Der große Unterschied

Menschen unterscheiden sich von Tieren. Auf der einen Seite stehen in dieser Unterscheidung also die Menschen, auf der anderen Seite die Gesamtheit aller Tiere. Das heißt, Menschen unterscheiden sich von Tieren ebenso sehr, wie sich Tiere von Pflanzen unterscheiden.

Die Verfasser des Alten Testaments haben angenommen, dass Gott im Rahmen des Schöpfungsprozesses grundsätzlich verschiedene Lebensformen erschaffen hat: Bevor es Sonne, Mond und Sterne gab, erschuf Gott am dritten Tag samenbringende Gräser und Kräuter sowie fruchttragende Bäume. Nachdem Gott am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne geschaffen hatte, ging er daran, das Wasser und die Luft mit Lebewesen zu bevölkern. Gräser, Kräuter und Bäume sind für die Bibelschreiber also Lebensformen, die unabhängig von den Gestirnen existieren können. Am sechsten Tag machte Gott das Vieh, das Gewürm und den Menschen. Domestizierte Landtiere, Bodenlebewesen und die Menschen gehören für die Bibelschreiber offenbar in dieselbe Kategorie. Es gibt in der Vorstellung der Bibelschreiber keine Wildtiere. Und auch keine Raubtiere. Die Welt der Jäger und Sammler wird total ignoriert. Das ist ein typischer Fall von Betriebsblindheit. Wir sollten uns jedoch nicht einbilden, dass dem modernen Menschen so was nicht mehr passieren kann. Die Welt im Zeitalter der industriellen Revolution als göttliches Uhrwerk zu interpretieren, ist ebenso ein Fall von Betriebsblindheit, wie im Zeitalter der Digitalisierung den Urstoff des Seins in der Information zu sehen.

Heute gehen wir davon aus, dass das Leben eine Einheit ist, die sich im Rahmen der Evolution in die Vielheit ausgefaltet hat. Wir benutzen gerne das Bild von einem Baum, der sich von einem einzigen Stamm her in Äste aufteilt und sich immer mehr verzweigt. Wir glauben daran, dass alles Leben einen gemeinsamen Ursprung hat. Alle Lebewesen verbindet der universell gültige Code der DNA, der stets aus denselben Nukleinsäuren und denselben Aminosäuren aufgebaut ist. Unterschiede gibt es nur in der Anzahl und Anordnung der Bausteine, während die Bausteine überall dieselben sind.

Wir glauben heute, dass das Leben irgendwann vor etwa vier Milliarden Jahren in heißen Quellen am Meeresboden begann, als eine Mischung anorganischer Substanzen aus irgendeinem unerfindlichen Grund plötzlich lebendig wurde. Ich habe so meine Zweifel an dieser Glaubensvorstellung, aber das soll jetzt nicht das Thema sein. Hier geht es erstmal nur um den fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Der Unterschied zwischen einem Löwen und einem Tiger gehört in eine andere Kategorie als der Unterschied zwischen Fischen, Insekten und Vögeln. Löwen und Tiger sind beides Raubtiere. Mensch und Schimpanse sind beides Säugetiere. Mensch und Schimpanse gehören beide zu den Primaten, doch ist der Unterschied zwischen Gorilla, Orang-Utan, Bonobo und Schimpanse ein anderer als der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse. Die Frage ist nun, was diesen Unterschied genau ausmacht.

Es wird gerne gesagt, dass sich der Mensch durch Werkzeuggebrauch, Sprache, Selbst- und Todesbewusstsein grundsätzlich vom Tier unterscheidet. Oder durch den aufrechten Gang. Nur stimmt das so nicht. Auch Schimpansen benutzen Werkzeuge. Mit Hilfe von Steinen knacken sie Nüsse. Mit Hilfe von Stöcken angeln sie Termiten. Wieder andere basteln sich Kissen aus Blättern. Schimpansen können durchaus auf zwei Beinen laufen.

Der Mensch unterscheidet sich von seinen nächsten Verwandten also nur durch das Ausmaß des Werkzeuggebrauchs, aber der Werkzeuggebrauch selber ist kein Alleinstellungsmerkmal. Dasselbe gilt für die Sprache. Affen sind durchaus in der Lage, ihren Lauten und Gesten einen semantischen Gehalt zuzuordnen. Anscheinend lügen sie sogar. Das heißt, ein Schimpanse, der es auf die Banane seines Kumpels abgesehen hat, stößt auch schon mal den Schlangen-Warnruf aus, damit der Kumpel die Banane Banane sein lässt und davonrennt. Auch das Selbst- und dem Todesbewusstsein ist in vielen Tieren bereits angelegt, mithin kein Alleinstellungsmerkmal.

Der Mensch ist zwar nicht das einzige Lebewesen, das Feuer nutzt, aber er ist das einzige Lebewesen, das Feuer machen kann. Von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, das Feuer zu kontrollieren und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Andererseits gibt es keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist.

Nun könnte man sagen, das Feuer gehört zur Gruppe der Werkzeuge. Die meisten Anthropologen, Biologen und sonstigen Forscher sehen zwischen der Benutzung eines Steins und der Benutzung eines Feuers keinen großen Unterschied.

Doch Feuer ist eben gerade kein Werkzeug wie ein Stein oder ein Stöckchen, sondern ein Prozess, der, einmal in Gang gesetzt, eine Eigendynamik entfaltet. Kein anderes Lebewesen außer dem Menschen setzt bewusst einen Prozess oder einen Mechanismus in Gang, um damit ein gesetztes Ziel zu erreichen. Das ist absolut einzigartig. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Technologien sind nichts anderes als Möglichkeiten zur Ingangsetzung von Prozessen. Die Agrarisierung ist nichts anderes als die Ingangsetzung von Prozessen, die von der Natur abgekupfert wurden. Mit der Erfindung des Verbrennungsmotors und der Dampfmaschine und nun der Digitalisierung hat der Mensch die Möglichkeiten, Prozesse in Gang zu setzen, ins Unendliche potenziert.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Tiere, Pflanzen und Menschen sind immer Teil von natürlichen Prozessen. Der umfassendste Prozess, den wir kennen, ist die Evolution. Aber es ist niemand da, der die Evolution steuert. Es sei denn, man glaubt eben an Gott bzw. an intelligent design. Im Grunde genommen kann nur einer Prozesse bewusst in Gang setzen, und das ist eben gerade Gott. Das ist ihm sogar wesensimmanent. Da der Mensch ebenfalls Prozesse in Gang setzt, ist er eher Gott denn Tier. Und das stimmt, denn Gott ist ja nichts anderes als eine ins Absolute übersteigerte Selbstprojektion.

Feuer ist ein anorganisches Element wie Wasser, Erde oder Luft. Diese vier Elemente sind für die Gestaltung eines Lebensraums wesentlich. Auf dem Mars gibt es kein Leben, weil es an Wasser und Atmosphäre mangelt. Physiker glauben, dass das ganze Universum aus einem Feuerball mit schier unvorstellbaren Temperaturen hervorgegangen ist.

In den alten Mythologien erscheint die Erde häufig als Insel oder Berg, die auf einem Urmeer schwimmt, das bei den Griechen Okeanos, bei den Ägyptern Nun heißt. Wasser ist für uns moderne Menschen nach wie vor der Entstehungsort für Leben. Feuer ist unserer Vorstellung jedoch der Entstehungsort fürs ganze Universum. Mithin ist in unserer Vorstellung Feuer die göttliche Schöpferkraft schlechthin. Weil sie gelernt haben, das Feuer zu kontrollieren, verhalten sich Menschen wie Götter und unterwerfen seit der Agrarisierung Pflanzen und Tiere. In Wirklichkeit hat das Feuer den Affen in seinen Bann gezogen und macht mit ihm, was es will.

Jane Goodall hat Schimpansen beobachtet, die in der Nähe eines Wasserfalls ein seltsames Verhalten zeigten. Sie schienen in Trance zu versinken und sich dabei in einer Art Tanz zu wiegen. Goodall interpretierte dieses Verhalten als Anfänge von religiösem Verhalten. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber es ist doch erstaunlich, dass Schimpansen dieses merkwürdige Verhalten in Gegenwart von Wasser an den Tag legen. Und nicht in Gegenwart von Vulkanen, Waldbränden oder Sonnenlicht.

Der Mensch kann ohne Feuer nicht leben. Als er ohne Feuer gelebt hat, war der Mensch noch kein Mensch, sondern ein Affe. Seit wann der Mensch Feuer benutzt, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Die älteste, von Menschen benutzte Feuerstelle ist eine Million Jahre alt. Vor einer Million Jahren gab es den Homo sapiens noch gar nicht. Schon der Homo erectus, der Denisova-Mensch und der Neandertaler kannten das Feuer und organisierten ihr soziales Leben um die Feuerstelle herum.

Der Umgang mit dem Feuer hat aus einem Affen den Menschen gemacht. Deshalb muss man, wenn man etwas über die Menschwerdung sagen will, den Affen und das Feuer zusammen denken. Die einfache Formel lautet:

Affe + Feuer = Mensch

Die Kombination aus Affe + Feuer ergibt eine neue, noch nie da gewesene Lebensform, die sich von allen anderen Tieren grundlegend unterscheidet. Das bestätigen die 30 Billionen Tonnen Technosphäre, mit denen wir uns bereits jetzt umgeben und die uns von der Natur mit ihren Tieren und Pflanzen für immer trennen.

In dem Moment, in dem unsere Spezies angefangen hat, mit dem Feuer zu hantieren, hat der Affe aufgehört, unser Bruder zu sein. Ich stelle das nicht aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus fest, eher mit einer gewissen Trauer. Die Loslösung aus dem Tierreich und aus der Natur deute ich als Verlust und nicht als Gewinn. Denn da, wo der Mensch in seiner Entwicklung hingeht, begegnet er nicht mehr dem Anderen, sondern nur noch ins Unendliche vervielfältigten Spiegelbildern seiner selbst. Der Weg, den der Mensch geht, führt in die absolute Einsamkeit, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen.

 

Auf dem Weg zum Chemitarier

Neulich hat mein Supermarkt mich mit einem neuen Arrangement überrascht: eine zusätzliche Regaleinheit, die im weitesten Sinne Gesundheitsprodukte enthält, hat das bisherige, schon recht umfangreiche Angebot noch einmal erweitert. Gesundheitsprodukte sind Vitamine aller Art, Mineralstoffe, Antioxidantien, Kiesel-, Linol- und sonstige Säuren, Salze, basische Stoffe, Co-Enzyme, und sie versprechen ihren Käufern schöne Haut und glänzende Haare, eine bessere Verdauung, die perfekte Figur, entspannten Schlaf, mehr Leistungskraft, Muskelaufbau und was weiß ich nicht noch alles. Diese Mittel gibt es bevorzugt in Form von Pillen, Kapseln, Dragees, Pulver, Tees und Brausetabletten. Sie werden nicht nur im Supermarkt und im Einzelhandel angeboten, sondern ebenso in Bio-Läden, nur dass sie dort eben „biologisch“ hergestellt werden. Reformhäuser verkaufen fast nichts anderes. Auf diesem Markt der frei verkäuflichen Gesundheitsprodukte werden Milliardenumsätze getätigt. Es ist ein Markt mit enormen Wachstumszahlen. Für ihre Gesundheit geben immer mehr Menschen immer mehr Geld aus.

Von der Medizin, den Apotheken und der Pharma-Industrie will ich hier gar nicht erst groß reden, denn das wäre ein Thema für sich. Nur so viel, dass dieser Komplex uns systematisch an synthetisch hergestellte Produkte gewöhnt. Schon in jungen Jahren wird für den modernen Menschen die Einnahme von Pillen zur Selbstverständlichkeit. Ich kenne fast niemanden über 50, der nicht regelmäßig irgendwelche Medikamente schluckt.

Hier passiert schleichend eine tiefgreifende Veränderung, die insgesamt wenig beachtet wird. Wir gewöhnen uns daran, in unsinnlichen, unanschaulichen, abstrakten Begriffen von unserem Essen zu denken. Wir reden immer weniger von Äpfeln, Radieschen und Brezeln, dafür umso mehr von Vitaminen, Fettsäuren, Hormonen, Eiweißen und Kohlehydraten und genau das wird auf die Verpackungen außen auch aufgedruckt. Entsprechend verwandeln sich allmählich die Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, in Pillen, Pasten und Tabletten. Zunehmend verdrängt die chemisch-synthetische Form die natürliche. Da wir am Gewohnten hängen, vollzieht sich diese Umorientierung allerdings recht langsam, scheibchenweise und über mehrere Generationen hinweg.

Wenn wir Wörter wie „Äpfel“ oder „Brezeln“ hören, verbinden sich damit in der Regel anschauliche Vorstellungen und Erinnerungen, die oft genug sogar körperliche Reaktionen auslösen. Manchmal läuft einem schon, allein wenn man ein bestimmtes Wort hört, das Wasser im Mund zusammen. Man glaubt, den Duft förmlich zu riechen, den Geschmack auf der Zunge zu spüren. Nichts davon trifft auf die Begriffe zu, die ein Lebensmittel auf seiner chemischen Basis beschreiben. Begriffe wie „Vitamin“ oder „Enzym“ lösen nur eine vage Vorstellung davon aus, dass die Einnahme der entsprechenden Produkte irgendwie gesund sein soll. Das liegt daran, dass Vitamine, Enzyme, Fettsäuren, Kohlehydrate nichts Wesenhaftes sind, sondern chemische Zusammensetzungen, die sich nur durch die Elemente gemäß dem Periodensystem voneinander unterscheiden. Und Elemente im Periodensystem wie Wasserstoff, Sauerstoff, Eisen, Kupfer unterscheiden sich letztendlich nur durch die Zahl der Elektronen und die Zahl der Protonen und Neutronen im Atomkern voneinander. Es ist ein rein numerischer Unterschied. Zahlen haben es an sich, dass sie so abstrakt sind, dass sie sich beliebig auf alles anwenden lassen, Zahlen wohnt absolut nichts Wesenhaftes inne.

Es gibt zwei Verfahren, Lebensmittel zu designen: entweder werden natürliche Lebensmittel denaturiert oder sie werden gleich synthetisch hergestellt. Als ich mit meinen Überlegungen soweit war, fiel mir auf, dass im Grunde genommen sämtliche Nahrungsmittel in meinem Supermarkt zumindest denaturiert sind: das reicht von Milchprodukten wie fettarmem Joghurt oder Vollmilch bis zu den Konserven und Nudeln. Nichts davon ist so, wie es in der freien Natur vorkommt. Und selbst Gemüse, Kartoffeln und Früchte sind nicht naturbelassen, sondern werden gedüngt, mit Herbiziden und Pestiziden geschützt, in Hydro- und Monokulturen gezüchtet. Natürlich sind Pflanzengemeinschaften aus verschiedenen Arten, deren Wurzelwerk unter der Erde so miteinander verflochten und mit Bakterien und Pilzen besiedelt ist, dass man nicht genau sagen kann, wo eine Pflanze aufhört und eine andere anfängt. In keinem Laden und auf keinem Markt der Welt gibt es wirklich Naturbelassenes zu kaufen.

Man kann zudem beobachten, dass der Anteil an sogenanntem Convenience Food, also an vorgefertigten Lebensmitteln, bei denen der Nahrungsmittelhersteller bestimmte Be- und Verarbeitungsstufen übernimmt, in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen hat. Das geht von Fertiggerichten über Tiefkühlpizza bis hin zu bereits gewaschenem und gezupftem Salat.

Außer Religion und Feuernutzung gibt es also einen weiteren grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier: der Mensch verändert seine Nahrungsmittel, bevor er sie verzehrt. Das hat schon vor Hunderttausenden von Jahren angefangen, als der Mensch das Kochen und Braten entdeckte. Das Verändern von Nahrungsmitteln ist keine Erfindung des Homo sapiens, sondern umgekehrt ist der Homo sapiens das Ergebnis stark veränderter Essgewohnheiten.

Parallel zu den kontinuierlichen Veränderungen, die in unseren Supermärkten stattfinden, läuft eine andere Entwicklung, die sich ebenfalls intensiv mit unserer Nahrung befasst. In meiner Jugend war es in bestimmten Kreisen schick, Vegetarier zu sein. Damals überschwemmten vegetarische Kochbücher den Markt und die ersten vegetarischen Restaurants erschienen auf der Bildfläche. Dieser Trend zum Vegetarismus war in aller Regel mit der Öko-Bewegung verknüpft und häufig spirituell angehaucht. Entsprechende Vorbilder gab es in der östlichen, vor allem indischen Spiritualität, dem Yoga, und natürlich im Buddhismus, der dank des 14. Dalai Lama im Westen eine neue Blütezeit erlebte.

Der vegetarische Mensch galt als reiner, bewusster, mitfühlender, spirituell weiter entwickelt als der Fleischesser, der rücksichtslos das grausame Töten von Tieren in Kauf nimmt, nur um sich genüsslich einen Fettwanst anzufressen. Man erkannte im Tier das leidende Mitgeschöpf, das ebenso wie der Mensch leben will, und stellte zudem meist falsche Berechnungen an, dass die vegetarische Lebensweise die einzige Möglichkeit wäre, um die zunehmende Weltbevölkerung zu ernähren.

Hinter der vegetarischen Lebensweise steckte häufig genug auch der spirituelle Traum vom unsterblichen Lichtwesen, das zu seiner Existenzerhaltung nur noch Licht bzw. reine Energie benötigt. Es ist eine Form magischen Denkens, dahingehend, dass man glaubt, durch den Verzicht auf jegliches Töten selber der Unsterblichkeit näher zu kommen. Andererseits ist dieser spirituelle Traum eine Absage nicht nur an den Körper mit seinen Zähnen und Verdauungsorganen, seinen Ausscheidungen, seinem Altern und seinen Krankheiten, sondern überhaupt eine Absage an die Natur und das Leben, das ohne Stoffwechsel nun mal nicht funktioniert. Der natürliche Stoffwechsel beinhaltet den Tod als Notwendigkeit, schließlich lebt ja eins vom anderen. Wer leben will, muss töten, lautet die Formel für Mensch und Tier. Doch nicht mal Pflanzen ernähren sich ausschließlich von Sonnenlicht und Wasser, sondern brauchen für ihr Gedeihen zusätzlich den Humus, der aus abgestorbenen Pflanzen und einer Mikrowelt aus Bakterien und Pilzen besteht.

An die Stelle des Vegetariers meiner Jugend ist heute der Veganer getreten, der gleich auf jegliche Nutzung von Tieren verzichtet, außer auf die, die in Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln so gut versteckt ist, dass sie schon nicht mehr auffällt. Denn wenn die Veganer auch lieber auf synthetischen als auf Daunenkissen schlafen und Fleecejacken statt Wollpulli tragen, so verzichten sie doch nicht auf den medizinischen Fortschritt und auf all das, was als gesundheitsfördernd gilt, selbst wenn dieser Fortschritt mit Tierversuchen erkauft worden ist. Im Unterschied zum Vegetarier meiner Jugend ist der moderne Veganer synthetischen Produkten gegenüber jedoch viel aufgeschlossener und insgesamt technikfreundlicher eingestellt.  Vom Veganer zum Chemitarier ist der Weg nicht mehr sehr weit.

Ein Chemitarier ist meiner Definition nach ein Mensch, der auf chemischer Basis erzeugte, synthetische Nahrung natürlichen Lebensmitteln vorzieht. Ein Chemitarier ernährt sich also bewusst und mit guten Gründen lieber von Pillen, Pulvern, Kapseln, Pasten, Brausetabletten und Tees als von Fleisch und Gemüse. Es fehlt ihm auch nicht an guten Gründen für seine Entscheidung: zum einen kann er die Nährstoffzufuhr mit synthetischen Produkten weitaus gezielter als mit herkömmlicher Ernährung steuern und so seinen Bedarf akkurat abdecken. Bei dieser Art von Ernährung gibt es weder Mangel noch Verschwendung. Der Chemitarier nimmt auch keine Giftstoffe zu sich, was bei der heutigen Ernährungsweise so gut wie unvermeidlich ist. Bei konventionellen, mit Herbiziden und Pestiziden behandelten Erzeugnissen sowieso, aber auch der Bio-Anbau hat seine Tücken, beispielsweise ist hier die Verkeimung ein Problem. So nehmen seit 2001 die EHEC-Infektionen kontinuierlich zu, 2011 gab es gar eine durch verkeimte Sprossen ausgelöste Epidemie, an der in Norddeutschland 855 Menschen am Hämolytisch-Urämischen Syndrom erkrankten, wovon 53 starben. Wer sich synthetisch ernährt, braucht überdies keine Küche mehr und spart eine Menge Zeit, die ansonsten mit Kochen und Geschirrspülen verschwendet wird. Und last, not least tut der Chemitarier seiner Umwelt und dem Klima einen geradezu gigantischen Gefallen. Man stelle sich nur mal vor: rund 1,4 Milliarden Hektar Ackerfläche können an die Natur zurückgegeben und wieder aufgeforstet werden, wenn der Nährwert von Getreide, Reis, Soja, Kartoffeln, Fleisch und Gemüse in synthetisierter und komprimierter Form in Chemiefabriken hergestellt wird.

In der Geschichte der Menschheit lassen sich drei Entwicklungsphasen ausmachen. Zu jeder Phase gehört eine Technik oder eine technische Erfindung, die zu einem Paradigmenwechsel führt. Außerdem eine neue Art der Kommunikation, um die Abläufe im jeweilig neuen Paradigma zu organisieren. Und als drittes Element gehört zu jeder Phase eine tiefgreifende Veränderung der Ernährung und der Essgewohnheiten.

In der 1. Phase lernte der Frühmensch das Feuermachen und begann sich mittels Sprache zu verständigen, die weit über bloße Warn- und Grunzlaute hinausging. In dieser Phase löste das Kochen und Braten von Fleisch, Fisch und Gemüse die bisherige Rohkost ab. Da gebratenes und gekochtes Fleisch länger haltbar war als rohes, wurde die Jagd auf größere Tiere interessanter, der Fleischanteil in der Nahrung nahm entsprechend zu. Der Mensch war Jäger und Sammler.

In der 2. Phase begann der Mensch, mit Hilfe des Feuers Metall zu verarbeiten und Keramik herzustellen, was zur Sesshaftwerdung und Gründung von Städten führte. Um das frühe Stadtleben, die neu entstandenen Berufe und den Handel zu organisieren, erfand der Mensch die Schrift. Tiere wurden von jetzt an in Herden gehalten und Getreide und Früchte wurden angebaut und durch Selektion auf ihren Nährwert hin kontinuierlich verbessert. Der Mensch war Viehzüchter und Bauer.

In der 3. Phase, in der wir uns gerade befinden, löste die Erfindung der Dampfmaschine und des Verbrennungsmotors die Industrielle Revolution aus, und seither prägen industrielle Fertigungsprozesse unser Leben bis in die industrielle Nahrungsmittelproduktion und industrielle Landwirtschaft hinein. Die neue Kommunikationstechnik besteht in der Erfindung von Computern, der maschinellen Verarbeitung von Schrift und Sprache, mit einer umfassenden Digitalisierung sämtlicher Prozesse unseres Lebens. Die Ernährung wandelt sich vom Anbau zur Konstruktion von Lebensmitteln. Dazu gehört Gentechnik ebenso wie alle möglichen chemischen Verfahren. Der Mensch ist Lebensmitteldesigner.

Es ist noch nicht entschieden, wie die Änderung der Ernährung sich in der Realität konkret vollziehen wird. Noch sind wir mitten drin in der Entwicklung. Es kann durchaus sein, dass wir uns in eine neue Lebensform hineinentwickeln, die in ein paar tausend Jahren tatsächlich ohne Stoffwechsel auskommen und sich ausschließlich von synthetischen Produkten oder Energie ernähren wird. Möglich, dass der spirituelle Traum vom Lichtwesen schließlich auf diese chemische Weise in Erfüllung geht, werden doch alle spirituellen Träume stets auf technischem Weg verwirklicht. Es kann allerdings auch sein, dass dieses Projekt der Evolution namens Mensch vorzeitig zu einem Ende kommt und/oder an sich selbst scheitern wird. Es ist auch möglich, dass der Mensch zuguterletzt doch seine biologische Grundlage mit Stoffwechsel und Sterblichkeit als die glücklichere Lösung empfindet und sich dafür entscheidet.

Angesichts der Vielzahl der Vorzeichen halte ich es jedoch für wahrscheinlich, dass sich die Menschheit in absehbarer Zeit nur noch von synthetisch hergestellten Produkten ernähren wird. Aber bis dahin lasse ich mir mein Schnitzel und meine Pizza schmecken, mit einem Glas Rotwein zur Abrundung des Geschmackserlebnisses. Prost Mahlzeit!