Feuer

Es gibt keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist. Und von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, das Feuer zu kontrollieren und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Was für die Fische das Wasser, für die Vögel die Luft und für die Würmer die Erde, ist für uns Menschen das Feuer: es ist unser Element. Wir sind Kinder des Feuers.

 

These: Was uns zu Menschen gemacht hat, ist der Umgang mit dem Feuer

Ich nehme Sie mit auf die Reise in eine Vergangenheit, die etwa zwei bis zweieinhalb Millionen Jahre zurückliegt. Nach dem Zeitrafferflug, an den Sie sich nicht erinnern, wachen Sie in einem behaarten Körper auf, sind etwa 150 cm groß und wiegen um die 50 kg. Ihr Gehirn hat während des Flugs zwei Drittel seiner bisherigen Masse eingebüßt. Doch werden Sie das nicht mal merken. 🙂

Sie haben weder Begriffe noch Sätze und auch kein Kino im Kopf wie der fortgeschrittene homo sapiens, sondern nur ein paar Grunzlaute und Grimassen, mit denen Sie Ihren Gefühlen Ausdruck verleihen, denn wie jedes Lebewesen haben Sie natürlich Gefühle. Angst, Wut, Freude, Trauer, Zärtlichkeit: das alles ist Ihnen bekannt. Sie sind darüber hinaus in der Lage, Ihre Freunde zu warnen, wenn Sie irgendwo in der Nähe ein Raubtier ausmachen. Sie können sie auch auf ein Wasserloch aufmerksam machen. Sie gehen meistens aufrecht und benutzen einfache Steinwerkzeuge, mit denen Sie Nüsse knacken oder gelegentlich auch mal einen Knochen zertrümmern, um das nahrhafte Mark freizulegen. Sie ziehen mit Ihrer Gruppe gerne durch offene Graslandschaften, kommen aber auch in Wäldern mit dichtem Unterholz gut zurecht. Sie sind als homo erectus in der Vergangenheit gelandet.

Bei einem Streifzug durch die Savanne verdunkelt sich der Himmel über Ihnen. Blitze zucken und Donner grollen. Ein greller Blitz fährt herunter, ein Knall zerreißt die Luft, und wenn Sie wieder sehen können, brennt lichterloh der Baum in Ihrer Nähe. Brennende Äste fallen aufs Gras, das kurze Zeit später ebenfalls in Flammen steht, weil  es in der sengenden Sommersonne schon längst verdorrt war. Es ist nicht das erste Mal, dass Sie Zeuge einer solcher Feuersbrunst werden. Aufgrund einer vor zwei Millionen Jahren herrschenden, lang anhaltenden Dürreperiode machen sie solche Erfahrungen immer wieder.

Welche Spuren werden Erlebnisse dieser Art hinterlassen? Als der homo erectus vor zwei Millionen Jahren das Feuer beobachtet hat, war er hin- und hergerissen zwischen Angst, Entsetzen und einer gewissen Faszination, die ihn daran hinderte, in Panik davonzurennen.

Ein Schauder überläuft ihn. Er bleibt stehen, und was er fühlt, ist diese seltsame Mischung aus Furcht und Faszination. Diese Mischung hat einen Namen. Es ist nichts anderes als religiöse Ehrfurcht.

In den Augen des homo erectus scheint das Feuer ein lebendiges Wesen zu sein und ist doch etwas grundsätzlich Anderes als alles, was er sonst kennt. Brände/Flammen erscheinen im Zusammenhang mit verstörenden Himmelsereignissen wie Donner und blendenden Blitzen, die in Sekundenschnelle herunterfahren. Feuer erscheint auch, wenn die Erde bebt, aufbricht und glühendes Magma gegen den Himmel schleudert. Nach fürchterlichem Wüten der Feuersbrunst bleiben schwarz verbrannte, kahle Flächen und verkohlte Kadaver zurück. Auf ebenso rätselhafte Weise, wie die Flammen aus dem Nichts auftauchen, verschwinden sie nach einiger Zeit wieder. Der homo erectus ist entsetzt, aber auch zutiefst beeindruckt. Ungefähr eine Million Jahre lang ändert sich daran nicht viel. Unser Vorfahre bleibt in seinen widersprüchlichen Gefühlen dem Feuer gegenüber gefangen. Dann aber gewinnt die Faszination die Oberhand über die Furcht. Unser Vorfahre fängt an, mit dem Feuer zu experimentieren.

 

Ursprung der Religion

In dem ambivalenten Gefühl von Furcht und Faszination hat alle Religion ihren Ursprung. Es ist das Feuer, das uns am Anfang unserer Menschwerdung zu religiösen Wesen gemacht hat.

Es ist nicht Gott, der sich im Feuer oder im brennenden Dornbusch offenbart, es ist der Mensch, der aus religiöser Ehrfurcht heraus Feuer samt brennender Dornbüsche als göttliches Phänomen interpretiert. Durch das Feuer kam es zum Glauben an eine übernatürliche Welt, an eine Welt der Geister und Götter, mit der bald auch andere Naturerscheinungen erklärt werden konnten. Doch um unerklärliche Phänomene mit den Aktivitäten von Geistern in Verbindung zu bringen, musste es zuerst einmal zu einem Bruch im bis dahin von Instinkten gesteuerten Bewusstsein kommen. Tiere fürchten keine Geister und verehren keine Götter, und vor drei Millionen Jahren haben unsere Vorfahren das auch noch nicht getan. Für diesen Bruch im Bewusstsein, aus dem heraus sich unser Denken, unsere Imagination, die Möglichkeit der Abbildung der Welt in unserem Kopf und nicht zuletzt auch die Sprache entwickelt haben, ist das Feuer und der Prozess seiner Domestizierung verantwortlich. Deshalb sind wir Kinder des Feuers.

Religiöse Ehrfurcht entsteht aus zwei widerstreitenden Impulsen. Furcht löst als spontane Reaktion Flucht aus, Faszination hingegen Annäherung. Wenn sich die widerstreitenden Impulse die Waage halten, verharrt der von diesem Gefühl Ergriffene bewegungslos auf der Stelle. Er steht unter einem Bann. Für ihn fühlt es sich an, als würden fremde Wesenheiten in ihm einen Kampf austragen. Das hat etwas von Magie, die als Geister- und Dämonenwelt in die Außenwelt projiziert wird. Das war die Geburtsstunde des Animismus.

Wenn die Faszination über die Furcht siegt, bleibt die Furcht unterschwellig natürlich trotzdem erhalten. War die Außenwelt im vom Instinkt gesteuerten Bewusstsein mit der Innenwelt identisch, so ist sie es fortan nicht mehr. Wenn bei einem Lebewesen die Faszination über die Furcht siegt, fängt es an, gegen seinen Instinkt zu handeln. Und genau das ist bei unseren Vorfahren passiert.

Einen Hinweis auf diesen Zusammenhang zwischen Feuer und Religion gibt uns der Begriff des Geistes, der sich aus der indogermanischen Wurzel *gheis ableitet, was erschaudern, ergriffen und aufgeregt sein bedeutet. Es ist ein durch und durch religiöses Gefühl. Es überkommt einen sowohl bei den mit einer gewissen Dramatik inszenierten Ritualen in katholischen Gottesdiensten wie beim Anblick eines Waldbrandes. Doch das Wort beschreibt nicht nur ein Gefühl, es verweist gleichzeitig auf ein übernatürliches Wesen, durchaus sowohl im Sinne von gespenstisch wie auch göttlich, und genauso empfinden wir selbst heute noch beim Anblick von lodernden Flammen.

 

Die dualistische Weltsicht als Folge der Doppelnatur des Feuers

Wie das Gefühl, das es beim Menschen hervorruft, besteht das Feuer selbst aus zwei verschiedenen Komponenten: der geisterhaften Flamme und dem Material (bspw. Holz), das verbrennt. Das Denkvermögen, das sich aus dem ambigen Gefühl religiöser Ehrfurcht und dieser konkreten Beobachtung heraus entwickelt, muss zwangsläufig dualistischer Natur sein.

Dieser durch das Feuer vermittelte Dualismus prägt den Menschen von allem Anfang an. Als er sich aus der Tierwelt herauslöste, zerfiel die Welt für den Menschen in eine geistige und eine materielle Welt. Entsprechend entwickelte der Mensch auch seine Doppelnatur. Zum einen wurde er zu einem zutiefst religiösen Wesen, das zunächst Geister, dann Götter und im Monotheismus schließlich den Allmächtigen verehrte und immer noch verehrt. Zum anderen wurde der Mensch gleichzeitig jedoch zum Techniker, der erst herausfand, wie man das Feuer bewahrte und aktiv kontrollierte, um sich in der Folgezeit mit ganzer Energie der Frage zu widmen, was man mit dem Feuer alles machen kann. Religion und Technik gehören untrennbar zusammen. Es sind die beiden Seiten derselben Medaille.

Wie unser Denken ist auch unser gesellschaftliches Zusammenleben von diesem Dualismus geprägt. Um das Feuer dauerhaft auch bei seinen weiten Wanderungen zu erhalten, musste der Mensch eine Vielzahl von Ritualen entwickeln. Der Erhalt des Feuers stand unter dem religiösen Gefühl der Ehrfurcht, war somit der erste „Gottesdienst“. Heute noch sind Rituale für uns wichtig und regeln zu einem guten Teil unser gemeinschaftliches Leben. Rituale halten die Ehrfurcht in uns wach und binden uns an das Althergebrachte und an die Vergangenheit. Gleichzeitig verändern neue technische Entwicklungen fortwährend unsere Gegenwart und verweisen auf die Zukunft. Als Menschen bewegen wir uns immer in diesem Spannungsfeld von Vergangenheit und Zukunft, während es für die Tiere keine solche Erfahrung von Zeit gibt.

Der Umgang mit dem Feuer hat in uns Menschen einen Bruch und damit einen Quantensprung im Bewusstsein ausgelöst. Nur mit dem Feuer als Katalysator war es möglich, dass der Mensch innerhalb von zwei bis drei Millionen Jahren ein derart komplexes Gehirn und derart viele neue Fähigkeiten entwickeln konnte. Der Prozess der Domestizierung des Feuers ist zugleich die Geschichte unserer Menschwerdung, die Geschichte unserer Zivilisation. Wir sind Kinder des Feuers.

Dieser Quantensprung erfolgte in mehreren Teilschritten und ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Von der Entdeckung des Feuers bis zur Agrarisierung und Sesshaftwerdung lassen sich allein schon drei große Phasen unterscheiden:

a) der passive Umgang mit dem Feuer
In dieser Phase gewann die Faszination die Oberhand über die Furcht vor dem Feuer. Unsere Vorfahren begannen, die verbrannten Flächen zu untersuchen, fanden gebratenes Fleisch, das ihnen nicht nur schmeckte, sondern auch weniger schnell verweste als rohes. Sie entdeckten, dass bis dahin ungenießbare Samen, Nüsse und Bohnen durch die Einwirkung von Feuer auf einmal essbar wurden. In kalten Nächten wärmten sie sich an der vom Boden auch nach einem Brand noch lange nachwirkenden Strahlungshitze. Sicher machten sie auch die Erfahrung, dass sie an Plätzen, wo noch Baumstämme glühten, vor Raubtieren sicher waren.

b) der aktive Umgang mit dem Feuer
In dieser Phase entwickelte der Mensch mit dem Feuer eng verbundene Kulturtechniken, die wir auch heute noch praktizieren: die Brandrodung, den Einsatz von „Feuerwaffen“ und das Kochen, um nur drei davon zu nennen. Der Mensch als Jäger benutzte das Feuer, um Tiere in ihren Verstecken auszuräuchern oder sie in einen Hinterhalt zu treiben. Brände wurden gelegt, um gezielt die Nahrung zu erhalten, die man wollte. Ein modernes Beispiel für diese Art von Umgang mit der Natur sind die nordamerikanischen Indianer, die systematisch große Waldflächen niederbrannten, um mehr Weideflächen für Büffel zu schaffen. Lange vor der Agrarisierung fing der Mensch also schon an, Landschaft zu seinem Nutzen großflächig umzugestalten. Der Mensch als Kämpfer wehrte mit brennenden Stöcken und Geschossen schon vor der Erfindung von Pfeil und Bogen Raubtiere und andere Angreifer ab. Der Mensch in seiner Eigenschaft als Versorger und Ernährer entdeckte, dass beim Kochen, Rösten und Braten toxische Substanzen in Nahrungsmitteln zerstört, zähe Fasern leichter verdaulich wurden und die Nahrungsmittel länger haltbar waren. Feuer und Kochen wurden zum zentralen Mittelpunkt der Gemeinschaft und veränderten grundlegend deren soziale Organisation. Vorausplanung, Arbeitsteilung, gezieltes Handeln, Verständigung über das bloße Zeichen hinaus, Tanz und darstellende Kunst, all diese menschlichen Fähigkeiten entwickelten sich in der Folge rings um das Feuer.

c) die Erzeugung von Feuer durch den Menschen
Der älteste, durch Gebrauchsspuren gesicherte Fund eines Feuerschlagsteins ist 32.000 Jahre alt und stammt aus der Vogelherdhöhle (Aurignacien). Es ist wahrscheinlich, dass der Mensch schon sehr viel früher selber Feuer machte, beispielsweise durch Reibetechniken wie auch heute noch bei Naturvölkern üblich, da er bereits vor 100.000 Jahren in der Lage war, Birkenpech herzustellen, ein komplexer Vorgang, bei dem kontinuierlich Feuer zur Verfügung stehen muss. Wie dem auch sei, es ist erstaunlich, was für ein langer Zeitraum vergehen musste, bis der Mensch zu diesem Schritt in der Lage war.

Was wohl die Fähigkeit, selber Feuer machen und es löschen zu können, im Bewusstsein unserer Vorfahren ausgelöst haben mag? Bis zu diesem Zeitpunkt war das Feuer ein unerklärliches Phänomen, das entweder vom Himmel fiel oder aus den Tiefen der Erde aufstieg. Es war etwas Geisterhaftes, und wenn die Folgen seines Erscheinens auch oft genug verheerend waren, so war der Frühmensch, unter anderem auch bedingt durch die Kälteperioden der Eiszeiten, inzwischen vom Feuer so abhängig geworden wie der Säugling von der Muttermilch. Und nun verwandelte sich eine existenzielle Abhängigkeit auf einmal in ein Herrschafts- und Machtverhältnis. Der Mensch dominierte von diesem Augenblick an nicht mehr nur mit Hilfe des Feuers über die Tier- und Pflanzenwelt, er dominierte von nun an über das Feuer selber.

Mit diesem Bewusstsein, Herr über das Feuer geworden zu sein und es dem menschlichen Willen unterworfen zu haben, ist ein Paradigmenwechsel verbunden. War der Mensch bis dahin ein Wesen, das den Blick auf die irdischen, also chemischen Verbrennungsfeuer gerichtet hatte, so entdeckte er nun allmählich, indem er den Blick mehr und mehr auf den Himmel und die Gestirne richtete, eine neue Dimension des Feuers: das Licht.