Halbe Sklaven

Jedes Jahr rechnet der Bund der Steuerzahler aus, wie viele Tage im Jahr der Bürger für den Staat arbeitet und wie viele Tage für sich selber. In diesem Jahr war der Stichtag der 19. Juli. Das heißt, bis zum 19. Juli, also mehr als die Hälfte des Jahres, haben Arbeiter, Angestellte, Selbständige und Betriebe für den Staat gearbeitet. Tatsächlich beträgt die durchschnittliche Einkommensbelastungsquote in diesem Jahr 54,6%.

Wenn ein Mensch gezwungenermaßen mehr als die Hälfte seiner Zeit für jemand Anderes arbeiten muss, ist er kein freier Mensch. Und ja doch, die Arbeit, die wir für den Staat leisten, ist Zwangsarbeit. Denn wir haben ja gar keine andere Wahl. Wir können die Staatsbürgerschaft nicht aufkündigen wie die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft oder die Mitgliedschaft in einem Verein. Der Staat lässt seine Bürger darüber nicht frei entscheiden. Man kann aus einem Staat nicht austreten und im selben Haus einfach als Staatenloser weiterleben. Mehr als die Hälfte des Jahres ist der Mensch, der gleichzeitig ja immer auch Staatsbürger ist, also der Sklave des Staates. Wir sind also sozusagen alle Halbsklaven.

Vielleicht sollten wir doch nochmal gründlich drüber nachdenken, was es bedeutet, wenn wir von Freiheit reden. Wenn ein Halbsklave glaubt, ein freier Mensch zu sein, dann ist er in doppelter Hinsicht unfrei. Nicht nur, dass er bloß über die Hälfte von dem, was er sich durch seine Leistungen erarbeitet, verfügen darf. Nein, auch seine Wahrnehmungs- und Urteilskraft ist offensichtlich massiv eingeschränkt, denn sonst müsste sich der halbwegs mit Verstand begabte Mensch doch zumindest über seinen Status im Klaren sein und das entsprechend kommunizieren. Stattdessen reden die meisten Menschen gebetsmühlenartig davon, gerne in einem freiheitlich demokratischen Land zu leben. So, wie die Menschen anderswo eben behaupten, gerne unter kommunistischer Fahne oder einem Führer wie Kim Yong Un zu leben. Wenn es um Kommunisten und Diktatoren geht, wird von Indoktrination geredet. Wir reden von Meinungsfreiheit. Aber worin besteht denn nun der Unterschied? Jubeln die Menschen in Nordkorea etwa nicht freiwillig?

Indoktrination besteht darin, eine fremde Meinung zur eigenen zu machen, sogar denn, wenn sie einem selbst zum Nachteil gereicht. Ist das hier bei uns so viel anders? Ist es etwa kein Nachteil, mehr als die Hälfte des Jahres für fremde Taschen zu arbeiten? Nur ein Bruchteil davon fließt über Umwege wie Kindergeld oder Rentenansprüche in unsere eigenen Taschen zurück. Das Meiste ist einfach futsch. Für immer perdu. Denn zurück bekommen wir hauptsächlich Schein-Sicherheiten und leere Versprechungen. Zum Beispiel das Versprechen, im Alter mit einer Rente versorgt zu werden. Doch im Kleingedruckten steht, dass die Höhe der Rente von der Wirtschaftslage und sonstigen Umständen abhängt. Im Grunde verpflichtet sich der Staat zu nichts. Wie jeder Sklavenhalter entscheidet der Staat höchst willkürlich über das Wohl und Wehe derer, die er ausbeutet.

Der Staat nimmt im Jahr 2017 seinen Bürgern mehr als die Hälfte ihres Einkommens weg. Das ist die höchste Quote, die es in der Geschichte Deutschlands je gab. Wenn es nicht der Staat wäre, der in die Tasche des Bürgers greift, könnte man doch glatt von Diebstahl reden.

Die zunehmende Enteignung des Bürgers funktioniert schleichend. Hier eine minimale Abgabe mehr, dort eine kleine Erhöhung des Steuersatzes, da noch ein bisschen Umweltschutz wie bei der EEG-Umlage. Dazu kommt, dass nicht der gesamte Steuersatz direkt vom Einkommen abgezogen wird. Bei Arbeitern und Angestellten wird vom Arbeitnehmer nur die Hälfte abgezogen, die andere Hälfte muss der Arbeitgeber bezahlen. Das ist natürlich Augenwischerei. Zahlen-Kosmetik. Das wird so gemacht, um dem Arbeitnehmer vorzugaukeln, dass ihm gar nicht soviel abgezogen wird. Derselbe Trick wird nochmal angewandt, indem nicht nur das Einkommen, sondern mit der Mehrwert- und anderen Verbrauchssteuern auch die Lebenshaltung und der Konsum besteuert werden. Dazu kommen noch die kommunalen Abgaben, wo die Gemeinden nochmal Geld für Leistungen verlangen, die eigentlich über die Steuerzahlungen bereits abgegolten sein sollten. Wie Abwasser- und Müllgebühren.

Wird ein Frosch in heißes Wasser geworfen, springt er aus dem Topf sofort wieder hinaus. Wird der Frosch jedoch in kaltes Wasser gesetzt, das gaaanz langsam erhitzt wird, bleibt er sitzen, bis er tot ist. Wir Halbsklaven sind wie Frösche, die in kaltes Wasser gesetzt wurden und nicht mehr merken, dass das Wasser allmählich den Siedepunkt erreicht.

Interessant dabei ist, dass es den Staat ja eigentlich gar nicht gibt. Er existiert nur in den Köpfen der Menschen und in ein paar Gebäuden, die man Regierungsgebäude nennt, die man aber auch für andere Zwecke nutzen könnte. Der Staat existiert nur in diesem merkwürdigen Raum, den man das kollektive Bewusstsein nennt. Der Staat ist, genau genommen, eine Form von Glauben. Das funktioniert genauso wie in einer Religion. Ob man an den Staat oder an Gott glaubt, macht keinen großen Unterschied. Der Staat verspricht dasselbe wie Gott: Schutz, Sicherheit, Wohlstand. Der einzelne Mensch kann sich gegen den Staat genauso wenig wehren wie gegen Gott.

Der Staat ist der säkularisierte Gott. Der Staat ist die verweltlichte Form des Übermächtigen und im Zeitalter der Digitalisierung auch des Allwissenden. Gott ist ja nichts Anderes als eben die Projektion des Übermächtigen ins Zeit- und Raumlose hinein. Dieses Zeit- und Raumlose ist identisch mit dem kollektiven Bewusstsein. Die Projektion des Übermächtigen ins Zeit- und Raumlose hinein war die Voraussetzung für die Entstehung eines kollektiven Bewusstseins. Die Erfindung von Gott dehnte hier einen Raum auf, wo vorher keiner war.

In einer Horde kennt jeder jeden und der Zusammenhalt wird durch den persönlichen Kontakt gewährleistet. Wo der Austausch direkt und persönlich ist, stehen die Menschen für sich selber ein. Auch wenn sie Bindungen oder Handelsbeziehungen miteinander eingehen, bleiben sie Individuen. Die Erfindung von Göttern diente dazu, Menschen über diese Horde und die persönlichen Beziehungen hinaus zu einer Einheit zusammenzuschweißen. Sogar Menschen, die sich nie im Leben sehen und nie miteinander reden, gehören zur selben Gruppe, wenn sie an denselben Gott bzw. an dieselben Geschichten glauben. Die Erfindung von Gott dient dazu, die Beziehungen unter Menschen zu entpersonalisieren. Das heißt zu anonymisieren. Erst da, wo Menschen gelernt haben, ohne persönliche Beziehungen zusammenzuleben, können sich größere Verbände bilden: Städte, Stadtgemeinschaften, Nationen, Staaten.

Haben sich Nationen und Staaten erstmal durch entsprechende Regierungsgebäude und eine effiziente Verwaltung etabliert, ist Gott nicht mehr nötig. Deshalb verschwinden die Götter wieder, wenn die Menschheit sich in großen abstrakten Gebilden wie Nationen und Staaten vereinheitlicht hat. Der letzte Gott wird spätestens dann sterben, wenn sich die Weltregierung mit ihrem entsprechenden Verwaltungsapparat etabliert hat.

Den Götterwelten im Polytheismus wohnt die Dynamik zu einer einzigen, allmächtigen Gottheit bereits inne. In ihrer Vervollkommnung werden polytheistische Religionen schließlich monotheistisch. Auf Dauer kann es nicht mehrere Weltreligionen nebeneinander geben, die an verschiedene allmächtige Götter glauben. Es kann nur einen allmächtigen Gott geben. Aber wie gesagt: die Götter und auch der Allmächtige existiert nur im kollektiven Bewusstsein. Er ist identisch mit dem kollektiven Bewusstsein. Gott ist nicht mehr als eine Idee, die von vielen Menschen geglaubt wird. Allmächtig ist dieser Gott dann, wenn die Idee von allen Menschen geglaubt wird. Die Säkularisierung des Allmächtigen ist der Weltstaat.

Gott ist also so etwas wie das Gerüst, das notwendig ist, um das Haus zu bauen. Ist das Haus, der Weltstaat, erstmal fertig, wird das Gerüst wieder abgebaut. Sobald der Weltstaat verwirklicht ist, kann man auf den Allmächtigen verzichten. Tatsächlich läuft dieser Prozess ja schon. Wo immer Staaten sich stabilisieren, ersetzen sie den Glauben, und die Götter verschwinden. Je unsicherer ein Staat und je weniger Schutz und Sicherheit der Staat seinen Bürgern gewährt, desto mehr neigen die Menschen dazu, sich weiterhin an ihre Götter zu klammern.

Je größer das Konglomerat, zu dem sich Menschen zusammenschließen, desto teurer wird dessen Finanzierung. Das ist logisch, denn umso mehr Verwaltungsebenen müssen dazwischen geschaltet werden. Eine autarke Region kommt mit einem kleinen Verwaltungsapparat aus. Wenn sich aber Regionen zueiner Landesregierung zusammenschließen, muss dieser Zusammenschluss durch einen weiteren Verwaltungsapparat umgesetzt und realisiert werden. In der Folge der Vereinheitlichung kommen Bundesländer, Nationalstaaten und schließlich Staatenverbände wie die EU hinzu, und jede weitere Ebene benötigt einen weiteren Verwaltungsapparat.

Wenn der Bürger heute mehr als die Hälfte seines Einkommens hergeben muss, dann, um diese immer größer und immer schwerfälliger werdenden Staatsapparate zu finanzieren. Wir zahlen heute mehr Steuern und Abgaben denn je, weil außer Deutschland auch noch die Europäische Union mitfinanziert werden muss. Man kann sich ausrechnen, was die Verwaltung eines Weltstaats den einzelnen Bürger kosten wird. Ich schätze mal, 100% seines Einkommens wird da noch zu wenig sein. 🙂

Erschwerdend kommt hinzu, dass die Staaten durch ihre Regierungen nicht nur aufs Einkommen ihrer Bürger zugreifen, sie mischen sich mit immer mehr Vorschriften auch immer mehr in deren Privatleben ein. Niemand kann heute mehr sein Haus selber bauen, sondern muss es aufgrund der zahllosen Vorschriften von einer Baufirma bauen lassen. Selbst eine Bestattung ist heute durch einen Wust von Vorschriften so kompliziert geworden, dass ohne ein Expertenteam in Form eines Bestattungsunternehmens gar nichts mehr geht.

Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird der Mensch der Zukunft nur noch fürs Kollektiv arbeiten. Er wird kein halber Sklave mehr sein, sondern ein ganzer, und zwar einer, der am Ende von den willkürlichen Entscheidungen einer Weltregierung mit all ihren Verwaltungsebenen so abhängig ist, wie in den amerikanischen Südstaaten der afrikanische Baumwollpflücker einst vom Gutsherrn und seinem Sklavenaufseher abhängig war.

 

Die Flucht vor der Individualität

Beim Menschen ist keine Schraube locker, wie häufig behauptet wird, im Gegenteil. Die Schrauben, die den menschlichen Hirnkasten zusammenhalten, wurden übers Normalmaß hinaus angezogen. Vielleicht wurde ein elektrischer Schraubenzieher mit zuviel power benutzt. Auf jeden Fall hat sich der Inhalt in unserem Hirnkasten bei der Montage verdreht. Die Folge davon ist, dass der Mensch schwarz für weiß hält, krank für gesund und Dekadenz für Fortschritt.

Ein schönes Beispiel in dieser Kategorie der Verdrehungen sind auch die endlos wiederholten Vorwürfe von Egoismus und Individualismus, die heute jeder jedem macht und die dafür verantwortlich sein sollen, dass der Mensch zum Schrecken des Ökosystems mutiert, die Tierwelt am Aussterben und die Welt samt ihrem Klima in einem absolut desolaten Zustand ist. Nichts könnte falscher sein. Nie war der Mensch weniger ein Individuum als heute. Seit Tausenden von Jahren läuft die menschliche Entwicklung kontinuierlich darauf hinaus, die ursprünglich einmal vorhandene Individualität zu zerstören. Heute ist dieser Prozess so gut wie abgeschlossen. Der Mensch ist nämlich kein Individuum mehr. Deshalb fangen einige Forscher damit an, sich nun für Schwarmintelligenz zu interessieren.

In der grünlinken Mainstream-Ideologie ist hingegen ständig von der individualistischen Gesellschaft die Rede. Von der Gier und dem Egoismus, die den Einzelnen in dieser Gesellschaft prägen. Das ist schon ein Widerspruch in sich. Eine Gesellschaft aus Individuen kann es nicht geben. Eine Gesellschaft entsteht immer nur da, wo Individualität zugunsten der Gemeinschaft aufgegeben wird, wo der Einzelne seine persönlichen Bedürfnisse zugunsten eines übergeordneten Systems zurückstellt. Das geschieht meist nicht freiwillig. Viel häufiger wird der Einzelne vom System gezwungen. Er muss Steuern und sonstige Abgaben bezahlen. Er wird mit einer Flut von Gesetzen überschüttet. Heutzutage darf man nicht mal mehr sein Eigentum verschenken, ohne dass die Gesellschaft dafür Schenkungssteuer verlangt. Man darf sich die Mieter für seine Wohnung weder selber raussuchen, wenn man damit irgendjemand diskriminiert, noch darf man die Mieter rausschmeißen, selbst dann nicht, wenn sie sich als Messies entpuppen, die in der Badewanne Kronenkorken sammeln.

Das objektive Anzeichen dafür, dass es keine Individuen mehr gibt, besteht darin, dass heute in unserem Gesellschaftssystem kein Mensch mehr für sich selber sorgen kann. Jeder Mensch ist heute dermaßen mit anderen Menschen vernetzt und von anderen Menschen abhängig geworden, dass schon eine relativ kleine Störung ausreicht, um einen Dominoeffekt hervorzurufen, der die ganze Welt in eine tiefe Krise stürzt. Es reicht, wenn sich irgendwo in Amerika eine einzige Bank verzockt, um eine weltweite Wirtschaftskrise auszulösen. Das hat uns das Jahr 2008 gezeigt.

In der Folge dieser Krise hat sich die Menschheit noch enger vernetzt und der einzelne Mensch hat sich noch abhängiger und unselbständiger gemacht. Der Mensch glaubt, dass ein vernetztes System Sicherheit gewährt. Was wir jedoch gerade erleben, ist, dass sich abstrakte Gebilde, die eigentlich nur in unserer Vorstellungswelt existieren, wie Konzerne, Banken, Börsen, Versicherungen, Aktiengesellschaften, Staaten und Staatenverbünde stabilisieren, während das Leben für den Einzelnen immer unsicherer und unberechenbarer wird.

Es gibt in unserer Gesellschaft keine Menschen mehr, die gleichzeitig ihre Nahrung anbauen, ihr Haus und ihre Möbel bauen, die Stoffe für ihre Kleidung und dann auch noch die Kleidung selber machen. Für einen Jäger und Sammler war das absolut normal. Jeder Jäger machte seine Werkzeuge und seine Klamotten selbst. Jeder Sammler konnte Körbe flechten. In den meisten dieser Gesellschaften war es zudem so, dass auch der Sammler jagen konnte, wenn vielleicht auch nur kleinere Tiere. Und jeder Jäger kannte sich so weit mit Pflanzen aus, dass er sie auch sammeln konnte.

Heute ist es nicht mal so, dass ein Teil der Gesellschaft Nahrung anbaut, während ein anderer Teil Häuser baut und wieder ein anderer Teil Stoffe webt, nein, der Prozentsatz der Menschen, die in solch praktischen Berufen unterwegs sind, ist in den letzten fünfzig Jahren erschreckend geschrumpft. Von fünf Menschen verbringen heute vier ihren Berufsalltag damit, dass sie hinter einem Computer sitzen oder an irgendwelchen Besprechungen teilnehmen, dass sie andere Leute therapieren oder in Ladengeschäften Dinge verkaufen, die man zum Leben überhaupt nicht braucht. Oder dass sie sogar Dinge herstellen, wie Bücher und Filme, die keinen anderen Zweck haben, als den Leuten, die nicht mehr für sich selber sorgen, die Langeweile zu vertreiben.

Und auch der Eine von den Fünfen, der noch einen praktischen Beruf hat, wie Landwirt, Maurer oder Schreiner, legt kaum noch selbst Hand an, sondern bedient Maschinen. Die Haupttätigkeit des Landwirts besteht im Traktorfahren. Die Tätigkeit des Schreiners besteht darin, Sägen, Pressen und Schleifmaschinen einzustellen oder CNC-Maschinen zu programmieren. In diesen praktischen Berufen, die ja tatsächlich unsere Existenz sichern, haben schon längst computergesteuerte Maschinen das Kommando übernommen und den Menschen zum Hilfsarbeiter degradiert. Sollte also tatsächlich mal die Stromversorgung zusammenbrechen und der moderne Mensch auf sich selbst zurückgeworfen werden, wird er verhungern oder verdursten. Was für den zivilisierten Menschen also Fortschritt ist, bedeutet vom Standpunkt eines Selbstversorgers aus zunehmende Unfähigkeit und Dekadenz.

Der Grund für diese umfassende Auflösung des Individuums ist, dass der Mensch nicht in der Wirklichkeit lebt. Der Mensch lebt in den Geschichten, die er sich erzählt. Der Glaube an diese Geschichten ist dem Menschen wichtiger als die wirkliche Welt. Für seine Geschichten opfert der Mensch alles. Sogar sein Leben. Sogar den ganzen Planeten. Doch diese Geschichten sind erfunden. Es sind Fiktionen wie Einhörner und Trolle.

Die Geldwirtschaft ist beispielsweise eine Geschichte, die nur dank des Glaubens existiert, dass Geld einen Wert hat. Wenn die Menschen aufhören, an Geld zu glauben, sehen sie, dass sie nur wertloses Papier in den Händen halten. Oder dass die Zahlen auf dem Kontoauszug eben nur Zahlen sind, ohne irgendeinen reellen Wert dahinter.

Dasselbe gilt für die großen Konzerne. Ein solcher existiert nur, weil die Menschen daran glauben. In Wirklichkeit ist ein Konzern nichts anderes als ein paar wertlose Unterschriften auf einem Blatt Papier, denn weder die Gebäude, auf denen der Konzernname steht, noch die Menschen, die in dem Konzern arbeiten, sind der Konzern. Sie sind, was sie sind: Gebäude und Menschen. Erst der Glaube, dass diese Gebäude, Arbeiter, Firmenschilder und Vorstandsetagen zusammen einen Konzern bilden, machen diesen zum Konzern. Der Glaube verleiht dem Konzern eine Schein-Wirklichkeit.

Dasselbe ist es mit den Börsen, den Banken, den Staaten und all diesen Gebilden, die wir für so wichtig halten. In Wirklichkeit existieren sie nur in unserer Vorstellung und hören sofort auf zu existieren, wenn ein Großteil der Menschen den Glauben daran verliert. Wenn die Menschen den Glauben an die Deutsche Bank, an RWE, an Telekom verlieren, dann verkaufen sie die Aktien dieser Firmen. Wenn alle Leute, die Aktien halten, diese zeitgleich verkaufen und niemand diese Aktien mehr kauft, hört ein Konzern auf zu existieren.

Diese Fähigkeit, irgendwelchen erfundenen Geschichten zu glauben, wurde in den Religionen ausgebildet. Je mehr Menschen anfingen, an dieselbe Geschichte zu glauben, desto mehr wurde aus der bloßen Fähigkeit ein Zwang. Das ergibt sich aus den Mehrheitsverhältnissen. Wenn bloß zwei Menschen dieselbe Geschichte glauben, ist es ziemlich einfach, diesen Glauben wieder aufzukündigen. Wenn hundert Menschen dieselbe Geschichte glauben, wenden sich 99 Menschen gegen denjenigen, der damit aufhört. Noch drastischer wird es, wenn solche Zahlen in die Millionen gehen oder gar alle Bewohner des Planeten umfassen.

Religionen sind nichts anderes als Geschichten, die Menschen einander erzählen. Haben sich die Jäger und Sammler ursprünglich die Geschichten von Tiergeistern erzählt, um einander für die Jagd Mut zu machen, so wurden in der landwirtschaftlichen Revolution aus diesen Geistern übermächtige Götter, die über dem Menschen stehen, genauso wie der Mensch über den Tieren und den Pflanzen steht. Da die Götter alle überaus menschliche Züge tragen, sind es nichts anderes als Projektionen, die dazu dienen, die Welt in eine hierarchische Ordnung zu bringen. Diese war notwendig geworden, damit der Mensch Tiere und Pflanzen in seinen Besitz nehmen und nach eigenem Belieben verändern, sprich züchten konnte. Tiere und Pflanzen wurden nicht länger als eigenständige Lebewesen respektiert, sondern wurden Besitztümer, sprich Sachen, über die der Besitzer verfügen konnte. Aber nicht nur Tiere und Pflanzen verloren in dieser hierarchischen Ordnung ihre Individualität, sondern auch der Mensch, der sich über sie erhob. Weder der König noch sein Sklave sind Individuen. So wie der König nur existiert, weil es Sklaven gibt, so gibt es Sklaven nur dort, wo ein König herrscht. Ein Herrscher braucht zwingend jemand, über den er herrschen kann, sonst ist er kein Herrscher. Und ebenso braucht ein Sklave zwingend einen Herrn.

Götter und Geister existieren nur in den Geschichten, die Menschen einander erzählen. Aber sie sind nicht so harmlos, wie manch einer glauben mag. Denn sie verändern die Welt tatsächlich. Nicht auf dem Weg der Wunder oder einer wie auch immer gearteten rätselhaften Bewusstwerdung, sondern indem ganz real Tempel und Kirchen für diese Götter gebaut werden und Priester ihren Anteil an allen möglichen Leistungen verlangen, für die sie selber keinen Finger gerührt haben. Die alten Geschichtenerzähler verlangten ihren Tribut in Form von Opfertieren, Getreide oder Butter. Heute sind es Steuern und sonstige Abgaben, die der abhängige Mensch entrichten muss.

Wenn plötzlich über Nacht alle Bürger zu dem Entschluss kämen, nicht länger an Geschichten zu glauben, sondern in die Wirklichkeit zurückzukehren, würden nicht nur alle Konzerne, das gesamte Geld- und das Wirtschaftssystem, sondern auch alle Staaten und Kirchen sang- und klanglos in sich zusammenstürzen. Natürlich wird das nicht passieren, weil heute weit mehr Bürger in Berufen unterwegs sind, die alle zusammengenommen der Funktion des Priesters in der Bronzezeit entsprechen. Dazu gehören beispielsweise alle Verwaltungs- und alle Heilberufe. Die gesamte Werbung und die gesamte Unterhaltungsindustrie. Alles, was im weitesten Sinn mit Politik und Geld zu tun hat. Vier von fünf Menschen gehören heute zur Priesterkaste. Weil alle diese Menschen leben wollen, können wir gar nicht mehr damit aufhören, an die Geschichten zu glauben. Doch selbst, wenn die Geschichten brüchig werden, ändert sich nichts. Wenn vier von fünf Menschen ihren Lebensunterhalt Fiktionen verdanken, werden sie nicht zulassen, dass einer vom Glauben abfällt, denn damit würden sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

Warum sind für den Menschen die Geschichten wichtiger als die Wirklichkeit? So wichtig gar, dass er ihnen einen Schrein baut? Denn in Wahrheit ist unsere ganze Zivilisation nichts Anderes als der Schrein um die erfundenen Geschichten herum.

Die Geschichten, die wir einander pausenlos erzählen, sind aus zwei Gründen für uns wichtig. Erstens geben sie unserem Leben den Sinn, den wir in der Wirklichkeit vergeblich suchen. Menschen sind bereit, für ihre Götter zu sterben. Für ihren König oder für ihre Nation. Oder für die Demokratie. Oder sonst ein Abstraktum, das nur in ihrer Vorstellungswelt Bestand hat. Kein Mensch ist jedoch bereit, für die Wirklichkeit zu sterben. Weil in der Wirklichkeit ein Tod nur ein Tod ist und keine Heldentat. Die Wirklichkeit hebt den Menschen nicht über sich selbst hinaus, sondern wirft ihn, im Gegenteil, auf sich selbst zurück.

Der zweite Grund, warum wir uns pausenlos Geschichten erzählen, ist der, dass diese Geschichten uns Gemeinsamkeit suggerieren, wo keine ist. Ohne Geschichten ist jeder Mensch für sich und lebt in seiner eigenen, kleinen Welt. In dieser Welt ist er ein Individuum. Individuum kommt von in-dividuus, das Nicht-Teilbare. Was der Mensch mit seinen eigenen Sinnen erlebt, ist weder teilbar noch mitteilbar. Ein Individuum ist weder Subjekt noch Objekt. Sondern gelebte Erfahrung. Oder eben Leben pur. Was der Mensch kommunizieren kann, ist jedoch bloß eine Erinnerung, eine vermittelte Schein-Wirklichkeit, die sich zur unmittelbaren Erfahrung wie ein Abziehbild verhält.

Der Mensch ist süchtig nach Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Er hält es allein mit sich in seiner Wirklichkeit nicht aus. Er hält es nicht aus, ein Individuum zu sein. Einsamkeit ist für den Menschen schlimmer als der Tod. Deshalb sind die Geschichten, die ihm vorgaukeln, Teil einer Gemeinschaft zu sein, nicht allein mit sich zu sein, so wichtig für ihn, dass er für diese Illusion sogar sein Leben hingibt.

Unsere Gesellschaft ist keine individualistische. Sondern das Gegenteil davon. Die ganze Zivilisationsgeschichte von ihren Anfängen bis auf den heutigen Tag ist nichts anderes als die Flucht vor der Individualität.

Alles ist käuflich

Sollte es je ein Spiel um die Weltherrschaft gegeben haben, so steht der Sieger fest: es ist der technisch-industriell-kommerzielle Komplex, in seiner Vereinfachung als Kapitalismus bezeichnet. Dieser Komplex verwandelt die Welt in Konsumgüter. Alles ist käuflich. Längst geht es nicht mehr nur um lebensnotwendige Güter wie Nahrungsmittel, Wohnung oder Kleidung. Es geht auch nicht mehr um Luxusgüter oder Statussymbole wie Schmuck, Rennpferde oder Theaterkarten.

Die neuen Produkte sind weniger konkret und werden deshalb oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Gesundheit ist ein solches Produkt. Oder Schmerzfreiheit. Ein aktives Leben. Gedächtnisleistung. Schönheit. Eine längere Lebenserwartung kann man sich ebenso kaufen wie einen friedvollen Lebensabend samt Treppenlift und Rundumbetreuung. Man muss sich nur mal die Werbung im Vorabendprogramm von ARD und ZDF angucken. Da sieht man, was die fitten Alten sich alles kaufen können.

Rat und Hilfe kauft man sich heute ebenso wie Zuwendung. Therapeuten verdienen ihren Lebensunterhalt, indem sie Altruismus vermarkten und eine Vielzahl von käuflichen Produkten erfinden, sei es in Form von Gesprächen, Massagen, Übungen oder was auch immer. Das ist ein gutes Geschäft. Ein Milliardengeschäft.

Nächstenliebe ist ebenso wie Fairness, Glück, Zufriedenheit, Glaube, Ethik zum Konsumgut mutiert. Diese Werte kauft man sich heute zusammen mit anderen Produkten. Da steht dann beispielsweise groß und fett fair trade auf der Verpackung. Man zahlt einen Euro mehr für eine gerechtere Entlohnung der Näherin in Bangladesch oder den Bauern in Guatemala. Auch wenn in Wirklichkeit 99 Cent dieses einen Euros an die Organisationen gehen, die so schlau waren, aus Fairness und Nächstenliebe ein käufliches Produkt zu kaufen.

Produkte sind nicht mehr nur Produkte. Mit ihnen wird ein bestimmtes Image verbunden. So macht der Verkäufer ein doppeltes Geschäft und verdient gleich zweimal. Der Händler verkauft nicht nur Schuhe, sondern damit gleichzeitig auch ein bestimmtes Bild seines Trägers: der taffe Naturbursche oder die elegante Lady, die sich auf internationalem Parkett zu bewegen weiß. Man kauft sich nicht nur ein Müsli, sondern damit gleichzeitig auch Fitness und Aktivität. Man kauft sich nicht nur einen Tofuburger, sondern damit gleichzeitig auch Tierwohl. In der Kombination verschiedener Produkte kauft sich der Konsument so seinen Lifestyle zusammen.

Aber nicht deshalb hat der technisch-industriell-kommerzielle Komplex gesiegt. Sondern weil es ihm gelungen ist, auch den Widerstand, die Kritik und den Protest zu vermarkten. Mit dem Protest gegen den Kapitalismus wird ebenso Geld verdient wie mit dem Kapitalismus selbst. Und das ist das Perfide an der ganzen Geschichte. Denn damit wird das System allumfassend und wasserdicht.

Oder anders formuliert: Der technisch-industriell-kommerzielle Komplex ist zwingend auf seine Kritiker angewiesen, denn es sind gerade die Kritiker, die ihm bislang unerschlossene Bereiche des Lebens zuführen und damit neue Produktreihen und weiteres Wachstum ermöglichen. Die Kritiker sind die Pioniere des kapitalistischen Systems.

Blues, Rock, Heavy Metal, Hiphop: das waren alles mal Protestbewegungen, die sich explizit gegen den Kapitalismus wandten. Heute sind diese Musikrichtungen riesige Marketingmaschinen, die Millionen in die Kassen von Agenturen, Plattenfirmen und Künstlern spielen. Der Kapitalismus belohnt ja sogar Bob Dylan mit einem Nobelpreis. Und der Protestsänger nimmt das Preisgeld an. Wobei ich das an Bob Dylans Stelle natürlich auch getan hätte.

Jeans und Turnschuhe waren ebenfalls mal Ausdruck einer Protesthaltung gegen den Kapitalismus. Heute kann man nicht nur verblichene, sondern sogar zerrissene oder schmutzige Jeans zu überteuerten Preisen kaufen. Es gibt Hemden, bei denen ein oder zwei Knöpfe absichtlich mit andersfarbiger Nähseide oder falsch befestigt sind. Sogar Unzulänglichkeit, Farbenblindheit oder Schlamperei werden also zu Produkten, die der Konsument kaufen kann.

Meditation galt lange Zeit als Königsweg, um dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad aus Produktion und Kommerz zu entkommen oder sich zumindest innerlich davon zu distanzieren. Heute gibt es einen riesigen Markt an Zen- und sonstigen Meditationskursen, vom Mandalamalen, Kranichfalten und Blumenbinden über Tanzen, Bogenschießen und Körperübungen hin zu Mindful Leadership, Mindful-Based Stress Reduction oder Neurolinguistischem Programmieren. Was Körperübungen angeht, gibt es nicht nur Yoga, Tai Chi, Qigong, holotropes Atmen und eine Million anderer Möglichkeiten, sein Geld loszuwerden. Die einzelnen Bereiche zerfallen wiederum in Unterkategorien und damit in eine Unzahl weiterer Produkte. Aus Yoga wird integrales Yoga, Samyana Yoga, Nada Yoga oder Kundalini Yoga. Qigong wendet sich an die Hormone oder an bestimmte Organe.

Stille, Ruhe und Gelassenheit kann man heute ebenso kaufen wie ein Pfund Leberwurst oder eine Rolex. Mit allem Drum und Dran ist Stille nicht gerade billig. Das muss man sich mal vorstellen: Da gibt es Leute, die machen aus dem Nichtstun ein Produkt, um es anderen Leuten für teuer Geld anzudrehen. Das ist so verrückt, dass es fast schon wieder genial ist.

Kritiker der industriellen Landwirtschaft suchten den Ausstieg aus derselben, indem sie die BIO-Marke kreierten. BIO steht für naturverbunden, für ein Wirtschaften im Einklang mit der Natur. Der Verbraucher glaubt, etwas für die Natur zu tun, wenn er BIO kauft. Auch der Glaube ist ein käufliches Produkt.

In kurzer Zeit wurde BIO nämlich zur Massenware, die auch in den Supermärkten angeboten wird. Was viel nachgefragt wird, muss in großen Mengen produziert werden. Um in großen Mengen produzieren zu können, werden die anfänglich strengen Bestimmungen deshalb wieder aufgeweicht. Wer heute BIO-Eier kauft, kauft in der Regel Eier aus einer Massentierhaltung. Statt neun Hennen werden – wow! – bloß sechs pro Quadratmeter gehalten und diese paar Zentimenter mehr Platz pro Legehenne lässt sich der BIO-Bauer vom Konsumenten teuer bezahlen. Ein BIO-Schwein bis 50 kg darf über 0,3 Quadratmeter mehr verfügen als ein konventionelles und wird anders gefüttert, was dem Schwein aber egal sein dürfte. Aufgrund der steigenden Nachfrage gleicht sich die BIO-Landwirtschaft der konventionellen also wieder an. Deshalb müssen ständig neue Marken erfunden werden wie das Tierwohl-Label, die Weidemilch oder sonstige BIO-Siegel. Inzwischen sind es schon so viele, dass man gar nicht mehr durchblickt, worin die Unterschiede denn nun eigentlich bestehen. Die Siegel verlieren ihren Wert und der Konsument den Überblick.

Ein neues Produkt sind auch die Community-Marktplätze wie Airbnb, wo private Vermieter ihr Zuhause vermarkten können, oder Vermittlungsdienste wie Uber, die private Transporte vermitteln. Das ist ein ganz raffiniertes System. Das Unternehmen braucht nämlich weder Gebäude noch Produktionslagen. Es muss nichts investieren. Es übernimmt auch keine rechtliche Verantwortung. Es wird so getan, als würde Geld keine Rolle spielen, weil man Wohnung ja auch mal tauschen kann. Das Unternehmen lässt sich aber nicht nur für den Kontakt zwischen Privatanbieter und Kunde bezahlen, sondern mischt sich zunehmend in die Gestaltung des Geschäfts zwischen Anbieter und Kunde ein. Wer bei dem Spiel mitmacht, übernimmt die Pflichten eines Angestellten, ohne jedoch im selben Maß auch Rechte zugebilligt zu bekommen.

Was hier zum Produkt gemacht wird, an dem sich gut verdienen lässt, ist die Privatsphäre. Zwar haben Pensionen, Hotels und Restaurants schon immer mit familiärer Atmosphäre geworben, aber deshalb hatte trotzdem keiner der Gäste Zutritt zum Wohn- oder Schlafzimmer des Gastwirts oder Hotelbesitzers. Stattdessen gab es an den Türen Schilder mit der Aufschrift PRIVAT, was vom Gast respektiert wurde. Mit Airbnb oder Uber wird der private Raum nun zum Produkt. Der Kunde schläft im Bett des Anbieters. Und wenn ihm die Privatsphäre nicht gefällt, kann er sich bei Airbnb beschweren.

Schon vor langer Zeit ist die Falle zugeschnappt, ohne dass wir es bemerkt haben. Aus dem technisch-industriell-kommerziellen Komplex, der sich sogar die Aussteiger einverleibt und die Revolution geschickt zu vermarkten weiß, gibt es keinen Ausweg mehr. Es ist völlig unerheblich, ob sich ein Mensch mit dieser Situation abfindet oder nicht, denn beide Haltungen werden gleichermaßen zu Geld gemacht und dienen der Profitmaximierung.

Der technisch-industriell-kommerzielle Komplex lässt sich mit einem Dampfer vergleichen, der unaufhaltsam in eine bestimmte Richtung fährt. Manche auf dem Dampfer versammeln sich im Bug und jubeln, andere drängen sich im Heck zusammen und schieben den Jubelnden eine wie auch immer geartete Schuld in die Schuhe. Manche ziehen sich in ihre Kabinen zurück, lesen esoterische Bücher und träumen davon, dem Dampfer und seiner Dynamik in ihrem Astralkörper zu entkommen. Wieder andere begeben sich im Spielcasino in virtuelle Räume. Es gibt auch welche, die auf dem Dampfer Stühle herumtragen in der irrigen Annahme, dadurch die Richtung, die der Dampfer eingeschlagen hat, verändern zu können. Die Stühletransporteure verlangen, dass alle Anderen an Bord mitmachen.  Wieder Andere hocken sich in die Rettungsboote und glauben, dass sie das Schiff verlassen hätten, ohne zu merken, dass die Rettungsboote gar nicht zu Wasser gelassen wurden. Wohin das Schiff fährt, weiß niemand. Manche glauben, den Eisberg zu sichten, auf den der Dampfer zusteuert. Aber vielleicht bringt die Klimaerwärmung den ja gerade noch rechtzeitig zum Abschmelzen. 🙂

Besitz hat keine Stimme

Im Animismus der Jäger und Sammler sind andere Wesenheiten wie Tiere, Pflanzen, Felsen und Quellen für den Menschen Partner, mit denen er kommuniziert und im Austausch steht. Diese Wesenheiten kennen nicht nur Gefühle, sie haben auch ihre eigene Vernunft und ihr eigenes Verständnis der Welt. Diese Wesenheiten wollen dem Menschen Gutes und manchmal auch Böses. Sie haben einen eigenen Willen. Sie sind beseelt. Und vor allem haben sie eine Stimme, mit der sie sich bemerkbar machen und die der Mensch hören kann. Im Animismus erfährt sich der Mensch als eines von vielen Geschöpfen, von denen jedes seine eigene Persönlichkeit, seine Bedürfnisse und Wünsche hat. Der Animismus ist die einzige Religion, in der Tiere, Pflanzen und Menschen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Es ist die einzige Religion, in der ANDERE als ANDERE akzeptiert sind.

„Die Wildbeuter jagten wild lebende Tiere und sammelten wild wachsende Pflanzen, die dem Homo sapiens ebenbürtig waren. Sie jagten zwar Schafe, doch sie betrachteten die Schafe deshalb noch lange nicht als minderwertige Wesen, genauso wenig wie sie glaubten, dass sie selbst weniger wert waren als die Tiger, nur weil sie von diesen gejagt wurden. Lebewesen kommunizierten direkt miteinander und handelten die Regeln aus, die in ihrem gemeinsamen Lebensraum herrschten.“ (Harari, S. 256)

Im Animismus erlebt sich der Mensch als auf derselben Stufe stehend wie seine Mitgeschöpfe.

Bei der landwirtschaftlichen Revolution, die vor ca. 10.000 Jahren stattfand, handelt es sich nicht nur um eine Revolution in Sachen Nahrungsbeschaffung. Die landwirtschaftliche Revolution war vor allem eine religiös-spirituelle Revolution, die das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen und der Natur grundlegend veränderte. Denn nun erlebt sich der Mensch als auf einer höheren Stufe stehend als seine Mitgeschöpfe.

„Bauern lebten davon, Tiere und Pflanzen zu besitzen und zu manipulieren, weshalb es ihnen schwerfiel, Tiere und Pflanzen als ebenbürtig zu begreifen oder gar mit ihnen zu verhandeln. Im Laufe der landwirtschaftlichen Revolution wurden die einst spirituellen Partner daher zu stummen Besitzgütern.“ (Harari, S. 256)

Darin liegt die eigentliche Tragödie des Menschen begründet. Je mehr er seine Mitgeschöpfe, die Natur und die Welt in Besitz nimmt, desto stiller wird es um ihn herum. Der Mensch kann die Stimmen der ANDEREN nicht mehr hören. Die ANDEREN sind verstummt. Oder besser gesagt: Zum Verstummen gebracht worden. Da der Mensch die Stille um sich herum nicht erträgt, füllt er sie mit dem Lärm der Maschinen und dem eigenen Geplapper.

Die landwirtschaftliche Revolution ist gleichbedeutend damit, dass sich der Mensch über seine Mitgeschöpfe erhebt. Er fängt an, Pflanzen und Tiere in seinem Sinne und zu seinem Nutzen zu verändern. Tiere und Pflanzen haben kein eigenes Lebensrecht mehr, sondern nur noch eines in Bezug auf den Menschen.

 

Viele Menschen sehen die technische Entwicklung heute mit Unbehagen. Sie glauben, dass der Mensch mit der Gentechnik oder der Künstlichen Intelligenz über die von der Natur gesetzten Grenzen hinausgeht und nun anfängt Gott zu spielen. Das ist ein Irrtum. Der Mensch hat sich schon im Laufe der landwirtschaftlichen Revolution zur Gottheit erhoben. Oder anders: Die landwirtschaftliche Revolution ist identisch mit der Selbstvergottung des Menschen. Wer ein Lebewesen in Besitz nimmt, macht sich zum Gott über dieses Lebewesen. Nur durch diese Selbstvergottung kam der Mensch überhaupt erst auf die Idee, Götter zu erfinden. Treten die ersten Götter noch als Mischwesen aus Mensch und Tier auf, verschwinden die Tiere in dem Maße aus dem Götterhimmel, je mehr sie in der Realität vom Menschen in Besitz genommen werden.

Die Selbstvergottung führt nicht nur dazu, dass Tiere und Pflanzen als minderwertig empfunden werden, sie spaltet auch die Menschheit in Höher- und Niederstehende. Erst mit der landwirtschaftlichen Revolution entstanden Gesellschaften mit sozialen Schichtungen, die sich durch scharfe Kontraste im Lebensstil unterschieden. Die Selbstvergottung führt nämlich auch dazu, dass außer Tieren und Pflanzen auch Gruppen anderer Menschen gerne als minderwertig empfunden werden. Sklaven und Gemeine beispielsweise. Auch Sklaven und Gemeine waren Besitztümer und wurden ihrer Stimme beraubt.

Vor einiger Zeit gab es bei mir ein Problem mit dem Telefon. Nachdem ich die Servicenummer von Telekom rausgefunden hatte, kam ich in eine von Musik untermalte Schleife mit automatischen Abfragen. Wenn Sie dieses Problem haben, drücken Sie die 1. Wenn Sie jenes Problem haben, drücken Sie die 2. Und so weiter und so fort. Danach wurde mir versichert, dass mein Problem notiert wäre und in den nächsten Tagen behoben würde. Doch nichts dergleichen geschah. Bei einem zweiten Anruf wurde ich von einer automatischen Stimme darauf verwiesen, dass ich schon einmal angerufen hatte und wurde gar nicht mehr weitergeleitet. Obwohl das Problem irgendwann behoben wurde, blieb bei mir dennoch das dumme Gefühl zurück, auf einmal nicht mehr gehört zu werden.

Ein vergleichbares Erlebnis gab es vor einiger Zeit bei Amazon mit einer Buchbestellung. Bei Amazon gibt es keine persönlichen Ansprechpartner mehr oder wenn, dann sind sie nur sehr schwer zu finden. Auch hier wird man am PC über eine Reihe von Abfragen geführt. Es war nun jedoch so, dass keine der angebotenen Abfragen für mein spezielles Problem passte. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als die Buchbestellung zu stornieren. Und auch hier hatte ich wieder das dumme Gefühl, zum Verstummen gebracht bzw. nicht mehr gehört zu werden.

Plötzlich finde ich mich also auf derselben Stufe wieder wie Sklaven, Gemeine, Tiere und Pflanzen. Irgendwie werden solche wie ich anscheinend gerade aus dem Götterhimmel hinausgeworfen.

Big Data bedeutet nichts anderes, als dass die Benutzer sozialer Medien von den Technologiekonzernen in Besitz genommen werden. Die Techno-Konzerne legen die Bedingungen fest, wie vor 10.000 Jahren die Bauern die Bedingungen festgelegt haben.

Im Grunde sind wir heute in derselben Situation wie damals Tiere und Pflanzen. Vermutlich sind auch Tiere und Pflanzen seinerzeit davon ausgegangen, dass eine ominöse, undurchschaubare Macht es gut mit ihnen meint. Wenn die Tiere damals, um sie in Besitz zu nehmen, mit Häppchen gefüttert wurden, so werden wir heute mit Schnäppchen gefüttert. Wir gehen den Techno-Konzernen auf den Leim, wie uns seinerzeit Tiere und Pflanzen auf den Leim gegangen sind.

Viele Menschen ahnen etwas von dieser neuerlichen Verschiebung. Deshalb entdecken sie plötzlich ihr Herz für die gequälte Kreatur in der Massentierhaltung. Es ist nicht die Liebe zum Tier, die Proteste hervorruft, sondern viel eher die dumpfe Ahnung, dass es uns bald ebenso gehen könnte wie den Schweinen, Rindern und Hühnern, die kein eigenes Lebensrecht haben, sondern nur eines in Bezug auf uns Menschen. Es gibt diese Tiere nur, weil sie vom Menschen verwertet werden.

Nicht Liebe, sondern diffuse Ängste bringen die Menschen dazu, Veganer zu werden und in Ställe einzubrechen, deshalb ist die Tierschutz-Bewegung auch offen oder latent aggressiv.

Wir sind daran gewöhnt, linear und in Kategorien des Fortschritts zu denken. Aber könnte es nicht sein, dass die industrielle Revolution nicht die Fortsetzung der agrarischen ist, sondern die Antwort auf unsere Selbstvergottung vor 10.000 Jahren? Ich habe manchmal den Eindruck, dass in der industriellen Revolution der Mensch nun an die Position rückt, die er in der agrarischen Revolution den Tieren und Pflanzen zugewiesen hat. So, wie der Mensch Tiere und Pflanzen behandelt, wird er nun von einem zunehmend anonymen technisch-bürokratischen Komplex selber behandelt. Ist es, so gesehen, nicht ziemlich mickrig, wenn der Mensch deshalb nun auf einmal die Freundschaft mit Tier und Natur sucht, die er über Jahrtausende hinweg bloß verachtet und schlecht behandelt hat?

 

Literatur:
Harari, Yuval Noah: Eine kurze Geschichte der Menschheit. 2013.

 

Überwachungsstaat und Brütertechnologie

Jeder Mensch weiß, das Kohle, Erdöl und Erdgas endliche Reserven sind, die in hundert, spätestens zweihundert Jahren unwiderruflich zu Ende sein werden. In der Mainstreampresse ist deshalb viel von der Energiewende die Rede. Da wird schon gerne mal so getan, als könnte man die fossilen Energieträger einfach durch Wind- und Sonnenenergie ersetzen. Das ist ein fundamentaler Irrtum.

Mit Wind- und Sonnenenergie wird ausschließlich Strom erzeugt. Der Strom, den wir verbrauchen, macht aber nur einen geringen Teil des Gesamtenergieverbrauchs aus. Es stimmt schon: Wir verbrauchen in den Industrieländern so viel Strom, dass einem schwindlig davon werden kann, trotzdem ist das nicht mehr als die Spitze des Eisbergs, die von der Gesamtmasse des Energieverbrauchs bloß 10 % bis 20% ausmacht.

Von dieser Spitze des Eisbergs können in Deutschland mit Hilfe von circa 30.000 Windrädern und unzähligen Fotovoltaikanlagen je nach Jahreszeit und Windaufkommen zwischen 10 % und 35% erzeugt werden. 10% von 10% macht ein Hundertstel des gesamten Energiebedarfs aus. 20% von 10% ein Fünfzigstel. Im Klartext heißt das: Deutschland ist trotz der mit großem Aufwand und hohen Kosten betriebenen Energiewende immer noch zu 79% von den fossilen Energieträgern abhängig. Wenn man die Atomkraft dazunimmt, werden 86% unseres Gesamtenergieverbrauchs über die vier vorzeitlichen Mammuts Kohle, Erdöl, Erdgas und Uran abgedeckt.

Seit der Energiewende hat Deutschland ein Kohlendioxid-Problem. Wind- und Sonnenenergie erzeugen bloß Strom, wenn die Sonne scheint oder wenn der Wind bläst. Ins Stromnetz muss jedoch permanent Strom eingespeist werden, und zwar genausoviel, wie am anderen Ende Industrie und Privatverbraucher entnehmen. Das heißt, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, muss schnell irgendwo ein Kraftwerk hochgefahren werden, und das ist ein Kraftwerk, das in der Regel mit Kohle oder Erdgas betrieben wird. Diese zusätzlich benötigten Kraftwerke werden in der Regel nie wirklich auf null heruntergefahren, sondern in einer Art Schlummerbetrieb gehalten, damit sie sofort einsatzbereit sind, wenn man die zusätzliche Energie braucht. Mit den alternativen Energien unterhält man also nicht nur einen Energiekreislauf, sondern deren zwei.

Atomkraft eignet sich nicht für diesen Zusatzbetrieb, da ein Atomkraftwerk nicht so schnell hoch- und runtergefahren werden kann. Atomkraftwerke sind grundlastfähig, das heißt, sie können Erdöl, Erdgas und Kohle ersetzen, aber sie eignen sich nicht dazu, Energiespitzen auszugleichen. Zudem hat Deutschland ja den ehrgeizigen Plan, ganz aus der Atomkraft auszusteigen. Der bislang durch Wind und Sonnenenergie erzeugte Strom reicht jedoch nicht mal aus, um die Lücke, die durch den Wegfall der Atomkraftwerke entsteht, zu decken. Und schon gleich gar nicht, wenn in Deutschland die Wirtschaft wieder wächst. Jedes noch so kleine Wirtschaftswachstum bedeutet im Klartext nämlich nichts anderes als zusätzlichen Energieverbrauch.

Auf der Seite der Stromabnehmer muss zwischen einer Grundlast und der Spitzennachfrage unterschieden werden. Wenn am frühen Morgen der Hahn kräht, ist die Nachfrage nach Strom um mehr als die Hälfte geringer als am späten Nachmittag, wenn alle Welt in den Betrieben und Büros rödelt. Allein bei einer Großstadt wie New York beläuft sich diese Differenz auf zwei Milliarden Watt und wenn man das Einzugsgebiet von New York noch dazunimmt, kommen circa zwanzig Milliarden Watt zusammen. Diese Differenzen sind also keine Kinkerlitzchen, nein, es handelt sich um riesige Mengen.

Das ist jetzt erstmal die Problematik mit der Stromversorgung, die ja, wie gesagt, nicht mehr als 10% bis 20% des Gesamtenergieverbrauchs ausmacht. Vom Gesamtpaket an Energie entfallen 10% allein auf die Herstellung von Dünger. Genau genommen, essen wir heute von Pflanzen umgewandeltes Erdöl. Das wird auch in Zukunft vorerst so bleiben. Daneben gibt es den Komplex der Schwerindustrie und den Verkehr, die beide enorme Energiefresser sind. Um die Menge an Energie zu erzeugen, die unsere Autos allein als Benzin benötigen, wobei die Herstellung der Autos noch gar nicht mal berücksichtigt ist, müssten in Deutschland circa weitere 200.000 Windräder aufgestellt werden. Für die gesamte Industrie vielleicht noch mal so viel. Schon mit 30.000 Windrädern sieht Deutschland ziemlich verspargelt aus, vor allem im Norden, wo auch tatsächlich so viel Wind weht, dass sich der Betrieb lohnt. Wie ein mit 400.000 Windrädern bestücktes Deutschland aussieht, kann man sich gar nicht so recht vorstellen.

Wenn man das alles zusammenfasst, kann man ohne Weiteres sagen: Wenn Erdöl, Erdgas und Kohle ausgehen, haben wir ein riesiges Energieproblem. Die einzige Technologie, die dieses Problem lösen kann, ist nach dem jetzigen Stand der Dinge die Brütertechnologie. Herkömmliche Atomkraftwerke mit Druck- und Siedewasserreaktoren haben zwei Nachteile: Der allergrößte Teil der Energie, die im Uran steckt, verpufft ungenutzt, nämlich an die 99 %, und es fallen radioaktive Abfallstoffe an, die die Welt auf Jahrhunderttausende hinaus verseuchen. Mit der Brütertechnologie ist man in der Lage, fast die gesamte im Uran steckende Energie zu nutzen. Zudem kann man abgebrannte Brennstäbe recyceln, sodass am Ende weitaus weniger Atommüll übrig bleibt.

Wenn man in die Brütertechnologie einsteigt, hält der zur Verfügung stehende nukleare Brennstoff erheblich länger, nämlich so an die 20.000 Jahre. Und wenn es dann noch gelingen sollte, Uran aus dem Meerwasser zu gewinnen, steht Energie für rund 500.000 Jahre bereit. Das ist so viel, dass man es sich erlauben kann, die gewaltigen Mengen an Erdöl und Erdölprodukten synthetisch herzustellen, die es braucht, um die Wirtschaft, die Schwerindustrie und das Transportwesen in der bisherigen Form aufrechtzuerhalten. Da keiner von uns freiwillig in ein vorindustrielles Zeitalter zurückkehren wird, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass der Mensch früher oder später in die Brütertechnologie einsteigen wird. Das ist der bequemste und der billigste Weg, und deshalb werden wir wohl diesen Weg wählen. In der Vergangenheit hat die Menschheit immer den bequemsten und billigsten Weg gewählt.

Die Brütertechnologie hat allerdings einige erhebliche Nachteile. Sie ist nicht nur gefährlicher und schwieriger zu handhaben als die bisherige Reaktortechnik. Als Abfallprodukt fallen zudem große Mengen an hochgiftigem und hochgefährlichen Plutonium an, und das ist nun leider der Stoff, aus dem Atombomben gemacht werden. Jede Regierung, die Brütertechnologie betreibt, kann also leicht auch Atomwaffen basteln. Nicht nur für Regierungen, auch für Schurken und Terroristen wird mit der Brütertechnologie der Zugang zur Atombombe erheblich einfacher. Was passiert, wenn ein Verrückter eine Atombombe auf einen Kernreaktor wirft, will man sich lieber gar nicht erst vorstellen.

Wenn man über diese Problematik nachdenkt, fügen sich plötzlich zwei anscheinend unabhängig voneinander verlaufende Entwicklungslinien passgenau in eins. Die Brütertechnologie kann sich nicht etablieren, solange es Nationalstaaten gibt, denn die Gefahr, dass die Regierungschefs von Nationalstaaten irgendwann Atombomben auf andere Nationalstaaten werfen, mit denen man zufällig gerade verfeindet ist, ist viel zu groß. Brütertechnologie ist nur in einer globalisierten, einheitlich regierten Welt eine Option. Hinter dem Trend zur Abschaffung der Nationalstaaten und der Globalisierung steckt also bei näherer Betrachtung nicht die Sehnsucht nach Frieden, sondern die Sehnsucht nach einer Welt, in der uns weiterhin genügend Energie zur Verfügung steht. Der Energiehunger ist die eigentliche Dynamik, die sich als Friedenssehnsucht und Verbundenheit tarnt.
Die Brütertechnologie ist auch nur dann eine Option, wenn man davon ausgehen kann, dass mögliche Terroristen bereits im Vorfeld ausgeschaltet werden können. Um das zu erreichen, braucht es den totalen Überwachungsstaat, auf den wir gerade sowieso zusteuern. In einer vom Plutonium dominierten Gesellschaft muss jeder Bürger absolut gläsern sein. Sein Tun muss lückenlos überwacht werden. Es kann keine Privatsphäre mehr geben. In einer Plutoniumwirtschaft ist die Illusion von Sicherheit nur um diesen Preis möglich.

Das also ist der tiefere Sinn, der hinter dem Aufbau des Überwachungsstaates steht, den die meisten von uns misstrauisch und mit Unbehagen beäugen. Der Überwachungsstaat ist die notwendige Voraussetzung, damit die Menschheit in nicht allzu ferner Zukunft in die Brütertechnologie einsteigen kann.

Die Menschheit wird nicht freiwillig auf Strom, Computer, Waschmaschinen, Autos und die sonstigen Annehmlichkeiten des Industriezeitalters verzichten. Auf die industrielle Landwirtschaft können wir gar nicht mehr verzichten, selbst wenn wir es wollten. Die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern wollen dasselbe bequeme Leben, das wir im Westen bereits führen. Deshalb werden die Brütertechnologie und der Überwachungsstaat kommen. Es sind die beiden Seiten derselben Medaille.

Die Menschheit wird sich diesem „Fortschritt“ ebenso anpassen, wie sie sich bereits in der Vergangenheit immer an ihre Technik angepasst hat. Wir sind auf einem Weg, auf dem eine Umkehr weder möglich noch gewollt ist. Schon unsere Vorfahren haben immer ihre Freiheit zur Disposition gestellt und die Bequemlichkeit vorgezogen. Es ist schon lange nicht mehr so, dass der Mensch die von ihm geschaffene Technik beherrscht. Das Gegenteil ist der Fall. Der Mensch ist schon lange zum Sklaven des sogenannten Fortschritts geworden. Denn ohne seine Technik ist er gar nicht mehr überlebensfähig.

Das Sterben der Bauernhöfe

Im Jahr 1971 gab es in Deutschland 1.017.697 Bauernhöfe. 2016 waren es gerade mal noch 276.000. Deutschland ist nicht allein vom Höfesterben betroffen. Frankreich hatte zwischen 1963 und 2011 einen Rückgang von ursprünglich 1,9 Millionen Betrieben auf 499.000 zu verzeichnen. In den anderen europäischen Ländern sieht es auch nicht viel anders aus. Und das Höfesterben geht weiter. Ein Ende ist bislang nicht abzusehen.

 

Immer weniger Höfe erzeugen immer mehr

Dabei werden in Deutschland mehr Tiere geschlachtet als noch vor zehn Jahren. Wenn man mal die Schweineproduktion betrachtet, ergeben sich folgende Zahlen: Im Jahr 2000 wurden 45 Millionen Schweine geschlachtet, im Jahr 2013 waren es 15 Millionen mehr. Im Jahr 2000 wurden durchschnittlich 350 Tiere in einem Stall gehalten, im Jahr 2013 waren es sage und schreibe 2.163. In derselben Zeit, in der Öko-Freaks und Tierfreunde sich vehement gegen Massentierhaltung engagieren, versechsfacht sich also die Zahl der Schweine pro Haltung. Kann man daraus womöglich den Schluss ziehen, dass die Öko-Freaks die Massentierhaltung erst herbeigeredet haben? Ganz so abwegig, wie das scheint, ist das gar nicht.

Es wird durch das Höfesterben auch nicht weniger Ackerland bewirtschaftet. Die übrig gebliebenen Höfe vergrößern sich und intensivieren zudem die Landwirtschaft. Der Ertrag pro Hektar hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren deutlich erhöht. Im Jahr 1970 wurden in Deutschland 23,7 Millionen Tonnen Getreide geerntet, im Jahr 2014 waren es 52 Millionen Tonnen. Also etwas mehr als doppelt so viel. Die Maisproduktion hat überhaupt erst in den 70er Jahren so richtig angefangen. 2013 wurden 4,4 Millionen Tonnen Körnermais und 80 Millionen Tonnen Silomais erzeugt.

Deutschland produziert inzwischen zuviel Milch, zuviel Fleisch und zuviel Getreide. Das Überangebot drückt die Preise in den Keller, was offenbar gewollt ist, weil der Preisverfall die kleinen und mittleren Betriebe zur Aufgabe zwingt. Hinzu kommt, wenn ich das richtig verstanden habe, dass die Subventionspolitik der EU die Großbetriebe bevorzugt. Mit unseren Steuergeldern finanzieren wir das Höfesterben also mit.

Die Biobewegung: Vorstellung und Realität

Außerdem haben die Bauern dank den Grünen, Tierrechtlern und anderen Ideologen einen schlechten Ruf. Häufig werden sie als Tierquäler bezeichnet. Und auch das trifft die kleinen und mittleren konventionell wirtschaftenden Betriebe mehr als die Großbetriebe. Was Besseres als die grüne Politik und die Verunglimpfung des gesamten Bauernstandes konnte den Großen der Branche gar nicht passieren.

In der Öffentlichkeit hat sich durch das lautstarke Geschrei der Öko-Freaks die Vorstellung verfestigt, dass eine 80 Millionen Bevölkerung locker mit Lebensmitteln von Bio-Höfen ernährt werden kann, wenn nur die konventionell wirtschaftenden Bauern nicht so dröge und unflexibel wären. Bio ist in und hat inzwischen auch die Supermärkte erobert. Trotzdem gibt es in Deutschland nur knapp 27.000 Höfe, die biologisch-ökologisch wirtschaften. Es gibt nicht mehr davon, weil es sich für die Bauern schlicht nicht rechnet.

Zwischen 2006 und 2016 hat die Zahl der Bio-Betriebe in Deutschland um 9.298 zugenommen, während die Zahl der konventionell wirtschaftenden Höfe zwischen 2008 und 2016 um 45.600 abgenommen hat. Das heißt, auf jeden Bio-Betrieb, der neu gegründet wurde, kommen mehr als vier konventionelle Höfe, die aufgegeben haben. Oder: auf einen Betrieb, der auf Bio umgestellt hat, kommen drei, die von Agrarfabrikanten oder ominösen Investoren, die mit der Landwirtschaft gar nichts am Hut haben, aufgekauft wurden.

Den Tieren, der Natur und den Menschen würde es weitaus mehr nützen, die konventionellen Höfe und damit die Artenvielfalt unter den Höfen zu erhalten statt mit ein paar wenigen Bio-Betrieben die zunehmende Konzentration auf immer größer werdende Agrarfabriken schönfärberisch zu verdecken. Die Bio-Höfe dienen doch hauptsächlich bloß dem Selbstbild einer naturfremden Stadtbevölkerung, die sich als tierlieb und naturverbunden imaginiert, während die Besitzer der Großbetriebe sich genüsslich die Hände reiben und die Bauern in den Ruin treiben. Und wie sich nun allmählich herausstellt, ist Bio ja noch nicht mal gesünder.

Der Verbraucher will biologisch angebautes Obst und Gemüse, glückliche Schweine und freilaufende Hühner. Er will einen Bauernhof, wie er ihn von seinen Bilderbüchern aus der Kindheit her kennt. Es gibt Bauern, die dieses Bedürfnis aufgreifen und befriedigen. Aber hinter dieser schönen Oberfläche verbirgt sich eine Wahrheit, die alles andere als idyllisch ist. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind die mittleren und kleinen Betriebe.

Wenn wir als Gesellschaft die Artenvielfalt unter den Bauernhöfen erhalten würden, hätten junge Leute, die an der Landwirtschaft interessiert sind, viel mehr Möglichkeiten, einen Hof selber zu gestalten, dabei aufs Tierwohl zu achten und Überproduktion zu vermeiden. Wenn die Höfe erst mal in den Händen von Agrarfabriken und sogenannten Investoren sind, ist dieser Zug abgefahren.

Und tatsächlich ist dieser Zug schon längst abgefahren. Die meisten Bauernhöfe dürften unwiderruflich dahin sein, denn wenn ein Hof erst mal aufgegeben ist, wird es schwierig, ihn wiederzubeleben. Ist er aufgekauft worden, ist es sogar unmöglich.

Es wird nicht nur zuviel produziert, es wird auch zuviel weggeworfen. Pro Jahr wirft im Schnitt jeder Bundesbürger etwa 90 kg Lebensmittel in den Abfalleimer, wobei ich nicht weiß, ob da nicht auch Kartoffelschalen und Kohlstrünke mitgerechnet werden. Etwa doppelt so viel, also 180 kg pro Person, werden anscheinend vom Handel entsorgt, wo als oberstes Gebot gilt, dass alle Waren dem Konsumenten stets zur Verfügung stehen müssen. Wenn ich die Zahlen richtig interpretiere, wird in Deutschland pro Verbraucher dieselbe Menge an Nahrungsmitteln weggeworfen, die er zu sich nimmt.

Die Dynamik dahinter

Diese Dynamik, in deren Sog die Höfe sterben, wird meistens mit Profitstreben und Geldgier in Verbindung gebracht. Ich glaube, dass diese Erklärung zu kurz greift. Die Geldwirtschaft ist nur das Mittel, um den technisch-industriellen Komplex weiter voranzutreiben. Und dieser technisch-industrielle Komplex hat in letzter Konsequenz die Vernichtung der Natur als Ziel. In diesem Komplex wird Natur nur noch als Kulisse zu Erholungszwecken geduldet.

Beim Höfesterben handelt es sich nämlich um einen Selektionsprozess, bei dem nur diejenigen Betriebe übrig bleiben, die schließlich voll automatisiert werden können. Diese Vollautomatisierung hat parallel zum Höfesterben eingesetzt. Die Landmaschinen werden entsprechend den Ackerflächen immer größer. Die Ställe sind vollautomatisiert, mit automatischer Fütterung, automatischer Entmistung und Melkrobotern. Hier mal ein Beispiel, wie das aussieht. Man kann nicht sagen, dass die Tiere gequält wirken. Im Hintergrund sieht man, dass die Ziegen gern ins Karussell reinhüpfen.

Diese Entwicklung geht weiter. Längst hat die Robotik auch in der Landwirtschaft Einzug gehalten. Es gibt Roboter, die Unkraut jäten. Andere verspritzen gezielt und dosiert Herbizide oder Pestizide, wodurch die Menge an eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmitteln erheblich reduziert werden kann. Es gibt Drohnen, die die Felder überwachen und dem Bauern Fotos auf den Computer senden. Es gibt Geräte, die die Kau- und Mahlbewegungen von Kühen messen und Alarm schlagen, wenn Abweichungen auftreten, weil das möglicherweise auf eine Krankheit hindeuten könnte. Am Ende dieses Prozesses werden nur noch ein paar Computerexperten notwendig sein, um die Ernährung der gesamten Bevölkerung sicherzustellen. Den bäuerlichen Menschen, der für die Verbundenheit von Mensch und Natur steht, wird es nicht mehr geben, weil die Verbundenheit von Mensch und Natur schon vor langer Zeit aufgekündigt wurde.

Es ist das, was der Großteil von uns Menschen will. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Wir können uns die Klagerufe und die Trauergesänge sparen, die doch nur Heuchelei sind.

Wir glauben, dass wir ein Recht drauf haben, von der Natur oder vom lieben Gott ernährt zu werden, ohne einen Finger dafür rühren zu müssen. Und da weder die Natur noch der liebe Gott uns das Essen in den Mund schieben, bauen wir uns eben eine Maschinenwelt, die das übernimmt und unseren Traum vom Schlaraffenland erfüllt. Nahrung ist uns keine Mühe wert, deshalb klinken wir uns aus diesem Prozess der Nahrungsbeschaffung und -zubereitung mehr und mehr aus. Mit diesem Stoffwechselprozess, der ja das eigentliche Wesen von Natur ist, wollen wir nichts mehr zu tun haben. Denn zum Stoffwechselprozess gehört der Tod, und den wollen wir Menschen unbedingt vermeiden.

Und es scheint ja hervorragend zu funktionieren. Die Zahlen sprechen für sich. Die industrialisierte Landwirtschaft ist ein Erfolgsmodell, und zwar umso erfolgreicher, je industrialisierter.

 

Weniger Zeit für Kochen und Essen

Auch mit Kochen und Vorratshaltung verbringen wir heute viel weniger Zeit als noch vor zwanzig oder gar fünfzig Jahren. Kaum jemand weckt heute noch ein oder dörrt Obst oder macht Sauerkraut selber. Das Wissen über alte Konservierungsmethoden geht verloren, wozu haben wir schließlich die Kühltruhe? Beim Kochen ist convenience food angesagt, das man kurz in die Mikrowelle schiebt, oder der smoothie, der auf Knopfdruck aus dem Automaten kommt. Und dummerweise schmeckt billiges Industrie-Baguette aus dem Supermarkt tatsächlich oft besser als das vom Bäcker, das schon nach wenigen Stunden hart und ungenießbar wird. Dasselbe gilt für Brot. Wobei es weder das Brot vom Bäcker noch das aus dem Supermarkt mit selbstgebackenem Brot aus frisch gemahlenem Getreide aufnehmen kann. Da merkt man dann so richtig, dass Brot nicht gleich Brot ist. Das muss auch gesagt werden. Aber das ist mit Arbeit verbunden. Und wer macht das noch außer ein paar rückständigen Idioten? Lieber denken die Menschen schon über Nahrungsmittel aus dem 3-D-Drucker nach.

Sogar fürs Essen nimmt sich der Mensch im Alltag immer weniger Zeit. Dafür wird maßgeschneiderte Ernährung inklusive digitaler Ernährungsberatung immer wichtiger. Immer weniger Menschen vertrauen darauf, dass ihr Körper ihnen selber sagt, was er braucht und was gut für ihn ist, statt dessen kaufen sie haufenweise Ernährungsratgeber und halten sich an zeitgeistgebundene Theorien, die von vegan bis paläo und von low carb bis fettsäurereich eine ebensogroße Vielfalt bieten wie der Supermarkt. Dazu werden alle möglichen Nahrungsergänzungsmittel geschluckt, von denen man sich Gesundheit und Wohlbefinden erhofft. Schritt für Schritt entwickeln wir uns so in Richtung Chemitarier.

 

Die Abschaffung der Natur

Wir Menschen sind dabei, uns aus der Natur herauszulösen. Wir wollen mit der Natur nichts mehr zu tun haben, es sei denn, wir gestalten sie nach unseren Vorstellungen selbst. Stattdessen machen wir uns lieber von einer selbst geschaffenen Technologie abhängig, über die wir mehr und mehr die Kontrolle verlieren. Aber kümmert das jemanden ernstlich? Außer mir, meine ich. Die Allermeisten vertrauen darauf, dass die Megamaschine uns mit allem Notwendigen und mit noch mehr Überflüssigem bis in alle Ewigkeit versorgen wird, ohne zu wissen, ob wir morgen überhaupt noch genügend Energie zur Verfügung haben, um diese Megamaschine zu betreiben. In unserem Bestreben, die Natur zu kontrollieren und sie unseren Zwecken zu unterwerfen, werden wir als Einzelne mehr und mehr von einem technisch-bürokratischen Superorganismus aufgesogen, kontrolliert und versorgt. Aber anscheinend kommt das ja gut. Bei näherer Betrachtung will der Großteil der Menschen von der Wiege bis zur Bahre gepampert werden.

Wenn sich der Mensch zwischen Natur und Technik entscheiden muss, entscheidet er sich ausnahmslos immer für den technischen Weg. Handy, Smartphone und die Apps haben sich in Windeseile um die ganze Welt verbreitet, ohne dass irgendjemand Druck auf den Verbraucher ausüben musste. Facebook hat inzwischen mehr als zwei Milliarden Nutzer.

Der Wirtschaftsjournalist Daniel Ben-Ami formuliert das Glaubenscredo, dem fast alle Menschen, Bürokraten wie Wissenschaftler, grüne Ideologen wie Marktliberale, Veganer wie Fleischesser, Bauern wie Verbraucher gleichermaßen anhängen:

„Mit der Neugestaltung und Nutzbarmachung der Natur zu unserem eigenen Vorteil haben wir eine viel wohlhabendere Gesellschaft geschaffen … Wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt hängen exakt vom zunehmenden Einfluss der Menschen auf die Natur ab. Wir müssen unsere Kontrolle über die Natur ausdehnen, statt sie zu reduzieren.“

Daniel Ben-Ami sagt wenigstens, was viele nicht zugeben wollen. Denn so geht der Mensch seit jeher mit der Natur um, wenn man mal alle Schönfärberei und Heuchelei beiseite lässt. Und so gesehen, trägt jeder Mensch sein Scherflein zur Abschaffung der Natur bei, der eine mehr, der andere weniger. Die Abschaffung der Natur ist unser großes menschliches Gemeinschaftswerk, und ich denke, wir werden nicht aufhören, bis wir das Ziel erreicht haben.

Und da dies so ist, bliebe zu wünschen, der Mensch hätte wenigstens genügend Mumm, zu der von ihm gewollten und in Gang gesetzten Entwicklung zu stehen und die Folgen entsprechend zu tragen statt sich hinter angeblicher Natur- und Tierliebe zu verstecken und angesichts des Artensterbens in Jammergeschrei auszubrechen.

Ein neues Menschenbild

In den vergangenen Jahrtausenden hat sich der Mensch über sein Verhältnis zu Gott definiert. Im Polytheismus tritt an die Stelle eines einzigen Gottes ein ganzes Pantheon von Göttern. Im Pantheismus, wie er heute in vielen spirituellen Richtungen vertreten wird, gibt es keinen personifizierten Gott, dafür jedoch das Göttliche als geistigen Urgrund, das als Universum, als Evolution, als Natur für uns sichtbar wird. Das Prinzip bleibt jedoch immer dasselbe: Erst in seinem Verhältnis zu Gott oder dem Göttlichen weiß der Mensch, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf. Doch ist es wohl gerade umgekehrt: der Mensch schuf Gott zu seinem Bilde. Die jeweiligen Gottesbilder, die sich durch die Zeit hindurch und in den verschiedenen Religionen wandelten, gaben den Menschen Orientierung und sagten ihnen, wer sie sind. In Gott erkannten sie sich selbst. Oder anders: Gott war das Spiegelbild des Menschen. Er war das kollektive Bewusstsein, das sich, tausendfach gebrochen, in den Individuen widerspiegelte.

Der wissenschaftliche Mensch der Neuzeit hat Gott zur bloßen Hypothese erklärt und damit den Spiegel zerbrochen. Wo immer Gott an Bedeutung verliert, weiß der Mensch nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist. Mit Gott hat der Mensch seine bisherige Orientierung verloren. Er muss sich neu bestimmen.

Der Darwinismus bietet eine alternative Erklärung: Der Mensch stammt vom Affen ab. Diese Erklärung ist heute weitgehend akzeptiert und wird in den Schulen gelehrt, trotzdem bleiben viele Fragen offen: Warum hat der Mensch Geist? Warum kann er über etwas nachdenken? Woher kommt das Bewusstsein vom Tod? Was ist Leben? Woher kommt es? Was ist der Sinn von allem? Wonach kann ich mich richten, wenn Ethik und Moral nicht mehr gottgegeben, sondern lediglich gesellschaftliche Übereinkunft sind? Und nicht zuletzt: Warum sind ausgerechnet wir, die Vernunftbegabten, eine Spezies, die dabei ist, diesen Planeten in eine Wüste zu verwandeln? Warum tun wir das? Wenn der Mensch für das sechste große Artensterben verantwortlich ist, was bedeutet dann Vernunft? Wer sind wir eigentlich?

Für die Abstammung des Menschen vom Affen hat die Wissenschaft inzwischen so viele Beweise geliefert, dass man dies erstmal getrost als gegeben hinnehmen kann. 98%  unseres Genmaterials ist mit dem von Schimpansen identisch. In der Archäologie hat man zahlreiche Knochenreste gefunden, die den Übergang vom Affen zum Menschen dokumentieren. Wenn man Schimpansen und Bonobos in ihrem Verhalten beobachtet, kann man die Verwandtschaft auch nicht leugnen. Die Frage, warum der Mensch Geist, Sprache, Kultur und Technik entwickelt hat und in die Lage versetzt worden ist, den ganzen Planeten umzukrempeln, bleibt jedoch unbeantwortet. Warum ist der Schimpanse dabei geblieben, mit Steinen Nüsse zu knacken und mit Zweigen nach Ameisen zu pulen? Warum baut er keine Städte, verehrt keine Götter und fliegt nicht zum Mond? Was unterscheidet den Schimpansen vom Menschen?

Meine Antwort lautet, der Mensch hat Geist entwickelt, weil er angefangen hat, mit dem Feuer zu spielen. Der Umgang mit dem Feuer zwang unseren Vorfahren Verhaltensweisen auf, die nicht im Instinkt verankert waren, sondern diesem gerade diametral entgegenstanden. Diese neuen Verhaltensweisen mussten irgendwo gespeichert werden, damit sie an die Nachkommen weitergegeben werden konnten. Deshalb war es notwendig geworden, ein größeres Gehirnvolumen zu entwickeln und nur deshalb konnte die entsprechende Mutation sich beim Menschen durchsetzen. Die aus dem Umgang mit dem Feuer entwickelten Techniken und Verhaltensweisen werden nicht intrinsisch als Instinkt weitergegeben, sondern extrinsisch über Erziehung, Kultur und Zivilisation. So gut wie unsere ganze Technologie, vom ersten Lagerfeuer bis hin zur Atombombe und zu Quantencomputern, ist eine Folge davon, dass vor ein bis zwei Millionen Jahren schimpansenähnliche Wesen anfingen, mit dem Feuer zu experimentieren. Der Geist, den der Mensch entwickelt hat, ist ein Feuergeist.

Als Menschen sind wir also mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. Und damit sind wir ein verkörperter Widerspruch.

„Aristoteles … glaubte: Alles Lebendige strebt nach Sein. Dieses Streben ist seine Seele. Ein Wesen sehnt sich zu sein, zu dauern, mehr zu sein, als es ist. Es dürstet danach, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten, mehr von diesem kostbaren Stoff aufzusaugen – von einem Stoff, dessen man nur habhaft wird, wenn man atmet. Dieser Durst ist das Leben. Der Lebenswunsch trägt einen Organismus wie die Woge den Schwimmer.“ (Weber, S. 32)

Leben ist nicht nur Fülle, sondern Überfülle. Da alles sein will und danach strebt, mehr zu sein, ist exponenzielles Wachstum die unausweichliche Folge. Da der Planet nicht mitwächst, führt exponenzielles Wachstum der Lebewesen, die ihn besiedeln, schließlich dazu, dass das Leben aufgrund seiner Überfülle an sich selbst erstickt und kollabiert. Um die Überfülle zu bändigen, hat die Natur tief in die Trickkiste gegriffen. Sie hat die Eiszeiten und die Jahreszeiten erfunden, den Stoffwechselkreislauf, der darin besteht, dass Eines das Andere frisst, komplizierte Balzrituale und … und …  – den Waldbrand, das Feuer.

Die Geschichte des Feuers auf unserem Planeten ist so alt wie die Geschichte der Vegetation selbst. Der geologische Nachweis von Waldbränden ist so alt wie der Nachweis von Waldvegetation: ungefähr 350 Millionen Jahre. Das heißt, mit den Wäldern entstanden gleichzeitig auch die Waldbrände. Beides gehört unabdingbar zusammen. Das Feuer war notwendig, damit die Wälder nicht an sich selbst erstickten, damit sie sich von Zeit zu Zeit verjüngen konnten.

Feuer ist der Gegenspieler des Lebendigen. „Sein unmittelbarer Effekt ist zerstörerisch. Es löst die hochkomplexen Strukturen organischer Substanzen auf und reduziert sie zu Asche und Rauch. Dieses Ergebnis ist irreversibel; es ist unmöglich, dass sich die Überreste wieder in ihre ursprünglichen Formen und Farben zurückverwandeln.“ (Goudsblom, S. 11)

Maßlos, zerstörerisch, irreversibel, ziellos, sich selbst erzeugend – das sind die Eigenschaften des Feuers. Es sind auch die Eigenschaften unseres menschlichen Geistes. Deshalb führt unsere Vernunft dazu, dass wir uns wie ein Feuerbrand über den Planeten ausbreiten und dabei sind, die lebendige Natur in unlebendige Technosphäre zu verwandeln. Unter Technosphäre werden sämtliche, von Menschenhand erschaffenen Artefakte verstanden: Häuser, Straßen, Städte ebenso wie Autos, Kraftwerke, Telefonnetze oder Kugelschreiber, Bücher und Computer. Wissenschaftler der Universität von Leicester haben errechnet, dass die gesamte Technosphäre inzwischen 30 Billionen Tonnen wiegt. Das ist hunderttausendmal mehr als das Gewicht aller sieben Milliarden Menschen zusammengenommen, mehr als 50 kg auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche.

Wie alle Lebewesen wollen wir uns ausbreiten, entfalten und vermehren. Wir wollen mehr von dem, was Leben ist, und mehr hinterlassen, als wir am Anfang hatten. Wir tragen den Durst nach Leben in uns. Wir sind dieser Durst nach Leben. Wir breiten uns solange aus, bis wir an Grenzen stoßen. Dank unseres Geistes ist es uns gelungen, die meisten Grenzen zu überwinden, und wo wir sie nicht überwinden können, sie wenigstens zu verschieben, wie bei der Lebenserwartung. Unsere Fressfeinde haben wir weitgehend ausgerottet oder dahin vertrieben, wo sie uns nicht gefährlich werden können. Wir haben gelernt, in stark variierenden Klimaverhältnissen zurechtzukommen und mit Krankheiten fertig zu werden. Was wir noch nicht können, ist, andere Planeten zu besiedeln. Möglicherweise ist uns hier definitiv eine Grenze gesetzt, denn bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass wir die ungeheuren Entfernungen jemals überwinden können.

Als Menschen sind wir mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. In uns begegnen sich exponenzielles Wachstumspotenzial und exponenzielles Zerstörungspotenzial. Beide Potenziale sind maß- und grenzenlos. Unser Wachstumspotenzial kann den Planeten verwüsten. Unser Zerstörungspotenzial ebenso. Und irgendwie sind wir da schon gut unterwegs. Was die Verwüstung angeht, liefern sich das Bevölkerungswachstum und das Wachstum der Technosphäre ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Der Phasenübergang vom Jäger und Sammler zum Metallurg, Händler, Krieger und Bauer in der Bronzezeit gab uns die Mittel in die Hand, die ganze Erde in Technosphäre zu verwandeln, eine Entwicklung, die durch die Industrielle Revolution eskaliert ist. Die Digitale Revolution hat zum Inhalt, nach der Erde nun auch den Menschen selbst in Technosphäre zu verwandeln. Das ist der Weg, den wir gehen. Im gleichen Maße, wie wir die Umwelt in eine technisch-künstliche verwandeln, verwandeln wir selbst uns in Cyborgs.

Ob wir uns durch exponenzielles Wachstum oder durch exponenzielle Zerstörung vernichten, ist eigentlich egal.

Bleibt in dieser anscheinend ausweglosen Situation ein Ausweg? Besteht die Aufgabe als Mensch vielleicht darin, das Wachstums- und das Zerstörungspotential gegeneinander auszugleichen, sodass sie sich wechselseitig selbst begrenzen? Können wir als Menschheit zumindest noch paar hunderttausend Jährchen überleben, wenn wir lernen, uns selbst ein Maß zu setzen, uns selbst zu begrenzen?

Seit jeher tragen Menschen auch einen asketischen Hang zur Selbstbegrenzung in sich. Gnóthi seautón, erkenne dich selbst, und medén ágan, nichts im Übermaß: so lauten zwei Inschriften im Apollotempel von Delphi. Vielleicht haben diese uralten Worte ja immer noch Gültigkeit.

In vergangenen Tagen wurden Selbsterkenntnis und Maßhalten über die Religionen vermittelt. Mit dem Zusammenbruch der Gottesbilder und der Durchsetzung des wissenschaftlichen Weltbildes sagen die Religionen den meisten Menschen nicht mehr viel. Aber wenn man auf dem wissenschaftlichen Weg zum selben Ergebnis kommt, handelt es sich bei Selbsterkenntnis und Maßhalten womöglich um etwas, das über den Zeitgeist hinausgeht, nämlich um fundamentale Weisheiten, die dem Leben an sich dienen.

Literatur:
Goudsblom, Johan: Die Entdeckung des Feuers. 2000
Weber, Andreas: Alles fühlt. 2008