Menschwerdung

Seit mehr als zweitausend Jahren diskutieren Philosophen, Theologen und Wissenschaftler über die Frage, wer wir als Menschen sind. In den Auseinandersetzungen geht es meistens darum, eine spirituelle und eine materialistische Weltsicht entweder gegeneinander abzugrenzen oder miteinander zu versöhnen. Es geht darum, ob wir als Menschen unsere Existenz einem Geistwesen, Gott, der Seele, dem Schicksal, Karma oder sonst einer immateriellen Entität verdanken. Oder ob wir durch Gene, Umwelt, die Mechanismen der Evolution bzw. Selbstorganisation bestimmt sind. Eng verknüpft mit dieser Frage nach unserem Menschsein ist die Frage nach dem Ursprung von Religion und dem Entstehen dessen, was wir Geist oder Bewusstsein nennen.

Paradigmenwechsel

In der Regel gehen Wissenschaftler immer noch davon aus, dass es „unsere geistigen Fähigkeiten (sind), die es uns ermöglichten, das Feuer zu zähmen und das Rad zu erfinden“ (Suddendorf, S. 12). In dieser Weltsicht scheint der menschliche Geist vom Himmel gefallen und Religiosität ein Rätsel zu sein. Manchmal wird Religiosität mit dem Todesbewusstsein in Verbindung gebracht und als evolutionäre Anpassung beschrieben, die unserer menschlichen Spezies wesentliche Überlebensvorteile eingebracht hat (Vaas).
Aber all diese Ansätze haben etwas vom Stochern im Ungewissen. Viel einfacher ist es, das Paradigma umzudrehen und davon auszugehen, dass die Zähmung des Feuers sowohl unseren typisch menschlichen Geist als auch die Religiosität hervorgebracht hat.

Die Geschichte unserer Menschwerdung im Zeitraffer

Die Geschichte unserer Menschwerdung begann vor etwa fünf Millionen Jahren, als unser schimpansenähnlicher Vorfahre sein Leben in den Regenwäldern aufgab und in die Savannenwälder zog. Was er dort suchte, war die Nahrung, auf die er sich spezialisiert hatte, eventuell die Yamswurzel. Das Leben in den Bäumen gab der Waldaffenmensch deswegen noch lange nicht auf. Erst zweieinhalb Millionen Jahre später entwickelte er mit dem aufrechten Gang, dem schwächeren Unterkiefer und einem größeren Gehirn die ersten menschlichen Züge. Es ist kein Zufall, dass das Auftauchen dieser Merkmale mit dem Beginn einer neuen Eiszeit zusammenfällt. Die Vereisung des Nordpols führte in Afrika zu einer langanhaltenden Dürre, die die Fruchtbäume in den Savannen verschwinden ließ und unseren Vorfahren endgültig auf den Boden zwang.

Neben Tundra, Taiga und Steppe ist die Savanne ein Ökosystem, in dem Feuer ein häufig auftretender Umweltfaktor ist. Vor zweieinhalb Millionen Jahren begegnete unser Vorfahre in der nunmehr von extremer Trockenheit geprägten Savanne dem Phänomen, das seinen weiteren Werdegang entscheidend prägte: dem Feuer.

In den Augen des Waldaffenmenschen muss Feuer furchterregend und überwältigend gewesen sein: von Blitz, Donner und Unwettern begleitet, fuhr es vom Himmel herab. Oder es brach unter gewaltigen Eruptionen aus dem Erdinnern hervor. Es breitete sich mit rasender Geschwindigkeit aus und vernichtete auf einen Schlag ganze Lebensräume. Es konnte innerhalb weniger Minuten die ganze Sippe auf einmal töten. Es bereitete Schmerz und hinterließ Narben, nicht nur auf der Haut, sondern auch in der Landschaft. Feuer war so ganz anders als jedes Lebewesen und schien trotzdem lebendig zu sein. Eine Feuersbrunst fauchte und brüllte, während einzelne Flammen geheimnisvoll flackerten und tanzten. Wenn das Feuer an einer Stelle erlosch, konnte es unvermittelt an einer anderen wieder aufflammen. Feuer konnte sterben und wieder auferstehen. Unser affenähnlicher Vorfahre konnte gar nicht anders als Feuer für eine übernatürliche und übermächtige Erscheinung zu halten. Feuer war für ihn etwas Geisterhaftes, das aus dem Nichts auftauchte, die Umgebung in Asche und Lebewesen in verkohlte Gerippe verwandelte, bevor es auf geheimnisvolle Weise wieder verschwand. Brennende Bäume, brennende Grasflächen und vielleicht sogar brennende Artgenossen erweckten in unseren Ahnen die Vorstellung, dass das Übernatürliche Besitz von Körpern und Gegenständen ergreift und dessen Existenz bestimmt. Daraus formte sich der Glaube an ein vom Körper unabhängiges Leben, an Geister und Dämonen, an eine Seele. Die bis dahin einheitliche Welterfahrung zerbrach. Für unseren Vorfahren existierten nun zwei Welten gleichzeitig, eine geistige und eine materielle. Die Begegnung mit dem Feuer war die Geburtsstunde der ursprünglichsten aller Religionen, des Animismus. Es war auch die Geburtsstunde des Geist-Materie-Dualismus, der die Geschichte unserer Menschwerdung von Anfang an wie ein roter Faden durchzieht.

Trotz seiner Furcht wurde unser Vorfahre vom Feuer jedoch unwiderstehlich angezogen. Vielleicht überlebten in der Savanne nur diejenigen Waldaffenmenschen, die sich mit dem Feuer verbündeten. Gerade in einer Eiszeit hat das Feuer entscheidende Vorteile: Gebratene oder gekochte Nahrung ist leichter verdaulich, verdirbt nicht so schnell und stellt dem Körper bedeutend mehr Energie zur Verfügung als Rohkost. Es eröffnete unserem Vorfahren zudem neue Nahrungsquellen wie Hülsenfrüchte. Unsere geistige Entwicklung fing vielleicht damit an, dass ein Waldaffe, der nach einem Brand den Boden nach Essbarem absuchte, auf die Idee kam, selber Bohnen und Wurzeln in die noch vor sich hin kokelnde Glut zu legen. Feuer liefert überdies die Wärme, die auf den in harten Wintern und kalten Nächten frierenden Waldaffenmenschen einen großen Reiz ausgeübt haben muss. Es ermöglicht das Leben in Höhlen, die aufgrund der darin herrschenden Dunkelheit bislang nur zum Schlafen genutzt werden konnten. Zudem vertreibt Feuer die Raubtiere, für die unser seiner Schutzbäume beraubte Vorfahre zunächst eine leichte Beute war. Das alles zusammen sind überwältigend gute Gründe, sich näher mit dem Feuer zu befassen.

Im Bann des Feuers

Zwischen Furcht und Faszination hin- und hergerissen, geriet unser Vorfahre in den Bann des Feuers, das für ihn lange Zeit schlechthin das mysterium tremendum et fascinosum blieb. Das Feuer war identisch mit dem Übernatürlich-Göttlichen, das heilige Scheu hervorrief, wie Rudolf Otto die Grunderfahrung des Religiösen beschreibt. Indem der Waldaffenmensch anfing, das Feuer zu zähmen, wurde er gleichzeitig zum religiösen Tier. Feuer und Religion gehören unabdingbar zusammen.

Der Begriff Religion wird zum einen auf das Verb „religare“ (rückbinden) zurückgeführt. Damit ist die Rückbindung an einen transzendenten, geistigen Ursprung gemeint. Das heißt, in dieser Rückbindung identifizierte sich der Frühmensch mit dem Feuer, das ihn aus seiner Tierhaftigkeit herausholte. Bis heute schätzen die allermeisten Religionen das Diesseits, das Körperliche und die materielle Welt gering, ja verachten sie häufig. Die Welt ist ihnen bloß ein vorläufiger Ort, den es zu überwinden gilt. Das ist kein Wunder, wenn die reale Grunderfahrung darin besteht, dass Feuer als Übernatürliches das Materielle, Körperliche und Diesseitige in Asche und Rauch verwandelt. Dass der Mensch rücksichtslos die Natur zerstört, hat auch damit zu tun, dass die Religionen über Jahrtausende gelehrt haben, sie gründlich zu missachten. Außer „religare“ gibt es noch eine andere Ableitung, die von „relegere“. Cicero bezieht das Wort auf den Tempelkult, den es sorgfältig zu beachten gilt, also auf die gewissenhafte Einhaltung überlieferter Regeln und Gebräuche.

Was den Umgang mit dem Feuer betrifft, sind beide Ableitungen korrekt: einerseits die Identifikation mit dem übermächtig-göttlichen Feuer, das dem Menschen die Idee des Transzendenten eingab, andererseits der Kult als Gesamtheit von Ritualen und religiösen Handlungen, die dazu dienten, den Umgang mit dem Feuer erstmal zu erlernen, es zu bewahren und dabei die Gruppe nicht zu gefährden. Der von seinem Instinkt geleitete Waldaffenmensch musste eine Vielzahl neuer Eigenschaften und Verhaltensweisen lernen, die seinem Instinkt zuwiderliefen, die wir aber bis heute für wertvoll halten: Sorgfalt, Achtsamkeit, Geduld, Vorsicht, Verantwortungsgefühl, Pflichtbewusstsein, Disziplin, Gehorsam und die Fähigkeit, von körperlich Schwächeren, aber Klügeren zu lernen. Er musste lernen, Bedürfnisse wie Hunger hintanzustellen zugunsten von Arbeiten, die zunächst keinen unmittelbaren Nutzen für ihn hatten, wie Holz sammeln oder Glühkohle transportieren. Der Erwerb dieser Eigenschaften und Verhaltensweisen war die Voraussetzung, um später überhaupt Ackerbau und Viehzucht betreiben zu können.

Gegenseitige Verwandlung

Der Umgang mit dem Feuer veränderte den Menschen ebenso wie der Mensch das Feuer veränderte. Zunehmend ersetzte das Lernen den Instinkt, die manuelle Geschicklichkeit die ungestüme Wildheit, die Fähigkeit zur Kommunikation die gruppeninternen Kämpfe. Feuermachen und damit verbundene Tätigkeiten wie Kochen erforderten Kooperation und Arbeitsteilung, was den Zusammenhalt der Gruppe stärkte. Während einer das Feuer hütete, sammelten andere Holz, während wieder andere jagten oder Früchte und Wurzeln suchten. Die Kontrolle des Feuers, Kochen, Lernen, die Organisation einer arbeitsteiligen Gruppe sind Elemente von Kultur. Sie führten zum Ausbilden einer Sprache, die weit über bloße Laute hinausging. Von einer durch den Klimawandel bedrohten Spezies wurde unser Vorfahre zum mächtigsten Wesen auf diesem Planeten, das nun selbst einen Klimawandel auslösen kann.

In der Entwicklung vom Waldaffen zum Menschen kam es zu einer Mutation, die als physische Entsprechung für diese neuen Erfordernisse gedeutet werden kann. Mensch und Schimpanse teilen 98% ihrer Gene, doch das Gehirnvolumen des Menschen ist dreimal so groß wie das seines nächsten Verwandten. Dieser Entwicklungsschub wurde, wie Wieland Hutter vom Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden zeigte, von einem Gen ausgelöst, das in der Embyonalentwicklung die Vermehrung der Hirnstammzellen anregt. Dieses Gen setzte sich durch, nachdem die menschliche Entwicklungslinie sich vom Schimpansen getrennt hatte, aber bevor die Neandertaler sich als Spezies ausdifferenzierten. Was wirksam wurde, ist das Schlüssel-Schloss-Prinzip: das sprunghafte Wachstum des Gehirns machte Sinn, weil im Umgang mit dem Feuer immer mehr erlernte Informationen gespeichert werden mussten. Es ist bezeichnend, dass die Mutation erst auftrat, nachdem die menschliche Linie sich bereits vom mit dem Schimpansen gemeinsamen Vorfahren getrennt hatte.

Wann unsere Vorfahren genau angefangen haben, das Feuer zu zähmen, ist ungewiss. Feuer kann man machen, indem man Hölzchen aneinanderreibt, was keine sichtbaren Spuren hinterlässt. In der Wonderwerk-Höhle in Südafrika wurden die Überreste eines Feuers entdeckt, das eine Million Jahre alt ist. Diese Fundstelle gilt jedoch nicht als sicherer Beleg. Gesichert hingegen ist die Fundstelle Gesher Benot Ya‘ aqov in Israel, die ein Alter von 790.000 Jahren aufweist. Zum Vergleich: dem Homo sapiens gibt man nicht mehr als ca. 200.000 Jahre. Dem modernen Menschen muss das Feuer von Anfang an schon permanent zur Verfügung gestanden haben, hat er doch bereits den Alleskleber Birkenpech hergestellt, der durch einen relativ langwierigen Verschwelungsprozess, das heißt durch trockene Destillation, hergestellt wird, wozu der Unterhalt eines regelmäßig brennenden Feuers eine Voraussetzung ist.

In die Hände des Menschen gegeben, verwandelte sich aber auch das Feuer. Aus unkontrolliert wütenden Buschfeuern wurden gezielte Brandrodung und heimeliges Lagerfeuer. Bereits vor 400.000 Jahren benutzten Menschen das Feuer zur Jagd, indem sie Tiere in einen Abgrund trieben. Feuer brannte in Herden und Öfen und wurde die Grundlage einer unglaublichen Vielfalt neuer Techniken und Handwerke, von denen die Töpfer- und die Schmiedekunst zu den bedeutendsten gehörten. Die Töpferkunst ermöglichte eine neue Art von Vorratshaltung, die bis dahin unmöglich gewesen war, während mit der Metallverarbeitung neuartige Werkzeuge und Waffen entstanden.

Von der Feuer- zur Sonnenverehrung

Als der Gebrauch des Feuers Routine geworden war, trat die Menschheit in ihre nächste Entwicklungsphase ein. Die Verehrung des erdgebundenen Holzfeuers wich der Verehrung des Feuerballs am Himmel, der als globaler Licht- und Wärmespender erkannt wurde. Statt des Feuers wurde nun die Sonne zum Gegenstand des religiösen Kults, was zur Erfindung des Rads und überall auf der Welt zu den ersten Hochkulturen führte. Wie die Flammen des Feuers wurde auch der Lauf der Sonne als Sterben und Wiederauferstehen interpretiert und damit das Göttlich-Übernatürliche in den Himmel projiziert.

Um Tempelanlagen herum wuchsen die ersten Städte. Landwirtschaft und Viehzucht ersetzten das Jagen und Sammeln, aus halbnomadischen Stämmen wurden sesshafte Völker. In dieser Zeit erschienen die ersten menschenähnlichen Götter, wobei die verschiedenen Pantheons oft eine erstaunliche Ähnlichkeit miteinander aufweisen. Die Erfindung von Göttern ging mit der Gründung von Städten einher, in der die animistischen Religionen der Jäger und Sammler keinen Platz mehr hatten. Es gibt die These, dass erst die Erfindung von Göttern die Bildung von Stadtkulturen möglich machte, mussten in der Stadt doch Menschen, die nicht miteinander verwandt waren und die nicht demselben Stamm angehörten, zu friedlichem Verhalten motiviert und zu einer Einheit zusammengeschweißt werden. Zum Einheit stiftenden Element wurde nunmehr anstelle des Stamms der Glaube, also die Religion.

Während das Dasein als Jäger und Sammler mit der Beherrschung des Feuers einherging, korrelieren Agrarisierung und Städtebildung mit der Herstellung von Produkten, die dem Feuer entstammen. Mehr und mehr bestimmt die Metallverarbeitung das Leben der Menschen und verändert dabei Mensch, Natur und Umwelt.

Die dritte Phase unserer Entwicklung

Heute befinden wir uns in der dritten Phase dieses immer noch andauernden evolutionsbiologischen Prozesses, der den Menschen aus seiner Tierhaftigkeit herauslöst und in eine neue, noch nie da gewesene Lebensform verwandelt. Parallel mit dem Menschen verwandelt sich auch die Umwelt. Deshalb spricht man bereits von einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän.

Begonnen hat die dritte Phase mit der Erfindung von Maschinen, die nicht nur Energie verbrauchen, sondern selber welche erzeugen: das sind die Dampfmaschine und der Verbrennungsmotor. Körperlich schwere Arbeit und der Einsatz von Tieren werden zunehmend durch Maschinen ersetzt. In Deutschland ist heute nur noch ungefähr ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung im produzierenden Gewerbe inklusive Landwirtschaft beschäftigt, der Rest tummelt sich in Verwaltungs- und Dienstleistungsberufen. Gegenüber der zweiten Phase, der Agrarisierung, wird eine Verschiebung sichtbar. Das seinerzeit überwiegend mit Schrifttum, Verwaltung und Organisation beschäftigte Priestertum ist nun auf den Bürger übergegangen, während die Arbeiten der niedrigen Schichten zunehmend von Maschinen erledigt werden. Die neuen Priester sind heute Wissenschaftler und jene, die ihren Job im Finanzwesen haben. Tatsächlich herrscht an wissenschaftlichen Instituten, im CERN und am DESY sowie in Banken eine oft weihevolle Atmosphäre, wie man sie auch in Kirchen findet, nur eben moderner und nicht so verstaubt. Als neues Kommunikationsmittel kommt neben Sprache und Schrift mit dem Internet heute die Digitalisierung hinzu.

Sonnenkult betreiben wir nur noch am Strand. Stattdessen verehrt der religiös-esoterische Mensch heute eine abstraktere Form des Feuers, nämlich Licht, oder noch abstrakter gefasst: Energie. Identifizierte sich der Hominide in der ersten Phase seiner Menschwerdung mit dem Feuer, in der zweiten mit der Sonne, so wird heute in esoterischen Kreisen Energie mit Bewusstsein und das eigene Bewusstsein mit dem Kosmos identifiziert, um den Menschen in den Stand der Göttlichkeit zu erheben. Wie seit eh und je geht es um das Heraustreten aus dem Körperlich-Materiellen zugunsten einer angeblich ewigen geistig-immateriellen Existenz. Das Spiel, das der religiöse-spirituelle Mensch spielt, bleibt dasselbe, nur die Formen wandeln sich von Phase zu Phase.

Viele Menschen glauben, dass Religion und Technik nichts miteinander zu tun haben. Viele spirituelle Menschen sind sogar ausgesprochen technikfeindlich eingestellt. Heute wird Spiritualität überwiegend mit Natur in Verbindung gebracht, wie es in der Öko-Bewegung der Fall ist. Das ist eine Fehlinterpretation dessen, was Religion ihrem Ursprung nach bedeutet.

Feuer, Sonne, Licht sind seit jeher unsere bevorzugten Symbole für eine geistige Existenz und damit für Unsterblichkeit und ewiges Leben. Es gibt jedoch kein Feuer, das ewig brennt. Es ist ja gerade das Wesen des Feuers, dass es irgendwann erlischt. Feuer kann nicht ewig brennen, weil seine Existenz von anderen Stoffen abhängig ist. So kommt es zu einer, ich möchte fast sagen, tragischen Verwechslung. Die Identifikation des Menschen mit dem anscheinend Transzendenten, mit Feuer, Sonne, Licht oder Energie, ist verhängnisvoll, weil der unmittelbare Effekt von Feuer zunächst einmal zerstörerisch ist. Die nicht erkannte und nicht aufgelöste Identifikation mit dem Feuer als angeblich göttlicher Ursprung des Menschen führt dazu, dass der Mensch gar nicht anders kann, als die Natur zu zerstören und seine Artgenossen in zahllosen Kriegen umzubringen.

So sind es weder Gott, Seele oder Karma noch Umwelt oder Gene, die den Mensch zum Menschen gemacht haben. Als Menschen sind wir Kinder des Feuers, denn Evolution vollzieht sich nicht nur intrinsisch über Genmutationen, sondern auch extrinsisch durch die Verschmelzung mit Umweltfaktoren. Selektion und Anpassung vollziehen sich auf vielen Wegen.

Literatur:

Goudsblom, Johan: Die Entdeckung des Feuers. Insel-Verlag. Frankfurt 2000.

Suddendorf, Thomas: Der Unterschied. Was den Mensch zum Menschen macht. Berlin Verlag. Berlin. 2014.

Vaas, Rüdiger: Die neue Schöpfungsgeschichte Gottes – Herausforderungen einer Evolutionsbiologie der Religiosität. In: Fink, H. (Hrsg.): Die Fruchtbarkeit der Evolution. Alibri. Aschaffenburg 2013. S. 133-172.

Wrangham, Richard/Peterson, Dale: Bruder Affe. Menschenaffen und die Ursprünge menschlicher Gewalt. 1996. Deutschsprachige Ausgabe München 2000. Wilhelm-Heyne-Verlag.