Vom Holzfeuer zum Sonnenfeuer

Vom zufälligen und passiven Gebrauch gingen unsere Vorfahren dazu über, Feuer bewusst zu benutzen, indem sie es bewahrten, transportierten, damit kochten und ihre Nachkommen den Umgang damit lehrten. Schon vor einer Million Jahre hantierten unsere Vorfahren aktiv und gezielt mit dem Feuer. Das belegen Funde aus der Wonderwerk-Höhle in Südafrika. Neben Steinwerkzeugen wurden dort Reste von verbrannten Knochen und Pflanzenteilen gefunden. Mit 790.000 Jahren ist Gesher Benot Ya‘ agov in Israel eine weitere sehr alte Fundstelle. Feuer wurde also schon benutzt, lange bevor der Homo sapiens überhaupt in Erscheinung trat.

These: Der Umgang mit dem Feuer holte den Menschen aus seiner Tierhaftigkeit heraus und veränderte ihn grundlegend.

Die Beherrschung des Feuers erforderte zwingend eine ganze Reihe von sozialen Anpassungen und ein Mindestmaß an Voraussicht und Planung. Nicht umsonst hat der mythische Feuerbringer Prometheus den Beinamen der Vorausdenkende. Feuer zu machen und dauerhaft zu unterhalten, ist eine aufwändige Angelegenheit. Das weiß jeder, der in seinem Wohnzimmer einen Kaminofen hat. Man muss rechtzeitig Holz bestellen, es irgendwo lagern, trocken halten, in passende Scheite hacken, im Kamin aufschichten, anzünden und schließlich die Asche beseitigen. Wenn man auf offenem Feuer kocht, wird es noch komplizierter. All diese verschiedenen Schritte mussten unsere Vorfahren erstmal bewältigen, in die richtige zeitliche Reihenfolge bringen und die verschiedenen Aufgaben in der Gruppe verteilen. Die Gruppe musste lernen, in komplexer Weise zusammenzuarbeiten, und diese Zusammenarbeit war in gewisser Weise abstrakter als bei der Jagd. Die Gruppenmitglieder mussten lernen, dass Bedürfnisse nicht sofort befriedigt wurden, sondern über einen Umweg. Das erforderte neben Gehorsam und Geduld vor allem Disziplin: ein Verhalten, das neu erlernt werden musste.

Wenn ein Feuer ausging, war davon nicht nur ein einzelnes Gruppenmitglied betroffen, sondern die Gruppe insgesamt. Entwischte das Tier, das man als Beute ausgespäht hatte, konnte man zur Not immer noch auf Beeren und Wurzeln ausweichen. Ließ man aber das Feuer ausgehen, waren unsere Vorfahren auf den nächsten Waldbrand angewiesen, zumindest in der Phase, als sie das Feuer noch nicht selber entfachen konnten. Kam hinzu, dass unsere Vorfahren vom Feuer bald existenziell abhängig waren. Plötzlich gab es also so etwas wie Pflicht und Verantwortung gegenüber dem Kollektiv. Bei Nachlässigkeit sicher auch Bestrafung. Das sind lauter neue Eigenschaften und Verhaltensweisen, die so im Tierreich nicht vorkommen. Sorgt in einer Tierherde jedes Tier für sich selbst und seine Jungen, so fand bei den Frühmenschen eine Umwertung zugunsten der Gruppe statt. Die Gruppe wurde auf einmal wichtiger als das Individuum.

All das zusammengenommen, bedeutete einen gewaltigen Fortschritt in der geistigen Entwicklung. Die Mutation eines Gens, die außer dem Menschen keiner der anderen Primaten aufweist, aber bereits beim Neandertaler nachweisbar ist, regt während der Embryonalentwicklung die Vermehrung der Hirnstammzellen und Faltenbildung im Neokortex an. Das bildet die physiologische Außenseite dieses Entwicklungssprungs.

These: Licht und Wärme als Eigenschaften des Feuers zu erkennen, eröffnete dem menschlichen Denken neue Bereiche. Der Mensch lernte zu abstrahieren.

Der Homo sapiens trat auf den Plan, als Feuer bereits permanent zur Verfügung stand. Darauf deutet die Herstellung von Birkenpech, denn dabei handelt es sich um einen komplexen chemischen Prozess, der den sicheren Umgang mit dem Feuer als Voraussetzung hat. Birkenpech wurde schon vor 120.000 bis 200.000 Jahren hergestellt.

Vor ungefähr 115.000 Jahren kam es innerhalb des Eiszeitalters, in dem wir leben (dem Känozoikum), zusätzlich zu einer Kaltzeit, die vor etwa 21.000 Jahren ihren letzten Höhepunkt erreichte und vor circa 10.000 Jahren zu Ende ging. In diesem Zeitraum extremer Kälte kamen Licht und Wärme auf einmal eine ganz besondere Bedeutung zu. Erst durch das Fehlen von Licht und Wärme in der natürlichen Umgebung dürfte unseren Vorfahren bewusst geworden sein, wie wohl es tut, an einem Feuer zu sitzen, das beides abstrahlt. In dieser Zeit kam es zu einer weiteren erstaunlichen Denkleistung, die darin bestand, Licht und Wärme als Eigenschaften vom konkreten Holzfeuer zu abstrahieren. Licht und Wärme sind als energetische Phänomene sehr viel abstrakter und schwerer zu begreifen als konkrete Dinge. Unseren Vorfahren gelang damit eine Abstraktionsleistung, die neue Bereiche im Denken eröffnete. Und damit wandte der Mensch den Blick vom Holzfeuer ab und erhob ihn zum Himmel, um dort in der Sonne und den Gestirnen noch größere und mächtigere Feuer zu entdecken. Unsere Vorfahren begannen sich zu fragen, warum diese helle Scheibe dort oben am Himmel einmal mehr und einmal weniger Wärme abstrahlte. Sie wurden sich bewusst, dass es Jahreszeiten gab, die irgendwie mit den Bewegungen der Himmelsfeuer im Zusammenhang standen.

These: Durch die Verehrung der Sonne und der Gestirne sowie der Berechnung der Bahnen kam es zur Ablösung des Geister- durch den Götterglauben

Der Animismus gilt als die früheste Form von Religion, die typisch für Jäger- und Sammlerkulturen ist. Das Wort anima hat eine Doppelbedeutung. Zum einen ist anima der Atem (bzw. Wind), zum anderen ist damit aber auch Geist oder Seele gemeint. Mit beiden Begriffen ist Glut und/oder Wärme verbunden, deshalb spricht man auch manchmal vom Gluthauch. Solche Vorstellungen erwachsen aus einer konkreten Erfahrung: Wind (und sogar Hineinpusten) facht ein erlöschendes Feuer wieder an.

Die Doppelnatur des Feuers mit der geisterhaften Flamme einerseits und dem verbrennenden Holz andererseits wird im Animismus auf die gesamte Natur übertragen: jedes Ding existiert in der Vorstellung sowohl in einer sichtbar materiellen (Holz) als auch in einer geisterhaften oder geistigen (Flamme) Weise. Der Bruch zwischen Geist und Materie, der bis heute noch nicht überwunden ist, nimmt hier seinen Anfang. Mit speziellen Gaben bis hin zu Menschenopfern will der Mensch die als höher bewertete geistige Welt zu seinen Gunsten beeinflussen. Dahinter steckt wiederum eine konkrete Erfahrung: wenn man etwas hergibt und ins Feuer wirft, lodert es auf. Der Glaube ans Übernatürliche hat also einen konkreten Ausgangspunkt. Transzendenz ist die Folge einer ganz konkreten, sinnlichen Alltagserfahrung. In den Religionen werden Ursache und Wirkung vertauscht. In sämtlichen Religionen erscheint die transzendent-geistige Welt als der Ursprung und die materielle Welt als die Folge oder Wirkung (manchmal auch als Abbild, Illusion oder Maya). Da Holz im Feuer verbrennt, wird Materie von allem Anfang an gering geschätzt. Im Bruch zwischen Geist und Materie obsiegt der Geist, die Materie ist der Verlierer. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Der Durchbruch im Denken besteht nun darin, diese Doppelnatur des Feuers auf die Sonne und die Gestirne zu übertragen. Zum einen werden Licht und Wärme als gemeinsame Eigenschaften von Holz- und Sonnenfeuer erkannt. Zum anderen wird auf die Sonne und die Gestirne das Transzendent-Geistige der lebendig erscheinenden Flammen übertragen. Das war die Geburtsstunde der Götter und der Götterwelten. Wo immer die Sonne im Mittelpunkt der Verehrung stand, wurden Tempel gebaut und statt Geistern auf einmal Götter verehrt. Am Anfang hatten diese Götter noch Tiergestalt, im Laufe der Zeit wurden sie den Menschen immer ähnlicher.

Menschenähnliche Götter brauchen eine Wohnstätte. Ein popeliges Zelt, eine Höhle, eine Hütte aus Stroh und Holz, wie sie Jäger und Sammler für sich selber gebaut haben, konnte man diesen Übermenschen am Himmel nicht mehr anbieten. Also begann man, für die Götter steinerne Tempel und Tempelanlagen zu bauen. Das bislang älteste Beispiel einer solchen Anlage ist der Göbekli Tepe im Irak. Alle Hochkulturen, in denen die Sonne und die Gestirne die herausragende Rolle spielten, bauten gewaltige Tempel. Das war in den Hochkulturen der Bronzezeit bei den Ägyptern, Hetithern, Assyrern und Kretern nicht anders als in Südamerika bei den Mayas, den Inkas und Azteken.

These: Ohne Götterkult keine Sesshaftwerdung und kein Städtebau

Zeitgleich mit dem Ende der Kaltzeit (10.000 vor Chr.) kam es also zum zweiten Phasenübergang in der Menschheitsgeschichte. Aus den Jägern und Sammlern wurden Bauern und Krieger. Der Mensch wurde sesshaft und fing an, die Natur in Form von Landwirtschaft zu unterwerfen. Der Götterkult war die geistige Vorbedingung für die Sesshaftwerdung. Die Erfindung von Göttern mit ihren allsehenden Augen und die Furcht vor ihnen machten es möglich, dass Menschen verschiedener Stämme in einer einzigen Ansiedlung  zusammenlebten, ohne sich gegenseitig umzubringen. Die Götter waren in den entstehenden Stadtkulturen das verbindende Element zwischen Gruppen, die sonst nichts gemeinsam hatten und nicht verwandt miteinander waren.

Als unsere Vorfahren anfingen, sich mehr und mehr für die Sonne, die Gestirne und das Geschehen am Himmel (Sonnenfinsternisse, Wanderbewegungen, Blitze, Sternschnuppen, Jahreszeiten) zu interessieren, konnten sie mit Hilfe von Schlagsteinen und sonstigen Techniken schon lange Feuer selber machen. Nachdem das Feuer über Jahrhunderttausende als heiliges Wesen verehrt worden war, hatten sie es selber in der Hand.

Aufgrund dieser Erfahrung hat der Mensch ein nur ihm eigenes Selbstbewusstsein entwickelt. Wenn ein Tier wie ein Elefant, eine Elster oder ein Schimpanse sich im Spiegel erkennt, sieht es dort einen Elefanten, eine Elster oder einen Schimpansen. Der Mensch sieht im Spiegel jedoch nicht nur einen Menschen, sondern gleichzeitig ein mächtiges Wesen, ein göttliches Wesen. Ein Wesen, das Feuer machen kann und die Elemente beherrscht. Ein Wesen, das der Sonne gleich ist.

Dieses Selbstbewusstsein ist der Grund für die Überblendung von menschenähnlichen Gottheiten in die Vorgänge am Himmel. Die Personifizierung von Himmelskörpern und Naturphänomenen spiegelt das Machtgefühl wider, das im Menschen durch den Umgang mit dem Feuer aufgeblüht ist. Dieses Selbstbewusstsein ist auch der Grund dafür, dass der Mensch sich die Natur unterwerfen konnte. Nur im Bewusstsein seiner Macht kommt ein Mensch auf die Idee, aus Tieren Nutztiere zu machen. Nur wer sich mächtig fühlt, nimmt sich das Recht heraus, die bestehende Tier- und Pflanzenwelt bewusst zu seinen Zwecken umzuformen und Landwirtschaft zu betreiben.

Diese zweite Phase der Menschheitsentwicklung fing mit der Warmzeit um 10.000 vor Chr. an und endete irgendwann zwischen 1200 und 600 vor Chr., als plötzlich innerhalb von ein paar hundert Jahren sämtliche Hochkulturen im Mittelmeerraum von der Bildfläche verschwanden. Nach den Feuer- und Tiergeistern dankten auch die Sonnengötter ab, um etwas Neuem Platz zu machen. Auf die Verehrung der Sonne folgte schließlich die Verehrung des Lichts als Logos.