Evolution der Liebe

Die Evolution des Universums ist identisch mit der Evolution der Liebe. Das universale Geschehen entfaltet sich als Tanz von Nähe und Distanz. Wenn wir wissen wollen, was Liebe ist, müssen wir die Augen aufmachen und uns die Welt ansehen. Liebe ist dasselbe wie die Wirklichkeit, in der wir leben. Da die Welt sich ständig wandelt, entzieht sich Liebe einer ein für alle Mal gültigen Definition. Der Apostel Paulus irrt sich, wenn er sagt: hätte ich die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder lärmende Pauke. Hätte er die Liebe nicht, wäre er auch kein Erz und keine Pauke, dann wäre er nämlich gar nicht. So wenig wir das Leben haben, so wenig haben wir die Liebe. Wir erfahren sie, wir leben sie mit jedem Atemzug, denn geradeso, wie wir Leben sind, weil das Leben in jeder einzelnen unserer Zellen pulst, so sind wir Liebe mit jeder Faser unseres Seins. Liebe ist keine Eigenschaft, keine Tugend, kein Wert, kein Ziel, weil sie sich vom Sein nicht abtrennen lässt. Liebe ist nicht nur intersubjektive Anerkennung in einer Beziehung. Sie ist als Beziehungsgeschehen der Prozess, der in unserer Wahrnehmung die Welt ist. Die Beziehungen, die wir normalerweise als Liebe identifizieren, sind nur ein kleiner Teil in einem viel, viel umfassenderen Ganzen.

Am Anfang war das Wort, heißt es in der Bibel. Es war nicht das Wort. Denn der Anfang unseres Universums war heiß. Superheiß sogar. Ein Feuer kann heiß sein. Oder sogar ein Würstchen. Aber kein Wort ist heiß. Noch nicht mal das Wort heiß ist heiß. Eine Sekunde nach dem Urknall trennten sich Protonen und Antiprotonen bei einer Temperatur von etwa 10 Billionen Grad. Pfarrer reden gerne davon, dass Liebe die stärkste Macht ist, die wir kennen, und sie haben Recht. Aber solche Predigten sagen nichts aus. Die Worte sind leer, weil die Vorstellungen dazu fehlen. Wenn ich mir dagegen vorstelle, dass eine Sekunde nach dem Urknall die mir aus allen Dingen entgegenleuchtende Liebe erstmal bei 10 Billionen Grad glühte, werde ich doch einigermaßen still, obwohl ich es eigentlich nicht so mit der Demut habe. Und noch stiller werde ich, wenn mir klar wird, dass auch ich von dieser Liebe ins Sein gerufen bin, obwohl ich schon bei 30 Grad ins Schwitzen komme.

Vor diesem Hintergrund bekommen manche religiösen Texte einen ganz neuen Klang. Von Meister Eckhart gibt es beispielsweise eine Predigt, in der er sagt: wo und wann Gott dich bereit findet, muss er wirken und sich in dich ergießen. Es ist ein Augenblick: Das Bereitsein und das Eingießen. Bislang habe ich das so verstanden, als wäre ich eine Art Gefäß, in das eine unerklärliche Kraft oder eben Liebe hineinfließt, sobald ich den Deckel abnehme. So als würde ich dadurch in einen neuen Menschen verwandelt, zu dem sich alle Wesen hingezogen fühlen, weil sie sich nun von dem in mir wirkenden Gott geliebt wissen. Frustrierend jedoch, dass niemand einem sagt, was das für ein Deckel sein soll und wie man ihn abnimmt. Na gut, manche nennen diesen Deckel Ego, aber auch damit kann ich nichts anfangen. Ego ist vor allem eines: eine Worthülse.

Nimm den Deckel ab! Sei nicht dein Ego! Verströme dich! Eine solche Predigt klingt zwar schön, bleibt aber seltsam spröde und unfruchtbar, weil ich im Grunde nichts damit anzufangen weiß. Die Worte berühren nur oberflächlich, weil sie keinen konkreten Bezug zu mir und meiner Lebenswelt herstellen. Wie steigt man aus dem Ego aus? Etwa durch Meditation? Da habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht. Wie verströmt man sich? Keine Ahnung.

Dann lese ich über Teilchen, die eine Kraftwirkung aufeinander ausüben, indem ständig Austauschteilchen hin- und hergehen. Diese Austauschteilchen können aus dem Nichts heraus entstehen, wenn sie sich die Energie für ihre Masse aus dem umgebenden Vakuum borgen, aber sie müssen diese Energie innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens wieder zurückgeben, so übertragen sie die Kraftwirkung. Diese Austauschteilchen existieren nicht wirklich, sie werden deshalb als virtuelle Teilchen bezeichnet. Wird nun aber so ein virtuelles Teilchen auf dem Weg von einem zum anderen realen Teilchen von einer Energieportion getroffen, gleicht es die negative Bilanz vorzeitig aus und wird zu einem echten Teilchen. So wird es ins Sein gerufen. Auf ganz ähnliche Weise wird ein Quantenteilchen durch einen fokussierenden Blick zu einem echten Teilchen. In beiden Fällen ist es, als würde etwas bis dahin Unerkennbares sehnsüchtig darauf warten, Wirklichkeit werden zu dürfen und von mir oder anderen Menschen erkannt zu werden. Auf einmal verstehe ich, dass Gott nicht durch mich wirken will, als wäre ich ein sein Gefäß oder Werkzeug. Das ist eine Vorstellung, die von unserer Technik inspiriert ist. Es geht gar nicht um Gott. Es geht um die Liebe, die in ihrem Wesen von mir erkannt sein will. Uns beschäftigen Fragen, ob die Liebe einen Ursprung hat, ob sie von Gott kommt, ob sie ewig ist. Über solchen spekulativen Fragen vergessen wir, die Augen aufzumachen und die Liebe in allen Dingen um uns herum zu erkennen.

Als Mensch will ich wissen, woher ich komme, wer ich bin und wohin ich gehe. Doch dabei gibt es ein Problem. Mein Verstand ist seinem Wesen nach differenzierend und kann das Eintretende nur wahrnehmen, indem er zu dem, was in seinen Erkenntnisbereich eintritt, eine scheinbar objektive Beziehung herstellt. In der bewussten Wahrnehmung gibt es immer das Beobachtete und den Beobachter. Bewusste Wahrnehmung ist immer Zweiheit. Zudem funktioniert unsere Wahrnehmung in Gegensätzen. Was wäre Schwarz ohne Weiß? Yin ohne Yang? Der Abend ohne den Morgen?

Dem Verstand steht das Gefühl gegenüber, das einheitlich wahrnimmt. Auf der Gefühlsebene zerfällt die Welt nicht in Gegensätze und Einzelheiten. Deshalb sind manche Gefühle auch gar nicht zu beschreiben. Auf diese Weise bilden Verstand und Gefühl jedoch wieder ein Gegensatzpaar. Deshalb kann ich nicht erkennen, ob es den Ur-Gegensatz unabhängig von mir gibt oder ob dieser in meinem Wahrnehmungsvermögen verankert ist. An diesem Punkt versagt das menschliche Erkenntnisvermögen und annulliert sich damit selbst. Weise ist deshalb einer, der weiß, dass er nichts wissen kann. Wie Sokrates. Oder Nicolaus Cusanus. Oder mit Einschränkungen auch Immanuel Kant.

Wenn ich in den Sternenhimmel schaue und daran denke, dass Generationen von Sternen entstanden und wieder vergangen sind und dass aus dem Sterben der Sterne die schwereren Elemente geworden sind, die auch mein Leben ausmachen, dann verstehe ich, dass es den Tod nicht gibt. Es gibt nur Verwandlung und immer wieder Verwandlung. Myriaden von Formen ziehen vor meinem inneren Auge vorbei. Und wieder muss ich sagen, dieses konkrete Bild hilft mir mehr, mich mit meiner eigenen Sterblichkeit zu versöhnen als alle Versprechungen, welche die Religionen mir von einem Leben im Jenseits machen, das für mich doch nur ein weißer Fleck in meiner Vorstellung und pure, unbewiesene Spekulation bleibt.

Wenn ich mich in der Natur umschaue, lerne ich etwas über das Wesen der Liebe. Da gibt es weit mehr Formen von Zusammenarbeit, als ich mir je selber hätte ausdenken können. In den Bäumen zeigt sich mir die Liebe als Geduld, Standfestigkeit und Ausharren, in den Möwen als spielerische Streitlust, in den Augen der Pferde als Ergebenheit, in den Kaninchen als Dauerrammeln. Ich lerne, dass das Bild, das wir uns gern von der Liebe machen, überhaupt nicht stimmt, denn da wird auch manipuliert, ausgenutzt und gekämpft. Protzen ist ebenso eine Facette von Liebe wie Hingabe, Schludrigkeit ebenso wie Sorgfalt, Zartheit ebenso wie wilde Kraft. Ja, sogar der Krieg ist eine Facette dieser Liebe. Vor allem lerne ich, dass Liebe nicht vollkommen ist und auch nicht vollkommen sein will. Und das beruhigt mich irgendwie doch sehr.

Dann wende ich den Blick zurück auf den Tanz, der hinter allem steht, dieser Tanz von Nähe und Distanz. Mir geht auf, dass Differenzierung und Synthese die beiden Vermögen meiner Erkenntnis sind. Mit meinem Verstand entdecke ich die Unterschiede, die ich mit meiner Vernunft wieder zu einem Ganzen zusammenfüge. Und auf einmal wird alles zu einem rein geistigen Spiel. Ich weiß nicht mehr, ob ich selber denke oder gedacht werde. Ob ich ein Gedanke Gottes bin oder Gott ein Gedanke von mir. Ob die Welt in mir ist oder ich in der Welt. Alles verwirrt sich. Wenn die Nebel sich dann wieder lüften, wird mir klar, dass all die Verwirrungen mir nichts anhaben können, solange ich daran glauben kann, dass hinter allem Liebe steht. Eigentlich ist Glaube nicht das richtige Wort. Durch all die konkreten Bilder und Vorstellungen ist mehr daraus geworden: das Bewusstsein, dass alles, wie es ist, auf wunderbare Weise geordnet ist. Deshalb kann ich dem Leben vertrauen, auch ohne zu wissen.

Die Suche nach dem Wissen in den Wissenschaften mündet schließlich im Wissen, dass es aufs Wissen gar nicht ankommt. Irgendwann am Ende eines langen Weges führt das Wissen sich selber ad absurdum. Was bleibt, ist ein heiteres Lächeln angesichts der raffinierten Spiele, mit denen das Leben mich doch immer wieder überrascht.