Auf dem Weg zum Chemitarier

Neulich hat mein Supermarkt mich mit einem neuen Arrangement überrascht: eine zusätzliche Regaleinheit, die im weitesten Sinne Gesundheitsprodukte enthält, hat das bisherige, schon recht umfangreiche Angebot noch einmal erweitert. Gesundheitsprodukte sind Vitamine aller Art, Mineralstoffe, Antioxidantien, Kiesel-, Linol- und sonstige Säuren, Salze, basische Stoffe, Co-Enzyme, und sie versprechen ihren Käufern schöne Haut und glänzende Haare, eine bessere Verdauung, die perfekte Figur, entspannten Schlaf, mehr Leistungskraft, Muskelaufbau und was weiß ich nicht noch alles. Diese Mittel gibt es bevorzugt in Form von Pillen, Kapseln, Dragees, Pulver, Tees und Brausetabletten. Sie werden nicht nur im Supermarkt und im Einzelhandel angeboten, sondern ebenso in Bio-Läden, nur dass sie dort eben „biologisch“ hergestellt werden. Reformhäuser verkaufen fast nichts anderes. Auf diesem Markt der frei verkäuflichen Gesundheitsprodukte werden Milliardenumsätze getätigt. Es ist ein Markt mit enormen Wachstumszahlen. Für ihre Gesundheit geben immer mehr Menschen immer mehr Geld aus.

Von der Medizin, den Apotheken und der Pharma-Industrie will ich hier gar nicht erst groß reden, denn das wäre ein Thema für sich. Nur so viel, dass dieser Komplex uns systematisch an synthetisch hergestellte Produkte gewöhnt. Schon in jungen Jahren wird für den modernen Menschen die Einnahme von Pillen zur Selbstverständlichkeit. Ich kenne fast niemanden über 50, der nicht regelmäßig irgendwelche Medikamente schluckt.

Hier passiert schleichend eine tiefgreifende Veränderung, die insgesamt wenig beachtet wird. Wir gewöhnen uns daran, in unsinnlichen, unanschaulichen, abstrakten Begriffen von unserem Essen zu denken. Wir reden immer weniger von Äpfeln, Radieschen und Brezeln, dafür umso mehr von Vitaminen, Fettsäuren, Hormonen, Eiweißen und Kohlehydraten und genau das wird auf die Verpackungen außen auch aufgedruckt. Entsprechend verwandeln sich allmählich die Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, in Pillen, Pasten und Tabletten. Zunehmend verdrängt die chemisch-synthetische Form die natürliche. Da wir am Gewohnten hängen, vollzieht sich diese Umorientierung allerdings recht langsam, scheibchenweise und über mehrere Generationen hinweg.

Wenn wir Wörter wie „Äpfel“ oder „Brezeln“ hören, verbinden sich damit in der Regel anschauliche Vorstellungen und Erinnerungen, die oft genug sogar körperliche Reaktionen auslösen. Manchmal läuft einem schon, allein wenn man ein bestimmtes Wort hört, das Wasser im Mund zusammen. Man glaubt, den Duft förmlich zu riechen, den Geschmack auf der Zunge zu spüren. Nichts davon trifft auf die Begriffe zu, die ein Lebensmittel auf seiner chemischen Basis beschreiben. Begriffe wie „Vitamin“ oder „Enzym“ lösen nur eine vage Vorstellung davon aus, dass die Einnahme der entsprechenden Produkte irgendwie gesund sein soll. Das liegt daran, dass Vitamine, Enzyme, Fettsäuren, Kohlehydrate nichts Wesenhaftes sind, sondern chemische Zusammensetzungen, die sich nur durch die Elemente gemäß dem Periodensystem voneinander unterscheiden. Und Elemente im Periodensystem wie Wasserstoff, Sauerstoff, Eisen, Kupfer unterscheiden sich letztendlich nur durch die Zahl der Elektronen und die Zahl der Protonen und Neutronen im Atomkern voneinander. Es ist ein rein numerischer Unterschied. Zahlen haben es an sich, dass sie so abstrakt sind, dass sie sich beliebig auf alles anwenden lassen, Zahlen wohnt absolut nichts Wesenhaftes inne.

Es gibt zwei Verfahren, Lebensmittel zu designen: entweder werden natürliche Lebensmittel denaturiert oder sie werden gleich synthetisch hergestellt. Als ich mit meinen Überlegungen soweit war, fiel mir auf, dass im Grunde genommen sämtliche Nahrungsmittel in meinem Supermarkt zumindest denaturiert sind: das reicht von Milchprodukten wie fettarmem Joghurt oder Vollmilch bis zu den Konserven und Nudeln. Nichts davon ist so, wie es in der freien Natur vorkommt. Und selbst Gemüse, Kartoffeln und Früchte sind nicht naturbelassen, sondern werden gedüngt, mit Herbiziden und Pestiziden geschützt, in Hydro- und Monokulturen gezüchtet. Natürlich sind Pflanzengemeinschaften aus verschiedenen Arten, deren Wurzelwerk unter der Erde so miteinander verflochten und mit Bakterien und Pilzen besiedelt ist, dass man nicht genau sagen kann, wo eine Pflanze aufhört und eine andere anfängt. In keinem Laden und auf keinem Markt der Welt gibt es wirklich Naturbelassenes zu kaufen.

Man kann zudem beobachten, dass der Anteil an sogenanntem Convenience Food, also an vorgefertigten Lebensmitteln, bei denen der Nahrungsmittelhersteller bestimmte Be- und Verarbeitungsstufen übernimmt, in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen hat. Das geht von Fertiggerichten über Tiefkühlpizza bis hin zu bereits gewaschenem und gezupftem Salat.

Außer Religion und Feuernutzung gibt es also einen weiteren grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier: der Mensch verändert seine Nahrungsmittel, bevor er sie verzehrt. Das hat schon vor Hunderttausenden von Jahren angefangen, als der Mensch das Kochen und Braten entdeckte. Das Verändern von Nahrungsmitteln ist keine Erfindung des Homo sapiens, sondern umgekehrt ist der Homo sapiens das Ergebnis stark veränderter Essgewohnheiten.

Parallel zu den kontinuierlichen Veränderungen, die in unseren Supermärkten stattfinden, läuft eine andere Entwicklung, die sich ebenfalls intensiv mit unserer Nahrung befasst. In meiner Jugend war es in bestimmten Kreisen schick, Vegetarier zu sein. Damals überschwemmten vegetarische Kochbücher den Markt und die ersten vegetarischen Restaurants erschienen auf der Bildfläche. Dieser Trend zum Vegetarismus war in aller Regel mit der Öko-Bewegung verknüpft und häufig spirituell angehaucht. Entsprechende Vorbilder gab es in der östlichen, vor allem indischen Spiritualität, dem Yoga, und natürlich im Buddhismus, der dank des 14. Dalai Lama im Westen eine neue Blütezeit erlebte.

Der vegetarische Mensch galt als reiner, bewusster, mitfühlender, spirituell weiter entwickelt als der Fleischesser, der rücksichtslos das grausame Töten von Tieren in Kauf nimmt, nur um sich genüsslich einen Fettwanst anzufressen. Man erkannte im Tier das leidende Mitgeschöpf, das ebenso wie der Mensch leben will, und stellte zudem meist falsche Berechnungen an, dass die vegetarische Lebensweise die einzige Möglichkeit wäre, um die zunehmende Weltbevölkerung zu ernähren.

Hinter der vegetarischen Lebensweise steckte häufig genug auch der spirituelle Traum vom unsterblichen Lichtwesen, das zu seiner Existenzerhaltung nur noch Licht bzw. reine Energie benötigt. Es ist eine Form magischen Denkens, dahingehend, dass man glaubt, durch den Verzicht auf jegliches Töten selber der Unsterblichkeit näher zu kommen. Andererseits ist dieser spirituelle Traum eine Absage nicht nur an den Körper mit seinen Zähnen und Verdauungsorganen, seinen Ausscheidungen, seinem Altern und seinen Krankheiten, sondern überhaupt eine Absage an die Natur und das Leben, das ohne Stoffwechsel nun mal nicht funktioniert. Der natürliche Stoffwechsel beinhaltet den Tod als Notwendigkeit, schließlich lebt ja eins vom anderen. Wer leben will, muss töten, lautet die Formel für Mensch und Tier. Doch nicht mal Pflanzen ernähren sich ausschließlich von Sonnenlicht und Wasser, sondern brauchen für ihr Gedeihen zusätzlich den Humus, der aus abgestorbenen Pflanzen und einer Mikrowelt aus Bakterien und Pilzen besteht.

An die Stelle des Vegetariers meiner Jugend ist heute der Veganer getreten, der gleich auf jegliche Nutzung von Tieren verzichtet, außer auf die, die in Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln so gut versteckt ist, dass sie schon nicht mehr auffällt. Denn wenn die Veganer auch lieber auf synthetischen als auf Daunenkissen schlafen und Fleecejacken statt Wollpulli tragen, so verzichten sie doch nicht auf den medizinischen Fortschritt und auf all das, was als gesundheitsfördernd gilt, selbst wenn dieser Fortschritt mit Tierversuchen erkauft worden ist. Im Unterschied zum Vegetarier meiner Jugend ist der moderne Veganer synthetischen Produkten gegenüber jedoch viel aufgeschlossener und insgesamt technikfreundlicher eingestellt.  Vom Veganer zum Chemitarier ist der Weg nicht mehr sehr weit.

Ein Chemitarier ist meiner Definition nach ein Mensch, der auf chemischer Basis erzeugte, synthetische Nahrung natürlichen Lebensmitteln vorzieht. Ein Chemitarier ernährt sich also bewusst und mit guten Gründen lieber von Pillen, Pulvern, Kapseln, Pasten, Brausetabletten und Tees als von Fleisch und Gemüse. Es fehlt ihm auch nicht an guten Gründen für seine Entscheidung: zum einen kann er die Nährstoffzufuhr mit synthetischen Produkten weitaus gezielter als mit herkömmlicher Ernährung steuern und so seinen Bedarf akkurat abdecken. Bei dieser Art von Ernährung gibt es weder Mangel noch Verschwendung. Der Chemitarier nimmt auch keine Giftstoffe zu sich, was bei der heutigen Ernährungsweise so gut wie unvermeidlich ist. Bei konventionellen, mit Herbiziden und Pestiziden behandelten Erzeugnissen sowieso, aber auch der Bio-Anbau hat seine Tücken, beispielsweise ist hier die Verkeimung ein Problem. So nehmen seit 2001 die EHEC-Infektionen kontinuierlich zu, 2011 gab es gar eine durch verkeimte Sprossen ausgelöste Epidemie, an der in Norddeutschland 855 Menschen am Hämolytisch-Urämischen Syndrom erkrankten, wovon 53 starben. Wer sich synthetisch ernährt, braucht überdies keine Küche mehr und spart eine Menge Zeit, die ansonsten mit Kochen und Geschirrspülen verschwendet wird. Und last, not least tut der Chemitarier seiner Umwelt und dem Klima einen geradezu gigantischen Gefallen. Man stelle sich nur mal vor: rund 1,4 Milliarden Hektar Ackerfläche können an die Natur zurückgegeben und wieder aufgeforstet werden, wenn der Nährwert von Getreide, Reis, Soja, Kartoffeln, Fleisch und Gemüse in synthetisierter und komprimierter Form in Chemiefabriken hergestellt wird.

In der Geschichte der Menschheit lassen sich drei Entwicklungsphasen ausmachen. Zu jeder Phase gehört eine Technik oder eine technische Erfindung, die zu einem Paradigmenwechsel führt. Außerdem eine neue Art der Kommunikation, um die Abläufe im jeweilig neuen Paradigma zu organisieren. Und als drittes Element gehört zu jeder Phase eine tiefgreifende Veränderung der Ernährung und der Essgewohnheiten.

In der 1. Phase lernte der Frühmensch das Feuermachen und begann sich mittels Sprache zu verständigen, die weit über bloße Warn- und Grunzlaute hinausging. In dieser Phase löste das Kochen und Braten von Fleisch, Fisch und Gemüse die bisherige Rohkost ab. Da gebratenes und gekochtes Fleisch länger haltbar war als rohes, wurde die Jagd auf größere Tiere interessanter, der Fleischanteil in der Nahrung nahm entsprechend zu. Der Mensch war Jäger und Sammler.

In der 2. Phase begann der Mensch, mit Hilfe des Feuers Metall zu verarbeiten und Keramik herzustellen, was zur Sesshaftwerdung und Gründung von Städten führte. Um das frühe Stadtleben, die neu entstandenen Berufe und den Handel zu organisieren, erfand der Mensch die Schrift. Tiere wurden von jetzt an in Herden gehalten und Getreide und Früchte wurden angebaut und durch Selektion auf ihren Nährwert hin kontinuierlich verbessert. Der Mensch war Viehzüchter und Bauer.

In der 3. Phase, in der wir uns gerade befinden, löste die Erfindung der Dampfmaschine und des Verbrennungsmotors die Industrielle Revolution aus, und seither prägen industrielle Fertigungsprozesse unser Leben bis in die industrielle Nahrungsmittelproduktion und industrielle Landwirtschaft hinein. Die neue Kommunikationstechnik besteht in der Erfindung von Computern, der maschinellen Verarbeitung von Schrift und Sprache, mit einer umfassenden Digitalisierung sämtlicher Prozesse unseres Lebens. Die Ernährung wandelt sich vom Anbau zur Konstruktion von Lebensmitteln. Dazu gehört Gentechnik ebenso wie alle möglichen chemischen Verfahren. Der Mensch ist Lebensmitteldesigner.

Es ist noch nicht entschieden, wie die Änderung der Ernährung sich in der Realität konkret vollziehen wird. Noch sind wir mitten drin in der Entwicklung. Es kann durchaus sein, dass wir uns in eine neue Lebensform hineinentwickeln, die in ein paar tausend Jahren tatsächlich ohne Stoffwechsel auskommen und sich ausschließlich von synthetischen Produkten oder Energie ernähren wird. Möglich, dass der spirituelle Traum vom Lichtwesen schließlich auf diese chemische Weise in Erfüllung geht, werden doch alle spirituellen Träume stets auf technischem Weg verwirklicht. Es kann allerdings auch sein, dass dieses Projekt der Evolution namens Mensch vorzeitig zu einem Ende kommt und/oder an sich selbst scheitern wird. Es ist auch möglich, dass der Mensch zuguterletzt doch seine biologische Grundlage mit Stoffwechsel und Sterblichkeit als die glücklichere Lösung empfindet und sich dafür entscheidet.

Angesichts der Vielzahl der Vorzeichen halte ich es jedoch für wahrscheinlich, dass sich die Menschheit in absehbarer Zeit nur noch von synthetisch hergestellten Produkten ernähren wird. Aber bis dahin lasse ich mir mein Schnitzel und meine Pizza schmecken, mit einem Glas Rotwein zur Abrundung des Geschmackserlebnisses. Prost Mahlzeit!