Licht

Das Zeitalter des Lichts beginnt mit der Verehrung von Sonnengottheiten und endet, als der Mensch die Herrschaft über das atomare Feuer gewinnt. Auf einer umfassenderen und tiefer in die Abläufe der Natur eingreifenden Ebene wiederholt sich der Prozess, den der Mensch schon einmal, nämlich im Umgang mit dem chemischen Verbrennungsfeuer durchlaufen hat: was er zuerst fürchtet und wovon er fasziniert ist, lernt er zu beherrschen, um es am Ende selber herzustellen, wodurch das Numinose seine magische Anziehungskraft verliert und fortan für selbstverständlich genommen wird.

 

These: Mit der Agrarisierung und Sesshaftwerdung bildeten sich Strukturen heraus, die unsere Gesellschaft heute noch prägen

Die ältesten bekannten astronomischen Kultstätten sind etwa 7.000 Jahre alt. Die Weihestätte Nabta befindet sich im Süden von Ägypten. Es handelt sich um einen Steinkreis mit in Nord-Süd-Richtung angeordneten Steinplatten, die auf den Sonnenaufgangspunkt zur Sommersonnwende verweisen, ganz ähnlich wie in Stonehenge, jedoch rund tausend Jahre früher. Die Kreisgrabenanlage von Goseck im Burgenland (Sachsen-Anhalt) kommt ebenfalls auf ein Alter von 7.000 Jahren. Der Turm zu Babylon, der offenbar als astronomisches Observatorium zur Vorhersage von Sonnenfinsternissen diente, ist ungefähr 5.000 Jahre alt.

Die meisten der alten Religionen weisen auf einen Sonnen- und Sternenkult hin. In Ägypten waren es Re (Ra) und Horus, in Persien Mithras, in Griechenland Apollon, in Indien Varuna, die als Sonnengottheiten verehrt wurden. Mit Jahwe begegnet uns im Alten Testament eine Gottheit, die eher dem Feuer als der Sonne zugeordnet ist. Natürlich wurde nicht ausschließlich die Sonne verehrt. Die alten Religionen bieten in der Regel ein buntes Pantheon aus Göttern, die für verschiedene Naturkräfte und -erscheinungen stehen. In fast allen Fällen ist es aber doch so, dass die mit der Sonne/Blitz liierte Gottheit an der Spitze der Hierarchie steht. Bei den Aborigines ist die alles erschaffende Kraft die Regenbogenschlange, die in ihrer weiblichen Ausprägung als Erdgeist, in ihrer männlichen als Sonne verkörpert ist.

Als die Menschen anfingen, ihren Göttern Tempel zu bauen, veränderte dies ihr Leben grundlegend. Nach und nach gaben sie ihre nomadische Lebensweise auf und wurden sesshaft. Aufs Engste mit diesem Wandel verbunden ist der Übergang vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter. Der Mensch, der gelernt hatte, das Feuer zu hüten und zu kontrollieren, übertrug die so erworbenen Fähigkeiten nun auf ausgewählte Pflanzen und Tiere und begann damit den Prozess der künstlichen Auswahl, um die Qualitäten von Tieren und Pflanzen seinen menschlichen Bedürfnissen entsprechend zu verbessern. Um dabei Erfolg zu haben, brauchte es profunde Kenntnisse, unter anderem auch, was den Zeitpunkt der Aussaat und der Ernte betraf. Die Verehrung der Sonne und das Interesse an den Bewegungen der Gestirne waren also nicht von der Wirklichkeit losgelöster Gottesdienst, sondern dienten dem Erwerb essenzieller Erkenntnisse im Bereich Ackerbau.

Nach dem Abklingen der letzten Kaltzeit und dem Übergang ins Holozän (10.000 vor Chr.) waren die Wälder wieder auf dem Vormarsch und boten reichlich Raum für die Intensivierung von Verbrennungspraktiken. Der Ackerbau begann damit, dass Wälder abgebrannt und auf die frei gewordenen Flächen Samenkörner ausgebracht wurden, die dank der Düngung durch die Asche ein paar Jahre lang für hervorragende Erträge sorgten (Brandrodungswirtschaft). Allerdings dauerten die fetten Jahre des Waldackerbaus nicht lange, denn dieser erschöpfte schnell die Böden. In der Folge musste das Land zum Ausgleich intensiver bewirtschaftet werden, mit Pflug, Bewässerung, Düngung, Terrassenanbau und was die Menschen sich sonst noch einfallen ließen, um die Erträge der Ernten zu steigern. Das war mühsame und harte Arbeit, zu der die Bauern, da Ackerbau und Viehzucht nun die vorrangigen Quellen der Existenzsicherung waren, teils mit priesterlichen Ermahnungen, teils über Abgaben, teils mit roher Gewalt gezwungen wurden.

Die Folge war, dass sich in der Bevölkerung ein Klassensystem herausbildete, mit höheren und niedrigeren Rängen. Die höheren Schichten wie die Priester und die Krieger sicherten sich den Zugang zu Macht, Besitz und Prestige, während die niedrigen Schichten wie Händler, Handwerker und die große Masse der Bauern schon damals dazu verdonnert wurden, Steuern und Abgaben an die privilegierten Klassen zu bezahlen. Eine weitere Erfindung der agrarischen Gesellschaft war die Sklaverei.

Durch zunehmenden Handel und berufliche Spezifizierung schlossen sich die Menschen zu größeren ökonomischen, politischen und religiösen Einheiten zusammen. Aus umherwandernden Stämmen waren zuerst Dörfer geworden, mit dem kontinuierlichen Bevölkerungswachstum wurden Städte und schließlich Königreiche daraus. Möglich geworden waren solche Agglomerationen zum einen durch die Vereinheitlichung von Bildung, Maßen, Gewichten und Kalender sowie durch die Erfindung der Schrift, was den Mächtigen erlaubte, große Einheiten zu organisieren und zu verwalten, und zum anderen durch die Zähmung von Pferd und Kamel, die große Mengen von Waren und Nahrungsmitteln aus dem Umland in die Städte transportieren konnten.

Mit dem Sesshaftwerden und der Agrarisierung bildeten sich also die Strukturen heraus, die auch heute noch unsere Gesellschaft prägen. Die Religionen mögen sich im Laufe der Geschichte gewandelt haben, nichtsdestotrotz sind sie für viele Menschen immer noch von großer Bedeutung. Nach wie vor wächst die Weltbevölkerung. Wir intensivieren die Landwirtschaft,  sind großenteils Stadtbewohner, üben Berufe aus, zahlen Steuern und werden von einer ausufernden Bürokratie verwaltet. Nach wie vor schließen wir uns zu immer noch größeren Organisationseinheiten zusammen, spezialisieren uns in unseren Berufen immer weiter und haben immer noch vergleichbare Klassenprobleme.

 

Das Feuer verschwindet hinter der technischen Entwicklung, die ohne das Feuer nicht denkbar wäre

Das Feuer stand indessen schon damals nicht mehr im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, sein Gebrauch war zur Normalität geworden. Vermutlich brannte in den Städten irgendwo ein Dauerfeuer, von dem sich die verschiedenen Haushalte bedienten, wenn sie welches brauchten. Es war nicht üblich, dass jeder bei Bedarf selber Feuer machte, dieser Prozess war mit den damaligen Mitteln den meisten wohl zu mühsam.

Es gab allerdings zahlreiche Berufe, die ohne den Gebrauch von Feuer gar nicht erst entstanden wären. An erster Stelle ist vor allem der Metall verarbeitende Beruf des Schmieds zu nennen, aber auch Töpfer, Keramiker, Bäcker, Kalfaterer und andere mehr gehören in diese Kategorie. In einigen Städten gab es sogar eine Art Feuerwehr. Im Kriegswesen spielte das Feuer bei der Herstellung von Waffen eine herausragende Rolle, ansonsten noch bei Belagerungen. Außerdem war es üblich, nach einem Sieg die eroberten Städte abzufackeln. Heutzutage haben viele dieser ursprünglichen Berufe sich gewandelt und in ein ganzes Bündel von noch weiter ausdifferenzierten Tätigkeiten mit entsprechenden Berufsbildern aufgefächert.

Der Mensch erkannte in dieser Phase, dass die Domestizierung des Feuers die damit verbundenen Verheißungen nicht erfüllte. Der Mensch verdankte dem Feuer sein Überleben, die Herrschaft über die Tier- und Pflanzenwelt und die Befreiung aus Naturzwängen. Aber er zahlte dafür einen hohen Preis, denn die Zwänge, in die er durch die Beherrschung des Feuers geriet, machten sein Leben mühevoller und ungesünder, als es vorher gewesen war. Statt seinem Instinkt zu folgen, musste er sich nun Zwängen unterordnen, die ihm von außen auferlegt wurden. Bei sicherlich nicht wenigen machte sich Enttäuschung breit. Die Gnostiker formulierten diese Enttäuschung in ihren Lehren und machten einen minderwertigen Demiurgen-Gott für die Erschaffung der Welt verantwortlich.

Die meisten der so Enttäuschten wandten sich vom Feuer ab und dem Licht zu. War damit zunächst noch das konkrete Sonnenlicht gemeint, so wurde daraus bald das Licht des Geistes. Diese Verlagerung des Schwerpunkts ist am deutlichsten in den Religionen nachvollziehbar, wo die Sonnengottheiten sich in Lichtgottheiten verwandeln oder, wenn sie das nicht tun, mit der Kultur, die sie hervorgebracht hat, untergehen, wie das beispielsweise bei den Ägyptern der Fall ist. Mit dem Licht wird in der weiteren Entwicklung zunehmend ein allumfassendes, transzendentes Prinzip in Verbindung gebracht. Licht wird zur Metapher für das allumfassende Göttliche, die Vernunft, die Aufklärung, die höchste Weisheit und natürlich das Gute. Nach einem geglückten Leben geht der fromme Mensch ein ins ewige Licht, während der böse Mensch den Höllenfeuern überantwortet wird. Eine dem griechischen Apollon nachempfundene Lichtgottheit ist der Christus, der uns im Johannes-Evangelium und den Paulusbriefen entgegentritt und für bestimmend fürs Christentum wird.

Während der Mensch in seiner Eigenschaft als religiöses Wesen einem Lichtkult huldigt, der alles Materielle geringschätzt, um nicht zu sagen verachtet, macht sich der Mensch in seiner Eigenschaft als technisches Wesen derweil daran, die Sonne auf die Erde zu holen und experimentiert mit Atomspaltung und Kernfusion herum.

Heute steht der Mensch an der Schwelle der Erkenntnis, dass auch das Licht, das sich am hellsten im Atomfeuer manifestiert, nicht die erhoffte Erlösung bereithält. Der Atomblitz ist toxisches Licht, das die Welt mit radioaktivem Müll überschwemmt. Es ist Licht, das in den Händen der Menschen millionenfach den Tod bringt. Die enttäuschten Menschen wenden sich nach dem Feuer deshalb auch mehr und mehr vom Licht ab und der Energie zu, von der sie sich nun die Erfüllung ihrer Träume erhoffen. Nach dem minderwertigen Demiurgen, der die Welt erschaffen hat, ist es nun Luzifer, der Lichtbringer, der für alle Übel in der Welt herhalten muss. Diese Identifikation erinnert sehr stark an den Mythos von Prometheus, der den Menschen das Feuer gebracht hat, wofür sich die Götter rächten, indem sie den Bruder von Prometheus die alle Übel enthaltende Büchse der Pandora öffnen ließen.