Das Sterben der Bauernhöfe

Im Jahr 1971 gab es in Deutschland 1.017.697 Bauernhöfe. 2016 waren es gerade mal noch 276.000. Deutschland ist nicht allein vom Höfesterben betroffen. Frankreich hatte zwischen 1963 und 2011 einen Rückgang von ursprünglich 1,9 Millionen Betrieben auf 499.000 zu verzeichnen. In den anderen europäischen Ländern sieht es auch nicht viel anders aus. Und das Höfesterben geht weiter. Ein Ende ist bislang nicht abzusehen.

 

Immer weniger Höfe erzeugen immer mehr

Dabei werden in Deutschland mehr Tiere geschlachtet als noch vor zehn Jahren. Wenn man mal die Schweineproduktion betrachtet, ergeben sich folgende Zahlen: Im Jahr 2000 wurden 45 Millionen Schweine geschlachtet, im Jahr 2013 waren es 15 Millionen mehr. Im Jahr 2000 wurden durchschnittlich 350 Tiere in einem Stall gehalten, im Jahr 2013 waren es sage und schreibe 2.163. In derselben Zeit, in der Öko-Freaks und Tierfreunde sich vehement gegen Massentierhaltung engagieren, versechsfacht sich also die Zahl der Schweine pro Haltung. Kann man daraus womöglich den Schluss ziehen, dass die Öko-Freaks die Massentierhaltung erst herbeigeredet haben? Ganz so abwegig, wie das scheint, ist das gar nicht.

Es wird durch das Höfesterben auch nicht weniger Ackerland bewirtschaftet. Die übrig gebliebenen Höfe vergrößern sich und intensivieren zudem die Landwirtschaft. Der Ertrag pro Hektar hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren deutlich erhöht. Im Jahr 1970 wurden in Deutschland 23,7 Millionen Tonnen Getreide geerntet, im Jahr 2014 waren es 52 Millionen Tonnen. Also etwas mehr als doppelt so viel. Die Maisproduktion hat überhaupt erst in den 70er Jahren so richtig angefangen. 2013 wurden 4,4 Millionen Tonnen Körnermais und 80 Millionen Tonnen Silomais erzeugt.

Deutschland produziert inzwischen zuviel Milch, zuviel Fleisch und zuviel Getreide. Das Überangebot drückt die Preise in den Keller, was offenbar gewollt ist, weil der Preisverfall die kleinen und mittleren Betriebe zur Aufgabe zwingt. Hinzu kommt, wenn ich das richtig verstanden habe, dass die Subventionspolitik der EU die Großbetriebe bevorzugt. Mit unseren Steuergeldern finanzieren wir das Höfesterben also mit.

Die Biobewegung: Vorstellung und Realität

Außerdem haben die Bauern dank den Grünen, Tierrechtlern und anderen Ideologen einen schlechten Ruf. Häufig werden sie als Tierquäler bezeichnet. Und auch das trifft die kleinen und mittleren konventionell wirtschaftenden Betriebe mehr als die Großbetriebe. Was Besseres als die grüne Politik und die Verunglimpfung des gesamten Bauernstandes konnte den Großen der Branche gar nicht passieren.

In der Öffentlichkeit hat sich durch das lautstarke Geschrei der Öko-Freaks die Vorstellung verfestigt, dass eine 80 Millionen Bevölkerung locker mit Lebensmitteln von Bio-Höfen ernährt werden kann, wenn nur die konventionell wirtschaftenden Bauern nicht so dröge und unflexibel wären. Bio ist in und hat inzwischen auch die Supermärkte erobert. Trotzdem gibt es in Deutschland nur knapp 27.000 Höfe, die biologisch-ökologisch wirtschaften. Es gibt nicht mehr davon, weil es sich für die Bauern schlicht nicht rechnet.

Zwischen 2006 und 2016 hat die Zahl der Bio-Betriebe in Deutschland um 9.298 zugenommen, während die Zahl der konventionell wirtschaftenden Höfe zwischen 2008 und 2016 um 45.600 abgenommen hat. Das heißt, auf jeden Bio-Betrieb, der neu gegründet wurde, kommen mehr als vier konventionelle Höfe, die aufgegeben haben. Oder: auf einen Betrieb, der auf Bio umgestellt hat, kommen drei, die von Agrarfabrikanten oder ominösen Investoren, die mit der Landwirtschaft gar nichts am Hut haben, aufgekauft wurden.

Den Tieren, der Natur und den Menschen würde es weitaus mehr nützen, die konventionellen Höfe und damit die Artenvielfalt unter den Höfen zu erhalten statt mit ein paar wenigen Bio-Betrieben die zunehmende Konzentration auf immer größer werdende Agrarfabriken schönfärberisch zu verdecken. Die Bio-Höfe dienen doch hauptsächlich bloß dem Selbstbild einer naturfremden Stadtbevölkerung, die sich als tierlieb und naturverbunden imaginiert, während die Besitzer der Großbetriebe sich genüsslich die Hände reiben und die Bauern in den Ruin treiben. Und wie sich nun allmählich herausstellt, ist Bio ja noch nicht mal gesünder.

Der Verbraucher will biologisch angebautes Obst und Gemüse, glückliche Schweine und freilaufende Hühner. Er will einen Bauernhof, wie er ihn von seinen Bilderbüchern aus der Kindheit her kennt. Es gibt Bauern, die dieses Bedürfnis aufgreifen und befriedigen. Aber hinter dieser schönen Oberfläche verbirgt sich eine Wahrheit, die alles andere als idyllisch ist. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind die mittleren und kleinen Betriebe.

Wenn wir als Gesellschaft die Artenvielfalt unter den Bauernhöfen erhalten würden, hätten junge Leute, die an der Landwirtschaft interessiert sind, viel mehr Möglichkeiten, einen Hof selber zu gestalten, dabei aufs Tierwohl zu achten und Überproduktion zu vermeiden. Wenn die Höfe erst mal in den Händen von Agrarfabriken und sogenannten Investoren sind, ist dieser Zug abgefahren.

Und tatsächlich ist dieser Zug schon längst abgefahren. Die meisten Bauernhöfe dürften unwiderruflich dahin sein, denn wenn ein Hof erst mal aufgegeben ist, wird es schwierig, ihn wiederzubeleben. Ist er aufgekauft worden, ist es sogar unmöglich.

Es wird nicht nur zuviel produziert, es wird auch zuviel weggeworfen. Pro Jahr wirft im Schnitt jeder Bundesbürger etwa 90 kg Lebensmittel in den Abfalleimer, wobei ich nicht weiß, ob da nicht auch Kartoffelschalen und Kohlstrünke mitgerechnet werden. Etwa doppelt so viel, also 180 kg pro Person, werden anscheinend vom Handel entsorgt, wo als oberstes Gebot gilt, dass alle Waren dem Konsumenten stets zur Verfügung stehen müssen. Wenn ich die Zahlen richtig interpretiere, wird in Deutschland pro Verbraucher dieselbe Menge an Nahrungsmitteln weggeworfen, die er zu sich nimmt.

Die Dynamik dahinter

Diese Dynamik, in deren Sog die Höfe sterben, wird meistens mit Profitstreben und Geldgier in Verbindung gebracht. Ich glaube, dass diese Erklärung zu kurz greift. Die Geldwirtschaft ist nur das Mittel, um den technisch-industriellen Komplex weiter voranzutreiben. Und dieser technisch-industrielle Komplex hat in letzter Konsequenz die Vernichtung der Natur als Ziel. In diesem Komplex wird Natur nur noch als Kulisse zu Erholungszwecken geduldet.

Beim Höfesterben handelt es sich nämlich um einen Selektionsprozess, bei dem nur diejenigen Betriebe übrig bleiben, die schließlich voll automatisiert werden können. Diese Vollautomatisierung hat parallel zum Höfesterben eingesetzt. Die Landmaschinen werden entsprechend den Ackerflächen immer größer. Die Ställe sind vollautomatisiert, mit automatischer Fütterung, automatischer Entmistung und Melkrobotern. Hier mal ein Beispiel, wie das aussieht. Man kann nicht sagen, dass die Tiere gequält wirken. Im Hintergrund sieht man, dass die Ziegen gern ins Karussell reinhüpfen.

Diese Entwicklung geht weiter. Längst hat die Robotik auch in der Landwirtschaft Einzug gehalten. Es gibt Roboter, die Unkraut jäten. Andere verspritzen gezielt und dosiert Herbizide oder Pestizide, wodurch die Menge an eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmitteln erheblich reduziert werden kann. Es gibt Drohnen, die die Felder überwachen und dem Bauern Fotos auf den Computer senden. Es gibt Geräte, die die Kau- und Mahlbewegungen von Kühen messen und Alarm schlagen, wenn Abweichungen auftreten, weil das möglicherweise auf eine Krankheit hindeuten könnte. Am Ende dieses Prozesses werden nur noch ein paar Computerexperten notwendig sein, um die Ernährung der gesamten Bevölkerung sicherzustellen. Den bäuerlichen Menschen, der für die Verbundenheit von Mensch und Natur steht, wird es nicht mehr geben, weil die Verbundenheit von Mensch und Natur schon vor langer Zeit aufgekündigt wurde.

Es ist das, was der Großteil von uns Menschen will. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Wir können uns die Klagerufe und die Trauergesänge sparen, die doch nur Heuchelei sind.

Wir glauben, dass wir ein Recht drauf haben, von der Natur oder vom lieben Gott ernährt zu werden, ohne einen Finger dafür rühren zu müssen. Und da weder die Natur noch der liebe Gott uns das Essen in den Mund schieben, bauen wir uns eben eine Maschinenwelt, die das übernimmt und unseren Traum vom Schlaraffenland erfüllt. Nahrung ist uns keine Mühe wert, deshalb klinken wir uns aus diesem Prozess der Nahrungsbeschaffung und -zubereitung mehr und mehr aus. Mit diesem Stoffwechselprozess, der ja das eigentliche Wesen von Natur ist, wollen wir nichts mehr zu tun haben. Denn zum Stoffwechselprozess gehört der Tod, und den wollen wir Menschen unbedingt vermeiden.

Und es scheint ja hervorragend zu funktionieren. Die Zahlen sprechen für sich. Die industrialisierte Landwirtschaft ist ein Erfolgsmodell, und zwar umso erfolgreicher, je industrialisierter.

 

Weniger Zeit für Kochen und Essen

Auch mit Kochen und Vorratshaltung verbringen wir heute viel weniger Zeit als noch vor zwanzig oder gar fünfzig Jahren. Kaum jemand weckt heute noch ein oder dörrt Obst oder macht Sauerkraut selber. Das Wissen über alte Konservierungsmethoden geht verloren, wozu haben wir schließlich die Kühltruhe? Beim Kochen ist convenience food angesagt, das man kurz in die Mikrowelle schiebt, oder der smoothie, der auf Knopfdruck aus dem Automaten kommt. Und dummerweise schmeckt billiges Industrie-Baguette aus dem Supermarkt tatsächlich oft besser als das vom Bäcker, das schon nach wenigen Stunden hart und ungenießbar wird. Dasselbe gilt für Brot. Wobei es weder das Brot vom Bäcker noch das aus dem Supermarkt mit selbstgebackenem Brot aus frisch gemahlenem Getreide aufnehmen kann. Da merkt man dann so richtig, dass Brot nicht gleich Brot ist. Das muss auch gesagt werden. Aber das ist mit Arbeit verbunden. Und wer macht das noch außer ein paar rückständigen Idioten? Lieber denken die Menschen schon über Nahrungsmittel aus dem 3-D-Drucker nach.

Sogar fürs Essen nimmt sich der Mensch im Alltag immer weniger Zeit. Dafür wird maßgeschneiderte Ernährung inklusive digitaler Ernährungsberatung immer wichtiger. Immer weniger Menschen vertrauen darauf, dass ihr Körper ihnen selber sagt, was er braucht und was gut für ihn ist, statt dessen kaufen sie haufenweise Ernährungsratgeber und halten sich an zeitgeistgebundene Theorien, die von vegan bis paläo und von low carb bis fettsäurereich eine ebensogroße Vielfalt bieten wie der Supermarkt. Dazu werden alle möglichen Nahrungsergänzungsmittel geschluckt, von denen man sich Gesundheit und Wohlbefinden erhofft. Schritt für Schritt entwickeln wir uns so in Richtung Chemitarier.

 

Die Abschaffung der Natur

Wir Menschen sind dabei, uns aus der Natur herauszulösen. Wir wollen mit der Natur nichts mehr zu tun haben, es sei denn, wir gestalten sie nach unseren Vorstellungen selbst. Stattdessen machen wir uns lieber von einer selbst geschaffenen Technologie abhängig, über die wir mehr und mehr die Kontrolle verlieren. Aber kümmert das jemanden ernstlich? Außer mir, meine ich. Die Allermeisten vertrauen darauf, dass die Megamaschine uns mit allem Notwendigen und mit noch mehr Überflüssigem bis in alle Ewigkeit versorgen wird, ohne zu wissen, ob wir morgen überhaupt noch genügend Energie zur Verfügung haben, um diese Megamaschine zu betreiben. In unserem Bestreben, die Natur zu kontrollieren und sie unseren Zwecken zu unterwerfen, werden wir als Einzelne mehr und mehr von einem technisch-bürokratischen Superorganismus aufgesogen, kontrolliert und versorgt. Aber anscheinend kommt das ja gut. Bei näherer Betrachtung will der Großteil der Menschen von der Wiege bis zur Bahre gepampert werden.

Wenn sich der Mensch zwischen Natur und Technik entscheiden muss, entscheidet er sich ausnahmslos immer für den technischen Weg. Handy, Smartphone und die Apps haben sich in Windeseile um die ganze Welt verbreitet, ohne dass irgendjemand Druck auf den Verbraucher ausüben musste. Facebook hat inzwischen mehr als zwei Milliarden Nutzer.

Der Wirtschaftsjournalist Daniel Ben-Ami formuliert das Glaubenscredo, dem fast alle Menschen, Bürokraten wie Wissenschaftler, grüne Ideologen wie Marktliberale, Veganer wie Fleischesser, Bauern wie Verbraucher gleichermaßen anhängen:

„Mit der Neugestaltung und Nutzbarmachung der Natur zu unserem eigenen Vorteil haben wir eine viel wohlhabendere Gesellschaft geschaffen … Wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt hängen exakt vom zunehmenden Einfluss der Menschen auf die Natur ab. Wir müssen unsere Kontrolle über die Natur ausdehnen, statt sie zu reduzieren.“

Daniel Ben-Ami sagt wenigstens, was viele nicht zugeben wollen. Denn so geht der Mensch seit jeher mit der Natur um, wenn man mal alle Schönfärberei und Heuchelei beiseite lässt. Und so gesehen, trägt jeder Mensch sein Scherflein zur Abschaffung der Natur bei, der eine mehr, der andere weniger. Die Abschaffung der Natur ist unser großes menschliches Gemeinschaftswerk, und ich denke, wir werden nicht aufhören, bis wir das Ziel erreicht haben.

Und da dies so ist, bliebe zu wünschen, der Mensch hätte wenigstens genügend Mumm, zu der von ihm gewollten und in Gang gesetzten Entwicklung zu stehen und die Folgen entsprechend zu tragen statt sich hinter angeblicher Natur- und Tierliebe zu verstecken und angesichts des Artensterbens in Jammergeschrei auszubrechen.

Ein neues Menschenbild

In den vergangenen Jahrtausenden hat sich der Mensch über sein Verhältnis zu Gott definiert. Im Polytheismus tritt an die Stelle eines einzigen Gottes ein ganzes Pantheon von Göttern. Im Pantheismus, wie er heute in vielen spirituellen Richtungen vertreten wird, gibt es keinen personifizierten Gott, dafür jedoch das Göttliche als geistigen Urgrund, das als Universum, als Evolution, als Natur für uns sichtbar wird. Das Prinzip bleibt jedoch immer dasselbe: Erst in seinem Verhältnis zu Gott oder dem Göttlichen weiß der Mensch, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf. Doch ist es wohl gerade umgekehrt: der Mensch schuf Gott zu seinem Bilde. Die jeweiligen Gottesbilder, die sich durch die Zeit hindurch und in den verschiedenen Religionen wandelten, gaben den Menschen Orientierung und sagten ihnen, wer sie sind. In Gott erkannten sie sich selbst. Oder anders: Gott war das Spiegelbild des Menschen. Er war das kollektive Bewusstsein, das sich, tausendfach gebrochen, in den Individuen widerspiegelte.

Der wissenschaftliche Mensch der Neuzeit hat Gott zur bloßen Hypothese erklärt und damit den Spiegel zerbrochen. Wo immer Gott an Bedeutung verliert, weiß der Mensch nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist. Mit Gott hat der Mensch seine bisherige Orientierung verloren. Er muss sich neu bestimmen.

Der Darwinismus bietet eine alternative Erklärung: Der Mensch stammt vom Affen ab. Diese Erklärung ist heute weitgehend akzeptiert und wird in den Schulen gelehrt, trotzdem bleiben viele Fragen offen: Warum hat der Mensch Geist? Warum kann er über etwas nachdenken? Woher kommt das Bewusstsein vom Tod? Was ist Leben? Woher kommt es? Was ist der Sinn von allem? Wonach kann ich mich richten, wenn Ethik und Moral nicht mehr gottgegeben, sondern lediglich gesellschaftliche Übereinkunft sind? Und nicht zuletzt: Warum sind ausgerechnet wir, die Vernunftbegabten, eine Spezies, die dabei ist, diesen Planeten in eine Wüste zu verwandeln? Warum tun wir das? Wenn der Mensch für das sechste große Artensterben verantwortlich ist, was bedeutet dann Vernunft? Wer sind wir eigentlich?

Für die Abstammung des Menschen vom Affen hat die Wissenschaft inzwischen so viele Beweise geliefert, dass man dies erstmal getrost als gegeben hinnehmen kann. 98%  unseres Genmaterials ist mit dem von Schimpansen identisch. In der Archäologie hat man zahlreiche Knochenreste gefunden, die den Übergang vom Affen zum Menschen dokumentieren. Wenn man Schimpansen und Bonobos in ihrem Verhalten beobachtet, kann man die Verwandtschaft auch nicht leugnen. Die Frage, warum der Mensch Geist, Sprache, Kultur und Technik entwickelt hat und in die Lage versetzt worden ist, den ganzen Planeten umzukrempeln, bleibt jedoch unbeantwortet. Warum ist der Schimpanse dabei geblieben, mit Steinen Nüsse zu knacken und mit Zweigen nach Ameisen zu pulen? Warum baut er keine Städte, verehrt keine Götter und fliegt nicht zum Mond? Was unterscheidet den Schimpansen vom Menschen?

Meine Antwort lautet, der Mensch hat Geist entwickelt, weil er angefangen hat, mit dem Feuer zu spielen. Der Umgang mit dem Feuer zwang unseren Vorfahren Verhaltensweisen auf, die nicht im Instinkt verankert waren, sondern diesem gerade diametral entgegenstanden. Diese neuen Verhaltensweisen mussten irgendwo gespeichert werden, damit sie an die Nachkommen weitergegeben werden konnten. Deshalb war es notwendig geworden, ein größeres Gehirnvolumen zu entwickeln und nur deshalb konnte die entsprechende Mutation sich beim Menschen durchsetzen. Die aus dem Umgang mit dem Feuer entwickelten Techniken und Verhaltensweisen werden nicht intrinsisch als Instinkt weitergegeben, sondern extrinsisch über Erziehung, Kultur und Zivilisation. So gut wie unsere ganze Technologie, vom ersten Lagerfeuer bis hin zur Atombombe und zu Quantencomputern, ist eine Folge davon, dass vor ein bis zwei Millionen Jahren schimpansenähnliche Wesen anfingen, mit dem Feuer zu experimentieren. Der Geist, den der Mensch entwickelt hat, ist ein Feuergeist.

Als Menschen sind wir also mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. Und damit sind wir ein verkörperter Widerspruch.

„Aristoteles … glaubte: Alles Lebendige strebt nach Sein. Dieses Streben ist seine Seele. Ein Wesen sehnt sich zu sein, zu dauern, mehr zu sein, als es ist. Es dürstet danach, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten, mehr von diesem kostbaren Stoff aufzusaugen – von einem Stoff, dessen man nur habhaft wird, wenn man atmet. Dieser Durst ist das Leben. Der Lebenswunsch trägt einen Organismus wie die Woge den Schwimmer.“ (Weber, S. 32)

Leben ist nicht nur Fülle, sondern Überfülle. Da alles sein will und danach strebt, mehr zu sein, ist exponenzielles Wachstum die unausweichliche Folge. Da der Planet nicht mitwächst, führt exponenzielles Wachstum der Lebewesen, die ihn besiedeln, schließlich dazu, dass das Leben aufgrund seiner Überfülle an sich selbst erstickt und kollabiert. Um die Überfülle zu bändigen, hat die Natur tief in die Trickkiste gegriffen. Sie hat die Eiszeiten und die Jahreszeiten erfunden, den Stoffwechselkreislauf, der darin besteht, dass Eines das Andere frisst, komplizierte Balzrituale und … und …  – den Waldbrand, das Feuer.

Die Geschichte des Feuers auf unserem Planeten ist so alt wie die Geschichte der Vegetation selbst. Der geologische Nachweis von Waldbränden ist so alt wie der Nachweis von Waldvegetation: ungefähr 350 Millionen Jahre. Das heißt, mit den Wäldern entstanden gleichzeitig auch die Waldbrände. Beides gehört unabdingbar zusammen. Das Feuer war notwendig, damit die Wälder nicht an sich selbst erstickten, damit sie sich von Zeit zu Zeit verjüngen konnten.

Feuer ist der Gegenspieler des Lebendigen. „Sein unmittelbarer Effekt ist zerstörerisch. Es löst die hochkomplexen Strukturen organischer Substanzen auf und reduziert sie zu Asche und Rauch. Dieses Ergebnis ist irreversibel; es ist unmöglich, dass sich die Überreste wieder in ihre ursprünglichen Formen und Farben zurückverwandeln.“ (Goudsblom, S. 11)

Maßlos, zerstörerisch, irreversibel, ziellos, sich selbst erzeugend – das sind die Eigenschaften des Feuers. Es sind auch die Eigenschaften unseres menschlichen Geistes. Deshalb führt unsere Vernunft dazu, dass wir uns wie ein Feuerbrand über den Planeten ausbreiten und dabei sind, die lebendige Natur in unlebendige Technosphäre zu verwandeln. Unter Technosphäre werden sämtliche, von Menschenhand erschaffenen Artefakte verstanden: Häuser, Straßen, Städte ebenso wie Autos, Kraftwerke, Telefonnetze oder Kugelschreiber, Bücher und Computer. Wissenschaftler der Universität von Leicester haben errechnet, dass die gesamte Technosphäre inzwischen 30 Billionen Tonnen wiegt. Das ist hunderttausendmal mehr als das Gewicht aller sieben Milliarden Menschen zusammengenommen, mehr als 50 kg auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche.

Wie alle Lebewesen wollen wir uns ausbreiten, entfalten und vermehren. Wir wollen mehr von dem, was Leben ist, und mehr hinterlassen, als wir am Anfang hatten. Wir tragen den Durst nach Leben in uns. Wir sind dieser Durst nach Leben. Wir breiten uns solange aus, bis wir an Grenzen stoßen. Dank unseres Geistes ist es uns gelungen, die meisten Grenzen zu überwinden, und wo wir sie nicht überwinden können, sie wenigstens zu verschieben, wie bei der Lebenserwartung. Unsere Fressfeinde haben wir weitgehend ausgerottet oder dahin vertrieben, wo sie uns nicht gefährlich werden können. Wir haben gelernt, in stark variierenden Klimaverhältnissen zurechtzukommen und mit Krankheiten fertig zu werden. Was wir noch nicht können, ist, andere Planeten zu besiedeln. Möglicherweise ist uns hier definitiv eine Grenze gesetzt, denn bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass wir die ungeheuren Entfernungen jemals überwinden können.

Als Menschen sind wir mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. In uns begegnen sich exponenzielles Wachstumspotenzial und exponenzielles Zerstörungspotenzial. Beide Potenziale sind maß- und grenzenlos. Unser Wachstumspotenzial kann den Planeten verwüsten. Unser Zerstörungspotenzial ebenso. Und irgendwie sind wir da schon gut unterwegs. Was die Verwüstung angeht, liefern sich das Bevölkerungswachstum und das Wachstum der Technosphäre ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Der Phasenübergang vom Jäger und Sammler zum Metallurg, Händler, Krieger und Bauer in der Bronzezeit gab uns die Mittel in die Hand, die ganze Erde in Technosphäre zu verwandeln, eine Entwicklung, die durch die Industrielle Revolution eskaliert ist. Die Digitale Revolution hat zum Inhalt, nach der Erde nun auch den Menschen selbst in Technosphäre zu verwandeln. Das ist der Weg, den wir gehen. Im gleichen Maße, wie wir die Umwelt in eine technisch-künstliche verwandeln, verwandeln wir selbst uns in Cyborgs.

Ob wir uns durch exponenzielles Wachstum oder durch exponenzielle Zerstörung vernichten, ist eigentlich egal.

Bleibt in dieser anscheinend ausweglosen Situation ein Ausweg? Besteht die Aufgabe als Mensch vielleicht darin, das Wachstums- und das Zerstörungspotential gegeneinander auszugleichen, sodass sie sich wechselseitig selbst begrenzen? Können wir als Menschheit zumindest noch paar hunderttausend Jährchen überleben, wenn wir lernen, uns selbst ein Maß zu setzen, uns selbst zu begrenzen?

Seit jeher tragen Menschen auch einen asketischen Hang zur Selbstbegrenzung in sich. Gnóthi seautón, erkenne dich selbst, und medén ágan, nichts im Übermaß: so lauten zwei Inschriften im Apollotempel von Delphi. Vielleicht haben diese uralten Worte ja immer noch Gültigkeit.

In vergangenen Tagen wurden Selbsterkenntnis und Maßhalten über die Religionen vermittelt. Mit dem Zusammenbruch der Gottesbilder und der Durchsetzung des wissenschaftlichen Weltbildes sagen die Religionen den meisten Menschen nicht mehr viel. Aber wenn man auf dem wissenschaftlichen Weg zum selben Ergebnis kommt, handelt es sich bei Selbsterkenntnis und Maßhalten womöglich um etwas, das über den Zeitgeist hinausgeht, nämlich um fundamentale Weisheiten, die dem Leben an sich dienen.

Literatur:
Goudsblom, Johan: Die Entdeckung des Feuers. 2000
Weber, Andreas: Alles fühlt. 2008

Krank ist Kult

Der Parkplatz vor dem Krankenhaus ist überfüllt. Die halb auf dem Bürgersteig abgestellten Wagen ziehen sich noch ein gutes Stück die Straße entlang. Vor dem Eingang fahren in schöner Regelmäßigkeit Ambulanzen vor, aus denen Menschen in Rollstühlen oder sonst irgendwelchen Gestellen gehoben werden. Es ist ein reges Kommen und Gehen. Das Krankenhaus ist zweifellos ein sehr stark frequentierter Ort. Es ist absolut in.

Im Foyer herrscht eine geschäftige und doch irgendwie weihevolle Atmosphäre. Patienten, Pflegepersonal und selbst Besucher verbreiten ein Flair um sich, als würden sie an etwas Großartigem wie einem Stapellauf teilhaben. Oder den Vorbereitungen zur Mondlandung. Die Menschen sind offener als anderswo, sie reden miteinander und gehen mehr aufeinander ein. Ich spüre eine unterschwellige Erregung, die durchaus nicht deprimiert, sondern eher freudig auf mich wirkt. Eine Art Stolz, als würde jeder der Teilnehmer an etwas Erhabenem mitwirken. Alles, was geschieht, scheint irgendwie bedeutsam.

Es herrscht annähernd dieselbe Feierlichkeit wie früher beim Gottesdienst. Klammheimlich hat eine Verschiebung stattgefunden. Was unseren Vorfahren das Gottes-, ist für den modernen Menschen das Krankenhaus. Während ich das Treiben beobachte, wird mir wieder bewusst, dass Religion und Technik zusammengehören. Religion war noch nie etwas Anderes als die Verehrung von Technik. Deshalb ist es logisch, dass an einem Ort wie dem Krankenhaus, wo überall nur Apparate piepsen, eine religiöse Atmosphäre herrscht.

Im Krankenhaus ist man dem technischen Gott, dem wir uns alle längst bedingungslos unterworfen haben, am nächsten. Der Patient liefert sich dem Moloch aus. Erfüllt von einem Gefühl religiöser Hingabe wird der Patient zum Pionier auf dem Weg zum Cyborg. Laut Fremdwörterbuch ist ein Pionier ein Soldat der technischen Truppe. Der Patient als Soldat und Wegbereiter in eine technisch-künstliche Welt. Na also, passt doch!

Früher einmal waren Pioniere taffe Menschen, die mutiger, ausdauernder, kräftiger, intelligenter und vor allem gesünder als der Durchschnitt waren. Typen wie der Marlboro Mann beispielsweise. Heute sind die Pioniere solche, die husten, schniefen, Beutel für Körperflüssigkeiten mit sich herumtragen oder im Rollstuhl geschoben werden. Ich frage mich, wohin all diese modernen Pioniere unsere Gesellschaft führen? Der Cyborg der Zukunft ist kein Arnold Schwarzenegger. Sondern der Dauerbewohner einer Intensivstation, die er nicht mehr verlassen kann, weil ihn das umbringen würde.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine findet im Krankenhaus statt. Nicht nur, dass der menschliche Körper in der Medizin auf technisch-funktionale Abläufe reduziert und wie eine reparaturbedürftige Maschine behandelt wird, im Operationssaal hat die Technik ja auch tatsächlich Zugriff, kann in den Menschen eindringen und ihn konkret verwandeln. Beispielsweise in einen Prothesenträger. Die meisten direkten technischen Veränderungen am Menschen geschehen ja unter der Maßgabe, körperliche Defizite auszugleichen, um den Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Im Krankenhaus verschmelzen Religion und Technik zu einem Gesundheitswesen, das seltsamerweise immer mehr kranke Menschen hervorbringt. Und zwar in einer Größenordnung, die für mich etwas Schauriges hat.

1960 gab es in Deutschland knapp 94.000 Ärzte. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung betreute ein Arzt also 780 Bürger.

2015 gehörten dem praktizierenden Ärztestand 371.300 Ärzte an, das heißt, das jeder Arzt im Schnitt nur noch 221 Bürger betreut. Wohlgemerkt: Ich rede hier von normalen Bürgern, nicht von Patienten.

Ein Dorf mit 1.000 Einwohnern muss heute vier Ärzte finanzieren. Trotzdem hat ein Arzt im Durchschnitt nicht mehr als acht Minuten pro Patient übrig. Ein Facharzt behandelt täglich 41, ein Hausarzt 53 Patienten. Wo kommen all diese kranken Menschen her? Wenn ein Arzt 221 Bürger betreut, wäre er, selbst, wenn jeder Bürger krank sein sollte, bei diesem 8-Minuten-Takt doch locker in einer Woche mit allen durch. Für den Rest des Jahres, also satte 51 Wochen, könnte sich der Arzt auf die faule Haut legen. Stattdessen klagt jeder Arzt über Überarbeitung und Dauerstress und nicht wenige schieben im Krankenhaus Dienste von 36 Stunden.

Zwischen 1973 und 2013 hat sich die Zahl der Krebsfälle verdoppelt. Nicht mehr lange, und die Zahl der Neuerkrankungen bewegt sich in derselben Größenordnung wie die Zahl der Geburten. 2013 gab es 482.500 neue Krebsfälle und knapp 700.000 Geburten. Ja, das ist ein makabrer Vergleich. Wieso nehmen die Ärzte diese Zahlen einfach so hin? Wieso gibt das keinen Aufschrei in der Bevölkerung?

Im Jahr 2011 gab es in Deutschland 15 Millionen Operationen. Dazu werden wohl auch endoskopische Untersuchungen gehören, anders kann ich mir diese horrende Zahl schon gleich gar nicht erklären. Alle sechs Jahre sind also alle Bewohner Deutschlands einmal durchoperiert und jeder einzelne Bürger macht im Laufe seines Lebens vierzehn Operationen mit. Das ist verrückt!

Im Jahr 2005 gab es noch drei Millionen Operationen weniger. Sind innerhalb von nur sechs Jahren die Leute so viel kränker geworden?

Es wird gerne erzählt, dass die steigende Lebenserwartung der Grund für diese doch ziemlich gruselige Entwicklung ist. Aber das stimmt nicht. Von den 15 Millionen Operationen entfielen rund 1.750.000 auf die Altersgruppe zwischen 70 und 80, um danach rapide abzunehmen, sei es, weil die Leute verstorben sind oder ganz alte Leute doch eher in Ruhe gelassen werden. Dann bleiben immer noch 13 Millionen Operationen übrig, die sich auf die Bevölkerung unter 70 verteilen.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, hier findet etwas statt, was rational nicht mehr zu erklären ist. Was mich am meisten wundert, ist, dass sich niemand darüber zu wundern scheint.

Für mich sieht es so aus, dass wir dem technischen Fortschritt nicht nur die Natur, sondern auch bereitwillig unsere Gesundheit opfern. Wir werden nämlich nicht immer gesünder, sondern immer kränker, wie die Zahlen beweisen. Wir werden auch immer schwächer. Ich habe eine Zahl im Hinterkopf, dass Jungs seit den 70er Jahren körperlich um mehr als 20% schwächer geworden sind und die Mädchen deshalb jetzt gleichziehen.

Aber das scheint den Menschen zu gefallen. Sie fühlen sich als moderne Helden, wenn sie im Krankenhaus sind. Über nichts reden sie lieber als über ihre Krankheiten. Sie lieben es geradezu, krank zu sein. Mit Freude nehmen sie ihre Pillen und Tröpfchen ein. Krank ist Kult.

Wenn wir so weitermachen, kommen wir in absehbarer Zeit dahin, dass die eine Hälfte der Bevölkerung krank im Bett liegt und von der anderen Hälfte der Bevölkerung gepflegt wird.

Gut, wenn wir dann Roboter haben, die all das für uns erledigen, woraus das Leben sonst noch besteht.

Bambi ess ich nicht!

Vor ungefähr einem halben Jahr, kurz nach der Geburt seines Sohnes, hat Gilbert auf seinem Blog über das Zeitalter der Kuscheltiere philosophiert. Er führt aus, dass fast alle nützlichen und überflüssigen Gegenstände, die Erwachsene kleinen Kindern schenken, irgendwie mit Tieren zu tun haben. Entweder sind die Tiere auf den jeweiligen Gegenstand aufgedruckt oder der Gegenstand selber wird in Form eines Tiers präsentiert.
Es gibt also nicht nur Strampelhosen, Lätzchen, Schlafanzüge, Bettwäsche und Tapeten mit niedlichen Bärchen, Lämmchen und Häschen drauf. Nein, weit mehr: das Badethermometer kommt als Fisch daher, die Sparbüchse als Frosch, das Töpfchen als Ente, der Schnuller als Schweinchen. Sogar die Spieluhr tarnt sich als lächelnder Wal. Auch Schrank, Bett und Stuhl sind mit Tierfiguren à la Disney verziert. Das Kind lernt beizeiten, dass es nicht nur auf einem Schaukelpferd reiten kann, sondern auch auf einem Löwen, einem blauen Elefanten oder der Biene Maja.

Dazu kommt eine gewaltige Flut an Bilderbüchern mit ihren verniedlichenden Tierdarstellungen, von denen die Geschichte vom Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, der Realität noch am nächsten ist. Da gibt es die kleine Raupe Nimmersatt, die Eule mit der Beule, den Regenbogenfisch, den Grüffelo, Frederick und zahllose andere. Für die etwas größeren Kinder dann Pu der Bär, Das wilde Mäh, Die Schule der magischen Tiere, Die Muskeltiere, Eulenzauber und wie die Bücher alle heißen mögen. Nichts gegen die Bücher als solche, die meisten davon sind wirklich hübsch gemacht. Was stutzig macht, ist die Quantität, nicht die Qualität.

Weil das immer noch nicht genug ist, wird das Kind zudem auch noch mit Animations- und Zeichentrickfilmen überschwemmt. Da gibt es Shaun, das liebenswürdige Schaf. Ratatouille, die kochende Ratte. Die Biene Maja, den König der Löwen und eine Million anderer fiktionaler Tiere.

In den meisten Bilder- und Kinderbüchern werden Tiere heutzutage nicht realistisch dargestellt, sondern vermischen sich mit dem kulleräugigen Kindchenschema, das bekanntermaßen selbst steinharte Herzen zum Schmelzen bringt. Die realen Tiere verschwinden hinter Fiktionen von Tieren. Dazu kommen eine Menge tatsächlich erfundener Tiere wie die Krumpflinge, die Olchis, der kleine Drache Kokosnuss, Snöfried und so weiter. Die Grenzen zwischen Natur und Fiktion verwischen sich und sie verwischen sich immer mehr.

Diese ganze Flut an verkitschten Informationen geht auf das Neugeborene nieder, sobald es auf der Welt ist, und begleitet das Kind bis in die Pubertät hinein. Für ein kleines Kind ist zunächst sein Kinderzimmer der Lebensraum und damit Wirklichkeit, später der Spielplatz, die Kindertagesstätte und die Grundschule. In all diesen Bereichen wird das Kind weiter mit verkitschten Informationen über die Tierwelt und die Natur vollgestopft. Für ein Kind sind all diese Informationen zunächst einmal wahr, denn es kann zwischen wahr und falsch noch gar nicht unterscheiden. Wenn es auf die Welt kommt, hat es noch keine Konzepte im Kopf, denn diese bilden sich ja erst im Kontakt mit der Umwelt heraus. Für ein Kind ist diese Umwelt heute Disney & Co. Ein Kind wächst heute in dem Bewusstsein heran, dass die Natur wie Disneyland ist. Durch ihre pure Überfülle überlagert die verkitschte Bilderwelt jede reale Erfahrung wie beispielsweise einen Besuch auf dem Bauernhof, wo man sich zudem leidlich Mühe gibt, den falschen Vorstellungen auch noch irgendwie gerecht zu werden und Kindern vor allem das Niedliche zeigt, das es ja in der Tierwelt durchaus gibt: die Kaninchen, die Ferkel, die Lämmchen und die neugeborenen Kätzchen.

Wer heute Kind ist, kann gar nicht anders als zur Überzeugung zu kommen, dass Disneyland & Co. die Normalität darstellt, während der Bauernhof die Ausnahme ist. Disneyland samt den dazu gehörenden sentimentalen Gefühlen werden als Realität im Bewusstsein des Kindes verankert. Wenn das Kind dann heranwächst, kann es mit Hilfe seines Verstandes, so es welchen hat, seine falschen Vorstellungen teilweise korrigieren, aber mit der Ratio kommt es nicht an sein Gefühlsleben heran. Die mit der verkitschten Bilderwelt erzeugte, oft ins Überschwängliche abdriftende Gefühligkeit, ja Rührseligkeit bleibt erhalten. Dem Zeitalter der Kuscheltiere folgt geradezu zwangsläufig das Zeitalter verkitschter Sentimentalität.

Seit jeher haben die Erwachsenen die ausgeprägte Tendenz, Kindern ein geschöntes Naturbild zu präsentieren. Der Wind in den Weiden wurde 1908 geschrieben, Pu der Bär 1928, Die kleine Raupe Nimmersatt 1969. Wie Gilbert in seinem Artikel ausführt, gab es daneben aber auch andere Darstellungen, wie Struwwelpeter oder Max & Moritz oder zahlreiche Märchen, in denen mit Tieren und Menschen ausgesprochen grausam umgegangen wurde. Auch das sind Verfälschungen, jedoch ins andere Extrem. Bis in die siebziger Jahre hinein galten Tierdarstellungen in Kinderbüchern zudem als zu naiv und zu fantastisch, man bevorzugte realistische Darstellungen. Schließlich sollten die Kinder ja noch was lernen.

Mit dem Fernsehen fing in meiner Generation die Überflutung mit falschen Bilderwelten an. Mit Fury, Lassie, Skippy und Flipper bahnte sich ein grundlegender Wandel im Verhältnis Mensch und Tier an. Das Tier wurde vermenschlicht und zum besten Freund. War diese Vermenschlichung anfänglich noch halbwegs realistisch dargestellt, driftete sie mit Disney & Co. zunehmend ins Fantastische ab, und das ist bis heute so geblieben. Dieser Paradigmenwechsel fand in etwa zur Zeit der 68er Revolution statt, als man vom Wirtschaftswunder genug hatte und sich lieber als Blumenkind und Hippie inszenierte.

Wenn ich heute mit Leuten aus meiner Generation rede, schwärmen wir alle von der Freiheit in unserer Kindheit. Und tatsächlich waren wir nach der Schule fast jeden Nachmittag mit Gleichaltrigen draußen in der Natur. Unser Spielfeld waren die umliegenden Wiesen, der nahe Bach, der Waldrand (richtig hinein trauten wir uns selten) und die Straßen im Dorf. Und auch der Bauernhof war eine bekannte Größe, denn einige unserer Spielkameraden waren Bauernkinder. Wir durften auf dem Traktor mitfahren, kletterten auf Bäume und auf Holzgestelle gehäufeltes Heu waren unsere Indianerzelte. Noch heute weckt ein warmer Sommertag in mir die Erinnerung an diesen unvergesslichen Duft von Heu.

Die Erwachsenen gingen derweil ihren eigenen Geschäften nach. Niemandem kam auf die Idee, dass uns Kindern was passieren könnte und deshalb ein Erwachsener auf uns aufpassen müsste. Wir waren auf uns selbst gestellt und durften unsere eigenen Erfahrungen mit und in der Natur machen. Wir lernten ganz nebenbei, dass es außer Kaninchen, Bärchen und Lämmchen auch Wespenstiche, Kreuzottern, Misthaufen und den Schlachttag gab.

Für mich und meine Spielkameraden waren die Wiesen und Felder, der Bach, der Alltag auf dem Bauernhof, das Dorfleben die Normalität, während der Zeichentrickfilm, das Kinderbuch und der Teddybär die Ausnahmen waren. Das ist heute anders. Draußen in der Natur und in den Straßen findet man keine spielenden Kinder mehr, die sich selbst überlassen sind. Die Kinder von heute kennen fast nur noch den überwachten Raum. Ihre Aktivitäten verlagern sich mehr und mehr in die Innenräume. Kinderärzte klagen schon darüber, dass viele Kinder sich zu wenig bewegen. Und da, wo sie sich bewegen, ist es Sport und nicht Spiel.

Es heißt, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Aber es gilt auch der Umkehrschluss: was Hänschen lernt, vergisst Hans nimmermehr. Durch die Überflutung mit falschen Bilderwelten, die in der Kindheit zudem noch auf der Gefühlsebene verankert werden, wird der Zugang zur Natur, wie sie ist, erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Ich habe es dann auf einmal mit Erwachsenen zu tun, mit denen ich nicht diskutieren kann, weil die zugrundeliegenden Wirklichkeitserfahrungen völlig andere sind.

Wo ich ein Lamm sehe, sieht ein anderer Shaun das Schaf. Wo ich Rehfleisch sehe, sieht ein anderer ein totes Bambi. Irgendwo verstehe ich schon, dass man Shaun und Bambi nicht essen kann. Aber Shaun und Bambi sind für mich Zeichentrickfiguren geblieben. Ich habe dem Lamm und dem Reh gegenüber nicht dieselben süßlichen Gefühle, wie sie durch Filme erzeugt werden. Die Wirklichkeit des Schlachttags hat mit der Wirklichkeit von Disneyland eben nichts zu tun. Und deshalb redet man ständig aneinander vorbei.

„In dem Maße, in dem die Tiere von unserer Welt verschwinden, vermehren sie sich in den Kinderzimmern als Schemen, als Phantasmen und Erinnerungen, als Stellvertreter für unsere Wünsche“, sagt Gilbert in seinem Artikel. Das ist klug beobachtet.

Es gilt aber auch hier wieder der Umkehrschluss: Wenn sich in unseren Kindernzimmern Tiere als Schemen und Phantasmen vermehren, ist es eigentlich kein Wunder, dass sie in der realen Welt mehr und mehr verschwinden. Sie verschwinden, weil sie uns, so wie sie von Natur aus sind, nichts mehr bedeuten. Sie verschwinden, weil wir sie in ihrer natürlichen Schönheit und Würde nicht mehr erkennen.

Der normierte Weltbürger

Vor einiger Zeit habe ich mir einen Dokumentarfilm über eine Gruppe Schimpansen im Kongo angeguckt. Neben all dem Faszinierenden, was es über unsere nächsten Verwandten zu sagen gibt, ist mir vor allem eins deutlich geworden, nämlich dass es im Urwald keine Monotonie gibt. Bestimmte Baumarten wie diverse Nussbäume wachsen in kleinen Gruppen beieinander, andere wie Feigenbäume sind offenbar Einzelkämpfer, die sich nicht gern mit ihresgleichen umgeben. Auf Menschen übertragen, würden diese Verhältnisse vielleicht am ehesten der Welt der alten Germanen entsprechen, wo jeder Haushalt (mit Gesinde vielleicht 60 bis 100 Personen) mehr oder weniger autark für sich gewirtschaftet hat und einzelne Waldläufer allein für sich unterwegs waren.

Statt einer geografischen haben die Schimpansen ganz offensichtlich eine kulinarische Landkarte im Kopf. Sie wissen genau, wo es wann was zu fressen gibt. Entsprechend gestalten sie die Wanderungen in ihrem Revier: von den Nussbäumen zu den Fruchtbäumen. Von den Fruchtbäumen zum Bach. Vom Bach zum Feigenbaum. Und vom Feigenbaum zu einem Platz, wo es leckere Ameisen gibt. Zwischendurch machen sie Jagd auf kleinere Affenarten und verteidigen ihre Bäume gegen andere Schimpansengruppen.

Monotonisierung 1.0

Während ich also diese vielgestaltige, höchst abwechslungsreiche Urwaldlandschaft im Film bewundert habe, ist mir aufgegangen, dass der Ausdruck ökologisch-biologische Landwirtschaft ein Etikettenschwindel ist. Wenn das, was ich in diesem Film an Urwaldlandschaft gesehen habe, ein Musterbeispiel für die natürliche Daseinsweise von Pflanzen ist, dann ist Landwirtschaft ganz klar widernatürlich. Dann konterkariert Landwirtschaft sämtliche Naturprinzipien. Landwirtschaft ist deshalb niemals im Einklang mit der Natur, wie der ökologisch-biologische Landbau von sich behauptet.

In der Natur gibt es keinen qm2 Fläche, auf der nur eine einzige Art wächst. Im Urwald findet sich Vielfalt nicht nur als Bodenbewuchs auf der horizontalen Ebene, sondern sogar in der vertikalen Ebene, weil die Bäume selber wieder Lebensraum für andere Pflanzen sind. Kein Baum sieht wie der andere aus. Jedes Fleckchen Urwald ist eine höchst individuelle Komposition aus vielen Elementen.

In der Landwirtschaft hingegen gibt es nur die horizontale Ebene: Felder oder Äcker. Jedes Feld und jeder Acker bringt im Wesentlichen nur eine einzige Pflanzensorte hervor: Weizen, Mais, Kartoffeln, Reis. Alles, was sonst auf dem Acker wächst, bekommt den Namen Unkraut und wird mit mehr oder weniger radikalen Methoden entfernt. Ich habe auch noch nie ein Feld gesehen, in dem Nutzpflanzen wie Weizen, Mais und Kartoffeln durcheinander wuchsen. Das ist auch in der sogenannten ökologisch-biologischen Landwirtschaft nicht der Fall. Felder sind dort ebenfalls klar als Felder erkennbar. Vielleicht sind sie kleiner als Felder aus der konventionellen Landwirtschaft, vielleicht sind die Raine mit Wiesenblumen bepflanzt, was aber nichts am Prinzip ändert. Ein einziges Mal habe ich ein Getreidefeld mit ein paar Kornblumen drin gesehen.

Landwirtschaft, ob konventionell oder ökologisch-biologisch, zwingt Pflanzen gewaltsam eine Lebensweise auf, die dem Wesen von Pflanzen total zuwiderläuft. Kaum dreht der Mensch einem Acker den Rücken zu, verunkrautet dieser deshalb sofort, das heißt, die Pflanzen versuchen umgehend, in ihre ursprüngliche Daseinsweise einer vielgestaltigen Gesellschaft zurückzukehren. Der Mensch muss permanent enorme Anstrengungen unternehmen, um die  Pflanzen von einer natürlichen Lebensweise abzuhalten, sei es mit maschinell-mechanischen (Pflügen, Jäten) oder chemischen (Pestizide) Methoden.

Aber die Vielfalt ist nicht das einzige Naturprinzip, das die Landwirtschaft ins Gegenteil verkehrt. Die meisten Pflanzen haben ihre eigenen Methoden, um Fressfeinde abzuwehren. Diese Abwehrmechanismen sind das, was uns nicht schmeckt, weil bitter oder eklig oder sogar giftig. Deshalb hat sich der Mensch dran gemacht, die Abwehrmechanismen der Pflanzen im Laufe von Hunderten von Jahren Landwirtschaft wegzuzüchten.

Nur deshalb schmecken heute die meisten Früchte süß. Da nun aber der Mensch nicht der Einzige ist, dem diese pervertierten Früchte, Samen und Knollen schmecken, ist er gezwungen, die Pflanzen zu schützen. Er tut dies in der Regel mit chemischen Mitteln, die auf industriellem Weg hergestellt werden. Ich bin gespannt, wie es sich langfristig auswirkt, wenn unseren Nutzpflanzen nun auf gentechnischem Weg neue Abwehrmechanismen implantiert werden. Ich frag mich, ob solche Veränderungen nicht den Geschmack beeinträchtigen. Aber vielleicht haben wir uns bis dahin das Schmecken eh abtrainiert.

Zuerst werden einer Pflanze über die Jahrhunderte hinweg die natürlichen Abwehrmechanismen weggezüchtet, bloß um ihr dann künstliche einzupflanzen. Irgendwie ist das schon abstrus. Sämtliche Nutzpflanzen, die in der Landwirtschaft erzeugt werden, sind durch Züchtung häufig bis fast zur Unkenntlichkeit verändert. Und auch hier gilt wieder: das ist auch in der ökologisch-biologischen Landwirtschaft nicht anders. Die sogenannten alten Sorten, die manchmal von Bio-Bauern angeboten werden, sind ausnahmslos alle ebenfalls das Resultat von Züchtung und erneuter Züchtung der Züchtung.

Ich könnte jetzt noch weitermachen und mich über die Größe und den Zuckergehalt der Pflanzen auslassen oder über Normgrößen und Qualitätsstandards, die mehr und mehr dafür sorgen, dass ein Weizenkorn wie alle Weizenkörner, eine Kartoffel wie alle Kartoffeln, eine Erdbeere wie alle Erdbeeren aussieht und auch so schmeckt. Auch die permanente Ertragssteigerung gehört in diesen Kontext.

Im Kern ist jede Art von Landwirtschaft identisch mit Monotonisierung. Seit ungefähr 10.000 Jahren sind wir Menschen dabei, die Pflanzenwelt zu vereinheitlichen, das heißt, die Vielfalt pro qm2 zugunsten monotoner Einheitsflächen zu beseitigen und den Ertrag pro qm2 ständig zu steigern. Agrarisierung ist gleichbedeutend mit Monotonisierung 1.0.

Im Jahr 2013 wurden weltweit 1,8 Milliarden Tonnen Getreide geerntet, davon sind 713 Millionen Tonnen Weizen. Außerdem 1,02 Milliarden Tonnen Mais und 746 Millionen Tonnen Reis. Diese Ernte ist nur möglich, weil dafür sehr viele andere Pflanzen von der Bildfläche verschwinden. Mehr als 40% dieser Ernte dienen als Futtermittel für Tiere. Für Tiere gilt übrigens dasselbe wie für Pflanzen. Auch hier beseitigt die Landwirtschaft in rasanten Schritten die ursprüngliche Vielfalt. Wenn man Insekten außen vor lässt, sind über  90 % der tierischen Biomasse (schreckliches Wort!) Nutztiere.

Monotonisierung 2.0

Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt: der Mensch ist, was er isst. In den letzten Jahrzehnten ist immer deutlicher geworden, dass sich dieses Sprichwort auf gruselige Weise bewahrheitet.

Nachdem die Welt durch die Landwirtschaft zunehmend der Monotonie preisgegeben wird, bemächtigt sich die Monotonisierung nun auch der Menschen selber. Wie die Getreidehalme auf dem Acker werden die Menschen allmählich ununterscheidbar (gemacht). Der Mensch vereinheitlicht sich auf einen Normbürger hin. Wir gehen heute ganz selbstverständlich davon aus, dass es einen optimalen Blutdruck gibt, der für jeden Menschen derselbe ist, nämlich 120/80. Dasselbe gilt für sämtliche anderen Parameter in der Medizin: Cholesterin, Blutzucker, Gewicht, Enzyme etc. Immer wird von einem Normwert ausgegangen, der mit Medikamenten erzwungen wird, wenn er außerhalb eines immer kleiner werdenden Toleranzbereichs liegt.

Die Normgrößen sind nichts anderes als errechnete Durchschnittswerte. Diese sind innerhalb eines großen Toleranzbereichs dieselben wie innerhalb eines kleinen. Wenn ein Blutdruck von 180/120 mit einem Blutdruck von 60/40 gemittelt wird, ergibt das genauso 120/80, wie der durchschnittliche Blutdruck von 122/82 und 118/78. Warum ausgerechnet der Mittelwert für alle am gesündesten sein soll, bleibt schleierhaft. Im Grunde geht es hier nicht um die Gesundheit der Menschen, sondern um ihre Normierung. Nach den Weizenhalmen werden nun die Menschen standardisiert. Das ist das Projekt Monotonisierung 2.0.

Die Gleichmacherei beschränkt sich allerdings nicht nur auf medizinische Werte. Sie findet in einem sehr viel umfassenderen Rahmen statt. Wir bewegen uns auf den standardisierten Weltbürger zu. Ein Amerikaner, ein Europäer und ein Chinese sind sich heute sehr viel ähnlicher, als sie dies vor 200 oder 400 Jahren waren. Die Kulturen gleichen sich an. Die Großstadt als der Ort, wo inzwischen weltweit die meisten Menschen wohnen, sieht in China nicht mehr so viel anders aus als in Amerika, in Afrika, in Europa. Die Technik und die Technisierung ist sowieso überall auf der Welt dieselbe. Das Wissen ebenso. Deshalb unterscheiden sich auch die Berufe in den verschiedenen Ländern kaum mehr voneinander. Ein indischer Programmierer findet sich in Amerika ebenso zurecht wie ein europäischer Nuklearspezialist in China oder eine polnische oder vietnamesische Pflegekraft in Deutschland. Das ist nur möglich, weil die Unterschiede sich allmählich einebnen und verschwinden. Mit den Unterschieden verschwindet das Individuum. Unsere Individualität ist nur scheinbar. Nur Oberfläche. Und selbst diese Oberfläche wird negativ bewertet. Individualisten sind nicht sehr beliebt und nicht sehr geachtet in unserer Welt. Von Bob Dylan einmal abgesehen.

Die standardisierten Weltbürger benutzen nicht nur dieselbe Sprache (Englisch), sie wenden sie auch in derselben Weise an (political correctness), benutzen dieselben Emoticons und werden systematisch darauf getrimmt, dasselbe zu denken und dasselbe zu fühlen. Die einzelnen Menschen verwandeln sich zu gleichgeschalteten Zellen in einem Superorganismus, der möglicherweise durch einen Phasensprung zu einer eigenständigen, sich selbst organisierenden neuen Lebensform wird. Das Projekt Monotonisierung 2.0 ist das große Projekt der Postmoderne und wird durch die Digitalisierung mit Riesenschritten vorangetrieben. Jeder Einzelne von uns ist Teil dieses Projekts, selbst diejenigen, die ihm entfliehen wollen. Ja, im Grunde sind die meisten jedoch sogar stolz darauf, auf irgendeine Weise an dieser Vereinheitlichung mitzuwirken. Dass die Menschen alle eins seien, wünschen sich die meisten seit Hunderten von Jahren. Ein weiser Mann hat mal gesagt, man soll vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht: es könnte in Erfüllung gehen.

Es ist fünf nach zwölf!

Seit ich denken kann – also wenigstens seit 35 oder 40 Jahren 🙂 –, ist es fünf vor zwölf. Diese Metapher fünf vor zwölf hat mich und meine Generation von Kindesbeinen an bis zum Überdruss begleitet.

Fünf vor zwölf war es, als der Club of Rome 1972 die Grenzen des Wachstums aufzeigte. Fünf vor zwölf war es während des Kalten Krieges in den 80ern, als meine Generation gegen die Stationierung von Pershing-Raketen auf die Straße ging. 5 vor 12 war es auch anlässlich des Waldsterbens, des Ozonlochs, des Rinderwahns und der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Was das Artensterben, die Überfischung der Meere, die Vermüllung des Planeten, die Abholzung des Regenwaldes, das Bevölkerungswachstum und den eskalierenden Energieverbrauch angeht, ist es schon seit ein paar Jahrzehnten stets fünf vor zwölf. Ganz zu schweigen von der atomaren Bedrohung und dem nuklearen Wettrüsten: hier ist es bereits seit Hiroshima und Nagasaki fünf vor zwölf.

Es gibt eine Weltuntergangsuhr, die 1947 mit einer Zeigerstellung von sieben vor zwölf installiert wurde und die seither in Abhängigkeit von der Weltlage vor- und zurückgestellt wird. Durch den Bau der Wasserstoffbombe war es 1953 auch schon mal zwei vor zwölf und während des Kalten Krieges drei vor zwölf. Im Zuge der Entspannungspolitik nach dem Fall der Berliner Mauer waren wir jedoch auch schon mal siebzehn Minuten vom Weltuntergang entfernt. Inzwischen sind unsere Chancen, einer Klimakatastrophe oder einem Atomkrieg zu entgehen, wieder erheblich gesunken. Im Januar d.J. wurde die Uhr auf zwei Minuten 3o Sekunden vor 12 gestellt.

Jetzt hören wir die Metapher also wieder oder immer noch, dieses Mal vor dem Hintergrund des Klimawandels, des außer Kontrolle geratenen Finanz- und Wirtschaftssystems, des sich erneut abzeichnenden Wettrüstens und der vielfältigen, weltweiten Migrationsbewegungen, auf die manche Staaten mit Rückzug, Grenzziehung und Mauerbau reagieren.

Wenn fünf vor zwölf ein Warnruf sein soll, dann verhallt er ungehört. Oder er bewirkt gerade das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist, denn seit der Ruf erschallt, sind einige der negativen Entwicklungen förmlich explodiert, beispielsweise der Energieverbrauch, die Ressourcenverschwendung, das Bevölkerungswachstum, die Kluft zwischen Arm und Reich. In Deutschland ist der Stromverbrauch seit 1990 nochmal um 10% gestiegen, obwohl wir bereits 1990 soviel Energie verbraucht haben, dass uns dieser zusätzliche Verbrauch im Gegensatz zu den Entwicklungsländern an Lebensqualität gar nichts mehr bringt.

Wenn es also seit 50, 60 oder 70 Jahren immer fünf vor zwölf ist, kann etwas nicht stimmen. Entweder ist die Uhr stehengeblieben oder dieser Ruf fünf vor zwölf ist gar nicht als Warnruf gemeint. Dann wird mit dieser Metapher vielleicht bloß unsere Sensationsgier befriedigt, denn schließlich ist der Weltuntergang die ultimative Sensation. Oder es wird eine uns immanente Lust am Untergang gekitzelt, weil die Apokalypse in ihrer Einmaligkeit eben einen ganz besonderen Reiz hat. Der Ruf fünf vor zwölf könnte auch das Kennzeichen eines Wahns, einer Obsession sein oder eine bloße Sprechblase, die wir analog einer Grußformel benutzen: statt Grüß Gott sagen wir einander Hi, es ist fünf vor zwölf, wobei der Unterschied zwischen den Redensarten womöglich gar nicht mal so groß ist.

Vielleicht handelt es sich bei dieser permanenten Wiederholung des fünf vor zwölf jedoch auch um den Ausdruck eines Lebensgefühls, das jeder Generation immer wieder von Neuem eingepflanzt wird. Es ist das Lebensgefühl, dass jeder Einzelne von uns grundsätzlich falsch, unzulänglich, unfähig, vielleicht sogar bösartig ist: eben durch und durch ein Mängelwesen. Ein Fehler im System. Es ist das Lebensgefühl,  das uns sagt, dass wir als Individuen nicht in der Lage sind, unser Leben selbstbestimmt und frei zu leben, sondern dass wir die Hilfe von sogenannten Experten brauchen, die uns sagen, wie es richtig geht und was wir tun müssen.

Die Experten: das ist dann beispielsweise das Gremium, zu dem 17 Nobelpreisträger gehören, das auf der Weltuntergangsuhr die Minuten bis zum Untergang festlegt, ohne dafür jedoch eindeutige Kriterien zu benennen, die die Entscheidung nachvollziehbar machen. Die Menschheit wird für Wohlverhalten mit ein paar Minuten mehr belohnt und für Fehlverhalten abgestraft. Was für eine unglaubliche Arroganz! Dieselben Wissenschaftler, die die atomare Bedrohung in die Welt gesetzt haben, maßen sich an, über die gesamte Menschheit mit einem lächerlichen Belohnungs- und Strafsystem in Form einer Weltuntergangsuhr zu urteilen. Wenn Eltern so mit ihren Kindern umgingen, würde man sie dafür zu Recht in den Senkel oder an den Pranger stellen. Kommt hinzu, dass die Wissenschaftler nicht die Eltern der übrigen Menschheit sind und nicht das Recht haben, uns mit solchen erzieherischen Maßnahmen zu beglücken. Hätten die Wissenschaftler damit doch lieber bei sich selber angefangen, und zwar am besten vor der Erfindung der Atombombe!

Wenn ich in die Geschichte zurückblicke, stelle ich fest, dass dasselbe Lebensgefühl auch unseren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern eingepflanzt wurde. Nur waren die Einpflanzer damals keine Wissenschaftler, sondern Priester. Und es hieß nicht fünf vor zwölf, sondern Sünde. Unseren Vorfahren wurde eingeredet, dass sie ohne die Hilfe von Priestern und Kirche verloren wären und in die Hölle kommen würden. Uns wird heute eingeredet, dass wir ohne die Hilfe von Experten und Staat den Planeten gegen die Wand fahren. Was uns eingepflanzt wird, ist wie anno dazumal ein Schuldgefühl, das uns nicht nur lähmt und uns den Spaß am Leben nimmt, sondern uns auch verunsichert, sodass wir nicht mehr wissen, was wir denn nun eigentlich wollen und was wir tun sollen. Wie weit das gehen kann, ist hier zu lesen.

Wie unsere Vorfahren glauben wir auch heute wieder daran, dass wir per se schuldig sind, bloß weil jeder sein Leben lebt, so gut er es eben kann. Wie unsere Vorfahren glauben wir daran, dass wir uns durch magische Praktiken wie Opfer, Verzicht und Selbstkasteiung oder durch Ablasshandel von dieser Schuld befreien können. Wie unsere Vorfahren an Erlösung durch Taufe, Beichte, Buße oder andere Sakramente glaubten, so glauben wir heute an Erlösung durch Bewusstwerdung, Bio-Kost und Veganismus. Damals wie heute ging es darum, sich in ein Kollektiv zu flüchten. Damals war es der Schoß der Kirche, heute ist es der Bio-Laden. Die Hostie ist zum Ökostrom-Label mutiert.

Die Fünf-vor-Zwölf-Metapher ist nichts anderes die zeitgemäße, säkular-wissenschaftliche Variante der Erbsünde.

Was aber, wenn genau dieser Mechanismus ursächlich mitverantwortlich ist für die Zerstörungen, die wir als Menschen ja tatsächlich anrichten? Wenn man einem Menschen von klein auf einredet, dass er nichts auf die Reihe kriegt, dann wird dieser Mensch auch tatsächlich nichts auf die Reihe kriegen. Wenn man einem Menschen von klein auf einredet, dass er krank ist, wird er zeitlebens brav zum Arzt gehen. Wenn man einem Menschen einredet, ein Mängelwesen zu sein, wird er nie etwas Anderes als Mangel spüren. Wer im Grundgefühl einer Schuld aufwächst, wird sich schuldhaft verhalten, ganz egal, ob dieses Grundgefühl auf religiöse oder wissenschaftlich-säkulare Weise implantiert wurde.

Weder der Papst noch die Wissenschaftler können tatsächlich in die Zukunft sehen. Was man aber ziemlich sicher sagen kann, ist, dass der Mensch mit der Weltrettung überfordert ist. Wir Menschen sind Teil eines Prozesses, den niemand von uns überblickt, weder die siebzehn Nobelpreisträger noch der Papst, und dieser Prozess vollzieht sich, ohne dass irgendein Mensch oder irgendeine Gruppe von Experten ihn steuern kann. Wenn wir Teil von etwas sind, das wir in seiner Gesamtheit nicht steuern können, sind wir jedoch nicht schuldig, wenn dieser Gesamtprozess anders läuft, als manche von uns sich das vorstellen.

Die Fahrgäste in einem Zug können nichts dafür, wenn der Zug entgleist. Ob sie sich prügeln, ins Koma saufen, knoblauchgewürzte Buletten in sich reinstopfen oder in der Bibel lesen und Möhrchen knabbern, ändert nichts dran, ob der Zug im Gleis bleibt oder nicht. Es geht nur drum, dass es einigen Fahrgästen missfällt, wenn andere laut sind oder mit Knoblauch und Fettgestank die Luft verpesten. Dagegen ist nichts zu sagen. Die Fahrgäste müssen ihre Konflikte untereinander austragen und nach Möglichkeit irgendwie lösen. Aber bitte nicht mit Drohungen, dass irgendeiner der Fahrgäste mit seinem Verhalten den Zug zum Entgleisen bringt. Das könnte nur der Zugführer, aber wir sitzen ausnahmslos alle bloß in den Fahrabteilen und nicht in der Lokomotive.

Der Mechanismus, der uns glauben lässt, dass jeder Einzelne von uns die Aufgabe hat, die Welt zu retten, und, weil das offensichtlich nicht gelingt, jedem Einzelnen gleichzeitig Schuldgefühle einimpft, funktioniert nur, wenn es ewig fünf vor zwölf bleibt. Nur wenn die Uhr stets auf fünf vor zwölf steht, ist man bereit, Dinge zu tun, die man freiwillig und aus eigenem Ermessen nie tun würde, nämlich sich selbst kasteien und jede Menge Opfer bringen.

Wie mit der Lehre von der Erbsünde ist mit der Fünf-vor-Zwölf-Metapher Einschüchterung und massive Drohung verbunden.

Deshalb habe ich meine Uhr auf fünf nach zwölf gestellt. Ich gehe davon aus, dass die Welt nicht mehr zu retten ist, und ich habe angesichts der überall eskalierenden, unkontrollierbaren negativen Entwicklungen dafür auch gute Gründe, mit denen ich gegen die siebzehn Nobelpreisträger locker anstinken kann.

Wenn man die Uhr auf fünf nach zwölf stellt und davon ausgeht, dass es für die Weltrettung sowieso schon zu spät ist, verschwindet erstaunlicherweise das Schuldgefühl. Plötzlich erkennt man, dass man ein so schlechter Mensch gar nicht ist, selbst wenn man Auto fährt, Zigarren raucht, Steaks isst, Wein trinkt und was man sonst noch so alles macht, weil es einem eben Spaß macht.

Das ist eine schöne Erfahrung. Man kann als Mensch auf einmal wieder zum Individuum werden und tun, was man will oder was man selbst für richtig hält. Es ist wie das Aufwachen aus einem Alptraum. Plötzlich merkt man, dass die Fünf-vor-Zwölf-Metapher hauptsächlich dazu dient, anderen Leuten den Spaß am Leben zu verderben.

Ich sag euch eins, Leute. Die Uhr ist nicht stehengeblieben. In Wahrheit ist es schon fünf nach zwölf. Es ist alles zu spät. Keiner von euch kann die Welt noch retten. Deshalb tut am besten doch einfach das, was ihr wollt. Genießt das Leben.

Das Verschwinden der ANDEREN

In gerade mal lächerlichen 22 Jahren (zwischen 1985 – 2007) ist auf Sumatra die Hälfte (!) des Regenwaldes verschwunden. Er musste Plantagen zur Gewinnung von Palmöl, Kautschuk und Papier weichen. Nicht selten ist die bevorzugte Methode der Umwandlung von Urwald in Plantage die Brandrodung. Allein im Jahr 2015 soll es in Indonesien mehr als 100.000 Waldbrände gegeben haben. Das heißt, der Lebensraum der Orang-Utans und anderer Urwaldbewohner verschwindet nicht nur peu à peu, sondern im Eiltempo. Haben diese Menschenaffen früher ganz Südasien und Nordindien bewohnt, findet man sie jetzt nur noch auf Sumatra und Borneo.

Zum Schutz der Orangs und anderer vom Aussterben bedrohter Tierarten setzen Regierungen und NGOs auf Öko-Tourismus. Das ist eine feine Sache, denn solche Projekte tragen zum Schutz der Umwelt und zum Wohlergehen der ansässigen Bevölkerung bei. In die betroffenen Regionen fließen Gelder, die pro Naturbewahrung verwendet werden (können). Arbeitsplätze entstehen und das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge wächst. So lautet der Plan, der ja zuerst mal ganz gut klingt. Wie der ökologisch verantwortliche Tourist dem Orang-Utan trotzdem auf die Pelle rückt, ist heute in der F.A.Z. zu lesen.

Denn in Wirklichkeit dringen immer mehr Touristen in einen sowieso schon bedrohten Lebensraum ein und stören sowieso schon vom Aussterben bedrohte Tierarten bei der Nahrungssuche, bei der Paarung und bei der Aufzucht der Jungen. In Bukuit Lawang auf Sumatra sind es täglich mehrere hundert Touristen, für die die Orang-Utans die große Attraktion sind. Bei den Führungen werden weder Schonzeiten beachtet noch Mindestabstände eingehalten. Die Orangs werden gefüttert und damit an die Menschen(massen) gewöhnt und auf bestimmte Verhaltensweisen hin dressiert. Die Touristen lassen ihre Abfälle im Wald liegen und verbreiten unter den Affen Krankheiten wie Hepatitis und andere Infektionen.

Wie man an diesem Beispiel erkennt, gereichen alle Vorteile dieser ökologisch motivierten Tourismusprojekte (Geld, Arbeitsplätze, Bewusstseinschaffung) den Menschen und alle Nachteile den Tieren und der Pflanzenwelt.

Die Tragik dieser für den Umgang des Menschen mit der Natur doch sehr typischen Geschichte besteht darin, dass es immer noch besser ist, die Natur und die Menschenaffen durch Tourismusprojekte zu dezimieren als durch Abholzung, Brandrodung und Plantagen. Man gewinnt etwas Zeit. Die Zerstörung geht langsamer voran, ist entschieden sanfter, ein kleines bisschen weniger gewinnorientiert und verschafft nicht nur den Reisenden, sondern allen Beteiligten ein gutes Gewissen. Die Tragik dieser Geschichte besteht darin, dass man gar nicht ernsthaft auf diese Tourismusprojekte schimpfen kann, weil man dann Brandrodungen und Plantagenwirtschaft nur noch weiter Tür und Tor öffnen würde.

Wenn ich solche Artikel lese, wie heute den in der F.A.Z., werde ich traurig. Meine Trauer gilt nicht nur dem Aussterben eines faszinierenden Lebewesens wie dem Orang-Utan und dem Verschwinden eines vielgestaltigen Ökosystems wie dem Regenwald, sie sitzt tiefer.

Ich sehe, wie auf der Welt nach und nach alles verschwindet, was nicht menschlich ist. Es gibt keine Gebiete mehr, die unerschlossen sind und sich dem Menschen und seinem unersättlichen Besitz- und Erkenntnisdrang entziehen. Es gibt keine „dunklen Flecke“ mehr, wo geheimnisvolle Dinge stattfinden, von denen wir Menschen nichts wissen. Es gibt nichts Unbekanntes und damit kein Geheimnis mehr. Wir wissen alles, sogar, dass im Regenwald auf Sumatra noch 14.000 Orang-Utans leben.

Ich merke zunehmend, dass mir etwas fehlt, wenn wir Menschen alles wissen. Sogar etwas Wichtiges. Ich frage mich, ob ich tatsächlich alles über die Welt wissen will. Müssen wir den Wissenschaftlern und Forschern wirklich dankbar sein, wenn sie der Natur jedes Geheimnis entreißen?

Europa vom Flugzeug aus betrachtet, kommt mir schrecklich langweilig vor. Unser hochzivilisierter Kontinent sieht von oben wie eine Patchworkdecke aus lauter Vierecken und Quadraten aus. Das einzig Unregelmäßige sind die Städte. Der Mensch hat den Kontinent vollständig in Besitz genommen. Überall begegnet er nur noch sich selber. Kein Wunder, dass viele Europäer im Urlaub nach Afrika und Asien fliegen, um dort noch einen letzten Rest unberührter Natur, Geheimnis und Abenteuer zu suchen.

In einer Welt, in der nach und nach alles verschwindet, was nicht-menschlich ist, verschwindet nicht nur das Fremde und Geheimnisvolle, das unserem Leben Würze und Spannung gibt. Es geht ein Gegenpart, ein Sparringpartner, ein Widerstand verloren, der unser Menschsein begrenzt und ihm dadurch Form und Kontur verleiht. Wir brauchen das ANDERE und die ANDEREN, um zu erfahren, wer wir als Menschen sind. Definitionen geschehen in Abgrenzung zueinander. Wir erfahren nicht mehr, wer wir Menschen sind, wenn wir uns nur noch mit Menschen und Menschlichem umgeben. Aber das scheint unser Weg zu sein.

Wohin wir auch reisen, begegnen wir vor allem Menschen und wieder Menschen, Massen von Menschen, und diese werden einander immer ähnlicher, ganz egal, ob sie nun weiße, gelbe oder schokoladenbraune Haut haben. In jeder Großstadt, ob in Asien, Amerika, Europa oder Afrika finden sich fast identische Strukturen aus Verkehrswegen, Hotels, Shopping-Zonen, Banken, Tempeln (Kirchen) und Parks. Überall auf der Welt gibt es Coca Cola, Kaffee, Tee, Alkohol, Süßigkeiten und Sandwiches. Überall gibt es dieselben Marken, dieselbe Marmeladen, dieselben Dosen, dieselben Klamotten, ja sogar dasselbe Obst, wenn auch in unterschiedlicher Geschmacksintensität. Jede Großstadt ist geschäftig, laut und nachts grell beleuchtet. Je zivilisierter wir werden, desto ähnlicher werden unsere Wohnorte und desto austauschbarer wir selbst. Was wir Zivilisation nennen, ebnet alle Unterschiede ein.

Je mehr die Natur und mit ihr das ANDERE und die ANDEREN verschwinden, desto mehr gerät die Welt zu einem Spiegelkabinett, in dem wir immer nur noch uns selber begegnen. Ja, mir fehlt da was.