Krank ist Kult

Der Parkplatz vor dem Krankenhaus ist überfüllt. Die halb auf dem Bürgersteig abgestellten Wagen ziehen sich noch ein gutes Stück die Straße entlang. Vor dem Eingang fahren in schöner Regelmäßigkeit Ambulanzen vor, aus denen Menschen in Rollstühlen oder sonst irgendwelchen Gestellen gehoben werden. Es ist ein reges Kommen und Gehen. Das Krankenhaus ist zweifellos ein sehr stark frequentierter Ort. Es ist absolut in.

Im Foyer herrscht eine geschäftige und doch irgendwie weihevolle Atmosphäre. Patienten, Pflegepersonal und selbst Besucher verbreiten ein Flair um sich, als würden sie an etwas Großartigem wie einem Stapellauf teilhaben. Oder den Vorbereitungen zur Mondlandung. Die Menschen sind offener als anderswo, sie reden miteinander und gehen mehr aufeinander ein. Ich spüre eine unterschwellige Erregung, die durchaus nicht deprimiert, sondern eher freudig auf mich wirkt. Eine Art Stolz, als würde jeder der Teilnehmer an etwas Erhabenem mitwirken. Alles, was geschieht, scheint irgendwie bedeutsam.

Es herrscht annähernd dieselbe Feierlichkeit wie früher beim Gottesdienst. Klammheimlich hat eine Verschiebung stattgefunden. Was unseren Vorfahren das Gottes-, ist für den modernen Menschen das Krankenhaus. Während ich das Treiben beobachte, wird mir wieder bewusst, dass Religion und Technik zusammengehören. Religion war noch nie etwas Anderes als die Verehrung von Technik. Deshalb ist es logisch, dass an einem Ort wie dem Krankenhaus, wo überall nur Apparate piepsen, eine religiöse Atmosphäre herrscht.

Im Krankenhaus ist man dem technischen Gott, dem wir uns alle längst bedingungslos unterworfen haben, am nächsten. Der Patient liefert sich dem Moloch aus. Erfüllt von einem Gefühl religiöser Hingabe wird der Patient zum Pionier auf dem Weg zum Cyborg. Laut Fremdwörterbuch ist ein Pionier ein Soldat der technischen Truppe. Der Patient als Soldat und Wegbereiter in eine technisch-künstliche Welt. Na also, passt doch!

Früher einmal waren Pioniere taffe Menschen, die mutiger, ausdauernder, kräftiger, intelligenter und vor allem gesünder als der Durchschnitt waren. Typen wie der Marlboro Mann beispielsweise. Heute sind die Pioniere solche, die husten, schniefen, Beutel für Körperflüssigkeiten mit sich herumtragen oder im Rollstuhl geschoben werden. Ich frage mich, wohin all diese modernen Pioniere unsere Gesellschaft führen? Der Cyborg der Zukunft ist kein Arnold Schwarzenegger. Sondern der Dauerbewohner einer Intensivstation, die er nicht mehr verlassen kann, weil ihn das umbringen würde.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine findet im Krankenhaus statt. Nicht nur, dass der menschliche Körper in der Medizin auf technisch-funktionale Abläufe reduziert und wie eine reparaturbedürftige Maschine behandelt wird, im Operationssaal hat die Technik ja auch tatsächlich Zugriff, kann in den Menschen eindringen und ihn konkret verwandeln. Beispielsweise in einen Prothesenträger. Die meisten direkten technischen Veränderungen am Menschen geschehen ja unter der Maßgabe, körperliche Defizite auszugleichen, um den Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Im Krankenhaus verschmelzen Religion und Technik zu einem Gesundheitswesen, das seltsamerweise immer mehr kranke Menschen hervorbringt. Und zwar in einer Größenordnung, die für mich etwas Schauriges hat.

1960 gab es in Deutschland knapp 94.000 Ärzte. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung betreute ein Arzt also 780 Bürger.

2015 gehörten dem praktizierenden Ärztestand 371.300 Ärzte an, das heißt, das jeder Arzt im Schnitt nur noch 221 Bürger betreut. Wohlgemerkt: Ich rede hier von normalen Bürgern, nicht von Patienten.

Ein Dorf mit 1.000 Einwohnern muss heute vier Ärzte finanzieren. Trotzdem hat ein Arzt im Durchschnitt nicht mehr als acht Minuten pro Patient übrig. Ein Facharzt behandelt täglich 41, ein Hausarzt 53 Patienten. Wo kommen all diese kranken Menschen her? Wenn ein Arzt 221 Bürger betreut, wäre er, selbst, wenn jeder Bürger krank sein sollte, bei diesem 8-Minuten-Takt doch locker in einer Woche mit allen durch. Für den Rest des Jahres, also satte 51 Wochen, könnte sich der Arzt auf die faule Haut legen. Stattdessen klagt jeder Arzt über Überarbeitung und Dauerstress und nicht wenige schieben im Krankenhaus Dienste von 36 Stunden.

Zwischen 1973 und 2013 hat sich die Zahl der Krebsfälle verdoppelt. Nicht mehr lange, und die Zahl der Neuerkrankungen bewegt sich in derselben Größenordnung wie die Zahl der Geburten. 2013 gab es 482.500 neue Krebsfälle und knapp 700.000 Geburten. Ja, das ist ein makabrer Vergleich. Wieso nehmen die Ärzte diese Zahlen einfach so hin? Wieso gibt das keinen Aufschrei in der Bevölkerung?

Im Jahr 2011 gab es in Deutschland 15 Millionen Operationen. Dazu werden wohl auch endoskopische Untersuchungen gehören, anders kann ich mir diese horrende Zahl schon gleich gar nicht erklären. Alle sechs Jahre sind also alle Bewohner Deutschlands einmal durchoperiert und jeder einzelne Bürger macht im Laufe seines Lebens vierzehn Operationen mit. Das ist verrückt!

Im Jahr 2005 gab es noch drei Millionen Operationen weniger. Sind innerhalb von nur sechs Jahren die Leute so viel kränker geworden?

Es wird gerne erzählt, dass die steigende Lebenserwartung der Grund für diese doch ziemlich gruselige Entwicklung ist. Aber das stimmt nicht. Von den 15 Millionen Operationen entfielen rund 1.750.000 auf die Altersgruppe zwischen 70 und 80, um danach rapide abzunehmen, sei es, weil die Leute verstorben sind oder ganz alte Leute doch eher in Ruhe gelassen werden. Dann bleiben immer noch 13 Millionen Operationen übrig, die sich auf die Bevölkerung unter 70 verteilen.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, hier findet etwas statt, was rational nicht mehr zu erklären ist. Was mich am meisten wundert, ist, dass sich niemand darüber zu wundern scheint.

Für mich sieht es so aus, dass wir dem technischen Fortschritt nicht nur die Natur, sondern auch bereitwillig unsere Gesundheit opfern. Wir werden nämlich nicht immer gesünder, sondern immer kränker, wie die Zahlen beweisen. Wir werden auch immer schwächer. Ich habe eine Zahl im Hinterkopf, dass Jungs seit den 70er Jahren körperlich um mehr als 20% schwächer geworden sind und die Mädchen deshalb jetzt gleichziehen.

Aber das scheint den Menschen zu gefallen. Sie fühlen sich als moderne Helden, wenn sie im Krankenhaus sind. Über nichts reden sie lieber als über ihre Krankheiten. Sie lieben es geradezu, krank zu sein. Mit Freude nehmen sie ihre Pillen und Tröpfchen ein. Krank ist Kult.

Wenn wir so weitermachen, kommen wir in absehbarer Zeit dahin, dass die eine Hälfte der Bevölkerung krank im Bett liegt und von der anderen Hälfte der Bevölkerung gepflegt wird.

Gut, wenn wir dann Roboter haben, die all das für uns erledigen, woraus das Leben sonst noch besteht.

Bambi ess ich nicht!

Vor ungefähr einem halben Jahr, kurz nach der Geburt seines Sohnes, hat Gilbert auf seinem Blog über das Zeitalter der Kuscheltiere philosophiert. Er führt aus, dass fast alle nützlichen und überflüssigen Gegenstände, die Erwachsene kleinen Kindern schenken, irgendwie mit Tieren zu tun haben. Entweder sind die Tiere auf den jeweiligen Gegenstand aufgedruckt oder der Gegenstand selber wird in Form eines Tiers präsentiert.
Es gibt also nicht nur Strampelhosen, Lätzchen, Schlafanzüge, Bettwäsche und Tapeten mit niedlichen Bärchen, Lämmchen und Häschen drauf. Nein, weit mehr: das Badethermometer kommt als Fisch daher, die Sparbüchse als Frosch, das Töpfchen als Ente, der Schnuller als Schweinchen. Sogar die Spieluhr tarnt sich als lächelnder Wal. Auch Schrank, Bett und Stuhl sind mit Tierfiguren à la Disney verziert. Das Kind lernt beizeiten, dass es nicht nur auf einem Schaukelpferd reiten kann, sondern auch auf einem Löwen, einem blauen Elefanten oder der Biene Maja.

Dazu kommt eine gewaltige Flut an Bilderbüchern mit ihren verniedlichenden Tierdarstellungen, von denen die Geschichte vom Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, der Realität noch am nächsten ist. Da gibt es die kleine Raupe Nimmersatt, die Eule mit der Beule, den Regenbogenfisch, den Grüffelo, Frederick und zahllose andere. Für die etwas größeren Kinder dann Pu der Bär, Das wilde Mäh, Die Schule der magischen Tiere, Die Muskeltiere, Eulenzauber und wie die Bücher alle heißen mögen. Nichts gegen die Bücher als solche, die meisten davon sind wirklich hübsch gemacht. Was stutzig macht, ist die Quantität, nicht die Qualität.

Weil das immer noch nicht genug ist, wird das Kind zudem auch noch mit Animations- und Zeichentrickfilmen überschwemmt. Da gibt es Shaun, das liebenswürdige Schaf. Ratatouille, die kochende Ratte. Die Biene Maja, den König der Löwen und eine Million anderer fiktionaler Tiere.

In den meisten Bilder- und Kinderbüchern werden Tiere heutzutage nicht realistisch dargestellt, sondern vermischen sich mit dem kulleräugigen Kindchenschema, das bekanntermaßen selbst steinharte Herzen zum Schmelzen bringt. Die realen Tiere verschwinden hinter Fiktionen von Tieren. Dazu kommen eine Menge tatsächlich erfundener Tiere wie die Krumpflinge, die Olchis, der kleine Drache Kokosnuss, Snöfried und so weiter. Die Grenzen zwischen Natur und Fiktion verwischen sich und sie verwischen sich immer mehr.

Diese ganze Flut an verkitschten Informationen geht auf das Neugeborene nieder, sobald es auf der Welt ist, und begleitet das Kind bis in die Pubertät hinein. Für ein kleines Kind ist zunächst sein Kinderzimmer der Lebensraum und damit Wirklichkeit, später der Spielplatz, die Kindertagesstätte und die Grundschule. In all diesen Bereichen wird das Kind weiter mit verkitschten Informationen über die Tierwelt und die Natur vollgestopft. Für ein Kind sind all diese Informationen zunächst einmal wahr, denn es kann zwischen wahr und falsch noch gar nicht unterscheiden. Wenn es auf die Welt kommt, hat es noch keine Konzepte im Kopf, denn diese bilden sich ja erst im Kontakt mit der Umwelt heraus. Für ein Kind ist diese Umwelt heute Disney & Co. Ein Kind wächst heute in dem Bewusstsein heran, dass die Natur wie Disneyland ist. Durch ihre pure Überfülle überlagert die verkitschte Bilderwelt jede reale Erfahrung wie beispielsweise einen Besuch auf dem Bauernhof, wo man sich zudem leidlich Mühe gibt, den falschen Vorstellungen auch noch irgendwie gerecht zu werden und Kindern vor allem das Niedliche zeigt, das es ja in der Tierwelt durchaus gibt: die Kaninchen, die Ferkel, die Lämmchen und die neugeborenen Kätzchen.

Wer heute Kind ist, kann gar nicht anders als zur Überzeugung zu kommen, dass Disneyland & Co. die Normalität darstellt, während der Bauernhof die Ausnahme ist. Disneyland samt den dazu gehörenden sentimentalen Gefühlen werden als Realität im Bewusstsein des Kindes verankert. Wenn das Kind dann heranwächst, kann es mit Hilfe seines Verstandes, so es welchen hat, seine falschen Vorstellungen teilweise korrigieren, aber mit der Ratio kommt es nicht an sein Gefühlsleben heran. Die mit der verkitschten Bilderwelt erzeugte, oft ins Überschwängliche abdriftende Gefühligkeit, ja Rührseligkeit bleibt erhalten. Dem Zeitalter der Kuscheltiere folgt geradezu zwangsläufig das Zeitalter verkitschter Sentimentalität.

Seit jeher haben die Erwachsenen die ausgeprägte Tendenz, Kindern ein geschöntes Naturbild zu präsentieren. Der Wind in den Weiden wurde 1908 geschrieben, Pu der Bär 1928, Die kleine Raupe Nimmersatt 1969. Wie Gilbert in seinem Artikel ausführt, gab es daneben aber auch andere Darstellungen, wie Struwwelpeter oder Max & Moritz oder zahlreiche Märchen, in denen mit Tieren und Menschen ausgesprochen grausam umgegangen wurde. Auch das sind Verfälschungen, jedoch ins andere Extrem. Bis in die siebziger Jahre hinein galten Tierdarstellungen in Kinderbüchern zudem als zu naiv und zu fantastisch, man bevorzugte realistische Darstellungen. Schließlich sollten die Kinder ja noch was lernen.

Mit dem Fernsehen fing in meiner Generation die Überflutung mit falschen Bilderwelten an. Mit Fury, Lassie, Skippy und Flipper bahnte sich ein grundlegender Wandel im Verhältnis Mensch und Tier an. Das Tier wurde vermenschlicht und zum besten Freund. War diese Vermenschlichung anfänglich noch halbwegs realistisch dargestellt, driftete sie mit Disney & Co. zunehmend ins Fantastische ab, und das ist bis heute so geblieben. Dieser Paradigmenwechsel fand in etwa zur Zeit der 68er Revolution statt, als man vom Wirtschaftswunder genug hatte und sich lieber als Blumenkind und Hippie inszenierte.

Wenn ich heute mit Leuten aus meiner Generation rede, schwärmen wir alle von der Freiheit in unserer Kindheit. Und tatsächlich waren wir nach der Schule fast jeden Nachmittag mit Gleichaltrigen draußen in der Natur. Unser Spielfeld waren die umliegenden Wiesen, der nahe Bach, der Waldrand (richtig hinein trauten wir uns selten) und die Straßen im Dorf. Und auch der Bauernhof war eine bekannte Größe, denn einige unserer Spielkameraden waren Bauernkinder. Wir durften auf dem Traktor mitfahren, kletterten auf Bäume und auf Holzgestelle gehäufeltes Heu waren unsere Indianerzelte. Noch heute weckt ein warmer Sommertag in mir die Erinnerung an diesen unvergesslichen Duft von Heu.

Die Erwachsenen gingen derweil ihren eigenen Geschäften nach. Niemandem kam auf die Idee, dass uns Kindern was passieren könnte und deshalb ein Erwachsener auf uns aufpassen müsste. Wir waren auf uns selbst gestellt und durften unsere eigenen Erfahrungen mit und in der Natur machen. Wir lernten ganz nebenbei, dass es außer Kaninchen, Bärchen und Lämmchen auch Wespenstiche, Kreuzottern, Misthaufen und den Schlachttag gab.

Für mich und meine Spielkameraden waren die Wiesen und Felder, der Bach, der Alltag auf dem Bauernhof, das Dorfleben die Normalität, während der Zeichentrickfilm, das Kinderbuch und der Teddybär die Ausnahmen waren. Das ist heute anders. Draußen in der Natur und in den Straßen findet man keine spielenden Kinder mehr, die sich selbst überlassen sind. Die Kinder von heute kennen fast nur noch den überwachten Raum. Ihre Aktivitäten verlagern sich mehr und mehr in die Innenräume. Kinderärzte klagen schon darüber, dass viele Kinder sich zu wenig bewegen. Und da, wo sie sich bewegen, ist es Sport und nicht Spiel.

Es heißt, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Aber es gilt auch der Umkehrschluss: was Hänschen lernt, vergisst Hans nimmermehr. Durch die Überflutung mit falschen Bilderwelten, die in der Kindheit zudem noch auf der Gefühlsebene verankert werden, wird der Zugang zur Natur, wie sie ist, erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Ich habe es dann auf einmal mit Erwachsenen zu tun, mit denen ich nicht diskutieren kann, weil die zugrundeliegenden Wirklichkeitserfahrungen völlig andere sind.

Wo ich ein Lamm sehe, sieht ein anderer Shaun das Schaf. Wo ich Rehfleisch sehe, sieht ein anderer ein totes Bambi. Irgendwo verstehe ich schon, dass man Shaun und Bambi nicht essen kann. Aber Shaun und Bambi sind für mich Zeichentrickfiguren geblieben. Ich habe dem Lamm und dem Reh gegenüber nicht dieselben süßlichen Gefühle, wie sie durch Filme erzeugt werden. Die Wirklichkeit des Schlachttags hat mit der Wirklichkeit von Disneyland eben nichts zu tun. Und deshalb redet man ständig aneinander vorbei.

„In dem Maße, in dem die Tiere von unserer Welt verschwinden, vermehren sie sich in den Kinderzimmern als Schemen, als Phantasmen und Erinnerungen, als Stellvertreter für unsere Wünsche“, sagt Gilbert in seinem Artikel. Das ist klug beobachtet.

Es gilt aber auch hier wieder der Umkehrschluss: Wenn sich in unseren Kindernzimmern Tiere als Schemen und Phantasmen vermehren, ist es eigentlich kein Wunder, dass sie in der realen Welt mehr und mehr verschwinden. Sie verschwinden, weil sie uns, so wie sie von Natur aus sind, nichts mehr bedeuten. Sie verschwinden, weil wir sie in ihrer natürlichen Schönheit und Würde nicht mehr erkennen.

Der etwas andere Text zu Ostern

Der Höhepunkt eines jeden Gottesdienstes ist nicht die Predigt, sondern die Wandlung. Die Choreographie einer Messe konzentriert sich auf diesen Punkt hin. Die Wandlung wird so erklärt, dass Jesus Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes Brot in seinen Leib und Wein in sein Blut verwandelt. Ein Christ glaubt daran, dass Christus wirklich, also leibhaftig, in Wein und Brot gegenwärtig ist. Brot und Wein wurden durch die Worte des Priesters in ihrer Substanz verändert. Eine Wesensverwandlung also. Transsubstantiation.

Unter Kommunion versteht man den Empfang der Gaben von Brot und Wein, die nun den Leib und das Blut Christi repräsentieren.

Jede Mahlzeit ist ein heiliger Akt, der uns mit allem, was lebt und ist, verbindet. Jedes Stück Brot erfährt, indem ich es esse, eine wesenhafte Verwandlung. Eine Transsubstantiation, geradeso, wie die Kirche sie für die Hostie beschreibt.

Was einmal Brot gewesen ist, wird zu meinem Leib. Und zwar ganz konkret: Das Brot wird in seine molekularen Bestandteile zerlegt, über die Darmwand in meinen Stoffwechsel aufgenommen und durch die emsige Arbeit vieler Zellen in meinen Leib verwandelt. An irgendeinem Punkt in diesem Vorgang hört das Brot auf, Brot zu sein. Es verwandelt sich in meinen Leib. Daran ist an sich nichts Geheimnisvolles und nichts Rätselhaftes, aber ein Wunder ist es dennoch.

Bevor es zum Brot wurde, reifte das Getreide dank Sonnenlicht, Wasser und Mineralien auf dem Feld heran. Im Getreide vereinigen sich die vier Elemente Erde, Wasser, Licht und Luft. Wenn ich Brot esse, habe ich teil an dieser Vereinigung. Sie hebt mich über mich selber hinaus und bindet mich in den großen Kreislauf der Natur ein. Nahrungsaufnahme ist nichts Banales. Nichts, das man achtlos nebenher erledigen sollte. Eigentlich seltsam, dass wir uns dieser Dimension unserer Existenz bei all unserer angeblichen Bewusstwerdung so wenig bewusst sind, ja sie immer weniger spüren und sogar vergessen. Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass Fast und Convenience Food sich immer größere Marktsegmente erobern. Der Herd und damit die Küche als das ursprüngliche Zentrum aller menschlichen Aktivitäten hat ausgedient. In Amerika gibt es anscheinend sogar schon Häuser, wo sich, was mal Küche war, auf Mikrowelle und Wasserkocher beschränkt.

„Stoffwechsel heißt, den eigenen Stoff mit der Welt zu tauschen. Wenn ich etwas esse, so durchläuft mich dieser Brennstoff ganz anders als einen Motor das Benzin. Dieses wird im Kolben gezündet, verbrennt und verlässt dann den Auspuff wieder als CO2. Die Nahrung aber, die ich zu mir nehme, wird stofflich zu einem Teil von mir. Die Zellen müssen dafür ein anderes Stück ihrer eigenen Substanz hergeben. Wir alle stoßen mit jedem Atemzug einen Teil von uns an die umgebende Luft ab. Im selben Maße entstehen wir neu aus den Produkten der Erde. Was eben noch ich war, ist jetzt schon das CO2-Molekül in der Lunge des Gegenübers und dann ein Stück Grashalm auf der Wiese. Was eben noch Korn auf dem Feld war, ist nun bereits „Ich“. Aber dieses Ich ist stets ein anderer, weil es nicht aus meinen eigenen spezifischen Stoffteilchen besteht, sondern weil der Stoff, der mich bildet, beständig wechselt.“ (Andreas Weber, Alles fühlt, S. 58).

Im Gottesdienst folgt die Kommunion auf die Wandlung. In Wirklichkeit ist es gerade anders herum. Zuerst erfolgt die Kommunion, der Empfang der Gabe, die Teilhabe, und dann die Wandlung, die wesenhafte Verwandlung der Nahrung in meinen Leib.

Doch nicht nur die Reihenfolge wird im religiösen Ritus verdreht. Er gründet zudem auf einer heimlichen Vertauschung von dem, was wir in dualistischer Weise als Geist und Materie definieren. Im religiösen Ritus wird der Geist zum verbindenden, die Körperhaftigkeit zum trennenden Element. Dem Gläubigen wird suggeriert, dass alle Menschen, über den Geist verbunden, eine Gemeinschaft, eine Einheit bilden.

In Wirklichkeit ist es unser stofflich-materieller Anteil, über den wir mit anderen Menschen und der Welt zutiefst verbunden sind. Diese Verbundenheit erwächst aus dem beständigen Austausch der Materie, aus dem wirbelnden Tanz der Teilchen. Es ist ein permanentes Geben und Nehmen, an dem alles Sein teilhat und von dem niemand ausgeschlossen ist.

Die Kirche lehrt uns, dass wir über unseren Geist am Göttlichen teilhaben. Das bedeutet, dass mein Geist zumindest ein Widerschein des göttlichen sein muss, denn wäre mein Geist dem göttlichen nicht zumindest ähnlich, dann könnte ich nicht an ihm teilhaben. Doch dieser Geist bedeutet Entfremdung: von der Natur, vom Leben, von den Anderen, von mir selbst.

Wenn ich meinen eigenen Geist beobachte, stelle ich fest, dass er es ist, der mich von allem trennt. Ich fange an, mich fremd zu fühlen, sobald ich andere Menschen oder die Welt als von mir getrennte Objekte betrachte. Das geschieht nicht über den Körper, sondern über den Geist. Da die materielle Seite nicht beständig ist, kein Ich kennt, sondern aus permanentem Geben und Nehmen besteht, also Stoffwechsel ist, kann die körperliche Erfahrung nicht objektiviert werden. Sie ist immer subjektiv, immer eingebettet in die Umwelt, immer in der Teilhabe mit den Anderen, immer im Austausch mit allem.

Wenn ich die Anderen und die Welt als von mir getrennte Objekte betrachte, muss ich einen künstlichen Weg (er)finden, um mich mit den Anderen zu verständigen oder mich in der Welt zurechtzufinden. An die Stelle von Kommunion im Sinne von Teilhabe tritt im geistigen Austausch die Kommunikation. Im Gegensatz zur Kommunion ist Kommunikation nicht unmittelbar, spontan und direkt, sondern vermittelt. Es gibt Sender und Empfänger, die über ein Medium miteinander in Verbindung stehen, ansonsten aber getrennt voneinander sind. Als Medium dient eine Sprache. Ob Bildersprache, Gestik, gesprochene Sprache oder Schrift, ist dabei unerheblich.

Da ich ein Medium (eine Sprache) benutzen muss, kann ich nie mit Sicherheit sagen, dass ich mein Gegenüber wirklich verstanden habe. Die Benutzung einer Sprache ist eine Quelle unendlicher Missverständnisse. Im Grunde weiß ich nicht, was im Geist eines anderen Menschen wirklich vorgeht, was er denkt oder fühlt. Ich bin auf das angewiesen, was er von sich preisgibt. Doch selbst, wenn der Andere mir einen Einblick in seine Innenwelt gibt, kann ich nicht sicher sein, dass ich es so verstanden habe, wie es gemeint war.

Was in der Kommunion Teilhabe durch wesenhafte Verwandlung ist, ist in der Kommunikation Information, die weder den Sender noch den Empfänger wesenhaft verwandelt. Es ist wie beim Motor, bei dem das Benzin bloß durchläuft. Wie beim Motor durch die Verbrennung von Benzin Energie freigesetzt wird, so geschieht das auch in der Kommunikation. Der Austausch von Information löst energetische Prozesse aus. Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, dass energetische Prozesse wie beispielsweise ein Shitstorm oder eine Bundestagsdebatte gleichzeitig mit einer wesenhaften Verwandlung einhergehen. Meist ändert sich dadurch nämlich erstmal gar nichts. Wenn Wissenschaftler uns nun einreden wollen, dass Information der Urstoff ist, aus dem alles besteht, dann heißt das nichts anderes, als dass wir Menschen der Welt vollkommen entfremdet sind. Noch entfremdeter kann man gar nicht sein. Wo alles nur noch Information und keine Teilhabe mehr ist, ist die Trennung absolut. Ich glaube, man sollte nicht immer auf die Wissenschaftler hören.

Unser Geist ist unser Gefängnis, aus dem wir nicht herauskommen. Genau darauf weist Platons Höhlengleichnis hin. Diese Trennung von der Welt und den Anderen durch unsere geistigen Gefängnismauern ist die Quelle all unserer Missverständnisse und all unserer Kriege. Deshalb führen Tiere in der Regel keine Kriege. Weil sie mit weniger oder gar keinem Geist wie dem unseren ausgestattet sind.

Ich frage nicht nur mich, sondern auch die Priester: Wie kommt die Kirche dazu, uns gerade das Gegenteil von dem zu lehren, was der Wirklichkeit entspricht und was jeder an sich selbst beobachten kann? Und wieso glauben wir das unwidersprochen? Warum gehen wir nicht von unseren eigenen konkreten Erfahrungen aus?

Kommunion und Wandlung sind in der Tat heilige Handlungen. In dieser Reihenfolge. Und nicht, wenn sie in der Kirche stattfinden. Wir vollziehen sie jeden Tag, und das heiligt unseren Alltag und macht unser Leben reich und kostbar.

Der normierte Weltbürger

Vor einiger Zeit habe ich mir einen Dokumentarfilm über eine Gruppe Schimpansen im Kongo angeguckt. Neben all dem Faszinierenden, was es über unsere nächsten Verwandten zu sagen gibt, ist mir vor allem eins deutlich geworden, nämlich dass es im Urwald keine Monotonie gibt. Bestimmte Baumarten wie diverse Nussbäume wachsen in kleinen Gruppen beieinander, andere wie Feigenbäume sind offenbar Einzelkämpfer, die sich nicht gern mit ihresgleichen umgeben. Auf Menschen übertragen, würden diese Verhältnisse vielleicht am ehesten der Welt der alten Germanen entsprechen, wo jeder Haushalt (mit Gesinde vielleicht 60 bis 100 Personen) mehr oder weniger autark für sich gewirtschaftet hat und einzelne Waldläufer allein für sich unterwegs waren.

Statt einer geografischen haben die Schimpansen ganz offensichtlich eine kulinarische Landkarte im Kopf. Sie wissen genau, wo es wann was zu fressen gibt. Entsprechend gestalten sie die Wanderungen in ihrem Revier: von den Nussbäumen zu den Fruchtbäumen. Von den Fruchtbäumen zum Bach. Vom Bach zum Feigenbaum. Und vom Feigenbaum zu einem Platz, wo es leckere Ameisen gibt. Zwischendurch machen sie Jagd auf kleinere Affenarten und verteidigen ihre Bäume gegen andere Schimpansengruppen.

Monotonisierung 1.0

Während ich also diese vielgestaltige, höchst abwechslungsreiche Urwaldlandschaft im Film bewundert habe, ist mir aufgegangen, dass der Ausdruck ökologisch-biologische Landwirtschaft ein Etikettenschwindel ist. Wenn das, was ich in diesem Film an Urwaldlandschaft gesehen habe, ein Musterbeispiel für die natürliche Daseinsweise von Pflanzen ist, dann ist Landwirtschaft ganz klar widernatürlich. Dann konterkariert Landwirtschaft sämtliche Naturprinzipien. Landwirtschaft ist deshalb niemals im Einklang mit der Natur, wie der ökologisch-biologische Landbau von sich behauptet.

In der Natur gibt es keinen qm2 Fläche, auf der nur eine einzige Art wächst. Im Urwald findet sich Vielfalt nicht nur als Bodenbewuchs auf der horizontalen Ebene, sondern sogar in der vertikalen Ebene, weil die Bäume selber wieder Lebensraum für andere Pflanzen sind. Kein Baum sieht wie der andere aus. Jedes Fleckchen Urwald ist eine höchst individuelle Komposition aus vielen Elementen.

In der Landwirtschaft hingegen gibt es nur die horizontale Ebene: Felder oder Äcker. Jedes Feld und jeder Acker bringt im Wesentlichen nur eine einzige Pflanzensorte hervor: Weizen, Mais, Kartoffeln, Reis. Alles, was sonst auf dem Acker wächst, bekommt den Namen Unkraut und wird mit mehr oder weniger radikalen Methoden entfernt. Ich habe auch noch nie ein Feld gesehen, in dem Nutzpflanzen wie Weizen, Mais und Kartoffeln durcheinander wuchsen. Das ist auch in der sogenannten ökologisch-biologischen Landwirtschaft nicht der Fall. Felder sind dort ebenfalls klar als Felder erkennbar. Vielleicht sind sie kleiner als Felder aus der konventionellen Landwirtschaft, vielleicht sind die Raine mit Wiesenblumen bepflanzt, was aber nichts am Prinzip ändert. Ein einziges Mal habe ich ein Getreidefeld mit ein paar Kornblumen drin gesehen.

Landwirtschaft, ob konventionell oder ökologisch-biologisch, zwingt Pflanzen gewaltsam eine Lebensweise auf, die dem Wesen von Pflanzen total zuwiderläuft. Kaum dreht der Mensch einem Acker den Rücken zu, verunkrautet dieser deshalb sofort, das heißt, die Pflanzen versuchen umgehend, in ihre ursprüngliche Daseinsweise einer vielgestaltigen Gesellschaft zurückzukehren. Der Mensch muss permanent enorme Anstrengungen unternehmen, um die  Pflanzen von einer natürlichen Lebensweise abzuhalten, sei es mit maschinell-mechanischen (Pflügen, Jäten) oder chemischen (Pestizide) Methoden.

Aber die Vielfalt ist nicht das einzige Naturprinzip, das die Landwirtschaft ins Gegenteil verkehrt. Die meisten Pflanzen haben ihre eigenen Methoden, um Fressfeinde abzuwehren. Diese Abwehrmechanismen sind das, was uns nicht schmeckt, weil bitter oder eklig oder sogar giftig. Deshalb hat sich der Mensch dran gemacht, die Abwehrmechanismen der Pflanzen im Laufe von Hunderten von Jahren Landwirtschaft wegzuzüchten.

Nur deshalb schmecken heute die meisten Früchte süß. Da nun aber der Mensch nicht der Einzige ist, dem diese pervertierten Früchte, Samen und Knollen schmecken, ist er gezwungen, die Pflanzen zu schützen. Er tut dies in der Regel mit chemischen Mitteln, die auf industriellem Weg hergestellt werden. Ich bin gespannt, wie es sich langfristig auswirkt, wenn unseren Nutzpflanzen nun auf gentechnischem Weg neue Abwehrmechanismen implantiert werden. Ich frag mich, ob solche Veränderungen nicht den Geschmack beeinträchtigen. Aber vielleicht haben wir uns bis dahin das Schmecken eh abtrainiert.

Zuerst werden einer Pflanze über die Jahrhunderte hinweg die natürlichen Abwehrmechanismen weggezüchtet, bloß um ihr dann künstliche einzupflanzen. Irgendwie ist das schon abstrus. Sämtliche Nutzpflanzen, die in der Landwirtschaft erzeugt werden, sind durch Züchtung häufig bis fast zur Unkenntlichkeit verändert. Und auch hier gilt wieder: das ist auch in der ökologisch-biologischen Landwirtschaft nicht anders. Die sogenannten alten Sorten, die manchmal von Bio-Bauern angeboten werden, sind ausnahmslos alle ebenfalls das Resultat von Züchtung und erneuter Züchtung der Züchtung.

Ich könnte jetzt noch weitermachen und mich über die Größe und den Zuckergehalt der Pflanzen auslassen oder über Normgrößen und Qualitätsstandards, die mehr und mehr dafür sorgen, dass ein Weizenkorn wie alle Weizenkörner, eine Kartoffel wie alle Kartoffeln, eine Erdbeere wie alle Erdbeeren aussieht und auch so schmeckt. Auch die permanente Ertragssteigerung gehört in diesen Kontext.

Im Kern ist jede Art von Landwirtschaft identisch mit Monotonisierung. Seit ungefähr 10.000 Jahren sind wir Menschen dabei, die Pflanzenwelt zu vereinheitlichen, das heißt, die Vielfalt pro qm2 zugunsten monotoner Einheitsflächen zu beseitigen und den Ertrag pro qm2 ständig zu steigern. Agrarisierung ist gleichbedeutend mit Monotonisierung 1.0.

Im Jahr 2013 wurden weltweit 1,8 Milliarden Tonnen Getreide geerntet, davon sind 713 Millionen Tonnen Weizen. Außerdem 1,02 Milliarden Tonnen Mais und 746 Millionen Tonnen Reis. Diese Ernte ist nur möglich, weil dafür sehr viele andere Pflanzen von der Bildfläche verschwinden. Mehr als 40% dieser Ernte dienen als Futtermittel für Tiere. Für Tiere gilt übrigens dasselbe wie für Pflanzen. Auch hier beseitigt die Landwirtschaft in rasanten Schritten die ursprüngliche Vielfalt. Wenn man Insekten außen vor lässt, sind über  90 % der tierischen Biomasse (schreckliches Wort!) Nutztiere.

Monotonisierung 2.0

Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt: der Mensch ist, was er isst. In den letzten Jahrzehnten ist immer deutlicher geworden, dass sich dieses Sprichwort auf gruselige Weise bewahrheitet.

Nachdem die Welt durch die Landwirtschaft zunehmend der Monotonie preisgegeben wird, bemächtigt sich die Monotonisierung nun auch der Menschen selber. Wie die Getreidehalme auf dem Acker werden die Menschen allmählich ununterscheidbar (gemacht). Der Mensch vereinheitlicht sich auf einen Normbürger hin. Wir gehen heute ganz selbstverständlich davon aus, dass es einen optimalen Blutdruck gibt, der für jeden Menschen derselbe ist, nämlich 120/80. Dasselbe gilt für sämtliche anderen Parameter in der Medizin: Cholesterin, Blutzucker, Gewicht, Enzyme etc. Immer wird von einem Normwert ausgegangen, der mit Medikamenten erzwungen wird, wenn er außerhalb eines immer kleiner werdenden Toleranzbereichs liegt.

Die Normgrößen sind nichts anderes als errechnete Durchschnittswerte. Diese sind innerhalb eines großen Toleranzbereichs dieselben wie innerhalb eines kleinen. Wenn ein Blutdruck von 180/120 mit einem Blutdruck von 60/40 gemittelt wird, ergibt das genauso 120/80, wie der durchschnittliche Blutdruck von 122/82 und 118/78. Warum ausgerechnet der Mittelwert für alle am gesündesten sein soll, bleibt schleierhaft. Im Grunde geht es hier nicht um die Gesundheit der Menschen, sondern um ihre Normierung. Nach den Weizenhalmen werden nun die Menschen standardisiert. Das ist das Projekt Monotonisierung 2.0.

Die Gleichmacherei beschränkt sich allerdings nicht nur auf medizinische Werte. Sie findet in einem sehr viel umfassenderen Rahmen statt. Wir bewegen uns auf den standardisierten Weltbürger zu. Ein Amerikaner, ein Europäer und ein Chinese sind sich heute sehr viel ähnlicher, als sie dies vor 200 oder 400 Jahren waren. Die Kulturen gleichen sich an. Die Großstadt als der Ort, wo inzwischen weltweit die meisten Menschen wohnen, sieht in China nicht mehr so viel anders aus als in Amerika, in Afrika, in Europa. Die Technik und die Technisierung ist sowieso überall auf der Welt dieselbe. Das Wissen ebenso. Deshalb unterscheiden sich auch die Berufe in den verschiedenen Ländern kaum mehr voneinander. Ein indischer Programmierer findet sich in Amerika ebenso zurecht wie ein europäischer Nuklearspezialist in China oder eine polnische oder vietnamesische Pflegekraft in Deutschland. Das ist nur möglich, weil die Unterschiede sich allmählich einebnen und verschwinden. Mit den Unterschieden verschwindet das Individuum. Unsere Individualität ist nur scheinbar. Nur Oberfläche. Und selbst diese Oberfläche wird negativ bewertet. Individualisten sind nicht sehr beliebt und nicht sehr geachtet in unserer Welt. Von Bob Dylan einmal abgesehen.

Die standardisierten Weltbürger benutzen nicht nur dieselbe Sprache (Englisch), sie wenden sie auch in derselben Weise an (political correctness), benutzen dieselben Emoticons und werden systematisch darauf getrimmt, dasselbe zu denken und dasselbe zu fühlen. Die einzelnen Menschen verwandeln sich zu gleichgeschalteten Zellen in einem Superorganismus, der möglicherweise durch einen Phasensprung zu einer eigenständigen, sich selbst organisierenden neuen Lebensform wird. Das Projekt Monotonisierung 2.0 ist das große Projekt der Postmoderne und wird durch die Digitalisierung mit Riesenschritten vorangetrieben. Jeder Einzelne von uns ist Teil dieses Projekts, selbst diejenigen, die ihm entfliehen wollen. Ja, im Grunde sind die meisten jedoch sogar stolz darauf, auf irgendeine Weise an dieser Vereinheitlichung mitzuwirken. Dass die Menschen alle eins seien, wünschen sich die meisten seit Hunderten von Jahren. Ein weiser Mann hat mal gesagt, man soll vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht: es könnte in Erfüllung gehen.

Im Bann des Lichts

Wenn ein Kind geboren wird, sagt man, dass es das Licht der Welt erblickt. Am Lichterfest Weihnachten freuen wir uns über ein strahlendes Lächeln und über leuchtende Kinderaugen. In der Pubertät pflegt ein junger Mensch fürs andere und manchmal auch fürs eigene Geschlecht zu entflammen. Dann brennt er vor Sehnsucht und Begeisterung oder glüht vor Leidenschaft und Liebe. Manchmal entbrennt der Mensch auch in Wut oder Hass. Bisweilen hält er flammende Reden. Hin und wieder geht dem Menschen ein Licht auf, das er tunlichst nicht unter seinen Scheffel stellt. Anderen sollte man ein Feuer unterm Hintern machen oder Zunder geben. Wer kein großes Licht ist, hat oft nicht mal einen Funken Verstand. Es gehört sich nicht, andere hinters Licht zu führen. Wenn nach achtzig oder neunzig Jahren der Lebensfunke erlischt, fährt das lichtscheue Gesindel zur Hölle oder wird im Fegefeuer geläutert, während der Erleuchtete im ewigen Licht wandelt.

Menschen sind Kinder des Feuers. Es gibt keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist. Und von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, Feuer selbst zu entfachen und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Was für die Fische das Wasser, für die Vögel die Luft und für die Würmer die Erde, ist für uns Menschen das Feuer: es ist unser Element. Deshalb glauben Wissenschaftler, dass der Kosmos in einem Feuersturm begonnen hat. Deshalb glauben religiöse Menschen, dass sie nach ihrem Tod ins Licht eingehen. Menschen sind aufs Feuer und aufs Licht fixiert. Wie die obigen Redensarten zeigen, identifizieren wir uns sogar mit Feuer und Licht.

Ohne Feuer wären wir keine Menschen. Ohne Feuer hätte der Homo erectus und später der Homo sapiens die Eiszeiten nicht überlebt. Ohne Feuer würden wir noch mit Steinen auf Nüssen rumklopfen oder mit Stöckchen in Baumrinden pulen. Hätten wir nicht angefangen, den Umgang mit dem Feuer zu erlernen, hätte sich unsere Großhirnrinde nicht auffalten müssen, um all die Informationen zu speichern, die dem Instinkt zuwiderlaufen. Da allein der Mensch mit dem Feuer umgeht, hat nur er das Gen, das während der Embryonalentwicklung die Vermehrung bestimmter Hirnstammzellen und die Faltenbildung zur Vergrößerung der Oberfläche der Großhirnrinde anregt. Dank dieses Gens ist unser Gehirnvolumen dreimal so groß wie das unserer tierischen Verwandten.

Ohne den Umgang mit dem Feuer wären unsere Vorfahren nie auf die Idee gekommen, den Blick in den Himmel zu heben, um dort noch mächtigere Feuer zu entdecken: die Sonne und die Sterne. Es hätte keine Astronomie, keine Mathematik und keine Kalender gegeben, die die Zeit für Aussaat und Ernte bestimmten. Es hätte keine Landwirtschaft gegeben, denn um Landwirtschaft zu betreiben, braucht man nicht nur eine Kenntnis der Jahreszeiten, sondern auch im Feuer geschmiedete Metallwerkzeuge, um den Boden zu bearbeiten.

Es liegt deshalb eine tiefere Wahrheit darin, wenn wir vom Licht des Geistes reden. Oder vom Licht der Vernunft. Oder vom Licht der Aufklärung. Unser Geist ist zutiefst vom Feuer geprägt. Ja, man kann sogar sagen, das Feuer hat unseren menschlichen Geist hervorgebracht. Als Menschen nehmen wir die Welt mit unserem Feuergeist wahr. Wir können gar nicht anders. Deshalb beleuchten wir sogar nachts unsere Städte. Vom Flugzeug aus betrachtet, sehen Städte nachts wie glitzernde Geschmeide aus Gold aus. Oder wie das Abbild unseres Gehirns, mit den Städten als leuchtenden Nervenknoten und den Verkehrswegen als Dendriten und Axonen. Mit den nächtlich beleuchteten Städten setzen wir unserem eigenen Gehirn ein Denkmal. Wo das Licht des Geistes leuchtet, wird keine Nacht mehr sein. So ähnlich steht es schon in der Bibel.

 

Viele haben noch eine Erinnerung daran, dass es nicht immer das Feuer und das Licht waren, die unser Dasein bestimmt haben. Die alten Mythen erzählen davon, dass wir ursprünglich aus dem Wasser kamen. Deshalb gibt es auch viele Redensarten, die mit Wasser zu tun haben: sich wohl wie ein Fisch im Wasser fühlen, jemandem das Wasser abgraben, mit allen Wassern gewaschen sein. Aber der Urknall mit seinem anschließenden Feuersturm hat den Ringstrom Okeanos (Griechenland), das Urmeer Apsu (Sumer) oder den Milchozean (Indien) als Anfang der Schöpfung inzwischen gründlich verdrängt. Kaum jemand denkt den Beginn des Universums noch auf andere Weise denn als Big Bang, und wenn er es tut, wird er verlacht.

Jesus Christus spielt in dieser Geschichte des Lichts eine besondere Rolle. Er ist tatsächlich ein Wendepunkt. Was Jesus Christus bedeutet, lässt sich, grob zusammengefasst, so beschreiben: Vor Jesus Christus wurde das Licht hauptsächlich als Sonne in der Außenwelt verehrt. Die Bronzezeit war die große Zeit der Sonnengötter. Nach Jesus Christus war das Licht mit dem Logos verschmolzen und als Licht des Geistes zur Innenwelt geworden. In Wirklichkeit war das natürlich ein langwieriger Prozess, aber Jesus Christus ist so was wie die personifizierte Zusammenfassung dieses Prozesses: der Kristallisationspunkt. Nicht umsonst sagt Jesus Christus von sich selbst: „Ich bin der Weg und das Licht.“

Wir sind heute der Meinung, dass das Leben auf der Erde ohne das Licht der Sonne nicht möglich wäre. Das ist richtig. Aber ohne die Dunkelheit des restlichen Universums wäre das Leben ebensowenig möglich. Das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, konnte nur im Spannungsfeld von Licht und Dunkel entstehen. Wir tun so, als wäre das Sonnenlicht die Schöpferkraft, dabei entsteht Leben immer im Dunkeln: in den Tiefen des Meeres, in der Erde, im Mutterleib.

Unsere Lichtbesessenheit treibt bisweilen seltsame Blüten. Eine davon ist das Olbersche Paradoxon. Es wird gerne benutzt, um die Endlichkeit des Universums anschaulich zu demonstrieren. Heinrich Olbers (1758-1840) hat sich, wie vor ihm Johannes Kepler, gefragt, warum es nachts eigentlich dunkel ist. Wenn man von einem ewig existierenden, unveränderlichen und unendlichen Weltall ausgeht, müsste man, egal wohin man guckt, überall Sterne sehen, denn die Sterne hätten ja alle Zeit der Welt, ihr Licht überallhin zu schicken. Wenn das Weltall unendlich wäre, müsste der Himmel überall so gleißend hell wie die Sonne sein. Vor lauter Helligkeit könnten wir die Sonne gar nicht mehr erkennen. In diesem Weltall wäre es auch nicht lausig kalt, sondern überall so heiß, dass Leben nicht möglich wäre. Die Schlussfolgerung, die nicht nur Olbers und Kepler, sondern mit ihnen alle Wissenschaftler ziehen, lautet, dass aus diesem Grund das Universum endlich sein muss.

Man könnte auch eine andere Schlussfolgerung aus dieser Geschichte ziehen, nämlich die, dass das Licht endlich ist und irgendwann aufhört zu leuchten oder sich in was anderes, vielleicht (Bio-)Masse, verwandelt. Doch das lässt unsere zutiefst religiös motivierte und deshalb radikalfundamentalistisch zu nennende Lichtbesessenheit offenbar nicht zu. Wir können besser damit leben, wenn das Weltall endlich und das Licht unendlich ist, statt umgekehrt.

Hinweise, dass Licht nicht ewig leuchtet, gibt es genug. Wir selber sind beispielsweise so ein Hinweis. Schließlich definieren wir uns und die ganze Biomasse auf diesem Planeten als umgewandeltes Sonnenlicht. Wenn wir selber absorbiertes Sonnenlicht sind, gibt es ja vielleicht noch andere Absorptionsformen, die Photonen (also Licht) vernichten. Und ja, die gibt es in der Wechselwirkung von Photonen mit Materie durchaus. Trotzdem hält die Wissenschaft an dem Glauben fest, dass Licht im Prinzip unendlich ist und ewig existiert. Man kann sich dann aber schon mal fragen, wie in einem endlichen Universum unendliches Licht entstehen sollte, denn schließlich ist das Licht ja bloß eine Erscheinung innerhalb des Universums. Das ist doch irgendwie bizarr.

Seit Einstein behaupten unsere Wissenschaftler ja auch, dass nichts schneller ist als das Licht. Die Lichtgeschwindigkeit mit annähernd 300.000 km/sec ist ebenso absolut wie Gott. Die Wissenschaftler sagen, für Dinge, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, vergeht keine Zeit. Deshalb kommen sie ja zum Schluss, dass Licht ewig sein muss. Dabei hat Einstein mit dem EPR-Versuch selber gezeigt, dass miteinander verschränkte Teilchen über die Lichtgeschwindigkeit hinaus immer wissen, was das jeweils andere tut. Was verbindet diese Teilchen miteinander, das schneller ist als das Licht? Vielleicht dasselbe Bit? Würde das nicht heißen, dass Information schneller ist als das Licht?

Die Vorstellung vom ewigen Licht und der absoluten Lichtgeschwindigkeit sind religiöse Vorstellungen, die sich aufgrund unserer typisch menschlichen Lichtbessenheit in die ansonsten nüchtern-objektive Weltsicht der Wissenschaft hineingemogelt haben. Wir sind Kinder des Lichts. Deshalb muss das Licht ewig leuchten. Und nicht, weil es das wirklich tut.

Liebe als Bauprinzip der Welt

Sinne ich über das Wesen der Liebe nach, fällt mir meine Großmutter ein, die mich bisweilen als liebes Kind betitelte, wenn ich mich so verhielt, wie sie sich das vorstellte. In der Familie gibt es Liebe als kuschelig-heimeliges Gefühl zwischen Glück und Geborgenheit, während die erotische Liebe eher einer aufregenden Achterbahnfahrt gleicht. Im Kind ist Liebe spontan und unreflektiert präsent. Für den Erwachsenen öffnet sich der Horizont zur bewussten Wahrnehmung des geliebten Menschen als Gegenüber, und Liebe wird zum aktiven Interesse an dessen Wohlergehen. Ab diesem Moment sind die geliebten Menschen nicht länger nur Objekte. Liebe kann sich von konkreten Personen und Haustieren auf abstraktere Bereiche erweitern. In einer allgemeineren Form liebt man den Wald, die Natur, das Leben oder die Welt als solche. Und schließlich gibt es Liebe, die gar keines Objektes mehr bedarf. Dann ist Liebe einfach so da. Manche behaupten, dass dies eine Erfahrung ist, die man vor allem in der Meditation macht. Meiner Ansicht nach macht man diese Erfahrung, wenn man Frieden mit sich selber schließt, sich mit all seinen Macken akzeptiert und nicht mehr an sich arbeiten muss, um besser, effizienter, moralischer, schöner, beliebter oder liebenswerter zu werden.

Liebe als Beziehung

Wenn nach dem Handeln aus Liebe gefragt wird, fällt mir das Sprichwort ein: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Genau genommen, ist das aber gar kein Handeln aus Liebe, sondern aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus. Diese Regel hat ihre Verankerung in der Suche nach der Wahrheit, nicht in der Liebe. Ich kann jemanden gerecht behandeln, ohne dass ich liebevolle Gefühle für ihn hege. Für Gerechtigkeit und Wahrheit kann ich mich bewusst einsetzen, Gefühle kann ich jedoch nicht bewusst erzeugen, es sei denn, der Verstand setzt sich über das Gefühlsleben und tut ihm Gewalt an.

Wird die obige Lebensregel in ihre bejahte Form verkehrt, stimmt sie allerdings schon nicht mehr. Was du willst, das man dir tu, das füg auch allen anderen zu, kann dazu führen, dass einer dem anderen seine eigenen Vorstellungen überstülpt und ihn damit überfährt. Vegetarier sind meist nicht sonderlich begeistert, wenn ein Fleischesser ihnen seine Lieblingsgerichte auftischt, wie auch umgekehrt der Fleischesser ein langes Gesicht macht, wenn ihm fortan nur noch Karottensalat serviert wird. Es scheint mir ein Problem zu sein, dass viele Menschen ihren eigenen Vorstellungen so verhaftet sind, dass sie nur aus diesen heraus lieben und sich nicht in andere Personen hineinversetzen können. In diesem Fall wird Liebe besitzergreifend oder gar verschlingend. Liebe als Beziehung braucht zwingend das Andere, das Gegenüber, das Du und die Anerkenntnis, dass zwischen mir und dem Anderen keine Identität besteht.

Häufig sieht Liebe so aus, dass sich die Liebenden nur gegenseitig in ihren jeweiligen Selbstbildern bestätigen. Entsprechen diese Selbstbilder nicht der Realität, wird Liebe zu einem Schatten- oder Maskentanz. Viele Beziehungen scheitern, wenn das Leben in der Maske unerträglich wird. Es gibt aber auch das Gegenteil, nämlich dass in der Liebe nach und nach die Masken abgelegt und sämtliche Rollenspiele beendet werden. Wenn Menschen sich unverstellt von Angesicht zu Angesicht begegnen, ist das eine gelungene Form von Liebe.

Liebe ist also ein schillernder Begriff mit unglaublich vielen Facetten. Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner, der für alle Formen von Liebe gilt. Liebe ist immer eine Frage von Nähe und Distanz. Damit werden gegenläufige Bewegungsrichtungen ausgedrückt. Im selben Maß, wie sich Liebende aufeinander zubewegen, verringert sich die Distanz zwischen ihnen. Lösen sie sich voneinander, vergrößert sich die Distanz in dem Maße, wie Nähe schwindet. Es ist eine einzige Bewegung, die je nach Blickwinkel zwei verschiedene Komponenten hat.

Dennoch ist es von entscheidender Bedeutung, die beiden Komponenten als entgegengesetzte Bewegungsrichtungen wahrzunehmen, da sie sich wie Gegenspieler verhalten. Jede Bewegungsrichtung, für sich allein genommen, führt ins Extrem und damit zu einem Desaster. Zu große Nähe führt entweder zu einem Crash oder dazu, dass einer der beiden Partner sich aufgibt und ganz und gar im anderen aufgeht. Wenn Menschen sich so verhalten, spricht man von Hörigkeit oder Unterwerfung. Auch der Mythos der verschlingenden Urmutter ist ein Fall von zu großer und damit ungesunder Nähe. In der entgegengesetzten Richtung, wenn die Distanz zu groß wird, hört aller Austausch auf. Bindungen und Strukturen zerfallen, die Partner geraten in Isolation und treiben als fensterlose Monaden ziel- und bestimmungslos durch einen kalten und leeren Raum.

Liebe ist immer Bewegung, weil das Verhältnis von Nähe und Distanz sich ständig verändert, unablässig neu ausgelotet und neu angepasst wird. Liebe kann nie statisch sein, nicht einmal in der Form, in der sie ohne Objekt auftritt.

Wir sind es gewohnt, Liebe vor allem mit Zuwendung, Verbundenheit, Intimität, Fürsorge, Anhänglichkeit oder, wie es in kitschigen Liebesromanen der Fall ist, gar mit Verschmelzen gleichzusetzen, sodass wir gerne übersehen, dass eine Liebesbeziehung eine zweite, nicht minder wichtige Komponente hat, nämlich der geliebten Person den Freiraum zu gewähren beziehungsweise die Bedingungen zu schaffen, sodass sie sich nach ihren Anlagen, Interessen und Wünschen frei entfalten und wachsen kann. In der wechselseitigen Gewährung ist es die Anerkennung der Autonomie des Gegenübers. Während es als Nähe darum geht, Grenzen aufzulösen, ist es als Distanz ebenso wichtig, Grenzen zu setzen. Liebe ist also ein Widerspruch in sich. Der Ur-Gegensatz.

Es gibt verschiedene Formen von Liebe. In einer Freundschaft ist es normalerweise kein Problem, sich anzunähern und trotzdem die entsprechenden Freiräume zu berücksichtigen. Jeder der Partner signalisiert seine Grenzen, die der Andere respektiert. Annäherung erfolgt als freiwillige Zurücknahme der zuerst gesetzten Grenzen, Distanzierung als Ausweitung derselben. Irgendwann pendelt sich die Beziehung zwischen diesen beiden Polen ein. Eltern haben die Aufgabe, ihre Kinder zu schützen und für die Kinder die Freiräume zu schaffen, die diese für eine ungestörte Entwicklung brauchen. Kinder brauchen einerseits Freiraum, um die Welt und sich selbst zu entdecken, andererseits aber auch Regeln, die ihnen Halt geben. Deshalb setzen Eltern für ihre Kinder auch Grenzen. In der erotischen Liebe versuchen die Partner, die Grenzen des jeweils Anderen aktiv zu überschreiten oder ihn in Form von Verführung über die eigene Grenze zu ziehen. Die Grenzüberschreitung gehört in diesem Fall zum Spiel dazu, gerade das macht den Reiz aus. Aus diesem Grund ist die erotische Liebe meist eine aufregende Angelegenheit, und so lässt sich auch erklären, warum es gerade hier doch relativ häufig zu Gewaltanwendung kommt.

Ähnliches gilt auch für eine auf abstraktere Bereiche übertragene Liebe. Das Leben zu lieben, heißt nichts anderes, als Bedingungen zu schaffen, in denen das Leben sich frei entfalten kann. Die Natur zu lieben, heißt nichts anderes, als ihre Gesetzmäßigkeiten zu achten und zwischen ihren und meinen Interessen einen angemessenen Ausgleich zu finden. Es heißt auch, dass man sich konkret auf das Leben und die Natur einlässt und nicht nur aus dem Elfenbeinturm darüber philosophiert.

Liebe als Urgrund

Als Nähe und Distanz umspannt Liebe allerdings nicht nur menschliche Beziehungen oder Beziehungen von Menschen zur Welt. Liebe ist ein weit umfassenderes Konzept. Als Nähe und Distanz ist sie der Urgrund des Seins.

Liebe, ontologisch als Urgrund des Seins aufgefasst, ist der gelungene Ausgleich zweier entgegengesetzter Bewegungsrichtungen. Überall, wo Nähe und Distanz miteinander harmonieren, entsteht etwas, nimmt Form an und wird Realität. In der Verwirklichung und der Konkretisierung offenbart Liebe ihr Wesen.

Liebe ist nicht nur das Streben nach Vereinheitlichung, sie ist ebenso das Streben nach Selbstverwirklichung, nach Autonomie und Trennung.

Unsere Welt, der Kosmos, ist nichts anderes, als dieser Form gewordene Ur-Gegensatz. Das Spannungsverhältnis, das in der Liebe selber liegt, nimmt als Weltgeschehen Form an. Das ist die Wirklichkeit. Ziel unseres Menschseins ist es, diese Wirklichkeit zu erkennen und sie nicht mit eigenen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen zu übertünchen. Nur, wo diese gegenläufigen Kräfte miteinander in Harmonie schwingen, entsteht Welt, entsteht Materie, entsteht überhaupt etwas. Zuviel Nähe endet in einem Schwarzen Loch, in zur Singularität verdichteter Materie, die räumlich nicht mal mehr ein Punkt ist. Zuviel Distanz führt in die Entropie, in die Leere. Beides ist Nichtsein. Liebe ist das Hier und Jetzt und nicht in einem immateriellen Jenseits zu finden.

Alles Sein ist dynamisch angelegt. Liebe als Urgrund des Seins ist ein permanenter Tanz, in dem Formen und Lebewesen erscheinen, nach einiger Zeit wieder verschwinden und durch andere Formen und Lebewesen ersetzt werden.

Diese Suche nach dem dynamischen Gleichgewicht begründet sowohl unsere materielle wie auch unsere geistige Welt. Liebe ist der Urgrund unseres Seins, und zwar nicht in einer metaphorischen oder transzendenten Bedeutung, sondern ganz real, ganz konkret. Dieser Tanz von Nähe und Distanz findet sich im Kosmos als einander umkreisende Sterne, tanzende Galaxien und Schwarze Löcher ebenso wie im Bereich der Elementarteilchen. Dieser Tanz wird physikalisch und chemisch ebenso wie biologisch getanzt. Dieser Tanz wird ausgefeilter und komplizierter, wenn Pflanzen, Tiere und Menschen daran teilnehmen. Das Balz- und Revierverhalten der Tiere, das Jagen und das Fressen, das Wandern und Brüten, in all dem zeigt die Liebe als ontologische Kategorie ihr Wesen. Der Mensch ist das Lebewesen, das diesen Tanz nicht nur mittanzt, sondern auch darüber nachdenken und aus dem Takt geraten kann. Damit erreicht dieser Tanz eine neue Qualität.

Liebe als Bauprinzip der Welt

Beziehung als Tanz von Nähe und Distanz ist das Bauprinzip der Welt. Beziehung oder Wechselwirkung ist eine, nein es ist die ontologische Kategorie überhaupt.

Von allem Anfang an gibt es zwei unterschiedliche Gruppen von Beziehungskräften, nämlich solche, die auf Bindung und Synthese aus sind, und das Gegenteil davon, die sich als Trennung, Abstandhalter und Ausdifferenzierung bemerkbar machen. Diese beiden Gruppen treten als permanente Gegenspieler auf.

In der Physik kennt man bislang vier Wechselwirkungen, von denen die Gravitation mit ihrer unendlichen Reichweite die ursprünglichste ist. Die drei anderen Wechselwirkungen, nämlich die starke, die schwache und die elektromagnetische Kraft kann man nicht eindeutig einer Gruppe zuordnen, weil sie unter verschiedenen Bedingungen sowohl anziehende wie abstoßende Anteile haben. Bei der elektromagnetischen Kraft kommt es beispielsweise auf die Ladung an:  ungleiche Ladungen ziehen sich an, gleiche stoßen sich ab. In der Quantenphysik gehören Austauschteilchen wie Gluonen zu den bindungsstiftenden Phänomenen. Die schwache Kernkraft bewirkt meistens, aber nicht immer Zerfall und gehört damit in erster Linie zu den Trennkräften. Weiterhin fallen mir als Trennkräfte Abkühlung, Entropie, das Pauli-Prinzip und Dekohärenz ein. Vor allem anderen gehört in diese Gruppe aber die Raumzeit und ihre immer noch andauernde Ausdehnung. Die Entfernungen im Universum sind ungeheuerlich.

Wenn diese beiden gegenläufigen, verschiedene Spielarten umfassenden Kräfte in ein wie auch immer geartetes dynamisches Gleichgewicht kommen, entstehen potentiell Strukturen und Muster, die in unserem Erkenntnisvermögen als Sein oder Weltgeschehen erscheinen. Aus dem Wechselspiel von näheschaffenden und distanzhaltenden Kräften entsteht also Existenz. Verhalten sich die beiden Gegenspieler nicht komplementär, entsteht kein dynamisches Gleichgewicht und damit tritt nichts in unser Erkenntnisvermögen, das wir beobachten und untersuchen können. Es kommt keine Existenz zustande. Anderes ist nicht dauerhaft stabil und verwandelt sich, wie beispielsweise das Neutron, das, sobald es aus dem Atomkern herausgelöst ist, in ein Proton, ein Elektron und ein Neutrino zerfällt.

Die Naturkonstanten sind der mathematische Ausdruck austarierter Bindungs- und Trennkräfte. Die krummen Zahlen stellen sozusagen die Kompromisse dar, auf die sich die beiden Gruppen von Gegenspielern sozusagen geeinigt haben.

Materie ist prinzipiell nichts anderes als Energie, und Energie ist nichts anderes als dieser Tanz der Liebe. Eins lässt sich ins andere überführen, wie Albert Einstein in seiner berühmt gewordenen Formel E = mc2 bewiesen hat. Wenn man versucht, einen Körper auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, wird er immer schwerer, je näher er an die Lichtgeschwindigkeit herankommt. Bewegungsenergie wird in Masse umgewandelt, um ihn abzubremsen. So kommt es nie dazu, dass ein Teilchen mit einer Ruhemasse es einem Photon gleich tun kann.

Wenn Kräfte wie die vier Wechselwirkungen als Tanz der Liebe aufgefasst werden, erscheinen sie in unserer Wahrnehmung nicht nur als Außenwelt, als Materie und als Energie, sondern auch als Innenwelt, die wir über unser Gefühl erfassen. Die Wahrnehmung der Außenwelt und die Erfahrung der Innenwelt sind zwei unterschiedliche Wahrnehmungsweisen desselben Phänomens. Eine Wahrnehmungsweise pflegen wir als Ich zu bezeichnen, die andere als Selbst. Aber weder Ich noch Selbst sind etwas Substanzielles. So wie Nähe nicht besser ist als Distanz, so ist auch das Selbst nicht besser als das Ich. Es kommt darauf an, die beiden Wahrnehmungsweisen in einem dynamischen Gleichgewicht zu halten, ohne eine davon zu verdrängen oder überzubewerten.

Nun versteht man, dass der fokussierende Blick der Beobachtung nicht neutral ist. Wer beobachtet, will etwas wissen. Neugier ist eine Kraft, ein energetisches Phänomen. Deshalb verändert sich die Wirklichkeit, je nachdem, ob man in ihr mitfließt oder sie bewusst beobachtet. Es ist die Energie der Beobachtung, die im berühmten Doppelspalt-Experiment aus einer Welle ein Teilchen macht. Es sind die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen, die hier ganz verschiedene Muster erzeugen. Ohne Beobachtung erscheint ein Interferenzmuster, welches das Mitfließen wahrnehmbar macht. Werden die Photonen hingegen mit einem Elektronendetektor beobachtet, erscheint ein Muster, das die Photonen als voneinander getrennte Teilchen ausweist. Die Beobachtung selbst ist also das energetische Phänomen, welches das dynamische Gleichgewicht der Beziehungen und damit die Materie verändert.

Im Mikrokosmos der Quantenwelt reicht die Beobachtung sogar aus, Energie so weit zu verdichten, dass sie als Materie (als Teilchen) überhaupt erst sichtbar wird. Der fokussierende Blick (die Beobachtung) beispielsweise in Form eines Elektronendetektors ergreift im Spiel von Nähe und Distanz Partei und trägt somit dazu bei, das gesuchte dynamische Gleichgewicht herzustellen. In der Quantenwelt ist dieses Gleichgewicht ohne die entsprechende Beobachtung schon beinahe erreicht, so dass bereits Wirkungen gemessen werden können, ohne dass die Dinge als Dinge sichtbar sind bzw. Teilchen voneinander unterschieden werden können. Die Beobachtung verleiht den Quantenteilchen die noch fehlende Energie, um die Schwelle in unser Wahrnehmungsvermögen zu überschreiten. Man kann das mit einem Reiz in unserem Reizleitungssystem vergleichen. Ein Reiz muss eine bestimmte Schwelle überschreiten, um von einem Generatorpotenzial zu einem Aktionspotenzial und von der entsprechenden Nervenzelle weitergeleitet zu werden. Erwin Schrödinger hat dieses Phänomen mit seiner berühmt gewordenen Katze erklärt.

Es ist ungewohnt, Liebe mit Prozessen aus der Physik, Chemie und Biologie zu beschreiben. Liebe wird meist mit Worten verknüpft, die zum Träumen einladen. Liebe ist das, was wir gern für unsere Gefühlswelt reservieren wollen. Wir wollen glauben, dass es Liebe nur geben kann, wo es Menschen gibt. Dass auch in dem, was wir unbelebt nennen, eine Form von Liebe wirkt, erscheint erst mal seltsam. Aber vielleicht ist das angeblich Unbelebte gar nicht so leblos, wie wir glauben. Vielleicht führt die Ausdifferenzierung unseres Wahrnehmungsvermögens und die Ausbildung von Vernunft und Bewusstsein dazu, dass wir das Offensichtlichste nicht mehr erkennen können, nämlich dass zwischen Sein und Leben kein Unterschied ist. Wo Liebe ist, ist auch Leben. Und wo Leben ist, ist Liebe. Nicht nur wir Menschen haben Gefühle. Wir sind Teil eines fühlenden Kosmos.

Es ist fünf nach zwölf!

Seit ich denken kann – also wenigstens seit 35 oder 40 Jahren 🙂 –, ist es fünf vor zwölf. Diese Metapher fünf vor zwölf hat mich und meine Generation von Kindesbeinen an bis zum Überdruss begleitet.

Fünf vor zwölf war es, als der Club of Rome 1972 die Grenzen des Wachstums aufzeigte. Fünf vor zwölf war es während des Kalten Krieges in den 80ern, als meine Generation gegen die Stationierung von Pershing-Raketen auf die Straße ging. 5 vor 12 war es auch anlässlich des Waldsterbens, des Ozonlochs, des Rinderwahns und der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Was das Artensterben, die Überfischung der Meere, die Vermüllung des Planeten, die Abholzung des Regenwaldes, das Bevölkerungswachstum und den eskalierenden Energieverbrauch angeht, ist es schon seit ein paar Jahrzehnten stets fünf vor zwölf. Ganz zu schweigen von der atomaren Bedrohung und dem nuklearen Wettrüsten: hier ist es bereits seit Hiroshima und Nagasaki fünf vor zwölf.

Es gibt eine Weltuntergangsuhr, die 1947 mit einer Zeigerstellung von sieben vor zwölf installiert wurde und die seither in Abhängigkeit von der Weltlage vor- und zurückgestellt wird. Durch den Bau der Wasserstoffbombe war es 1953 auch schon mal zwei vor zwölf und während des Kalten Krieges drei vor zwölf. Im Zuge der Entspannungspolitik nach dem Fall der Berliner Mauer waren wir jedoch auch schon mal siebzehn Minuten vom Weltuntergang entfernt. Inzwischen sind unsere Chancen, einer Klimakatastrophe oder einem Atomkrieg zu entgehen, wieder erheblich gesunken. Im Januar d.J. wurde die Uhr auf zwei Minuten 3o Sekunden vor 12 gestellt.

Jetzt hören wir die Metapher also wieder oder immer noch, dieses Mal vor dem Hintergrund des Klimawandels, des außer Kontrolle geratenen Finanz- und Wirtschaftssystems, des sich erneut abzeichnenden Wettrüstens und der vielfältigen, weltweiten Migrationsbewegungen, auf die manche Staaten mit Rückzug, Grenzziehung und Mauerbau reagieren.

Wenn fünf vor zwölf ein Warnruf sein soll, dann verhallt er ungehört. Oder er bewirkt gerade das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist, denn seit der Ruf erschallt, sind einige der negativen Entwicklungen förmlich explodiert, beispielsweise der Energieverbrauch, die Ressourcenverschwendung, das Bevölkerungswachstum, die Kluft zwischen Arm und Reich. In Deutschland ist der Stromverbrauch seit 1990 nochmal um 10% gestiegen, obwohl wir bereits 1990 soviel Energie verbraucht haben, dass uns dieser zusätzliche Verbrauch im Gegensatz zu den Entwicklungsländern an Lebensqualität gar nichts mehr bringt.

Wenn es also seit 50, 60 oder 70 Jahren immer fünf vor zwölf ist, kann etwas nicht stimmen. Entweder ist die Uhr stehengeblieben oder dieser Ruf fünf vor zwölf ist gar nicht als Warnruf gemeint. Dann wird mit dieser Metapher vielleicht bloß unsere Sensationsgier befriedigt, denn schließlich ist der Weltuntergang die ultimative Sensation. Oder es wird eine uns immanente Lust am Untergang gekitzelt, weil die Apokalypse in ihrer Einmaligkeit eben einen ganz besonderen Reiz hat. Der Ruf fünf vor zwölf könnte auch das Kennzeichen eines Wahns, einer Obsession sein oder eine bloße Sprechblase, die wir analog einer Grußformel benutzen: statt Grüß Gott sagen wir einander Hi, es ist fünf vor zwölf, wobei der Unterschied zwischen den Redensarten womöglich gar nicht mal so groß ist.

Vielleicht handelt es sich bei dieser permanenten Wiederholung des fünf vor zwölf jedoch auch um den Ausdruck eines Lebensgefühls, das jeder Generation immer wieder von Neuem eingepflanzt wird. Es ist das Lebensgefühl, dass jeder Einzelne von uns grundsätzlich falsch, unzulänglich, unfähig, vielleicht sogar bösartig ist: eben durch und durch ein Mängelwesen. Ein Fehler im System. Es ist das Lebensgefühl,  das uns sagt, dass wir als Individuen nicht in der Lage sind, unser Leben selbstbestimmt und frei zu leben, sondern dass wir die Hilfe von sogenannten Experten brauchen, die uns sagen, wie es richtig geht und was wir tun müssen.

Die Experten: das ist dann beispielsweise das Gremium, zu dem 17 Nobelpreisträger gehören, das auf der Weltuntergangsuhr die Minuten bis zum Untergang festlegt, ohne dafür jedoch eindeutige Kriterien zu benennen, die die Entscheidung nachvollziehbar machen. Die Menschheit wird für Wohlverhalten mit ein paar Minuten mehr belohnt und für Fehlverhalten abgestraft. Was für eine unglaubliche Arroganz! Dieselben Wissenschaftler, die die atomare Bedrohung in die Welt gesetzt haben, maßen sich an, über die gesamte Menschheit mit einem lächerlichen Belohnungs- und Strafsystem in Form einer Weltuntergangsuhr zu urteilen. Wenn Eltern so mit ihren Kindern umgingen, würde man sie dafür zu Recht in den Senkel oder an den Pranger stellen. Kommt hinzu, dass die Wissenschaftler nicht die Eltern der übrigen Menschheit sind und nicht das Recht haben, uns mit solchen erzieherischen Maßnahmen zu beglücken. Hätten die Wissenschaftler damit doch lieber bei sich selber angefangen, und zwar am besten vor der Erfindung der Atombombe!

Wenn ich in die Geschichte zurückblicke, stelle ich fest, dass dasselbe Lebensgefühl auch unseren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern eingepflanzt wurde. Nur waren die Einpflanzer damals keine Wissenschaftler, sondern Priester. Und es hieß nicht fünf vor zwölf, sondern Sünde. Unseren Vorfahren wurde eingeredet, dass sie ohne die Hilfe von Priestern und Kirche verloren wären und in die Hölle kommen würden. Uns wird heute eingeredet, dass wir ohne die Hilfe von Experten und Staat den Planeten gegen die Wand fahren. Was uns eingepflanzt wird, ist wie anno dazumal ein Schuldgefühl, das uns nicht nur lähmt und uns den Spaß am Leben nimmt, sondern uns auch verunsichert, sodass wir nicht mehr wissen, was wir denn nun eigentlich wollen und was wir tun sollen. Wie weit das gehen kann, ist hier zu lesen.

Wie unsere Vorfahren glauben wir auch heute wieder daran, dass wir per se schuldig sind, bloß weil jeder sein Leben lebt, so gut er es eben kann. Wie unsere Vorfahren glauben wir daran, dass wir uns durch magische Praktiken wie Opfer, Verzicht und Selbstkasteiung oder durch Ablasshandel von dieser Schuld befreien können. Wie unsere Vorfahren an Erlösung durch Taufe, Beichte, Buße oder andere Sakramente glaubten, so glauben wir heute an Erlösung durch Bewusstwerdung, Bio-Kost und Veganismus. Damals wie heute ging es darum, sich in ein Kollektiv zu flüchten. Damals war es der Schoß der Kirche, heute ist es der Bio-Laden. Die Hostie ist zum Ökostrom-Label mutiert.

Die Fünf-vor-Zwölf-Metapher ist nichts anderes die zeitgemäße, säkular-wissenschaftliche Variante der Erbsünde.

Was aber, wenn genau dieser Mechanismus ursächlich mitverantwortlich ist für die Zerstörungen, die wir als Menschen ja tatsächlich anrichten? Wenn man einem Menschen von klein auf einredet, dass er nichts auf die Reihe kriegt, dann wird dieser Mensch auch tatsächlich nichts auf die Reihe kriegen. Wenn man einem Menschen von klein auf einredet, dass er krank ist, wird er zeitlebens brav zum Arzt gehen. Wenn man einem Menschen einredet, ein Mängelwesen zu sein, wird er nie etwas Anderes als Mangel spüren. Wer im Grundgefühl einer Schuld aufwächst, wird sich schuldhaft verhalten, ganz egal, ob dieses Grundgefühl auf religiöse oder wissenschaftlich-säkulare Weise implantiert wurde.

Weder der Papst noch die Wissenschaftler können tatsächlich in die Zukunft sehen. Was man aber ziemlich sicher sagen kann, ist, dass der Mensch mit der Weltrettung überfordert ist. Wir Menschen sind Teil eines Prozesses, den niemand von uns überblickt, weder die siebzehn Nobelpreisträger noch der Papst, und dieser Prozess vollzieht sich, ohne dass irgendein Mensch oder irgendeine Gruppe von Experten ihn steuern kann. Wenn wir Teil von etwas sind, das wir in seiner Gesamtheit nicht steuern können, sind wir jedoch nicht schuldig, wenn dieser Gesamtprozess anders läuft, als manche von uns sich das vorstellen.

Die Fahrgäste in einem Zug können nichts dafür, wenn der Zug entgleist. Ob sie sich prügeln, ins Koma saufen, knoblauchgewürzte Buletten in sich reinstopfen oder in der Bibel lesen und Möhrchen knabbern, ändert nichts dran, ob der Zug im Gleis bleibt oder nicht. Es geht nur drum, dass es einigen Fahrgästen missfällt, wenn andere laut sind oder mit Knoblauch und Fettgestank die Luft verpesten. Dagegen ist nichts zu sagen. Die Fahrgäste müssen ihre Konflikte untereinander austragen und nach Möglichkeit irgendwie lösen. Aber bitte nicht mit Drohungen, dass irgendeiner der Fahrgäste mit seinem Verhalten den Zug zum Entgleisen bringt. Das könnte nur der Zugführer, aber wir sitzen ausnahmslos alle bloß in den Fahrabteilen und nicht in der Lokomotive.

Der Mechanismus, der uns glauben lässt, dass jeder Einzelne von uns die Aufgabe hat, die Welt zu retten, und, weil das offensichtlich nicht gelingt, jedem Einzelnen gleichzeitig Schuldgefühle einimpft, funktioniert nur, wenn es ewig fünf vor zwölf bleibt. Nur wenn die Uhr stets auf fünf vor zwölf steht, ist man bereit, Dinge zu tun, die man freiwillig und aus eigenem Ermessen nie tun würde, nämlich sich selbst kasteien und jede Menge Opfer bringen.

Wie mit der Lehre von der Erbsünde ist mit der Fünf-vor-Zwölf-Metapher Einschüchterung und massive Drohung verbunden.

Deshalb habe ich meine Uhr auf fünf nach zwölf gestellt. Ich gehe davon aus, dass die Welt nicht mehr zu retten ist, und ich habe angesichts der überall eskalierenden, unkontrollierbaren negativen Entwicklungen dafür auch gute Gründe, mit denen ich gegen die siebzehn Nobelpreisträger locker anstinken kann.

Wenn man die Uhr auf fünf nach zwölf stellt und davon ausgeht, dass es für die Weltrettung sowieso schon zu spät ist, verschwindet erstaunlicherweise das Schuldgefühl. Plötzlich erkennt man, dass man ein so schlechter Mensch gar nicht ist, selbst wenn man Auto fährt, Zigarren raucht, Steaks isst, Wein trinkt und was man sonst noch so alles macht, weil es einem eben Spaß macht.

Das ist eine schöne Erfahrung. Man kann als Mensch auf einmal wieder zum Individuum werden und tun, was man will oder was man selbst für richtig hält. Es ist wie das Aufwachen aus einem Alptraum. Plötzlich merkt man, dass die Fünf-vor-Zwölf-Metapher hauptsächlich dazu dient, anderen Leuten den Spaß am Leben zu verderben.

Ich sag euch eins, Leute. Die Uhr ist nicht stehengeblieben. In Wahrheit ist es schon fünf nach zwölf. Es ist alles zu spät. Keiner von euch kann die Welt noch retten. Deshalb tut am besten doch einfach das, was ihr wollt. Genießt das Leben.