Vom Feuer zum Licht

Vom zufälligen (oder passiven) Gebrauch eines Feuers kamen unsere Vorfahren dahin, aktiv Feuer zu sammeln, es zu bewahren, zu transportieren, an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben und schließlich, es selbst zu entfachen. Der aufrechte Gang und die manuelle Geschicklichkeit waren dabei hilfreiche physische Vorbedingungen, doch das allein genügte nicht.

 

These: Wärme und Licht als Eigenschaften des Feuers zu erkennen und zu abstrahieren, geht in der Menschheitsgeschichte mit dem Phasenübergang einher, der schließlich zur Agrarisierung und Sesshaftwerdung führte. 

Die Beherrschung des Feuers erforderte zwingend eine ganze Reihe von sozialen Anpassungen und ein Mindestmaß an Voraussicht und Planung. Nicht umsonst hat der mythische Feuerbringer Prometheus den Beinamen der Vorausdenkende. Der Gesamtaufwand, der zum Erhalt eines Feuers oder gar zum Kochen notwendig ist, musste in einzelne Arbeitsschritte aufgeteilt, in die zeitlich richtige Reihenfolge gebracht und an die einzelnen Gruppenmitglieder delegiert werden (Brennholz sammeln, Nahrung sammeln, Feuer hüten, Glut entfachen, Nahrung zubereiten). Die Gruppe musste lernen, in komplexer Weise zusammenzuarbeiten. Das ging nicht ohne Gehorsam und Disziplin – Verhaltensweisen, die andererseits auch dazu dienten, die eigenen Bedürfnisse im Zaum zu halten, zu ihrer Befriedigung einen Umweg in Kauf zu nehmen und sich in Geduld zu üben. Wenn ein Feuer ausging, war davon nicht nur ein einzelnes Gruppenmitglied betroffen, sondern die Gruppe insgesamt. Der Zusammenhalt in der Gruppe bekam dadurch eine ganz neue Dimension. Sorgt in einer Tierherde jedes Tier zuerst mal für sich selbst und seine Jungen, so fand bei den Menschen eine Umwertung zugunsten der Gruppe statt. Die Gruppe wurde wichtiger als das Individuum. Plötzlich gab es so etwas wie Pflicht und Verantwortung gegenüber dem Kollektiv und bei Nachlässigkeit sicher auch Bestrafung.

Der Phasenübergang vom Zeitalter des Feuers zu dem des Lichts ist dem gewaltigen Fortschritt zuzuschreiben, den die Menschen durch den Umgang mit dem Feuer in ihrer geistigen Entwicklung gemacht haben. Die Mutation eines Gens, das nur im Menschen vorkommt und während der Embryonalentwicklung die Vermehrung der Hirnstammzellen und die Faltenbildung im Neokortex anregt, bildet die physiologische Außenseite dieses Entwicklungssprungs.

Licht und Wärme waren über lange Zeit hinweg zunächst ein angenehmer Nebeneffekt, den die Domestizierung des Feuers mit sich brachte, aber gegenüber den sonstigen Vorteilen doch eher von untergeordneter Bedeutung. Es gab also zunächst einmal keinen Grund, eine weitere erstaunliche Denkleistung zu vollbringen, die darin bestand, energetische Phänomene wie Licht und Wärme vom konkret brennenden Holzfeuer zu abstrahieren. Begünstigt wurde diese Abstraktionsleistung durch eine klimatische Besonderheit. Vor ungefähr 115.000 Jahren kam es innerhalb des Eiszeitalters, in dem wir leben (dem Känozoikum), zusätzlich zu einer Kaltzeit, die vor etwa 21.000 Jahren ihren letzten Höhepunkt erreichte und vor 10.000 Jahren zu Ende ging. In diesem Zeitraum extremer Kälte kamen Licht und Wärme auf einmal eine besondere Bedeutung zu. Erst durch das Fehlen von Licht und Wärme in der natürlichen Umgebung dürften unseren Vorfahren bewusst geworden sein, wie wohl es tut, an einem Feuer zu sitzen, das beides abstrahlt. Diese Erfahrung dürfte ihnen nicht nur die Augen für ihre inzwischen totale Abhängigkeit vom Feuer geöffnet, sondern auch ihren Blick auf die Gestirne und das Geschehen am Himmel gelenkt haben. Unsere Vorfahren begannen sich zu fragen, warum diese helle Scheibe dort oben einmal mehr und einmal weniger Wärme abstrahlte.

Der Durchbruch im Denken bestand darin, die von einem Holzfeuer ausgehende Strahlungshitze mit derjenigen der Sonne zu identifizieren und in der Sonne ein göttliches Feuerwesen zu erkennen, das dem bis dahin verehrten Verbrennungsfeuer unendlich überlegen war. Der Sonnenkult mit der Verehrung von Sonnengottheiten war geboren und löste die früheren animistisch ausgerichteten Formen von Religion ab. Damit einher ging ein wachsendes Bewusstsein für Temperaturen und Helligkeit und damit für Jahreszeiten und klimatische Verhältnisse.

Der Animismus gilt als die früheste Form der Religion, die typisch für Jäger- und Sammlerkulturen ist. Es kann nicht oft genug betont werden, dass die animistischen Religionen ihren Ursprung in dem Gefühl religiöser Ehrfurcht haben, diesem widersprüchlichen Gefühl von Furcht und Faszination, mit dem der Frühmensch dem Feuer begegnet ist. Da der Umgang mit dem Feuer allein dem Menschen vorbehalten ist, ist er auch das einzig religiöse Lebewesen auf diesem Planeten. Feuer und Religion gehören unabdingbar zusammen. Das Wort anima hat eine Doppelbedeutung. Zum einen ist anima der Atem (bzw. Wind), zum anderen ist damit aber auch Geist oder Seele gemeint. Ursprünglich war beides dasselbe und ganz konkret gemeint, denn unsere Vorfahren hatten erkannt, dass Wind oder sogar Hineinpusten ein erlöschendes Feuer wieder anfachen kann.

Die Doppelnatur des Feuers mit der geisterhaften Flamme einerseits und dem verbrennenden Holz andererseits wird nun in der Folge auf die gesamte Natur übertragen: jedes Ding existiert in der Vorstellung unserer Vorfahren sowohl in einer sichtbar materiellen, d.h. holzartigen, als auch in einer geisterhaften oder geistigen, d.h. flammenartigen Weise. Der Bruch zwischen Materie und Geist, der sich bis in unsere Tage hinein fortsetzt, nimmt hier seinen Anfang. Da die Flammen das Holz verzehren und am Schluss nur Asche und Ruß übrig lassen, wird die geisterhafte Seinsweise gegenüber der materiellen als die höhere bzw. wahrere bewertet. Dass die Flammen aus nicht nachvollziehbaren Gründen erscheinen und wieder verschwinden, um an einer völlig anderen Stelle erneut aufzutauchen, begründete im Frühmenschen den Glauben an eine unsichtbare Existenz. Dieser Bruch zwischen Geist und Materie ist der Grund für allen Opferkult. Der Mensch will mit speziellen Gaben die höher bewertete geistige Welt zu seinen Gunsten beeinflussen. Dahinter steckt jedoch, genau betrachtet, die ganz konkrekte Erfahrung, dass Flammen reagieren und wieder auflodern, wenn man etwas hineinwirft. Der Glaube ans Übernatürliche hat also einen sehr konkreten Ausgangspunkt. Transzendenz ist die Folge einer ganz konkreten, sinnlichen Alltagserfahrung, auch wenn die Religionen allesamt etwas anderes behaupten, nämlich dass eine transzendent-geistige Welt der Ursprung des Seins ist. Diese Verkehrung verdankt sich der von allem Anfang an bestehenden Geringschätzung der Materie (Holz), die von den Flammen (mit Geist identifiziert) zerstört und vom Sonnenfeuer (mit Gott identifiziert) erschaffen wird.

Durch den aktiven Umgang mit dem Feuer lernte der Mensch, dass Feuer nicht nur zerstörerisch ist, sondern dass es ihm und seiner Gruppe durch die Kälteperioden hindurch das Überleben ermöglichte. Als der Mensch dann schließlich seinen Blick zum Himmel hob, entdeckte er dort das Feuer, das mit seinem Licht und seiner Wärme die gesamte Pflanzenwelt und damit auch das Holz erst erschuf. Der Mensch erkannte, dass es hinter allen irdischen Geistern und Dämonen eine überirdische Schöpferkraft gab. Und nicht nur das. Jeden Abend verschwand dieses Feuer, dem alle ihr Leben verdankten, hinter dem Horizont, um am anderen Morgen neu geboren zu werden. Die Sonne war eine sterbende und wiederauferstehende Gottheit. Dieses Motiv der sterbenden und wiederauferstehenden Gottheit spielt im Christentum bis heute eine tragende Rolle.

 

Das menschliche Selbstbewusstsein unterscheidet sich von dem der Tiere durch das Gefühl von Macht

Als unsere Vorfahren anfingen, sich allmählich für die Sonne, die Gestirne und das Geschehen am Himmel (Sonnenfinsternisse, Wanderbewegungen der Sonne und der Sterne) zu interessieren, konnten sie mit Hilfe von Schlagsteinen oder sonstigen Techniken bereits selber Feuer machen. Die Erfahrung, dass sie selber Feuer machen können, nachdem sie es vorher über Jahrhunderttausende als heiliges Wesen verehrt, seine Wohltaten empfangen und ihm gedient haben, muss unsere Vorfahren völlig umgehauen haben.

Aufgrund dieser Erfahrung hat der Mensch ganz sicher eine neue Art von Selbstbewusstsein entwickelt, dahingehend, dass er selber ein großartiges und mächtiges Wesen ist. Und genau darin unterscheidet sich menschliches Selbstbewusstsein von dem der Tiere (Elefanten, Elstern, Schimpansen etc.), wenn diese sich in einem Spiegel selbst wiedererkennen. Zwischen diesen beiden Arten von Selbstbewusstsein liegen Welten. Es ist erstaunlich, dass in wissenschaftlichen Forschungen, die sich mit der Entwicklung von Selbstbewusstsein befassen, nicht danach gefragt wird, welche Art von Gefühl mit dem Erkennen seiner selbst verbunden ist.

Die Entwicklung dieses spezifisch menschlichen Selbstbewusstseins, das eben nicht nur darin besteht, sich in einem Abbild zu erkennen, sondern sich auch für ein mächtiges Wesen zu halten, ist der Grund, warum der Mensch in den Gestirnen nun auf einmal Gottheiten erkennt, die sich von Geistern dahingehend unterscheiden, dass sie allesamt sehr menschenähnlich sind. Genau in dieser Gleichsetzung spiegelt sich das Machtgefühl wider. Naturphänomene wie Erde, Himmel, Regenbogen, Wasser werden personifiziert. Die nun auftauchenden Gottheiten sind ihrem Wesen nach in aller Regel Übermenschen, die die jeweilige Naturerscheinung erschaffen, genauso wie der Mensch das Feuer erschafft. Der Glaube, dass es so etwas wie Übermenschen gibt, hält sich übrigens hartnäckig bis heute. 🙂

Menschenähnliche Götter brauchen eine Wohnstätte. Ein popeliges Zelt oder eine Hütte aus Holz und Stroh, wie sie der umherziehende Frühmensch vielleicht für sich selber gebaut hat, konnte man diesen Übermenschen allerdings nicht anbieten. Also begann man, für die Götter steinerne Tempel und Tempelanlagen zu bauen. Das älteste Beispiel einer solchen Anlage ist der Göbekli Tepe im Irak. Damit kam es etwa zeitgleich mit dem Ende der Kaltzeit (10.000 vor Chr.) zum zweiten Phasenübergang in der Menschheitsgeschichte: Der Mensch diente nicht länger dem Feuer oder irgendwelchen Naturgeistern, sondern fortan seinem eigenen Spiegelbild: den von ihm geschaffenen Göttern. Der Götterkult ist die geistige Vorbedingung für die Sesshaftwerdung und die Unterwerfung der Natur in Form der Landwirtschaft.