Die Genese des Übernatürlichen

Vulkanismus ist so alt wie die Erde selbst. Es waren Feuerkräfte, die unserem Planeten seine Gestalt gegeben haben und immer noch für Umwälzungen in der Erdgeschichte sorgen. Vulkanausbrüche zählen zu den folgenschwersten Naturkatastrophen, die wir kennen. Aschefall kann durch wochenlange Verdunklung der Sonne eine Kaltzeit, einen vulkanischen Winter, hervorrufen. Andererseits bilden die ertragreichen vulkanischen Löss-Böden die Lebensgrundlage für eine große Anzahl von Menschen.

Waldbrände hat es gegeben, seit Wälder nachgewiesen sind, also seit etwa 300 Millionen Jahren. Feuer dient der Verjüngung von Waldgesellschaften und der Remineralisierung der Böden, verhindert das Aussterben von Lebewesen in instabilen Sukzessionsgesellschaften und hat eine selektive Wirkung, indem manche Lebewesen in ihrem Bestand limitiert, andere hingegen gefördert werden.

Feuer ist also ein bedeutender Faktor bei der Gestaltung von Ökosystemen. Es ist abiotisch, also keine Lebensform, sondern Energie, die im Verbrennungsvorgang in Form von Wärme und Licht freigesetzt wird.

Vor etwa 2 bis 2,5 Millionen Jahren, etwa zur selben Zeit, als sich Bonobo- und Schimpansenvorfahren auseinander zu entwickeln begannen, verließ eine Linie der Waldmenschenaffen die Regenwälder, um in die offenen Savannenwälder zu ziehen. Der Grund dafür war aller Wahrscheinlichkeit nach eine lang anhaltende Dürre, die den Nahrungsbäumen der Waldmenschenaffen den Garaus gemacht hatte. Neben Tundra, Taiga und Steppe ist die Savanne ein Ökosystem, in dem Feuer ein typisch auftretender Umweltfaktor ist. Durch die Trockenheit dürften Feuer sogar noch häufiger gewesen sein als in Zeiten mit normalen Niederschlagsmengen.

Vor etwa 2 bis 2,5 Millionen Jahren ist unser Vorfahr in der Savanne dem Feuer begegnet.

Etwa zur selben Zeit begann er, Steinwerkzeuge herzustellen. Was den Menschen am Feuer fasziniert hat, ist schwer zu sagen. Waren es die gebratenen Leckerbissen, die er nach einem Brand in der Asche gefunden hat? War es der Umstand, dass bei der Herstellung von Steinwerkzeugen manchmal Funken flogen? Die Frage nach dem Warum kann nicht eindeutig beantwortet werden, sicher ist jedoch, dass unser Vorfahr, der homo erectus, in den Bann des Feuers geriet.

Wenn unser Vorfahr damals schon Worte gehabt hätte, um zu beschreiben, wie er das Feuer erlebte, hätte er es nicht viel anders beschrieben wie heute in den Religionen noch immer das Übernatürliche beschrieben wird. Aus seiner subjektiven Sicht heraus muss ihm Feuer als etwas Übermächtiges und Übernatürliches erschienen sein. Feuer war eine gewaltige Kraft, die einen ganzen Landstrich verwüsten und eine ganze Gruppe von Waldaffenmenschen auf einmal auslöschen konnte. Feuer bereitete Schmerz und hinterließ Narben, nicht nur auf der Haut, sondern auch in der Landschaft. Feuer reagierte so ganz anders als ein Lebewesen und schien trotzdem irgendwie lebendig zu sein. Die tanzenden Flammen hatten etwas Geisterhaftes. Es wurde häufig von Blitz und Donner begleitet. Ein Feuersturm brüllte wie eine ganze Horde Raubtiere auf einmal.

Das alles wäre für den Waldaffenmenschen ein Grund gewesen, das Feuer zu meiden. Das hat er nicht getan. Stattdessen ist er im Laufe seiner Entwicklung eine immer enger werdende Symbiose mit dem Feuer eingegangen, sodass er schließlich ganz und gar davon abhängig wurde.

Im Laufe der Menschheitsentwicklung hat es mindestens einen, vermutlich sogar zwei genetische Flaschenhälse gegeben, einen vor 120.000 Jahren und einen zweiten vor etwa 70.000 bis 80.000 Jahren, der mit der Supereruption des Vulkans Toba und dem anschließenden vulkanischen Winter in Verbindung gebracht wird. In beiden Fällen ging es um extreme Kaltzeiten, die den homo sapiens an den Rand des Aussterbens gebracht haben. Überlebt haben aller Wahrscheinlichkeit nach jene Gruppen, die mit dem Feuer am besten umgehen konnten.

Was bedeutete es für die Entwicklung des menschlichen Geistes, dass er mit dem Feuer eine Symbiose eingegangen ist? Was bedeutete es im subjektiven Erleben, wenn die Feuerstelle für lange, lange Zeit zum zentralen Mittelpunkt der Gemeinschaft wird?

Das grundlegende Gefühl, dem die Tiere folgen, ist der Instinkt. Tiere in freier Wildbahn sind eins mit ihrem Instinkt. Sie können nicht gegen ihren Instinkt handeln. Sie sind der Körper gewordene Ausdruck eines ursprünglichen, unverfälschten Gefühls. Aristoteles nennt diese innerste Wirklichkeit Seele. Es ist die Seele, die dem Wesen seine lebende Form gibt. Beseelt heißt: voll und ganz vom Gefühl als der biologischen Kraft des Zusammenhalts erfüllt sein. Seele und Leben sind die beiden Seiten derselben Medaille.

Der Waldaffenmensch war ein hochentwickeltes Tier, aber doch ein Tier. Er ruhte noch in seinem Gefühl, um daraus instinktiv zu handeln und zu reagieren. Wie ein Tier oder auch ein kleines Menschenkind war der homo erectus als Gattung nicht fähig, die objektive Realität von seinem Gefühl zu trennen. Er erlebte objektive und subjektive Realität als Einheit. Aus irgendeinem Grund muss es bei unseren Vorfahren beim Anblick von Flammen jedoch im Gefühl zu einer Spaltung gekommen sein. Der Erfahrung von Feuer in der objektiven Welt muss in der subjektiven Erfahrung ein gemischtes Gefühl entsprochen haben, das einerseits Furcht und andererseits Faszination gewesen ist.

Der double bind aus Furcht und Faszination ist ein religiöses Gefühl. Es ist das mysterium tremendum et fascinosum. Es ist religiöse Ehrfurcht. Mit diesem Gefühl dürfte sich der homo erectus dem Feuer genähert haben. Religiöse Ehrfurcht im Angesicht der lodernden Flammen dürfte das geistig-emotionale Kraftfeld erzeugt haben, das unsere Vorfahren mit dem Feuer die Symbiose eingehen ließ. Dieses Kraftfeld entwickelte sich in der Folge zum Glauben weiter.

Feuer erfordert ein Verhalten, das dem grundlegenden Gefühl zuwiderläuft, denn der Umgang mit Feuer und Kochen bricht mit der einfachen Reflexkette Hunger – Nahrungssuche – Essen und verlangt stattdessen einen Umweg. Wenn zuerst Feuer gemacht und die Nahrung gekocht wird, können instinktive Bedürfnisse nicht sofort befriedigt, sondern müssen aufgeschoben werden. Zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung schiebt sich ein komplexer Ablauf, in dem verschiedene Individuen verschiedene Aufgaben erledigen. Während die einen Holz sammeln und Feuer machen, kümmern sich andere um die Beschaffung von Nahrung. Auf diese Weise wächst ein Bewusstsein für Arbeitsteilung sowie für den Ablauf von Kettenreaktionen, was später die Grundlage für die Entwicklung eines Denkens bildet, das sich in Kausalitäten und Zusammenhängen vollzieht. Feuer erzwingt eine soziale Koordination, die nicht der hierarchischen Struktur der Gruppe entspricht. Da das Ausgehen des Feuers für die ganze Gruppe gravierende Folgen haben kann, entstehen Verantwortung und Pflicht im Rahmen von Gruppendruck. Anstelle instinktiven Verhaltens im Einklang mit der umgebenden Natur treten vom Feuer diktierte Prozesse, die mühsam erlernt, über eine Kultur bewahrt und dem Nachwuchs explizit weitervermittelt werden müssen. Damit das Rad nicht immer wieder neu erfunden werden muss, stützt sich die Gruppe auf standardisierte Verfahrensweisen bzw. Riten, die eine erlernte Alternative zu den Instinkten sind.

Durch den Umgang mit Feuer bildeten sich Eigenschaften und Verhaltensweisen heraus, die heute noch das Wesen jeder Religion ausmachen. Einerseits religiöse Ehrfurcht, aus der Glaube erwächst, andererseits Riten, um dem verehrten Objekt zu dienen. Nachdem das Feuer gebändigt war und der Mensch es selber machen konnte, verlor das Feuer nach und nach den Status des Übernatürlichen und Heiligen, und aus den Riten wurden praktisch-technische Verfahren.

Mit dem Zuwiderhandeln gegen seine innerste Natur und sein instinktives Gefühl begann die rasante geistige Entwicklung des Menschen. Das Heraustreten aus dem Instinkt ist gleichbedeutend mit der Herauslösung aus der Natur und der Beginn von Kultur und Zivilisation. Es ist der Weg, den wir als Menschen gehen, der Weg in die Veräußerlichung. Der Zivilisationsprozess und Menschwerdung sind daher dasselbe. Diese Entwicklung dauert bis heute an. Wir verlieren mehr und mehr, was einmal natürlich an uns war. Wir verlieren uns selbst.

Unterstützt wurde die geistige Entwicklung des Menschen durch das Feuer selbst. Gekochte Nahrung stellt wesentlich mehr Energie bereit als rohe. Die überschüssige Energie schlug sich in einem rasanten Wachstum des Gehirns nieder. Es ist nun dreimal so groß wie das eines Menschenaffen. Ohne die katalytische Wirkung des Feuers hätte ein solcher Prozess nach dem gängigen evolutionären Muster über 30 Millionen Jahre gebraucht. Wir haben die Entwicklung in zwei Millionen Jahren geschafft.

Ab etwa 500.000, nach anderen Quellen ab etwa 300.000 Jahren sind bei unseren Vorfahren Spuren von Totenkult und Begräbnisriten nachgewiesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Frühmensch eine Jenseitsvorstellung entwickelt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass er sich mit dem Feuer identifiziert hatte. Der Frühmensch machte die Erfahrung, dass Feuer nach einem Regenguss ausging, um beim nächsten Gewitter an einer anderen Stelle wieder zu erscheinen. Ein verkohlter Baumstamm konnte überraschend noch einmal aufflackern. Rauch stieg auf, um sich in immer feiner und durchsichtiger werdenden Gebilden aufzulösen. Das Feuer schien unsterblich zu sein. Wenn es erloschen war, musste es sich also an Orten aufhalten, die nicht sichtbar waren, oder es musste zeitweise unsichtbar sein. Irgendwann um 500.000 haben unsere Vorfahren diese Eigenschaften des Feuers auf sich selbst und auf alle Lebewesen übertragen und sich damit identifiziert. Es ist dies die Geburtsstunde des Animismus, in dem jedes Ding in einer sichtbar-materiellen und einer unsichtbar-geistartigen Form existiert.

An anderer Stelle habe ich dargelegt, dass Glauben in seiner veräußerlichten Form aus den beiden Komponenten Für-wahr-halten und So-tun-als-ob besteht. Die Vermutung liegt nahe, dass der Frühmensch sich in ähnlicher Weise mit dem Feuer auseinandergesetzt hat, wie das Kind spielerisch mit der Welt umgeht. Um das Wesen des Feuers zu begreifen, haben unsere Vorfahren so getan, als ob sie selber Feuer oder Flammen wären. Vermutlich hat sich durch das Imitieren von Flammen der Tanz entwickelt. Da subjektive und objektive Welterfahrung noch nicht voneinander getrennt waren, wurde das So-tun-als-ob für Realität und damit für wahr gehalten. Indem sie so taten, als ob sie Flammen, Rauch oder ein Feuersturm wären, imaginierten sich unsere Vorfahren in eine Welt des Geisterhaften und Übernatürlichen hinein.

Das Übernatürliche hat damit eine ganz natürliche Erklärung. Die wahren Geheimnisse unseres Seins liegen nicht im Übernatürlichen und in Jenseitsvorstellungen, sondern in unserem innersten Wesen, in dem, was Aristoteles Seele nennt. Mit unserem innersten Wesen sind wir über das Körperlich-Materielle verbunden. Es weist uns den Weg und gibt uns Halt, wenn wir uns in geistigen Höhenflügen zu verirren drohen.

Ein Kommentar zu “Die Genese des Übernatürlichen

  1. Pingback: Die Reduplikation des Instinkts im Glauben | fingerphilosoph

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.