Die Mär vom Ende des Ölzeitalters

Als Menschen leben wir in Geschichten, nicht in der Wirklichkeit. Was wir uns von morgens bis abends erzählen, sind unsere eigenen Erfindungen. Wir sind nicht die Schöpfer der Welt, aber von Geschichten über die Welt. Manche dieser Geschichten sind sehr mächtig. Sie haben das Potenzial, die Welt zu verändern. Mächtige Geschichten verbreiten sich. Das heißt, sie werden von immer mehr Menschen geglaubt, die ihr Leben schließlich an dieser Geschichte ausrichten. Die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters ist eine solche mächtige Geschichte.

Die Geschichte, die uns erzählt wird, geht folgendermaßen: Wir haben in der Vergangenheit bereits mehr als die Hälfte der fossilen Brennstoffe verbraucht. Zumindest, was Erdöl angeht. Aber auch Erdgas und Kohle sind endliche Ressourcen. Atomkraft ist wegen der damit verbundenen Risiken keine wirkliche Option, und wäre sie eine, würde uns das nicht viel weiter bringen, denn das zur Verfügung stehende Uran hält auch nicht besonders lange vor. Auf die Zeit der Fülle und Verschwendung wird also demnächst unweigerlich die Zeit des Mangels folgen. Den fetten folgen die mageren Jahre, das wusste schon die biblische Geschichte um Josef, der McKinsey des damaligen Pharaos. Uns Modernen geht es heute nicht anders. Wie der kluge Pharao müssen wir dem kommenden Mangel vorbeugen und deshalb auf erneuerbare Energien setzen. Das sind Holz, Biomasse, Wasserkraft, Wind und Sonnenenergie. Wir können den Weltenergiebedarf auch bei steigender Weltbevölkerung ganz und gar aus erneuerbaren Energiequellen schöpfen, wenn wir uns entsprechend einschränken und die Energien achtsam und effizient nutzen.

Ich erinnere mich daran, dass in meiner Jugend Holzheizungen wegen ihrer schädlichen Emissionen verboten waren. Und jetzt sollen sie uns und unseren Kindern plötzlich die Zukunft sichern? Klar, die Abgastechnik hat in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Eine moderne Heizung stößt nur noch einen Bruchteil der Schadstoffe aus wie eine von 1960. Auch die Energieeffizienz dieser Öfen hat sich verbessert. Mit ein paar Scheiten Holz kann man die Wohnung wohlig heizen und am nächsten Morgen sogar noch die Nachwärme genießen. Das hört und fühlt sich wunderbar an.

Es gibt ein paar Sachen, die in der Geschichte nicht erzählt werden: Aufgrund unserer zunehmenden Neigung zum Alleinleben brauchen immer mehr Menschen einen Holzofen und die entsprechende Menge an Brennmaterial. Die Wohnfläche pro Person hat sich seit 1950 mehr als verdoppelt und dieser zusätzliche Raum will beheizt werden. Dass dies in der Geschichte nicht auftaucht, liegt daran, dass der oder die Erzähler auf die zusätzliche Wohnfläche nicht verzichten wollen. Ebensowenig wollen sie ihren beheizten Wohnraum wie früher mit der Großfamilie teilen, zu der eben auch schreckliche Tanten und Onkel gehören, die man lieber von hinten oder gar nicht sieht.
An solchen wundersamen Aussparungen erkennt man übrigens, dass es sich bloß um eine Geschichte und nicht um die Wirklichkeit handelt.

Was auch nicht erzählt wird, ist, dass Holz in Europa schon mal der Hauptenergielieferant gewesen ist. Holz hat schon in der Antike nicht ausgereicht, als bloß ein paar Millionen Menschen in Europa lebten. Das Ergebnis war nämlich, dass der Kontinent abgeholzt wurde. Das zur Verfügung stehende Holz hat selbst dann nicht gereicht, als neugegründete Forstbehörden Abgeholztes in schnell wachsenden Fichten-Monokulturen systematisch wieder aufgeforstet haben. Ersetzt man Holz durch noch schneller wachsende Biomasse, versucht man, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, denn je schneller Pflanzen wachsen, desto mehr laugen die Böden aus und müssen mit Erdölprodukten gedüngt werden. Dass die Waldflächen in Deutschland im 20. Jahrhundert netterweise wieder zugenommen haben, ist übrigens den fossilen Energieträgern zu verdanken, die billiger als Holz waren.

Wenn Holz so langsam nachwächst, dass es nicht für eine Milliarde Menschen reicht, wie soll es dann für sieben, acht, zehn Milliarden Menschen reichen? Holz steht also nur in begrenzten Mengen zur Verfügung und kann die Energielücke, die durch den Wegfall der fossilen Brennstoffe entsteht, keinesfalls schließen. Zumal die Erzähler dieser Geschichte ja auch noch suggerieren, dass wir in Zukunft trotz verstärkter Holznutzung rings um uns herum naturnahe Wälder haben werden, die unserer Erholung dienen und schöne Wander- und Joggingwege für uns bereithalten.

Wasserkraft ist eine Energiequelle, die schon seit langer Zeit genutzt wird. Man hat nie damit aufgehört, Wasserkraft zu nutzen, wo es sinnvoll ist, sie zu nutzen, auch im Ölzeitalter nicht. Zur sinnvollen, also weitgehend schadlosen Nutzung brauchen Flüsse allerdings ein bestimmtes Gefälle, sonst veralgen und verschlammen sie und sterben ab. Wasserkraft kann in Europa nicht mehr in nennenswert größerem Umfang ausgebeutet werden. Hier sind die Grenzen schon fast erreicht.

Bleiben also Wind und Sonne. Beides sind sogenannte volatile Energieträger, das heißt, sie stehen nicht konstant zur Verfügung, sondern eben bloß, wenn der Wind bläst und die Sonne scheint. Zudem liefert die Sonne immer dann besonders viel Energie, wenn man sie gar nicht braucht, nämlich im Sommer. Weder will man im Sommer heizen noch vermehrt die Maschinen laufen lassen und arbeiten.

Ein Stromnetz ist eine empfindliche Angelegenheit. Wenn zuviel Strom eingespeist wird, bricht es ebenso zusammen, wie wenn zuviel entnommen wird. Wind und Sonne garantieren keine gleichmäßige Einspeisung. Die Energiewende in Deutschland sieht realiter so aus, dass die herkömmlichen Kraftwerke annähernd gleich viel Energie wie vor der besagten Wende produzieren müssen. Durch den in Angriff genommenen Verzicht auf Atomkraft wurden sogar alte Kraftwerke, deren Emissionen gewaltig und deren Effizienz schlecht ist, wieder in Betrieb genommen. Das angeblich ach so umweltfreundliche Öko-Deutschland ist deshalb, was die CO2-Bilanz angeht, durchaus kein Vorzeigeland. Seit der Energiewende sind die Emissionen nämlich angestiegen. Auch das ist etwas, das in der Geschichte der erneuerbaren Energien meist verschwiegen wird.

Wie man sieht, stimmt an der Geschichte, wie sie uns von den Verfechtern der Energiewende erzählt wird, so manches nicht.

Man könnte die Geschichte von den erneuerbaren Energien allerdings auch anders erzählen. Es ist richtig, dass die Vorräte an fossilen Brennstoffen, die in der Erde verbuddelt sind, zur Neige gehen. Aber es ist möglich, aus Sonnenenergie, Kohlenstoff und Wasser synthetische Treibstoffe herzustellen, also künstliches Benzin zu machen. Es ist auch richtig, dass die Sonne uns weitaus mehr Energie zur Verfügung stellt, als wir nutzen können. Es ist richtig, dass die Sonne eine schier unerschöpfliche Energiequelle ist. Energie steht uns im Überfluss zur Verfügung. Deshalb macht es auch nichts, wenn das Energieverhältnis von Sonne zu künstlichem Benzin ein miserables ist und man sehr viel Sonnenlicht braucht, um ein bisschen Benzin oder Öl zu gewinnen. So schlecht sieht es aber gar nicht aus. Aus 100 Megawatt Sonneneinstrahlung lassen sich anscheinend 16.000 Liter Benzin pro Tag gewinnen. Wer es nicht glauben will, kann es hier nachlesen.

In dieser Geschichte, die uns die Wissenschaftler der ETH Zürich erzählen, gibt es gar keine Mangelsituation. Vorzugsweise in den Wüsten der Welt, wo es sowieso kaum Leben gibt und also nichts zerstört wird, könnte man, wenn man wollte, gigantische Solaranlagen errichten, die synthetische Treibstoffe produzieren und den Weltbedarf abdecken. Das Leben könnte grade so weitergehen wie bisher oder sogar noch bequemer werden.

Diese Geschichte der Fülle, der Verschwendung und eines Lebens im technischen Schlaraffenland ist genauso möglich wie die Geschichte, dass wir nachhaltig wirtschaften, uns einschränken und klein machen müssen. Die Geschichte, dass wir bescheiden werden und uns überdies in unserer Bescheidenheit kontrollieren lassen müssen, ist die mächtigere der beiden Varianten. Tatsächlich werden überall in Europa in den Haushalten ja schon intelligente Stromzähler eingebaut, die uns in absehbarer Zukunft vorschreiben werden, wann wir die Waschmaschine einschalten dürfen und wann nicht. Warum tun wir uns das an?

Die Frage ist, warum wir lieber an eine Geschichte des Mangels und der Einschränkung glauben als an eine Geschichte der Fülle und der Verschwendung? Wieso findet die Geschichte des synthetischen Benzins nicht dieselbe oder sogar mehr Resonanz als die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters? Zumal die Geschichte mit dem künstlichen Treibstoff weniger Lücken und Brüche hat als die Mangelgeschichte und uns ein deutlich angenehmeres Leben bieten würde. Das ist doch seltsam, oder?

Auf diese Frage gibt es zwei unterschiedliche Antworten. Die erste Antwort ist, dass die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters und des darauf folgenden Mangels eine religiöse ist und dass es hier wie in allen religiösen Geschichten darum geht, die Mitmenschen in Angst und Schrecken zu versetzen und auf diese Weise nicht nur in Abhängigkeit, sondern auch klein zu halten. Das Herrschaftsinstrument aller religiösen Gruppierungen ist und bleibt nun mal die Angst, die man verbreitet. So eben auch hier.

Die zweite und das ist meine persönliche Antwort ist, dass ich in diesem technischen Schlaraffenland nicht glücklich bin. Ich brauche nicht noch mehr Straßen, noch mehr Hochhäuser, noch mehr Gewerbegebiete, noch mehr Ölraffinerien, noch mehr Stromleitungen, noch mehr Kondensstreifen am Himmel und noch mehr technischen und sonstigen Schnickschnack um mich herum. Die Welten wie sie in Star Wars, Blade Runner und anderen SF-Filmen gezeichnet werden, sind für mich Horrorwelten. Ich habe kein gesteigertes Verlangen danach, in Flugbooten durch irgendwelche Straßenschluchten zu rasen und die Nacht vollständig zum Tag zu machen oder umgekehrt. Ich brauche zum Glücklichsein Weite, Natur, Tiere und Pflanzen um mich herum, und das Ganze möglichst abwechslungsreich und bunt gestaltet.

Im selben Maß, wie die technisch-industrielle Welt um mich herum zunimmt, lähmt sie mich und nimmt mir die Lebensfreude. Ich denke automatisch, so wie die Welt in meiner Kindheit war, war sie noch in Ordnung. Klar, das ist natürlich subjektiv. Jeder technische Fortschritt, den ich live miterlebt habe, hat die Welt für mich nicht verbessert, sondern bei näherer Betrachtung immer mehr Nach- als Vorteile für mich gehabt. Allerdings bin ich schon in eine Welt mit Kühlschrank, Waschmaschine und Auto hineingeboren. Wobei sich die Zahl der Autos damals nicht mit der von heute vergleichen lässt.

Deshalb ist jede Geschichte, die den technischen Fortschritt zugunsten einer natürlichen Umwelt eindämmt, für mich zuerst mal eine gute Geschichte. Aber die Geschichten müssen wahr sein. Je wahrer, desto besser. Eine unwahre Geschichte bewirkt nämlich genau das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist.

Die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters und den erneuerbaren Energien als zukunftsträchtiger Ersatz ist eine unwahre Geschichte, wenn sich Öl künstlich aus Sonnenlicht, Kohlenstoff und Wasser herstellen lässt. Die erneuerbaren Energien, so wie sie derzeit eingesetzt werden, haben bei näherer Betrachtung mehr Nach- als Vorteile und können unseren auf eine gewisse Konstanz angewiesenen Energiebedarf nicht decken. Das ist nämlich physikalisch nicht möglich, und gegen die Gesetze der Physik kommen unsere Geschichten dann doch nicht an. Diese Geschichte wird uns also nicht in die angenehme Zukunft führen, wie ich sie mir und vielleicht auch viele andere sich erträumen. Sondern in eine Diktatur. Wenn die Geschichte so umgesetzt wird, wie sie erzählt wird, läuft es darauf hinaus, die Menschen an die volatilen Energieträger Sonne und Wind anzupassen. Konkret sieht das so aus, dass dem Menschen die Energiemenge zugeteilt wird, die er verbrauchen darf. Und da gibt es eben jemand, der das bestimmt. Ob das nun ein Diktator, eine Öko-Partei, eine Expertenkommission oder eine KI ist, ist im Endeffekt egal. Die intelligenten Stromzähler sind schon mehr als nur ein Schritt in diese Richtung.

Wir sollten gründlich über die Geschichten nachdenken, die wir uns selber und unseren Mitmenschen erzählen. Es ist gut möglich, dass der bevorstehende Energiemangel in Wirklichkeit erst durch die Maßnahmen erzeugt wird, die aufgrund der Geschichten vom Ende des Öls und von den erneuerbaren Energien ergriffen werden.

Die dritte Geschichte

Der Mensch gibt sich selber viele Attribute: Als homo ist er nicht nur sapiens, sondern auch ludens, technicus, oeconomicus, religiosus. Der Mensch als das lachende oder das weinende Tier, das mit Geist begabte Tier, das spirituelle Wesen, das göttliche Kind. Offenbar genügt es dem Menschen nicht, einfach nur Mensch zu sein.  🙂

Alle diese Zusatzbezeichnungen verweisen auf eine weitere typisch menschliche Eigenheit. Vor allem anderen ist der Mensch ein homo fabulosus: das Wesen, das ohne Geschichten nicht auskommt und deshalb reich an solchen ist. Für den Menschen genügt es nicht, sich in den Kontext einer lebendigen Umwelt eingebettet zu erleben, er muss offenbar zusätzlich in eine Erzählung eingebettet sein. Deshalb ist alles, was der Mensch tut, im Grunde nichts anderes als Geschichten erzählen. Religion und Wissenschaft sind unterschiedliche Erzählkreise, so wie Fantasy, Thriller, Gebet oder wissenschaftliche Abhandlung nichts anderes als verschiedene Erzählformen sind.

In der Regel erzählt sich der Mensch zunächst mal eine Geschichte, in der er selber der Held ist und sich die ganze Welt nur um ihn dreht. Deshalb bettet er notwendig alle anderen Menschen und alle anderen Lebewesen als Objekte (Verfügungsmasse) seines eigenen Heldentums in diese seine persönliche Geschichte ein. Der Mensch kann gar nicht anders. Ein Fisch, der nicht schwimmt, ist kein Fisch. Ein Mensch, der keine Heldengeschichte zu erzählen hat, ist kein Mensch. Normalerweise zerbrechen die individuellen Heldengeschichten irgendwann, was dann als ernsthafte Krise erlebt wird. Eine Depression ist nichts anderes als der Mangel an Fantasie, aus den Scherben seiner zerbrochenen individuellen Heldengeschichte eine neue, noch bessere zu schmieden.

In diesem Zwang, Geschichten zu erfinden, liegt der Bruch zwischen Subjekt und Objekt begründet. Die Notwendigkeit des Erzählens löst den Menschen aus der Wirklichkeit heraus und trennt ihn von der Welt und allen anderen Lebewesen ab. Deshalb kommt man an einen anderen Menschen auch nicht wirklich heran. Er lebt in seinen Geschichten wie der Zellkern in einer Zelle. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass der Mensch im Zentrum jeder Zelle, nämlich im Zellkern, eine Geschichte vermutet. Wenn der Mensch von der DNA als dem Bauplan, der Blaupause, der Information spricht, erzählt er von sich, wie er selber als Mensch in der Welt steht. Um an den Zellkern heranzukommen, muss man die Zelle zerstören bzw. entkernen. Um an einen anderen Menschen heranzukommen, müsste man ihn wie die Zelle entkernen, aber da die Geschichten seinen Wesenskern bilden, bleibt vom Menschen nichts übrig, wenn man ihn seiner Geschichten beraubt.

In vielen spirituellen Wegen geht es angeblich darum, den Menschen in die Wirklichkeit zu holen, das heißt, ihn aus seinen Geschichten herauszuschälen und eben diese Entkernung zu leisten. Das wird Erwachen genannt. Wo dieser Weg bewusst gegangen wird, ist er jedoch zum Scheitern verurteilt, denn in Wahrheit folgt jeder spirituelle Weg ja doch wiederum nur einem Konzept, also einer Geschichte. Auf all den spirituellen Wegen wird also nur eine Geschichte gegen eine andere ausgetauscht. Das ist für viele Menschen durchaus hilfreich und sinnvoll, umso mehr wenn die individuelle Heldengeschichte bereits zerbrochen ist und man mit den Scherben nichts anzufangen weiß.

Spiritualität entpuppt sich also bei näherer Betrachtung nicht als Kontakt mit der Wirklichkeit, wie häufig behauptet wird, sondern als einer von zwei großen Erzählkreisen. Darunter verstehe ich eine bestimmte Art von Geschichten, die gemeinsame Merkmale haben. Was allen spirituellen Geschichten gemeinsam ist, ist die Vorstellung eines Unwandelbar-Ewigen, sei das nun die Seele, der Urgrund, der eigene Wesenskern, Gott, die Einheit, was auch immer. In diesen Geschichten geht es immer um die Überwindung aller Brüche, um Ganzheit, um Vollkommenheit. Für Menschen, deren individuelle Heldengeschichte zerbrochen ist, ist dieser Erzählkreis logischerweise sehr verlockend. Aber auch für Menschen, die sich von vornherein absolut setzen und deshalb glauben, dass das Universum im Grunde genommen mit ihnen identisch ist. Und es stimmt schon: im Zentrum aller Geschichten steht tatsächlich der Mensch. Wenn die Welt nicht so ist, wie sie sein soll, hat das mit dem Menschen zu tun. Das heißt, der Mensch muss sich wandeln, um die Welt zu erschaffen, wie sie sein soll. In diesen Geschichten weigert sich normalerweise der Mensch, der zu werden, der er ist, als der er angelegt ist, und die Folge dieser Weigerung besteht darin, dass es in der Welt Katastrophen, Schmutz, Ungerechtigkeit und Kriege gibt. In religiös-spirituellen Geschichten geht es immer und ausschließlich um die Wandlung des Menschen. Das äußere Paradies folgt dem inneren.

Die Zengeschichte vom Regenmacher bringt diese Haltung auf den Nenner: Da die Ernte von Dürre bedroht und deshalb Hungerzeiten zu erwarten sind, lädt das Dorf einen Regenmacher ein. Dieser verschwindet in der ihm zugewiesenen Hütte, setzt sich auf ein Kissen und rührt sich nicht. Die Dorfbewohner sind in höchster Aufregung, haben sie doch Beschwörungen und irgendeinen Zauber erwartet. Aber nach einer Woche fängt es wirklich an zu regnen. Auf die Frage, wie er das gemacht habe, antwortet der Regenmacher: Ich setzte mich aufs Kissen und brachte mich in Ordnung. Nachdem ich mich in Ordnung gebracht hatte, kam die Hütte in Ordnung. Nachdem die Hütte in Ordnung gebracht war, kam das Dorf in Ordnung. Nachdem das Dorf in Ordnung gebracht war, kamen die Felder in Ordnung. Und als die Felder in Ordnung waren, regnete es.

Deshalb zerren und ziehen religiös-spirituell angehauchte Menschen auch immer an ihren Mitmenschen herum. Die Öko-Bewegung gehört in diesen spirituellen Erzählkreis, in dem gebetsmühlenartig die Wandlung des Menschen gefordert und als Lösung für alle Probleme glorifiziert wird.

Dem spirituellen Erzählkreis steht der wissenschaftliche gegenüber. Diese Geschichten folgen im Grunde genommen dem umgekehrten Muster. Hier geht es darum, die Welt mit Hilfe technischer Errungenschaften in Ordnung zu bringen. Wenn erstmal die Welt in Ordnung gebracht ist, werden wir alle glücklich und zufrieden bis ans Ende unserer Tage leben, wenn es denn überhaupt noch ein Ende gibt und wir nicht mittels technischen Fortschritts und aller möglichen Eingriffe unsterblich geworden sind. Um die Welt in Ordnung zu bringen und uns selber unsterblich zu machen, müssen die Welt und deren Abläufe natürlich zuerst mal verstanden und erklärt werden. Das ist der Kern jeder wissenschaftlichen Forschung und aller wissenschaftlicher Erzählungen.

Die wissenschaftlichen Geschichten erzählen ebenfalls von der Veränderung der Welt durch den Menschen, wobei in diesen Geschichten der Mensch aber aktiv in die Welt eingreift und sie gezielt manipuliert. Nicht das Kissen ist das Werkzeug, sondern der Hammer, der Bagger, die mathematische Formeln, nach denen sich die Welt berechnen und umgestalten lässt. Alles ist Verfügungsmasse menschlicher Manipulationsfähigkeit: Landschaften und Meere ebenso wie das Klima und der Weltraum, Tiere und Pflanzen ebenso wie der Mensch selber. Denn auch vor sich selber macht der Mensch nicht halt. Das Objekt der Manipulation ist in diesen Geschichten nicht die Innenwelt, sondern die äußeren Erscheinungen für sich genommen. So bastelt der Mensch in diesen Geschichten höchst erfolgreich mit Medikamenten, Operationen und dergleichen an seinem Körper inklusive seiner Gehirnaktivitäten herum.

Auch in den wissenschaftlichen Geschichten steht der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der spirituelle Mensch nicht direkt Hand anlegt und sich nicht die Finger schmutzig macht. In den spirituellen Geschichten wirkt der Mensch, in den wissenschaftlichen macht er.

Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist, dass weder die Welt noch der Mensch oder wahlweise die Menschheit so bleiben können, wie sie sind, sondern unbedingt verändert werden müssen. Das geschieht entweder durch Wirken oder Machen. Der Unterschied liegt also lediglich in der Wahl der Methode. Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist außerdem, dass die Veränderung immer und ausschließlich durch den Menschen geschieht. Der Mensch kann sich offenbar nicht einer wie auch immer gearteten Dynamik überlassen, sondern muss sie in irgendeiner Weise gestalten. Selbst Jesus fordert die Umkehr und Gott den Glauben. Wenn der Mensch nicht an Gott glaubt, kann nicht einmal Gott wirken oder machen.

Hinter all diesen Erzählungen, den spirituellen wie den wissenschaftlichen, wird also ein Wesen sichtbar, das zutiefst unglücklich und unzufrieden ist, denn wer glücklich und zufrieden ist, muss nichts verändern, muss weder wirken noch machen. Wer glücklich und zufrieden ist, lebt einfach vor sich hin. Wie das geht, machen Tiere uns ständig vor.

Hinter all diesen Erzählungen wird zudem ein Wesen sichtbar, das sich absolut setzt und außer sich selbst nichts anderes gelten lassen kann. Der, die oder das Andere wird verleugnet. Der, die oder das Andere hat nur ein Existenzrecht, wenn es Teil von einem selbst ist. Es wird ein Wesen sichtbar, das nur existieren kann, wenn es alles Andere vereinnahmt. Es ist getrieben von dem Zwang, die Welt zu begreifen, zu erklären und damit unter sich zu subsumieren.

Wenn einzelne Menschen wie Otto Müller oder Frieda Maier sich so zwanghaft verhalten, sich absolut setzen und keine Anderen gelten lassen, sich also für Gott halten, nennt man das Größenwahn. Wenn sie es in ihrem Wahn übertreiben, landen Otto Müller und Frieda Maier in der Psychiatrie. Meistens stellt sich dann heraus, dass sich hinter dem Größenwahn panische Ängste und Minderwertigkeitsgefühle verbergen.

Wenn an die Stelle von Otto Müller oder Frieda Maier der Mensch als Abstraktum oder die Gesamtheit aller Menschen tritt, ist das allerdings auch nichts anderes. Es ist nur ein verlagerter Größenwahn.

So offenbart sich der Mensch in all seinen Erzählungen als unglücklich, unzufrieden, größenwahnsinnig und von panischen Ängsten beherrscht.

Die dritte Geschichte befasst sich nun eben genau damit und stellt die Frage, wie es kommt, dass der Mensch zwanghaft Geschichten erzählen muss, die ihn permanent als unglücklich, unzufrieden, angstgetrieben und größenwahnsinnig entlarven. Es ist sozusagen eine Metageschichte, die auf der Basis der beiden vorliegenden Erzählkreise erzählt wird. Eine Geschichte über die menschlichen Geschichten. Das ist es, was ich hier versuche. Ich suche in diesem Blog nach einer Metageschichte. Die Geschichte des Menschen, der sich mit dem Feuer eingelassen hat, ist als eine solche Metageschichte zu verstehen.

Die Gurken-Batterie

Es gibt einen einfachen Versuch, Kindern die Funktionsweise einer Batterie zu erklären. Man braucht dazu eine saure Gurke, eine 5-Cent-Münze, ein Stück Alufolie und einen Kopfhörer mit Stecker. Man legt eine Gurkenscheibe auf die Alufolie und auf die Gurkenscheibe die Kupfermünze. Dann setzt man den Kopfhörer auf und berührt mit dem Stecker Alufolie und Gurke. Berührt man mit dem Stecker zudem auch noch die Münze, knackt oder knistert es im Kopfhörer. Dasselbe kann man angeblich auch mit einer rohen Kartoffel machen. Wenn man statt der Gurkenscheibe die Zunge nimmt, spürt man ein Bizzeln. Strom fließt.

Das Prinzip der Batterie entdeckte Luigi Galvani durch Experimente mit Froschschenkeln. Wenn diese mit Eisen und Kupfer in Berührung kommen und darüber hinaus auch das Eisen und das Kupfer miteinander verbunden sind, zucken die Muskeln. Mit dem Froschschenkel, dessen Salzwasseranteil als Elektrolyt diente, und zwei verschiedenen Metallen stellte Galvini einen Stromkreis her. Das Froschschenkel-Salzwasser ist Salzwasser von der Art, wie es auch zu 80% den menschlichen Körper bildet.

Das unedlere Metall (die Alufolie) gibt Elektronen an das edlere Metall (die 5-Cent-Münze) ab. Die Gurkenscheibe dient als Medium. Nachdem eine Gurkenscheibe auf diese Weise als Batterie gedient hat, kann man sie nicht mehr aufs Wurstbrot legen und essen, weil sie Metallionen enthält und deshalb giftig geworden ist. Die Froschschenkel ebenfalls.

Metallische Zahnfüllungen in Verbindung mit einem Stückchen Alufolie (wie bpsw. von einer Schokoladenverpackung) stellen im Mund ebenfalls eine Batterie her. Man spürt ein heftiges Ziehen. Es gibt Berichte über Menschen, die nicht mit einem Radioapparat, sondern angeblich mit ihren metallischen Zahnfüllungen Radio hören. Theoretisch ist das sogar möglich. Die Plombe wirkt wie ein elektronischer Schaltkreis, und daraus besteht eben auch ein Radioapparat.

Wenn ich so was lese, finde ich das spannend oder witzig. Aber nur, solange ich Alufolie, Gurkenscheibe und Münze als vollständig voneinander getrennte Dinge betrachte, deren Kontakt ich beim Herstellen von Stromkreisen steuern und kontrollieren kann. Nur: so funktioniert die Wirklichkeit nicht. In Wirklichkeit ist nichts voneinander getrennt. Um das, was uns gegenständlich und getrennt erscheint, wie die Folie oder die Münze, bilden sich Felder. Elektrische Felder. Magnetfelder. Gravitationsfelder. Higgs-Felder und was weiß ich noch für welche. Diese Felder interagieren miteinander. Diese Interaktion wird auch nicht durch die Isolierhüllen aus Plastik und Gummi verhindert, mit denen wir die Drähte umgeben. Die Isolierung bewirkt nur, dass der Strom auch wirklich in den Drähten fließt und nicht überspringt.

Ein menschlicher Körper lässt sich sowieso nicht isolieren, wenn er am Leben bleiben will. Ein menschlicher Körper lebt von permanentem Austausch. Vom Austausch mit der Luft, die wir ein- und ausatmen. Mit dem Wasser, das durch unseren Körper fließt, weshalb wir einerseits ständig was trinken und andererseits öfters mal aufs Klo gehen. Mit der Nahrung, die wir essen und deren Reste wir als Dünger wieder abgeben. Zumindest war dies lange Zeit mal so. Wo unser Dünger nach der Kläranlage heute landet, weiß der Himmel. Auf den Feldern jedenfalls nicht.

Wenn wir Brot und Fleisch zu uns nehmen, wissen wir das, weil wir es sehen, schmecken, riechen, kauen. Mit Wasser ist die Erfahrung des Austauschs schon nicht mehr ganz so prägnant. Wasser muss nicht gekaut werden und riechen tut es meistens auch nach nichts. Auf der molekularen und atomaren Ebene verlieren wir völlig den Bezug zu diesem Austausch. Wir wissen zwar, dass wir atmen, aber dass wir es tun, fällt uns meistens erst auf, wenn die Atmung in irgendeiner Weise gestört ist, sei es, dass wir beim Tauchen die Luft anhalten oder Schnupfen haben. Ein einzelnes Sauerstoff- oder Kohlendioxidatom können wir bewusst nur identifizieren, wenn wir technische Gerätschaften zu Hilfe nehmen. Unser Körper braucht jedoch weder ein Elektronenmikroskop noch sonst was, um zu merken, dass er nicht Kohlendioxid einatmet, sondern Kohlenmonoxid. Er reagiert darauf, indem er umfällt und stirbt. Das Bewusstsein desjenigen, der Kohlenmonoxid eingeatmet hat, wird nie davon erfahren. Es sei denn, es wird wiederbelebt und die Ärzte erklären, was passiert ist.

Was Strom, Sonnenlicht und Magnetfelder angeht, so müssen wir eine ganze Menge zuviel davon abbekommen, bis es uns auffällt und wir anfangen, drüber nachzudenken. Einen Stromschlag beispielsweise. Oder einen Sonnenbrand. Wenn wir bewusst schon kein Kohlendioxid-Atom wahrnehmen können, dann noch viel weniger ein Elektron oder ein Ion. Unser Körper kann das aber. Und er reagiert darauf. Beispielsweise mit einer Mutation. Oder einer Krebserkrankung. Oder indem er ein Photon Sonnenlicht in Vitamin D umwandelt.

Das Salzwasser, aus dem wir zu einem großen Teil bestehen, ist ein wunderbares Leitmedium. Außerdem fließen alle möglichen Ionen drin rum, auch solche unterschiedlicher Metalle wie Eisen oder Kupfer. Wir haben sogenannte neuronale Netze in unserem Gehirn, in unserem Herz, im Verdauungstrakt, im ganzen Körper. Ständig fließen kleine hochempfindliche Ströme, ohne die wir nicht lebendig wären. Das Leben hat seine eigenen Stromkreise, von denen unsere gesamte Technik nur ein stark vergröbertes Abziehbild ist.

Das Erstaunliche an uns Menschen ist, dass wir so tun, als hätte die grobschlächtige Elektrifizierung der Welt keinerlei Einfluss auf unsere hochempfindlichen biologischen Systeme. Als wären die elektrischen Stromleitungen in unseren Körpern vollständig isoliert von den technischen Stromkreisen, mit denen wir uns mehr und mehr umgeben. Vielleicht geben wir uns dieser Illusion hin, weil die Tastatur unseres Computers aus Plastik ist. Auch die Leute, die an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sind, haben ihre Öfen für absolut dicht gehalten.

Dabei kann es gar nicht anders sein, als dass unsere elektromagnetischen Körperfelder mit den elektromagnetischen technischen Feldern interagieren. Dass wir nichts oder wenig davon merken, bedeutet gar nichts, wie das Beispiel der Kohlenmonoxidvergiftung zeigt. Der Fehler besteht darin, den Ofen und das brennende Holz als Eines anzugucken und den Menschen, der sich am Ofen wärmt, als das Andere, die nichts miteinander zu tun haben. Der Fehler besteht darin, so zu tun, als gäbe es keinerlei Verbindungsmöglichkeiten zwischen dem Einen und dem Anderen. So funktioniert Wirklichkeit aber nicht. Denn schließlich wärmen wir uns ja am Feuer. Und außer der Wärme gibt es eben noch Gase und vieles andere mehr.

Man kann davon ausgehen, dass sich unsere Körper auf elektromagnetischem Weg ebenso mit der uns umgebenden Technik austauschen wie mit dem Sonnenlicht. Austausch ist nun mal das Wesen alles Lebendigen.

Wenn wir von Cyborgs reden, denken die meisten Menschen zuerst an einen Terminator. An technische Implantate wie Chips oder künstliche Augen, die ihren Trägern Superkräfte verleihen. Oder an Exoskelette und Beinprothesen. Manche denken auch noch an Herzschrittmacher und Hörgeräte. Aber das alles ist in Wahrheit nur die Spitze des Eisberges. Diese Spitze sehen wir, wenn wir Gegenstände als getrennt voneinander betrachten.

Um den ganzen Eisberg zu sehen, muss man den Blick unter die „Wasseroberfläche“ wagen. Dafür braucht es die Erfahrung, dass es in der Wirklichkeit keine Grenzen gibt und nichts voneinander getrennt ist. Unter der Wasseroberfläche sieht es so aus, dass die elektromagnetischen Felder unserer Technik, mit der wir uns mehr und mehr umgeben, unsere elektromagnetischen Körperfelder verändern. Und wo sich diese Felder verändern, verändern sich allmählich, vielleicht über mehrere Generationen hinweg, auch die Körper, die sich in einer technischen Umwelt bewegen. Wo sich die Körper verändern, verändert sich das Fühlen und das Denken. Als Beispiel für solche schleichenden Veränderungen sei unsere sich verändernde Einstellung zur Körperbehaarung wie Achsel- oder Schamhaare erwähnt. Heute sind die Menschen am Körper lieber glatt wie Metall oder Plastik und nicht behaart wie ein Affe oder ein anderes Säugetier.

Die Mensch-Maschine-Verschmelzung geschieht  weit weniger durch Implantate oder gentechnische Manipulationen. In erster Linie vollzieht sie sich auf dieser Ebene der elektromagnetischen Felder, wo wir uns mit den Maschinen zu einer Einheit verbinden. In dieser Verschmelzung von Mensch und Maschine werden die Menschen mehr und mehr zu Maschinen und die Maschinen immer menschlicher. Ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung kann man beides nicht mehr auseinanderhalten. Aus dieser Verschmelzung erwächst etwas Neues, das es bislang in der Geschichte der Evolution so nicht gab: ein kybernetischer Organismus. Eine Megamaschine. Ich meine damit nicht, dass jeder einzelne Mensch in Verbindung mit der ihn umgebenden Technik zur Megamaschine wird und 7,5 Milliarden Megamaschinen auf diesem Planeten herumwuseln. Sondern ich meine eine einzige Megamaschine mit 7,5 Milliarden Kondensatoren oder Elektrolyten.

Unter der „Wasseroberfläche“ sind wir nahezu unbemerkt zu Schaltstellen, Elektrolyten, Batterien und Austauschteilchen eines gewaltigen kybernetischen Organismus geworden. Die Zellen in unserem Körper wissen wahrscheinlich nichts davon, was ein Mensch ist, allenfalls haben sie eine Ahnung davon. Ebensowenig wissen wir, was diese Megamaschine ihrem Wesen nach ist. Allenfalls haben wir eine Ahnung davon.

Eines jedoch kann man, denke ich, schon sagen: Aus der Interaktion künstlich-technischer und natürlicher elektromagnetischer Felder ist eine Megamaschine erwachsen, die uns längst für ihre Zwecke benutzt und entsprechend steuert, während wir uns immer noch in der Illusion wiegen, die Technik, die wir geschaffen haben, im Griff zu haben.

Das Wunder von Fukushima

Weihnachten naht mit Riesenschritten, und wie jedes Jahr rufen die Kirchen dazu auf, das Wunder von Christi Geburt zu feiern. Ich bin nicht mal davon überzeugt, dass Jesus Christus wirklich gelebt hat. Mir scheint diese Gestalt vielmehr eine symbolische Verdichtung verschiedener geistesgeschichtlicher Traditionen zu sein, die im Umbruch von Götterverehrung hin zu dem, was man gemeinhin Logos nennt, verwurzelt sind. Die Wunder, die Jesus Christus gewirkt haben soll, verlieren ebenfalls schnell ihren Zauber, sobald man sich näher mit ihnen befasst. Wasser in Wein zu verwandeln, war im Jahre Null unserer Zeitrechnung nämlich normal. Aus Kosten- und Kapazitätsgründen wurde Wein damals in konzentrierter Form transportiert, vergleichbar einem Suppenwürfel oder Sirup. Vor dem Verzehr wurde diese Masse mit Wasser aufgegossen. In gewisser Weise ist es natürlich schon ein Wunder, Wasser dank eines Brühwürfels in Suppe oder mittels Sirup in Wein zu verwandeln, indessen ist es ein Wunder, das keinerlei magische Fähigkeiten erfordert. Vergorenen Trauben die Flüssigkeit zu entziehen und sie in ein alkoholisches Konzentrat zu verwandeln, gehört in die Kategorie der technischen Verfahren.

Ich tu den Kirchen dieses Jahr jedoch den Gefallen, gehe in mich und mache mir mal ein paar Gedanken über Gott und seine Wunder.

Da ist beispielsweise das Wunder von Fukushima. Im März 2011 kam es nach einem schweren Erdbeben mit anschließendem Tsunami in Fukushima zu einer Reaktorkatastrophe. Vier von insgesamt sechs Reaktorblöcken wurden zerstört und riesige Mengen an radioaktiven Material freigesetzt. Damals habe ich jeden Tag damit gerechnet, in den Medien zu hören, dass radioaktiver Fallout nun Millionen von Menschen in Tokio vergiftet hat. Dass dies nicht geschehen ist, ist dem Wind zu verdanken, der damals konstant in Richtung Meer hinauswehte. Es wundert mich, dass über dieses Wunder so wenig gesprochen wird. Es ist doch wesentlich eindrucksvoller als die alte Geschichte mit dem Wasser und dem Wein, die eh niemand mehr nachprüfen kann.

Das Wunder von Fukushima macht mich schon nachdenklich. Seit wir Menschen geworden sind, gehen wir mit Kräften und Gewalten um, die wir nicht wirklich verstehen und die unser eigenes Vermögen um ein Vielfaches übertreffen. Trotzdem passiert erstaunlich wenig. Und wenn etwas passiert, ist in der Regel nicht technisches, sondern menschliches Versagen die Ursache der Katastrophe. Wie in Tschernobyl. Dort war es bodenloser Leichtsinn und ein selten dämliches Timing. Wie beim Untergang der Amoco Cadiz. Dort führte unverantwortliche Profitgier dazu, dass die Rettungsschiffe nicht rechtzeitig zum Einsatz kamen, um den havarierten Tanker zu bergen, bevor er auseinanderbrach.

Menschen fahren mit Millionen von Autos auf den Straßen herum. Setzen sich in Flugzeuge. Oder in Unterseeboote. Sie fahren durch Tunnels, die manchmal sogar unter dem Meer hindurchführen. Sie bauen gewaltige Staudämme. Hochgeschwindigkeitszüge und Seilbahnen. Brücken und Wolkenkratzer, dass einem schwindelig davon werden kann. Trotzdem passiert im Verhältnis wenig. Und wenn Unfälle passieren, dann ist häufig Alkohol im Spiel. Oder jugendlicher Leichtsinn. Oder regennasse Fahrbahnen. In den wenigsten Fällen ist es technisches Versagen. Und nur selten ein dummer Zufall. Das sind die wahren Wunder, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden. Die meisten merken nicht mal, dass es sich hier um echte Wunder handelt und nicht um hanebüchen zusammengesponnenes Zeug aus vergangenen Jahrhunderten.

Der Mensch setzt mit der Atomspaltung ungeheure Energiemengen frei. Zu Beginn des Manhattan-Projekts gab es die Befürchtung, dass eine durch Atomspaltung hervorgerufene Kettenreaktion die gesamte Erde in einen Feuerball verwandeln könnte. Ganz ähnlich befürchten heute nicht wenige, dass ein im CERN produziertes Schwarzes Loch die Masse der Erde einsaugen könnte. Und was ist tatsächlich passiert? Auf der Nordhalbkugel wurde ein bisschen Plutonium verteilt, worauf die Lebenserwartung der Menschen um circa 20 Jahre gestiegen ist.

Längst sind überall auf der Welt gentechnisch manipulierte Organismen freigesetzt, aber die von Umweltschützern ausgerufene Katastrophe ist bislang ausgeblieben. Es gab bislang kein von einem genmanipulierten Organismus erzeugtes Massensterben, wie es in Hunderten von grünen Propagandaschriften heraufbeschworen wird. Nicht mal ein klitzekleines. Alle angeblichen Fälle entpuppen sich bei näherer Betrachtung als mühsam an den Haaren herbeigezogen und unsauber recherchiert. Stattdessen gab es 2011 in Deutschland die EHEC-Epidemie mit 53 Toten und 4000 Erkrankten, die von verseuchten Biosprossen hervorgerufen wurde. Man stelle sich das mal vor: ausgerechnet jene, die mit ihrer Lebensweise gegen die Gentechnik ein naturverträgliches Zeichen setzen, werden durch ihr superbiologisches Zeug ernsthaft krank.

Wenn Menschen massenhaft sterben, dann durch Naturkatastrophen. Im Mittelalter forderte die Pest 25 Millionen Tote in Europa. 1920 gab es 50 Millionen Tote durch die Spanische Grippe, 1958 kamen zwei Millionen durch die Asiatische Grippe um. 2014 kostete das Ebola-Virus in Afrika 12.000 Menschenleben. 1965-67 verloren in Indien über 1,5 Millionen Menschen durch eine Dürrekatastrophe ihr Leben, in der Sahelzone waren es 10 Jahre später etwa 2 Millionen. Und dann wären da noch die Erdbeben: 70.000 Tote im Iran (1990 und 2003), 230.000 in Indonesion und Indien (2004), 87.000 in Kaschmir (2005), 88.000 in China (2008), 316.000 in Haiti (2010) und 19.000 in Japan (2011).

Ist es nicht seltsam, dass der Physiker Stephen Hawking entgegen aller Prognosen und aller ärztlichen Vernunft immer noch lebt, während ausgerechnet Waldarbeiter von allen Berufstätigen die kürzeste Lebenserwartung haben? Also mir gibt das schon zu denken. Je technisierter ein Land ist, desto mehr bleibt es von Naturkatastrophen verschont. Ist doch so, oder? Wo bleibt denn das große Erdbeben von Los Angeles oder der Ausbruch des Supervulkans im Yosemite Valley? Die sind doch schon längst überfällig. Hält da etwa Gott seine schützende Hand drüber?

Wenn ich an Gott glaubte, müsste ich zu dem Schluss kommen, dass Gott die Technikbesessenen schützt, wo immer es möglich ist, während ihm die Naturburschen doch eher hinten den Buckel runtergehen. Womöglich werden die, die der Natur anhängen und sie hegen und pflegen, sogar abgestraft. Meistens bin ich verkratzt, wenn ich im Garten war. Oder eine Kreuzspinne hat mich gebissen. Oder ich habe Rückenschmerzen. Wenn ich an Gott glaubte, müsste ich das nicht als kleines Zeichen von ihm nehmen?

Heißt es nicht schon lange,  dass die Kirche sich modernisieren muss? Ich finde auch, dass es höchste Zeit ist, dass der Papst seine Lehre aktualisiert. Was sind schon Wasser-in-Wein-Wunder oder Bluthostien-Wunder im Vergleich mit dem Wunder von Fukushima? Wenn es Gott gibt, dann sollten die Gläubigen seiner Botschaft lauschen, die da lautet: Gott schützt die Atomspalter, die Genmanipulierer, die Brückenbauer, die Energieverschwender. Gott schützt all jene, die die Erde technisieren. Die Einzigen, die das bis jetzt wenigstens ansatzweise begriffen haben, sind die Amerikaner. Die beten immerhin manchmal dafür, dass Gott ihnen billiges Benzin schenkt.

Franz Alt soll doch mal in sich gehen und seine Position überdenken. Jetzt in der Vorweihnachtszeit.

Grundlagen für eine gottlose Ethik

Gestern habe ich auf dem Blog vom Feuerbringer einen Artikel gelesen, der den miesen Charakter von Atheisten, säkularen Humanisten und anderen Gottleugnern zum Thema hat. Das ist um so erstaunlicher, weil der Feuerbringer nicht an Gott glaubt und damit selbst zur Gruppe der von ihm Kritisierten gehört. Ich habe beim Lesen des Artikels zunächst gestutzt, aber alles in allem ich kann dem Feuerbringer nicht widersprechen.

Es ist schon richtig, dass Atheisten und säkulare Humanisten ähnlich dogmatisch daherkommen wie ehedem die Religiösen, bloß eben unter umgekehrten Vorzeichen. Regen Austausch, lebhafte Debatten, interessante Streitgespräche oder eine Vielfalt von gut begründeten Standpunkten sucht man vergeblich.

Atheisten und säkulare Humanisten wie die Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung vertreten eine Ethik, die den Menschen nicht länger als Krone der Schöpfung versteht, sondern als zufälliges Produkt der Evolution, das sich nur graduell, nicht prinzipiell von anderen Lebensformen auf diesem Staubkorn im Weltall namens Erde unterscheidet. Für den Feuerbringer ist das ein „nihilistisch reduktionistischer Materialismus, der sich im politischen Bereich als eine Variante des Marxismus äußert“.

 

Die Vertreter der Giordano-Bruno-Stiftung irren sich jedoch, wenn sie behaupten, dass sich der Mensch nur graduell, aber nicht prinzipiell von anderen Lebensformen auf diesem Planeten unterscheidet. Menschsein definiert sich durch die Nutzung des Feuers. Die Fähigkeit, mit Feuer umzugehen, finden wir in allen menschlichen Gesellschaften. Von allen Lebensformen auf diesem Planeten nutzt einzig der Mensch das Feuer. Inzwischen ist der Mensch vom Feuer und der daraus entstandenen Technologie so abhängig geworden, dass man den Menschen nicht mehr getrennt davon denken kann.

Mit Feuer umzugehen, ist nicht nur irgendeine Eigenschaft, irgendein beliebiges Merkmal wie Fellfarbe, Schnabelform, Paarungsverhalten, Ernährungsgewohnheit oder was wir sonst von der Evolution her so gewohnt sind. Feuer ist ein Instrument, welches das Ökosystem, in das man selbst eingebettet ist, hervorbringt, umgestaltet oder zerstört. Es gibt keine andere Lebensform, die über eine auch nur annähernd vergleichbare Macht verfügt. Keine andere Lebensform kann sich die Welt machen, wie sie ihr gefällt. Das kann nur der Mensch. Der Mensch kann seinen Lebensraum aktiv gestalten, beliebig umbauen, ja auch zerstören, bloß weil er Lust dazu hat. Deshalb ist der Mensch (inklusive seiner Technologie) eine prinzipiell neue Lebensform, die auf diesem Planeten keine Vorbilder hat und mit keiner anderen Lebensform vergleichbar ist. Er ist deshalb zwar nicht gleich die Krone der Schöpfung, aber er ist auch nicht nur „Leben, das leben will, inmitten von anderem Leben, das leben will“, wie Albert Schweitzer das formulierte. Ob es uns gefällt oder nicht, die Beherrschung des Feuers macht uns selbst zu dem, was wir den Göttern unterstellen.

Ich glaube weder an den christlichen noch an sonst einen Gott. Ich interpretiere die Bibel als unaufgelöstes Trauma. Trotzdem macht man es sich meiner Ansicht nach zu einfach, wenn man die auf dem Gottglauben basierende Ethik samt der Suche nach der Wahrheit verwirft, bloß weil es Kirchenleute waren, die diese Ethik ausgearbeitet und nach der Wahrheit gesucht haben. Die Tugenden, wie sie von Moraltheologen wie beispielsweise William Hoye besprochen werden, sind für den Atheisten gleich wertvoll wie für den Gläubigen. Die Suche nach der Wahrheit und die damit verbundene Wahrhaftigkeit betrifft den Atheisten genauso wie den Gläubigen.

Für mich hat die menschliche Religiosität und Spiritualität ihren Ursprung in einer ganz und gar natürlichen Erscheinung, nämlich im Feuer. Der Mensch ist ein religiöses Wesen geworden, weil er im Umgang mit dem Feuer ganz neue, im Tierreich so nicht vorhandene Eigenschaften entwickeln und einüben musste.

Der Begriff Religion wird zum einen auf das Verb „religare“ (rückbinden) zurückgeführt. Damit ist im allgemeinen Sprachgebrauch die Rückbindung an einen transzendenten, geistigen Ursprung gemeint. Für mich bedeutet es, dass sich der Frühmensch in dieser Rückbindung schlicht und einfach mit dem Feuer identifizierte. Erst aus dieser Identifikation heraus entwickelte unser Vorfahre dann später die Idee des Transzendenten respektive einer Geisterwelt, wie sie in den animistischen Religionen vertreten wird. Die Verbindung mit dem Feuer war es, die den Menschen aus seiner Tierhaftigkeit herausholte. Das Feuer war für den Frühmenschen tatsächlich etwas Übernatürlich-Göttliches, auf andere Weise konnte er es gar nicht begreifen und sich nicht darauf einlassen.

Wenn sich hinter unserem Gottglaube jedoch nichts anderes als die Vergöttlichung des Feuers (und seiner Ableitungen Sonne, Licht, Energie) verbirgt, müssen wir unser Verhältnis zum Diesseits, zum Materiellen und Körperlichen grundsätzlich neu überdenken. Feuer löst die hochkomplexen Strukturen organischer und anorganischer Substanzen auf. Das Ergebnis ist irreversibel. Die auf dem Bindungsverhalten aller Materie beruhenden Strukturen, die unsere Welt ausmachen, sind teilweise über sehr, sehr lange Zeiträume gewachsen. Der Mensch hat die Macht, diese Bindungen in kurzer Zeit gewaltsam zu zerstören.

Bis heute schätzen die allermeisten Religionen das Diesseits, das Körperliche und die materielle Welt gering, ja verachten sie häufig. Die Welt ist ihnen bloß ein vorläufiger Ort, den es zu überwinden gilt. Das ist kein Wunder, wenn die reale Grunderfahrung mit dem Göttlichen darin besteht, dass Feuer als Übernatürliches das Materielle, Körperliche und Diesseitige in Asche und Rauch verwandelt. Dass der Mensch rücksichtslos die Natur zerstört, hat sehr viel damit zu tun, dass die Religionen über Jahrtausende gelehrt haben, sie zu missachten und die Welt als Illusion (Maya) zu interpretieren.

Ja, der Mensch kann inzwischen sogar Atome spalten. Er handelt dabei jedoch nicht im Auftrag eines Gottes. Er benutzt lediglich das Feuer in seinen verschiedenen Ausgestaltungen, wozu auch unsere ganze Technologie gehört. Die Strukturen und Bindungen, die der Mensch zerstört, kann er nicht wieder herstellen, umso weniger, wenn diese materiellen Bindungen womöglich eine Innenseite haben, also Gefühle sind. Und das könnte durchaus sein. Ich finde jedenfalls keinen hinreichenden Grund, um sicher auszuschließen, dass, was in der äußeren Wahrnehmung durch die Sinne als Materie erscheint, von innen heraus erlebt, womöglich Gefühle sind.

Bäume haben weder ein Nervensystem noch ein Gehirn. Trotzdem reagieren sie auf Licht und Witterungseinflüsse. Wenn ihre Rinde verletzt wird, überwallen sie diese. Der Grund, warum wir annehmen, dass Bäume keine Gefühle haben, ist bloß der, dass ihre Reaktionen nicht unseren menschlichen Reaktionen entsprechen und wir uns deshalb nicht in Bäume hineinversetzen können. Aus demselben Grund hat der Mensch vor noch nicht allzu langer Zeit auch Tieren und sogar Kleinkindern jedes Gefühl abgesprochen. Gut möglich, dass ein Außerirdischer, der uns beobachtet, uns Menschen für gefühllose Maschinen hält, weil er mit unseren Reaktionen nichts anfangen kann.

Da der Mensch mit dem Feuer und der daraus entwickelten Technologie eine untrennbare Einheit bildet, ist Zerstörungskraft dem menschlichen Wesen immanent, so wie es im Wesen des Feuers liegt zu brennen und Stoffe in Asche zu verwandeln. Solange der Mensch das nicht erkennt, zerstört er weiterhin die Welt, gerade auch dann, wenn er sie retten will. Diese Erkenntnis bildet einen der beiden Grundpfeiler einer gottlosen Ethik. Zwischen dem Menschen und allen anderen Lebensformen besteht nämlich ein echter Interessenkonflikt. Wenn sich der Mensch entfaltet, zerstört er in dieser Entfaltung die anderen Lebensformen und die bestehenden Ökosysteme. Wenn der Mensch aufhört, Ökosysteme umzugestalten und andere Lebensformen zu zerstören, begeht er eine Art Selbstmord. Aufgabe einer gottlosen Ethik muss es sein, hier nach Lösungen zu suchen. Die Öko-Bewegung könnte, wenn sie denn wollte, mit dieser Sichtweise haufenweise Gründe für einen achtsamen Umgang mit der Welt finden, die nicht ausschließlich auf Mitgefühl, sondern auf Vernunft und Wahrhaftigkeit basieren. Aber Mitgefühl ist bequemer und belässt uns in der Rolle der großherzig-verständnisvollen Spezies, die wir noch nie waren.

Außer „religare“ gibt es noch eine andere Ableitung, die von „relegere“. Cicero bezieht das Wort auf den Tempelkult, den es sorgfältig zu beachten gilt, also auf die gewissenhafte Einhaltung überlieferter Regeln und Gebräuche.

Was den Umgang mit dem Feuer betrifft, sind beide Ableitungen korrekt: einerseits die Identifikation mit dem übermächtig-göttlichen Feuer, das dem Menschen die Idee des Transzendenten eingab, andererseits der Kult als Gesamtheit von Ritualen und religiösen Handlungen, die dazu dienten, den Umgang mit dem Feuer erstmal zu erlernen, es zu bewahren und dabei die Gruppe nicht zu gefährden.

Der von seinem Instinkt geleitete Waldaffenmensch musste eine Vielzahl neuer Eigenschaften und Verhaltensweisen lernen, die seinem Instinkt zuwiderliefen, die wir aber bis heute für wertvoll halten: Sorgfalt, Achtsamkeit, Geduld, Vorsicht, Verantwortungsgefühl, Vernunft, Pflichtbewusstsein, Disziplin, Aufrichtigkeit, Kooperationsbereitschaft, Gehorsam und die Fähigkeit, von körperlich Schwächeren, aber Klügeren zu lernen. Der Mensch musste lernen, eigene Bedürfnisse wie Hunger hintanzustellen zugunsten von Arbeiten, die zunächst keinen unmittelbaren Nutzen für ihn hatten, wie Holz sammeln oder Glühkohle transportieren. Der Erwerb dieser Eigenschaften und Verhaltensweisen war die Voraussetzung, um später überhaupt Ackerbau und Viehzucht betreiben zu können. Und ja, ich wünsche mir, dass Menschen, die ein Atomkraftwerk betreiben oder ein Flugzeug steuern, auch heute über diese sogenannten Kardinaltugenden verfügen und danach leben. Wo immer technische Unfälle in größerem Ausmaß (wie Tschernobyl, Fukushima oder der Untergang der Amoco Cadiz) passieren, stellt sich bei näherer Untersuchung heraus, dass aus Leichtsinn oder Profitgier gegen die oben beschriebenen Tugenden verstoßen wurde.

Diese Tugenden bilden den zweiten Pfeiler einer gottlosen Ethik, und man kann hier einiges von dem übernehmen, worüber sich Kirchenleute in der Vergangenheit bereits den Kopf zerbrochen haben. Man muss das Rad ja schließlich nicht jedesmal ganz neu erfinden.

Da Feuer eine Kraft ist, die das Ökosystem, in welches der Mensch zusammen mit Pflanzen und Tieren eingebettet ist, relativ schnell zerstören kann, braucht der Mensch im Unterschied zum Tier jedoch tatsächlich eine Ethik. Der Mensch muss sich selber Regeln geben, damit er die Welt nicht zerstört. Religionen haben deshalb so lange funktioniert und funktionieren teilweise immer noch, weil sie neben allerlei Unsinnigem ein solches Regelwerk zur Verfügung stellen, das den Menschen in der Vergangenheit beim Überleben geholfen und verhindert hat, dass er die Welt mutwillig in Asche verwandelt.

Die im Animismus vorherrschende Geister- und Dämonenwelt funktioniert als Regelwerk in Gesellschaften, die noch stark in die Natur eingebettet sind und von der Natur leben. Als die Menschen anfingen, Städte zu gründen und Ackerbau und Viehzucht professionell zu betreiben, erfanden sie die Götter und schließlich den einzigen und allmächtigen Gott. Seit der Industriellen Revolution, spätestens jedoch seit der Erfindung der Atombombe funktioniert das religiöse Paradigma, das in Gott den Allmächtigen und im Menschen bloß das Werkzeug sieht, nicht mehr. Seit der Mensch in der Kernphysik Prozesse nachahmt, wie sie in der Sonne stattfinden, hat der Himmel als Thron Gottes ausgedient.

Ohne ethische Grundsätze dürfte der Mensch aber trotzdem nicht weit kommen. Deshalb müssen wir das Regelwerk neu begründen. Mitgefühl allein reicht nicht aus, weil der Umgang mit dem Feuer und der daraus entstandenen Technik mehr von uns verlangt. Mit noch so viel Mitgefühl lässt sich ein zweites Tschernobyl nicht verhindern, um es mal deutlich zu sagen. Kommt außerdem hinzu, dass es mit dem Mitgefühl in Krisensituationen, und seien sie nur eingebildet, ja auch immer überraschend schnell vorbei ist. Es tut dem Menschen gut, wenn er etwas Greifbareres hat, an das er sich halten kann.

Gekränkte Menschheit

Sigmund Freud prägte 1917 die Devise von den drei Kränkungen der Menschheit. Darunter werden drei bedeutende wissenschaftliche Entdeckungen verstanden, die den Stolz und das Selbstbewusstsein der Menschheit ganz im Sinne einer narzisstischen Kränkung unterminieren.

Die erste Kränkung war der Paradigmenwechsel vom geo- zum heliozentrischen Weltbild, die sogenannte Kopernikanische Wende (1543). Die Heimat des Menschen, die Erde, ist nicht der Mittelpunkt des Weltalls, sondern bloß ein unbedeutender Planet, der um einen unbedeutenden Stern irgendwo im vorletzten Arm eines Spiralnebels kreist. Freud nennt diesen Umbruch im Weltbild die kosmologische Kränkung. Zu dieser gesellt sich die von Charles Darwin (1859) gemachte Entdeckung hinzu, dass der Mensch nicht von Gott erschaffen wurde, sondern aus dem Tierreich hervorgegangen ist. Darwins These wurde zwischenzeitlich vielfach bestätigt. Unsere Abstammung vom Affen zeigt sich nicht nur in unserem Körperbau, sondern auch in unserem Verhalten und unserer DNS. Bis zu 98,5% unserer Gene sollen mit denen des Schimpansen identisch sein. Das ist die sogenannte biologische Kränkung. Zu diesen beiden fügte Freud als dritte Kränkung nicht ganz unbescheiden seine eigenen Forschungsergebnisse hinzu, nämlich die Erkenntnis, dass sich der Mensch kraft seines Willens nicht selbst beherrschen kann, da er zu weiten Teilen seines Seelenlebens überhaupt keinen bewussten Zugang hat. Unser bewusster Anteil, das Ich, ist nicht Herr im eigenen Haus. Dies ist die psychologische Kränkung.

Hundert Jahre nach Freud sind noch eine ganze Reihe weiterer Kränkungen dazu gekommen, von denen die bedeutendste die von Richard Dawkins ist, der im Menschen wie in allen anderen Lebewesen nur Genhüllen sieht, die in einen immerwährenden Existenzkampf der Gene verwickelt sind. Die genetische Kränkung kann sogar in Unterpunkte aufgesplittet werden, denn als Menschen sind wir nicht nur Genhüllen, sondern darüber hinaus ist unsere Gen-Ausstattung bestenfalls mittelprächtig, verglichen beispielsweise mit derjenigen des Schachtelhalms. Darüber hinaus müssen wir uns allmählich an den Gedanken gewöhnen, dass der menschliche Geist, auf den wir ganz besonders stolz sind, auch nicht so genial ist, wie wir das gerne hätten, denn Computerprogramme besiegen inzwischen Großmeister nicht nur im Schach, sondern sogar im Go, ein Spiel, das anscheinend hauptsächlich auf Intuition beruht. Womöglich müssen wir einsehen, dass wir von unseren selbstgeschaffenen Machwerken inzwischen so abhängig geworden sind, dass sie uns beherrschen anstatt umgekehrt wir sie. (Rohbeck, 1993).

Aus all diesen Entdeckungen kann man den Schluss ziehen, dass die Aufgabe der Naturwissenschaften gerade darin besteht, unsere alten anthropozentrischen Vorstellungen über den Haufen zu werfen, dahingehend, dass der Mensch eben doch keine Sonderrolle im Kosmos spielt und nicht als Krone der Schöpfung auf Gottes Haupt funkelt. Der Mensch könnte sich in neuer Bescheidenheit üben, wäre da nicht der merkwürdige Umstand, dass ausgerechnet dieselben Naturwissenschaftler, die den Menschen entthronen, andererseits die Grundlagen für jene technischen Errungenschaften erarbeiten, die dem Menschen die Umgestaltung des gesamten Planeten (inklusive des Klimas) ermöglichen. Was für ein seltsames Paradoxon, dass gerade die Demontage des anthropozentrischen Weltbildes zum Anthropozän, dem menschengemachten Erdzeitalter, geführt hat!

Der Mensch ist derzeit das mächtigste Lebewesen auf diesem Planeten. Für viele Menschen sind heute Dinge selbstverständlich, die unseren Vorfahren noch nicht mal in ihren kühnsten Träumen eingefallen wären. Waschmaschine, Staubsauger, Thermomix und viele andere Geräte nehmen uns einen Großteil der körperlichen Arbeit ab. Wir schicken einander quer über den Erdball Fotos von unserem Urlaub oder von unseren Enkeln. Wir beziehen Kaffee aus Südamerika, Palmöl aus Indonesien und lassen uns die Pizza fertig gebacken ins Haus liefern. Wir steigen ins Flugzeug oder ins Auto, wenn uns nach einem Ortswechsel zumute ist, und lassen uns künstliche Zähne implantieren, wenn die alten unansehnlich geworden sind. Einige von uns schweben mit Gleitschirmen durch die Lüfte, reiten auf Wellen oder hinterlassen ihre Fußabdrücke sogar auf dem Mond. Warum um alles in der Welt fühlt sich die überaus erfolgreiche Menschheit dann trotzdem so tief gekränkt?

„Wenn wir heute über die kranke Gesellschaft klagen, übersehen wir, dass sie nicht nur kalt, egoistisch und unsolidarisch ist, sondern vor allem gekränkt, wahrscheinlich mehr als in jeder anderen Phase der Geschichte“, sagt Reinhard Haller, Chefarzt einer psychiatrischen Klinik in Österreich. Für Haller ist die Kränkung die Macht, die insgeheim unser aller Leben durchzieht. Kränkungen spiegeln sich in der Symbolik von Mythen und Sagen ebenso wie in Dramen und Romanen als Stoff der Weltliteratur. In der Geschichte von Kain und Abel erweist sich eine Kränkung, nämlich die zurückgewiesene Opfergabe, als Urmotiv des Urverbrechens. Kränkungen sind die Ursache von Streit, Konflikt und Krisen, von neurotischen Entwicklungen, Suchtprozessen und depressiven Störungen. Kollektive Gefühle der Kränkung stellen gewaltige soziale Energien dar, die zu Krieg und generationenübergreifender Feindschaft führen. „Wer lebt, der nicht gekränkt ist oder kränkt?“, wusste schon William Shakespeare. (Aus der Einleitung von Haller, Reinhard: Die Macht der Kränkung).

Auch manche Tiere reagieren gekränkt, aber immer nur dort, wo sie in den Dienst des Menschen genommen sind. Es gibt berühmt gewordene Geschichten von Elefanten, die sich noch nach Jahren an den Menschen erinnern, der ihnen einmal Schmerz zugefügt hat. Es gibt Geschichten von Katzen, die ihren Besitzern übelnehmen, wenn diese im Urlaub wegfahren. Tiere in Freiheit fügen sich gegenseitig jedoch keine Kränkungen zu. Neben dem Umgang mit dem Feuer und der Erfindung von Göttern und Religionen scheint also die Kränkung etwas typisch Menschliches zu sein, das ansonsten so in der Natur nicht vorkommt.

Eine Kränkung ist in erster Linie das Ergebnis einer Interaktion zwischen verschiedenen Teilnehmern, und zwar einer Interaktion, die in irgendeiner Weise fehlgeschlagen ist. Ein gelungenes Tennismatch besteht darin, die zugeworfenen Bälle angemessen zurückzuspielen. Erreicht mich ein Ball in einem hohem Tempo, spiele ich ihn ebenfalls mit einem hohen Tempo wieder zurück, das ergibt sich ganz automatisch aus der dem Wurf innewohnenden Energie. Kränkungen entstehen durch Störungen innerhalb der Dynamik, in der sich Menschen untereinander austauschen. Wenn mich jemand attackiert, erfordert meine Antwort eine ganz andere Energie, als wenn mir jemand freundlich entgegenkommt. Werde ich beispielsweise als Depp bezeichnet, entsteht eine Störung in der Dynamik, wenn ich diese Beleidigung unwidersprochen hinnehme oder mich gar lächelnd dafür bedanke, es sei denn, es gelingt mir, den Dank ironisch klingen zu lassen. Spiele ich die Beleidigung jedoch angemessen zurück, bin ich nachher nicht gekränkt, und die Sache ist bald vergessen. Ich fühle mich aber gekränkt, wenn mir dies nicht gelingt. In diesem Fall bleibt ein negativer Eindruck zurück. Die Kränkung liegt also nicht in der Beleidigung als solcher, sondern in der fehlgeschlagenen Interaktion und dem damit verbundenen negativen Eindruck.

Jede Kränkung ist gleichbedeutend mit einer nicht ausgelebten Reaktion. Kränkungen entstehen immer dort, wo ursprüngliche Gefühle zurückgehalten, unterdrückt, verleugnet, ignoriert oder falsch interpretiert werden. Kränkungen entstehen dort, wo auf Aktionen nicht spontan die angemessenen Reaktionen erfolgen (dürfen). Da im Tierreich das ursprüngliche Gefühl so gut wie immer mit der spontanen Reaktion identisch ist, treten keine Kränkungen auf.

Wenn eine Gazelle einen hungrigen Löwen sieht, überlegt sie sich nicht lange, was sie tun soll. Die Wahrnehmung des Löwen und der Impuls zur Flucht fallen exakt in eins. Ist die Gefahr vorüber, verschwindet damit auch sofort die Angst, und die Gazelle macht sich wieder in aller Ruhe über das nächste Grasbüschel her. Der Baum, der seine Blätter der Sonne entgegenstreckt, lebt seine Sehnsucht nach Wärme und Licht. Die Schnecke, die ihre Schleimspur auf der Erde hinterlässt, lebt ihre Erdverbundenheit. Vögel leben ihre Hingabe an die Luft, indem sie ihre Schwingen ausbreiten und fliegen. Alles in der Natur ist gelebtes Gefühl. Durch und in diesen Gefühlen ist alles Leben miteinander verbunden und aufeinander bezogen. Je nuancenreicher die Gefühle und die Beziehungen, desto vielfältiger und bunter blüht das Leben auf.

Kränkungen sind ein Ausdruck tiefgreifender Störungen in dieser Beziehungsdynamik, welche das Leben selber ist. Der einzelne Mensch fühlt sich gekränkt, wenn er seinen Mitmenschen nicht so antwortet, wie sein Gefühl es in diesem Moment eigentlich von ihm verlangt. Als Menschheit insgesamt fühlen wir uns gekränkt, wenn wir dem Leben nicht so antworten, wie es das Leben von uns erfordert, wenn wir unlebendig oder berechnend reagieren. Gekränkt sein ist ein Symptom für absterbende Lebendigkeit.

Sollte sich die Menschheit durch die Entdeckungen der Naturwissenschaftler also tatsächlich in ihrem Stolz und ihrem Selbstbewusstsein gekränkt fühlen, dann deutet das darauf hin, dasss dieser Stolz und dieses Selbstbewusstsein dem Leben im Weg stehen. Insofern muss man den Wissenschaftlern geradezu dankbar sein, wenn sie ein falsches Selbstbild demontieren. Schließlich kann man es ja auch mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen, dass der Affe unser Bruder ist und wir als Menschen in die große Familie aller Lebewesen eingebettet sind.

Wenn sich in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen gekränkt fühlen, heißt das, dass wir uns als Gesellschaft mehr und mehr vom Leben entfernen und immer unlebendiger werden. An dieser Erkenntnis könnte was dran sein. Schließlich werden wir dazu erzogen, unsere Gefühle im Griff zu haben und sie nicht spontan auszuleben. Negative Gefühle wie Wut, Neid oder Eifersucht werden mehr und mehr tabuisiert. Ein reifer Mensch ist einer, der seine Gefühle zwar wahrnimmt, sie aber nicht spontan auslebt, sondern bewusst steuert. Im Grunde haben wir eine Heidenangst vor unseren Gefühlen. Wir sind davon überzeugt, dass wir uns gegenseitig alle umbringen würden, wenn wir spontan unseren Gefühlen nachgeben.

Wir glauben, dass Zivilisation, Kultur und Bildung das Tier in uns bezähmen. Dabei übersehen wir, dass Mord und Totschlag im Tierreich äußerst selten vorkommen, während sich Jahr für Jahr Millionen von Menschen gegenseitig umbringen. Wenn man sich nicht erlaubt bzw. durch Erziehung und sonstige Indoktrination nicht in der Lage ist, seine Gefühle in der jeweiligen Situation, in der sie entstehen, angemessen auszuleben, bleiben Kränkungen zurück. In der Akkumulation von Kränkungen stirbt das Gefühl und mit dem Gefühl die Lebendigkeit ab. Dann werden Kränkungen unter Umständen mörderisch. Geschieht die Akkumulation von Kränkungen gar im Kollektiv, werden daraus Kriege. Nicht die ursprünglichen Gefühle sind also die Ursache für überschießende Aggression, sondern die Eindrücke, die aufgrund von nicht gelebten Gefühlen in unseren Seelen zurückgeblieben sind.

Die Lösung für die zunehmende Kränkbarkeit unserer Gesellschaft sieht so aus, dass wir uns alle gegenseitig dazu anhalten, immer vorsichtiger miteinander umzugehen. Statt dass wir uns darauf einlassen, die Bälle, die uns zugeworfen werden, entsprechend zu parieren, tauschen wir im Rahmen der political correctness nur noch Freundlichkeiten und Plattitüden miteinander aus. Die Tennisbälle und Tennisschläger tauschen wir gegen weiche, kuschelige Plüschbälle, die wir auch nicht mehr werfen, sondern uns nur noch gegenseitig sanft in die Hand legen (dürfen). Statt im Spiel unsere Rückhand und unsere Muskeln zu trainieren, machen wir lieber das Spiel so langweilig, dass wir vor lauter Langeweile künstlich bald in jeder Geste und jedem Blick eine Kränkung vermuten. Wir erreichen somit das Gegenteil von dem, was eigentlich beabsichtigt war. Nicht die Kränkungen verschwinden aus der Welt, wohl aber die lebendigen und aufregenden Beziehungen, in denen wir uns erproben und bewähren können.
Schade drum!

Das Anti-Daodejing

Ein wundervoller Text, der in fünfzehn Zeilen alles Wissenswerte sagt, ist der erste Aphorismus im Daodejing von Laozí:

Das Dao, das sich aussprechen lässt,
ist nicht das ewige Dao.
Der Name, der sich nennen lässt,
ist nicht der ewige Name.
„Nichtsein“ nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
„Sein“ nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

Wenn Laozí vom Sein und Nichtsein spricht, stellt er dem Leser zwei Richtungen vor, in die der Mensch schauen kann: das Eine ist die mystische Innenschau, das Andere die wahrnehmende Außenschau. Laozí sagt, dass beide Arten des Schauens ähnlich wie verschränkte Teilchen zusammengehören. Sie entstehen miteinander, bedingen sich gegenseitig und sind ohne einander unvollständig und einseitig. Die mystische Innenschau bedeutet Vereinheitlichung, also das Auflösen von Unterschieden. Die wahrnehmende Außenschau ist gleichbedeutend mit dem Erkennen von Unterschieden. Die beiden Richtungen des Schauens laufen diametral auseinander und können deshalb nicht ineinander überführt werden. Aus dem Geheimnis der Einheit geboren, driften die beiden Arten des Schauens voneinander weg. Die beiden Richtungen des Schauens sind absolut gleichwertig. Es gibt hier weder richtig und falsch noch über- oder untergeordnet.

Was nun aber passiert, wenn Menschen über das Sein und Nichtsein nachdenken, ist, dass sie bloß eine Schau für die wahre halten und die andere deshalb entweder zur Illusion, zum Abbild oder zum Ausdruck der anderen erklären. Im Grunde wird nur eine von zwei Arten des Schauens zugelassen.

Die Esoteriker behaupten, dass die mystische Innenschau die wahre ist und die wahrnehmende Außenschau bloß ein Spiegel, ein illusionäres Abbild dieser inneren Wahrheit darstellt. Die Wissenschaftler behaupten das Gegenteil, nämlich dass die mystische Innenschau Einbildung ist und allein die wahrnehmende Außenschau die objektive Wahrheit. Diese Unterteilung in Esoteriker und Wissenschaftler ist natürlich eine sehr grobe. Es gibt in beiden Lagern auch eine Menge Leute, die den Spagat zwischen den beiden Wahrnehmungsweisen versuchen. Einige sehen die Philosophie, andere die Vernunft als Instanzen, die beide Sichtweisen harmonisch vereinen können und nehmen an, dass der Mensch durch diese Vereinigung zu wahrem Wissen über die Welt gelangen kann.

Häufig versuchen die Vertreter der einen Sichtweise jedoch, die Vertreter der anderen niederzumachen. Dieses Niedermachen des jeweils Anderen, um sich selber als der Gescheitere, Bessere oder Erleuchtetere fühlen zu können, scheint in vielen Diskussionen das offensichtlichere Motiv als die Suche nach einer wie immer gearteten Wahrheit. So werden die jeweiligen Sichtweisen zu den Keulen, mit denen man aufeinander eindrischt. Sowohl hinter dem empirischen Wissen der Wissenschaftler wie auch hinter dem mystischem Wissen der Esoteriker verbirgt sich ein Herrschaftsanspruch, verbirgt sich Übergriffigkeit, die aus dem Anspruch resultiert, Einfluss auf das Leben von Anderen zu nehmen und dem eigenen ICH dadurch mehr Gewicht zu verleihen.

Weder die eine noch die andere Art des Schauens kann für sich genommen bestehen. Sie existieren nicht unabhängig voneinander. Beide Arten des Schauens zusammengenommen, versetzen uns aber nicht die Position, etwas über die Welt aussagen zu können. Sie vermitteln kein Wissen und schon gar kein Herrschaftswissen, sondern münden im Nicht-Wissen, das Laozí „Geheimnis“ nennt:

In seiner Einheit heißt es das Geheimnis
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

Der Begriff Bewusstsein bezeichnet im engeren Sinne nur, dass beide Richtungen des Schauens zu Gedanken verarbeitet werden, die man kommunzieren und mit anderen teilen kann. Im weiteren Sinne bezeichnet Bewusstsein, dass beide Arten des Schauens achtsam gepflegt werden. Unbewusst ist ein Mensch, wenn er des Schauens nicht mächtig ist, beispielsweise, wenn das wunderbare Wesen im Inneren verschüttet ist oder er die Außenwelt nicht so wahrnimmt, wie sie ist. Wahn, Gier, Sucht, Abgestumpftheit und dergleichen mehr beeinträchtigen die Bewusstheit.

Schauen ist immer passiv und weder aktiv noch schöpferisch. Deshalb ist auch Bewusstsein oder Bewusstheit nicht schöpferisch im Sinne von Wirklichkeit erschaffend. Ein bewusster Mensch ist nur in der Lage, über die Wirklichkeit zu reflektieren, sie in Gedanken oder Kunstwerke zu gießen. Heute wird gerne gesagt, dass Bewusstsein die Wirklichkeit erschafft. Oder dass Geist die Materie kreiert. Das ist falsch. Der Irrtum besteht darin, Bewusstsein für das Geheimnis zu halten. Schöpferisch ist des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis, und das kann nicht geschaut werden. Und schon zweimal nicht mit einem Begriff benannt werden.

Bewusstsein mit der Einheit aus Sein und Nichtsein zu verwechseln und hierin die schöpferische Kraft oder den schöpferischen Akt zu sehen, passiert dann, wenn unbedingt eine höchste Einheit konstruiert und benannt werden muss. Etwas, das nach den Worten von Laozí überhaupt nicht geht. Die Konstruktion einer höchsten Einheit durch einen Begriff, unter dem Sein und Nichtsein gleichermaßen subsumiert werden, hat immer etwas mit dem weiter oben bereits erwähnten Herrschaftsanspruch zu tun.

Die Konstruktion einer benennbaren höchsten Einheit hat zur Folge, dass eins von beiden, Sein oder Nichtsein, zur Ursache des jeweils Anderen erklärt werden muss. Die Esoteriker erklären das wunderbare Wesen (die Vereinheitlichung) zur Ursache der räumlich begrenzten Einzelwesen. Für den Esoteriker kommt alles aus einer wie auch immer gearteten Einheit, die wahlweise Gott, Geist oder Gesamtbewusstsein genannt wird. Der Wissenschaftler erklärt die kleinsten Teilchen (Atome, Quanten, Wellen), aus denen die Einzelwesen sich angeblich zusammensetzen, zur Ursache auch aller geistigen Phänomene, zu denen eben auch das wunderbare Wesen gehört. Der Wissenschaftler sucht nach dem allen Einzelwesen Gemeinsamen und fragmentiert die Wirklichkeit dabei immer mehr, bis sie in Atomen, Quanten und Wellen schließlich ganz verschwindet.

Durch die Konstruktion eines übergeordneten Gesamtbegriffs (wie Gott, Gesamtbewusstsein) werden das wunderbare Wesen der Innenschau und die räumlich begrenzten Einzelwesen der Außenschau durch eine Ursache-Wirkungs-Relation miteinander verknüpft. Das ist falsch. Das wunderbare Wesen, das sich in der Innenschau zeigt, bringt nämlich nicht die sinnlich erfahrbaren Einzelwesen hervor, ebensowenig wie die Summe der Einzelwesen als Gemeinsames das wunderbare Wesen hervorbringt.

Innen- und Außenschau gehören zusammen wie verschränkte Teilchen. Das Schauen selbst ist schon als Dichotomie zu verstehen und deshalb widersprechen sich die beiden Arten des Schauens. Es handelt sich um ein Gegensatzpaar. Die Sichtweisen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Der Widerspruch ist nicht aufzulösen, indem man eins davon zum Absoluten und das andere zur Illusion (oder zum Abbild) erklärt. Oder eins zur Ursache und das andere zur Wirkung.

Sowohl der Wissenschaftler wie der Esoteriker versuchen beide, die Welt unter eine Formel oder einen Begriff zu bringen. In diesem Streben sind sie sich einig. Sowohl dem Wissenschaftler wie dem Esoteriker geht es also vor allem um Macht und Herrschaft. Es geht beiden darum, anderen Leuten zu erklären, wie sie die Welt zu erfahren haben. Alle Menschen sollen in der wahrnehmenden Außenschau das erfahren, was die Wissenschaft herausgefunden zu haben glaubt. Alle Menschen sollen in der mystischen Innenschau dasselbe erfahren wie der angebliche Mystiker. Alle Wahrnehmungen und inneren Erfahrungen werden damit standardisiert und in eine Norm gepresst. Wie es sich für den sich derzeit herausbildenden Massenmenschen in seiner Ichlosigkeit und seinem Schwarmverhalten ja auch ziemt. Fatal wird es, wenn esoterisch angehauchte Wissenschaftler wie Hans-Peter Dürr oder C.F. von Weizsäcker oder wissenschaftlich interessierte Esoteriker ihren Herrschaftsanspruch sowohl über die Innen- wie über die Außenschau der Anderen geltend machen. Wenn also eine Gruppe sich anmaßt, den anderen Menschen zu sagen, was sie wahrzunehmen, zu denken und zu fühlen haben. Das ist ein neuer Totalitarismus, den wir in der Menschheitsgeschichte bis jetzt noch nicht ausprobiert haben.  Es ist die Verkehrung des Daodejing. Das Anti-Daodejing.