Hilfe, die Ressourcen gehen aus!

Entarzis Großeltern waren Jäger und Sammler gewesen. Deshalb wusste Entarzi, dass sein Clan, der ungefähr hundert Personen zählte, ein ziemlich großes Gebiet gegen andere Clans zu verteidigen hatte. Um dem Leser eine Vorstellung von der Größe dieses Gebiets zu geben: sein Durchmesser entsprach etwa der Strecke von Hamburg bis Lübeck oder von Stuttgart bis Karlsruhe. Wenn der Clan ein solches Revier halten konnte, war sichergestellt, dass für alle Clanmitglieder über die Jahre hinweg genügend Nahrung zur Verfügung stand. Entarzi wusste, dass der Jäger nie alle Hasen erschlagen und der Sammler nie alle Beeren pflücken durfte, wenn es auch im nächsten Jahr wieder welche geben sollte.

Da Entarzi sich in Sachen nachhaltiger Lebensweise sehr gut auskannte, wusste er auch, wieviel an einem einzigen Tag gefressen wurde, wenn sich mehrere Clans zu einem Fest trafen. Solche Feste wurden veranstaltet, damit die Frauen andere Männer kennenlernen und sich eine andere Familie suchen konnten. Sie konnten nur alle paar Jahre stattfinden, und auch nicht immer am selben Platz. Da musste man auch mal größere Wanderungen unternehmen, von Hamburg bis Berlin oder von Stuttgart bis München oder auch mal bis Wien.

Entarzis Eltern hatten schon ein paar Ziegen gehalten, die sie auf ihren Wanderungen mitnahmen. Sie streuten hier und da auch schon gezielt Getreidekörner aus, um im nächsten Jahr, wenn sie wieder an diesem Platz vorbeikamen, gleich ernten zu können. Dasselbe machten sie mit einigen Kräutern und Wurzelgemüsen. Dank dieser neuen Methoden war der Clan auf hundertsiebzig Mitglieder angewachsen. Entarzi wusste aber auch, dass die neuen Methoden ihre Nachteile hatten. Man musste immer da lang gehen, wo die Ziegen frisches Gras fanden, und es gab wegen der Ziegen Krankheiten, die es vorher nicht gegeben hatte. Würmer, beispielsweise. Oder Parasiten. Oder Infektionskrankheiten. Der Clan konnte jetzt zwar hundertsiebzig Mitglieder ernähren, dafür lebten sie aber im Durchschnitt nicht mehr ganz so lange wie die Großeltern.

Eines Tages kam Entarzi in ein Gebiet von etwa derselben Größe, das den Clan seiner Großeltern nachhaltig ernährt hatte. In diesem Gebiet zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris gab es, was neu für Entarzi war, eine Menge Heiligtümer. Es waren Tempel wie der Göbekli Tepe, Sefer Tepe, Karahan, Urfa, Hamzan Tepe und wie sie alle hießen. Wo die Tempel waren, fingen die Menschen an, sich dauerhaft niederzulassen, um zu den Göttern zu beten, die in diesen Tempeln wohnten.

Entarzi sah sofort, dass das nicht gut ausgehen konnte. Niemals konnte dasselbe Gebiet, das etwa hundert Menschen ernährt hatte, tausend ernähren. Oder gar zweitausend. Oder noch mehr. Die Zahl der Menschen wuchs jedoch immer weiter. Es war ja nicht nur so, dass der sesshaft gewordene Götteranbeter doppelt oder dreifach so viele Kinder bekam wie der Jäger, sondern dass zudem immer mehr Menschen, die vorher Jäger waren, nun Götteranbeter wurden.

Entarzi warnte seine Zeitgenossen, dass die Menschen in wenigen Jahren allesamt verhungern oder an Krankheiten vorzeitig elend zugrunde gehen würden. Das konnte gar nicht anders sein. Einfach deshalb, weil ihre Lebensweise nicht nachhaltig war. Weil die Zahl der Menschen viel zu schnell wuchs. Weil Krankheiten sich ausbreiteten, wo immer mehr Menschen und Tiere auf immer engerem Raum zusammenlebten. Ganz klar. Für die Zahl der Menschen, die das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris besiedelten, reichte die Ressource Land nicht aus. Und Land war nun mal die Grundlage von allem. Hilfe, die Ressourcen gehen aus!, rief Entarzi.

Aber da es sich in der Nähe eines Tempels bequemer lebte, blieb er trotzdem da und wurde Priestergeselle.

Auf einmal lebten in einem Gebiet von derselben Größe, das den Clan von Entarzis Großeltern ernährt hatte, nicht nur doppelt so viele Menschen, sondern zehn Mal so viele. Das funktionierte, weil die Methoden mit den Körnern und den Ziegen, die seine Eltern entwickelt hatten, ständig verbessert wurden. Dafür wurden in dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris die Wälder abgebrannt, daraus Ackerland gewonnen und großräumig Getreidekörner ausgesät. Wo kein Getreide gedieh, wuchs immerhin noch Gras für die Ziegen.

Wurden die Bäume nicht gerade abgefackelt, wurden sie gefällt, um Häuser daraus zu bauen. Natürlich brauchte man auch ziemlich viel Holz, um all die Feuer zu schüren und den Weihrauch zu verbrennen, womit man den Göttern diente. Und erst das Holz für all die Feuer, auf denen täglich gekocht wurde und mit denen man die Steinhäuser wärmte.

Entarzi sah sofort, dass das nicht gut ausgehen konnte. Die Götteranbeter fällten die Bäume schneller, als sie nachwuchsen. Überdies wurde den Bäumen gar nicht erlaubt, nachzuwachsen, weil man stattdessen dort lieber Getreidekörner ausstreute. Das war auch notwendig, um all die Menschen zu ernähren. Damit nicht genug, kamen die Menschen auf die Idee, Tonkrüge zu brennen, um darin die Getreidekörner vor Ratten und Schimmel zu schützen. Dafür brauchten sie wiederum noch mehr Holz, denn Ton wird ja im Feuer gebrannt. Die sesshaft gewordenen Götteranbeter fällten also immer schneller immer mehr Bäume.

Entarzi warnte seine Zeitgenossen, dass in wenigen Jahrzehnten die ganzen Bäume zwischen Euphrat und Tigris verschwunden sein würden. Spätestens dann würde es mit der Menschheit zu Ende sein. Ganz klar: Für die Zahl der Menschen, die das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris besiedelten, reichte die Ressource Holz nicht aus. Wo es keinen Wald mehr gab, so auch keine Beeren, Wurzeln und Nüsse. Keine Wildtiere. Und viel weniger Fische, zumal wenn das ganze Dorf an derselben Stelle in den Fluss kackte. Hilfe, die Ressourcen gehen aus!, schrie Entarzi verzweifelt.

Außerdem konnte eine derart einseitige Ernährung aus Brot, Milch und Ziegenfleisch ganz gewiss nicht gesund sein. Diese Mangelernährung musste neue Krankheiten verursachen, an denen die Menschen vorzeitig zugrunde gingen, wenn sie denn schon nicht verhungerten.

Weil er inzwischen verlernt hatte, auf die Jagd zu gehen, und weil er auch etwas träge geworden war und das Brot gar nicht so schlecht schmeckte, blieb er trotzdem da.

Das Land und das Holz wurden tatsächlich knapp, deshalb begannen die Menschen, Waffen aus Metall herzustellen, um anderen das Land und das Holz wegzunehmen und sich gegenseitig umzubringen. Dafür fällten sie allerdings noch mehr Bäume, denn um dem Metall die gewünschte Form zu geben, musste man es erst mal im Feuer schmelzen. Zu diesem Zweck wurde die Holzkohle erfunden. Du lieber Himmel, dachte Entarzi. Das ist aber nun ganz gewiss das Ende der Menschheit. Nicht nur, dass sie verhungern oder vorzeitig an Krankheiten sterben, jetzt fangen sie auch noch an, sich gegenseitig massenhaft umzubringen.

Wenig später starb Entarzi tatsächlich vorzeitig an einer Krankheit, die entweder durch Fäkalien oder Ratten verursacht worden war. So genau weiß man das nicht. Die Lebenserwartung der sesshaft gewordenen Bauern und Handwerker hatte sich gegenüber der von Jägern und Sammlern nämlich fast halbiert. Statt mit durchschnittlich sechzig Jahren wurden die Menschen jetzt mit durchschnittlich fünfunddreißig Jahren beerdigt.

Die Geschichte der Menschheit ging dessen ungeachtet jedoch weiter. Das Pferd und das Kamel wurden gezähmt und große Schiffe gebaut, um Holz, Getreide, Metall und Tonkrüge über lange Strecken zu transportieren. Woanders entstanden neue Städte mit noch mehr Einwohnern. Ur, Uruk, Babylon, Assur und wie sie alle hießen. Heute gibt es Städte, in denen zehn Millionen Menschen auf einem kleineren Gebiet wohnen als das, welches ursprünglich mal Entarzis Clan ernährt hat. Die Menschheit denkt nicht daran, auszusterben, sondern vermehrt sich immer noch. Inzwischen gibt mehr als sieben Milliarden Exemplare dieser Spezies. Nicht nur die Menschheit hat allerdings zugenommen, sondern auch diejenigen, die vor ausgehenden Ressourcen warnen. Auch die Zahl der Ressourcen, die ausgehen, ist größer geworden. Neben dem Land und dem Holz (Urwälder) zählen viele Tierarten und die Fische im Meer dazu, die fossilen Brennstoffe, Helium, einige Metalle und sogar der Sand, aus dem Häuser gebaut werden.

Seit Maschinen den Menschen die schwere Arbeit abnehmen, hat die Lebenserwartung jedoch wieder zugenommen. Inzwischen übertrifft sie sogar die des Jägers und Sammlers, und das um etwa zwanzig Jahre.

Den Göbekli Tepe, Urfa, Sefer Tepe, Karahan und wie die Tempel alle hießen, gibt es schon lange nicht mehr. Nur ein paar Ruinen sind übrig geblieben. Auch Ur, Uruk, Babylon, Jericho und die anderen großen alten Städte sind längst von der Landkarte verschwunden. Das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris ist heute eine Wüste, wo nichts mehr wächst. Nur die endlosen Kämpfe und Kriege um dieses Gebiet haben sich bis heute erhalten und dauern immer noch an.

Alles ist Leben

Seit gut einem Jahr beschäftigt mich nun schon die Frage, welchen Einfluss die Domestikation des Feuers auf die Entwicklung des menschlichen Geistes gehabt haben mag. Ich habe mich gefragt, was in unseren frühen Vorfahren – einem mit Schimpansen, Gorillas und Bonobos verwandten Affenmenschen – vorgegangen sein mag, als er die Erfahrung machte, dass beim Aufeinanderschlagen von Steinen plötzlich Funken entstehen, die zu einem Flächen- oder Waldbrand werden können. Was passiert, wenn ein Waldaffenmensch zudem die Erfahrung macht, dass ein vom Himmel herunterfetzender Blitz ebenfalls einen Waldbrand verursacht? Wie wirken solche Erfahrungen auf ein Lebewesen, das gerade erst damit anfängt, Stöcke, Blätter und Steine als Werkzeuge für sich zu entdecken? Am ehesten kann man das vielleicht nachempfinden, wenn man versucht, sich in ein Kind hineinzuversetzen, das mit Streichhölzern zündelt und dabei ein Wohnhaus abfackelt.

Für unsere Vorfahren muss Feuer etwas Gewaltiges gewesen sein. Die Erfahrung, dass man Feuer selber machen und damit den eigenen Lebensraum und sogar die eigene Affenhorde von einem Augenblick auf den nächsten vernichten kann, muss traumatisch gewesen sein.

Nicht nur bei einer körperlichen Verletzung durch äußere Gewalteinwirkung spricht man von einem Trauma, sondern mehr noch bei einem seelischen Schock. Legt man den aristotelischen Begriff zugrunde, so meint Seele die Sehnsucht zu sein, zu leben, zu atmen, sich fortzupflanzen. Es ist die reine, unendliche Lebenslust, die mit dem Lebenswillen identisch ist. Das Feuer, mit dem der Waldaffenmensch zu experimentieren begann, hat nicht nur Wälder und damit äußere Lebensräume vernichtet, sondern auch innere. Der unbedingte Lebenswille, der jedes Lebewesen trägt wie eine Woge den Schwimmer, wurde durch das Feuer gebrochen. Im Umgang mit dem Feuer wurde sich der Waldaffenmensch seiner Sterblichkeit bewusst. Er fing an, die toten Artgenossen zu begraben und Begräbnisrituale zu entwickeln.

Zusammen mit dem Todesbewusstsein entwickelten sich zudem Vorstellungen von Geistern und Dämonen, die dem Tod nicht unterworfen sind, sondern in unsichtbaren Welten leben. Auch bei der Entwicklung dieser Vorstellungen spielt das Feuer eine wesentliche Rolle, hat es doch durchaus etwas Geisterhaftes, wenn es auf rätselhafte Weise aus Steinen springt oder vom Himmel fällt, wenn es an einer Stelle erlöschen und an anderer Stelle wieder aufflammen kann, wenn es nicht nur raucht, faucht und knistert, sondern auch noch jeden Morgen als Sonne am Himmel erscheint und am Abend wieder verschwindet. Überwältigt von diesen ersten Erkenntnissen über das Feuer, wurde der Waldaffenmensch religiös und beschritt damit den Weg, der ihn von seinen tierischen Verwandten trennte.

In dem Jahr, in dem ich mich mit der Geschichte unserer Vorfahren beschäftigte, hat sich der Glaube an Geister und Dämonen, an Übersinnliches und Jenseitiges, an einen Schöpfergott oder höhere Bewusstseinsstufen ganz einfach aufgelöst. Feuer ist ebensowenig etwas Übernatürliches wie ein Regenbogen oder Wolken am Himmel. Seit ich selber nachvollzogen habe, wie eine durch und durch natürliche Ursache wie das Feuer oder die Sonne den Glauben an Übernatürliches hervorbringen kann, hat das Übernatürliche oder Göttliche jegliche Faszination für mich verloren. Es ist dasselbe wie mit den Wundern. Solange man keine rationale Erklärung für ein Phänomen hat, ist man geneigt, an Wunder und Wundererzählungen zu glauben, sobald aber eine rationale Erklärung auftaucht, ist es schlagartig damit vorbei.

Geist und Materie, Leib und Seele, Gott und Welt entpuppen sich auf einmal als bloße Begriffe, für die es in der Wirklichkeit gar keine Entsprechung gibt. Es gibt nicht diese von reinen Begrifflichkeiten suggerierte Trennung in Geist und Materie, in Leib und Seele, in Gott und Welt. Weder gibt es geistlose Materie noch immateriellen Geist, weder Leiber ohne Seelen noch Seelen ohne Leiber, weder eine gottlose Welt noch einen Gott, der nicht mit der Welt identisch ist. Mit dem Verlust des Übernatürlichen, Transzendenten, Jenseitigen fallen die Begriffe, die einen Dualismus suggerieren, wieder in eins. Zusammen sind Geist und Materie, Leib und Seele, Gott und Welt nichts anderes als Leben.

Wir beschränken heute den Begriff Leben auf die Lebewesen, denen wir bestimmte Eigenschaften wie Stoffwechsel, Wachstum, Bewegung, Reproduktion, Abgrenzung, Zerfall zuordnen. Wir gehen normalerweise davon aus, dass Lebewesen all diese Qualitäten haben. Leben bedeutet aber, all dies zu sein.

In diesem Unterschied zwischen Haben und Sein erscheinen manche Dinge belebt und andere unbelebt. In diesem Unterschied erscheint der Tod als etwas Endgültiges und Schreckliches. Wer keinen Stoffwechsel mehr hat, ist tot. Wer Stoffwechsel ist, verwandelt sich durch den Tod und ist weiterhin Teil des Prozesses, der Leben heißt.

Dieser Prozess, der gleichzeitig und gleichermaßen Stoffwechsel, Wachstum, Bewegung, Reproduktion, Abgrenzung, Zerfall umfasst, ist universal. Er vollzieht sich in den kleinsten Teilchen ebenso wie in großen Strukturen des Kosmos. Teilchen ziehen sich an und stoßen sich ab, sie bewegen sich und wandeln sich um, sie bilden, indem sie sich zusammenfinden und sich gegeneinander abgrenzen, nicht nur Strukturen, sondern auch den Raum, den es braucht, um zu sein. Dasselbe geschieht mit den Sternen. Auch diese ziehen sich wechselseitig an und halten sich in Bahnen auf Abstand, sie bewegen sich umeinander, wandeln sich um und bilden größere Strukturen wie Galaxien, die irgendwann wieder zerfallen. Im Prozess der Anziehung bekommen Teilchen ihre Masse, im Prozess der Abstoßung erschaffen sie den Raum.

Wohin man auch schaut, im Großen wie im Kleinen, ist alles Wechselwirkung und Beziehung. Das und nichts anderes ist Leben.

Gefühle sind der innere Ausdruck einer lebendigen Beziehung. Angezogensein drückt sich als Gefühl aus. Abgestoßenwerden ebenso. Hinwendung erleben wir als freudiges Gefühl, von dem wir gerne mehr haben wollen. Abwendung erleben wir eher als unangenehmes Gefühl. Um unseren Platz im Beziehungsgeflecht zu finden, brauchen wir jedoch beide Gefühle gleichermaßen. Es sind Gefühle, die die Beziehungen steuern. Es sind Gefühle, die uns steuern. Wenn wir glauben, dass es rationale Argumente sind, machen wir uns selbst was vor. Unser kognitiver Apparat hat nun mal die Tendenz, sich permanent selbst zu überschätzen.

Noch scheint es den meisten Menschen unvorstellbar, dass wir in einem durch und durch fühlenden Universum leben. Andererseits ist es noch nicht sehr lange her, dass die Wissenschaft auch Babies und Tieren sämtliche Gefühle abgesprochen hat. Vor Kurzem hat ein Förster ein Buch herausgebracht, das endlich Bäume als Gefühlswesen anerkennt. Wie man sieht, wird in der allmählichen Überwindung des Todesbewusstseins das Universum peu à peu wieder lebendig.

Es gibt heute viele Menschen, die ganz selbstverständlich glauben, dass wir Teil eines bewussten Universums sind. Es gibt viele Menschen, die glauben, dass wir wesentlich in einer geistigen Welt leben und für die Materie bloß Illusion und Erscheinung ist. Es gibt viele Menschen, die glauben, dass sie nach dem Tod in eine geistige Welt eingehen werden.
Geist, Bewusstsein, Seele, Gott sind jedoch Vorstellungen, die aus dem Todesbewusstsein heraus entstanden sind und dieses wiederum ist die Folge einer traumatischen Erfahrung. In der Überwindung des Traumas verlieren diese Vorstellungen allmählich an Bedeutung.

Alles ist Bewusstsein, heißt es in spirituellen Kreisen. Alles ist Leben, wäre richtiger.

Gewalt: ein Erfolgsrezept der Evolution?

In den Nachrichten erscheint die Welt als Schauplatz eskalierender Krisen und Konflikte. Von Teilen Libyens, der Sahel-Zone und Nordnigeria erstrecken sich Kriege über die ganze Region der großen afrikanischen Seen und das Horn von Afrika, über Syrien, Jemen, Irak bis nach Afghanistan und Pakistan. Überall ist der terroristische Islamismus auf dem Vormarsch und fordert ungezählte Opfer. Da ist außerdem der Bürgerkrieg in der Ukraine, der bisher über fünftausend Menschenleben gekostet hat, im Verein mit zunehmenden Spannungen zwischen West und Ost. Nicht zu vergessen die Menschen, die jährlich einfach mal so erschossen werden: 46.000 in Russland, 25.000 in Brasilien, 21.000 in Kolumbien und 10.000 (manchmal ist auch von 30.000 die Rede) in den USA.

Ein Blick in unsere Vergangenheit bestätigt das grausame Bild. Im Laufe der historisch belegten Menschheitsgeschichte wurden in geschätzten 15.000 Kriegen rund 3,5 Milliarden Menschen umgebracht. Bei 100 Milliarden Menschen, die bis heute insgesamt auf diesem Planeten gelebt haben sollen, heißt das, dass jeder 30. Mensch durch Gewalt umgekommen ist (lt. Wikipedia).

Der Mensch ist gewalttätig. Das kann man angesichts der evidenten Daten nicht anders sagen. Sich dem nicht zu stellen und sich stattdessen in eine gewaltfreie Fantasiewelt hineinzuträumen, in der alle Menschen liebevoll und achtsam miteinander umgehen, löst das Problem der Gewalt nicht mal ansatzweise. Sicher ist es positiv für das eigene Selbst- und Menschenbild, Gewalt bloß für eine vorübergehende Störung, Krankheit oder Trübung eines ansonsten klaren Bewusstseins zu halten. Sich als göttliches Wesen zu imaginieren, das fernab jeglicher Gewalt friedlich vor sich hinlebt, heißt jedoch, die Augen zu verschließen vor dem, was die Realität uns zeigt. Ja, ich weiß: viele der spirituellen Verdränger halten ihr erträumtes Paradies für die wahre Wirklichkeit und die Realität für eine Illusion. Ich halte die Realität lieber für die Realität.

Der Mensch ist gewalttätig. Er ist es seit einer Million Jahre und mehr. Seine nächsten Verwandten sind nicht viel besser. Schimpansen schließen sich zu Banden zusammen, um gezielt Mitglieder anderer Gruppen zu überfallen und so übel zuzurichten, dass die Opfer an ihren Verletzungen elend sterben. Gorillas töten die Kinder ihrer Rivalen, um sich auf diese Weise Respekt beim weiblichen Geschlecht zu verschaffen. Orang-Utans vergewaltigen die Weibchen. Nur einer der großen Menschenaffen ist friedlich: der Bonobo. Für den Bonobo gilt: make love, not war. So etwa zwölfmal täglich, manchmal mit Genossen desselben, manchmal mit dem anderen Geschlecht. Jeder mit jedem. Wie es sich gerade ergibt. Sex dient der Entspannung und dem Abbau von Aggressionen. Bei den Bonobos sind die Geschlechter kodominant und die Männchen in der Regel Muttersöhnchen. Es ist die Mama, die ihrem Sohnemann zum Alpha-Status innerhalb der Gruppe verhilft. Deshalb bedeutet den Bonobos der Alpha-Status auch nicht mehr so viel.

Der Mensch ist gewalttätig. Wenn er es nicht ist, lebt er in einem Land mit einem funktionierenden Rechtssystem, relativem Wohlstand und geordneten politischen Strukturen, die demokratisch oder autokratisch sein können. Wo immer solche Strukturen zusammenbrechen, bahnt sich Gewalt erneut und unerbittlich ihren Weg. Gewalt hat viele Gesichter. Häufig geht es ums nackte Überleben, um Verteilungskonflikte, um Rangordnungen oder um Sexualität. Es geht um Gruppenbildung, kollektive Identität und Feindbilder.

Wenn wir akzeptieren, dass der Mensch eine ungeheuer lange Geschichte der Gewalt hinter sich hat, können wir erkennen, dass er seinem Temperament und seiner körperlichen Ausstattung nach zur Ausübung von Gewalt prädisponiert ist und dass es ihm schwer fällt, gegen diese Disposition anzugehen. Sie ist das evolutionäre Erbe, das sich im Miteinander von Mensch und Umwelt über die Jahrmillionen herausgebildet hat. Gewalt war der Weg des Menschen und der Menschenaffen, um die Kälteperioden des Eiszeitalters mit den entsprechenden Klimaschwankungen zu überstehen.

Als sich die Bonobos von ihrem Vorfahr, den sie mit den Schimpansen gemeinsam hatten, trennten, konnten sie ihre ökologische Nische erweitern, denn zu dem Zeitpunkt kehrten die Regenwälder nach einer Trockenperiode wieder nach Zaire zurück, jedoch ohne die vorherigen Bewohner, die Gorillas, die sich bereits früher von einem gemeinsamen Urahn abgespalten hatten. Es gab keine Rivalen, und Nahrung war im Überfluss vorhanden. Deshalb konnte der Bonobo sich in größeren Gruppen organisieren. Ab einer bestimmten Gruppengröße können sich die Weibchen untereinander zusammentun und der Verbrüderung der Männchen ihre eigene Power entgegensetzen. In der Mangelsituation, in die Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans und der Mensch hineingestellt wurden, war das nicht möglich.

Ist Gewalt also eine Erfolgsstrategie der Evolution? Wenn wir uns in der Natur umgucken, finden wir ab und zu eine Spezies, in der sich Artgenossen töten, aber alles in allem sind diese Fälle selten. Es gibt verschiedene Ameisenarten, die Kriege miteinander führen, Tüpfelhyänen, die Einzelgänger überfallen, Löwen, die den Nachwuchs der Rivalen umbringen und die berühmte Gottesanbeterin, die nach dem Geschlechtsakt dem Männchen, das sie begattet hat, den Kopf abbeißt. Natürlich töten viele Tierarten, aber die Aggression richtet sich normalerweise gegen andere Arten, nämlich gegen die Beutetiere. Natürlich kämpfen Tiere gegen Exemplare der eigenen Art, doch solche Wettkämpfe enden in der Regel, wenn einer der Gegner aufgibt. Wenn tödliche Gewalt gegen Artgenossen eine Erfolgsstrategie der Evolution ist, dann zumindest eine, die verhältnismäßig selten zur Anwendung kommt.

Dafür gibt es einen einfachen Grund. Überschießende Gewalt ist eine anstrengende Sache, die mit viel Aufwand und Stress verbunden ist. Wer Artgenossen tötet, muss damit rechnen, von Artgenossen getötet zu werden. Es sind ebenbürtige Gegner, die dem potenziellen Angreifer im Verhalten sehr nahe stehen, sodass die taktischen Manöver leicht durchschaut werden. Das dient nicht unbedingt dem Überleben der Art.

In seltenen Fällen wie dem der Menschen und Menschenaffen mag sich eine Konstellation aus Umweltbedingungen und Lebewesen ergeben haben, in der Gewalt gegen die eigene Art der Problemlösung und dem Überleben dient. Für sich genommen, ist Gewaltanwendung jedoch selber ein Problem, so ähnlich, als würde man, indem man ein Loch stopft, woanders fünf weitere aufreißen. Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans haben sich irgendwie mit ihrer Gewalttätigkeit arrangiert. Dem Menschen will das anscheinend nicht gelingen.

Jede Generation redet sich ein, dass es künftig keine Kriege mehr geben wird, und erlebt doch immer wieder mit, dass welche ausbrechen. Wir setzen unsere Intelligenz mit Vorliebe dafür ein, immer noch hinterhältigere und zerstörerische Waffensysteme zu entwickeln. Gewehre, Nervengifte, Panzer, Raketen, Tarnkappenbomber, Atombomben, Drohnen und was uns eben sonst noch so alles einfällt. Wenn in den letzten sechzig Jahren noch kein Atomkrieg ausgebrochen ist, dann nur deshalb, weil die eventuellen Angreifer für sich selbst mehr Nachteile in Kauf nehmen müssen, als sie verkraften können, und nicht etwa aus Nächstenliebe.

Vielleicht erwarten wir zu viel von uns selbst. Wir reden uns ein, bei entsprechender spiritueller Schulung von jetzt auf gleich eine friedvolle, achtsame, altruistische Spezies werden zu können, die sich noch nicht mal Sex zur Entspannung gönnt, sondern stattdessen auch noch auf Schnitzel und Salami, womöglich sogar alle tierischen Produkte verzichtet, und ignorieren dafür drei bis fünf Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte.

Vielleicht sollten wir zur Abwechslung die Achtsamkeit mal auf unsere Gewaltätigkeit statt auf unsere vermeintliche Göttlichkeit lenken und sie als evolutionäres Erbe akzeptieren, ohne vor uns selbst zu Tode zu erschrecken, uns zu verabscheuen oder den Moralapostel herauszukehren. Denn nur so können wir lernen, damit umzugehen. Es ist doch schon mal ein erstaunlicher Fortschritt in Sachen Friedfertigkeit, wenn wir nur noch blutrünstige Thriller lesen, statt Mord und Totschlag als reality show zu inszenieren. Es ist doch schon mal ein Fortschritt, wenn wir uns gegenseitig bloß in den wirtschaftlichen Ruin treiben, statt uns Bomben auf den Kopf zu werfen. Ein Virus im Computer vernichtet insgesamt doch weniger Menschenleben als Milzbrandbazillen in Postwurfsendungen. Wir sind, was wir sind, und wenn wir uns ändern, dann nicht, weil wir uns das eben mal vornehmen, sondern im Wechselspiel mit den sich ebenfalls verändernden Umweltbedingungen. Eines geht nicht ohne das andere. Und es geht nur im Rhythmus, den die Evolution vorgibt.

Wer zuviel auf einmal will, stolpert doch bloß über die eigenen Füße. Wer einen Schritt nach dem anderen tut, kommt eher zum Ziel.

Der Mythos vom edlen Wilden

Seit Christoph Kolumbus Amerika entdeckt hat und unsere europäische Zivilisation mit Naturvölkern in Kontakt gekommen ist, geistert in vielen Köpfen die Vorstellung herum, dass der durch die Zivilisation unverdorbene Mensch seinem Wesen nach friedliebend ist, keine Verbrechen begeht, harmonische zwischenmenschliche Beziehungen pflegt, sich durch Kooperationsbereitschaft und hohe ethische Werte auszeichnet und darüber hinaus auch noch in tiefer, spiritueller Verbundenheit mit der Natur lebt. Ihren ersten Höhepunkt erlebte diese romantische Denkströmung mit dem französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau im 19. Jahrhundert, derzeit erleben wir mit der esoterisch-ökologischen Bewegung eine weitere Welle solch mystifizierender Naturromantik.

Dabei wird gern vergessen, dass es sich bei der Idealisierung der Naturvölker genauso um einen durch und durch kolonialen Blick handelt wie bei der Dämonisierung derselben. In beiden Fällen wird der anderen Kultur eine vorurteilsfreie Annäherung und dem Naturmenschen ein normaler Umgang auf Augenhöhe verweigert.

Idealisierende Aussagen über die Naturvölker verraten viel über die in unserer Gesellschaft vorhandenen Sehnsüchte, dämonisierende etwas über unsere Ängste, aber beide teilen uns nichts über die tatsächliche Lebensweise der indigenen Völker mit, die für uns, wenn wir so mit ihnen umgehen, bloß Projektionsfläche sind. Jede wirkliche Auseinandersetzung, jedes wirkliche Kennenlernen wird auf diese Weise konsequent und zielsicher verhindert.

Ein bekanntes Beispiel, wie wir Naturvölker als Projektionsfläche benutzen, um auf das Unbehagen in unserer eigenen Kultur aufmerksam zu machen, ist die berühmte Weissagung der Cree-Indianer: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Das ist ein Satz, der so niemals von einem Indianer geäußert wurde, sondern in Wahrheit auf eine Erfindung des Filmregisseurs Ted Perry zurückgeht.

In ganz ähnlicher Weise idealisieren oder dämonisieren wir unsere Vorfahren, die Steinzeitmenschen. Während sie für die einen Unschuld, ethische Integrität, Zusammengehörigkeitsgefühl und autonomes Leben im Einklang mit der Natur bis hin zu gesunder, vegetarischer Lebensweise verkörpern, sind sie für die anderen raub- und mordlustige Gesellen mit teilweise abartigen Opferritualen, in denen sie Freund und Feind abschlachteten und verspeisten.

Es ist also schwierig, sich in dem Wust von diametral entgegengesetzen Aussagen über unsere Vorfahren zurechtzufinden. Um so mehr, da selbst die angeblich objektiven Wissenschaften den Strömungen des Zeitgeistes unterliegen. So war bis etwa 1970 Kannibalismus in der Forschung ein Tabuthema. In den darauffolgenden vierzig Jahren wurde es dann auf einmal modern, alle möglichen Verletzungen bei Skelettfunden als Kannibalismus zu interpretieren. In jüngster Zeit werden die Verletzungen und Schnittspuren hingegen wieder etwas differenzierter betrachtet und teilweise auf andere Ursachen wie Ausgrabungstechnik, Sedimentdruck oder Karnivorenverbiss zurückgeführt.

Bei all meinen diesbezüglichen Vorbehalten hat es mich aber dennoch überrascht, wie viele Menschen, deren Skelette oder Reste davon man irgendwo irgendwann ausgebuddelt hat,  eines gewaltsamen Todes gestorben sein müssen.

In Gran Dolina (Sierra de Atapuerca, Spanien), einer 800.000 Jahre alten Fundstelle, entdeckte man beispielsweise zwischen entbeinten Hirschen, Pferden und Nashörnern die Knochen von sechs Menschen, die mit derselben Schlagtechnik verarbeitet worden waren. In der Höhle von Choukoutien südwestlich von Peking entdeckte man die Überreste von vierzig Frühmenschen, denen vor etwa 350.000 Jahren die Schädel zertrümmert und die Oberschenkelknochen der Länge nach aufgebrochen worden waren. Ähnliche Funde machte man auf Java, in Bilzingsleben und in Steinheim an der Murr. In Krapina, Kroatien (130.000 Jahre) fand man zwei Dutzend menschliche Skelette mit zerschlagenen und angebrannten Knochen, wobei zumindest ein Teil der Verletzungen perimortal zugefügt worden war. Auch in französischen Höhlen (Hortus, Les Rois) fanden sich Menschenknochen, die Schnittspuren aufwiesen. Je näher wir an unsere Zeitrechnung herankommen (7000 – 4000 v. Chr.), desto mehr Belege gibt es dafür, dass Menschen andere Menschen auf brutale Weise getötet und auch verspeist haben: Ofnet, Ertebölle und Herxheim, um nur ein paar solcher  Fundstätten zu nennen. Und auch der berühmteste all unserer Vorfahren, der Gletschermann Ötzi, war zunächst in einem Kampf verwickelt, um wenig später hinterrücks durch einen Pfeil ermordet zu werden.

Ich nehme daher an, dass der Mensch noch nie friedlich war, weder vor 800.000 noch vor 300.000 noch vor 5.000 Jahren. Es ist viel wahrscheinlicher, dass wir Menschen dieselben Aggressionen wie Tiere haben und unser Revier, unser Rudel, unsere Kinder und unsere Beute mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen. Die Frage ist also vielmehr, warum diese natürlichen Aggressionen in unser modernen westlichen Gesellschaft anscheinend keine Berechtigung mehr haben und Friedfertigkeit bis hin zur Selbstaufgabe als wünschenswerte Eigenschaft gehandelt, ja sogar gefordert wird.

Leben ist identisch mit der Sehnsucht zu sein, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten und die eigene Lebensdauer bis zum Anschlag auszudehnen. Jedes Lebewesen ist permanent genau damit und mit nichts anderem beschäftigt. Natürlich sind wir Menschen von demselben Durst nach Leben erfüllt. Leben wollen, ist unser innerster Antrieb.

Dem Menschen ist es im Laufe seiner Geschichte gelungen, die Bandbreite der ihm dafür zur Verfügung stehenden Mittel erheblich zu erweitern, nicht weil er besonders aggressiv ist, sondern weil er wie jedes Lebewesen seinem inneren Antrieb folgt. In diesem Sinne ist der Mensch ganz Natur. Die  Entwicklung von Waffentechnik und die Beherrschung des Feuers ist im Rahmen der Naturdynamik als Evolution der Mittel zu verstehen. Menschen unterscheiden sich weniger durch ihre Rasse und das jeweilige Verbreitungsgebiet als vielmehr durch die Mittel, die sie ganz selbstverständlich benutzen, um sich selbst zu erhalten und auszubreiten.

Leben wollen, war der innerste Antrieb des Urmenschen. Leben wollen, ist auch der Antrieb des modernen Menschen. Das verbindet uns mit unseren Vorfahren, auch ohne dass wir sie mythisch überhöhen oder verunglimpfen müssen. Die Frage, ob der Mensch seinem ursprünglichen Wesen nach friedfertig war oder nicht, führt nicht weiter. Die Frage muss anders gestellt werden: Was steckt dahinter, wenn Lebewesen, die eigentlich leben wollen, diesen Wunsch vergessen haben, verdrängen oder gar negieren, um sich selbst und ihre Artgenossen zu gefährden und umzubringen? Handelt es sich dabei um eine Fehlentwicklung? Oder verdankt der Mensch womöglich genau dieser (Selbst-)Gefährdung seinen immensen Erfolg als Spezies?

 

 

Ein kleiner Schritt zur Menschwerdung

Schon immer formte die Urgewalt Feuer das Erscheinungsbild der Erde. Seit es Wälder gibt, also seit ungefähr 300 Millionen Jahren, sind sie durch Waldbrände bedroht. Busch-, Steppen- oder Waldbrände entstehen durch Blitzschlag, vulkanische Aktivitäten oder Selbstentzündung und sind Teil der Naturdynamik. Sie schaffen neuen Lebensraum in überalterten, kranken oder von Parasiten befallenen Baumbeständen. Einige Pflanzen wie das Feuerkraut keimen erst nach einem Brand. Auch manche Tiere profitieren von den Folgen eines Feuers. Für Raubvögel wie Falken und Milane sind die vor dem Feuer flüchtenden Kleintiere leichte Beute. Der Feuerkäfer legt seine Eier in verbranntem Holz ab. Hirsche, Antilopen und Gazellen lecken die salzige Asche auf.

Auch unsere Vorfahren zählten zu den Nutznießern, wenn irgendwo in einem Waldstück ein Feuer gewütet hatte. Sie zogen verkohlte Tiere aus der Asche und lernten, dass gebratenes Fleisch auch nach Tagen noch schmeckte, während rohes längst in Verwesung übergegangen war. Sie entdeckten, dass ungenießbare Samen, Nüsse und Bohnen durch die Einwirkung von Hitze verträglich wurden, was das Nahrungsangebot erweiterte. Die erlöschende Brandstelle spendete angenehme Wärme. Auf abgebrannten Flächen wuchsen vermehrt Pflanzenarten und Leguminosen, die nicht nur den eigenen Speisezettel bereicherten, sondern auch Wildtiere anlockten, die man leicht erlegen konnte, solange sie mit Fressen beschäftigt waren. Oberflächen- und Bodenfeuer vernichteten das trockene Unterholz, sodass Beutetiere keine Verstecke mehr fanden und auf größere Entfernung sichtbar waren, während zudem der Brandgeruch den Geruchssinn der Tiere irritierte, was die Jagd auf sie einfacher machte. Den Gefahren, die das Feuer mit sich brachte, standen also schon in der Zeit des passiven Umgangs mit Feuer eine ganze Reihe von Vorteilen gegenüber.

Es liegt im Dunkel unserer Menschwerdung, wann der Übergang vom passiven Umgang zur aktiven Kontrolle des Feuers wurde. Manche Forscher gehen davon aus, dass dieser Übergang bereits vor 2,5 bis 1,5 Millionen Jahren erfolgte und schon der Homo habilis oder sogar die Australopithecinen Feuer aktiv nutzten. Die Fundstellen Koobi Fora in Kenia, Swartkrans in Südafrika oder Gonwangling in China gehören in den Bereich solcher Spekulationen.

Der bisher älteste, hinreichend gesicherte Befund einer aktiven Feuernutzung ist etwa eine Million Jahre alt. In der Wonderwerk-Höhle in Südafrika wurden an einer Feuerstelle Knochensplitter und Pflanzenreste gefunden, die darauf hindeuten, dass das Feuer von Menschen angelegt wurde. In Israel gibt es eine Fundstelle, Gesher Benot Ya‘ aqov, die dem Homo erectus zugeordnet wird und ungefähr 790.000 Jahre alt ist.

Aus dem Rückblick heraus war der Übergang vom passiven zum aktiven Umgang mit dem Feuer nur ein winziger Schritt. Sobald der Urmensch erst mal erkannt hatte, dass durch die Einwirkung von Feuer Nahrungsmittel in für ihn positiver Weise verändert wurden, war es nicht mehr weit zu absichtsvollem Handeln, das zunächst sicher nur darin bestand, rohe Kerne und Bohnen zu sammeln und auf einen noch vor sich hin kokelnden Baumstamm zu legen.  Es ist eine Intelligenzleistung, die man nicht nur Primaten, sondern auch einigen Vogelarten wie Kakadus durchaus zutrauen kann.

Dennoch ist der Mensch das einzige Lebewesen, das diesen Schritt vollzogen hat und die natürliche Scheu vor dem Feuer verloren hat. Dieser anscheinend winzige Schritt war der Auslöser für eine Entwicklung, die uns Menschen unwiderruflich aus dem Tierreich herausgelöst hat. Mit der Kontrolle über das Feuer wurden wir zu Lebewesen, die nicht nur weitreichenden Einfluss auf die Gestaltung ihres Lebensraums gewonnen, sondern diesen Raum über die ganze Erde und mit der Mondlandung sogar darüber hinaus ausgedehnt haben. Der anscheinend winzige Schritt entpuppte sich als Katalysator für unsere Menschwerdung, für unsere gesamte Entwicklung vom Urmenschen bis heute, mit Folgen, die in ihrer Tragweite längst noch nicht überschaubar sind. So klein war dieser Schritt, dass er einfach getan werden musste.

Dieser Schritt ist eingebettet in die Logik der Naturdynamik. Mit der Beherrschung des Feuers haben wir uns zwar aus dem Tierreich herausgelöst, nicht aber aus der Natur. Die durch den Umgang mit dem Feuer entstandene Entwicklung als technologisch-künstliche einer angeblich natürlichen Entwicklung gegenüberzustellen und aus dieser nur in unserer Vorstellungswelt existierenden Dichotomie abzuleiten, dass wir Menschen uns von der Natur abgewendet hätten, beinhaltet einen fundamentalen Denkfehler, der letztendlich dazu führt, dass Natur viel zu statisch und an der Vergangenheit orientiert gedacht wird. Dieser Irrtum führt dazu, dass Natur in unserer Weltsicht zur immerwährenden Idylle und damit zur Kulisse verkommt. In diesem Begreifen von Natur als bloßer Kulisse, die wir uns gemäß unseren Vorstellungen zurechtmalen können, liegt jedoch die eigentliche Abwendung von der Natur. Weite Teile der Öko-Bewegung sind daher nicht das, was sie zu sein vorgeben. Die Öko-Bewegung ist ihrem Wesen nach überwiegend naturfeindlich eingestellt, weil sie sich nicht an der Natur selbst, sondern an ihren Vorstellungen von Natur ausrichtet.

Kinder des Feuers

Wir Menschen sind Kinder des Feuers. Die Zähmung des Feuers hat nicht nur unseren Körper verändert, sondern prägt mehr noch unseren Geist. Sprechen, denken, fühlen, wahrnehmen: es gibt keine geistige Aktivität, die nicht durch den Umgang mit dem Feuer geformt wurde. Feuer ist unsere eigentliche Besessenheit, deshalb entflammen wir, wenn uns etwas begeistert, und wir erlöschen, wenn wir in eine Depression fallen. Wir glühen vor Verlangen, verzehren uns in Sehnsucht, explodieren vor Wut, verfeuern die Welt und zuletzt löscht der Tod unser Lebenslicht aus. Wir brennen vor Liebe und vor Hass, haben zündende Ideen und sprühen wie ein Feuerwerk voller Witz und Charme. In unseren Jenseitsvorstellungen werden wir von Höllenfeuern verschlungen oder gehen ein ins ewige Licht.

Die Fähigkeit, mit Feuer umzugehen, ist in allen uns bekannten menschlichen Gesellschaften zu finden. Und von allen uns bekannten Lebewesen auf diesem Planeten haben nur Menschen gelernt, das Feuer zu kontrollieren.

Im Umgang mit dem Feuer haben wir uns im Laufe unserer Menschwerdung immer komplexere Fähigkeiten angeeignet. Das Feuer in seinen verschiedenen Variationen begleitet uns bis heute, ist im Verbrennungsmotor ebenso präsent wie in der Atomenergie, in religiösen Lichtmetaphern ebenso wie in der Lichtgeschwindigkeit, die wir gedanklich nicht überschreiten können. Wir sind fasziniert vom Widerschein eines Kaminfeuers wie vom Widerschein von Gold, dessen Glanz uns an Feuer erinnert und das wir bis heute wertschätzen, uns damit schmücken oder es eifersüchtig bewachen. Die Küche mit dem Herdfeuer bildete bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein das Zentrum der Wohnstätte, denn auch unsere Nahrung bereiten wir zu einem großen Teil mit Feuer zu. Wenn man aus dem dunklen Weltraum auf die Erde blickt, werden die beleuchteten Städte zu ständig wachsenden Lichtinseln.

Was für die Fische das Wasser, für die Vögel die Luft und für die Würmer die Erde, ist für uns Menschen das Feuer. Das Feuer ist unser Element.

Über eine Million Jahre lang waren wir auf chemische Feuer, auf die Verbrennung von Holz und Kohle fixiert. Vor etwa zehntausend Jahren fingen wir an, unsere Augen auf den Himmel zu richten und zu begreifen, dass das Licht, das von dort zu uns kommt, ebenfalls eine  Form von Feuer ist. Vor etwa hundert Jahren erkannten wir, dass Materie nichts anderes als eine gebundene Form von Energie ist und sich auf atomarer Ebene ineinander umwandeln lässt. Seit etwa hundert Jahren sprechen wir daher immer weniger von Licht und immer mehr von Energie, weil für uns Menschen buchstäblich alles, was ist, aus mehr oder weniger subtilen Formen von Feuer besteht und Energie der Begriff ist, der all diese Formen umfasst.

In unserer Menschwerdung lassen sich drei große Phasen unterscheiden, die des Feuers, des Lichts und der Energie. Der Beginn der ersten Phase verliert sich in den Anfängen unserer Geschichte. Die Beherrschung des Verbrennungsfeuers und die Entwicklung der damit verbundenen Fähigkeiten dauerte, grob geschätzt, etwa eine Million Jahre. Die Phase des Lichts geht einher mit der Agrarisierung, der Herausbildung des Tempel- und Staatswesens, der Entstehung großer Stadtgemeinschaften, der Entwicklung von Handel, Mathematik und Schrift. Diese zweite Phase dauerte noch etwa zehntausend Jahre. Die dritte Phase ist durch die Ablösung der Wissenschaft von der Religion und durch die Industrialisierung gekennzeichnet. Diese Phase dauert seit dreihundert Jahren an. Manche Wissenschaftler glauben, dass wir uns womöglich schon im Übergang zu einer vierten Phase, dem Übergang von der Energie zur Information befinden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass mit dem Zeitalter des Feuers die Entwicklung der Sprache, mit dem Zeitalter dies Lichts die Schrift und entsprechend mit dem Zeitalter der Energie die Digitalisierung von Information einhergeht.

Der unmittelbarste Effekt von Feuer ist zerstörerisch. Chemische Feuerenergie löst komplexe Strukturen von Substanzen auf und reduziert sie zu Asche und Rauch. Der Prozess ist irreversibel, dient indessen der Schaffung von Freiraum, in dem sich Flora und Fauna in verjüngter Form und neuen Variationen erneut ausbreiten können. Unter bestimmten Umständen kann sich Feuer selbst erzeugen, denn Feuer verursacht Hitze und Hitze wiederum Feuer.

Atomares Feuer kommt entweder als Spaltungs- oder als Fusionsfeuer vor. Kernspaltung potenziert die zerstörerischen Effekte des chemischen Feuers. Nicht nur Feuer und Hitze sind zerstörerisch, sondern auch die radioaktive Strahlung, die von diesen Feuern ausgeht. Als Fusionsfeuer macht die Sonne das Leben auf diesem Planeten hingegen erst möglich. Feuer selbst ist nicht lebendig, aber es ist der unangefochtene Herrscher über Leben und Tod.

Feuer ist maß- und zügellos. Selbstbeschränkung kennt es nicht. Wo immer es losgelassen wird, vernichtet es alles ihm zur Verfügung stehende Brennmaterial und verglüht erst, wenn die Vernichtung vollständig ist.

Als Kinder des Feuers tragen wir seine Eigenschaften in uns. Das ist es, was unser Dasein auf diesem Planeten so gefährlich, zwiespältig, aber wohl auch notwendig macht.