Lasst alle Hoffnung fahren

In den letzten Tagen habe ich von verschiedenen Leuten Mails bekommen, die meine durch und durch negative Einstellung beklagen. Was ich schreibe, sei perspektivlos. Zermürbend. Niederdrückend. Es wurde die Vermutung geäußert, dass ich unter Depressionen leide. Ich sei ein Miesmacher, Nihilist, Schwarzmaler und Misanthrop. Und so weiter.

Das ist alles richtig bemerkt. Ich bin der Geist, der stets verneint. Ich möchte weder mir noch anderen Hoffnungen machen. Das hat Methode. Absolute Hoffnungslosigkeit ist der einzige Ausweg aus dem Dilemma, in das sich die Menschheit zielsicher hineinmanövriert hat.

Mit den Hoffnungen wird nämlich weit mehr aufgegeben als bloß irgendein Schimmer am Horizont. Wer alle Hoffnungen aufgibt, muss die Welt nicht mehr retten, kehrt aus dem kollektiven Bewusstsein in sein individuelles zurück und darf wieder er selbst sein. Wer alle Hoffnungen aufgibt, bringt die fremden Stimmen in seinem Bewusstsein endlich zum Verstummen. Was für eine Erleichterung!

Wer die Welt nicht mehr retten muss, hört auf, sie kontrollieren zu wollen. Und das ist es, was die Welt und die Menschen am dringendsten brauchen: der Verzicht auf Kontrolle. Der Verzicht auf den Glauben an die Machbarkeit. Der Verzicht auf Allmacht und Gottgleichheit.

Ich gebe die Zügel aus der Hand und nehme die Karotte vor der Nase weg. Und siehe da, das Pferd bleibt stehen und fängt an zu grasen. Wer hätte das gedacht?

Zusammen mit den Hoffnungen stirbt das Über-Ich, das einem ständig mit du sollst …, du musst …, du darfst nicht … die Ohren voll labert. Zusammen mit den Hoffnungen stirbt der inkarnierte Kontrollmechanismus, der den eigenen Lebenswillen lähmt und aushöhlt. Es stirbt die Instanz, die Menschen dazu bringt, sich in den Dienst von anderen zu stellen statt sich um ihr eigenes Wohl zu kümmern.

Dieses Über-Ich ist eine Erfindung aus der Bronzezeit. Es stammt aus der Zeit der ersten Imperialisten und Weltherrscher. Aus der Zeit der Sonnengötter und Pharaonen. Den Göttern in den Mythen und Religionen entsprechen in der Struktur des kollektiven Bewusstseins die durch Könige, Priester und Gesetzgeber verkörperten Über-Ichs. Der allmächtige Gott ist identisch mit dem vereinheitlichten Über-Ich, das sich absolut setzt und über das Leben triumphiert.

Dieses Über-Ich gibt sich vernünftig und rational, dabei ist es weitaus irrationaler als das Es und das Ich. Es ist nichts anderes als der kollektive Größenwahn derjenigen, die über Menschen, Tiere und Pflanzen herrschen wollen. Der Gipfelpunkt aller Irrationalität besteht ja eben gerade darin, sich über die Anderen zu stellen. Selig diejenigen, die arm an diesem Geiste sind.

Hinter dem Über-Ich verbirgt sich ein fremder Wille. Über die Schiene eines gemeinsamen Erzählguts dringt dieser fremde Wille ins individuelle Bewusstsein ein, reißt es auf und bringt die Menschen dazu, das Fremde mit dem Eigenen zu verwechseln. Dieser fremde Wille ist ein Parasit. Er hat die Absicht, auf Kosten dessen zu leben, in den er eindringt.

Das Alphamännchen im Tierreich lebt aus seinem eigenen Vermögen heraus und gibt seinen Überschuss an Lebensenergie an schwächere Mitglieder der Gruppe ab. Der König, der das Über-Ich für alle sichtbar verkörpert, oder der Gott, der dasselbe auf unsichtbare Weise tut, zieht jedoch Lebensenergie von anderen ab, um sie auf sich zu vereinigen. So entsteht bei allen, die von einem Über-Ich besetzt werden, ein Mangel an Energie. Dieser Mangel ist es, was uns zutiefst prägt. Deshalb glauben wir nur allzu bereitwillig, dass demnächst überall die Lichter ausgehen und das Leben im Schlaraffenland ein Ende hat.

Der Priester als Mittler Gottes ist eine andere Variante des Parasiten.

Götter, Könige und Priester sind zeitgleich auf den Plan getreten. Das kann gar nicht anders sein, denn sie entsprechen einander, agieren nur auf unterschiedlichen Ebenen. Der König agiert in der Realität, Gott auf der Ebene des Mythos oder der Erzählung. Der Priester agiert auf der Ebene der Realität als Diener des fiktiven Gottes. Tatsächlich fallen sie aber in eins. Götter, Könige und Priester sind Räuber. Sie rauben die Lebensenergie derjenigen, die bereit sind, über den Weg eines gemeinsamen Erzählguts (Mythos) einen anderen Willen über den eigenen zu setzen und als Über-Ich zu inkarnieren.

Heute sind es nicht mehr die Götter, Könige und Priester, auf die sich das Parasitentum beschränkt. Im Laufe der Zivilisationsgeschichte hat sich der Parasit milliardenfach geteilt und sich in immer neuen Wellen tiefer und tiefer ins kollektive Bewusstsein und damit ins Bewusstsein jedes Einzelnen eingenistet. Teilung heißt Fragmentierung. Der Parasit zerfällt in immer kleinere Bruchstücke, von denen sich immer mehr im kollektiven Bewusstsein und im Über-Ich ansammeln.

Immer noch gibt es Herrscher und Sklaven, aber nur noch selten findet man sie in Reinkultur. Stattdessen verbreitet sich der Typus des Herrschersklaven. Das ist ein Mensch, der auf Kosten der Gesellschaft leben will, von der er jedoch gleichzeitig auch ein Teil ist. Statt bei sich zu bleiben und das eigene Vermögen zu entwickeln, zerrt man lieber an den Anderen herum und versucht, bei denen was abzuzwacken. Anderen was aufzudrängen, was sie nicht brauchen, und wegzunehmen, was man selber brauchen kann, darum geht es in der Werbung und im Marketing. Im Endeffekt führt die Entwicklung dahin, dass jeder auf Kosten des anderen lebt. Natürlich wird das so nicht gesagt. Stattdessen versichern wir uns gegenseitig, dass wir gemeinsam die Welt retten.

Es macht einen Unterschied, ob jeder aus seinem eigenen Vermögen heraus lebt oder auf Kosten von anderen. Wo jeder aus seinem eigenen Vermögen heraus lebt, regiert die Vielfalt. Die Lebensenergie korrspondiert mit dem eigenen Lebenswillen. Einige haben einen sehr starken Lebenswillen, andere einen weniger stark ausgeprägten und bei manchen ist er so schwach, dass sie aus eigener Kraft nicht überlebensfähig sind. Wenn ein Individuum über mehr Energie verfügt, als es selber braucht, kann es davon an andere abgeben oder sich ein Schloss oder einen Porsche kaufen.

Wo jeder auf Kosten von anderen lebt, regiert die Vereinheitlichung. Es läuft darauf hinaus, dass letzten Endes jeder gleich viel Energie zur Verfügung hat, ganz egal, was in ihm angelegt ist. Die Lebensenergie ist nicht länger Ausdruck des eigenen Lebenswillens. Ein starker Lebenswille wird von den Anderen gestutzt, ein schwacher Lebenswille wird gestärkt. Jeder gleicht sich den anderen an, solange, bis alle Unterschiede eingeebnet sind. Mark Zuckerberg ist nicht mehr von Jim Knopf zu unterscheiden. Wo der Herrschersklave noch ein Sklavenherrscher ist, gibt er sich hemdsärmelig und leutselig und tut so, als wäre er allen anderen gleich.

Wenn jeder auf Kosten anderer lebt, braucht es zudem eine Organisationsstruktur, die als solche eine Menge Energie verschlingt. Die Energie muss ja erst mal geraubt werden, was an sich schon ein Aufwand ist. Mit demselben Aufwand muss sie dann wieder verteilt werden. Kommt noch hinzu, dass durch diese Umverteilung auch eine Menge Energie sinnlos im Nichts verpufft, denn ein solches Verteilungssystem läuft ja nicht reibungslos. Je gleichmäßiger verteilt wird, desto mehr Verwaltungsaufwand ist damit verbunden. Die Umverteilung ist der Grund dafür, dass die Bürokratie immer ausufernder und der Verwaltungsapparat immer schwerfälliger wird.

Wo jeder auf Kosten von anderen lebt, muss der Einzelne insgesamt also weit mehr Energie aufbringen, als wenn er aus eigenem Vermögen heraus lebt. Säugetiere unserer Größe, die im Gegensatz zu uns Menschen aus eigenem Vermögen heraus leben, liegen meist irgendwo entspannt herum, wenn sie nicht gerade mit Wiederkäuen oder Balzen beschäftigt sind.

Das Defizit, das durch den Parasiten namens Über-Ich entsteht, puffern wir bis heute mehr schlecht als recht durch die Technisierung ab. Doch obwohl wir immer mehr Technik zur Verfügung haben, die uns immer mehr Arbeit abnimmt, klagen immer mehr Leute über Stress im Beruf und Burnout. Der Mechanismus der Umverteilung frisst mehr Humankapital, als durch die Technisierung freigesetzt wird. Dennoch ist die Technisierung ein geschickter Schachzug des Parasiten. So wird uns Menschen suggeriert, dass wir die Welt im Griff haben, während wir vom Parasiten fremdgesteuert werden.

Das Einfallstor für diesen Parasiten, der als Über-Ich den Lebenwillen des Einzelnen kontrolliert, sind die Hoffnungen. Mit dem Glaube an Götter werden ebenso Hoffnungen verbunden wie mit der Ehrfurcht vor Königen, Konzernchefs oder Politikern. Die Hoffnung, dass die Gesellschaft es schon richten wird oder dass wir die Welt retten, wenn nur alle am selben Strick ziehen, ersetzt aufgrund der dem Prozess immanenten Fragmentierung heute den Glauben an Götter und Könige.

Dem Über-Ich kann man am besten begegnen, wenn das Einfallstor geschlossen und alle Hoffnungen ersatzlos in den Wind geschossen werden. Leider wird man sich, wenn man das tut, auch der immensen Verwüstungen und Zerstörungen bewusst, die dieser Parasit nicht nur in den Köpfen und Seelen, sondern auch in der Natur und den Ökosystemen schon angerichtet hat. Über den technisch-kommerziellen Komplex hat der Parasit die Welt längst unterjocht und in Besitz genommen. Über Big Data saugt er die Menschen weiter aus.

Das Über-Ich gibt sich, schlau wie es ist, erst dann als Parasit zu erkennen, wenn es bereits viel zu spät ist, um noch irgendwas zu retten. Falls sich ein Leser jetzt doch Hoffnungen gemacht hat, muss ich ihn leider enttäuschen. Es ist zu spät. Der Zug ist abgefahren. Wir können die Welt nicht mehr retten. Nicht mal dann, wenn wir uns keine Hoffnungen mehr machen.

Augustinus sagte einst: Liebe und tu, was du willst. Ich sage: Lasst alle Hoffnung fahren und tut, was ihr wollt. Es kommt im Endeffekt aufs selbe raus.

Der etwas andere Text zu Ostern

Der Höhepunkt eines jeden Gottesdienstes ist nicht die Predigt, sondern die Wandlung. Die Choreographie einer Messe konzentriert sich auf diesen Punkt hin. Die Wandlung wird so erklärt, dass Jesus Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes Brot in seinen Leib und Wein in sein Blut verwandelt. Ein Christ glaubt daran, dass Christus wirklich, also leibhaftig, in Wein und Brot gegenwärtig ist. Brot und Wein wurden durch die Worte des Priesters in ihrer Substanz verändert. Eine Wesensverwandlung also. Transsubstantiation.

Unter Kommunion versteht man den Empfang der Gaben von Brot und Wein, die nun den Leib und das Blut Christi repräsentieren.

Jede Mahlzeit ist ein heiliger Akt, der uns mit allem, was lebt und ist, verbindet. Jedes Stück Brot erfährt, indem ich es esse, eine wesenhafte Verwandlung. Eine Transsubstantiation, geradeso, wie die Kirche sie für die Hostie beschreibt.

Was einmal Brot gewesen ist, wird zu meinem Leib. Und zwar ganz konkret: Das Brot wird in seine molekularen Bestandteile zerlegt, über die Darmwand in meinen Stoffwechsel aufgenommen und durch die emsige Arbeit vieler Zellen in meinen Leib verwandelt. An irgendeinem Punkt in diesem Vorgang hört das Brot auf, Brot zu sein. Es verwandelt sich in meinen Leib. Daran ist an sich nichts Geheimnisvolles und nichts Rätselhaftes, aber ein Wunder ist es dennoch.

Bevor es zum Brot wurde, reifte das Getreide dank Sonnenlicht, Wasser und Mineralien auf dem Feld heran. Im Getreide vereinigen sich die vier Elemente Erde, Wasser, Licht und Luft. Wenn ich Brot esse, habe ich teil an dieser Vereinigung. Sie hebt mich über mich selber hinaus und bindet mich in den großen Kreislauf der Natur ein. Nahrungsaufnahme ist nichts Banales. Nichts, das man achtlos nebenher erledigen sollte. Eigentlich seltsam, dass wir uns dieser Dimension unserer Existenz bei all unserer angeblichen Bewusstwerdung so wenig bewusst sind, ja sie immer weniger spüren und sogar vergessen. Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass Fast und Convenience Food sich immer größere Marktsegmente erobern. Der Herd und damit die Küche als das ursprüngliche Zentrum aller menschlichen Aktivitäten hat ausgedient. In Amerika gibt es anscheinend sogar schon Häuser, wo sich, was mal Küche war, auf Mikrowelle und Wasserkocher beschränkt.

„Stoffwechsel heißt, den eigenen Stoff mit der Welt zu tauschen. Wenn ich etwas esse, so durchläuft mich dieser Brennstoff ganz anders als einen Motor das Benzin. Dieses wird im Kolben gezündet, verbrennt und verlässt dann den Auspuff wieder als CO2. Die Nahrung aber, die ich zu mir nehme, wird stofflich zu einem Teil von mir. Die Zellen müssen dafür ein anderes Stück ihrer eigenen Substanz hergeben. Wir alle stoßen mit jedem Atemzug einen Teil von uns an die umgebende Luft ab. Im selben Maße entstehen wir neu aus den Produkten der Erde. Was eben noch ich war, ist jetzt schon das CO2-Molekül in der Lunge des Gegenübers und dann ein Stück Grashalm auf der Wiese. Was eben noch Korn auf dem Feld war, ist nun bereits „Ich“. Aber dieses Ich ist stets ein anderer, weil es nicht aus meinen eigenen spezifischen Stoffteilchen besteht, sondern weil der Stoff, der mich bildet, beständig wechselt.“ (Andreas Weber, Alles fühlt, S. 58).

Im Gottesdienst folgt die Kommunion auf die Wandlung. In Wirklichkeit ist es gerade anders herum. Zuerst erfolgt die Kommunion, der Empfang der Gabe, die Teilhabe, und dann die Wandlung, die wesenhafte Verwandlung der Nahrung in meinen Leib.

Doch nicht nur die Reihenfolge wird im religiösen Ritus verdreht. Er gründet zudem auf einer heimlichen Vertauschung von dem, was wir in dualistischer Weise als Geist und Materie definieren. Im religiösen Ritus wird der Geist zum verbindenden, die Körperhaftigkeit zum trennenden Element. Dem Gläubigen wird suggeriert, dass alle Menschen, über den Geist verbunden, eine Gemeinschaft, eine Einheit bilden.

In Wirklichkeit ist es unser stofflich-materieller Anteil, über den wir mit anderen Menschen und der Welt zutiefst verbunden sind. Diese Verbundenheit erwächst aus dem beständigen Austausch der Materie, aus dem wirbelnden Tanz der Teilchen. Es ist ein permanentes Geben und Nehmen, an dem alles Sein teilhat und von dem niemand ausgeschlossen ist.

Die Kirche lehrt uns, dass wir über unseren Geist am Göttlichen teilhaben. Das bedeutet, dass mein Geist zumindest ein Widerschein des göttlichen sein muss, denn wäre mein Geist dem göttlichen nicht zumindest ähnlich, dann könnte ich nicht an ihm teilhaben. Doch dieser Geist bedeutet Entfremdung: von der Natur, vom Leben, von den Anderen, von mir selbst.

Wenn ich meinen eigenen Geist beobachte, stelle ich fest, dass er es ist, der mich von allem trennt. Ich fange an, mich fremd zu fühlen, sobald ich andere Menschen oder die Welt als von mir getrennte Objekte betrachte. Das geschieht nicht über den Körper, sondern über den Geist. Da die materielle Seite nicht beständig ist, kein Ich kennt, sondern aus permanentem Geben und Nehmen besteht, also Stoffwechsel ist, kann die körperliche Erfahrung nicht objektiviert werden. Sie ist immer subjektiv, immer eingebettet in die Umwelt, immer in der Teilhabe mit den Anderen, immer im Austausch mit allem.

Wenn ich die Anderen und die Welt als von mir getrennte Objekte betrachte, muss ich einen künstlichen Weg (er)finden, um mich mit den Anderen zu verständigen oder mich in der Welt zurechtzufinden. An die Stelle von Kommunion im Sinne von Teilhabe tritt im geistigen Austausch die Kommunikation. Im Gegensatz zur Kommunion ist Kommunikation nicht unmittelbar, spontan und direkt, sondern vermittelt. Es gibt Sender und Empfänger, die über ein Medium miteinander in Verbindung stehen, ansonsten aber getrennt voneinander sind. Als Medium dient eine Sprache. Ob Bildersprache, Gestik, gesprochene Sprache oder Schrift, ist dabei unerheblich.

Da ich ein Medium (eine Sprache) benutzen muss, kann ich nie mit Sicherheit sagen, dass ich mein Gegenüber wirklich verstanden habe. Die Benutzung einer Sprache ist eine Quelle unendlicher Missverständnisse. Im Grunde weiß ich nicht, was im Geist eines anderen Menschen wirklich vorgeht, was er denkt oder fühlt. Ich bin auf das angewiesen, was er von sich preisgibt. Doch selbst, wenn der Andere mir einen Einblick in seine Innenwelt gibt, kann ich nicht sicher sein, dass ich es so verstanden habe, wie es gemeint war.

Was in der Kommunion Teilhabe durch wesenhafte Verwandlung ist, ist in der Kommunikation Information, die weder den Sender noch den Empfänger wesenhaft verwandelt. Es ist wie beim Motor, bei dem das Benzin bloß durchläuft. Wie beim Motor durch die Verbrennung von Benzin Energie freigesetzt wird, so geschieht das auch in der Kommunikation. Der Austausch von Information löst energetische Prozesse aus. Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, dass energetische Prozesse wie beispielsweise ein Shitstorm oder eine Bundestagsdebatte gleichzeitig mit einer wesenhaften Verwandlung einhergehen. Meist ändert sich dadurch nämlich erstmal gar nichts. Wenn Wissenschaftler uns nun einreden wollen, dass Information der Urstoff ist, aus dem alles besteht, dann heißt das nichts anderes, als dass wir Menschen der Welt vollkommen entfremdet sind. Noch entfremdeter kann man gar nicht sein. Wo alles nur noch Information und keine Teilhabe mehr ist, ist die Trennung absolut. Ich glaube, man sollte nicht immer auf die Wissenschaftler hören.

Unser Geist ist unser Gefängnis, aus dem wir nicht herauskommen. Genau darauf weist Platons Höhlengleichnis hin. Diese Trennung von der Welt und den Anderen durch unsere geistigen Gefängnismauern ist die Quelle all unserer Missverständnisse und all unserer Kriege. Deshalb führen Tiere in der Regel keine Kriege. Weil sie mit weniger oder gar keinem Geist wie dem unseren ausgestattet sind.

Ich frage nicht nur mich, sondern auch die Priester: Wie kommt die Kirche dazu, uns gerade das Gegenteil von dem zu lehren, was der Wirklichkeit entspricht und was jeder an sich selbst beobachten kann? Und wieso glauben wir das unwidersprochen? Warum gehen wir nicht von unseren eigenen konkreten Erfahrungen aus?

Kommunion und Wandlung sind in der Tat heilige Handlungen. In dieser Reihenfolge. Und nicht, wenn sie in der Kirche stattfinden. Wir vollziehen sie jeden Tag, und das heiligt unseren Alltag und macht unser Leben reich und kostbar.

Im Bann des Lichts

Wenn ein Kind geboren wird, sagt man, dass es das Licht der Welt erblickt. Am Lichterfest Weihnachten freuen wir uns über ein strahlendes Lächeln und über leuchtende Kinderaugen. In der Pubertät pflegt ein junger Mensch fürs andere und manchmal auch fürs eigene Geschlecht zu entflammen. Dann brennt er vor Sehnsucht und Begeisterung oder glüht vor Leidenschaft und Liebe. Manchmal entbrennt der Mensch auch in Wut oder Hass. Bisweilen hält er flammende Reden. Hin und wieder geht dem Menschen ein Licht auf, das er tunlichst nicht unter seinen Scheffel stellt. Anderen sollte man ein Feuer unterm Hintern machen oder Zunder geben. Wer kein großes Licht ist, hat oft nicht mal einen Funken Verstand. Es gehört sich nicht, andere hinters Licht zu führen. Wenn nach achtzig oder neunzig Jahren der Lebensfunke erlischt, fährt das lichtscheue Gesindel zur Hölle oder wird im Fegefeuer geläutert, während der Erleuchtete im ewigen Licht wandelt.

Menschen sind Kinder des Feuers. Es gibt keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist. Und von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, Feuer selbst zu entfachen und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Was für die Fische das Wasser, für die Vögel die Luft und für die Würmer die Erde, ist für uns Menschen das Feuer: es ist unser Element. Deshalb glauben Wissenschaftler, dass der Kosmos in einem Feuersturm begonnen hat. Deshalb glauben religiöse Menschen, dass sie nach ihrem Tod ins Licht eingehen. Menschen sind aufs Feuer und aufs Licht fixiert. Wie die obigen Redensarten zeigen, identifizieren wir uns sogar mit Feuer und Licht.

Ohne Feuer wären wir keine Menschen. Ohne Feuer hätte der Homo erectus und später der Homo sapiens die Eiszeiten nicht überlebt. Ohne Feuer würden wir noch mit Steinen auf Nüssen rumklopfen oder mit Stöckchen in Baumrinden pulen. Hätten wir nicht angefangen, den Umgang mit dem Feuer zu erlernen, hätte sich unsere Großhirnrinde nicht auffalten müssen, um all die Informationen zu speichern, die dem Instinkt zuwiderlaufen. Da allein der Mensch mit dem Feuer umgeht, hat nur er das Gen, das während der Embryonalentwicklung die Vermehrung bestimmter Hirnstammzellen und die Faltenbildung zur Vergrößerung der Oberfläche der Großhirnrinde anregt. Dank dieses Gens ist unser Gehirnvolumen dreimal so groß wie das unserer tierischen Verwandten.

Ohne den Umgang mit dem Feuer wären unsere Vorfahren nie auf die Idee gekommen, den Blick in den Himmel zu heben, um dort noch mächtigere Feuer zu entdecken: die Sonne und die Sterne. Es hätte keine Astronomie, keine Mathematik und keine Kalender gegeben, die die Zeit für Aussaat und Ernte bestimmten. Es hätte keine Landwirtschaft gegeben, denn um Landwirtschaft zu betreiben, braucht man nicht nur eine Kenntnis der Jahreszeiten, sondern auch im Feuer geschmiedete Metallwerkzeuge, um den Boden zu bearbeiten.

Es liegt deshalb eine tiefere Wahrheit darin, wenn wir vom Licht des Geistes reden. Oder vom Licht der Vernunft. Oder vom Licht der Aufklärung. Unser Geist ist zutiefst vom Feuer geprägt. Ja, man kann sogar sagen, das Feuer hat unseren menschlichen Geist hervorgebracht. Als Menschen nehmen wir die Welt mit unserem Feuergeist wahr. Wir können gar nicht anders. Deshalb beleuchten wir sogar nachts unsere Städte. Vom Flugzeug aus betrachtet, sehen Städte nachts wie glitzernde Geschmeide aus Gold aus. Oder wie das Abbild unseres Gehirns, mit den Städten als leuchtenden Nervenknoten und den Verkehrswegen als Dendriten und Axonen. Mit den nächtlich beleuchteten Städten setzen wir unserem eigenen Gehirn ein Denkmal. Wo das Licht des Geistes leuchtet, wird keine Nacht mehr sein. So ähnlich steht es schon in der Bibel.

 

Viele haben noch eine Erinnerung daran, dass es nicht immer das Feuer und das Licht waren, die unser Dasein bestimmt haben. Die alten Mythen erzählen davon, dass wir ursprünglich aus dem Wasser kamen. Deshalb gibt es auch viele Redensarten, die mit Wasser zu tun haben: sich wohl wie ein Fisch im Wasser fühlen, jemandem das Wasser abgraben, mit allen Wassern gewaschen sein. Aber der Urknall mit seinem anschließenden Feuersturm hat den Ringstrom Okeanos (Griechenland), das Urmeer Apsu (Sumer) oder den Milchozean (Indien) als Anfang der Schöpfung inzwischen gründlich verdrängt. Kaum jemand denkt den Beginn des Universums noch auf andere Weise denn als Big Bang, und wenn er es tut, wird er verlacht.

Jesus Christus spielt in dieser Geschichte des Lichts eine besondere Rolle. Er ist tatsächlich ein Wendepunkt. Was Jesus Christus bedeutet, lässt sich, grob zusammengefasst, so beschreiben: Vor Jesus Christus wurde das Licht hauptsächlich als Sonne in der Außenwelt verehrt. Die Bronzezeit war die große Zeit der Sonnengötter. Nach Jesus Christus war das Licht mit dem Logos verschmolzen und als Licht des Geistes zur Innenwelt geworden. In Wirklichkeit war das natürlich ein langwieriger Prozess, aber Jesus Christus ist so was wie die personifizierte Zusammenfassung dieses Prozesses: der Kristallisationspunkt. Nicht umsonst sagt Jesus Christus von sich selbst: „Ich bin der Weg und das Licht.“

Wir sind heute der Meinung, dass das Leben auf der Erde ohne das Licht der Sonne nicht möglich wäre. Das ist richtig. Aber ohne die Dunkelheit des restlichen Universums wäre das Leben ebensowenig möglich. Das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, konnte nur im Spannungsfeld von Licht und Dunkel entstehen. Wir tun so, als wäre das Sonnenlicht die Schöpferkraft, dabei entsteht Leben immer im Dunkeln: in den Tiefen des Meeres, in der Erde, im Mutterleib.

Unsere Lichtbesessenheit treibt bisweilen seltsame Blüten. Eine davon ist das Olbersche Paradoxon. Es wird gerne benutzt, um die Endlichkeit des Universums anschaulich zu demonstrieren. Heinrich Olbers (1758-1840) hat sich, wie vor ihm Johannes Kepler, gefragt, warum es nachts eigentlich dunkel ist. Wenn man von einem ewig existierenden, unveränderlichen und unendlichen Weltall ausgeht, müsste man, egal wohin man guckt, überall Sterne sehen, denn die Sterne hätten ja alle Zeit der Welt, ihr Licht überallhin zu schicken. Wenn das Weltall unendlich wäre, müsste der Himmel überall so gleißend hell wie die Sonne sein. Vor lauter Helligkeit könnten wir die Sonne gar nicht mehr erkennen. In diesem Weltall wäre es auch nicht lausig kalt, sondern überall so heiß, dass Leben nicht möglich wäre. Die Schlussfolgerung, die nicht nur Olbers und Kepler, sondern mit ihnen alle Wissenschaftler ziehen, lautet, dass aus diesem Grund das Universum endlich sein muss.

Man könnte auch eine andere Schlussfolgerung aus dieser Geschichte ziehen, nämlich die, dass das Licht endlich ist und irgendwann aufhört zu leuchten oder sich in was anderes, vielleicht (Bio-)Masse, verwandelt. Doch das lässt unsere zutiefst religiös motivierte und deshalb radikalfundamentalistisch zu nennende Lichtbesessenheit offenbar nicht zu. Wir können besser damit leben, wenn das Weltall endlich und das Licht unendlich ist, statt umgekehrt.

Hinweise, dass Licht nicht ewig leuchtet, gibt es genug. Wir selber sind beispielsweise so ein Hinweis. Schließlich definieren wir uns und die ganze Biomasse auf diesem Planeten als umgewandeltes Sonnenlicht. Wenn wir selber absorbiertes Sonnenlicht sind, gibt es ja vielleicht noch andere Absorptionsformen, die Photonen (also Licht) vernichten. Und ja, die gibt es in der Wechselwirkung von Photonen mit Materie durchaus. Trotzdem hält die Wissenschaft an dem Glauben fest, dass Licht im Prinzip unendlich ist und ewig existiert. Man kann sich dann aber schon mal fragen, wie in einem endlichen Universum unendliches Licht entstehen sollte, denn schließlich ist das Licht ja bloß eine Erscheinung innerhalb des Universums. Das ist doch irgendwie bizarr.

Seit Einstein behaupten unsere Wissenschaftler ja auch, dass nichts schneller ist als das Licht. Die Lichtgeschwindigkeit mit annähernd 300.000 km/sec ist ebenso absolut wie Gott. Die Wissenschaftler sagen, für Dinge, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, vergeht keine Zeit. Deshalb kommen sie ja zum Schluss, dass Licht ewig sein muss. Dabei hat Einstein mit dem EPR-Versuch selber gezeigt, dass miteinander verschränkte Teilchen über die Lichtgeschwindigkeit hinaus immer wissen, was das jeweils andere tut. Was verbindet diese Teilchen miteinander, das schneller ist als das Licht? Vielleicht dasselbe Bit? Würde das nicht heißen, dass Information schneller ist als das Licht?

Die Vorstellung vom ewigen Licht und der absoluten Lichtgeschwindigkeit sind religiöse Vorstellungen, die sich aufgrund unserer typisch menschlichen Lichtbessenheit in die ansonsten nüchtern-objektive Weltsicht der Wissenschaft hineingemogelt haben. Wir sind Kinder des Lichts. Deshalb muss das Licht ewig leuchten. Und nicht, weil es das wirklich tut.

Die dritte Geschichte

Der Mensch gibt sich selber viele Attribute: Als homo ist er nicht nur sapiens, sondern auch ludens, technicus, oeconomicus, religiosus. Der Mensch als das lachende oder das weinende Tier, das mit Geist begabte Tier, das spirituelle Wesen, das göttliche Kind. Offenbar genügt es dem Menschen nicht, einfach nur Mensch zu sein.  🙂

Alle diese Zusatzbezeichnungen verweisen auf eine weitere typisch menschliche Eigenheit. Vor allem anderen ist der Mensch ein homo fabulosus: das Wesen, das ohne Geschichten nicht auskommt und deshalb reich an solchen ist. Für den Menschen genügt es nicht, sich in den Kontext einer lebendigen Umwelt eingebettet zu erleben, er muss offenbar zusätzlich in eine Erzählung eingebettet sein. Deshalb ist alles, was der Mensch tut, im Grunde nichts anderes als Geschichten erzählen. Religion und Wissenschaft sind unterschiedliche Erzählkreise, so wie Fantasy, Thriller, Gebet oder wissenschaftliche Abhandlung nichts anderes als verschiedene Erzählformen sind.

In der Regel erzählt sich der Mensch zunächst mal eine Geschichte, in der er selber der Held ist und sich die ganze Welt nur um ihn dreht. Deshalb bettet er notwendig alle anderen Menschen und alle anderen Lebewesen als Objekte (Verfügungsmasse) seines eigenen Heldentums in diese seine persönliche Geschichte ein. Der Mensch kann gar nicht anders. Ein Fisch, der nicht schwimmt, ist kein Fisch. Ein Mensch, der keine Heldengeschichte zu erzählen hat, ist kein Mensch. Normalerweise zerbrechen die individuellen Heldengeschichten irgendwann, was dann als ernsthafte Krise erlebt wird. Eine Depression ist nichts anderes als der Mangel an Fantasie, aus den Scherben seiner zerbrochenen individuellen Heldengeschichte eine neue, noch bessere zu schmieden.

In diesem Zwang, Geschichten zu erfinden, liegt der Bruch zwischen Subjekt und Objekt begründet. Die Notwendigkeit des Erzählens löst den Menschen aus der Wirklichkeit heraus und trennt ihn von der Welt und allen anderen Lebewesen ab. Deshalb kommt man an einen anderen Menschen auch nicht wirklich heran. Er lebt in seinen Geschichten wie der Zellkern in einer Zelle. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass der Mensch im Zentrum jeder Zelle, nämlich im Zellkern, eine Geschichte vermutet. Wenn der Mensch von der DNA als dem Bauplan, der Blaupause, der Information spricht, erzählt er von sich, wie er selber als Mensch in der Welt steht. Um an den Zellkern heranzukommen, muss man die Zelle zerstören bzw. entkernen. Um an einen anderen Menschen heranzukommen, müsste man ihn wie die Zelle entkernen, aber da die Geschichten seinen Wesenskern bilden, bleibt vom Menschen nichts übrig, wenn man ihn seiner Geschichten beraubt.

In vielen spirituellen Wegen geht es angeblich darum, den Menschen in die Wirklichkeit zu holen, das heißt, ihn aus seinen Geschichten herauszuschälen und eben diese Entkernung zu leisten. Das wird Erwachen genannt. Wo dieser Weg bewusst gegangen wird, ist er jedoch zum Scheitern verurteilt, denn in Wahrheit folgt jeder spirituelle Weg ja doch wiederum nur einem Konzept, also einer Geschichte. Auf all den spirituellen Wegen wird also nur eine Geschichte gegen eine andere ausgetauscht. Das ist für viele Menschen durchaus hilfreich und sinnvoll, umso mehr wenn die individuelle Heldengeschichte bereits zerbrochen ist und man mit den Scherben nichts anzufangen weiß.

Spiritualität entpuppt sich also bei näherer Betrachtung nicht als Kontakt mit der Wirklichkeit, wie häufig behauptet wird, sondern als einer von zwei großen Erzählkreisen. Darunter verstehe ich eine bestimmte Art von Geschichten, die gemeinsame Merkmale haben. Was allen spirituellen Geschichten gemeinsam ist, ist die Vorstellung eines Unwandelbar-Ewigen, sei das nun die Seele, der Urgrund, der eigene Wesenskern, Gott, die Einheit, was auch immer. In diesen Geschichten geht es immer um die Überwindung aller Brüche, um Ganzheit, um Vollkommenheit. Für Menschen, deren individuelle Heldengeschichte zerbrochen ist, ist dieser Erzählkreis logischerweise sehr verlockend. Aber auch für Menschen, die sich von vornherein absolut setzen und deshalb glauben, dass das Universum im Grunde genommen mit ihnen identisch ist. Und es stimmt schon: im Zentrum aller Geschichten steht tatsächlich der Mensch. Wenn die Welt nicht so ist, wie sie sein soll, hat das mit dem Menschen zu tun. Das heißt, der Mensch muss sich wandeln, um die Welt zu erschaffen, wie sie sein soll. In diesen Geschichten weigert sich normalerweise der Mensch, der zu werden, der er ist, als der er angelegt ist, und die Folge dieser Weigerung besteht darin, dass es in der Welt Katastrophen, Schmutz, Ungerechtigkeit und Kriege gibt. In religiös-spirituellen Geschichten geht es immer und ausschließlich um die Wandlung des Menschen. Das äußere Paradies folgt dem inneren.

Die Zengeschichte vom Regenmacher bringt diese Haltung auf den Nenner: Da die Ernte von Dürre bedroht und deshalb Hungerzeiten zu erwarten sind, lädt das Dorf einen Regenmacher ein. Dieser verschwindet in der ihm zugewiesenen Hütte, setzt sich auf ein Kissen und rührt sich nicht. Die Dorfbewohner sind in höchster Aufregung, haben sie doch Beschwörungen und irgendeinen Zauber erwartet. Aber nach einer Woche fängt es wirklich an zu regnen. Auf die Frage, wie er das gemacht habe, antwortet der Regenmacher: Ich setzte mich aufs Kissen und brachte mich in Ordnung. Nachdem ich mich in Ordnung gebracht hatte, kam die Hütte in Ordnung. Nachdem die Hütte in Ordnung gebracht war, kam das Dorf in Ordnung. Nachdem das Dorf in Ordnung gebracht war, kamen die Felder in Ordnung. Und als die Felder in Ordnung waren, regnete es.

Deshalb zerren und ziehen religiös-spirituell angehauchte Menschen auch immer an ihren Mitmenschen herum. Die Öko-Bewegung gehört in diesen spirituellen Erzählkreis, in dem gebetsmühlenartig die Wandlung des Menschen gefordert und als Lösung für alle Probleme glorifiziert wird.

Dem spirituellen Erzählkreis steht der wissenschaftliche gegenüber. Diese Geschichten folgen im Grunde genommen dem umgekehrten Muster. Hier geht es darum, die Welt mit Hilfe technischer Errungenschaften in Ordnung zu bringen. Wenn erstmal die Welt in Ordnung gebracht ist, werden wir alle glücklich und zufrieden bis ans Ende unserer Tage leben, wenn es denn überhaupt noch ein Ende gibt und wir nicht mittels technischen Fortschritts und aller möglichen Eingriffe unsterblich geworden sind. Um die Welt in Ordnung zu bringen und uns selber unsterblich zu machen, müssen die Welt und deren Abläufe natürlich zuerst mal verstanden und erklärt werden. Das ist der Kern jeder wissenschaftlichen Forschung und aller wissenschaftlicher Erzählungen.

Die wissenschaftlichen Geschichten erzählen ebenfalls von der Veränderung der Welt durch den Menschen, wobei in diesen Geschichten der Mensch aber aktiv in die Welt eingreift und sie gezielt manipuliert. Nicht das Kissen ist das Werkzeug, sondern der Hammer, der Bagger, die mathematische Formeln, nach denen sich die Welt berechnen und umgestalten lässt. Alles ist Verfügungsmasse menschlicher Manipulationsfähigkeit: Landschaften und Meere ebenso wie das Klima und der Weltraum, Tiere und Pflanzen ebenso wie der Mensch selber. Denn auch vor sich selber macht der Mensch nicht halt. Das Objekt der Manipulation ist in diesen Geschichten nicht die Innenwelt, sondern die äußeren Erscheinungen für sich genommen. So bastelt der Mensch in diesen Geschichten höchst erfolgreich mit Medikamenten, Operationen und dergleichen an seinem Körper inklusive seiner Gehirnaktivitäten herum.

Auch in den wissenschaftlichen Geschichten steht der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der spirituelle Mensch nicht direkt Hand anlegt und sich nicht die Finger schmutzig macht. In den spirituellen Geschichten wirkt der Mensch, in den wissenschaftlichen macht er.

Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist, dass weder die Welt noch der Mensch oder wahlweise die Menschheit so bleiben können, wie sie sind, sondern unbedingt verändert werden müssen. Das geschieht entweder durch Wirken oder Machen. Der Unterschied liegt also lediglich in der Wahl der Methode. Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist außerdem, dass die Veränderung immer und ausschließlich durch den Menschen geschieht. Der Mensch kann sich offenbar nicht einer wie auch immer gearteten Dynamik überlassen, sondern muss sie in irgendeiner Weise gestalten. Selbst Jesus fordert die Umkehr und Gott den Glauben. Wenn der Mensch nicht an Gott glaubt, kann nicht einmal Gott wirken oder machen.

Hinter all diesen Erzählungen, den spirituellen wie den wissenschaftlichen, wird also ein Wesen sichtbar, das zutiefst unglücklich und unzufrieden ist, denn wer glücklich und zufrieden ist, muss nichts verändern, muss weder wirken noch machen. Wer glücklich und zufrieden ist, lebt einfach vor sich hin. Wie das geht, machen Tiere uns ständig vor.

Hinter all diesen Erzählungen wird zudem ein Wesen sichtbar, das sich absolut setzt und außer sich selbst nichts anderes gelten lassen kann. Der, die oder das Andere wird verleugnet. Der, die oder das Andere hat nur ein Existenzrecht, wenn es Teil von einem selbst ist. Es wird ein Wesen sichtbar, das nur existieren kann, wenn es alles Andere vereinnahmt. Es ist getrieben von dem Zwang, die Welt zu begreifen, zu erklären und damit unter sich zu subsumieren.

Wenn einzelne Menschen wie Otto Müller oder Frieda Maier sich so zwanghaft verhalten, sich absolut setzen und keine Anderen gelten lassen, sich also für Gott halten, nennt man das Größenwahn. Wenn sie es in ihrem Wahn übertreiben, landen Otto Müller und Frieda Maier in der Psychiatrie. Meistens stellt sich dann heraus, dass sich hinter dem Größenwahn panische Ängste und Minderwertigkeitsgefühle verbergen.

Wenn an die Stelle von Otto Müller oder Frieda Maier der Mensch als Abstraktum oder die Gesamtheit aller Menschen tritt, ist das allerdings auch nichts anderes. Es ist nur ein verlagerter Größenwahn.

So offenbart sich der Mensch in all seinen Erzählungen als unglücklich, unzufrieden, größenwahnsinnig und von panischen Ängsten beherrscht.

Die dritte Geschichte befasst sich nun eben genau damit und stellt die Frage, wie es kommt, dass der Mensch zwanghaft Geschichten erzählen muss, die ihn permanent als unglücklich, unzufrieden, angstgetrieben und größenwahnsinnig entlarven. Es ist sozusagen eine Metageschichte, die auf der Basis der beiden vorliegenden Erzählkreise erzählt wird. Eine Geschichte über die menschlichen Geschichten. Das ist es, was ich hier versuche. Ich suche in diesem Blog nach einer Metageschichte. Die Geschichte des Menschen, der sich mit dem Feuer eingelassen hat, ist als eine solche Metageschichte zu verstehen.

Mystischer Wind

Es war der Wind, der heftig ums Haus fegte und sich von Minute zu Minute immer mehr zu einem regelrechten Sturm auswuchs, der unser ganzes, sonst so felsenfest stehendes Haus erschütterte. Und tatsächlich stand am nächsten Tag in der Zeitung, dass genau um vier Uhr nachts ein Sturm mit Rekord-Geschwindigkeiten von bis zu 185 Kilometern in der Stunde über Boulder hinweggefegt sei … Das Zittern und Rappeln des ganzen Hauses jedenfalls verstärkte das Gefühl, dass etwas sehr, sehr Ungewöhnliches hier seinen Lauf nahm … Genau fünf Minuten nach Treyas Tod sagte Warren: „Horch, hört euch das an.“ Der Sturm hatte sich völlig gelegt, und es herrschte Stille. Auch das stand am nächsten Tag in der Zeitung, mit der exakten Zeitangabe. … Die Alten sagen: „Wenn eine große Seele stirbt, gebärden sich die Winde wie wild.“
(Wilber, Ken: Mut und Gnade, Auszüge aus S. 433-437).

Als ich irgendwann noch vor der Jahrtausendwende Wilbers Erzählung über die Krebserkrankung und den Tod seiner Frau las, habe ich dem oben Zitierten wenig Bedeutung beigemessen. Wilbers Bemühungen, seiner verstorbenen Frau und sich selbst eine spirituelle Bedeutung zu verleihen, überschatten diese fast wie nebenbei erzählte Episode. Trotzdem habe ich diese Sache mit dem Wind nicht vergessen und mich dieser Tage wieder daran erinnert. Ich kann die von Wilber gemachte Erfahrung bestätigen. Zwischen dem Tod eines nahestehenden Menschen und dem Wind gibt es einen Zusammenhang. Das ist rätselhaft, unerklärlich und trotzdem nicht zu leugnen. Es muss nicht gleich ein Sturm sein, ein deutlich spürbarer Wind tut es auch, und dieser Wind hat etwas Magisches. Magisch nicht im Sinne von irgendwelchem Brimborium, das Menschen veranstalten, um das Schicksal zu ihren Gunsten zu beeinflussen, sondern magisch in dem Sinne, dass die Wirklichkeit und die Wahrheit dieser Wirklichkeit in der Präsenz des Todes deutlicher gefühlt und wahrgenommen werden können, als dies normalerweise im Alltag geschieht. Wo immer ein Mensch stirbt, mit dem man in einer engen Verbindung stand, lüftet das Geheimnis des Lebens für einen kurzen Moment seinen Schleier.

Die Menschen tun alles, um der Begegnung mit dieser Wirklichkeit auszuweichen. Staunend beobachte ich, wie eine aufeinander abgestimmte Trauer- und Betroffenheitsindustrie die Hinterbliebenen vereinnahmt und rund um die Uhr beschäftigt, sie mit Talmi und Kitsch überschüttet, mit falschen Gefühlen überfährt und ihnen dabei das Geld aus der Tasche zieht. Auch das katholische Beerdigungsritual mit seinem ständigen Kreisen um Schuld, Vergebung, Verlust und Schmerz ist so ausgelegt, dass es die Wahrnehmung der Wirklichkeit zielsicher verhindert. Am Grab war dieser seltsame Wind, wenn auch in abgeschwächter Form, noch einmal wahrzunehmen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass kaum einer etwas davon gemerkt, geschweige denn einen Zusammenhang zwischen Tod und Wind hergestellt hat. Stattdessen beten die Versammelten Rosenkränze, lauschen der Salbaderei des Pfarrers, zählen die Blumensträuße, berauschen sich an ihrer eigenen Rührseligkeit oder vermerken, wer sich persönlich aufgerafft hatte, dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.

Je größer die Seele, desto stärker muss der Wind sein, der sie davonträgt, sagt Ken Wilber. So denke ich selber nicht. Ich glaube nicht, dass eine Seele davongetragen wird, ebensowenig wie ich an die Mund-zu-Nase-Beatmung glaube, mit der Gott den Klumpen Erde zum Leben erweckt. Gott und Seele sind Versuche des menschlichen Geistes, dem Sein oder vielleicht besser dem Dao die eigenen Züge aufzudrücken, das Dao auf unzulässige Weise zu vermenschlichen. In meiner Erfahrung gibt es weder Gott noch diese Art von Seele, wie sie die Religionen uns vermitteln wollen. Dieser Wind, wie ich ihn wahrgenommen habe, trägt keine persönlichen Züge. Er ist weder Transportmittel für eine Seele noch sonstwie Mittel zum Zweck. In meiner Wahrnehmung ist der Wind wesentlich, während Gott und die Seele Erfindungen eines Erzählers sind, der letztendlich bloß auf sich selbst verweisen will.

Ich weiß nicht, was passiert, wenn ein Mensch stirbt. Es ist rätselhaft. Es ist schön. Es ist stimmig. Es stellt auf einer tiefen Ebene Zufriedenheit her. Vielleicht wäre es am besten, überhaupt nicht weiter drüber nachzudenken. Aber als Mensch stehe ich ja in dem Dilemma, das ich das eben nicht lassen kann. Nichts jedoch ist grotesker und falscher, als den natürlichen Tod in seiner Fantasie mit Schrecken und Gewalt zu verbinden. Das Erschrecken hat nur da seine Berechtigung, wo der Tod unnatürlich ist oder wo er verhindert und hinausgeschoben wird.

Im 6. vorchristlichen Jahrhundert, als man sich den Kosmos noch als belebt vorstellte, sah Anaximenes im Pneuma (Wind, Atem) das Lebensprinzip: „Ebenso wie unsere Seele, welche Luft ist, uns mit ihrer Kraft zusammenhält, so umfasst auch den ganzen Kosmos Wind.“ Bei Anaximenes sind Wind und Seele keine zwei verschiedenen Entitäten, sondern identisch miteinander. Gegenüber dem, was Wilber vertritt, erscheint mir die Sichtweise von Anaximenes als die richtigere. Wind und Seele sind nicht zweierlei, es gibt nichts, das vom Wind davongetragen wird. Wohin denn auch?, müsste man sich dann nämlich als nächstes fragen, und genau solche Fragen sind es, die den menschlichen Geist vom Wesentlichen fortreißen und ihn ablenken.

Ich muss an die tibetischen Gebetsfahnen denken, die Schluchten überspannen oder auf Bergkämmen wehen. Hier sind es die Gebete auf den Fahnen, die vom Wind fortgetragen werden. Mit den Fahnen wird auf die Heiligkeit des Windes aufmerksam gemacht, wird der Wind verehrt. Diese Fahnen in der Natur zu sehen, ist schön. Es ist stimmig. Es stellt auf einer tiefen Ebene Zufriedenheit her. In den Gebetsfahnen berühren sich das Geheimnis des Todes, das Geheimnis des Lebens und das Geheimnis der Natur. Das hat weder mit Buddhismus noch mit Tibet zu tun. Es hat damit zu tun, wie die Welt wahrgenommen wird.

In der Stoa hat man sich Pneuma als stoffliches und geistiges Prinzip vorgestellt, das den gesamten belebten Kosmos durchdringt und ihn organisiert. An dieser Vorstellung gefällt mir, dass Materie und Geist miteinander identisch sind und nicht das Eine bloß der Träger oder das Gefäß vom Anderen. Was mir nicht gefällt, ist das hierarchische Denken, das sich hier, wenig überraschend, wieder mal Bahn bricht. Der Wind ist mehr als das Wasser, das Feuer oder die Erde. In unserem modernen Denken haben wir Feuer und Licht über alles andere gestellt. Es gibt auch Mythen wie die vom Weltenstrom, in denen Wasser die überragende Bedeutung spielt. Es geht jedoch nicht darum, dass ein Element das andere dominiert oder gar hervorbringt. Es geht um das Zusammenspiel der Elemente, nicht um Dominanz, Macht oder Hierarchie. Vielleicht findet sich in der alten Elementenlehre doch mehr Weisheit als in der modernen Physik, wenn man das Hierarchische mal einfach weglässt.

Mit dem ersten Schrei beginnt das Leben und es endet mit dem letzten Atemzug. Mit der Entfaltung der Lunge verbinden sich die Elemente zum Tanz, im letzten Atemzug verbeugen sie sich noch ein letztes Mal voreinander. Luft scheint das erste Element zu sein, das sich aus dem Tanz verabschiedet, in der Folge gehen auch die anderen Elemente wieder auseinander und der Körper zerfällt. Ich stelle mir vor, dass sich dieser Vorgang auf zahllosen Ebenen wiederholt: auf der Ebene, die wir als Lebenswelt empfinden, ebenso wie auf der Ebene der Organe, Zellen, Moleküle oder Atome.

Das Wesentliche ist das Zusammenspiel, nicht die Spieler, denn auch die Spieler selber sind wieder nur Zusammenspiel. Es ist ein Tanz auf vielen Ebenen, in vielen Dimensionen.

Auf dem Weg zum Chemitarier

Neulich hat mein Supermarkt mich mit einem neuen Arrangement überrascht: eine zusätzliche Regaleinheit, die im weitesten Sinne Gesundheitsprodukte enthält, hat das bisherige, schon recht umfangreiche Angebot noch einmal erweitert. Gesundheitsprodukte sind Vitamine aller Art, Mineralstoffe, Antioxidantien, Kiesel-, Linol- und sonstige Säuren, Salze, basische Stoffe, Co-Enzyme, und sie versprechen ihren Käufern schöne Haut und glänzende Haare, eine bessere Verdauung, die perfekte Figur, entspannten Schlaf, mehr Leistungskraft, Muskelaufbau und was weiß ich nicht noch alles. Diese Mittel gibt es bevorzugt in Form von Pillen, Kapseln, Dragees, Pulver, Tees und Brausetabletten. Sie werden nicht nur im Supermarkt und im Einzelhandel angeboten, sondern ebenso in Bio-Läden, nur dass sie dort eben „biologisch“ hergestellt werden. Reformhäuser verkaufen fast nichts anderes. Auf diesem Markt der frei verkäuflichen Gesundheitsprodukte werden Milliardenumsätze getätigt. Es ist ein Markt mit enormen Wachstumszahlen. Für ihre Gesundheit geben immer mehr Menschen immer mehr Geld aus.

Von der Medizin, den Apotheken und der Pharma-Industrie will ich hier gar nicht erst groß reden, denn das wäre ein Thema für sich. Nur so viel, dass dieser Komplex uns systematisch an synthetisch hergestellte Produkte gewöhnt. Schon in jungen Jahren wird für den modernen Menschen die Einnahme von Pillen zur Selbstverständlichkeit. Ich kenne fast niemanden über 50, der nicht regelmäßig irgendwelche Medikamente schluckt.

Hier passiert schleichend eine tiefgreifende Veränderung, die insgesamt wenig beachtet wird. Wir gewöhnen uns daran, in unsinnlichen, unanschaulichen, abstrakten Begriffen von unserem Essen zu denken. Wir reden immer weniger von Äpfeln, Radieschen und Brezeln, dafür umso mehr von Vitaminen, Fettsäuren, Hormonen, Eiweißen und Kohlehydraten und genau das wird auf die Verpackungen außen auch aufgedruckt. Entsprechend verwandeln sich allmählich die Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, in Pillen, Pasten und Tabletten. Zunehmend verdrängt die chemisch-synthetische Form die natürliche. Da wir am Gewohnten hängen, vollzieht sich diese Umorientierung allerdings recht langsam, scheibchenweise und über mehrere Generationen hinweg.

Wenn wir Wörter wie „Äpfel“ oder „Brezeln“ hören, verbinden sich damit in der Regel anschauliche Vorstellungen und Erinnerungen, die oft genug sogar körperliche Reaktionen auslösen. Manchmal läuft einem schon, allein wenn man ein bestimmtes Wort hört, das Wasser im Mund zusammen. Man glaubt, den Duft förmlich zu riechen, den Geschmack auf der Zunge zu spüren. Nichts davon trifft auf die Begriffe zu, die ein Lebensmittel auf seiner chemischen Basis beschreiben. Begriffe wie „Vitamin“ oder „Enzym“ lösen nur eine vage Vorstellung davon aus, dass die Einnahme der entsprechenden Produkte irgendwie gesund sein soll. Das liegt daran, dass Vitamine, Enzyme, Fettsäuren, Kohlehydrate nichts Wesenhaftes sind, sondern chemische Zusammensetzungen, die sich nur durch die Elemente gemäß dem Periodensystem voneinander unterscheiden. Und Elemente im Periodensystem wie Wasserstoff, Sauerstoff, Eisen, Kupfer unterscheiden sich letztendlich nur durch die Zahl der Elektronen und die Zahl der Protonen und Neutronen im Atomkern voneinander. Es ist ein rein numerischer Unterschied. Zahlen haben es an sich, dass sie so abstrakt sind, dass sie sich beliebig auf alles anwenden lassen, Zahlen wohnt absolut nichts Wesenhaftes inne.

Es gibt zwei Verfahren, Lebensmittel zu designen: entweder werden natürliche Lebensmittel denaturiert oder sie werden gleich synthetisch hergestellt. Als ich mit meinen Überlegungen soweit war, fiel mir auf, dass im Grunde genommen sämtliche Nahrungsmittel in meinem Supermarkt zumindest denaturiert sind: das reicht von Milchprodukten wie fettarmem Joghurt oder Vollmilch bis zu den Konserven und Nudeln. Nichts davon ist so, wie es in der freien Natur vorkommt. Und selbst Gemüse, Kartoffeln und Früchte sind nicht naturbelassen, sondern werden gedüngt, mit Herbiziden und Pestiziden geschützt, in Hydro- und Monokulturen gezüchtet. Natürlich sind Pflanzengemeinschaften aus verschiedenen Arten, deren Wurzelwerk unter der Erde so miteinander verflochten und mit Bakterien und Pilzen besiedelt ist, dass man nicht genau sagen kann, wo eine Pflanze aufhört und eine andere anfängt. In keinem Laden und auf keinem Markt der Welt gibt es wirklich Naturbelassenes zu kaufen.

Man kann zudem beobachten, dass der Anteil an sogenanntem Convenience Food, also an vorgefertigten Lebensmitteln, bei denen der Nahrungsmittelhersteller bestimmte Be- und Verarbeitungsstufen übernimmt, in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen hat. Das geht von Fertiggerichten über Tiefkühlpizza bis hin zu bereits gewaschenem und gezupftem Salat.

Außer Religion und Feuernutzung gibt es also einen weiteren grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier: der Mensch verändert seine Nahrungsmittel, bevor er sie verzehrt. Das hat schon vor Hunderttausenden von Jahren angefangen, als der Mensch das Kochen und Braten entdeckte. Das Verändern von Nahrungsmitteln ist keine Erfindung des Homo sapiens, sondern umgekehrt ist der Homo sapiens das Ergebnis stark veränderter Essgewohnheiten.

Parallel zu den kontinuierlichen Veränderungen, die in unseren Supermärkten stattfinden, läuft eine andere Entwicklung, die sich ebenfalls intensiv mit unserer Nahrung befasst. In meiner Jugend war es in bestimmten Kreisen schick, Vegetarier zu sein. Damals überschwemmten vegetarische Kochbücher den Markt und die ersten vegetarischen Restaurants erschienen auf der Bildfläche. Dieser Trend zum Vegetarismus war in aller Regel mit der Öko-Bewegung verknüpft und häufig spirituell angehaucht. Entsprechende Vorbilder gab es in der östlichen, vor allem indischen Spiritualität, dem Yoga, und natürlich im Buddhismus, der dank des 14. Dalai Lama im Westen eine neue Blütezeit erlebte.

Der vegetarische Mensch galt als reiner, bewusster, mitfühlender, spirituell weiter entwickelt als der Fleischesser, der rücksichtslos das grausame Töten von Tieren in Kauf nimmt, nur um sich genüsslich einen Fettwanst anzufressen. Man erkannte im Tier das leidende Mitgeschöpf, das ebenso wie der Mensch leben will, und stellte zudem meist falsche Berechnungen an, dass die vegetarische Lebensweise die einzige Möglichkeit wäre, um die zunehmende Weltbevölkerung zu ernähren.

Hinter der vegetarischen Lebensweise steckte häufig genug auch der spirituelle Traum vom unsterblichen Lichtwesen, das zu seiner Existenzerhaltung nur noch Licht bzw. reine Energie benötigt. Es ist eine Form magischen Denkens, dahingehend, dass man glaubt, durch den Verzicht auf jegliches Töten selber der Unsterblichkeit näher zu kommen. Andererseits ist dieser spirituelle Traum eine Absage nicht nur an den Körper mit seinen Zähnen und Verdauungsorganen, seinen Ausscheidungen, seinem Altern und seinen Krankheiten, sondern überhaupt eine Absage an die Natur und das Leben, das ohne Stoffwechsel nun mal nicht funktioniert. Der natürliche Stoffwechsel beinhaltet den Tod als Notwendigkeit, schließlich lebt ja eins vom anderen. Wer leben will, muss töten, lautet die Formel für Mensch und Tier. Doch nicht mal Pflanzen ernähren sich ausschließlich von Sonnenlicht und Wasser, sondern brauchen für ihr Gedeihen zusätzlich den Humus, der aus abgestorbenen Pflanzen und einer Mikrowelt aus Bakterien und Pilzen besteht.

An die Stelle des Vegetariers meiner Jugend ist heute der Veganer getreten, der gleich auf jegliche Nutzung von Tieren verzichtet, außer auf die, die in Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln so gut versteckt ist, dass sie schon nicht mehr auffällt. Denn wenn die Veganer auch lieber auf synthetischen als auf Daunenkissen schlafen und Fleecejacken statt Wollpulli tragen, so verzichten sie doch nicht auf den medizinischen Fortschritt und auf all das, was als gesundheitsfördernd gilt, selbst wenn dieser Fortschritt mit Tierversuchen erkauft worden ist. Im Unterschied zum Vegetarier meiner Jugend ist der moderne Veganer synthetischen Produkten gegenüber jedoch viel aufgeschlossener und insgesamt technikfreundlicher eingestellt.  Vom Veganer zum Chemitarier ist der Weg nicht mehr sehr weit.

Ein Chemitarier ist meiner Definition nach ein Mensch, der auf chemischer Basis erzeugte, synthetische Nahrung natürlichen Lebensmitteln vorzieht. Ein Chemitarier ernährt sich also bewusst und mit guten Gründen lieber von Pillen, Pulvern, Kapseln, Pasten, Brausetabletten und Tees als von Fleisch und Gemüse. Es fehlt ihm auch nicht an guten Gründen für seine Entscheidung: zum einen kann er die Nährstoffzufuhr mit synthetischen Produkten weitaus gezielter als mit herkömmlicher Ernährung steuern und so seinen Bedarf akkurat abdecken. Bei dieser Art von Ernährung gibt es weder Mangel noch Verschwendung. Der Chemitarier nimmt auch keine Giftstoffe zu sich, was bei der heutigen Ernährungsweise so gut wie unvermeidlich ist. Bei konventionellen, mit Herbiziden und Pestiziden behandelten Erzeugnissen sowieso, aber auch der Bio-Anbau hat seine Tücken, beispielsweise ist hier die Verkeimung ein Problem. So nehmen seit 2001 die EHEC-Infektionen kontinuierlich zu, 2011 gab es gar eine durch verkeimte Sprossen ausgelöste Epidemie, an der in Norddeutschland 855 Menschen am Hämolytisch-Urämischen Syndrom erkrankten, wovon 53 starben. Wer sich synthetisch ernährt, braucht überdies keine Küche mehr und spart eine Menge Zeit, die ansonsten mit Kochen und Geschirrspülen verschwendet wird. Und last, not least tut der Chemitarier seiner Umwelt und dem Klima einen geradezu gigantischen Gefallen. Man stelle sich nur mal vor: rund 1,4 Milliarden Hektar Ackerfläche können an die Natur zurückgegeben und wieder aufgeforstet werden, wenn der Nährwert von Getreide, Reis, Soja, Kartoffeln, Fleisch und Gemüse in synthetisierter und komprimierter Form in Chemiefabriken hergestellt wird.

In der Geschichte der Menschheit lassen sich drei Entwicklungsphasen ausmachen. Zu jeder Phase gehört eine Technik oder eine technische Erfindung, die zu einem Paradigmenwechsel führt. Außerdem eine neue Art der Kommunikation, um die Abläufe im jeweilig neuen Paradigma zu organisieren. Und als drittes Element gehört zu jeder Phase eine tiefgreifende Veränderung der Ernährung und der Essgewohnheiten.

In der 1. Phase lernte der Frühmensch das Feuermachen und begann sich mittels Sprache zu verständigen, die weit über bloße Warn- und Grunzlaute hinausging. In dieser Phase löste das Kochen und Braten von Fleisch, Fisch und Gemüse die bisherige Rohkost ab. Da gebratenes und gekochtes Fleisch länger haltbar war als rohes, wurde die Jagd auf größere Tiere interessanter, der Fleischanteil in der Nahrung nahm entsprechend zu. Der Mensch war Jäger und Sammler.

In der 2. Phase begann der Mensch, mit Hilfe des Feuers Metall zu verarbeiten und Keramik herzustellen, was zur Sesshaftwerdung und Gründung von Städten führte. Um das frühe Stadtleben, die neu entstandenen Berufe und den Handel zu organisieren, erfand der Mensch die Schrift. Tiere wurden von jetzt an in Herden gehalten und Getreide und Früchte wurden angebaut und durch Selektion auf ihren Nährwert hin kontinuierlich verbessert. Der Mensch war Viehzüchter und Bauer.

In der 3. Phase, in der wir uns gerade befinden, löste die Erfindung der Dampfmaschine und des Verbrennungsmotors die Industrielle Revolution aus, und seither prägen industrielle Fertigungsprozesse unser Leben bis in die industrielle Nahrungsmittelproduktion und industrielle Landwirtschaft hinein. Die neue Kommunikationstechnik besteht in der Erfindung von Computern, der maschinellen Verarbeitung von Schrift und Sprache, mit einer umfassenden Digitalisierung sämtlicher Prozesse unseres Lebens. Die Ernährung wandelt sich vom Anbau zur Konstruktion von Lebensmitteln. Dazu gehört Gentechnik ebenso wie alle möglichen chemischen Verfahren. Der Mensch ist Lebensmitteldesigner.

Es ist noch nicht entschieden, wie die Änderung der Ernährung sich in der Realität konkret vollziehen wird. Noch sind wir mitten drin in der Entwicklung. Es kann durchaus sein, dass wir uns in eine neue Lebensform hineinentwickeln, die in ein paar tausend Jahren tatsächlich ohne Stoffwechsel auskommen und sich ausschließlich von synthetischen Produkten oder Energie ernähren wird. Möglich, dass der spirituelle Traum vom Lichtwesen schließlich auf diese chemische Weise in Erfüllung geht, werden doch alle spirituellen Träume stets auf technischem Weg verwirklicht. Es kann allerdings auch sein, dass dieses Projekt der Evolution namens Mensch vorzeitig zu einem Ende kommt und/oder an sich selbst scheitern wird. Es ist auch möglich, dass der Mensch zuguterletzt doch seine biologische Grundlage mit Stoffwechsel und Sterblichkeit als die glücklichere Lösung empfindet und sich dafür entscheidet.

Angesichts der Vielzahl der Vorzeichen halte ich es jedoch für wahrscheinlich, dass sich die Menschheit in absehbarer Zeit nur noch von synthetisch hergestellten Produkten ernähren wird. Aber bis dahin lasse ich mir mein Schnitzel und meine Pizza schmecken, mit einem Glas Rotwein zur Abrundung des Geschmackserlebnisses. Prost Mahlzeit!

Das Anti-Daodejing

Ein wundervoller Text, der in fünfzehn Zeilen alles Wissenswerte sagt, ist der erste Aphorismus im Daodejing von Laozí:

Das Dao, das sich aussprechen lässt,
ist nicht das ewige Dao.
Der Name, der sich nennen lässt,
ist nicht der ewige Name.
„Nichtsein“ nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
„Sein“ nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

Wenn Laozí vom Sein und Nichtsein spricht, stellt er dem Leser zwei Richtungen vor, in die der Mensch schauen kann: das Eine ist die mystische Innenschau, das Andere die wahrnehmende Außenschau. Laozí sagt, dass beide Arten des Schauens ähnlich wie verschränkte Teilchen zusammengehören. Sie entstehen miteinander, bedingen sich gegenseitig und sind ohne einander unvollständig und einseitig. Die mystische Innenschau bedeutet Vereinheitlichung, also das Auflösen von Unterschieden. Die wahrnehmende Außenschau ist gleichbedeutend mit dem Erkennen von Unterschieden. Die beiden Richtungen des Schauens laufen diametral auseinander und können deshalb nicht ineinander überführt werden. Aus dem Geheimnis der Einheit geboren, driften die beiden Arten des Schauens voneinander weg. Die beiden Richtungen des Schauens sind absolut gleichwertig. Es gibt hier weder richtig und falsch noch über- oder untergeordnet.

Was nun aber passiert, wenn Menschen über das Sein und Nichtsein nachdenken, ist, dass sie bloß eine Schau für die wahre halten und die andere deshalb entweder zur Illusion, zum Abbild oder zum Ausdruck der anderen erklären. Im Grunde wird nur eine von zwei Arten des Schauens zugelassen.

Die Esoteriker behaupten, dass die mystische Innenschau die wahre ist und die wahrnehmende Außenschau bloß ein Spiegel, ein illusionäres Abbild dieser inneren Wahrheit darstellt. Die Wissenschaftler behaupten das Gegenteil, nämlich dass die mystische Innenschau Einbildung ist und allein die wahrnehmende Außenschau die objektive Wahrheit. Diese Unterteilung in Esoteriker und Wissenschaftler ist natürlich eine sehr grobe. Es gibt in beiden Lagern auch eine Menge Leute, die den Spagat zwischen den beiden Wahrnehmungsweisen versuchen. Einige sehen die Philosophie, andere die Vernunft als Instanzen, die beide Sichtweisen harmonisch vereinen können und nehmen an, dass der Mensch durch diese Vereinigung zu wahrem Wissen über die Welt gelangen kann.

Häufig versuchen die Vertreter der einen Sichtweise jedoch, die Vertreter der anderen niederzumachen. Dieses Niedermachen des jeweils Anderen, um sich selber als der Gescheitere, Bessere oder Erleuchtetere fühlen zu können, scheint in vielen Diskussionen das offensichtlichere Motiv als die Suche nach einer wie immer gearteten Wahrheit. So werden die jeweiligen Sichtweisen zu den Keulen, mit denen man aufeinander eindrischt. Sowohl hinter dem empirischen Wissen der Wissenschaftler wie auch hinter dem mystischem Wissen der Esoteriker verbirgt sich ein Herrschaftsanspruch, verbirgt sich Übergriffigkeit, die aus dem Anspruch resultiert, Einfluss auf das Leben von Anderen zu nehmen und dem eigenen ICH dadurch mehr Gewicht zu verleihen.

Weder die eine noch die andere Art des Schauens kann für sich genommen bestehen. Sie existieren nicht unabhängig voneinander. Beide Arten des Schauens zusammengenommen, versetzen uns aber nicht die Position, etwas über die Welt aussagen zu können. Sie vermitteln kein Wissen und schon gar kein Herrschaftswissen, sondern münden im Nicht-Wissen, das Laozí „Geheimnis“ nennt:

In seiner Einheit heißt es das Geheimnis
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

Der Begriff Bewusstsein bezeichnet im engeren Sinne nur, dass beide Richtungen des Schauens zu Gedanken verarbeitet werden, die man kommunzieren und mit anderen teilen kann. Im weiteren Sinne bezeichnet Bewusstsein, dass beide Arten des Schauens achtsam gepflegt werden. Unbewusst ist ein Mensch, wenn er des Schauens nicht mächtig ist, beispielsweise, wenn das wunderbare Wesen im Inneren verschüttet ist oder er die Außenwelt nicht so wahrnimmt, wie sie ist. Wahn, Gier, Sucht, Abgestumpftheit und dergleichen mehr beeinträchtigen die Bewusstheit.

Schauen ist immer passiv und weder aktiv noch schöpferisch. Deshalb ist auch Bewusstsein oder Bewusstheit nicht schöpferisch im Sinne von Wirklichkeit erschaffend. Ein bewusster Mensch ist nur in der Lage, über die Wirklichkeit zu reflektieren, sie in Gedanken oder Kunstwerke zu gießen. Heute wird gerne gesagt, dass Bewusstsein die Wirklichkeit erschafft. Oder dass Geist die Materie kreiert. Das ist falsch. Der Irrtum besteht darin, Bewusstsein für das Geheimnis zu halten. Schöpferisch ist des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis, und das kann nicht geschaut werden. Und schon zweimal nicht mit einem Begriff benannt werden.

Bewusstsein mit der Einheit aus Sein und Nichtsein zu verwechseln und hierin die schöpferische Kraft oder den schöpferischen Akt zu sehen, passiert dann, wenn unbedingt eine höchste Einheit konstruiert und benannt werden muss. Etwas, das nach den Worten von Laozí überhaupt nicht geht. Die Konstruktion einer höchsten Einheit durch einen Begriff, unter dem Sein und Nichtsein gleichermaßen subsumiert werden, hat immer etwas mit dem weiter oben bereits erwähnten Herrschaftsanspruch zu tun.

Die Konstruktion einer benennbaren höchsten Einheit hat zur Folge, dass eins von beiden, Sein oder Nichtsein, zur Ursache des jeweils Anderen erklärt werden muss. Die Esoteriker erklären das wunderbare Wesen (die Vereinheitlichung) zur Ursache der räumlich begrenzten Einzelwesen. Für den Esoteriker kommt alles aus einer wie auch immer gearteten Einheit, die wahlweise Gott, Geist oder Gesamtbewusstsein genannt wird. Der Wissenschaftler erklärt die kleinsten Teilchen (Atome, Quanten, Wellen), aus denen die Einzelwesen sich angeblich zusammensetzen, zur Ursache auch aller geistigen Phänomene, zu denen eben auch das wunderbare Wesen gehört. Der Wissenschaftler sucht nach dem allen Einzelwesen Gemeinsamen und fragmentiert die Wirklichkeit dabei immer mehr, bis sie in Atomen, Quanten und Wellen schließlich ganz verschwindet.

Durch die Konstruktion eines übergeordneten Gesamtbegriffs (wie Gott, Gesamtbewusstsein) werden das wunderbare Wesen der Innenschau und die räumlich begrenzten Einzelwesen der Außenschau durch eine Ursache-Wirkungs-Relation miteinander verknüpft. Das ist falsch. Das wunderbare Wesen, das sich in der Innenschau zeigt, bringt nämlich nicht die sinnlich erfahrbaren Einzelwesen hervor, ebensowenig wie die Summe der Einzelwesen als Gemeinsames das wunderbare Wesen hervorbringt.

Innen- und Außenschau gehören zusammen wie verschränkte Teilchen. Das Schauen selbst ist schon als Dichotomie zu verstehen und deshalb widersprechen sich die beiden Arten des Schauens. Es handelt sich um ein Gegensatzpaar. Die Sichtweisen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Der Widerspruch ist nicht aufzulösen, indem man eins davon zum Absoluten und das andere zur Illusion (oder zum Abbild) erklärt. Oder eins zur Ursache und das andere zur Wirkung.

Sowohl der Wissenschaftler wie der Esoteriker versuchen beide, die Welt unter eine Formel oder einen Begriff zu bringen. In diesem Streben sind sie sich einig. Sowohl dem Wissenschaftler wie dem Esoteriker geht es also vor allem um Macht und Herrschaft. Es geht beiden darum, anderen Leuten zu erklären, wie sie die Welt zu erfahren haben. Alle Menschen sollen in der wahrnehmenden Außenschau das erfahren, was die Wissenschaft herausgefunden zu haben glaubt. Alle Menschen sollen in der mystischen Innenschau dasselbe erfahren wie der angebliche Mystiker. Alle Wahrnehmungen und inneren Erfahrungen werden damit standardisiert und in eine Norm gepresst. Wie es sich für den sich derzeit herausbildenden Massenmenschen in seiner Ichlosigkeit und seinem Schwarmverhalten ja auch ziemt. Fatal wird es, wenn esoterisch angehauchte Wissenschaftler wie Hans-Peter Dürr oder C.F. von Weizsäcker oder wissenschaftlich interessierte Esoteriker ihren Herrschaftsanspruch sowohl über die Innen- wie über die Außenschau der Anderen geltend machen. Wenn also eine Gruppe sich anmaßt, den anderen Menschen zu sagen, was sie wahrzunehmen, zu denken und zu fühlen haben. Das ist ein neuer Totalitarismus, den wir in der Menschheitsgeschichte bis jetzt noch nicht ausprobiert haben.  Es ist die Verkehrung des Daodejing. Das Anti-Daodejing.