfen kann, weil man dann Brandrodungen und Plantagenwirtschaft nur noch weiter Tür und Tor öffnen würde.

Wenn ich solche Artikel lese, wie heute den in der F.A.Z., werde ich traurig. Meine Trauer gilt nicht nur dem Aussterben eines faszinierenden Lebewesens wie dem Orang-Utan und dem Verschwinden eines vielgestaltigen Ökosystems wie dem Regenwald, sie sitzt tiefer.

Ich sehe, wie auf der Welt nach und nach alles verschwindet, was nicht menschlich ist. Es gibt keine Gebiete mehr, die unerschlossen sind und sich dem Menschen und seinem unersättlichen Besitz- und Erkenntnisdrang entziehen. Es gibt keine „dunklen Flecke“ mehr, wo geheimnisvolle Dinge stattfinden, von denen wir Menschen nichts wissen. Es gibt nichts Unbekanntes und damit kein Geheimnis mehr. Wir wissen alles, sogar, dass im Regenwald auf Sumatra noch 14.000 Orang-Utans leben.

Ich merke zunehmend, dass mir etwas fehlt, wenn wir Menschen alles wissen. Sogar etwas Wichtiges. Ich frage mich, ob ich tatsächlich alles über die Welt wissen will. Müssen wir den Wissenschaftlern und Forschern wirklich dankbar sein, wenn sie der Natur jedes Geheimnis entreißen?

Europa vom Flugzeug aus betrachtet, kommt mir schrecklich langweilig vor. Unser hochzivilisierter Kontinent sieht von oben wie eine Patchworkdecke aus lauter Vierecken und Quadraten aus. Das einzig Unregelmäßige sind die Städte. Der Mensch hat den Kontinent vollständig in Besitz genommen. Überall begegnet er nur noch sich selber. Kein Wunder, dass viele Europäer im Urlaub nach Afrika und Asien fliegen, um dort noch einen letzten Rest unberührter Natur, Geheimnis und Abenteuer zu suchen.

In einer Welt, in der nach und nach alles verschwindet, was nicht-menschlich ist, verschwindet nicht nur das Fremde und Geheimnisvolle, das unserem Leben Würze und Spannung gibt. Es geht ein Gegenpart, ein Sparringpartner, ein Widerstand verloren, der unser Menschsein begrenzt und ihm dadurch Form und Kontur verleiht. Wir brauchen das ANDERE und die ANDEREN, um zu erfahren, wer wir als Menschen sind. Definitionen geschehen in Abgrenzung zueinander. Wir erfahren nicht mehr, wer wir Menschen sind, wenn wir uns nur noch mit Menschen und Menschlichem umgeben. Aber das scheint unser Weg zu sein.

Wohin wir auch reisen, begegnen wir vor allem Menschen und wieder Menschen, Massen von Menschen, und diese werden einander immer ähnlicher, ganz egal, ob sie nun weiße, gelbe oder schokoladenbraune Haut haben. In jeder Großstadt, ob in Asien, Amerika, Europa oder Afrika finden sich fast identische Strukturen aus Verkehrswegen, Hotels, Shopping-Zonen, Banken, Tempeln (Kirchen) und Parks. Überall auf der Welt gibt es Coca Cola, Kaffee, Tee, Alkohol, Süßigkeiten und Sandwiches. Überall gibt es dieselben Marken, dieselbe Marmeladen, dieselben Dosen, dieselben Klamotten, ja sogar dasselbe Obst, wenn auch in unterschiedlicher Geschmacksintensität. Jede Großstadt ist geschäftig, laut und nachts grell beleuchtet. Je zivilisierter wir werden, desto ähnlicher werden unsere Wohnorte und desto austauschbarer wir selbst. Was wir Zivilisation nennen, ebnet alle Unterschiede ein.

Je mehr die Natur und mit ihr das ANDERE und die ANDEREN verschwinden, desto mehr gerät die Welt zu einem Spiegelkabinett, in dem wir immer nur noch uns selber begegnen. Ja, mir fehlt da was.