Geist-Materie-Dualismus

Menschsein ist zutiefst vom Geist-Materie-Dualismus geprägt. Schon in den animistischen Religionen als den ursprünglichsten Versuchen, sich in der Welt zu orientieren und sie zu erklären, zerfällt die Welt und mit ihr die Natur und alle Lebensformen in eine geistige und eine materielle Komponente, die sich darin unterscheiden, dass die geistige Welt die Ewigkeit und die materielle die Vergänglichkeit repräsentiert. Dieser Dualismus begleitet den Menschen beinahe von Anfang an durch seine ganze Entwicklung hindurch und nimmt dabei immer neue Formen an: in den Götterreligionen des Nahen Ostens, im indischen Vedanta, in der Gnosis, in der griechischen Philosophie, im mittelalterlichen Universalienstreit, im Leib-Seele-Problem.

These: der Geist-Materie-Dualismus begleitet den Menschen durch seine ganze Entwicklung hindurch und ist bis heute nicht aufgelöst. Es gibt nach wie vor zwei unterschiedliche Weltsichten.

Heute gibt es auf der einen Seite die Materialisten (Wissenschaftler), die behaupten, dass Geist respektive Bewusstsein auf der Basis von unbelebter Materie entstanden ist. Sie erklären die Entstehung des Lebens anhand eines biochemischen Modells, wonach anorganische Grundbausteine wie Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Schwefel und Phosphor  sich zu organischen Molekülen vereinen, die immer komplexere Strukturen annehmen, wobei die einzelnen Elemente einander katalysieren oder blockieren, bis alle Teile soweit miteinander vernetzt sind, dass das Netzwerk sich selbst stabilisiert und es dadurch zu einem Phasenübergang kommt. Ein solcher Phasenübergang bedeutet, dass das Netzwerk als Ganzes völlig andere Eigenschaften hat als seine Elemente, und das ist in diesem Falle eben Geist oder Bewusstsein.

Auf der anderen Seite gibt es die Esoteriker, die behaupten, dass alles Geist oder Bewusstsein ist. Das Materielle ist bloß Illusion, Maya, Erscheinung, Manifestation und hat keine eigene Existenz. Tod wird als Aufwachen aus der Illusion definiert. Der Mensch ist seinem wahren Wesen nach unsterblich. Die Esoteriker lösen den Dualismus zugunsten des Geistes auf und behaupten, dass Geist/Bewusstsein die Materie kreiert. Sie stehen damit in der Nachfolge der Religionen, die zu ihrer Zeit behauptet haben und immer noch behaupten, dass Gott die Welt erschaffen hat und Gott gleichbedeutend mit universalem Geist ist. Der Unterschied zwischen Esoterikern und Religiösen besteht darin, dass die Religiösen Gott/Geist als Entität sehen, die auch den Menschen erschaffen hat, während die Esoteriker sich selber als göttlich imaginieren und glauben, dass sie selber zum Bereich des Geistes gehören und zumindest teilweise Schöpfer dessen sind, was als Realität erscheint.

Diese beiden Weltsichten stehen bis heute unvereinbar nebeneinander. Die Vertreter der beiden Denkweisen sind sich häufig nach wie vor nicht besonders grün und gehen in Diskussionen schon gern mal aufeinander los. Zwar versuchen manche Wissenschaftler wie auch manche Esoteriker, die beiden Weltsichten zu verbinden, doch basieren die Argumente allzu häufig auf sprachlichen Ungenauigkeiten. So wird die Entdeckung, dass Materie und Energie ineinander verwandelt werden können, gerne als Beweis dafür hergenommen, dass Geist die Materie kreiert. Völlig außer Acht gelassen wird dabei, dass physikalische nicht mit geistiger Energie gleichgesetzt werden kann. Ebenso ist nicht jeder physikalische Unterschied zugleich eine Information, denn damit aus einem Unterschied Information, also ein Signal oder eine Botschaft wird, braucht es einen Bezugsrahmen, einen Sender und einen Empfänger.

Bis heute kann kein Physiker erklären, wie vor annähernd 14 Milliarden Jahren aus einem Nichts heraus ein superheißer Urknall unseren Kosmos hervorbringen konnte. Was die Entstehung des Lebens innerhalb der anorganischen Welt betrifft, sind die Materialisten die Antwort/den Beweis bislang ebenfalls schuldig geblieben. Bewusstsein ist nicht mit Künstlicher Intelligenz zu verwechseln, denn automatisiertes intelligentes Verhalten ist im besten Falle bloß eine Simulation von Bewusstsein, basierend auf von einem Lebewesen erdachten Algorithmen. Auf die Frage, was Bewusstsein ist, erhält man von den Materialisten daher ebenfalls  keine zufriedenstellende Antwort.

Kein spiritueller Lehrer hat eine Erklärung zum Ursprung von Gott oder der Seele. Ebensowenig kann ein spiritueller Lehrer erklären, warum der Geist die Illusion von Materie hervorbringt, wenn diese für alles Leid in der Welt verantwortlich ist. Der Geist wäre besser beraten, in seinem nicht-materialisierten Zustand der Unsterblichkeit zu bleiben, als sich Gewalt und Tod anzutun. Die Erklärung, dass der Geist in uns Menschen Erfahrungen sammeln oder etwas lernen soll, sind schon mehr als verquer, denn was soll ein allumfassendes, allwissendes Bewusstsein denn lernen können, wenn es sich absichtlich in eine Täuschung begibt.

Bis heute hat niemand den Zusammenhang von Geist und Materie geklärt. Weder können Wissenschaftler aus Materie Geist erzeugen noch Gurus aus Geist Materie. Ausnahmslos alle, die das in der Vergangenheit von sich behauptet haben, wurden als Scharlatane entlarvt.

Das heißt also, in allen wesentlichen Fragen, bleiben die Erfinder von Weltsichten und kosmologischen Modellen die Antworten schuldig. Niemand kann sagen, was Materie bzw. Energie dem Ursprung nach ist, niemand kann sagen, was Bewusstsein dem Ursprung nach ist, und niemand kann sagen, was Leben dem Ursprung nach ist.

Leben als untrennbare Einheit aus Geist und Materie

Was man aber sagen kann, ist: Die Einheit aus Geist und Materie ist Leben. Ein absolut ungeistiges Leben ist ebensowenig vorstellbar wie ein absolut immaterielles. Alles Lebendige ist gleichzeitig materieller wie auch geistiger Natur, ohne dass man diese beiden Bereiche auseinander dividieren kann. Man kann nicht sagen, was genau am Leben materiell und was geistig ist, weil diese Bereiche nahtlos ineinander überfließen. Ebenso wie das Bewusstsein durch materielle Substanzen wie Psychopharmaka beeinflussbar ist, so auch der Körper durch mentale Übungen. Man kann weder die Materie über den Geist setzen, wie es die Wissenschaftler/Materialisten tun, noch den Geist über die Materie, wie es in der Spiritualität praktiziert wird. Allein für sich genommen, existieren weder Geist noch Materie, beide Begriffe sind nur die gedanklichen Konstrukte einer künstlichen Trennung. Geist und Materie als Begriffe sind Abstraktionen ohne reale Existenz. Stattdessen gibt es nur Leben. Von den drei Begriffen Geist, Materie und Leben hat nur der Begriff Leben eine reale Entsprechung, nämlich die Gesamtheit aller Lebewesen.

Der Dualismus aus Geist und Materie löst sich auf, wenn man die beiden Begriffe nicht als eigenständige Entitäten, sondern als Aspekte des übergeordneten Begriffs Leben auffasst und hinter diesem gedanklichen Monismus die Gesamtheit aller Lebewesen als die entsprechende Realität annimmt. Leben ist die untrennbare Einheit aus Geist und Materie.

Ein einzelnes Lebewesen kann nicht erfassen, was Leben in seiner Vollständigkeit ist. Ein Beobachter des Gesamten müsste nämlich außerhalb des Lebendigen stehen und damit auch außerhalb von Geist und Materie. Das ist unmöglich. Es ist ein ähnliches Problem, wie es der Mathematiker Kurt Gödel in seinem Unvollständigkeitssatz beschreibt: ein mathematisches System lässt sich nicht mit den inhärenten Mitteln dieses Systems beweisen. Genausowenig lässt sich das Leben mit den Mitteln der Lebewesen beweisen. Egal, wie viele Daten Menschen auch sammeln, das Leben ist nicht vollständig beschreibbar.

Beschränkte Wahrnehmung

Alle Wahrnehmungen erweisen sich überdies als ungeeignet, die Gesamtheit zu erfassen. Unsere äußeren Wahrnehmungen über die Sinnesorgane wie auch unsere inneren Wahrnehmungen über die Gefühle sind nicht auf das Gesamte, sondern nur auf einen bestimmten Ausschnitt aus dem Gesamten angelegt. Sie sind geprägt von unserem Willen zum Überleben. Was nicht in irgendeiner Weise unserem Überleben dient und auch sonst keinen Bezug zu uns hat, wird von uns nicht wahrgenommen. In der Physik sind es die Neutrinos, die uns auf diesen Umstand aufmerksam machen: Es sind Teilchen, die nur ganz wenig an dem von den Physikern beobachteten Kosmos teilhaben, weil sie nur gerade so am Rande mit anderen Teilchen wechselwirken oder interagieren.

Kommt hinzu, dass unsere Wahrnehmungen durch unsere Wünsche, Absichten, Ängste, Gefühle verzerrt werden. Wenn ich mich mit dem Gedanken trage, mir ein rotes Auto zu kaufen, nehme ich in meiner Umgebung auf einmal viel mehr rote Autos wahr, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Wenn ich glaube, eine Krankheit zu haben, interpretiere ich Beobachtungen an meinem Körper automatisch als Krankheitssymptome, selbst wenn sie an sich gar keinen Krankheitswert haben. Das geht sogar soweit, dass ich mir Schmerzen direkt einreden kann und sie dann tatsächlich wahrnehme. Andere machen auf diese Weise eine Scheinschwangerschaft durch. In der Medizin gibt es die Placebos, die viele Menschen auf wundersame Weise heilen.

Nicht jedes Lebewesen, ja nicht mal jeder Mensch nimmt denselben Ausschnitt aus dem Gesamten wahr. Ein Ureinwohner im Amazonas macht eine andere Welterfahrung als ein Physiker am Cern, ein Obdachloser in New York eine andere als ein Ayurveda-Arzt in Kerala.

Auf das Leben als Ganzheit zurückgeworfen, entpuppen sich sowohl Materie wie auch Geist als Illusionen. Es sind abstrakte Begriffe, die sich in der Abgrenzung gegeneinander wechselseitig eine scheinbare Existenz verleihen. Dabei lässt sich das Leben überhaupt nicht auseinander dividieren. Geist und Materie lassen sich nicht voneinander trennen. Der Grund, dass wir uns dermaßen an beiden Begriffe Geist respektive Materie klammern, ist, weil aus diesen Begriffen die Illusion, dass wir doch in irgendeiner Weise das Ganze erfassen können, entsteht. Während sich das Leben in seiner konkreten Form unserem Zugriff radikal entzieht, können wir mit abstrakten Begriffen wie Geist und Materie beliebig herumhantieren und uns daraus Weltmodelle basteln.

Zwar ist der Begriff Leben auch wieder eine Abstraktion und damit ein gedankliches Konstrukt, das alles Lebendige in einem Wort zusammenfasst, aber es ist eine Abstraktion, die nicht auf dem Dualismus von Geist und Materie fußt. Es ist ein Begriff, der uns darauf verweist, dass wir mit allen anderen Lebewesen im Strom schwimmen, ohne den Strom als Ganzes je zu überblicken oder ihn gar steuern zu können.

Gewinn und Verlust

Den Geist-Materie-Dualismus aufzugeben, bedeutet in gewisser Weise einen Verlust. Der Mensch verliert seine Sonderstellung, die er innerhalb der Biosphäre immer noch einzunehmen glaubt und wird zu einem Wesen unter vielen Milliarden anderen. Wenn Leben die Einheit aus Geist und Materie ist, ist alles, was lebt, sowohl geistiger wie auch materieller Natur. Der Geist, auf den der Mensch so stolz ist, hebt ihn also nicht länger aus der Masse aller anderen heraus.

Verfangen im Geist-Materie-Dualismus leben wir in der Illusion, Entwicklungen langfristig vorhersagen zu können. Die Physiker erklären uns, dass in etwa vier Milliarden Jahren die Sonne sich aufbläht und stirbt, was das Leben auf der Erde unmöglich macht. Sie sagen sogar den Tod des Universums voraus. Spirituelle Lehrer erklären hingegen, dass der Mensch eine geistige Evolution durchläuft, die ihn zuletzt mit dem kosmischen Bewusstsein vereint, was ewige Glückseligkeit bedeutet. Was die Physiker uns erklären, ist nichts anderes als eine übersteigerte Projektion unserer Ängste. Was die Gurus uns erklären, nichts anderes als eine übersteigerte Projektion infantiler Hoffnungen. Die Illusionen aufgeben, heißt die Projektionen aufgeben. Das ist ein Gewinn.

Wenn wir uns nicht länger über das Leben stellen können, können wir auch keine Vorhersagen machen, wie es sich entwickelt. Die Vergangenheit verliert an Bedeutung, wenn sich daraus nur noch das Gewordene, aber nicht mehr die Zukunft ablesen lässt. Zukunftsprognosen sind hinfällig. Die Zukunft ist wieder offen. Wenn wir den Geist-Materie-Dualismus aufgeben, schwimmen wir wieder im Strom des Lebens mit. Wir sind im Hier und Jetzt angekommen.