Im Bann des Lichts

Wenn ein Kind geboren wird, sagt man, dass es das Licht der Welt erblickt. Am Lichterfest Weihnachten freuen wir uns über ein strahlendes Lächeln und über leuchtende Kinderaugen. In der Pubertät pflegt ein junger Mensch fürs andere und manchmal auch fürs eigene Geschlecht zu entflammen. Dann brennt er vor Sehnsucht und Begeisterung oder glüht vor Leidenschaft und Liebe. Manchmal entbrennt der Mensch auch in Wut oder Hass. Bisweilen hält er flammende Reden. Hin und wieder geht dem Menschen ein Licht auf, das er tunlichst nicht unter seinen Scheffel stellt. Anderen sollte man ein Feuer unterm Hintern machen oder Zunder geben. Wer kein großes Licht ist, hat oft nicht mal einen Funken Verstand. Es gehört sich nicht, andere hinters Licht zu führen. Wenn nach achtzig oder neunzig Jahren der Lebensfunke erlischt, fährt das lichtscheue Gesindel zur Hölle oder wird im Fegefeuer geläutert, während der Erleuchtete im ewigen Licht wandelt.

Menschen sind Kinder des Feuers. Es gibt keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist. Und von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, Feuer selbst zu entfachen und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Was für die Fische das Wasser, für die Vögel die Luft und für die Würmer die Erde, ist für uns Menschen das Feuer: es ist unser Element. Deshalb glauben Wissenschaftler, dass der Kosmos in einem Feuersturm begonnen hat. Deshalb glauben religiöse Menschen, dass sie nach ihrem Tod ins Licht eingehen. Menschen sind aufs Feuer und aufs Licht fixiert. Wie die obigen Redensarten zeigen, identifizieren wir uns sogar mit Feuer und Licht.

Ohne Feuer wären wir keine Menschen. Ohne Feuer hätte der Homo erectus und später der Homo sapiens die Eiszeiten nicht überlebt. Ohne Feuer würden wir noch mit Steinen auf Nüssen rumklopfen oder mit Stöckchen in Baumrinden pulen. Hätten wir nicht angefangen, den Umgang mit dem Feuer zu erlernen, hätte sich unsere Großhirnrinde nicht auffalten müssen, um all die Informationen zu speichern, die dem Instinkt zuwiderlaufen. Da allein der Mensch mit dem Feuer umgeht, hat nur er das Gen, das während der Embryonalentwicklung die Vermehrung bestimmter Hirnstammzellen und die Faltenbildung zur Vergrößerung der Oberfläche der Großhirnrinde anregt. Dank dieses Gens ist unser Gehirnvolumen dreimal so groß wie das unserer tierischen Verwandten.

Ohne den Umgang mit dem Feuer wären unsere Vorfahren nie auf die Idee gekommen, den Blick in den Himmel zu heben, um dort noch mächtigere Feuer zu entdecken: die Sonne und die Sterne. Es hätte keine Astronomie, keine Mathematik und keine Kalender gegeben, die die Zeit für Aussaat und Ernte bestimmten. Es hätte keine Landwirtschaft gegeben, denn um Landwirtschaft zu betreiben, braucht man nicht nur eine Kenntnis der Jahreszeiten, sondern auch im Feuer geschmiedete Metallwerkzeuge, um den Boden zu bearbeiten.

Es liegt deshalb eine tiefere Wahrheit darin, wenn wir vom Licht des Geistes reden. Oder vom Licht der Vernunft. Oder vom Licht der Aufklärung. Unser Geist ist zutiefst vom Feuer geprägt. Ja, man kann sogar sagen, das Feuer hat unseren menschlichen Geist hervorgebracht. Als Menschen nehmen wir die Welt mit unserem Feuergeist wahr. Wir können gar nicht anders. Deshalb beleuchten wir sogar nachts unsere Städte. Vom Flugzeug aus betrachtet, sehen Städte nachts wie glitzernde Geschmeide aus Gold aus. Oder wie das Abbild unseres Gehirns, mit den Städten als leuchtenden Nervenknoten und den Verkehrswegen als Dendriten und Axonen. Mit den nächtlich beleuchteten Städten setzen wir unserem eigenen Gehirn ein Denkmal. Wo das Licht des Geistes leuchtet, wird keine Nacht mehr sein. So ähnlich steht es schon in der Bibel.

 

Viele haben noch eine Erinnerung daran, dass es nicht immer das Feuer und das Licht waren, die unser Dasein bestimmt haben. Die alten Mythen erzählen davon, dass wir ursprünglich aus dem Wasser kamen. Deshalb gibt es auch viele Redensarten, die mit Wasser zu tun haben: sich wohl wie ein Fisch im Wasser fühlen, jemandem das Wasser abgraben, mit allen Wassern gewaschen sein. Aber der Urknall mit seinem anschließenden Feuersturm hat den Ringstrom Okeanos (Griechenland), das Urmeer Apsu (Sumer) oder den Milchozean (Indien) als Anfang der Schöpfung inzwischen gründlich verdrängt. Kaum jemand denkt den Beginn des Universums noch auf andere Weise denn als Big Bang, und wenn er es tut, wird er verlacht.

Jesus Christus spielt in dieser Geschichte des Lichts eine besondere Rolle. Er ist tatsächlich ein Wendepunkt. Was Jesus Christus bedeutet, lässt sich, grob zusammengefasst, so beschreiben: Vor Jesus Christus wurde das Licht hauptsächlich als Sonne in der Außenwelt verehrt. Die Bronzezeit war die große Zeit der Sonnengötter. Nach Jesus Christus war das Licht mit dem Logos verschmolzen und als Licht des Geistes zur Innenwelt geworden. In Wirklichkeit war das natürlich ein langwieriger Prozess, aber Jesus Christus ist so was wie die personifizierte Zusammenfassung dieses Prozesses: der Kristallisationspunkt. Nicht umsonst sagt Jesus Christus von sich selbst: „Ich bin der Weg und das Licht.“

Wir sind heute der Meinung, dass das Leben auf der Erde ohne das Licht der Sonne nicht möglich wäre. Das ist richtig. Aber ohne die Dunkelheit des restlichen Universums wäre das Leben ebensowenig möglich. Das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, konnte nur im Spannungsfeld von Licht und Dunkel entstehen. Wir tun so, als wäre das Sonnenlicht die Schöpferkraft, dabei entsteht Leben immer im Dunkeln: in den Tiefen des Meeres, in der Erde, im Mutterleib.

Unsere Lichtbesessenheit treibt bisweilen seltsame Blüten. Eine davon ist das Olbersche Paradoxon. Es wird gerne benutzt, um die Endlichkeit des Universums anschaulich zu demonstrieren. Heinrich Olbers (1758-1840) hat sich, wie vor ihm Johannes Kepler, gefragt, warum es nachts eigentlich dunkel ist. Wenn man von einem ewig existierenden, unveränderlichen und unendlichen Weltall ausgeht, müsste man, egal wohin man guckt, überall Sterne sehen, denn die Sterne hätten ja alle Zeit der Welt, ihr Licht überallhin zu schicken. Wenn das Weltall unendlich wäre, müsste der Himmel überall so gleißend hell wie die Sonne sein. Vor lauter Helligkeit könnten wir die Sonne gar nicht mehr erkennen. In diesem Weltall wäre es auch nicht lausig kalt, sondern überall so heiß, dass Leben nicht möglich wäre. Die Schlussfolgerung, die nicht nur Olbers und Kepler, sondern mit ihnen alle Wissenschaftler ziehen, lautet, dass aus diesem Grund das Universum endlich sein muss.

Man könnte auch eine andere Schlussfolgerung aus dieser Geschichte ziehen, nämlich die, dass das Licht endlich ist und irgendwann aufhört zu leuchten oder sich in was anderes, vielleicht (Bio-)Masse, verwandelt. Doch das lässt unsere zutiefst religiös motivierte und deshalb radikalfundamentalistisch zu nennende Lichtbesessenheit offenbar nicht zu. Wir können besser damit leben, wenn das Weltall endlich und das Licht unendlich ist, statt umgekehrt.

Hinweise, dass Licht nicht ewig leuchtet, gibt es genug. Wir selber sind beispielsweise so ein Hinweis. Schließlich definieren wir uns und die ganze Biomasse auf diesem Planeten als umgewandeltes Sonnenlicht. Wenn wir selber absorbiertes Sonnenlicht sind, gibt es ja vielleicht noch andere Absorptionsformen, die Photonen (also Licht) vernichten. Und ja, die gibt es in der Wechselwirkung von Photonen mit Materie durchaus. Trotzdem hält die Wissenschaft an dem Glauben fest, dass Licht im Prinzip unendlich ist und ewig existiert. Man kann sich dann aber schon mal fragen, wie in einem endlichen Universum unendliches Licht entstehen sollte, denn schließlich ist das Licht ja bloß eine Erscheinung innerhalb des Universums. Das ist doch irgendwie bizarr.

Seit Einstein behaupten unsere Wissenschaftler ja auch, dass nichts schneller ist als das Licht. Die Lichtgeschwindigkeit mit annähernd 300.000 km/sec ist ebenso absolut wie Gott. Die Wissenschaftler sagen, für Dinge, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, vergeht keine Zeit. Deshalb kommen sie ja zum Schluss, dass Licht ewig sein muss. Dabei hat Einstein mit dem EPR-Versuch selber gezeigt, dass miteinander verschränkte Teilchen über die Lichtgeschwindigkeit hinaus immer wissen, was das jeweils andere tut. Was verbindet diese Teilchen miteinander, das schneller ist als das Licht? Vielleicht dasselbe Bit? Würde das nicht heißen, dass Information schneller ist als das Licht?

Die Vorstellung vom ewigen Licht und der absoluten Lichtgeschwindigkeit sind religiöse Vorstellungen, die sich aufgrund unserer typisch menschlichen Lichtbessenheit in die ansonsten nüchtern-objektive Weltsicht der Wissenschaft hineingemogelt haben. Wir sind Kinder des Lichts. Deshalb muss das Licht ewig leuchten. Und nicht, weil es das wirklich tut.

Das Wunder von Fukushima

Weihnachten naht mit Riesenschritten, und wie jedes Jahr rufen die Kirchen dazu auf, das Wunder von Christi Geburt zu feiern. Ich bin nicht mal davon überzeugt, dass Jesus Christus wirklich gelebt hat. Mir scheint diese Gestalt vielmehr eine symbolische Verdichtung verschiedener geistesgeschichtlicher Traditionen zu sein, die im Umbruch von Götterverehrung hin zu dem, was man gemeinhin Logos nennt, verwurzelt sind. Die Wunder, die Jesus Christus gewirkt haben soll, verlieren ebenfalls schnell ihren Zauber, sobald man sich näher mit ihnen befasst. Wasser in Wein zu verwandeln, war im Jahre Null unserer Zeitrechnung nämlich normal. Aus Kosten- und Kapazitätsgründen wurde Wein damals in konzentrierter Form transportiert, vergleichbar einem Suppenwürfel oder Sirup. Vor dem Verzehr wurde diese Masse mit Wasser aufgegossen. In gewisser Weise ist es natürlich schon ein Wunder, Wasser dank eines Brühwürfels in Suppe oder mittels Sirup in Wein zu verwandeln, indessen ist es ein Wunder, das keinerlei magische Fähigkeiten erfordert. Vergorenen Trauben die Flüssigkeit zu entziehen und sie in ein alkoholisches Konzentrat zu verwandeln, gehört in die Kategorie der technischen Verfahren.

Ich tu den Kirchen dieses Jahr jedoch den Gefallen, gehe in mich und mache mir mal ein paar Gedanken über Gott und seine Wunder.

Da ist beispielsweise das Wunder von Fukushima. Im März 2011 kam es nach einem schweren Erdbeben mit anschließendem Tsunami in Fukushima zu einer Reaktorkatastrophe. Vier von insgesamt sechs Reaktorblöcken wurden zerstört und riesige Mengen an radioaktiven Material freigesetzt. Damals habe ich jeden Tag damit gerechnet, in den Medien zu hören, dass radioaktiver Fallout nun Millionen von Menschen in Tokio vergiftet hat. Dass dies nicht geschehen ist, ist dem Wind zu verdanken, der damals konstant in Richtung Meer hinauswehte. Es wundert mich, dass über dieses Wunder so wenig gesprochen wird. Es ist doch wesentlich eindrucksvoller als die alte Geschichte mit dem Wasser und dem Wein, die eh niemand mehr nachprüfen kann.

Das Wunder von Fukushima macht mich schon nachdenklich. Seit wir Menschen geworden sind, gehen wir mit Kräften und Gewalten um, die wir nicht wirklich verstehen und die unser eigenes Vermögen um ein Vielfaches übertreffen. Trotzdem passiert erstaunlich wenig. Und wenn etwas passiert, ist in der Regel nicht technisches, sondern menschliches Versagen die Ursache der Katastrophe. Wie in Tschernobyl. Dort war es bodenloser Leichtsinn und ein selten dämliches Timing. Wie beim Untergang der Amoco Cadiz. Dort führte unverantwortliche Profitgier dazu, dass die Rettungsschiffe nicht rechtzeitig zum Einsatz kamen, um den havarierten Tanker zu bergen, bevor er auseinanderbrach.

Menschen fahren mit Millionen von Autos auf den Straßen herum. Setzen sich in Flugzeuge. Oder in Unterseeboote. Sie fahren durch Tunnels, die manchmal sogar unter dem Meer hindurchführen. Sie bauen gewaltige Staudämme. Hochgeschwindigkeitszüge und Seilbahnen. Brücken und Wolkenkratzer, dass einem schwindelig davon werden kann. Trotzdem passiert im Verhältnis wenig. Und wenn Unfälle passieren, dann ist häufig Alkohol im Spiel. Oder jugendlicher Leichtsinn. Oder regennasse Fahrbahnen. In den wenigsten Fällen ist es technisches Versagen. Und nur selten ein dummer Zufall. Das sind die wahren Wunder, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden. Die meisten merken nicht mal, dass es sich hier um echte Wunder handelt und nicht um hanebüchen zusammengesponnenes Zeug aus vergangenen Jahrhunderten.

Der Mensch setzt mit der Atomspaltung ungeheure Energiemengen frei. Zu Beginn des Manhattan-Projekts gab es die Befürchtung, dass eine durch Atomspaltung hervorgerufene Kettenreaktion die gesamte Erde in einen Feuerball verwandeln könnte. Ganz ähnlich befürchten heute nicht wenige, dass ein im CERN produziertes Schwarzes Loch die Masse der Erde einsaugen könnte. Und was ist tatsächlich passiert? Auf der Nordhalbkugel wurde ein bisschen Plutonium verteilt, worauf die Lebenserwartung der Menschen um circa 20 Jahre gestiegen ist.

Längst sind überall auf der Welt gentechnisch manipulierte Organismen freigesetzt, aber die von Umweltschützern ausgerufene Katastrophe ist bislang ausgeblieben. Es gab bislang kein von einem genmanipulierten Organismus erzeugtes Massensterben, wie es in Hunderten von grünen Propagandaschriften heraufbeschworen wird. Nicht mal ein klitzekleines. Alle angeblichen Fälle entpuppen sich bei näherer Betrachtung als mühsam an den Haaren herbeigezogen und unsauber recherchiert. Stattdessen gab es 2011 in Deutschland die EHEC-Epidemie mit 53 Toten und 4000 Erkrankten, die von verseuchten Biosprossen hervorgerufen wurde. Man stelle sich das mal vor: ausgerechnet jene, die mit ihrer Lebensweise gegen die Gentechnik ein naturverträgliches Zeichen setzen, werden durch ihr superbiologisches Zeug ernsthaft krank.

Wenn Menschen massenhaft sterben, dann durch Naturkatastrophen. Im Mittelalter forderte die Pest 25 Millionen Tote in Europa. 1920 gab es 50 Millionen Tote durch die Spanische Grippe, 1958 kamen zwei Millionen durch die Asiatische Grippe um. 2014 kostete das Ebola-Virus in Afrika 12.000 Menschenleben. 1965-67 verloren in Indien über 1,5 Millionen Menschen durch eine Dürrekatastrophe ihr Leben, in der Sahelzone waren es 10 Jahre später etwa 2 Millionen. Und dann wären da noch die Erdbeben: 70.000 Tote im Iran (1990 und 2003), 230.000 in Indonesion und Indien (2004), 87.000 in Kaschmir (2005), 88.000 in China (2008), 316.000 in Haiti (2010) und 19.000 in Japan (2011).

Ist es nicht seltsam, dass der Physiker Stephen Hawking entgegen aller Prognosen und aller ärztlichen Vernunft immer noch lebt, während ausgerechnet Waldarbeiter von allen Berufstätigen die kürzeste Lebenserwartung haben? Also mir gibt das schon zu denken. Je technisierter ein Land ist, desto mehr bleibt es von Naturkatastrophen verschont. Ist doch so, oder? Wo bleibt denn das große Erdbeben von Los Angeles oder der Ausbruch des Supervulkans im Yosemite Valley? Die sind doch schon längst überfällig. Hält da etwa Gott seine schützende Hand drüber?

Wenn ich an Gott glaubte, müsste ich zu dem Schluss kommen, dass Gott die Technikbesessenen schützt, wo immer es möglich ist, während ihm die Naturburschen doch eher hinten den Buckel runtergehen. Womöglich werden die, die der Natur anhängen und sie hegen und pflegen, sogar abgestraft. Meistens bin ich verkratzt, wenn ich im Garten war. Oder eine Kreuzspinne hat mich gebissen. Oder ich habe Rückenschmerzen. Wenn ich an Gott glaubte, müsste ich das nicht als kleines Zeichen von ihm nehmen?

Heißt es nicht schon lange,  dass die Kirche sich modernisieren muss? Ich finde auch, dass es höchste Zeit ist, dass der Papst seine Lehre aktualisiert. Was sind schon Wasser-in-Wein-Wunder oder Bluthostien-Wunder im Vergleich mit dem Wunder von Fukushima? Wenn es Gott gibt, dann sollten die Gläubigen seiner Botschaft lauschen, die da lautet: Gott schützt die Atomspalter, die Genmanipulierer, die Brückenbauer, die Energieverschwender. Gott schützt all jene, die die Erde technisieren. Die Einzigen, die das bis jetzt wenigstens ansatzweise begriffen haben, sind die Amerikaner. Die beten immerhin manchmal dafür, dass Gott ihnen billiges Benzin schenkt.

Franz Alt soll doch mal in sich gehen und seine Position überdenken. Jetzt in der Vorweihnachtszeit.

Grundlagen für eine gottlose Ethik

Gestern habe ich auf dem Blog vom Feuerbringer einen Artikel gelesen, der den miesen Charakter von Atheisten, säkularen Humanisten und anderen Gottleugnern zum Thema hat. Das ist um so erstaunlicher, weil der Feuerbringer nicht an Gott glaubt und damit selbst zur Gruppe der von ihm Kritisierten gehört. Ich habe beim Lesen des Artikels zunächst gestutzt, aber alles in allem ich kann dem Feuerbringer nicht widersprechen.

Es ist schon richtig, dass Atheisten und säkulare Humanisten ähnlich dogmatisch daherkommen wie ehedem die Religiösen, bloß eben unter umgekehrten Vorzeichen. Regen Austausch, lebhafte Debatten, interessante Streitgespräche oder eine Vielfalt von gut begründeten Standpunkten sucht man vergeblich.

Atheisten und säkulare Humanisten wie die Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung vertreten eine Ethik, die den Menschen nicht länger als Krone der Schöpfung versteht, sondern als zufälliges Produkt der Evolution, das sich nur graduell, nicht prinzipiell von anderen Lebensformen auf diesem Staubkorn im Weltall namens Erde unterscheidet. Für den Feuerbringer ist das ein „nihilistisch reduktionistischer Materialismus, der sich im politischen Bereich als eine Variante des Marxismus äußert“.

 

Die Vertreter der Giordano-Bruno-Stiftung irren sich jedoch, wenn sie behaupten, dass sich der Mensch nur graduell, aber nicht prinzipiell von anderen Lebensformen auf diesem Planeten unterscheidet. Menschsein definiert sich durch die Nutzung des Feuers. Die Fähigkeit, mit Feuer umzugehen, finden wir in allen menschlichen Gesellschaften. Von allen Lebensformen auf diesem Planeten nutzt einzig der Mensch das Feuer. Inzwischen ist der Mensch vom Feuer und der daraus entstandenen Technologie so abhängig geworden, dass man den Menschen nicht mehr getrennt davon denken kann.

Mit Feuer umzugehen, ist nicht nur irgendeine Eigenschaft, irgendein beliebiges Merkmal wie Fellfarbe, Schnabelform, Paarungsverhalten, Ernährungsgewohnheit oder was wir sonst von der Evolution her so gewohnt sind. Feuer ist ein Instrument, welches das Ökosystem, in das man selbst eingebettet ist, hervorbringt, umgestaltet oder zerstört. Es gibt keine andere Lebensform, die über eine auch nur annähernd vergleichbare Macht verfügt. Keine andere Lebensform kann sich die Welt machen, wie sie ihr gefällt. Das kann nur der Mensch. Der Mensch kann seinen Lebensraum aktiv gestalten, beliebig umbauen, ja auch zerstören, bloß weil er Lust dazu hat. Deshalb ist der Mensch (inklusive seiner Technologie) eine prinzipiell neue Lebensform, die auf diesem Planeten keine Vorbilder hat und mit keiner anderen Lebensform vergleichbar ist. Er ist deshalb zwar nicht gleich die Krone der Schöpfung, aber er ist auch nicht nur „Leben, das leben will, inmitten von anderem Leben, das leben will“, wie Albert Schweitzer das formulierte. Ob es uns gefällt oder nicht, die Beherrschung des Feuers macht uns selbst zu dem, was wir den Göttern unterstellen.

Ich glaube weder an den christlichen noch an sonst einen Gott. Ich interpretiere die Bibel als unaufgelöstes Trauma. Trotzdem macht man es sich meiner Ansicht nach zu einfach, wenn man die auf dem Gottglauben basierende Ethik samt der Suche nach der Wahrheit verwirft, bloß weil es Kirchenleute waren, die diese Ethik ausgearbeitet und nach der Wahrheit gesucht haben. Die Tugenden, wie sie von Moraltheologen wie beispielsweise William Hoye besprochen werden, sind für den Atheisten gleich wertvoll wie für den Gläubigen. Die Suche nach der Wahrheit und die damit verbundene Wahrhaftigkeit betrifft den Atheisten genauso wie den Gläubigen.

Für mich hat die menschliche Religiosität und Spiritualität ihren Ursprung in einer ganz und gar natürlichen Erscheinung, nämlich im Feuer. Der Mensch ist ein religiöses Wesen geworden, weil er im Umgang mit dem Feuer ganz neue, im Tierreich so nicht vorhandene Eigenschaften entwickeln und einüben musste.

Der Begriff Religion wird zum einen auf das Verb „religare“ (rückbinden) zurückgeführt. Damit ist im allgemeinen Sprachgebrauch die Rückbindung an einen transzendenten, geistigen Ursprung gemeint. Für mich bedeutet es, dass sich der Frühmensch in dieser Rückbindung schlicht und einfach mit dem Feuer identifizierte. Erst aus dieser Identifikation heraus entwickelte unser Vorfahre dann später die Idee des Transzendenten respektive einer Geisterwelt, wie sie in den animistischen Religionen vertreten wird. Die Verbindung mit dem Feuer war es, die den Menschen aus seiner Tierhaftigkeit herausholte. Das Feuer war für den Frühmenschen tatsächlich etwas Übernatürlich-Göttliches, auf andere Weise konnte er es gar nicht begreifen und sich nicht darauf einlassen.

Wenn sich hinter unserem Gottglaube jedoch nichts anderes als die Vergöttlichung des Feuers (und seiner Ableitungen Sonne, Licht, Energie) verbirgt, müssen wir unser Verhältnis zum Diesseits, zum Materiellen und Körperlichen grundsätzlich neu überdenken. Feuer löst die hochkomplexen Strukturen organischer und anorganischer Substanzen auf. Das Ergebnis ist irreversibel. Die auf dem Bindungsverhalten aller Materie beruhenden Strukturen, die unsere Welt ausmachen, sind teilweise über sehr, sehr lange Zeiträume gewachsen. Der Mensch hat die Macht, diese Bindungen in kurzer Zeit gewaltsam zu zerstören.

Bis heute schätzen die allermeisten Religionen das Diesseits, das Körperliche und die materielle Welt gering, ja verachten sie häufig. Die Welt ist ihnen bloß ein vorläufiger Ort, den es zu überwinden gilt. Das ist kein Wunder, wenn die reale Grunderfahrung mit dem Göttlichen darin besteht, dass Feuer als Übernatürliches das Materielle, Körperliche und Diesseitige in Asche und Rauch verwandelt. Dass der Mensch rücksichtslos die Natur zerstört, hat sehr viel damit zu tun, dass die Religionen über Jahrtausende gelehrt haben, sie zu missachten und die Welt als Illusion (Maya) zu interpretieren.

Ja, der Mensch kann inzwischen sogar Atome spalten. Er handelt dabei jedoch nicht im Auftrag eines Gottes. Er benutzt lediglich das Feuer in seinen verschiedenen Ausgestaltungen, wozu auch unsere ganze Technologie gehört. Die Strukturen und Bindungen, die der Mensch zerstört, kann er nicht wieder herstellen, umso weniger, wenn diese materiellen Bindungen womöglich eine Innenseite haben, also Gefühle sind. Und das könnte durchaus sein. Ich finde jedenfalls keinen hinreichenden Grund, um sicher auszuschließen, dass, was in der äußeren Wahrnehmung durch die Sinne als Materie erscheint, von innen heraus erlebt, womöglich Gefühle sind.

Bäume haben weder ein Nervensystem noch ein Gehirn. Trotzdem reagieren sie auf Licht und Witterungseinflüsse. Wenn ihre Rinde verletzt wird, überwallen sie diese. Der Grund, warum wir annehmen, dass Bäume keine Gefühle haben, ist bloß der, dass ihre Reaktionen nicht unseren menschlichen Reaktionen entsprechen und wir uns deshalb nicht in Bäume hineinversetzen können. Aus demselben Grund hat der Mensch vor noch nicht allzu langer Zeit auch Tieren und sogar Kleinkindern jedes Gefühl abgesprochen. Gut möglich, dass ein Außerirdischer, der uns beobachtet, uns Menschen für gefühllose Maschinen hält, weil er mit unseren Reaktionen nichts anfangen kann.

Da der Mensch mit dem Feuer und der daraus entwickelten Technologie eine untrennbare Einheit bildet, ist Zerstörungskraft dem menschlichen Wesen immanent, so wie es im Wesen des Feuers liegt zu brennen und Stoffe in Asche zu verwandeln. Solange der Mensch das nicht erkennt, zerstört er weiterhin die Welt, gerade auch dann, wenn er sie retten will. Diese Erkenntnis bildet einen der beiden Grundpfeiler einer gottlosen Ethik. Zwischen dem Menschen und allen anderen Lebensformen besteht nämlich ein echter Interessenkonflikt. Wenn sich der Mensch entfaltet, zerstört er in dieser Entfaltung die anderen Lebensformen und die bestehenden Ökosysteme. Wenn der Mensch aufhört, Ökosysteme umzugestalten und andere Lebensformen zu zerstören, begeht er eine Art Selbstmord. Aufgabe einer gottlosen Ethik muss es sein, hier nach Lösungen zu suchen. Die Öko-Bewegung könnte, wenn sie denn wollte, mit dieser Sichtweise haufenweise Gründe für einen achtsamen Umgang mit der Welt finden, die nicht ausschließlich auf Mitgefühl, sondern auf Vernunft und Wahrhaftigkeit basieren. Aber Mitgefühl ist bequemer und belässt uns in der Rolle der großherzig-verständnisvollen Spezies, die wir noch nie waren.

Außer „religare“ gibt es noch eine andere Ableitung, die von „relegere“. Cicero bezieht das Wort auf den Tempelkult, den es sorgfältig zu beachten gilt, also auf die gewissenhafte Einhaltung überlieferter Regeln und Gebräuche.

Was den Umgang mit dem Feuer betrifft, sind beide Ableitungen korrekt: einerseits die Identifikation mit dem übermächtig-göttlichen Feuer, das dem Menschen die Idee des Transzendenten eingab, andererseits der Kult als Gesamtheit von Ritualen und religiösen Handlungen, die dazu dienten, den Umgang mit dem Feuer erstmal zu erlernen, es zu bewahren und dabei die Gruppe nicht zu gefährden.

Der von seinem Instinkt geleitete Waldaffenmensch musste eine Vielzahl neuer Eigenschaften und Verhaltensweisen lernen, die seinem Instinkt zuwiderliefen, die wir aber bis heute für wertvoll halten: Sorgfalt, Achtsamkeit, Geduld, Vorsicht, Verantwortungsgefühl, Vernunft, Pflichtbewusstsein, Disziplin, Aufrichtigkeit, Kooperationsbereitschaft, Gehorsam und die Fähigkeit, von körperlich Schwächeren, aber Klügeren zu lernen. Der Mensch musste lernen, eigene Bedürfnisse wie Hunger hintanzustellen zugunsten von Arbeiten, die zunächst keinen unmittelbaren Nutzen für ihn hatten, wie Holz sammeln oder Glühkohle transportieren. Der Erwerb dieser Eigenschaften und Verhaltensweisen war die Voraussetzung, um später überhaupt Ackerbau und Viehzucht betreiben zu können. Und ja, ich wünsche mir, dass Menschen, die ein Atomkraftwerk betreiben oder ein Flugzeug steuern, auch heute über diese sogenannten Kardinaltugenden verfügen und danach leben. Wo immer technische Unfälle in größerem Ausmaß (wie Tschernobyl, Fukushima oder der Untergang der Amoco Cadiz) passieren, stellt sich bei näherer Untersuchung heraus, dass aus Leichtsinn oder Profitgier gegen die oben beschriebenen Tugenden verstoßen wurde.

Diese Tugenden bilden den zweiten Pfeiler einer gottlosen Ethik, und man kann hier einiges von dem übernehmen, worüber sich Kirchenleute in der Vergangenheit bereits den Kopf zerbrochen haben. Man muss das Rad ja schließlich nicht jedesmal ganz neu erfinden.

Da Feuer eine Kraft ist, die das Ökosystem, in welches der Mensch zusammen mit Pflanzen und Tieren eingebettet ist, relativ schnell zerstören kann, braucht der Mensch im Unterschied zum Tier jedoch tatsächlich eine Ethik. Der Mensch muss sich selber Regeln geben, damit er die Welt nicht zerstört. Religionen haben deshalb so lange funktioniert und funktionieren teilweise immer noch, weil sie neben allerlei Unsinnigem ein solches Regelwerk zur Verfügung stellen, das den Menschen in der Vergangenheit beim Überleben geholfen und verhindert hat, dass er die Welt mutwillig in Asche verwandelt.

Die im Animismus vorherrschende Geister- und Dämonenwelt funktioniert als Regelwerk in Gesellschaften, die noch stark in die Natur eingebettet sind und von der Natur leben. Als die Menschen anfingen, Städte zu gründen und Ackerbau und Viehzucht professionell zu betreiben, erfanden sie die Götter und schließlich den einzigen und allmächtigen Gott. Seit der Industriellen Revolution, spätestens jedoch seit der Erfindung der Atombombe funktioniert das religiöse Paradigma, das in Gott den Allmächtigen und im Menschen bloß das Werkzeug sieht, nicht mehr. Seit der Mensch in der Kernphysik Prozesse nachahmt, wie sie in der Sonne stattfinden, hat der Himmel als Thron Gottes ausgedient.

Ohne ethische Grundsätze dürfte der Mensch aber trotzdem nicht weit kommen. Deshalb müssen wir das Regelwerk neu begründen. Mitgefühl allein reicht nicht aus, weil der Umgang mit dem Feuer und der daraus entstandenen Technik mehr von uns verlangt. Mit noch so viel Mitgefühl lässt sich ein zweites Tschernobyl nicht verhindern, um es mal deutlich zu sagen. Kommt außerdem hinzu, dass es mit dem Mitgefühl in Krisensituationen, und seien sie nur eingebildet, ja auch immer überraschend schnell vorbei ist. Es tut dem Menschen gut, wenn er etwas Greifbareres hat, an das er sich halten kann.

Die Apotheose eines Traumas

In der Diskussion auf dem Blog ging es zum Schluss um die Interpretation der biblischen Sündenfallgeschichte. Die konkrete Frage war, ob es im Paradies einen oder zwei herausragende Bäume gibt oder ob der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen ein und derselbe sind. Ich nehme die Diskussion mit Claudia aus Berlin als Anlass, hier mal meine Lesart der Bibel vorzustellen. Im Beitrag Das Buch der Fragmentierung habe ich schon darauf hingewiesen, dass die Bibel, obzwar immer vom einen und einigenden Gott die Rede ist, in Wahrheit einen Fragmentierungsprozess beschreibt, der mit der Vernichtung von natürlichen Polaritäten wie Tag und Nacht oder Mann und Frau endet. Am Ende der Geschichte, also nach der Apokalypse, gibt es nämlich nur noch den Tag und den Mann. Die Frau und die Nacht existieren nicht mehr.

Wenn man die Bibel unvoreingenommen wie einen Roman oder sonst ein Buch liest, fällt einem auf, dass sie sich permanent in ihre eigenen Widersprüche verwickelt. Zu jeder Affirmation findet sich eher früher als später die Negation, die sinngemäße Verkehrung ins Gegenteil, die Verwirrung und Verdrehung bis hin zur Unkenntlichmachung des ursprünglich Gesagten. Deshalb kann jeder aus der Bibel herauslesen, was er will. Es ist ein Buch des Friedens ebenso wie ein Buch des Krieges. Ein Buch der Liebe ebenso wie ein Buch des Hasses. Ein Buch der Erlösung ebenso wie ein Buch des Untergangs. Ein Buch des Aufbaus ebenso wie ein Buch der Vernichtung. Alles und nichts von diesem stimmt.

Aus diesem Grund hat die Katholische Kirche immer großen Wert darauf gelegt, die Deutungshoheit über die Bibel zu behalten und die Auslegung der Texte nicht dem Leser zu überlassen. Galileo Galilei bekam Schwierigkeiten mit der Inquisition, nicht weil er Kopernikus unterstützt und ein heliozentrisches Weltbild vertreten hat, sondern weil er sich angemaßt hat, die Bibel gemäß diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen neu zu interpretieren und damit die Autorität der Kirche in Frage zu stellen. Galilei wurde verurteilt, weil er das biblische und das neue wissenschaftliche Weltbild miteinander in Einklang bringen wollte, nicht weil er die neue Wissenschaft gegen den Glauben und die Religion ausspielte, wie das gerne mal unterstellt wird. Selbst heute noch impfen uns Priester und Theologen gebetsmühlenartig mit der von der Kirche festgelegten Interpretation der Bibel. Immer noch gilt wie zu Zeiten von Thomas von Aquin, dass der Einzelne irren kann, die Kirche als Institution jedoch die Wahrheit hütet und ihre Vertreter insgesamt deshalb von der Wahrheit künden.

Das Verständnis eines Textes ergibt sich aus zwei Quellen, nämlich aus dem Text selbst und aus dem, was vom Leser kommt, welche Gedanken sich der Leser macht. Das wussten schon die scholastischen Theologen. Indem sie zwingend vorschrieben, wie die Bibeltexte zu interpretieren sind, schrieben sie gleichzeitig den Menschen vor, was sie zu denken haben. Das ist nichts anderes als Indoktrination. Die Frage, die sich mir stellt, ist: warum wacht die Kirche so eifersüchtig darüber, dass sich der Leser nicht selbständig und eigenverantwortlich mit der Bibel als dem Wort Gottes auseinandersetzt?

Im Umgang mit Menschen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die die Wahrheit sagen, sich nicht permanent in Widersprüche verwickeln. Wenn unterschiedliche Wahrnehmungen oder Interpretationen aufeinandertreffen, lassen sich strittige Punkte leicht aufklären. Menschen, die die Wahrheit sagen, vermitteln mir ein sicheres Gefühl. Ich weiß, woran ich mit ihnen bin. Auf Menschen, die die Wahrheit sagen, kann ich mich verlassen. Ich weiß auch, dass sie mir nicht die Worte im Mund herumdrehen werden. Der Umgang mit Menschen, denen Wahrheit etwas bedeutet, ist ziemlich unkompliziert. Schlicht, um es mit einem altmodischen Wort auszudrücken.

Es gibt zwei Gruppen von Menschen, die sich mit dem, was sie sagen, in Widersprüche verwickeln. Das sind die Lügner und die Traumatisierten. Lügner sagen absichtlich die Unwahrheit, um sich auf diese Weise Vorteile zu verschaffen. Aber selbst, wenn sie klug sind, merkt man in der Regel doch, dass etwas nicht stimmt. Lügner vermitteln einem das Gefühl, auf dünnem Eis zu wandeln, das jederzeit brechen kann, was es dann auch meistens tut. Anders ist es mit den Traumatisierten. Diese möchten gerne die Wahrheit sagen, aber können es nicht, weil irgendeine schreckliche Erfahrung sie daran hindert. Für einen Traumatisierten ist die Wahrheit so schrecklich, dass sie trotz ehrlicher Anstrengungen nicht ausgesprochen werden kann, und das, obwohl das Trauma selbst nach Auflösung trachtet und den Traumatisierten zwingt, ständig darüber zu reden. Im Bestreben nach Auflösung des Traumas eiert der Traumatisierte also ständig um das eigentliche Geschehen herum, wobei er sich ständig in Widersprüche verwickelt, ohne das überhaupt zu merken. Ein traumatisierter Mensch ist innerlich zerrissen, deshalb sind auch seine Aussagen dekohärent. Ein traumatisierter Mensch kann die Wirklichkeit nicht als Ganzes wahrnehmen, sondern nur in Bruchstücken. Weil er selber zerbrochen ist, zerbricht er automatisch die Wirklichkeit. Selber aus Fragmenten bestehend, kann er nur Fragmente wahrnehmen, die kein Ganzes mehr ergeben.

Da die Bibel ein Text voller widersprüchlicher Fragmente ist, liegt die Annahme nahe, dass sie entweder von Lügnern oder von Traumatisierten verfasst wurde. Die Bibel beschreibt, wie traumatisierte Menschen die Welt erfahren. Das ist mein Ausgangspunkt zur Interpretation. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass bei der Abfassung der Bibel auch Lügner mit am Werk waren. Das Alte Testament wurde als Propagandaschrift im Hinblick auf den König Josias verfasst, der als Messias gehandelt wurde, unter dessen Herrschaft das Volk Israel jedoch in babylonische Gefangenschaft geriet. Das Neue Testament ist von gnostischem Gedankengut übermalt. Die Lügen scheinen mir aber dennoch nicht den Kern der Bibel auszumachen, sondern das unaufgelöste Trauma.

Das Trauma, um das sowohl das Alte wie das Neue Testament kreisen, ist das Menschenopfer. Und es ist nicht nur irgendein Menschenopfer. Es ist der eigene Nachwuchs. Das Alte Testament spielt sich zeitlich in einem Phasenübergang der Menschheitsgeschichte ab. Aus den Jägern und Sammlern wurden Hirten und Bauern. Irgendwann in dieser Phase kam das Menschenopfer groß in Mode. Für die Fruchtbarkeit der Felder und eine gute Ernte wurden im Austausch Kinder gegeben, nicht selten die Erstgeborenen. Um die Ernährung der Alten sicherzustellen, wurden also Kinder geopfert. Da man dies nicht deutlich aussprechen konnte, definierte man die Ernährung der Alten in das Wohl der Gemeinschaft um.

Da die biblischen Geschichten solche aus dem kollektiven Menschheitsbewusstsein sind, geht es nicht allein um das individuelle Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, sondern um die Frage, wie die Generationen zueinander stehen. Im Phasenübergang von den Jägern und Sammlern zu Hirten und Bauern kam es zu einer Versklavung der nachfolgenden Generationen. Eine Versklavung, die bis heute nicht überwunden ist.

In der Paradiesgeschichte ist die traumatische Erfahrung so überwältigend, dass ausschließlich in symbolischen Bildern davon gesprochen werden kann. Es geht um einen Baum, dessen Früchte der Mensch nicht essen darf. Die Trauma ist so groß, dass nicht mal eingestanden werden kann, dass es sich um den Baum des Lebens (den Familienstammbaum, den Evolutionsstammbaum) handelt, dessen Früchte Adam und Eva verzehren. In der Doppelung wird der Baum des Lebens zum Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Das Böse besteht aber eben genau darin, die Früchte vom Baum des Lebens zu essen. Wer die Früchte vom Baum des Lebens isst, erfährt gleichzeitig live, was das Böse ist. In dem Moment, als Adam und Eva von den Früchten essen, wird für sie der Baum des Lebens zum Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und wie bei einem Trauma üblich, muss das Eingeständnis natürlich sofort wieder negiert werden, weil es zu schrecklich ist, um damit zu leben. Deshalb wird die Vertreibung aus dem Paradies damit begründet, dass der Mensch daran gehindert werden muss, vom Baum des Lebens zu essen, als hätte er das nicht bereits getan, sondern eine minder schwere Schuld auf sich geladen.

Das Alte Testament erzählt, wie das unaufgelöste Trauma des Menschenopfers seine blutige Spur von Mord, Totschlag und Vergewaltigung entfaltet. Es pflanzt sich von Generation zu Generation weiter fort, zersplittert dabei in Fragmente, entfremdet die Menschen einander, affiziert die Nachfahren und alle, die bei der Ausbreitung in das Trauma mit hineingezogen werden. Das Göttliche als übersteigert Menschliches erscheint als Projektionsfläche für das Trauma, was aus Jahwe diesen widersprüchlichen, unberechenbaren und grausamen Gewaltherrscher macht.

Im Neuen Testament wird das Menschenopfer verabsolutiert und vergöttlicht. Gott selbst opfert seinen Sohn, um damit sein Werk (die Menschheit) zu retten. Damit verbunden ist die Aufforderung an den gläubigen Menschen, selbst zum Sohn zu werden und sich gehorsam zu opfern, so dies vom Vater verlangt wird. Das ist nichts anderes als die Rechtfertigung und Heiligsprechung des Traumas. In der Bibel hat das Trauma damit über den Lebenswillen gesiegt. Der lebendige Mensch, der Jesus ursprünglich mal war, wird getötet. An seine Stelle tritt in der Wiederauferstehung der unlebendige Gottessohn. Christus ist nicht mehr der lebensvolle Mensch aus Fleisch und Blut, sondern der ätherische Gottessohn, den man ziemlich schnell im Himmel verschwinden lässt. Im Grunde genommen wird Jesus zweimal getötet, einmal durch die Kreuzigung und zum anderen durch Paulus, der aus Jesus eine unlebendige Institution (die Kirche) macht, in der der einzelne Mensch weniger zählt als die vorgebliche Gemeinschaft. Deshalb bleibt am Ende diese merkwürdig leblos wirkende Stadt übrig, die nur aus Licht und Mauern zu bestehen scheint.

Die Bibel beschreibt in gewisser Weise tatsächlich eine Wahrheit, nämlich was passiert, wenn eine traumatische Erfahrung nicht aufgelöst wird. Sie entpuppt sich als Absage ans Leben und ans Lebendige und verherrlicht stattdessen den Tod und die Todessehnsucht. Die Bibel endet nicht mit den vier Evangelien und auch nicht mit den Paulus-Briefen. Nach den Paulusbriefen kommen noch welche, in denen der Hass sich deutlicher zeigt. Dieser Hass mündet schließlich im Wahnsinn der Apokalypse. Eine Geschichte ist immer so gut wie ihr Schluss, und den Schluss so vollständig zu ignorieren, wie das Theologen und Priester derzeit tun, macht aus diesen entweder Lügner oder entlarvt sie als Menschen, denen es nicht gelungen ist, das in der Bibel erzählte Trauma in ihrem eigenen Bewusstsein aufzulösen und zu überwinden. Was heißt, dass Theologen und Priester das Trauma weitergeben und junge Generationen damit infizieren, und dies im Glauben, Gutes zu tun und den Menschen zu helfen. Wie heißt es doch so schön: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Mystischer Wind

Es war der Wind, der heftig ums Haus fegte und sich von Minute zu Minute immer mehr zu einem regelrechten Sturm auswuchs, der unser ganzes, sonst so felsenfest stehendes Haus erschütterte. Und tatsächlich stand am nächsten Tag in der Zeitung, dass genau um vier Uhr nachts ein Sturm mit Rekord-Geschwindigkeiten von bis zu 185 Kilometern in der Stunde über Boulder hinweggefegt sei … Das Zittern und Rappeln des ganzen Hauses jedenfalls verstärkte das Gefühl, dass etwas sehr, sehr Ungewöhnliches hier seinen Lauf nahm … Genau fünf Minuten nach Treyas Tod sagte Warren: „Horch, hört euch das an.“ Der Sturm hatte sich völlig gelegt, und es herrschte Stille. Auch das stand am nächsten Tag in der Zeitung, mit der exakten Zeitangabe. … Die Alten sagen: „Wenn eine große Seele stirbt, gebärden sich die Winde wie wild.“
(Wilber, Ken: Mut und Gnade, Auszüge aus S. 433-437).

Als ich irgendwann noch vor der Jahrtausendwende Wilbers Erzählung über die Krebserkrankung und den Tod seiner Frau las, habe ich dem oben Zitierten wenig Bedeutung beigemessen. Wilbers Bemühungen, seiner verstorbenen Frau und sich selbst eine spirituelle Bedeutung zu verleihen, überschatten diese fast wie nebenbei erzählte Episode. Trotzdem habe ich diese Sache mit dem Wind nicht vergessen und mich dieser Tage wieder daran erinnert. Ich kann die von Wilber gemachte Erfahrung bestätigen. Zwischen dem Tod eines nahestehenden Menschen und dem Wind gibt es einen Zusammenhang. Das ist rätselhaft, unerklärlich und trotzdem nicht zu leugnen. Es muss nicht gleich ein Sturm sein, ein deutlich spürbarer Wind tut es auch, und dieser Wind hat etwas Magisches. Magisch nicht im Sinne von irgendwelchem Brimborium, das Menschen veranstalten, um das Schicksal zu ihren Gunsten zu beeinflussen, sondern magisch in dem Sinne, dass die Wirklichkeit und die Wahrheit dieser Wirklichkeit in der Präsenz des Todes deutlicher gefühlt und wahrgenommen werden können, als dies normalerweise im Alltag geschieht. Wo immer ein Mensch stirbt, mit dem man in einer engen Verbindung stand, lüftet das Geheimnis des Lebens für einen kurzen Moment seinen Schleier.

Die Menschen tun alles, um der Begegnung mit dieser Wirklichkeit auszuweichen. Staunend beobachte ich, wie eine aufeinander abgestimmte Trauer- und Betroffenheitsindustrie die Hinterbliebenen vereinnahmt und rund um die Uhr beschäftigt, sie mit Talmi und Kitsch überschüttet, mit falschen Gefühlen überfährt und ihnen dabei das Geld aus der Tasche zieht. Auch das katholische Beerdigungsritual mit seinem ständigen Kreisen um Schuld, Vergebung, Verlust und Schmerz ist so ausgelegt, dass es die Wahrnehmung der Wirklichkeit zielsicher verhindert. Am Grab war dieser seltsame Wind, wenn auch in abgeschwächter Form, noch einmal wahrzunehmen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass kaum einer etwas davon gemerkt, geschweige denn einen Zusammenhang zwischen Tod und Wind hergestellt hat. Stattdessen beten die Versammelten Rosenkränze, lauschen der Salbaderei des Pfarrers, zählen die Blumensträuße, berauschen sich an ihrer eigenen Rührseligkeit oder vermerken, wer sich persönlich aufgerafft hatte, dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.

Je größer die Seele, desto stärker muss der Wind sein, der sie davonträgt, sagt Ken Wilber. So denke ich selber nicht. Ich glaube nicht, dass eine Seele davongetragen wird, ebensowenig wie ich an die Mund-zu-Nase-Beatmung glaube, mit der Gott den Klumpen Erde zum Leben erweckt. Gott und Seele sind Versuche des menschlichen Geistes, dem Sein oder vielleicht besser dem Dao die eigenen Züge aufzudrücken, das Dao auf unzulässige Weise zu vermenschlichen. In meiner Erfahrung gibt es weder Gott noch diese Art von Seele, wie sie die Religionen uns vermitteln wollen. Dieser Wind, wie ich ihn wahrgenommen habe, trägt keine persönlichen Züge. Er ist weder Transportmittel für eine Seele noch sonstwie Mittel zum Zweck. In meiner Wahrnehmung ist der Wind wesentlich, während Gott und die Seele Erfindungen eines Erzählers sind, der letztendlich bloß auf sich selbst verweisen will.

Ich weiß nicht, was passiert, wenn ein Mensch stirbt. Es ist rätselhaft. Es ist schön. Es ist stimmig. Es stellt auf einer tiefen Ebene Zufriedenheit her. Vielleicht wäre es am besten, überhaupt nicht weiter drüber nachzudenken. Aber als Mensch stehe ich ja in dem Dilemma, das ich das eben nicht lassen kann. Nichts jedoch ist grotesker und falscher, als den natürlichen Tod in seiner Fantasie mit Schrecken und Gewalt zu verbinden. Das Erschrecken hat nur da seine Berechtigung, wo der Tod unnatürlich ist oder wo er verhindert und hinausgeschoben wird.

Im 6. vorchristlichen Jahrhundert, als man sich den Kosmos noch als belebt vorstellte, sah Anaximenes im Pneuma (Wind, Atem) das Lebensprinzip: „Ebenso wie unsere Seele, welche Luft ist, uns mit ihrer Kraft zusammenhält, so umfasst auch den ganzen Kosmos Wind.“ Bei Anaximenes sind Wind und Seele keine zwei verschiedenen Entitäten, sondern identisch miteinander. Gegenüber dem, was Wilber vertritt, erscheint mir die Sichtweise von Anaximenes als die richtigere. Wind und Seele sind nicht zweierlei, es gibt nichts, das vom Wind davongetragen wird. Wohin denn auch?, müsste man sich dann nämlich als nächstes fragen, und genau solche Fragen sind es, die den menschlichen Geist vom Wesentlichen fortreißen und ihn ablenken.

Ich muss an die tibetischen Gebetsfahnen denken, die Schluchten überspannen oder auf Bergkämmen wehen. Hier sind es die Gebete auf den Fahnen, die vom Wind fortgetragen werden. Mit den Fahnen wird auf die Heiligkeit des Windes aufmerksam gemacht, wird der Wind verehrt. Diese Fahnen in der Natur zu sehen, ist schön. Es ist stimmig. Es stellt auf einer tiefen Ebene Zufriedenheit her. In den Gebetsfahnen berühren sich das Geheimnis des Todes, das Geheimnis des Lebens und das Geheimnis der Natur. Das hat weder mit Buddhismus noch mit Tibet zu tun. Es hat damit zu tun, wie die Welt wahrgenommen wird.

In der Stoa hat man sich Pneuma als stoffliches und geistiges Prinzip vorgestellt, das den gesamten belebten Kosmos durchdringt und ihn organisiert. An dieser Vorstellung gefällt mir, dass Materie und Geist miteinander identisch sind und nicht das Eine bloß der Träger oder das Gefäß vom Anderen. Was mir nicht gefällt, ist das hierarchische Denken, das sich hier, wenig überraschend, wieder mal Bahn bricht. Der Wind ist mehr als das Wasser, das Feuer oder die Erde. In unserem modernen Denken haben wir Feuer und Licht über alles andere gestellt. Es gibt auch Mythen wie die vom Weltenstrom, in denen Wasser die überragende Bedeutung spielt. Es geht jedoch nicht darum, dass ein Element das andere dominiert oder gar hervorbringt. Es geht um das Zusammenspiel der Elemente, nicht um Dominanz, Macht oder Hierarchie. Vielleicht findet sich in der alten Elementenlehre doch mehr Weisheit als in der modernen Physik, wenn man das Hierarchische mal einfach weglässt.

Mit dem ersten Schrei beginnt das Leben und es endet mit dem letzten Atemzug. Mit der Entfaltung der Lunge verbinden sich die Elemente zum Tanz, im letzten Atemzug verbeugen sie sich noch ein letztes Mal voreinander. Luft scheint das erste Element zu sein, das sich aus dem Tanz verabschiedet, in der Folge gehen auch die anderen Elemente wieder auseinander und der Körper zerfällt. Ich stelle mir vor, dass sich dieser Vorgang auf zahllosen Ebenen wiederholt: auf der Ebene, die wir als Lebenswelt empfinden, ebenso wie auf der Ebene der Organe, Zellen, Moleküle oder Atome.

Das Wesentliche ist das Zusammenspiel, nicht die Spieler, denn auch die Spieler selber sind wieder nur Zusammenspiel. Es ist ein Tanz auf vielen Ebenen, in vielen Dimensionen.

Religion und Feuer

„Statt den Menschen ein vernünftiges Tier zu nennen, sollte man ihn ein religiöses Tier nennen. Alle Tiere sind vernünftig, der Mensch allein ist religiös“, so ein Zitat von Ferdinando Galiani in den Briefen an Louise d’Épinay.

Religion ist das Eine, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Es gibt kein Tier, das erkennen lässt, dass es einer übernatürlichen Wesenheit huldigt. Die Zähmung des Feuers und die Entdeckung der Möglichkeiten, die im Feuer verborgen sind, das Andere. Der überwiegende Teil unseres technologischen Fortschritts hat mit Feuer zu tun und mit Produkten, die in irgendeiner Weise mit Hilfe von Verbrennungsenergie hergestellt werden. Unsere Zivilisation hat sich rund ums Feuer und rund ums Kochen entwickelt. Ohne Feuer hätten wir kein Metall, keine Keramik und keine Kunststoffe. Außer dem Menschen gibt es kein Tier, das Feuer machen kann.

Religion und Feuernutzung: das also macht den Menschen im Unterschied zum Tier aus. Unsere ganze menschliche Geschichte ist geprägt von Religion und Technik. Und im Zentrum dieser Geschichte, sozusagen im Auge des Wirbelsturms, sitzt die dualistische Weltsicht, die Geist und Materie als zwei qualitativ unterschiedliche Entitäten ansieht. Die Religiösen sehen den Urgrund der Welt im Geistigen, die Techniker im Materiellen oder in Energie. Die Auseinandersetzung zwischen den Vertretern beider Gruppen durchzieht unsere Geschichte von ihren Anfängen im Animismus bis heute. Immer noch ist der Bruch nicht überwunden, und es sieht auch nicht so aus, als ob er in absehbarer Zeit überwunden werden könnte. Immer noch stehen sich zwei anscheinend unversöhnliche Haltungen gegenüber, und wo Versöhnung versucht wird, geschieht es in Bereichen wie der Quantenphysik, die so hochgradig abstrakt sind, dass niemand mehr irgendwas verifizieren kann. Tatsächlich sieht es aber nur so aus, als ob sich diese beiden Weltsichten unvereinbar gegenüberstehen, in Wirklichkeit passiert etwas anderes.

Es gibt, denke ich, weder Materie, die völlig geistlos ist, noch gibt es gänzlich immateriellen Geist in Form eines Jenseits oder Transzendenten. Die Trennung findet nur in unserem Kopf statt und in den Begriffen, die wir wählen, um Entitäten eine Existenz zu verleihen, die es so gar nicht gibt. In Wahrheit gibt es nur eine Wirklichkeit, die von außen, das heißt über die Sinnesorgane betrachtet, materiell erscheint, und von innen, das heißt über Gefühl und Verstand, als Bewusstseinsphänomen erfahren wird. In Wahrheit handelt es sich beim Geist-Materie-Dualismus also um zwei verschiedene Erfahrungsweisen derselben Wirklichkeit, nicht um zwei verschiedene Wirklichkeiten.

Geist und Materie in ihrer untrennbaren Einheit ist Leben. Leben, als Beziehungsgeschehen definiert, findet in den kleinsten Teilchen ebenso wie im Kosmos statt. Wir sind Teil einer ungeheuer lebendigen Welt. Eigentlich. Seltsam ist, dass wir in der materiellen Welt, die wir über die Sinnesorgane wahrnehmen, nur einen Teil einer durch und durch lebendigen Welt auch tatsächlich als lebendig erfahren. Es gibt aber auch andere Erkenntnisweisen. „Gott schläft im Stein, träumt im Tier und erwacht im Menschen“, sagt beispielsweise ein altes indisches Sprichwort und erinnert damit an die urprüngliche Belebtheit von Allem, was ist.

Solange ein Teil der Menschheit wie die Religiösen und Esoteriker glauben, dass Bewusstsein Materie kreiert, und ein anderer Teil der Menschheit wie die Wissenschaftler glauben, dass Bewusstsein eine Folge der Selbstorganisation von Materie ist, solange zerstören beide Gruppen Hand in Hand das Leben und alles, was lebendig ist und leben will. Das ist die eigentliche Tragik, die sich hinter unserem Menschsein verbirgt. Wie alle Lebewesen hat auch der Mensch eine tiefe Sehnsucht nach dem Leben und doch zerstört er es. Manchmal absichtlich, häufig unabsichtlich und ziemlich oft gerade dann, wenn er es bewahren will. Dass Esoterik und Wissenschaft miteinander verschränkt sind und sich in ihrem lebensfeindlichen Tun gegenseitig bedingen, wird in diesem Zusammenhang gerne übersehen, da, oberflächlich gesehen, die Vertreter beider Gruppen die Weltsicht des jeweils anderen in der Regel für falsch halten.

Die Technologie des Menschen ist in ihren wesentlichen Entwicklungen nämlich nichts Anderes als die Umsetzung religiös-esoterischer Träume durch Wissenschaft. Dass der Mensch über die Schöpfung herrsche, steht schon in der Bibel. Das haben wir inzwischen beinahe geschafft und dabei das sechste große Artensterben verursacht. Dank Smartphones, Telefon und PC sind wir inzwischen alle miteinander verbunden, doch stellen wir mit leichtem Schaudern fest, dass gerade diese Art der Verbundenheit uns einander entfremdet. Ein beliebtes Motiv im Mittelalter waren schwebende Heilige, wir haben heute Flugzeuge. Was die Astralreisen angeht, so wird am Beamen fleißig gearbeitet, bei kleinen Teilchen soll es sogar schon funktionieren. Dass wir weder geboren werden noch sterben, wie die Mystiker lehren, daran arbeiten Reproduktionsmedizin und Genforschung. Wird in der Offenbarung des Johannes eine reiche, mit Edelsteinen geschmückte Stadt zur Gottesbraut, so sehen wir überall auf der Welt Riesenstädte wachsen, die im Zentrum die prächtigen Hochhäuser der Finanzwelt beherbergen. Da diese Stadt, das neue Jerusalem, in der Bibel menschenleer scheint, wandeln sich die Menschen allmählich in Automaten um, die weder Mann noch Frau sind, dafür aber gendern und funktionieren. Diese Stadt, das Schlussbild der Bibel, wird von innen heraus leuchten und es wird keine Nacht mehr sein, deshalb werden die Städte nachts beleuchtet, sodass die Sterne nicht mehr sichtbar sind.

Bei alledem erschafft der Mensch in Form des heraufdämmernden technischen Überwachungsstaates zudem auch seinen Gott, der alles sieht und hört und willkürlich bestraft und belohnt. Und da wir uns laut Jesus in den Dienst von Kranken, Schwachen, Alten und Armen stellen sollen, bringt unsere Gesellschaft immer mehr Kranke, Schwache, Alte und Arme hervor, damit sich jeder von uns ganz im Sinne von Jesus und der Nächstenliebe selbst aufopfern kann. Aus der bedingungslosen Liebe wird in dieser Logik selbstverständlich das bedingungslose Grundeinkommen.

Bei alledem verwandelt der Mensch Lebendiges permanent in Strukturen um, zu denen er den innerlichen Bezug zerschneidet. Der Mensch verliert das körperliche Gefühl, das aus unzähligen materiellen Bindungen kommt und durch den Stoffwechsel erhalten wird. Damit verliert er die Möglichkeit, die Welt von innen heraus zu erfahren. Was zur Folge hat, dass ihm die Welt, die er über die Sinnesorgane wahrnimmt, als tot erscheint.

Erstaunlich viele Menschen können nicht mal mehr ihren eigenen Körper in seiner Lebendigkeit wahrnehmen. Viele Menschen halten ihren Körper für eine Maschine, die man wie ein Auto warten muss. An die Stelle eigener Wahrnehmung tritt die Vorsorge-Untersuchung, eben so, wie das Auto alle zwei Jahre zum TÜV muss.

Ja, der Mensch geht soweit, dass er sogar seine Gefühle und sein Bewusstsein veräußerlicht und zum Objekt von Untersuchungen macht, deren Ergebnisse in zahllosen Texten verbreitet werden. Durch diese Veräußerlichung der eigenen inneren Befindlichkeit wird ihm diese fremd. Er verliert, was seine innere Verbindung zur Wirklichkeit begründet. Die eigene Seele wird ihm zum Objekt. Das ist der Gipfel der Entfremdung. Über Objekte kann man verfügen. Deshalb ist der Tag nicht mehr fern, an dem das in Worte gefasste, analysierte und besprochene Bewusstsein in Maschinen implementiert werden kann, denn alle Texte sind ja nichts anderes als Daten. Dann wird der Mensch nicht mehr von einer Maschine unterscheidbar sein und mit seiner Technik verschmelzen. Er tut das bereits seit Jahrtausenden. Die Geschichte des Menschen ist nichts anderes als die schrittweise Umwandlung von einem Lebewesen in eine Maschine, die im besten Fall als organische Technik gelten kann.

Andererseits muss man sich doch auch fragen: Wollen wir Menschen es nicht gerade so? Wer von uns will denn wirklich ohne Technik leben? Finden die meisten von uns Waschmaschinen, Thermomix, Computer und Smartphone nicht genial? Warum sollen wir nicht ein müdes Herz mit einem Herzschrittmacher auf Trab bringen? Warum soll man auf ein Kind verzichten, bloß weil auf natürlichem Weg keins entstehen will?

Fühlen wir uns in einer technischen Umwelt nicht besser aufgehoben als in einer natürlichen? Will einer von uns in einer unbeheizten Höhle leben? Ungeschützt der Natur ausgesetzt sein? Wer von uns würde seine Existenz von Pfeil und Bogen abhängig machen? Schmecken Pommes mit Ketchup den meisten nicht besser als wurmstichige Bio-Radieschen? Und mal ehrlich: Sieht Bio-Gemüse nicht häufig recht vergammelt aus? Wer will denn wieder wie im Mittelalter leben? Oder gar in der Steinzeit?  Wer von uns wollte auf Kaffee, Tee oder sonstige Importe verzichten? Fährt nicht jeder von uns Auto, und wenn nicht gerade Auto, dann Bahn, Bus und Straßenbahn? Wer wollte Hunderte von Kilometern in wochenlangen Wanderungen zurücklegen? Wer ist nicht froh, wenn er alle unangenehmen Arbeiten wie Ernten, Schlachten, Graben, Schleppen, Bauen, Mahlen, Heizen, Müllentsorgen dienstbaren Maschinen überlassen kann? Wer von uns würde auf die medizinische Versorgung und die Rente verzichten wollen? Wer würde ein bedingungsloses Grundeinkommen ablehnen, wenn es ihm denn angeboten würde?

Das sind alles einzelne Schritte, die, für sich genommen als unbedeutend erscheinen, uns jedoch in summa immer abhängiger von unserer selbst geschaffenen Technik werden lassen. Ohne Technik können die allermeisten von uns überhaupt nicht mehr überleben. Und dieser Prozess schreitet unaufhörlich weiter voran. Die Abhängigkeit von der Technik geht nun allmählich in eine Verschmelzung mit der Technik über. Menschen werden mehr und mehr zu Maschinen, während Maschinen immer menschlicher werden.

Haben wir uns nicht längst an diese Dynamik gewöhnt, die letztendlich aus dem Bruch von Geist und Materie kommt? Lieben wir diese Dynamik denn nicht tatsächlich mehr als das Leben? Könnten wir überhaupt anders, selbst wenn wir wollten? Inwieweit sind wir überhaupt Herr über uns Schicksal? Sind wir Teil einer Geschichte, die nicht der Mensch, sondern die das Feuer schreibt?

Ich denke, auf solche Fragen gibt jeder von uns eine individuelle Antwort. Nicht nur, mit dem was er denkt und sagt, sondern vielmehr noch mit seinem konkret gelebten Leben, das sich für die meisten allerdings in einem von der Technik bereits festgelegten Rahmen, mitunter in engen Grenzen bewegt. Und der Prozess schreitet weiter voran. Wissenschaftler und Ingenieure fluten die Welt täglich mit neuen Erfindungen, von denen sich manche in Windeseile weltweit verbreiten und denen man sich nur schwer oder gar nicht entziehen kann. Was will man dagegen machen, wenn die Steuern künftig elektronisch bezahlt werden müssen oder wenn die Krankenkassen und Ärzte ihre Dateien vernetzen?

Andererseits ziehen und zerren Ideologen wie Esoteriker, Grüne und Linke pausenlos an ihren Mitmenschen herum, um sie zu einem Lebenswandel zu erziehen, der auf den ersten Blick ökologisch nachhaltig erscheint, die Menschen aber in Wahrheit bloß zu funktionierenden Zellen in einem technischen Superorganismus macht. Ja, es ist so:  Je mehr die heutigen Ideologen eine nicht-materielle Weltsicht gegen Kapitalismus, Industrie und Technik durchsetzen wollen, desto schneller holen uns die technischen Erfindungen und Veränderungen auf der materiellen Seite wieder ein, um zu offenbaren, was sich hinter den Ideologien und Träumen denn nun tatsächlich verbirgt. Dieser Dynamik kann sich der Einzelne nicht entziehen. Er kann sich nur innerhalb dieser Dynamik einen Platz suchen, der ihm zusagt: entweder mitten in der Strömung oder etwas mehr am Rande. In diesem Sinne: möge jeder den Platz finden, der ihm konveniert. Bloß Aussteigen, das geht nicht.

Gibt es Gott?

Um die Frage, ob es Gott gibt, beantworten zu können, müsste man erst mal wissen, was der Begriff Gott bezeichnet oder wofür er steht. Das scheitert jedoch schon am Fehlen einer allgemein gültigen Definition. Die Menschen sind sich ja nicht mal drüber einig, ob Gott ein Seiendes, ein Nicht-Seiendes, die Einheit aus Seiendem und Nichtseiendem oder nichts von alledem ist. Manchmal wird Gott mit einer immateriellen Einheit assoziiert, manchmal mit der Vielfalt des Seins, manchmal mit beidem. Ebensowenig sind sich die Menschen einig, ob Gott ein übernatürliches Wesen oder eine höhere Macht ist, wobei auch wieder unklar bleibt, was übernatürlich bzw. höher eigentlich bedeuten soll. Darüber hinaus sind Wesen und Macht keine austauschbaren Synonyme. Es wird vom Gott geredet, der die Welt erschaffen hat, ebenso wie vom Gott in mir, vom transzendenten wie vom immanenten Gott. Gott ist allwissend, die absolute Vernunft, sich Gott aber mit rationalen Fragen anzunähern, ist verpönt, denn Gott ist eine Sache des Glaubens, aber doch wieder nicht, denn es ist eine Sache der Vernunft, an einen einzigen Gott oder ein übergeordnetes Prinzip und nicht an viele Götter oder gar an ein Spaghettimonster zu glauben.

Über die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, ist ein Austausch aufgrund dieser fehlenden verbindlichen Vereinbarung, wovon man eigentlich spricht, nicht möglich. Für eine Diskussion fehlt jede Grundlage. Ebenso für eine Antwort.

Wenn man von Gott spricht, ohne zu wissen, wer oder was Gott ist, geht es gar nicht um Gott. Es geht um die tief im Menschen verwurzelte Sucht nach Erklärungen. Der Mensch ist offensichtlich so strukturiert, dass es ihm nicht genügt zu wissen, dass es ihn gibt, er will darüber hinaus wissen, warum es ihn gibt. In den meisten Fällen ist mit der Erklärung eine Rechtfertigung verbunden. Oder ein Zweck. In vielen Fällen hat unser Dasein hier in dieser Welt den Zweck, in ein Jenseits zu gelangen, Gott bei seiner Arbeit zu helfen oder selber Gott zu werden.

Im Laufe unserer menschlichen Entwicklung ist diese Sucht nach Erklärungen immer stärker geworden. Der Mensch will, ja muss wissen, was die Welt im Kern zusammenhält, wie sie funktioniert, was ihre erste Ursache ist und welche Rolle wir als Kollektiv und als Einzelne darin spielen. Die Menschheit ist von dieser Sucht vollkommen besessen und verteilt Nobelpreise an die Junkies, die ebenso nach Wissen gieren wie die Heroinsüchtigen nach Heroin. Die Schule, die Universität und die Kirche sind die Orte, wo mit Erklärungen gedealt wird. Manche Erklärungsmodelle werden als Wissen, andere als Glauben, wieder andere als Ethik oder Sozialisation verkauft.

Je vollständiger man die Welt erklären kann, desto mehr hat man sie im Griff. Die Sucht nach Erklärungen hat damit zu tun, dass der Mensch die Welt beherrschen, kontrollieren und manipulieren will. Der Gottesbegriff vervollständigt die lückenhaften Erklärungsmodelle, die der Mensch aus seinen praktischen Erfahrungen ableiten kann. Die totale Erklärbarkeit der Welt und des Seins ist nur mit Hilfe eines übergeordneten, allumfassenden Begriffs möglich. Für den Menschen, der keine Frage unbeantwortet lassen kann, ist Gott oder ein ähnlich allumfassender Begriff eine Notwendigkeit.

Gier ist in unseren Augen schlecht. Die meisten Menschen in unserem Kulturkreis sind inzwischen durchaus zur Einsicht gelangt, dass Gier die Welt zerstört. Deshalb wird der Kapitalismus als systemisch gewordene Gier von allen in höchsten Tönen kritisiert, wenn nicht gar verdammt. Unbegreiflich bleibt, dass die Neu-Gier bei alledem weiterhin den Status einer Tugend genießt. Aber schließlich ist Neugier der Antrieb, um neues Wissen zu erlangen, und darf deshalb nicht in Frage gestellt werden. Wissen ist uns heilig. Neugier ist allenfalls schlecht, wenn man den Nachbarn ins Fenster guckt oder deren Briefe liest. Aber auch hier findet derzeit eine gewaltige Verschiebung statt, auch diese Art von Neugier wird rehabilitiert und zur Normalität, während das Bestehen auf einer Privatsphäre zunehmend verdächtig wird, es sei denn, man heißt William und Kate. Während Adlige früher die Objekte waren, an denen sich die Neugier schamlos befriedigen durfte, kann heute jeder zum Objekt schamloser Neugierde werden, während Adlige plötzlich das Privatleben für sich entdecken.

Wie jeder Süchtige merkt auch der Erklärungssüchtige nicht, von welcher Qualität der Stoff ist, den er zu sich nimmt. Er klammert sich an Begriffe, deren Bedeutung er nicht kennt und über die er sich auch gar nicht klar werden will. Er klammert sich an Erklärungsmodelle, die nicht nur immer abstrakter, sondern auch immer abstruser werden. Manchmal klammert er sich auch an eingebildete Verschwörungen, bloß um eine Erklärung zu haben. Wie jeder Süchtige merkt auch der Erklärungssüchtige nicht, dass seine Sucht ihm schadet. Wie jeder Süchtige merkt auch der Erklärungssüchtige nicht, dass er nicht nur die Welt um sich herum, sondern auch sich selber langsam, aber sicher zerstört.

Die interessante Frage ist also nicht, ob es Gott gibt oder nicht, sondern die Frage, warum der Mensch derart erklärungssüchtig geworden ist. Ja, ich brauche keine Erklärung für den Kosmos, aber ich hätte doch gern eine Erklärung für diese Erklärungssucht. 🙂
Ich habe auch eine gefunden: Unsere rasante geistige Entwicklung inklusive der damit verbundenen genetischen Veränderung unseres Gehirns ist die Folge eines systemischen Zuwiderhandelns gegen unsere innerste Natur und gegen unseren Instinkt. Es ist ein Bruch in uns selbst, der Instinkt und Geist zu unvereinbaren Gegensätzen macht. Daher kommt diese Unruhe, die uns in die Sucht zwingt. Im Grunde will der Mensch nichts anderes, als diesen Bruch überwinden und wieder zur Ruhe zu kommen. In Genese des Übernatürlichen versuche ich, diesem Bruch in uns selbst auf die Spur zu kommen.

Im Laufe unserer Entwicklung haben die metaphysischen Erklärungen, die der Mensch sich zu seiner Beruhigung zurechtlegt, unterschiedliche Gestalt angenommen. Im Großen und Ganzen lassen sich drei Phasen unterscheiden.

Der Anfang der ersten Phase liegt im Dunkeln. Die mögliche Zeitspanne reicht von zweihunderttausend Jahren bis zu zwei Millionen. In dieser Zeit lernte der Mensch, mit dem Feuer umzugehen und entwickelte eine Sprache, die über reine Laute weit hinausging. In dieser Phase erfuhr der Mensch die ganze Welt noch als belebt. Er entwickelte im Animismus das Erklärungsmodell der doppelten Erscheinungsweise aller Dinge als einerseits materiell und andererseits geistig. Alle materiellen Dinge waren dem Menschen gleichzeitig geistiger Natur. Der Mensch lebte inmitten der Welt gleichermaßen in einer Welt der Geister und Dämonen. Durch die Erfindung von Geistern und Dämonen konnte sich der Mensch unerklärliche Erscheinungen wie Feuer, Regen, Wolken, Gewitter erklären. Geister und Dämonen sind ein erstes umfassendes Erklärungsmodell. Aus heutiger Sicht sind es also durch und durch natürliche Erscheinungen, die im Menschen den Glauben ans Übernatürliche begründet haben.

Die zweite Phase begann vor rund zehntausend Jahren. Der Mensch wurde sesshaft. Er fing an, Ackerbau zu betreiben und Metall zu bearbeiten. Er entwickelte die Schrift und den Glauben an Götter, die im Monotheismus zu einer einzigen, allmächtigen Gottheit verschmolzen. In diese Zeit fällt auch die Gründung von Städten, wo erstmals Menschen, die nicht verwandt miteinander waren, ja, die sich nicht einmal gut kannten, zusammenlebten.
Der Glaube an einen Gott, der jeden Menschen bei seinem Tun beobachtete, machte die Urbanisierung überhaupt erst möglich. Das allwissende Auge, das über jeden Einzelnen wacht, brachte die Menschen dazu, sich ihren fremden Nachbarn gegenüber anständig zu benehmen, sie nicht auszurauben oder umzubringen. Bei den Jägern und Sammlern war es die natürliche Entfernung der verschiedenen Clans zueinander gewesen, deren riesige Reviere Mord und Totschlag weitgehend verhindert hatten. Da in Städten diese natürliche Barriere aufgehoben war, brauchte es dringend einen Ersatz, und das war der Glaube an den allessehenden, allwissenden Gott. Nicht nur wurden die Städte dabei allmählich immer größer, der Mensch schloss sich auch zu immer größer werdenden Organisationseinheiten zusammen. Aus Glaubensgemeinschaften oder Völkern wurden Nationen, aus Nationen Staaten, aus vielen Staaten ein Staatenverbund. Der Glaube an einen universalen Gott wirkt vereinheitlichend auf die Menschen.

Die dritte Phase begann mit der Industrialisierung vor knapp zweihundertfünfzig Jahren. Der Mensch erfand die Dampfmaschine und den Verbrennungsmotor. Das sind Maschinen, die Energie erzeugen. Bis dahin konnte der Mensch nur die Energie von Tieren, anderen Menschen (Sklaven) oder von Naturphänomenen (Wasserkraft, Windräder) nutzen, sie aber nicht selbst herstellen. Das ist nun anders geworden und dem Menschen stand auf einmal ungleich viel mehr Energie zur Verfügung als bislang. Das zu dieser Phase gehörende neue Kommunikationssystem, das in den vorhergehenden Phasen der Sprache und der Schrift entspricht, ist der Computer und die Digitalisierung.

An die Stelle von Gott tritt als höhere Macht nun das kosmische Bewusstsein. Damit einher geht ein Gefühl der Erhabenheit, das sich angesichts der strukturellen Zusammenhänge in der Natur sowie auch der eigenen Gedankenwelt einstellt. Die Welt wird als Ausdruck des kosmischen Bewusstseins verstanden, als seine Gedanken und Träume. Der moderne Mensch sagt nicht mehr, dass Gott die Welt erschaffen hat, sondern, dass Bewusstsein (oder Geist) die Materie kreiert. Ganz unverfroren geht der Mensch davon aus, dass das kosmische Bewusstsein analog seinem eigenen funktioniert. Das ist auch ganz logisch, denn ein anderes Bewusstsein als sein eigenes kann der Mensch ja gar nicht kennen. Der Begriff Bewusstsein ist ähnlich vage wie der Begriff Gott. Niemand weiß, was der Begriff Bewusstsein überhaupt bedeutet. Verstand, Gefühl, Instinkt, Gott, Natur, der Urknall, Elektromagnetismus: alles wird darunter subsumiert, sodass der Begriff total beliebig wird. Aber darauf kommt es gar nicht an. Das Entscheidende ist, dass durch die Verwendung des Begriffs Bewusstsein der Mensch nun selbst an die Stelle des Schöpfergotts tritt. Beinahe unmerklich wird der Mensch oder eben sein Bewusstsein nun selber zum allumfassenden Prinzip, zur allumfassenden Ordnung.

Die Übersteigerung des menschlichen zum kosmischen Bewusstsein geht einher mit einem totalen Universalismus. Die Utopie der vollkommenen Entgrenzung wird Wirklichkeit. Das Prinzip, das Ordnungsgesetz, auf das radikal alles, was ist, zurückgeführt werden kann, ist der menschliche Geist. Vor diesem Hintergrund verlieren nationale, soziale und religiöse Schranken ihre Bedeutung. Mit Riesenschritten strebt die Menschheit der globalen Welt entgegen, in der alle Menschen nicht nur Brüder und Schwestern, sondern ein Bewusstsein sein werden. Zur Verwirklichung des totalen Universalismus wird gelegentlich auch schon mal geltendes Recht gebrochen, wie das zuletzt bei den Abkommen von Maastricht, Schengen oder Dublin der Fall war.

Dem Bruch in seinem Bewusstsein, der durch die Entwicklung dem Instinkt zuwiderlaufender kognitiver Fähigkeiten entstanden ist, versucht der Mensch durch totale Entgrenzung, Veräußerlichung und Übersteigerung seiner selbst zu begegnen. Um den Bruch zu überwinden, strebt der Mensch danach, sich die Materie, die Welt und den Kosmos bis zum letzten Molekül einverleiben, indem er alles zu Gedanken oder Träumen seines eigenen Bewusstseins erklärt, das er nun als göttlich definiert.

Ich habe meine Zweifel, ob der Bruch überwunden werden kann, wenn ein Teil des Zerbrochenen sich zum alles beherrschenden Ordnungsgesetz aufschwingt. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Einheit zwischen Verstand und Instinkt wiederhergestellt wird, sondern vielmehr, dass durch den krampfhaften Versuch, die ganze Vielfalt der Wirklichkeit einem ins Kosmische übersteigerten menschlichen Bewusstsein unterzuordnen, die weitere Fragmentierung sowohl von Verstand wie Instinkt nur immer weiter vorangetrieben wird. Die Sucht nach Erklärungen scheint das Problem nicht zu lösen, sondern Teil des Problems zu sein.

Ich muss nicht für alles eine Erklärung haben. Ich kann Fragen unbeantwortet lassen und mir die Grenzen meines Wissens eingestehen. Aus diesem Grund plädiere ich für die Abschaffung eines allumfassenden Begriffs oder Prinzips, das für totale Erklärbarkeit steht. Ich denke, nicht nur die Welt würde befreit aufatmen, sondern auch die Menschen.