Das Sterben der Bauernhöfe

Im Jahr 1971 gab es in Deutschland 1.017.697 Bauernhöfe. 2016 waren es gerade mal noch 276.000. Deutschland ist nicht allein vom Höfesterben betroffen. Frankreich hatte zwischen 1963 und 2011 einen Rückgang von ursprünglich 1,9 Millionen Betrieben auf 499.000 zu verzeichnen. In den anderen europäischen Ländern sieht es auch nicht viel anders aus. Und das Höfesterben geht weiter. Ein Ende ist bislang nicht abzusehen.

 

Immer weniger Höfe erzeugen immer mehr

Dabei werden in Deutschland mehr Tiere geschlachtet als noch vor zehn Jahren. Wenn man mal die Schweineproduktion betrachtet, ergeben sich folgende Zahlen: Im Jahr 2000 wurden 45 Millionen Schweine geschlachtet, im Jahr 2013 waren es 15 Millionen mehr. Im Jahr 2000 wurden durchschnittlich 350 Tiere in einem Stall gehalten, im Jahr 2013 waren es sage und schreibe 2.163. In derselben Zeit, in der Öko-Freaks und Tierfreunde sich vehement gegen Massentierhaltung engagieren, versechsfacht sich also die Zahl der Schweine pro Haltung. Kann man daraus womöglich den Schluss ziehen, dass die Öko-Freaks die Massentierhaltung erst herbeigeredet haben? Ganz so abwegig, wie das scheint, ist das gar nicht.

Es wird durch das Höfesterben auch nicht weniger Ackerland bewirtschaftet. Die übrig gebliebenen Höfe vergrößern sich und intensivieren zudem die Landwirtschaft. Der Ertrag pro Hektar hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren deutlich erhöht. Im Jahr 1970 wurden in Deutschland 23,7 Millionen Tonnen Getreide geerntet, im Jahr 2014 waren es 52 Millionen Tonnen. Also etwas mehr als doppelt so viel. Die Maisproduktion hat überhaupt erst in den 70er Jahren so richtig angefangen. 2013 wurden 4,4 Millionen Tonnen Körnermais und 80 Millionen Tonnen Silomais erzeugt.

Deutschland produziert inzwischen zuviel Milch, zuviel Fleisch und zuviel Getreide. Das Überangebot drückt die Preise in den Keller, was offenbar gewollt ist, weil der Preisverfall die kleinen und mittleren Betriebe zur Aufgabe zwingt. Hinzu kommt, wenn ich das richtig verstanden habe, dass die Subventionspolitik der EU die Großbetriebe bevorzugt. Mit unseren Steuergeldern finanzieren wir das Höfesterben also mit.

Die Biobewegung: Vorstellung und Realität

Außerdem haben die Bauern dank den Grünen, Tierrechtlern und anderen Ideologen einen schlechten Ruf. Häufig werden sie als Tierquäler bezeichnet. Und auch das trifft die kleinen und mittleren konventionell wirtschaftenden Betriebe mehr als die Großbetriebe. Was Besseres als die grüne Politik und die Verunglimpfung des gesamten Bauernstandes konnte den Großen der Branche gar nicht passieren.

In der Öffentlichkeit hat sich durch das lautstarke Geschrei der Öko-Freaks die Vorstellung verfestigt, dass eine 80 Millionen Bevölkerung locker mit Lebensmitteln von Bio-Höfen ernährt werden kann, wenn nur die konventionell wirtschaftenden Bauern nicht so dröge und unflexibel wären. Bio ist in und hat inzwischen auch die Supermärkte erobert. Trotzdem gibt es in Deutschland nur knapp 27.000 Höfe, die biologisch-ökologisch wirtschaften. Es gibt nicht mehr davon, weil es sich für die Bauern schlicht nicht rechnet.

Zwischen 2006 und 2016 hat die Zahl der Bio-Betriebe in Deutschland um 9.298 zugenommen, während die Zahl der konventionell wirtschaftenden Höfe zwischen 2008 und 2016 um 45.600 abgenommen hat. Das heißt, auf jeden Bio-Betrieb, der neu gegründet wurde, kommen mehr als vier konventionelle Höfe, die aufgegeben haben. Oder: auf einen Betrieb, der auf Bio umgestellt hat, kommen drei, die von Agrarfabrikanten oder ominösen Investoren, die mit der Landwirtschaft gar nichts am Hut haben, aufgekauft wurden.

Den Tieren, der Natur und den Menschen würde es weitaus mehr nützen, die konventionellen Höfe und damit die Artenvielfalt unter den Höfen zu erhalten statt mit ein paar wenigen Bio-Betrieben die zunehmende Konzentration auf immer größer werdende Agrarfabriken schönfärberisch zu verdecken. Die Bio-Höfe dienen doch hauptsächlich bloß dem Selbstbild einer naturfremden Stadtbevölkerung, die sich als tierlieb und naturverbunden imaginiert, während die Besitzer der Großbetriebe sich genüsslich die Hände reiben und die Bauern in den Ruin treiben. Und wie sich nun allmählich herausstellt, ist Bio ja noch nicht mal gesünder.

Der Verbraucher will biologisch angebautes Obst und Gemüse, glückliche Schweine und freilaufende Hühner. Er will einen Bauernhof, wie er ihn von seinen Bilderbüchern aus der Kindheit her kennt. Es gibt Bauern, die dieses Bedürfnis aufgreifen und befriedigen. Aber hinter dieser schönen Oberfläche verbirgt sich eine Wahrheit, die alles andere als idyllisch ist. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind die mittleren und kleinen Betriebe.

Wenn wir als Gesellschaft die Artenvielfalt unter den Bauernhöfen erhalten würden, hätten junge Leute, die an der Landwirtschaft interessiert sind, viel mehr Möglichkeiten, einen Hof selber zu gestalten, dabei aufs Tierwohl zu achten und Überproduktion zu vermeiden. Wenn die Höfe erst mal in den Händen von Agrarfabriken und sogenannten Investoren sind, ist dieser Zug abgefahren.

Und tatsächlich ist dieser Zug schon längst abgefahren. Die meisten Bauernhöfe dürften unwiderruflich dahin sein, denn wenn ein Hof erst mal aufgegeben ist, wird es schwierig, ihn wiederzubeleben. Ist er aufgekauft worden, ist es sogar unmöglich.

Es wird nicht nur zuviel produziert, es wird auch zuviel weggeworfen. Pro Jahr wirft im Schnitt jeder Bundesbürger etwa 90 kg Lebensmittel in den Abfalleimer, wobei ich nicht weiß, ob da nicht auch Kartoffelschalen und Kohlstrünke mitgerechnet werden. Etwa doppelt so viel, also 180 kg pro Person, werden anscheinend vom Handel entsorgt, wo als oberstes Gebot gilt, dass alle Waren dem Konsumenten stets zur Verfügung stehen müssen. Wenn ich die Zahlen richtig interpretiere, wird in Deutschland pro Verbraucher dieselbe Menge an Nahrungsmitteln weggeworfen, die er zu sich nimmt.

Die Dynamik dahinter

Diese Dynamik, in deren Sog die Höfe sterben, wird meistens mit Profitstreben und Geldgier in Verbindung gebracht. Ich glaube, dass diese Erklärung zu kurz greift. Die Geldwirtschaft ist nur das Mittel, um den technisch-industriellen Komplex weiter voranzutreiben. Und dieser technisch-industrielle Komplex hat in letzter Konsequenz die Vernichtung der Natur als Ziel. In diesem Komplex wird Natur nur noch als Kulisse zu Erholungszwecken geduldet.

Beim Höfesterben handelt es sich nämlich um einen Selektionsprozess, bei dem nur diejenigen Betriebe übrig bleiben, die schließlich voll automatisiert werden können. Diese Vollautomatisierung hat parallel zum Höfesterben eingesetzt. Die Landmaschinen werden entsprechend den Ackerflächen immer größer. Die Ställe sind vollautomatisiert, mit automatischer Fütterung, automatischer Entmistung und Melkrobotern. Hier mal ein Beispiel, wie das aussieht. Man kann nicht sagen, dass die Tiere gequält wirken. Im Hintergrund sieht man, dass die Ziegen gern ins Karussell reinhüpfen.

Diese Entwicklung geht weiter. Längst hat die Robotik auch in der Landwirtschaft Einzug gehalten. Es gibt Roboter, die Unkraut jäten. Andere verspritzen gezielt und dosiert Herbizide oder Pestizide, wodurch die Menge an eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmitteln erheblich reduziert werden kann. Es gibt Drohnen, die die Felder überwachen und dem Bauern Fotos auf den Computer senden. Es gibt Geräte, die die Kau- und Mahlbewegungen von Kühen messen und Alarm schlagen, wenn Abweichungen auftreten, weil das möglicherweise auf eine Krankheit hindeuten könnte. Am Ende dieses Prozesses werden nur noch ein paar Computerexperten notwendig sein, um die Ernährung der gesamten Bevölkerung sicherzustellen. Den bäuerlichen Menschen, der für die Verbundenheit von Mensch und Natur steht, wird es nicht mehr geben, weil die Verbundenheit von Mensch und Natur schon vor langer Zeit aufgekündigt wurde.

Es ist das, was der Großteil von uns Menschen will. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Wir können uns die Klagerufe und die Trauergesänge sparen, die doch nur Heuchelei sind.

Wir glauben, dass wir ein Recht drauf haben, von der Natur oder vom lieben Gott ernährt zu werden, ohne einen Finger dafür rühren zu müssen. Und da weder die Natur noch der liebe Gott uns das Essen in den Mund schieben, bauen wir uns eben eine Maschinenwelt, die das übernimmt und unseren Traum vom Schlaraffenland erfüllt. Nahrung ist uns keine Mühe wert, deshalb klinken wir uns aus diesem Prozess der Nahrungsbeschaffung und -zubereitung mehr und mehr aus. Mit diesem Stoffwechselprozess, der ja das eigentliche Wesen von Natur ist, wollen wir nichts mehr zu tun haben. Denn zum Stoffwechselprozess gehört der Tod, und den wollen wir Menschen unbedingt vermeiden.

Und es scheint ja hervorragend zu funktionieren. Die Zahlen sprechen für sich. Die industrialisierte Landwirtschaft ist ein Erfolgsmodell, und zwar umso erfolgreicher, je industrialisierter.

 

Weniger Zeit für Kochen und Essen

Auch mit Kochen und Vorratshaltung verbringen wir heute viel weniger Zeit als noch vor zwanzig oder gar fünfzig Jahren. Kaum jemand weckt heute noch ein oder dörrt Obst oder macht Sauerkraut selber. Das Wissen über alte Konservierungsmethoden geht verloren, wozu haben wir schließlich die Kühltruhe? Beim Kochen ist convenience food angesagt, das man kurz in die Mikrowelle schiebt, oder der smoothie, der auf Knopfdruck aus dem Automaten kommt. Und dummerweise schmeckt billiges Industrie-Baguette aus dem Supermarkt tatsächlich oft besser als das vom Bäcker, das schon nach wenigen Stunden hart und ungenießbar wird. Dasselbe gilt für Brot. Wobei es weder das Brot vom Bäcker noch das aus dem Supermarkt mit selbstgebackenem Brot aus frisch gemahlenem Getreide aufnehmen kann. Da merkt man dann so richtig, dass Brot nicht gleich Brot ist. Das muss auch gesagt werden. Aber das ist mit Arbeit verbunden. Und wer macht das noch außer ein paar rückständigen Idioten? Lieber denken die Menschen schon über Nahrungsmittel aus dem 3-D-Drucker nach.

Sogar fürs Essen nimmt sich der Mensch im Alltag immer weniger Zeit. Dafür wird maßgeschneiderte Ernährung inklusive digitaler Ernährungsberatung immer wichtiger. Immer weniger Menschen vertrauen darauf, dass ihr Körper ihnen selber sagt, was er braucht und was gut für ihn ist, statt dessen kaufen sie haufenweise Ernährungsratgeber und halten sich an zeitgeistgebundene Theorien, die von vegan bis paläo und von low carb bis fettsäurereich eine ebensogroße Vielfalt bieten wie der Supermarkt. Dazu werden alle möglichen Nahrungsergänzungsmittel geschluckt, von denen man sich Gesundheit und Wohlbefinden erhofft. Schritt für Schritt entwickeln wir uns so in Richtung Chemitarier.

 

Die Abschaffung der Natur

Wir Menschen sind dabei, uns aus der Natur herauszulösen. Wir wollen mit der Natur nichts mehr zu tun haben, es sei denn, wir gestalten sie nach unseren Vorstellungen selbst. Stattdessen machen wir uns lieber von einer selbst geschaffenen Technologie abhängig, über die wir mehr und mehr die Kontrolle verlieren. Aber kümmert das jemanden ernstlich? Außer mir, meine ich. Die Allermeisten vertrauen darauf, dass die Megamaschine uns mit allem Notwendigen und mit noch mehr Überflüssigem bis in alle Ewigkeit versorgen wird, ohne zu wissen, ob wir morgen überhaupt noch genügend Energie zur Verfügung haben, um diese Megamaschine zu betreiben. In unserem Bestreben, die Natur zu kontrollieren und sie unseren Zwecken zu unterwerfen, werden wir als Einzelne mehr und mehr von einem technisch-bürokratischen Superorganismus aufgesogen, kontrolliert und versorgt. Aber anscheinend kommt das ja gut. Bei näherer Betrachtung will der Großteil der Menschen von der Wiege bis zur Bahre gepampert werden.

Wenn sich der Mensch zwischen Natur und Technik entscheiden muss, entscheidet er sich ausnahmslos immer für den technischen Weg. Handy, Smartphone und die Apps haben sich in Windeseile um die ganze Welt verbreitet, ohne dass irgendjemand Druck auf den Verbraucher ausüben musste. Facebook hat inzwischen mehr als zwei Milliarden Nutzer.

Der Wirtschaftsjournalist Daniel Ben-Ami formuliert das Glaubenscredo, dem fast alle Menschen, Bürokraten wie Wissenschaftler, grüne Ideologen wie Marktliberale, Veganer wie Fleischesser, Bauern wie Verbraucher gleichermaßen anhängen:

„Mit der Neugestaltung und Nutzbarmachung der Natur zu unserem eigenen Vorteil haben wir eine viel wohlhabendere Gesellschaft geschaffen … Wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt hängen exakt vom zunehmenden Einfluss der Menschen auf die Natur ab. Wir müssen unsere Kontrolle über die Natur ausdehnen, statt sie zu reduzieren.“

Daniel Ben-Ami sagt wenigstens, was viele nicht zugeben wollen. Denn so geht der Mensch seit jeher mit der Natur um, wenn man mal alle Schönfärberei und Heuchelei beiseite lässt. Und so gesehen, trägt jeder Mensch sein Scherflein zur Abschaffung der Natur bei, der eine mehr, der andere weniger. Die Abschaffung der Natur ist unser großes menschliches Gemeinschaftswerk, und ich denke, wir werden nicht aufhören, bis wir das Ziel erreicht haben.

Und da dies so ist, bliebe zu wünschen, der Mensch hätte wenigstens genügend Mumm, zu der von ihm gewollten und in Gang gesetzten Entwicklung zu stehen und die Folgen entsprechend zu tragen statt sich hinter angeblicher Natur- und Tierliebe zu verstecken und angesichts des Artensterbens in Jammergeschrei auszubrechen.

Bambi ess ich nicht!

Vor ungefähr einem halben Jahr, kurz nach der Geburt seines Sohnes, hat Gilbert auf seinem Blog über das Zeitalter der Kuscheltiere philosophiert. Er führt aus, dass fast alle nützlichen und überflüssigen Gegenstände, die Erwachsene kleinen Kindern schenken, irgendwie mit Tieren zu tun haben. Entweder sind die Tiere auf den jeweiligen Gegenstand aufgedruckt oder der Gegenstand selber wird in Form eines Tiers präsentiert.
Es gibt also nicht nur Strampelhosen, Lätzchen, Schlafanzüge, Bettwäsche und Tapeten mit niedlichen Bärchen, Lämmchen und Häschen drauf. Nein, weit mehr: das Badethermometer kommt als Fisch daher, die Sparbüchse als Frosch, das Töpfchen als Ente, der Schnuller als Schweinchen. Sogar die Spieluhr tarnt sich als lächelnder Wal. Auch Schrank, Bett und Stuhl sind mit Tierfiguren à la Disney verziert. Das Kind lernt beizeiten, dass es nicht nur auf einem Schaukelpferd reiten kann, sondern auch auf einem Löwen, einem blauen Elefanten oder der Biene Maja.

Dazu kommt eine gewaltige Flut an Bilderbüchern mit ihren verniedlichenden Tierdarstellungen, von denen die Geschichte vom Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, der Realität noch am nächsten ist. Da gibt es die kleine Raupe Nimmersatt, die Eule mit der Beule, den Regenbogenfisch, den Grüffelo, Frederick und zahllose andere. Für die etwas größeren Kinder dann Pu der Bär, Das wilde Mäh, Die Schule der magischen Tiere, Die Muskeltiere, Eulenzauber und wie die Bücher alle heißen mögen. Nichts gegen die Bücher als solche, die meisten davon sind wirklich hübsch gemacht. Was stutzig macht, ist die Quantität, nicht die Qualität.

Weil das immer noch nicht genug ist, wird das Kind zudem auch noch mit Animations- und Zeichentrickfilmen überschwemmt. Da gibt es Shaun, das liebenswürdige Schaf. Ratatouille, die kochende Ratte. Die Biene Maja, den König der Löwen und eine Million anderer fiktionaler Tiere.

In den meisten Bilder- und Kinderbüchern werden Tiere heutzutage nicht realistisch dargestellt, sondern vermischen sich mit dem kulleräugigen Kindchenschema, das bekanntermaßen selbst steinharte Herzen zum Schmelzen bringt. Die realen Tiere verschwinden hinter Fiktionen von Tieren. Dazu kommen eine Menge tatsächlich erfundener Tiere wie die Krumpflinge, die Olchis, der kleine Drache Kokosnuss, Snöfried und so weiter. Die Grenzen zwischen Natur und Fiktion verwischen sich und sie verwischen sich immer mehr.

Diese ganze Flut an verkitschten Informationen geht auf das Neugeborene nieder, sobald es auf der Welt ist, und begleitet das Kind bis in die Pubertät hinein. Für ein kleines Kind ist zunächst sein Kinderzimmer der Lebensraum und damit Wirklichkeit, später der Spielplatz, die Kindertagesstätte und die Grundschule. In all diesen Bereichen wird das Kind weiter mit verkitschten Informationen über die Tierwelt und die Natur vollgestopft. Für ein Kind sind all diese Informationen zunächst einmal wahr, denn es kann zwischen wahr und falsch noch gar nicht unterscheiden. Wenn es auf die Welt kommt, hat es noch keine Konzepte im Kopf, denn diese bilden sich ja erst im Kontakt mit der Umwelt heraus. Für ein Kind ist diese Umwelt heute Disney & Co. Ein Kind wächst heute in dem Bewusstsein heran, dass die Natur wie Disneyland ist. Durch ihre pure Überfülle überlagert die verkitschte Bilderwelt jede reale Erfahrung wie beispielsweise einen Besuch auf dem Bauernhof, wo man sich zudem leidlich Mühe gibt, den falschen Vorstellungen auch noch irgendwie gerecht zu werden und Kindern vor allem das Niedliche zeigt, das es ja in der Tierwelt durchaus gibt: die Kaninchen, die Ferkel, die Lämmchen und die neugeborenen Kätzchen.

Wer heute Kind ist, kann gar nicht anders als zur Überzeugung zu kommen, dass Disneyland & Co. die Normalität darstellt, während der Bauernhof die Ausnahme ist. Disneyland samt den dazu gehörenden sentimentalen Gefühlen werden als Realität im Bewusstsein des Kindes verankert. Wenn das Kind dann heranwächst, kann es mit Hilfe seines Verstandes, so es welchen hat, seine falschen Vorstellungen teilweise korrigieren, aber mit der Ratio kommt es nicht an sein Gefühlsleben heran. Die mit der verkitschten Bilderwelt erzeugte, oft ins Überschwängliche abdriftende Gefühligkeit, ja Rührseligkeit bleibt erhalten. Dem Zeitalter der Kuscheltiere folgt geradezu zwangsläufig das Zeitalter verkitschter Sentimentalität.

Seit jeher haben die Erwachsenen die ausgeprägte Tendenz, Kindern ein geschöntes Naturbild zu präsentieren. Der Wind in den Weiden wurde 1908 geschrieben, Pu der Bär 1928, Die kleine Raupe Nimmersatt 1969. Wie Gilbert in seinem Artikel ausführt, gab es daneben aber auch andere Darstellungen, wie Struwwelpeter oder Max & Moritz oder zahlreiche Märchen, in denen mit Tieren und Menschen ausgesprochen grausam umgegangen wurde. Auch das sind Verfälschungen, jedoch ins andere Extrem. Bis in die siebziger Jahre hinein galten Tierdarstellungen in Kinderbüchern zudem als zu naiv und zu fantastisch, man bevorzugte realistische Darstellungen. Schließlich sollten die Kinder ja noch was lernen.

Mit dem Fernsehen fing in meiner Generation die Überflutung mit falschen Bilderwelten an. Mit Fury, Lassie, Skippy und Flipper bahnte sich ein grundlegender Wandel im Verhältnis Mensch und Tier an. Das Tier wurde vermenschlicht und zum besten Freund. War diese Vermenschlichung anfänglich noch halbwegs realistisch dargestellt, driftete sie mit Disney & Co. zunehmend ins Fantastische ab, und das ist bis heute so geblieben. Dieser Paradigmenwechsel fand in etwa zur Zeit der 68er Revolution statt, als man vom Wirtschaftswunder genug hatte und sich lieber als Blumenkind und Hippie inszenierte.

Wenn ich heute mit Leuten aus meiner Generation rede, schwärmen wir alle von der Freiheit in unserer Kindheit. Und tatsächlich waren wir nach der Schule fast jeden Nachmittag mit Gleichaltrigen draußen in der Natur. Unser Spielfeld waren die umliegenden Wiesen, der nahe Bach, der Waldrand (richtig hinein trauten wir uns selten) und die Straßen im Dorf. Und auch der Bauernhof war eine bekannte Größe, denn einige unserer Spielkameraden waren Bauernkinder. Wir durften auf dem Traktor mitfahren, kletterten auf Bäume und auf Holzgestelle gehäufeltes Heu waren unsere Indianerzelte. Noch heute weckt ein warmer Sommertag in mir die Erinnerung an diesen unvergesslichen Duft von Heu.

Die Erwachsenen gingen derweil ihren eigenen Geschäften nach. Niemandem kam auf die Idee, dass uns Kindern was passieren könnte und deshalb ein Erwachsener auf uns aufpassen müsste. Wir waren auf uns selbst gestellt und durften unsere eigenen Erfahrungen mit und in der Natur machen. Wir lernten ganz nebenbei, dass es außer Kaninchen, Bärchen und Lämmchen auch Wespenstiche, Kreuzottern, Misthaufen und den Schlachttag gab.

Für mich und meine Spielkameraden waren die Wiesen und Felder, der Bach, der Alltag auf dem Bauernhof, das Dorfleben die Normalität, während der Zeichentrickfilm, das Kinderbuch und der Teddybär die Ausnahmen waren. Das ist heute anders. Draußen in der Natur und in den Straßen findet man keine spielenden Kinder mehr, die sich selbst überlassen sind. Die Kinder von heute kennen fast nur noch den überwachten Raum. Ihre Aktivitäten verlagern sich mehr und mehr in die Innenräume. Kinderärzte klagen schon darüber, dass viele Kinder sich zu wenig bewegen. Und da, wo sie sich bewegen, ist es Sport und nicht Spiel.

Es heißt, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Aber es gilt auch der Umkehrschluss: was Hänschen lernt, vergisst Hans nimmermehr. Durch die Überflutung mit falschen Bilderwelten, die in der Kindheit zudem noch auf der Gefühlsebene verankert werden, wird der Zugang zur Natur, wie sie ist, erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Ich habe es dann auf einmal mit Erwachsenen zu tun, mit denen ich nicht diskutieren kann, weil die zugrundeliegenden Wirklichkeitserfahrungen völlig andere sind.

Wo ich ein Lamm sehe, sieht ein anderer Shaun das Schaf. Wo ich Rehfleisch sehe, sieht ein anderer ein totes Bambi. Irgendwo verstehe ich schon, dass man Shaun und Bambi nicht essen kann. Aber Shaun und Bambi sind für mich Zeichentrickfiguren geblieben. Ich habe dem Lamm und dem Reh gegenüber nicht dieselben süßlichen Gefühle, wie sie durch Filme erzeugt werden. Die Wirklichkeit des Schlachttags hat mit der Wirklichkeit von Disneyland eben nichts zu tun. Und deshalb redet man ständig aneinander vorbei.

„In dem Maße, in dem die Tiere von unserer Welt verschwinden, vermehren sie sich in den Kinderzimmern als Schemen, als Phantasmen und Erinnerungen, als Stellvertreter für unsere Wünsche“, sagt Gilbert in seinem Artikel. Das ist klug beobachtet.

Es gilt aber auch hier wieder der Umkehrschluss: Wenn sich in unseren Kindernzimmern Tiere als Schemen und Phantasmen vermehren, ist es eigentlich kein Wunder, dass sie in der realen Welt mehr und mehr verschwinden. Sie verschwinden, weil sie uns, so wie sie von Natur aus sind, nichts mehr bedeuten. Sie verschwinden, weil wir sie in ihrer natürlichen Schönheit und Würde nicht mehr erkennen.

Es ist fünf nach zwölf!

Seit ich denken kann – also wenigstens seit 35 oder 40 Jahren 🙂 –, ist es fünf vor zwölf. Diese Metapher fünf vor zwölf hat mich und meine Generation von Kindesbeinen an bis zum Überdruss begleitet.

Fünf vor zwölf war es, als der Club of Rome 1972 die Grenzen des Wachstums aufzeigte. Fünf vor zwölf war es während des Kalten Krieges in den 80ern, als meine Generation gegen die Stationierung von Pershing-Raketen auf die Straße ging. 5 vor 12 war es auch anlässlich des Waldsterbens, des Ozonlochs, des Rinderwahns und der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Was das Artensterben, die Überfischung der Meere, die Vermüllung des Planeten, die Abholzung des Regenwaldes, das Bevölkerungswachstum und den eskalierenden Energieverbrauch angeht, ist es schon seit ein paar Jahrzehnten stets fünf vor zwölf. Ganz zu schweigen von der atomaren Bedrohung und dem nuklearen Wettrüsten: hier ist es bereits seit Hiroshima und Nagasaki fünf vor zwölf.

Es gibt eine Weltuntergangsuhr, die 1947 mit einer Zeigerstellung von sieben vor zwölf installiert wurde und die seither in Abhängigkeit von der Weltlage vor- und zurückgestellt wird. Durch den Bau der Wasserstoffbombe war es 1953 auch schon mal zwei vor zwölf und während des Kalten Krieges drei vor zwölf. Im Zuge der Entspannungspolitik nach dem Fall der Berliner Mauer waren wir jedoch auch schon mal siebzehn Minuten vom Weltuntergang entfernt. Inzwischen sind unsere Chancen, einer Klimakatastrophe oder einem Atomkrieg zu entgehen, wieder erheblich gesunken. Im Januar d.J. wurde die Uhr auf zwei Minuten 3o Sekunden vor 12 gestellt.

Jetzt hören wir die Metapher also wieder oder immer noch, dieses Mal vor dem Hintergrund des Klimawandels, des außer Kontrolle geratenen Finanz- und Wirtschaftssystems, des sich erneut abzeichnenden Wettrüstens und der vielfältigen, weltweiten Migrationsbewegungen, auf die manche Staaten mit Rückzug, Grenzziehung und Mauerbau reagieren.

Wenn fünf vor zwölf ein Warnruf sein soll, dann verhallt er ungehört. Oder er bewirkt gerade das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist, denn seit der Ruf erschallt, sind einige der negativen Entwicklungen förmlich explodiert, beispielsweise der Energieverbrauch, die Ressourcenverschwendung, das Bevölkerungswachstum, die Kluft zwischen Arm und Reich. In Deutschland ist der Stromverbrauch seit 1990 nochmal um 10% gestiegen, obwohl wir bereits 1990 soviel Energie verbraucht haben, dass uns dieser zusätzliche Verbrauch im Gegensatz zu den Entwicklungsländern an Lebensqualität gar nichts mehr bringt.

Wenn es also seit 50, 60 oder 70 Jahren immer fünf vor zwölf ist, kann etwas nicht stimmen. Entweder ist die Uhr stehengeblieben oder dieser Ruf fünf vor zwölf ist gar nicht als Warnruf gemeint. Dann wird mit dieser Metapher vielleicht bloß unsere Sensationsgier befriedigt, denn schließlich ist der Weltuntergang die ultimative Sensation. Oder es wird eine uns immanente Lust am Untergang gekitzelt, weil die Apokalypse in ihrer Einmaligkeit eben einen ganz besonderen Reiz hat. Der Ruf fünf vor zwölf könnte auch das Kennzeichen eines Wahns, einer Obsession sein oder eine bloße Sprechblase, die wir analog einer Grußformel benutzen: statt Grüß Gott sagen wir einander Hi, es ist fünf vor zwölf, wobei der Unterschied zwischen den Redensarten womöglich gar nicht mal so groß ist.

Vielleicht handelt es sich bei dieser permanenten Wiederholung des fünf vor zwölf jedoch auch um den Ausdruck eines Lebensgefühls, das jeder Generation immer wieder von Neuem eingepflanzt wird. Es ist das Lebensgefühl, dass jeder Einzelne von uns grundsätzlich falsch, unzulänglich, unfähig, vielleicht sogar bösartig ist: eben durch und durch ein Mängelwesen. Ein Fehler im System. Es ist das Lebensgefühl,  das uns sagt, dass wir als Individuen nicht in der Lage sind, unser Leben selbstbestimmt und frei zu leben, sondern dass wir die Hilfe von sogenannten Experten brauchen, die uns sagen, wie es richtig geht und was wir tun müssen.

Die Experten: das ist dann beispielsweise das Gremium, zu dem 17 Nobelpreisträger gehören, das auf der Weltuntergangsuhr die Minuten bis zum Untergang festlegt, ohne dafür jedoch eindeutige Kriterien zu benennen, die die Entscheidung nachvollziehbar machen. Die Menschheit wird für Wohlverhalten mit ein paar Minuten mehr belohnt und für Fehlverhalten abgestraft. Was für eine unglaubliche Arroganz! Dieselben Wissenschaftler, die die atomare Bedrohung in die Welt gesetzt haben, maßen sich an, über die gesamte Menschheit mit einem lächerlichen Belohnungs- und Strafsystem in Form einer Weltuntergangsuhr zu urteilen. Wenn Eltern so mit ihren Kindern umgingen, würde man sie dafür zu Recht in den Senkel oder an den Pranger stellen. Kommt hinzu, dass die Wissenschaftler nicht die Eltern der übrigen Menschheit sind und nicht das Recht haben, uns mit solchen erzieherischen Maßnahmen zu beglücken. Hätten die Wissenschaftler damit doch lieber bei sich selber angefangen, und zwar am besten vor der Erfindung der Atombombe!

Wenn ich in die Geschichte zurückblicke, stelle ich fest, dass dasselbe Lebensgefühl auch unseren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern eingepflanzt wurde. Nur waren die Einpflanzer damals keine Wissenschaftler, sondern Priester. Und es hieß nicht fünf vor zwölf, sondern Sünde. Unseren Vorfahren wurde eingeredet, dass sie ohne die Hilfe von Priestern und Kirche verloren wären und in die Hölle kommen würden. Uns wird heute eingeredet, dass wir ohne die Hilfe von Experten und Staat den Planeten gegen die Wand fahren. Was uns eingepflanzt wird, ist wie anno dazumal ein Schuldgefühl, das uns nicht nur lähmt und uns den Spaß am Leben nimmt, sondern uns auch verunsichert, sodass wir nicht mehr wissen, was wir denn nun eigentlich wollen und was wir tun sollen. Wie weit das gehen kann, ist hier zu lesen.

Wie unsere Vorfahren glauben wir auch heute wieder daran, dass wir per se schuldig sind, bloß weil jeder sein Leben lebt, so gut er es eben kann. Wie unsere Vorfahren glauben wir daran, dass wir uns durch magische Praktiken wie Opfer, Verzicht und Selbstkasteiung oder durch Ablasshandel von dieser Schuld befreien können. Wie unsere Vorfahren an Erlösung durch Taufe, Beichte, Buße oder andere Sakramente glaubten, so glauben wir heute an Erlösung durch Bewusstwerdung, Bio-Kost und Veganismus. Damals wie heute ging es darum, sich in ein Kollektiv zu flüchten. Damals war es der Schoß der Kirche, heute ist es der Bio-Laden. Die Hostie ist zum Ökostrom-Label mutiert.

Die Fünf-vor-Zwölf-Metapher ist nichts anderes die zeitgemäße, säkular-wissenschaftliche Variante der Erbsünde.

Was aber, wenn genau dieser Mechanismus ursächlich mitverantwortlich ist für die Zerstörungen, die wir als Menschen ja tatsächlich anrichten? Wenn man einem Menschen von klein auf einredet, dass er nichts auf die Reihe kriegt, dann wird dieser Mensch auch tatsächlich nichts auf die Reihe kriegen. Wenn man einem Menschen von klein auf einredet, dass er krank ist, wird er zeitlebens brav zum Arzt gehen. Wenn man einem Menschen einredet, ein Mängelwesen zu sein, wird er nie etwas Anderes als Mangel spüren. Wer im Grundgefühl einer Schuld aufwächst, wird sich schuldhaft verhalten, ganz egal, ob dieses Grundgefühl auf religiöse oder wissenschaftlich-säkulare Weise implantiert wurde.

Weder der Papst noch die Wissenschaftler können tatsächlich in die Zukunft sehen. Was man aber ziemlich sicher sagen kann, ist, dass der Mensch mit der Weltrettung überfordert ist. Wir Menschen sind Teil eines Prozesses, den niemand von uns überblickt, weder die siebzehn Nobelpreisträger noch der Papst, und dieser Prozess vollzieht sich, ohne dass irgendein Mensch oder irgendeine Gruppe von Experten ihn steuern kann. Wenn wir Teil von etwas sind, das wir in seiner Gesamtheit nicht steuern können, sind wir jedoch nicht schuldig, wenn dieser Gesamtprozess anders läuft, als manche von uns sich das vorstellen.

Die Fahrgäste in einem Zug können nichts dafür, wenn der Zug entgleist. Ob sie sich prügeln, ins Koma saufen, knoblauchgewürzte Buletten in sich reinstopfen oder in der Bibel lesen und Möhrchen knabbern, ändert nichts dran, ob der Zug im Gleis bleibt oder nicht. Es geht nur drum, dass es einigen Fahrgästen missfällt, wenn andere laut sind oder mit Knoblauch und Fettgestank die Luft verpesten. Dagegen ist nichts zu sagen. Die Fahrgäste müssen ihre Konflikte untereinander austragen und nach Möglichkeit irgendwie lösen. Aber bitte nicht mit Drohungen, dass irgendeiner der Fahrgäste mit seinem Verhalten den Zug zum Entgleisen bringt. Das könnte nur der Zugführer, aber wir sitzen ausnahmslos alle bloß in den Fahrabteilen und nicht in der Lokomotive.

Der Mechanismus, der uns glauben lässt, dass jeder Einzelne von uns die Aufgabe hat, die Welt zu retten, und, weil das offensichtlich nicht gelingt, jedem Einzelnen gleichzeitig Schuldgefühle einimpft, funktioniert nur, wenn es ewig fünf vor zwölf bleibt. Nur wenn die Uhr stets auf fünf vor zwölf steht, ist man bereit, Dinge zu tun, die man freiwillig und aus eigenem Ermessen nie tun würde, nämlich sich selbst kasteien und jede Menge Opfer bringen.

Wie mit der Lehre von der Erbsünde ist mit der Fünf-vor-Zwölf-Metapher Einschüchterung und massive Drohung verbunden.

Deshalb habe ich meine Uhr auf fünf nach zwölf gestellt. Ich gehe davon aus, dass die Welt nicht mehr zu retten ist, und ich habe angesichts der überall eskalierenden, unkontrollierbaren negativen Entwicklungen dafür auch gute Gründe, mit denen ich gegen die siebzehn Nobelpreisträger locker anstinken kann.

Wenn man die Uhr auf fünf nach zwölf stellt und davon ausgeht, dass es für die Weltrettung sowieso schon zu spät ist, verschwindet erstaunlicherweise das Schuldgefühl. Plötzlich erkennt man, dass man ein so schlechter Mensch gar nicht ist, selbst wenn man Auto fährt, Zigarren raucht, Steaks isst, Wein trinkt und was man sonst noch so alles macht, weil es einem eben Spaß macht.

Das ist eine schöne Erfahrung. Man kann als Mensch auf einmal wieder zum Individuum werden und tun, was man will oder was man selbst für richtig hält. Es ist wie das Aufwachen aus einem Alptraum. Plötzlich merkt man, dass die Fünf-vor-Zwölf-Metapher hauptsächlich dazu dient, anderen Leuten den Spaß am Leben zu verderben.

Ich sag euch eins, Leute. Die Uhr ist nicht stehengeblieben. In Wahrheit ist es schon fünf nach zwölf. Es ist alles zu spät. Keiner von euch kann die Welt noch retten. Deshalb tut am besten doch einfach das, was ihr wollt. Genießt das Leben.

Das Verschwinden der ANDEREN

In gerade mal lächerlichen 22 Jahren (zwischen 1985 – 2007) ist auf Sumatra die Hälfte (!) des Regenwaldes verschwunden. Er musste Plantagen zur Gewinnung von Palmöl, Kautschuk und Papier weichen. Nicht selten ist die bevorzugte Methode der Umwandlung von Urwald in Plantage die Brandrodung. Allein im Jahr 2015 soll es in Indonesien mehr als 100.000 Waldbrände gegeben haben. Das heißt, der Lebensraum der Orang-Utans und anderer Urwaldbewohner verschwindet nicht nur peu à peu, sondern im Eiltempo. Haben diese Menschenaffen früher ganz Südasien und Nordindien bewohnt, findet man sie jetzt nur noch auf Sumatra und Borneo.

Zum Schutz der Orangs und anderer vom Aussterben bedrohter Tierarten setzen Regierungen und NGOs auf Öko-Tourismus. Das ist eine feine Sache, denn solche Projekte tragen zum Schutz der Umwelt und zum Wohlergehen der ansässigen Bevölkerung bei. In die betroffenen Regionen fließen Gelder, die pro Naturbewahrung verwendet werden (können). Arbeitsplätze entstehen und das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge wächst. So lautet der Plan, der ja zuerst mal ganz gut klingt. Wie der ökologisch verantwortliche Tourist dem Orang-Utan trotzdem auf die Pelle rückt, ist heute in der F.A.Z. zu lesen.

Denn in Wirklichkeit dringen immer mehr Touristen in einen sowieso schon bedrohten Lebensraum ein und stören sowieso schon vom Aussterben bedrohte Tierarten bei der Nahrungssuche, bei der Paarung und bei der Aufzucht der Jungen. In Bukuit Lawang auf Sumatra sind es täglich mehrere hundert Touristen, für die die Orang-Utans die große Attraktion sind. Bei den Führungen werden weder Schonzeiten beachtet noch Mindestabstände eingehalten. Die Orangs werden gefüttert und damit an die Menschen(massen) gewöhnt und auf bestimmte Verhaltensweisen hin dressiert. Die Touristen lassen ihre Abfälle im Wald liegen und verbreiten unter den Affen Krankheiten wie Hepatitis und andere Infektionen.

Wie man an diesem Beispiel erkennt, gereichen alle Vorteile dieser ökologisch motivierten Tourismusprojekte (Geld, Arbeitsplätze, Bewusstseinschaffung) den Menschen und alle Nachteile den Tieren und der Pflanzenwelt.

Die Tragik dieser für den Umgang des Menschen mit der Natur doch sehr typischen Geschichte besteht darin, dass es immer noch besser ist, die Natur und die Menschenaffen durch Tourismusprojekte zu dezimieren als durch Abholzung, Brandrodung und Plantagen. Man gewinnt etwas Zeit. Die Zerstörung geht langsamer voran, ist entschieden sanfter, ein kleines bisschen weniger gewinnorientiert und verschafft nicht nur den Reisenden, sondern allen Beteiligten ein gutes Gewissen. Die Tragik dieser Geschichte besteht darin, dass man gar nicht ernsthaft auf diese Tourismusprojekte schimpfen kann, weil man dann Brandrodungen und Plantagenwirtschaft nur noch weiter Tür und Tor öffnen würde.

Wenn ich solche Artikel lese, wie heute den in der F.A.Z., werde ich traurig. Meine Trauer gilt nicht nur dem Aussterben eines faszinierenden Lebewesens wie dem Orang-Utan und dem Verschwinden eines vielgestaltigen Ökosystems wie dem Regenwald, sie sitzt tiefer.

Ich sehe, wie auf der Welt nach und nach alles verschwindet, was nicht menschlich ist. Es gibt keine Gebiete mehr, die unerschlossen sind und sich dem Menschen und seinem unersättlichen Besitz- und Erkenntnisdrang entziehen. Es gibt keine „dunklen Flecke“ mehr, wo geheimnisvolle Dinge stattfinden, von denen wir Menschen nichts wissen. Es gibt nichts Unbekanntes und damit kein Geheimnis mehr. Wir wissen alles, sogar, dass im Regenwald auf Sumatra noch 14.000 Orang-Utans leben.

Ich merke zunehmend, dass mir etwas fehlt, wenn wir Menschen alles wissen. Sogar etwas Wichtiges. Ich frage mich, ob ich tatsächlich alles über die Welt wissen will. Müssen wir den Wissenschaftlern und Forschern wirklich dankbar sein, wenn sie der Natur jedes Geheimnis entreißen?

Europa vom Flugzeug aus betrachtet, kommt mir schrecklich langweilig vor. Unser hochzivilisierter Kontinent sieht von oben wie eine Patchworkdecke aus lauter Vierecken und Quadraten aus. Das einzig Unregelmäßige sind die Städte. Der Mensch hat den Kontinent vollständig in Besitz genommen. Überall begegnet er nur noch sich selber. Kein Wunder, dass viele Europäer im Urlaub nach Afrika und Asien fliegen, um dort noch einen letzten Rest unberührter Natur, Geheimnis und Abenteuer zu suchen.

In einer Welt, in der nach und nach alles verschwindet, was nicht-menschlich ist, verschwindet nicht nur das Fremde und Geheimnisvolle, das unserem Leben Würze und Spannung gibt. Es geht ein Gegenpart, ein Sparringpartner, ein Widerstand verloren, der unser Menschsein begrenzt und ihm dadurch Form und Kontur verleiht. Wir brauchen das ANDERE und die ANDEREN, um zu erfahren, wer wir als Menschen sind. Definitionen geschehen in Abgrenzung zueinander. Wir erfahren nicht mehr, wer wir Menschen sind, wenn wir uns nur noch mit Menschen und Menschlichem umgeben. Aber das scheint unser Weg zu sein.

Wohin wir auch reisen, begegnen wir vor allem Menschen und wieder Menschen, Massen von Menschen, und diese werden einander immer ähnlicher, ganz egal, ob sie nun weiße, gelbe oder schokoladenbraune Haut haben. In jeder Großstadt, ob in Asien, Amerika, Europa oder Afrika finden sich fast identische Strukturen aus Verkehrswegen, Hotels, Shopping-Zonen, Banken, Tempeln (Kirchen) und Parks. Überall auf der Welt gibt es Coca Cola, Kaffee, Tee, Alkohol, Süßigkeiten und Sandwiches. Überall gibt es dieselben Marken, dieselbe Marmeladen, dieselben Dosen, dieselben Klamotten, ja sogar dasselbe Obst, wenn auch in unterschiedlicher Geschmacksintensität. Jede Großstadt ist geschäftig, laut und nachts grell beleuchtet. Je zivilisierter wir werden, desto ähnlicher werden unsere Wohnorte und desto austauschbarer wir selbst. Was wir Zivilisation nennen, ebnet alle Unterschiede ein.

Je mehr die Natur und mit ihr das ANDERE und die ANDEREN verschwinden, desto mehr gerät die Welt zu einem Spiegelkabinett, in dem wir immer nur noch uns selber begegnen. Ja, mir fehlt da was.

Die Mär vom Ende des Ölzeitalters

Als Menschen leben wir in Geschichten, nicht in der Wirklichkeit. Was wir uns von morgens bis abends erzählen, sind unsere eigenen Erfindungen. Wir sind nicht die Schöpfer der Welt, aber von Geschichten über die Welt. Manche dieser Geschichten sind sehr mächtig. Sie haben das Potenzial, die Welt zu verändern. Mächtige Geschichten verbreiten sich. Das heißt, sie werden von immer mehr Menschen geglaubt, die ihr Leben schließlich an dieser Geschichte ausrichten. Die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters ist eine solche mächtige Geschichte.

Die Geschichte, die uns erzählt wird, geht folgendermaßen: Wir haben in der Vergangenheit bereits mehr als die Hälfte der fossilen Brennstoffe verbraucht. Zumindest, was Erdöl angeht. Aber auch Erdgas und Kohle sind endliche Ressourcen. Atomkraft ist wegen der damit verbundenen Risiken keine wirkliche Option, und wäre sie eine, würde uns das nicht viel weiter bringen, denn das zur Verfügung stehende Uran hält auch nicht besonders lange vor. Auf die Zeit der Fülle und Verschwendung wird also demnächst unweigerlich die Zeit des Mangels folgen. Den fetten folgen die mageren Jahre, das wusste schon die biblische Geschichte um Josef, der McKinsey des damaligen Pharaos. Uns Modernen geht es heute nicht anders. Wie der kluge Pharao müssen wir dem kommenden Mangel vorbeugen und deshalb auf erneuerbare Energien setzen. Das sind Holz, Biomasse, Wasserkraft, Wind und Sonnenenergie. Wir können den Weltenergiebedarf auch bei steigender Weltbevölkerung ganz und gar aus erneuerbaren Energiequellen schöpfen, wenn wir uns entsprechend einschränken und die Energien achtsam und effizient nutzen.

Ich erinnere mich daran, dass in meiner Jugend Holzheizungen wegen ihrer schädlichen Emissionen verboten waren. Und jetzt sollen sie uns und unseren Kindern plötzlich die Zukunft sichern? Klar, die Abgastechnik hat in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Eine moderne Heizung stößt nur noch einen Bruchteil der Schadstoffe aus wie eine von 1960. Auch die Energieeffizienz dieser Öfen hat sich verbessert. Mit ein paar Scheiten Holz kann man die Wohnung wohlig heizen und am nächsten Morgen sogar noch die Nachwärme genießen. Das hört und fühlt sich wunderbar an.

Es gibt ein paar Sachen, die in der Geschichte nicht erzählt werden: Aufgrund unserer zunehmenden Neigung zum Alleinleben brauchen immer mehr Menschen einen Holzofen und die entsprechende Menge an Brennmaterial. Die Wohnfläche pro Person hat sich seit 1950 mehr als verdoppelt und dieser zusätzliche Raum will beheizt werden. Dass dies in der Geschichte nicht auftaucht, liegt daran, dass der oder die Erzähler auf die zusätzliche Wohnfläche nicht verzichten wollen. Ebensowenig wollen sie ihren beheizten Wohnraum wie früher mit der Großfamilie teilen, zu der eben auch schreckliche Tanten und Onkel gehören, die man lieber von hinten oder gar nicht sieht.
An solchen wundersamen Aussparungen erkennt man übrigens, dass es sich bloß um eine Geschichte und nicht um die Wirklichkeit handelt.

Was auch nicht erzählt wird, ist, dass Holz in Europa schon mal der Hauptenergielieferant gewesen ist. Holz hat schon in der Antike nicht ausgereicht, als bloß ein paar Millionen Menschen in Europa lebten. Das Ergebnis war nämlich, dass der Kontinent abgeholzt wurde. Das zur Verfügung stehende Holz hat selbst dann nicht gereicht, als neugegründete Forstbehörden Abgeholztes in schnell wachsenden Fichten-Monokulturen systematisch wieder aufgeforstet haben. Ersetzt man Holz durch noch schneller wachsende Biomasse, versucht man, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, denn je schneller Pflanzen wachsen, desto mehr laugen die Böden aus und müssen mit Erdölprodukten gedüngt werden. Dass die Waldflächen in Deutschland im 20. Jahrhundert netterweise wieder zugenommen haben, ist übrigens den fossilen Energieträgern zu verdanken, die billiger als Holz waren.

Wenn Holz so langsam nachwächst, dass es nicht für eine Milliarde Menschen reicht, wie soll es dann für sieben, acht, zehn Milliarden Menschen reichen? Holz steht also nur in begrenzten Mengen zur Verfügung und kann die Energielücke, die durch den Wegfall der fossilen Brennstoffe entsteht, keinesfalls schließen. Zumal die Erzähler dieser Geschichte ja auch noch suggerieren, dass wir in Zukunft trotz verstärkter Holznutzung rings um uns herum naturnahe Wälder haben werden, die unserer Erholung dienen und schöne Wander- und Joggingwege für uns bereithalten.

Wasserkraft ist eine Energiequelle, die schon seit langer Zeit genutzt wird. Man hat nie damit aufgehört, Wasserkraft zu nutzen, wo es sinnvoll ist, sie zu nutzen, auch im Ölzeitalter nicht. Zur sinnvollen, also weitgehend schadlosen Nutzung brauchen Flüsse allerdings ein bestimmtes Gefälle, sonst veralgen und verschlammen sie und sterben ab. Wasserkraft kann in Europa nicht mehr in nennenswert größerem Umfang ausgebeutet werden. Hier sind die Grenzen schon fast erreicht.

Bleiben also Wind und Sonne. Beides sind sogenannte volatile Energieträger, das heißt, sie stehen nicht konstant zur Verfügung, sondern eben bloß, wenn der Wind bläst und die Sonne scheint. Zudem liefert die Sonne immer dann besonders viel Energie, wenn man sie gar nicht braucht, nämlich im Sommer. Weder will man im Sommer heizen noch vermehrt die Maschinen laufen lassen und arbeiten.

Ein Stromnetz ist eine empfindliche Angelegenheit. Wenn zuviel Strom eingespeist wird, bricht es ebenso zusammen, wie wenn zuviel entnommen wird. Wind und Sonne garantieren keine gleichmäßige Einspeisung. Die Energiewende in Deutschland sieht realiter so aus, dass die herkömmlichen Kraftwerke annähernd gleich viel Energie wie vor der besagten Wende produzieren müssen. Durch den in Angriff genommenen Verzicht auf Atomkraft wurden sogar alte Kraftwerke, deren Emissionen gewaltig und deren Effizienz schlecht ist, wieder in Betrieb genommen. Das angeblich ach so umweltfreundliche Öko-Deutschland ist deshalb, was die CO2-Bilanz angeht, durchaus kein Vorzeigeland. Seit der Energiewende sind die Emissionen nämlich angestiegen. Auch das ist etwas, das in der Geschichte der erneuerbaren Energien meist verschwiegen wird.

Wie man sieht, stimmt an der Geschichte, wie sie uns von den Verfechtern der Energiewende erzählt wird, so manches nicht.

Man könnte die Geschichte von den erneuerbaren Energien allerdings auch anders erzählen. Es ist richtig, dass die Vorräte an fossilen Brennstoffen, die in der Erde verbuddelt sind, zur Neige gehen. Aber es ist möglich, aus Sonnenenergie, Kohlenstoff und Wasser synthetische Treibstoffe herzustellen, also künstliches Benzin zu machen. Es ist auch richtig, dass die Sonne uns weitaus mehr Energie zur Verfügung stellt, als wir nutzen können. Es ist richtig, dass die Sonne eine schier unerschöpfliche Energiequelle ist. Energie steht uns im Überfluss zur Verfügung. Deshalb macht es auch nichts, wenn das Energieverhältnis von Sonne zu künstlichem Benzin ein miserables ist und man sehr viel Sonnenlicht braucht, um ein bisschen Benzin oder Öl zu gewinnen. So schlecht sieht es aber gar nicht aus. Aus 100 Megawatt Sonneneinstrahlung lassen sich anscheinend 16.000 Liter Benzin pro Tag gewinnen. Wer es nicht glauben will, kann es hier nachlesen.

In dieser Geschichte, die uns die Wissenschaftler der ETH Zürich erzählen, gibt es gar keine Mangelsituation. Vorzugsweise in den Wüsten der Welt, wo es sowieso kaum Leben gibt und also nichts zerstört wird, könnte man, wenn man wollte, gigantische Solaranlagen errichten, die synthetische Treibstoffe produzieren und den Weltbedarf abdecken. Das Leben könnte grade so weitergehen wie bisher oder sogar noch bequemer werden.

Diese Geschichte der Fülle, der Verschwendung und eines Lebens im technischen Schlaraffenland ist genauso möglich wie die Geschichte, dass wir nachhaltig wirtschaften, uns einschränken und klein machen müssen. Die Geschichte, dass wir bescheiden werden und uns überdies in unserer Bescheidenheit kontrollieren lassen müssen, ist die mächtigere der beiden Varianten. Tatsächlich werden überall in Europa in den Haushalten ja schon intelligente Stromzähler eingebaut, die uns in absehbarer Zukunft vorschreiben werden, wann wir die Waschmaschine einschalten dürfen und wann nicht. Warum tun wir uns das an?

Die Frage ist, warum wir lieber an eine Geschichte des Mangels und der Einschränkung glauben als an eine Geschichte der Fülle und der Verschwendung? Wieso findet die Geschichte des synthetischen Benzins nicht dieselbe oder sogar mehr Resonanz als die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters? Zumal die Geschichte mit dem künstlichen Treibstoff weniger Lücken und Brüche hat als die Mangelgeschichte und uns ein deutlich angenehmeres Leben bieten würde. Das ist doch seltsam, oder?

Auf diese Frage gibt es zwei unterschiedliche Antworten. Die erste Antwort ist, dass die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters und des darauf folgenden Mangels eine religiöse ist und dass es hier wie in allen religiösen Geschichten darum geht, die Mitmenschen in Angst und Schrecken zu versetzen und auf diese Weise nicht nur in Abhängigkeit, sondern auch klein zu halten. Das Herrschaftsinstrument aller religiösen Gruppierungen ist und bleibt nun mal die Angst, die man verbreitet. So eben auch hier.

Die zweite und das ist meine persönliche Antwort ist, dass ich in diesem technischen Schlaraffenland nicht glücklich bin. Ich brauche nicht noch mehr Straßen, noch mehr Hochhäuser, noch mehr Gewerbegebiete, noch mehr Ölraffinerien, noch mehr Stromleitungen, noch mehr Kondensstreifen am Himmel und noch mehr technischen und sonstigen Schnickschnack um mich herum. Die Welten wie sie in Star Wars, Blade Runner und anderen SF-Filmen gezeichnet werden, sind für mich Horrorwelten. Ich habe kein gesteigertes Verlangen danach, in Flugbooten durch irgendwelche Straßenschluchten zu rasen und die Nacht vollständig zum Tag zu machen oder umgekehrt. Ich brauche zum Glücklichsein Weite, Natur, Tiere und Pflanzen um mich herum, und das Ganze möglichst abwechslungsreich und bunt gestaltet.

Im selben Maß, wie die technisch-industrielle Welt um mich herum zunimmt, lähmt sie mich und nimmt mir die Lebensfreude. Ich denke automatisch, so wie die Welt in meiner Kindheit war, war sie noch in Ordnung. Klar, das ist natürlich subjektiv. Jeder technische Fortschritt, den ich live miterlebt habe, hat die Welt für mich nicht verbessert, sondern bei näherer Betrachtung immer mehr Nach- als Vorteile für mich gehabt. Allerdings bin ich schon in eine Welt mit Kühlschrank, Waschmaschine und Auto hineingeboren. Wobei sich die Zahl der Autos damals nicht mit der von heute vergleichen lässt.

Deshalb ist jede Geschichte, die den technischen Fortschritt zugunsten einer natürlichen Umwelt eindämmt, für mich zuerst mal eine gute Geschichte. Aber die Geschichten müssen wahr sein. Je wahrer, desto besser. Eine unwahre Geschichte bewirkt nämlich genau das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist.

Die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters und den erneuerbaren Energien als zukunftsträchtiger Ersatz ist eine unwahre Geschichte, wenn sich Öl künstlich aus Sonnenlicht, Kohlenstoff und Wasser herstellen lässt. Die erneuerbaren Energien, so wie sie derzeit eingesetzt werden, haben bei näherer Betrachtung mehr Nach- als Vorteile und können unseren auf eine gewisse Konstanz angewiesenen Energiebedarf nicht decken. Das ist nämlich physikalisch nicht möglich, und gegen die Gesetze der Physik kommen unsere Geschichten dann doch nicht an. Diese Geschichte wird uns also nicht in die angenehme Zukunft führen, wie ich sie mir und vielleicht auch viele andere sich erträumen. Sondern in eine Diktatur. Wenn die Geschichte so umgesetzt wird, wie sie erzählt wird, läuft es darauf hinaus, die Menschen an die volatilen Energieträger Sonne und Wind anzupassen. Konkret sieht das so aus, dass dem Menschen die Energiemenge zugeteilt wird, die er verbrauchen darf. Und da gibt es eben jemand, der das bestimmt. Ob das nun ein Diktator, eine Öko-Partei, eine Expertenkommission oder eine KI ist, ist im Endeffekt egal. Die intelligenten Stromzähler sind schon mehr als nur ein Schritt in diese Richtung.

Wir sollten gründlich über die Geschichten nachdenken, die wir uns selber und unseren Mitmenschen erzählen. Es ist gut möglich, dass der bevorstehende Energiemangel in Wirklichkeit erst durch die Maßnahmen erzeugt wird, die aufgrund der Geschichten vom Ende des Öls und von den erneuerbaren Energien ergriffen werden.

Freiheit, die ich meine …

Tiere handeln instinktiv. Das ist ihnen angeboren. Es ist noch nicht mal so, dass Mama Bär oder Papa Luchs ihrem Nachwuchs instinktives Handeln explizit beibringen. Stattdessen wecken Tiereltern bei ihren Jungen durch Vormachen den Instinkt und bringen ihn zur Entfaltung, ähnlich wie der erste Atemzug die Lunge zur Entfaltung bringt. Der Instinkt ist für die jeweils artspezifischen Verhaltensweisen verantwortlich. Einzelne Exemplare einer Spezies können zwar individuelle Verhaltensweisen und Vorlieben ausbilden, aber alles in allem verhält sich ein freilebendes Tier wie seine Vorfahren vor hundert, tausend oder zehntausend Jahren. Doch auch da, wo Verhaltensweisen einer Spezies sich grundsätzlich ändern, erfolgen die Veränderungen aus dem Instinkt heraus und entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Anpassung an eine sich ebenfalls gerade verändernde Umwelt.

Ein Tier ist also in seinem Verhalten an seinen Instinkt gebunden. Das löst in uns Menschen die Vorstellung von Unfreiheit aus. Instinkt wird gerne mit einem in den Genen codierten Programm verglichen, das nach vorgegebenen Regeln abläuft. Instinkt bringen wir deshalb mit Automatismen und stupiden Reiz-Reaktions-Schemata in Verbindung. Mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf sind wir Menschen froh, dass wir uns als zunehmend weniger instinktgebunden erfahren. Im Gegensatz zum Tier halten wir Menschen uns für frei und flexibel. Sind wir das wirklich?

Es ist schon mal falsch, im Instinkt so was wie ein Herrschaftsinstrument zur Unterwerfung des Tiers zu sehen. Instinkt äußert sich nicht über eine innere Stimme, die pausenlos Befehle erteilt, sich als Pflichtgebot bemerkbar macht. Instinkt ist kein Du sollst … oder Du musst … . Wer sich so was vorstellt, überträgt rein menschliche Erfahrungen unreflektiert aufs Tier. Machtverhältnisse, wie sie den Beziehungen zwischen Herr und Knecht, Chef und Untergebenen, Obrigkeit und Untertanen entsprechen, gibt es im Tierreich nicht in dieser Form. Das Alpha-Tier beutet die Mitglieder seines Rudels oder seiner Herde nicht aus, wie menschliche Herrschaftsverhältnisse das nahelegen. Es gibt deshalb auch keinen inneren Imperator mit einem Thronsessel in der DNA-Struktur.

Wenn ein Tier Hunger hat, ist es eins mit seinem Hunger. Es steht nicht neben sich, um sich seines Hungers erstmal bewusst zu werden. Für diese Bewusstwerdung braucht es nämlich Selbstbeobachtung, und genau diese fehlt dem Tier. Selbstbeobachtung ist weit mehr, als sich bloß im Spiegel erkennen und damit eine wie auch immer geartete Ich-Vorstellung zu haben. Ein Tier zerfällt nicht in eine handelnde Instanz und eine Instanz, die dieses Handeln beobachtet und darüber reflektiert. Deshalb zerfallen für ein Tier Hunger und Fressenwollen auch nicht in Ursache und Wirkung. Erst eine reflektierende Instanz kann künstlich einen Unterschied setzen und den Schluss ziehen, dass ein Hungergefühl den Wunsch nach Nahrungsaufnahme erzeugt. Wie der Hunger erst durch Selbstbeobachtung als Hunger bewusst wird, so entsteht auch der Wille erst durch Selbstreflexion. Ohne Bewusstwerdung gibt es keinen Willen. Die Bewusstwerdung des eigenen Willens erfolgt zudem so gut wie immer in der Negation. Erst wenn man gegen seinen Willen handelt oder gezwungen wird, gegen seinen Willen zu handeln, wird einem bewusst, dass man so etwas wie einen Willen hat.

Auch als Mensch kann ich immer noch die Erfahrung machen, dass der Wille verschwindet, sich in Nichts auflöst, wenn ich ganz eins mit meinen Instinkten bin. Ich habe diese Erfahrung zwei- oder dreimal in lebensgefährlichen Situationen gemacht. Das Nichtvorhandensein des Willens ist etwas grundsätzlich anderes, als seinen Willen zu bekommen. Aus seinem Instinkt heraus zu handeln, ist auch nicht dasselbe, wie im Flow zu sein, wo man wie auf einer Welle schwimmt und alles mühelos wie von selbst zu gehen scheint.

Instinkt drückt sich nicht über eine innere Stimme aus, die Befehle erteilt, sondern als nicht hinterfragbares, vereinheitlichtes Gefühl. Ein Tier lebt seine Lust, oder in der Negation, seine Unlust. Das ist Instinkt. Dabei ist die Lust das, was dem Tier am meisten nützt, und die Unlust das, was das Tier vor Schaden bewahrt. Wenn man tut, was einem am meisten nützt, und vermeidet, was einem schadet, kann man zu recht von einem geglückten Leben sprechen.

Freiheit ist nicht dadurch definiert, dass man von zwei Übeln das kleinere wählt oder seine Entscheidung anhand einer Liste von Pros und Contras austüftelt. Freiheit ist, in vollkommenem Einklang mit seinen Gefühlen zu handeln. Von Nutz- und Haustieren einmal abgesehen, ist jedes Tier deshalb frei. Jedes wild lebende Tier verwirklicht Freiheit in einem Maß, von dem wir Menschen nicht mal träumen können.

Menschen sind aus zweierlei Gründen nicht frei. Zum Einen unterscheiden die allermeisten Menschen zwischen guten und schlechten Gefühlen und treffen eine Wertung zugunsten der guten Gefühle wie Freude, Liebe, Glück, Dankbarkeit, Zufriedenheit. Das sind die Gefühle, die nicht nur sein dürfen, sondern jeden, der was auf sich hält, permanent aus- und erfüllen müssen. Es sind Gefühle, die angeblich das Miteinander fördern. Das Paradies oder der Himmel als idealisierte Vorstellungen von Glück besteht ausschließlich aus solch guten Gefühlen, und das Ziel des Menschen besteht darin, das Paradies auf Erden zu errichten bzw. den Himmel auf die Erde zu holen.

Allen Gefühlen, die keine guten oder angenehmen sind, wie Zorn oder Neid, bringen wir tiefes Misstrauen entgegen. Der Mensch hat vergessen, dass die angeblich schlechten Gefühle ihm gerade so beim Überleben helfen wie die guten. Stattdessen glaubt er, dass sie die Quelle von Gewalt und Aggression sind und deshalb nicht ausgelebt, sondern im Zaun gehalten, unterdrückt oder gar ganz abgeschafft werden müssen. Das heißt, es gibt nicht nur einen inneren Beobachter, der sich seiner Gefühle bewusst wird, sondern außerdem einen Richter, der die Gefühle in gute und schlechte unterteilt, und desweiteren einen Kontrolleur, der absegnet, dass gute Gefühle gelebt werden, während er das den schlechten Regungen verbietet.

Ein sehr bewusster Mensch mit einer entsprechenden Schulung verdrängt die schlechten Gefühle nicht, sondern leitet sie in Kanäle, die sein innerer Kontrolleur für unschädlich hält. Ein solcher Mensch erlaubt sich, seine Wut an einem Kissen oder einem Sandsack abzureagieren, aber er verbietet sich, die Wut an dem auszulassen, der sie verursacht hat.

Mit einem solchen Dreigestirn aus Beobachter, Richter und Kontrolleur an der Seite seiner Gefühle, kann der Mensch nicht frei sein, sondern wird zu seinem eigenen Gefängnis. Die allermeisten Menschen halten das für gut und sinnvoll, ja sogar für notwendig. Deshalb ist Bewusstwerdung nicht nur in spirituellen Kreisen absolut angesagt. Es soll mir aber niemand erzählen, dass es beim neutralen Beobachten bleibt. Hinter dem Rücken des Beobachters verbergen sich immer der Richter und der Kontrolleur, auch wenn sie nicht offen in Erscheinung treten.

Ich habe so den Verdacht, dass der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur gerade erzeugen, was sie unbedingt vermeiden wollen, nämlich Hass, Gewalt und Aggression. Mit dem Ergebnis, dass der Mensch alle anderen Lebewesen, die den Planeten bevölkern, an Gewalttätigkeit und Aggressivität bei Weitem übertrifft. Wenn Gefühle wie Zorn oder Neid unterdrückt und negiert werden, lösen sie sich deshalb noch lange nicht auf. Sie lösen sich auch nicht auf, wenn sie ersatzweise an einem Kissen abreagiert werden. Sie akkumulieren sich, und so wird aus einem Schneeball dann irgendwann eine Lawine. Ein Schneeball tötet nicht, eine Lawine hingegen schon.

Zum Anderen ist der Mensch das Tier, das sein Innenleben nach und nach vollständig veräußerlicht und sich dabei sich selbst entfremdet. Gilbert Dietrich nennt den Menschen das Tier des endlosen Outsourcing.

In dieser Veräußerlichung verkehrt sich die ursprüngliche Freiheit ins Gegenteil, nämlich in absolute Unfreiheit. An die Stelle des Instinkts tritt beim Menschen ein Lernprozess, und dabei lernt der Mensch lauter Dinge, die seinem ursprünglichen instinktiven Gefühl in der Regel zuwiderlaufen. Ein Baby, das Lust auf Milch und Wärme hat, lernt ziemlich schnell, dass es seine Bedürfnisse zurückstellen muss. Ein Kleinkind, das sich Sand und Würmer in den Mund stecken will, wird schon daran gehindert, sobald es nach dem Wurm gegriffen hat. Ein Schulkind, das seinen Bewegungsdrang austoben will, lernt stattdessen, fünf Stunden lang still auf dem Stuhl zu sitzen. Durch Lernen kommt es zu einer Umwertung des instinktiven Gefühls. Das Kind erfährt eine positive Resonanz auf Dinge, die ihm schaden, und eine negative auf Dinge, die ihm nutzen. Kein Wunder, dass sich der Mensch deshalb in einer natürlichen Umwelt gar nicht mehr zurechtfindet.

Was ein Kind lernen will, ist auch nicht ihm selbst überlassen. Dass es in den Kindergarten und zur Schule gehen muss, gilt als selbstverständlich. So erfährt ein Kind sein Leben schon früh als eine Abfolge von Regeln, Ge- und Verboten. Aus dem, was mal Instinkt war, wird in dieser Veräußerlichung nun ein Regelapparat, wobei die Regeln häufig widersprüchlich sind und mal so und mal so gehandhabt werden. Das Kind kann sich weder auf sein Gefühl noch auf seine Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit verlassen. Die Verwirrung ist komplett. Dies ist der sogenannte Zivilisationsprozess, der nicht nur identisch mit der Geschichte der Menschheit ist, sondern sich auch in jedem einzelnen Menschen vollzieht.

Der Mensch hält sich für frei, weil er an fast jedem Ort der Erde leben kann, im ewigen Eis ebenso wie in den Tropen. Es ist richtig, dass der Mensch von natürlichen Verhältnissen wie Klima, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Tag und Nacht, Sommer und Winter scheinbar immer unabhängiger wird. Dafür ist er umso abhängiger von seiner selbstgemachten Umwelt, die aus Stadtlandschaften, Industriegebieten und landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen besteht. Das herausragende Merkmal der vom Menschen geschaffenen Lebenswelt ist Monotonie. Die Städte auf der ganzen Welt sehen heute zum Verwechseln ähnlich aus. Egal, ob man sich in Alaska, auf Feuerland, in Zentralafrika oder Südostasien bewegt, man findet sich zurecht, weil die städtischen Strukturen wie beispielsweise das Verkehrsnetz in allen Städten ähnlich sind. Im Zentrum gibt es gigantische Hochhäuser, Einkaufsstraßen, Hotels, Tempel oder Kirchen, Museen und Parks. In der Peripherie einerseits Wohngebiete mit reicheren und ärmeren Vierteln bis hin zu Slums. Andererseits Gewerbe- und Industriegebiete. Es genügt, eine Stadt gesehen zu haben, um alle zu kennen. Was die Monotonie von industriell genutzten Ackerflächen angeht, erübrigt sich wohl jeder Kommentar.

In ihrer zunehmenden Vereinheitlichung und Vernetzung wird die von Menschen geschaffene Lebenswelt gegenüber natürlichen Einflüssen jedoch zunehmend fragiler. Das eigentliche Problem, dem wir uns heute gegenübersehen, ist nicht der Klimawandel als solcher, denn der Homo Sapiens hat schon viele Klimawandel mitgemacht. Das Problem besteht darin, dass schon kleinste Unregelmäßigkeiten heute riesige Probleme verursachen, weil unsere technische Lebenswelt insgesamt instabiler geworden ist. Vor fünfzig Jahren konnten Züge auch bei dichtem Schneefall fahren, heute fallen Züge bereits aus, wenn mal bloß ein Zentimeter Schnee runterkommt. Von einem zunehmend fragiler werdenden Gesamtsystem existenziell abhängig zu sein, hat mit Freiheit nichts mehr zu tun.

Der Mensch glaubt, frei zu sein, weil er angeblich so viele Möglichkeiten hat, zwischen denen er sich entscheiden kann. Tatsächlich wird aber jeder Mensch zuerst einmal erzogen, was seine Möglichkeiten schon ziemlich einschränkt. Dann durchläuft jeder Mensch ein Schulsystem, das seine Möglichkeiten weiter einschränkt. Was die Berufsausbildung angeht, kann ein junger Mensch lediglich wählen, wo in diesem arbeitsteiligen System er sich eingliedern, welches Rädchen er spielen will. Wer sich einer Berufsausbildung und den sonstigen Regeln verweigert, wird vom System ausgespuckt. Irgendwer hat mal gesagt, dass es in Deutschland eine Einheitspartei mit unterschiedlichen Farben gibt und man immer nur diese eine Partei wählt, egal, ob man nun rot, grün, schwarz oder gelb ankreuzt. So steht es mit unseren Wahlmöglichkeiten. Bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich als unbedeutende Akzidentalien, nicht als Essenzialien.

Wenn der Mensch das Tier ist, das sein Innenleben veräußerlicht, so finden natürlich auch der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur ihre realen Entsprechungen in der von Menschen geschaffenen Lebenswelt. Schon immer haben Menschen einander kontrolliert. Diese Aktivitäten haben sich in Institutionen, Organisationen und Ämtern mit den entsprechenden Berufsbildern nicht nur schon längst verselbständigt, sie bekommen in einem zunehmend komplexer werdenden Gesamtsystem  auch immer mehr Gewicht. Heute kann kaum ein Mensch sein Haus noch selber bauen. Daran sind nicht nur mangelnde Fähigkeiten, sondern auch die eskalierende Flut von Vorschriften schuld, die der Gesetzgeber oder irgendeine EU-Kommission erlassen hat.

Tiere ob ihres vermeintlich gencodierten Instinkts als unfrei und gesteuert zu bedauern, entspringt dem Neid derer, die sich inzwischen in der Unfreiheit zuhause fühlen. Ich fürchte, die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, wie sich Freiheit wirklich anfühlt.

Abgesang auf die Natur

Ende September bin ich über halb Europa geflogen. Ich hatte das Vergnügen, in kleinen Fliegern zu sitzen, auf einer Teilstrecke war es sogar ein altes Propellerflugzeug. Deshalb war die Flughöhe weitaus geringer, als dies bei großen Passagierflugzeugen der Fall ist. Da es zudem ein schöner und wolkenloser Tag war, konnte ich mir also ein gutes Stück Europa in aller Ruhe von oben betrachten.

Europa hat aus dieser Perspektive was von einem Schachbrett und die einzelnen Felder was von Ritter-Sport-Schokolade: quadratisch, praktisch, gut. Das Land sieht überwiegend aus wie mit dem Lineal konstruiert. Braune und gelbe Quadrate bzw. Rechtecke wechseln sich ab mit grünen und dunkelgrünen, aber viereckig ist fast alles. Selbst die großen Naturparks sehen von oben nicht natürlich aus, sondern nur wie größere Flicken innerhalb des menschengemachten Patchworks. Abgesehen vom alpinen Hochgebirge, von Seen und Flüssen sind es ausgerechnet die Stadtlandschaften, die nicht so aussehen, als wären sie am Reißbrett entworfen, sondern willkürlich und ungeordnet in die Gegend geklatscht. Von oben betrachtet, sehen Städte natürlicher aus als das, was wir für Natur halten.

Mir ist wieder einmal klar geworden, dass es in Europa Natur überhaupt nicht mehr gibt, wenn Natur als ungezähmtes, sich frei und unabhängig vom Menschen entfaltendes Leben verstanden wird. Das gibt es nicht mal mehr in den Wäldern, die uns ach so natürlich erscheinen. Die europäischen Wälder sind reine Kulturprodukte. Durch die umfassende, alles bestimmende Verschachbrettisierung der Landschaft, auch Landwirtschaft genannt, legt der Mensch in großem Stil fest, welche Tiere leben dürfen und welche nicht. Europa ist ein durch und durch von Menschen gestalteter und rein menschlichen Zwecken unterworfener Kontinent. Wo immer ein Europäer behauptet, er würde in einer natürlichen Umgebung wohnen, macht er sich selbst was vor.

Was in Europa wächst, blüht und gedeiht, sind Lebensformen, sie sich mit uns Menschen als dem alles bestimmenden Umweltfaktor arrangiert haben. Der Mensch glaubt gern, dass er Wildtiere gezähmt und Getreidesorten gezüchtet hat. Doch man kann das auch anders sehen. Nämlich so, dass sich die ehemaligen Wildformen dem Menschen angepasst haben. Aus Wölfen wurden Schoßhündchen. Aus Wildrindern Milchkühe. Aus Wildschweinen Massenware für die Fleischproduktion. Steppengräser mutierten zu Getreide und Mais. Nachtschattengewächse zu Kartoffeln und Tomaten. Als Menschen leben wir in Symbiose mit all den Nutzpflanzen und Haustieren, die heute unsere Umwelt bilden. Was anderes gibt es nicht. Wer es nicht glaubt, soll einfach mal in einem kleinen Flugzeug quer über Europa hinweg fliegen.

Umgekehrt hat sich in dieser Symbiose auch der Mensch angepasst und im Laufe der vergangenen zehntausend Jahre beispielsweise neue Verdauungsenzyme gebildet, die ihm den Verzehr von Milch, Brot, Butter, Wurst und Schokolade überhaupt erst erlauben. Es war nämlich nicht immer so, dass der Mensch das, was wir heute als gesunde Nahrung ansehen, auch vertragen hat. Vielleicht ist das, was heute als gesund gilt, schon wieder dabei, unverdaulich zu werden. Manche Allergien deuten auf eine solche Veränderung hin.

Jede Art von Landwirtschaft ist das Ergebnis der Herrschaft des Menschen über die Natur. Landwirtschaft ist nichts Natürliches, auch die angeblich ökologisch-biologische nicht. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich Öko und Bio als bloße Label, die dem Menschen ein gutes Gewissen verschaffen, damit er ungestört seine Dominanz über die Natur ausüben kann. Der Flächenverbrauch ist im biologischen Landbau beispielsweise wesentlich höher als im konventionell-industriellen. Bei den meisten Getreidesorten wird für denselben Ertrag mindestens ein Drittel, bei manchen sogar doppelt so viel Fläche verbraucht. Richtige Mischkulturen sind auch im Öko-Anbau unüblich. Es gilt ja schon als herausragende Leistung, wenn zwischen dem Getreide mal ein paar Kornblumen wachsen. Zudem kultiviert die ökologisch-biologische Landwirtschaft immer noch Anbaumethoden, die als überholt betrachtet werden können und durchaus nicht umweltfreundlicher sind als industriell-konventionelle Landwirtschaft. Im Gegenteil. So wird im Bio-Anbau beispielsweise als Pflanzenschutzmittel Kupfersulfat eingesetzt, das, würde es heute neu entwickelt, keine Zulassung mehr bekommen würde, da es in erheblichem Maß Mikroorganismen und Wasser schädigt.

Mit dem Schutz oder der Bewahrung einer nicht-menschlich geprägten, ursprünglichen Natur hat das alles überhaupt nichts zu tun. Die gibt es nämlich gar nicht mehr. Umweltschützer und Ökofreaks bilden bloß den Trauerzug hinter einem Sarg. Sie glauben, die Natur bewahren zu können, während sie in Wahrheit um etwas trauern, das längst dahin und verloren ist. In Europa sind wir am Endpunkt einer langen Entwicklung angekommen. Wir haben die einstmals wilde Natur vollständig gezähmt und auch den letzten Winkel in Kulturlandschaft umgewandelt. Requiescat in pace!

Was in Europa passiert ist, passiert überall auf der Welt. Der Mensch breitet sich aus, besetzt alle nur möglichen Lebensräume und verdrängt dabei die Lebensformen, die ihm keinen Nutzen bringen.

Weltweit sind von ursprünglich 62 Millionen Quadratkilometern Wald heute noch 14 Millionen übrig. Das ist nicht mal ein Viertel. Jedes Jahr schrumpft dieser kümmerliche Rest um weitere 130.000 Quadratkilometer. In Südamerika hat die Abholzung des Regenwaldes in den vergangenen drei Jahren wieder deutlich zugenommen, schon mal beschlossene Pläne zu seinem Schutz werden von Regierungen ad acta gelegt und von Unternehmen unterlaufen.

Manche Menschen glauben, die Zerstörung der ursprünglichen Natur aufhalten zu können, indem sie Vegetarier werden. Das führt jedoch nur dazu, dass die Tiere, die mit dem Menschen jetzt in einer Symbiose leben, auch noch verschwinden und durch weitere Menschenmassen ersetzt werden. Und wenn nicht durch Menschenmassen, dann durch weitere Technisierung. Alle unsere Fortschritte und Errungenschaften haben nämlich nur den Zweck, unsere menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Welt wird durch die Vegetarier also nicht vielfältiger, sondern nur noch eintöniger. So drehen wir uns ständig um uns selbst, in Kreisbewegungen, die immer größer werden.

Das, was der Mensch in der Welt anrichtet, kann man nur ertragen, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch ein Experiment der Natur ist. Natur dieses Mal nicht im Sinne einer Gegenüberstellung zum Menschengemachten, sondern als Prozess verstanden, in den der Mensch eingebettet ist. Mit all dem, was wir anleiern, erfinden, verändern, bewahren, zerstören und bauen, können wir uns aus diesem Prozess weder ausklinken noch ihn in die von uns gewünschte Richtung lenken. Wie sich ein mathematisches System nicht mit den Mitteln des Systems beweisen lässt, so lässt sich die Natur, als umfassender Prozess verstanden, nicht mit den Mitteln des Prozesses beherrschen. Und in diesem Fall ist der Mensch  nur ein Mittel.

Wenn sich der Mensch ethische Regeln geben will, dann sollte er das tun auf der Basis des Hineingeworfenseins in einen Prozess, den er weder beherrschen noch kontrollieren kann. Alles Andere ist Illusion. Der Schlüssel liegt in der Erkenntnis, dass der Mensch weder die Natur bewahren noch sonst einen Status quo aufrecht erhalten kann. Das Gegenteil trifft zu. Der Mensch steht nicht für Bewahrung, sondern für eine umfassende Umwälzung. Er ist der Katalysator für einen globalen Verwandlungsprozess, der bereits soweit fortgeschritten ist, dass er nicht mehr aufgehalten oder umgelenkt werden kann. Ethische Regeln müssen berücksichtigen, was der Mensch seinem Wesen nach tatsächlich ist, sonst sind sie sinnlos, weil sie gar nicht eingehalten werden können und nur Schuldgefühle verursachen, die weder der Welt noch dem Menschen etwas nützen.

Bei Nacht erinnert Europa übrigens an ein überdimensionales Gehirn. Die einzelnen Städte mit ihrer grandiosen Beleuchtung haben was von Nervenzellen, während die Straßen mit dem Fluss der Autos an Dendriten erinnern, die elektrische Impulse von einer Nervenzelle zur anderen weiterleiten und diese miteinander verbinden. Von oben betrachtet ergibt das ein dicht verwobenes, funkelndes Netzwerk mit einer ganz eigenen Ästhetik. So wie die steinernen Köpfe auf den verödeten Osterinseln eben auch ihre ganz eigene Ästhetik haben. Es war noch nie einfach, mit einer Bestimmung zu leben, die für andere Lebensformen zwangsläufig den Untergang bedeutet.