Das Verschwinden der ANDEREN

In gerade mal lächerlichen 22 Jahren (zwischen 1985 – 2007) ist auf Sumatra die Hälfte (!) des Regenwaldes verschwunden. Er musste Plantagen zur Gewinnung von Palmöl, Kautschuk und Papier weichen. Nicht selten ist die bevorzugte Methode der Umwandlung von Urwald in Plantage die Brandrodung. Allein im Jahr 2015 soll es in Indonesien mehr als 100.000 Waldbrände gegeben haben. Das heißt, der Lebensraum der Orang-Utans und anderer Urwaldbewohner verschwindet nicht nur peu à peu, sondern im Eiltempo. Haben diese Menschenaffen früher ganz Südasien und Nordindien bewohnt, findet man sie jetzt nur noch auf Sumatra und Borneo.

Zum Schutz der Orangs und anderer vom Aussterben bedrohter Tierarten setzen Regierungen und NGOs auf Öko-Tourismus. Das ist eine feine Sache, denn solche Projekte tragen zum Schutz der Umwelt und zum Wohlergehen der ansässigen Bevölkerung bei. In die betroffenen Regionen fließen Gelder, die pro Naturbewahrung verwendet werden (können). Arbeitsplätze entstehen und das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge wächst. So lautet der Plan, der ja zuerst mal ganz gut klingt. Wie der ökologisch verantwortliche Tourist dem Orang-Utan trotzdem auf die Pelle rückt, ist heute in der F.A.Z. zu lesen.

Denn in Wirklichkeit dringen immer mehr Touristen in einen sowieso schon bedrohten Lebensraum ein und stören sowieso schon vom Aussterben bedrohte Tierarten bei der Nahrungssuche, bei der Paarung und bei der Aufzucht der Jungen. In Bukuit Lawang auf Sumatra sind es täglich mehrere hundert Touristen, für die die Orang-Utans die große Attraktion sind. Bei den Führungen werden weder Schonzeiten beachtet noch Mindestabstände eingehalten. Die Orangs werden gefüttert und damit an die Menschen(massen) gewöhnt und auf bestimmte Verhaltensweisen hin dressiert. Die Touristen lassen ihre Abfälle im Wald liegen und verbreiten unter den Affen Krankheiten wie Hepatitis und andere Infektionen.

Wie man an diesem Beispiel erkennt, gereichen alle Vorteile dieser ökologisch motivierten Tourismusprojekte (Geld, Arbeitsplätze, Bewusstseinschaffung) den Menschen und alle Nachteile den Tieren und der Pflanzenwelt.

Die Tragik dieser für den Umgang des Menschen mit der Natur doch sehr typischen Geschichte besteht darin, dass es immer noch besser ist, die Natur und die Menschenaffen durch Tourismusprojekte zu dezimieren als durch Abholzung, Brandrodung und Plantagen. Man gewinnt etwas Zeit. Die Zerstörung geht langsamer voran, ist entschieden sanfter, ein kleines bisschen weniger gewinnorientiert und verschafft nicht nur den Reisenden, sondern allen Beteiligten ein gutes Gewissen. Die Tragik dieser Geschichte besteht darin, dass man gar nicht ernsthaft auf diese Tourismusprojekte schimpfen kann, weil man dann Brandrodungen und Plantagenwirtschaft nur noch weiter Tür und Tor öffnen würde.

Wenn ich solche Artikel lese, wie heute den in der F.A.Z., werde ich traurig. Meine Trauer gilt nicht nur dem Aussterben eines faszinierenden Lebewesens wie dem Orang-Utan und dem Verschwinden eines vielgestaltigen Ökosystems wie dem Regenwald, sie sitzt tiefer.

Ich sehe, wie auf der Welt nach und nach alles verschwindet, was nicht menschlich ist. Es gibt keine Gebiete mehr, die unerschlossen sind und sich dem Menschen und seinem unersättlichen Besitz- und Erkenntnisdrang entziehen. Es gibt keine „dunklen Flecke“ mehr, wo geheimnisvolle Dinge stattfinden, von denen wir Menschen nichts wissen. Es gibt nichts Unbekanntes und damit kein Geheimnis mehr. Wir wissen alles, sogar, dass im Regenwald auf Sumatra noch 14.000 Orang-Utans leben.

Ich merke zunehmend, dass mir etwas fehlt, wenn wir Menschen alles wissen. Sogar etwas Wichtiges. Ich frage mich, ob ich tatsächlich alles über die Welt wissen will. Müssen wir den Wissenschaftlern und Forschern wirklich dankbar sein, wenn sie der Natur jedes Geheimnis entreißen?

Europa vom Flugzeug aus betrachtet, kommt mir schrecklich langweilig vor. Unser hochzivilisierter Kontinent sieht von oben wie eine Patchworkdecke aus lauter Vierecken und Quadraten aus. Das einzig Unregelmäßige sind die Städte. Der Mensch hat den Kontinent vollständig in Besitz genommen. Überall begegnet er nur noch sich selber. Kein Wunder, dass viele Europäer im Urlaub nach Afrika und Asien fliegen, um dort noch einen letzten Rest unberührter Natur, Geheimnis und Abenteuer zu suchen.

In einer Welt, in der nach und nach alles verschwindet, was nicht-menschlich ist, verschwindet nicht nur das Fremde und Geheimnisvolle, das unserem Leben Würze und Spannung gibt. Es geht ein Gegenpart, ein Sparringpartner, ein Widerstand verloren, der unser Menschsein begrenzt und ihm dadurch Form und Kontur verleiht. Wir brauchen das ANDERE und die ANDEREN, um zu erfahren, wer wir als Menschen sind. Definitionen geschehen in Abgrenzung zueinander. Wir erfahren nicht mehr, wer wir Menschen sind, wenn wir uns nur noch mit Menschen und Menschlichem umgeben. Aber das scheint unser Weg zu sein.

Wohin wir auch reisen, begegnen wir vor allem Menschen und wieder Menschen, Massen von Menschen, und diese werden einander immer ähnlicher, ganz egal, ob sie nun weiße, gelbe oder schokoladenbraune Haut haben. In jeder Großstadt, ob in Asien, Amerika, Europa oder Afrika finden sich fast identische Strukturen aus Verkehrswegen, Hotels, Shopping-Zonen, Banken, Tempeln (Kirchen) und Parks. Überall auf der Welt gibt es Coca Cola, Kaffee, Tee, Alkohol, Süßigkeiten und Sandwiches. Überall gibt es dieselben Marken, dieselbe Marmeladen, dieselben Dosen, dieselben Klamotten, ja sogar dasselbe Obst, wenn auch in unterschiedlicher Geschmacksintensität. Jede Großstadt ist geschäftig, laut und nachts grell beleuchtet. Je zivilisierter wir werden, desto ähnlicher werden unsere Wohnorte und desto austauschbarer wir selbst. Was wir Zivilisation nennen, ebnet alle Unterschiede ein.

Je mehr die Natur und mit ihr das ANDERE und die ANDEREN verschwinden, desto mehr gerät die Welt zu einem Spiegelkabinett, in dem wir immer nur noch uns selber begegnen. Ja, mir fehlt da was.

Die Mär vom Ende des Ölzeitalters

Als Menschen leben wir in Geschichten, nicht in der Wirklichkeit. Was wir uns von morgens bis abends erzählen, sind unsere eigenen Erfindungen. Wir sind nicht die Schöpfer der Welt, aber von Geschichten über die Welt. Manche dieser Geschichten sind sehr mächtig. Sie haben das Potenzial, die Welt zu verändern. Mächtige Geschichten verbreiten sich. Das heißt, sie werden von immer mehr Menschen geglaubt, die ihr Leben schließlich an dieser Geschichte ausrichten. Die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters ist eine solche mächtige Geschichte.

Die Geschichte, die uns erzählt wird, geht folgendermaßen: Wir haben in der Vergangenheit bereits mehr als die Hälfte der fossilen Brennstoffe verbraucht. Zumindest, was Erdöl angeht. Aber auch Erdgas und Kohle sind endliche Ressourcen. Atomkraft ist wegen der damit verbundenen Risiken keine wirkliche Option, und wäre sie eine, würde uns das nicht viel weiter bringen, denn das zur Verfügung stehende Uran hält auch nicht besonders lange vor. Auf die Zeit der Fülle und Verschwendung wird also demnächst unweigerlich die Zeit des Mangels folgen. Den fetten folgen die mageren Jahre, das wusste schon die biblische Geschichte um Josef, der McKinsey des damaligen Pharaos. Uns Modernen geht es heute nicht anders. Wie der kluge Pharao müssen wir dem kommenden Mangel vorbeugen und deshalb auf erneuerbare Energien setzen. Das sind Holz, Biomasse, Wasserkraft, Wind und Sonnenenergie. Wir können den Weltenergiebedarf auch bei steigender Weltbevölkerung ganz und gar aus erneuerbaren Energiequellen schöpfen, wenn wir uns entsprechend einschränken und die Energien achtsam und effizient nutzen.

Ich erinnere mich daran, dass in meiner Jugend Holzheizungen wegen ihrer schädlichen Emissionen verboten waren. Und jetzt sollen sie uns und unseren Kindern plötzlich die Zukunft sichern? Klar, die Abgastechnik hat in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Eine moderne Heizung stößt nur noch einen Bruchteil der Schadstoffe aus wie eine von 1960. Auch die Energieeffizienz dieser Öfen hat sich verbessert. Mit ein paar Scheiten Holz kann man die Wohnung wohlig heizen und am nächsten Morgen sogar noch die Nachwärme genießen. Das hört und fühlt sich wunderbar an.

Es gibt ein paar Sachen, die in der Geschichte nicht erzählt werden: Aufgrund unserer zunehmenden Neigung zum Alleinleben brauchen immer mehr Menschen einen Holzofen und die entsprechende Menge an Brennmaterial. Die Wohnfläche pro Person hat sich seit 1950 mehr als verdoppelt und dieser zusätzliche Raum will beheizt werden. Dass dies in der Geschichte nicht auftaucht, liegt daran, dass der oder die Erzähler auf die zusätzliche Wohnfläche nicht verzichten wollen. Ebensowenig wollen sie ihren beheizten Wohnraum wie früher mit der Großfamilie teilen, zu der eben auch schreckliche Tanten und Onkel gehören, die man lieber von hinten oder gar nicht sieht.
An solchen wundersamen Aussparungen erkennt man übrigens, dass es sich bloß um eine Geschichte und nicht um die Wirklichkeit handelt.

Was auch nicht erzählt wird, ist, dass Holz in Europa schon mal der Hauptenergielieferant gewesen ist. Holz hat schon in der Antike nicht ausgereicht, als bloß ein paar Millionen Menschen in Europa lebten. Das Ergebnis war nämlich, dass der Kontinent abgeholzt wurde. Das zur Verfügung stehende Holz hat selbst dann nicht gereicht, als neugegründete Forstbehörden Abgeholztes in schnell wachsenden Fichten-Monokulturen systematisch wieder aufgeforstet haben. Ersetzt man Holz durch noch schneller wachsende Biomasse, versucht man, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, denn je schneller Pflanzen wachsen, desto mehr laugen die Böden aus und müssen mit Erdölprodukten gedüngt werden. Dass die Waldflächen in Deutschland im 20. Jahrhundert netterweise wieder zugenommen haben, ist übrigens den fossilen Energieträgern zu verdanken, die billiger als Holz waren.

Wenn Holz so langsam nachwächst, dass es nicht für eine Milliarde Menschen reicht, wie soll es dann für sieben, acht, zehn Milliarden Menschen reichen? Holz steht also nur in begrenzten Mengen zur Verfügung und kann die Energielücke, die durch den Wegfall der fossilen Brennstoffe entsteht, keinesfalls schließen. Zumal die Erzähler dieser Geschichte ja auch noch suggerieren, dass wir in Zukunft trotz verstärkter Holznutzung rings um uns herum naturnahe Wälder haben werden, die unserer Erholung dienen und schöne Wander- und Joggingwege für uns bereithalten.

Wasserkraft ist eine Energiequelle, die schon seit langer Zeit genutzt wird. Man hat nie damit aufgehört, Wasserkraft zu nutzen, wo es sinnvoll ist, sie zu nutzen, auch im Ölzeitalter nicht. Zur sinnvollen, also weitgehend schadlosen Nutzung brauchen Flüsse allerdings ein bestimmtes Gefälle, sonst veralgen und verschlammen sie und sterben ab. Wasserkraft kann in Europa nicht mehr in nennenswert größerem Umfang ausgebeutet werden. Hier sind die Grenzen schon fast erreicht.

Bleiben also Wind und Sonne. Beides sind sogenannte volatile Energieträger, das heißt, sie stehen nicht konstant zur Verfügung, sondern eben bloß, wenn der Wind bläst und die Sonne scheint. Zudem liefert die Sonne immer dann besonders viel Energie, wenn man sie gar nicht braucht, nämlich im Sommer. Weder will man im Sommer heizen noch vermehrt die Maschinen laufen lassen und arbeiten.

Ein Stromnetz ist eine empfindliche Angelegenheit. Wenn zuviel Strom eingespeist wird, bricht es ebenso zusammen, wie wenn zuviel entnommen wird. Wind und Sonne garantieren keine gleichmäßige Einspeisung. Die Energiewende in Deutschland sieht realiter so aus, dass die herkömmlichen Kraftwerke annähernd gleich viel Energie wie vor der besagten Wende produzieren müssen. Durch den in Angriff genommenen Verzicht auf Atomkraft wurden sogar alte Kraftwerke, deren Emissionen gewaltig und deren Effizienz schlecht ist, wieder in Betrieb genommen. Das angeblich ach so umweltfreundliche Öko-Deutschland ist deshalb, was die CO2-Bilanz angeht, durchaus kein Vorzeigeland. Seit der Energiewende sind die Emissionen nämlich angestiegen. Auch das ist etwas, das in der Geschichte der erneuerbaren Energien meist verschwiegen wird.

Wie man sieht, stimmt an der Geschichte, wie sie uns von den Verfechtern der Energiewende erzählt wird, so manches nicht.

Man könnte die Geschichte von den erneuerbaren Energien allerdings auch anders erzählen. Es ist richtig, dass die Vorräte an fossilen Brennstoffen, die in der Erde verbuddelt sind, zur Neige gehen. Aber es ist möglich, aus Sonnenenergie, Kohlenstoff und Wasser synthetische Treibstoffe herzustellen, also künstliches Benzin zu machen. Es ist auch richtig, dass die Sonne uns weitaus mehr Energie zur Verfügung stellt, als wir nutzen können. Es ist richtig, dass die Sonne eine schier unerschöpfliche Energiequelle ist. Energie steht uns im Überfluss zur Verfügung. Deshalb macht es auch nichts, wenn das Energieverhältnis von Sonne zu künstlichem Benzin ein miserables ist und man sehr viel Sonnenlicht braucht, um ein bisschen Benzin oder Öl zu gewinnen. So schlecht sieht es aber gar nicht aus. Aus 100 Megawatt Sonneneinstrahlung lassen sich anscheinend 16.000 Liter Benzin pro Tag gewinnen. Wer es nicht glauben will, kann es hier nachlesen.

In dieser Geschichte, die uns die Wissenschaftler der ETH Zürich erzählen, gibt es gar keine Mangelsituation. Vorzugsweise in den Wüsten der Welt, wo es sowieso kaum Leben gibt und also nichts zerstört wird, könnte man, wenn man wollte, gigantische Solaranlagen errichten, die synthetische Treibstoffe produzieren und den Weltbedarf abdecken. Das Leben könnte grade so weitergehen wie bisher oder sogar noch bequemer werden.

Diese Geschichte der Fülle, der Verschwendung und eines Lebens im technischen Schlaraffenland ist genauso möglich wie die Geschichte, dass wir nachhaltig wirtschaften, uns einschränken und klein machen müssen. Die Geschichte, dass wir bescheiden werden und uns überdies in unserer Bescheidenheit kontrollieren lassen müssen, ist die mächtigere der beiden Varianten. Tatsächlich werden überall in Europa in den Haushalten ja schon intelligente Stromzähler eingebaut, die uns in absehbarer Zukunft vorschreiben werden, wann wir die Waschmaschine einschalten dürfen und wann nicht. Warum tun wir uns das an?

Die Frage ist, warum wir lieber an eine Geschichte des Mangels und der Einschränkung glauben als an eine Geschichte der Fülle und der Verschwendung? Wieso findet die Geschichte des synthetischen Benzins nicht dieselbe oder sogar mehr Resonanz als die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters? Zumal die Geschichte mit dem künstlichen Treibstoff weniger Lücken und Brüche hat als die Mangelgeschichte und uns ein deutlich angenehmeres Leben bieten würde. Das ist doch seltsam, oder?

Auf diese Frage gibt es zwei unterschiedliche Antworten. Die erste Antwort ist, dass die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters und des darauf folgenden Mangels eine religiöse ist und dass es hier wie in allen religiösen Geschichten darum geht, die Mitmenschen in Angst und Schrecken zu versetzen und auf diese Weise nicht nur in Abhängigkeit, sondern auch klein zu halten. Das Herrschaftsinstrument aller religiösen Gruppierungen ist und bleibt nun mal die Angst, die man verbreitet. So eben auch hier.

Die zweite und das ist meine persönliche Antwort ist, dass ich in diesem technischen Schlaraffenland nicht glücklich bin. Ich brauche nicht noch mehr Straßen, noch mehr Hochhäuser, noch mehr Gewerbegebiete, noch mehr Ölraffinerien, noch mehr Stromleitungen, noch mehr Kondensstreifen am Himmel und noch mehr technischen und sonstigen Schnickschnack um mich herum. Die Welten wie sie in Star Wars, Blade Runner und anderen SF-Filmen gezeichnet werden, sind für mich Horrorwelten. Ich habe kein gesteigertes Verlangen danach, in Flugbooten durch irgendwelche Straßenschluchten zu rasen und die Nacht vollständig zum Tag zu machen oder umgekehrt. Ich brauche zum Glücklichsein Weite, Natur, Tiere und Pflanzen um mich herum, und das Ganze möglichst abwechslungsreich und bunt gestaltet.

Im selben Maß, wie die technisch-industrielle Welt um mich herum zunimmt, lähmt sie mich und nimmt mir die Lebensfreude. Ich denke automatisch, so wie die Welt in meiner Kindheit war, war sie noch in Ordnung. Klar, das ist natürlich subjektiv. Jeder technische Fortschritt, den ich live miterlebt habe, hat die Welt für mich nicht verbessert, sondern bei näherer Betrachtung immer mehr Nach- als Vorteile für mich gehabt. Allerdings bin ich schon in eine Welt mit Kühlschrank, Waschmaschine und Auto hineingeboren. Wobei sich die Zahl der Autos damals nicht mit der von heute vergleichen lässt.

Deshalb ist jede Geschichte, die den technischen Fortschritt zugunsten einer natürlichen Umwelt eindämmt, für mich zuerst mal eine gute Geschichte. Aber die Geschichten müssen wahr sein. Je wahrer, desto besser. Eine unwahre Geschichte bewirkt nämlich genau das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist.

Die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters und den erneuerbaren Energien als zukunftsträchtiger Ersatz ist eine unwahre Geschichte, wenn sich Öl künstlich aus Sonnenlicht, Kohlenstoff und Wasser herstellen lässt. Die erneuerbaren Energien, so wie sie derzeit eingesetzt werden, haben bei näherer Betrachtung mehr Nach- als Vorteile und können unseren auf eine gewisse Konstanz angewiesenen Energiebedarf nicht decken. Das ist nämlich physikalisch nicht möglich, und gegen die Gesetze der Physik kommen unsere Geschichten dann doch nicht an. Diese Geschichte wird uns also nicht in die angenehme Zukunft führen, wie ich sie mir und vielleicht auch viele andere sich erträumen. Sondern in eine Diktatur. Wenn die Geschichte so umgesetzt wird, wie sie erzählt wird, läuft es darauf hinaus, die Menschen an die volatilen Energieträger Sonne und Wind anzupassen. Konkret sieht das so aus, dass dem Menschen die Energiemenge zugeteilt wird, die er verbrauchen darf. Und da gibt es eben jemand, der das bestimmt. Ob das nun ein Diktator, eine Öko-Partei, eine Expertenkommission oder eine KI ist, ist im Endeffekt egal. Die intelligenten Stromzähler sind schon mehr als nur ein Schritt in diese Richtung.

Wir sollten gründlich über die Geschichten nachdenken, die wir uns selber und unseren Mitmenschen erzählen. Es ist gut möglich, dass der bevorstehende Energiemangel in Wirklichkeit erst durch die Maßnahmen erzeugt wird, die aufgrund der Geschichten vom Ende des Öls und von den erneuerbaren Energien ergriffen werden.

Freiheit, die ich meine …

Tiere handeln instinktiv. Das ist ihnen angeboren. Es ist noch nicht mal so, dass Mama Bär oder Papa Luchs ihrem Nachwuchs instinktives Handeln explizit beibringen. Stattdessen wecken Tiereltern bei ihren Jungen durch Vormachen den Instinkt und bringen ihn zur Entfaltung, ähnlich wie der erste Atemzug die Lunge zur Entfaltung bringt. Der Instinkt ist für die jeweils artspezifischen Verhaltensweisen verantwortlich. Einzelne Exemplare einer Spezies können zwar individuelle Verhaltensweisen und Vorlieben ausbilden, aber alles in allem verhält sich ein freilebendes Tier wie seine Vorfahren vor hundert, tausend oder zehntausend Jahren. Doch auch da, wo Verhaltensweisen einer Spezies sich grundsätzlich ändern, erfolgen die Veränderungen aus dem Instinkt heraus und entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Anpassung an eine sich ebenfalls gerade verändernde Umwelt.

Ein Tier ist also in seinem Verhalten an seinen Instinkt gebunden. Das löst in uns Menschen die Vorstellung von Unfreiheit aus. Instinkt wird gerne mit einem in den Genen codierten Programm verglichen, das nach vorgegebenen Regeln abläuft. Instinkt bringen wir deshalb mit Automatismen und stupiden Reiz-Reaktions-Schemata in Verbindung. Mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf sind wir Menschen froh, dass wir uns als zunehmend weniger instinktgebunden erfahren. Im Gegensatz zum Tier halten wir Menschen uns für frei und flexibel. Sind wir das wirklich?

Es ist schon mal falsch, im Instinkt so was wie ein Herrschaftsinstrument zur Unterwerfung des Tiers zu sehen. Instinkt äußert sich nicht über eine innere Stimme, die pausenlos Befehle erteilt, sich als Pflichtgebot bemerkbar macht. Instinkt ist kein Du sollst … oder Du musst … . Wer sich so was vorstellt, überträgt rein menschliche Erfahrungen unreflektiert aufs Tier. Machtverhältnisse, wie sie den Beziehungen zwischen Herr und Knecht, Chef und Untergebenen, Obrigkeit und Untertanen entsprechen, gibt es im Tierreich nicht in dieser Form. Das Alpha-Tier beutet die Mitglieder seines Rudels oder seiner Herde nicht aus, wie menschliche Herrschaftsverhältnisse das nahelegen. Es gibt deshalb auch keinen inneren Imperator mit einem Thronsessel in der DNA-Struktur.

Wenn ein Tier Hunger hat, ist es eins mit seinem Hunger. Es steht nicht neben sich, um sich seines Hungers erstmal bewusst zu werden. Für diese Bewusstwerdung braucht es nämlich Selbstbeobachtung, und genau diese fehlt dem Tier. Selbstbeobachtung ist weit mehr, als sich bloß im Spiegel erkennen und damit eine wie auch immer geartete Ich-Vorstellung zu haben. Ein Tier zerfällt nicht in eine handelnde Instanz und eine Instanz, die dieses Handeln beobachtet und darüber reflektiert. Deshalb zerfallen für ein Tier Hunger und Fressenwollen auch nicht in Ursache und Wirkung. Erst eine reflektierende Instanz kann künstlich einen Unterschied setzen und den Schluss ziehen, dass ein Hungergefühl den Wunsch nach Nahrungsaufnahme erzeugt. Wie der Hunger erst durch Selbstbeobachtung als Hunger bewusst wird, so entsteht auch der Wille erst durch Selbstreflexion. Ohne Bewusstwerdung gibt es keinen Willen. Die Bewusstwerdung des eigenen Willens erfolgt zudem so gut wie immer in der Negation. Erst wenn man gegen seinen Willen handelt oder gezwungen wird, gegen seinen Willen zu handeln, wird einem bewusst, dass man so etwas wie einen Willen hat.

Auch als Mensch kann ich immer noch die Erfahrung machen, dass der Wille verschwindet, sich in Nichts auflöst, wenn ich ganz eins mit meinen Instinkten bin. Ich habe diese Erfahrung zwei- oder dreimal in lebensgefährlichen Situationen gemacht. Das Nichtvorhandensein des Willens ist etwas grundsätzlich anderes, als seinen Willen zu bekommen. Aus seinem Instinkt heraus zu handeln, ist auch nicht dasselbe, wie im Flow zu sein, wo man wie auf einer Welle schwimmt und alles mühelos wie von selbst zu gehen scheint.

Instinkt drückt sich nicht über eine innere Stimme aus, die Befehle erteilt, sondern als nicht hinterfragbares, vereinheitlichtes Gefühl. Ein Tier lebt seine Lust, oder in der Negation, seine Unlust. Das ist Instinkt. Dabei ist die Lust das, was dem Tier am meisten nützt, und die Unlust das, was das Tier vor Schaden bewahrt. Wenn man tut, was einem am meisten nützt, und vermeidet, was einem schadet, kann man zu recht von einem geglückten Leben sprechen.

Freiheit ist nicht dadurch definiert, dass man von zwei Übeln das kleinere wählt oder seine Entscheidung anhand einer Liste von Pros und Contras austüftelt. Freiheit ist, in vollkommenem Einklang mit seinen Gefühlen zu handeln. Von Nutz- und Haustieren einmal abgesehen, ist jedes Tier deshalb frei. Jedes wild lebende Tier verwirklicht Freiheit in einem Maß, von dem wir Menschen nicht mal träumen können.

Menschen sind aus zweierlei Gründen nicht frei. Zum Einen unterscheiden die allermeisten Menschen zwischen guten und schlechten Gefühlen und treffen eine Wertung zugunsten der guten Gefühle wie Freude, Liebe, Glück, Dankbarkeit, Zufriedenheit. Das sind die Gefühle, die nicht nur sein dürfen, sondern jeden, der was auf sich hält, permanent aus- und erfüllen müssen. Es sind Gefühle, die angeblich das Miteinander fördern. Das Paradies oder der Himmel als idealisierte Vorstellungen von Glück besteht ausschließlich aus solch guten Gefühlen, und das Ziel des Menschen besteht darin, das Paradies auf Erden zu errichten bzw. den Himmel auf die Erde zu holen.

Allen Gefühlen, die keine guten oder angenehmen sind, wie Zorn oder Neid, bringen wir tiefes Misstrauen entgegen. Der Mensch hat vergessen, dass die angeblich schlechten Gefühle ihm gerade so beim Überleben helfen wie die guten. Stattdessen glaubt er, dass sie die Quelle von Gewalt und Aggression sind und deshalb nicht ausgelebt, sondern im Zaun gehalten, unterdrückt oder gar ganz abgeschafft werden müssen. Das heißt, es gibt nicht nur einen inneren Beobachter, der sich seiner Gefühle bewusst wird, sondern außerdem einen Richter, der die Gefühle in gute und schlechte unterteilt, und desweiteren einen Kontrolleur, der absegnet, dass gute Gefühle gelebt werden, während er das den schlechten Regungen verbietet.

Ein sehr bewusster Mensch mit einer entsprechenden Schulung verdrängt die schlechten Gefühle nicht, sondern leitet sie in Kanäle, die sein innerer Kontrolleur für unschädlich hält. Ein solcher Mensch erlaubt sich, seine Wut an einem Kissen oder einem Sandsack abzureagieren, aber er verbietet sich, die Wut an dem auszulassen, der sie verursacht hat.

Mit einem solchen Dreigestirn aus Beobachter, Richter und Kontrolleur an der Seite seiner Gefühle, kann der Mensch nicht frei sein, sondern wird zu seinem eigenen Gefängnis. Die allermeisten Menschen halten das für gut und sinnvoll, ja sogar für notwendig. Deshalb ist Bewusstwerdung nicht nur in spirituellen Kreisen absolut angesagt. Es soll mir aber niemand erzählen, dass es beim neutralen Beobachten bleibt. Hinter dem Rücken des Beobachters verbergen sich immer der Richter und der Kontrolleur, auch wenn sie nicht offen in Erscheinung treten.

Ich habe so den Verdacht, dass der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur gerade erzeugen, was sie unbedingt vermeiden wollen, nämlich Hass, Gewalt und Aggression. Mit dem Ergebnis, dass der Mensch alle anderen Lebewesen, die den Planeten bevölkern, an Gewalttätigkeit und Aggressivität bei Weitem übertrifft. Wenn Gefühle wie Zorn oder Neid unterdrückt und negiert werden, lösen sie sich deshalb noch lange nicht auf. Sie lösen sich auch nicht auf, wenn sie ersatzweise an einem Kissen abreagiert werden. Sie akkumulieren sich, und so wird aus einem Schneeball dann irgendwann eine Lawine. Ein Schneeball tötet nicht, eine Lawine hingegen schon.

Zum Anderen ist der Mensch das Tier, das sein Innenleben nach und nach vollständig veräußerlicht und sich dabei sich selbst entfremdet. Gilbert Dietrich nennt den Menschen das Tier des endlosen Outsourcing.

In dieser Veräußerlichung verkehrt sich die ursprüngliche Freiheit ins Gegenteil, nämlich in absolute Unfreiheit. An die Stelle des Instinkts tritt beim Menschen ein Lernprozess, und dabei lernt der Mensch lauter Dinge, die seinem ursprünglichen instinktiven Gefühl in der Regel zuwiderlaufen. Ein Baby, das Lust auf Milch und Wärme hat, lernt ziemlich schnell, dass es seine Bedürfnisse zurückstellen muss. Ein Kleinkind, das sich Sand und Würmer in den Mund stecken will, wird schon daran gehindert, sobald es nach dem Wurm gegriffen hat. Ein Schulkind, das seinen Bewegungsdrang austoben will, lernt stattdessen, fünf Stunden lang still auf dem Stuhl zu sitzen. Durch Lernen kommt es zu einer Umwertung des instinktiven Gefühls. Das Kind erfährt eine positive Resonanz auf Dinge, die ihm schaden, und eine negative auf Dinge, die ihm nutzen. Kein Wunder, dass sich der Mensch deshalb in einer natürlichen Umwelt gar nicht mehr zurechtfindet.

Was ein Kind lernen will, ist auch nicht ihm selbst überlassen. Dass es in den Kindergarten und zur Schule gehen muss, gilt als selbstverständlich. So erfährt ein Kind sein Leben schon früh als eine Abfolge von Regeln, Ge- und Verboten. Aus dem, was mal Instinkt war, wird in dieser Veräußerlichung nun ein Regelapparat, wobei die Regeln häufig widersprüchlich sind und mal so und mal so gehandhabt werden. Das Kind kann sich weder auf sein Gefühl noch auf seine Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit verlassen. Die Verwirrung ist komplett. Dies ist der sogenannte Zivilisationsprozess, der nicht nur identisch mit der Geschichte der Menschheit ist, sondern sich auch in jedem einzelnen Menschen vollzieht.

Der Mensch hält sich für frei, weil er an fast jedem Ort der Erde leben kann, im ewigen Eis ebenso wie in den Tropen. Es ist richtig, dass der Mensch von natürlichen Verhältnissen wie Klima, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Tag und Nacht, Sommer und Winter scheinbar immer unabhängiger wird. Dafür ist er umso abhängiger von seiner selbstgemachten Umwelt, die aus Stadtlandschaften, Industriegebieten und landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen besteht. Das herausragende Merkmal der vom Menschen geschaffenen Lebenswelt ist Monotonie. Die Städte auf der ganzen Welt sehen heute zum Verwechseln ähnlich aus. Egal, ob man sich in Alaska, auf Feuerland, in Zentralafrika oder Südostasien bewegt, man findet sich zurecht, weil die städtischen Strukturen wie beispielsweise das Verkehrsnetz in allen Städten ähnlich sind. Im Zentrum gibt es gigantische Hochhäuser, Einkaufsstraßen, Hotels, Tempel oder Kirchen, Museen und Parks. In der Peripherie einerseits Wohngebiete mit reicheren und ärmeren Vierteln bis hin zu Slums. Andererseits Gewerbe- und Industriegebiete. Es genügt, eine Stadt gesehen zu haben, um alle zu kennen. Was die Monotonie von industriell genutzten Ackerflächen angeht, erübrigt sich wohl jeder Kommentar.

In ihrer zunehmenden Vereinheitlichung und Vernetzung wird die von Menschen geschaffene Lebenswelt gegenüber natürlichen Einflüssen jedoch zunehmend fragiler. Das eigentliche Problem, dem wir uns heute gegenübersehen, ist nicht der Klimawandel als solcher, denn der Homo Sapiens hat schon viele Klimawandel mitgemacht. Das Problem besteht darin, dass schon kleinste Unregelmäßigkeiten heute riesige Probleme verursachen, weil unsere technische Lebenswelt insgesamt instabiler geworden ist. Vor fünfzig Jahren konnten Züge auch bei dichtem Schneefall fahren, heute fallen Züge bereits aus, wenn mal bloß ein Zentimeter Schnee runterkommt. Von einem zunehmend fragiler werdenden Gesamtsystem existenziell abhängig zu sein, hat mit Freiheit nichts mehr zu tun.

Der Mensch glaubt, frei zu sein, weil er angeblich so viele Möglichkeiten hat, zwischen denen er sich entscheiden kann. Tatsächlich wird aber jeder Mensch zuerst einmal erzogen, was seine Möglichkeiten schon ziemlich einschränkt. Dann durchläuft jeder Mensch ein Schulsystem, das seine Möglichkeiten weiter einschränkt. Was die Berufsausbildung angeht, kann ein junger Mensch lediglich wählen, wo in diesem arbeitsteiligen System er sich eingliedern, welches Rädchen er spielen will. Wer sich einer Berufsausbildung und den sonstigen Regeln verweigert, wird vom System ausgespuckt. Irgendwer hat mal gesagt, dass es in Deutschland eine Einheitspartei mit unterschiedlichen Farben gibt und man immer nur diese eine Partei wählt, egal, ob man nun rot, grün, schwarz oder gelb ankreuzt. So steht es mit unseren Wahlmöglichkeiten. Bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich als unbedeutende Akzidentalien, nicht als Essenzialien.

Wenn der Mensch das Tier ist, das sein Innenleben veräußerlicht, so finden natürlich auch der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur ihre realen Entsprechungen in der von Menschen geschaffenen Lebenswelt. Schon immer haben Menschen einander kontrolliert. Diese Aktivitäten haben sich in Institutionen, Organisationen und Ämtern mit den entsprechenden Berufsbildern nicht nur schon längst verselbständigt, sie bekommen in einem zunehmend komplexer werdenden Gesamtsystem  auch immer mehr Gewicht. Heute kann kaum ein Mensch sein Haus noch selber bauen. Daran sind nicht nur mangelnde Fähigkeiten, sondern auch die eskalierende Flut von Vorschriften schuld, die der Gesetzgeber oder irgendeine EU-Kommission erlassen hat.

Tiere ob ihres vermeintlich gencodierten Instinkts als unfrei und gesteuert zu bedauern, entspringt dem Neid derer, die sich inzwischen in der Unfreiheit zuhause fühlen. Ich fürchte, die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, wie sich Freiheit wirklich anfühlt.

Abgesang auf die Natur

Ende September bin ich über halb Europa geflogen. Ich hatte das Vergnügen, in kleinen Fliegern zu sitzen, auf einer Teilstrecke war es sogar ein altes Propellerflugzeug. Deshalb war die Flughöhe weitaus geringer, als dies bei großen Passagierflugzeugen der Fall ist. Da es zudem ein schöner und wolkenloser Tag war, konnte ich mir also ein gutes Stück Europa in aller Ruhe von oben betrachten.

Europa hat aus dieser Perspektive was von einem Schachbrett und die einzelnen Felder was von Ritter-Sport-Schokolade: quadratisch, praktisch, gut. Das Land sieht überwiegend aus wie mit dem Lineal konstruiert. Braune und gelbe Quadrate bzw. Rechtecke wechseln sich ab mit grünen und dunkelgrünen, aber viereckig ist fast alles. Selbst die großen Naturparks sehen von oben nicht natürlich aus, sondern nur wie größere Flicken innerhalb des menschengemachten Patchworks. Abgesehen vom alpinen Hochgebirge, von Seen und Flüssen sind es ausgerechnet die Stadtlandschaften, die nicht so aussehen, als wären sie am Reißbrett entworfen, sondern willkürlich und ungeordnet in die Gegend geklatscht. Von oben betrachtet, sehen Städte natürlicher aus als das, was wir für Natur halten.

Mir ist wieder einmal klar geworden, dass es in Europa Natur überhaupt nicht mehr gibt, wenn Natur als ungezähmtes, sich frei und unabhängig vom Menschen entfaltendes Leben verstanden wird. Das gibt es nicht mal mehr in den Wäldern, die uns ach so natürlich erscheinen. Die europäischen Wälder sind reine Kulturprodukte. Durch die umfassende, alles bestimmende Verschachbrettisierung der Landschaft, auch Landwirtschaft genannt, legt der Mensch in großem Stil fest, welche Tiere leben dürfen und welche nicht. Europa ist ein durch und durch von Menschen gestalteter und rein menschlichen Zwecken unterworfener Kontinent. Wo immer ein Europäer behauptet, er würde in einer natürlichen Umgebung wohnen, macht er sich selbst was vor.

Was in Europa wächst, blüht und gedeiht, sind Lebensformen, sie sich mit uns Menschen als dem alles bestimmenden Umweltfaktor arrangiert haben. Der Mensch glaubt gern, dass er Wildtiere gezähmt und Getreidesorten gezüchtet hat. Doch man kann das auch anders sehen. Nämlich so, dass sich die ehemaligen Wildformen dem Menschen angepasst haben. Aus Wölfen wurden Schoßhündchen. Aus Wildrindern Milchkühe. Aus Wildschweinen Massenware für die Fleischproduktion. Steppengräser mutierten zu Getreide und Mais. Nachtschattengewächse zu Kartoffeln und Tomaten. Als Menschen leben wir in Symbiose mit all den Nutzpflanzen und Haustieren, die heute unsere Umwelt bilden. Was anderes gibt es nicht. Wer es nicht glaubt, soll einfach mal in einem kleinen Flugzeug quer über Europa hinweg fliegen.

Umgekehrt hat sich in dieser Symbiose auch der Mensch angepasst und im Laufe der vergangenen zehntausend Jahre beispielsweise neue Verdauungsenzyme gebildet, die ihm den Verzehr von Milch, Brot, Butter, Wurst und Schokolade überhaupt erst erlauben. Es war nämlich nicht immer so, dass der Mensch das, was wir heute als gesunde Nahrung ansehen, auch vertragen hat. Vielleicht ist das, was heute als gesund gilt, schon wieder dabei, unverdaulich zu werden. Manche Allergien deuten auf eine solche Veränderung hin.

Jede Art von Landwirtschaft ist das Ergebnis der Herrschaft des Menschen über die Natur. Landwirtschaft ist nichts Natürliches, auch die angeblich ökologisch-biologische nicht. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich Öko und Bio als bloße Label, die dem Menschen ein gutes Gewissen verschaffen, damit er ungestört seine Dominanz über die Natur ausüben kann. Der Flächenverbrauch ist im biologischen Landbau beispielsweise wesentlich höher als im konventionell-industriellen. Bei den meisten Getreidesorten wird für denselben Ertrag mindestens ein Drittel, bei manchen sogar doppelt so viel Fläche verbraucht. Richtige Mischkulturen sind auch im Öko-Anbau unüblich. Es gilt ja schon als herausragende Leistung, wenn zwischen dem Getreide mal ein paar Kornblumen wachsen. Zudem kultiviert die ökologisch-biologische Landwirtschaft immer noch Anbaumethoden, die als überholt betrachtet werden können und durchaus nicht umweltfreundlicher sind als industriell-konventionelle Landwirtschaft. Im Gegenteil. So wird im Bio-Anbau beispielsweise als Pflanzenschutzmittel Kupfersulfat eingesetzt, das, würde es heute neu entwickelt, keine Zulassung mehr bekommen würde, da es in erheblichem Maß Mikroorganismen und Wasser schädigt.

Mit dem Schutz oder der Bewahrung einer nicht-menschlich geprägten, ursprünglichen Natur hat das alles überhaupt nichts zu tun. Die gibt es nämlich gar nicht mehr. Umweltschützer und Ökofreaks bilden bloß den Trauerzug hinter einem Sarg. Sie glauben, die Natur bewahren zu können, während sie in Wahrheit um etwas trauern, das längst dahin und verloren ist. In Europa sind wir am Endpunkt einer langen Entwicklung angekommen. Wir haben die einstmals wilde Natur vollständig gezähmt und auch den letzten Winkel in Kulturlandschaft umgewandelt. Requiescat in pace!

Was in Europa passiert ist, passiert überall auf der Welt. Der Mensch breitet sich aus, besetzt alle nur möglichen Lebensräume und verdrängt dabei die Lebensformen, die ihm keinen Nutzen bringen.

Weltweit sind von ursprünglich 62 Millionen Quadratkilometern Wald heute noch 14 Millionen übrig. Das ist nicht mal ein Viertel. Jedes Jahr schrumpft dieser kümmerliche Rest um weitere 130.000 Quadratkilometer. In Südamerika hat die Abholzung des Regenwaldes in den vergangenen drei Jahren wieder deutlich zugenommen, schon mal beschlossene Pläne zu seinem Schutz werden von Regierungen ad acta gelegt und von Unternehmen unterlaufen.

Manche Menschen glauben, die Zerstörung der ursprünglichen Natur aufhalten zu können, indem sie Vegetarier werden. Das führt jedoch nur dazu, dass die Tiere, die mit dem Menschen jetzt in einer Symbiose leben, auch noch verschwinden und durch weitere Menschenmassen ersetzt werden. Und wenn nicht durch Menschenmassen, dann durch weitere Technisierung. Alle unsere Fortschritte und Errungenschaften haben nämlich nur den Zweck, unsere menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Welt wird durch die Vegetarier also nicht vielfältiger, sondern nur noch eintöniger. So drehen wir uns ständig um uns selbst, in Kreisbewegungen, die immer größer werden.

Das, was der Mensch in der Welt anrichtet, kann man nur ertragen, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch ein Experiment der Natur ist. Natur dieses Mal nicht im Sinne einer Gegenüberstellung zum Menschengemachten, sondern als Prozess verstanden, in den der Mensch eingebettet ist. Mit all dem, was wir anleiern, erfinden, verändern, bewahren, zerstören und bauen, können wir uns aus diesem Prozess weder ausklinken noch ihn in die von uns gewünschte Richtung lenken. Wie sich ein mathematisches System nicht mit den Mitteln des Systems beweisen lässt, so lässt sich die Natur, als umfassender Prozess verstanden, nicht mit den Mitteln des Prozesses beherrschen. Und in diesem Fall ist der Mensch  nur ein Mittel.

Wenn sich der Mensch ethische Regeln geben will, dann sollte er das tun auf der Basis des Hineingeworfenseins in einen Prozess, den er weder beherrschen noch kontrollieren kann. Alles Andere ist Illusion. Der Schlüssel liegt in der Erkenntnis, dass der Mensch weder die Natur bewahren noch sonst einen Status quo aufrecht erhalten kann. Das Gegenteil trifft zu. Der Mensch steht nicht für Bewahrung, sondern für eine umfassende Umwälzung. Er ist der Katalysator für einen globalen Verwandlungsprozess, der bereits soweit fortgeschritten ist, dass er nicht mehr aufgehalten oder umgelenkt werden kann. Ethische Regeln müssen berücksichtigen, was der Mensch seinem Wesen nach tatsächlich ist, sonst sind sie sinnlos, weil sie gar nicht eingehalten werden können und nur Schuldgefühle verursachen, die weder der Welt noch dem Menschen etwas nützen.

Bei Nacht erinnert Europa übrigens an ein überdimensionales Gehirn. Die einzelnen Städte mit ihrer grandiosen Beleuchtung haben was von Nervenzellen, während die Straßen mit dem Fluss der Autos an Dendriten erinnern, die elektrische Impulse von einer Nervenzelle zur anderen weiterleiten und diese miteinander verbinden. Von oben betrachtet ergibt das ein dicht verwobenes, funkelndes Netzwerk mit einer ganz eigenen Ästhetik. So wie die steinernen Köpfe auf den verödeten Osterinseln eben auch ihre ganz eigene Ästhetik haben. Es war noch nie einfach, mit einer Bestimmung zu leben, die für andere Lebensformen zwangsläufig den Untergang bedeutet.

 

Cyborgs der dritten Generation

Dieser Tage werden in den Mainstream-Medien verstärkt Artikel über Cyborgs gebracht. Gestern beispielsweise war in der ZEIT einer über Hugh Herr, den Gründer des Center for Extreme Bionics am MIT Media Lab, der beim Eisklettern beide Beine, aber nicht die Leidenschaft für sein Hobby verloren hat. Hugh Herr klettert heute mit Hilfe eines Sets bionischer Beine, die speziell für diesen Bereich entwickelt wurden. Er wechselt die Beine wie andere Leute die Hosen. Am 25.02.2015 konnte man in der FAZ etwas über Leute lesen, die sich einen reiskorngroßen RFID-Chip in die Hand einpflanzen lassen, um damit Zugang zum Büro, zum Handy, zum Fitness-Studio und zu weiteren Orten zu bekommen, die jeweils eine Identifikation notwendig machen. Sie halten die Hand vors Lesegerät und wie durch ein Wunder geht die Tür auf. Mit dieser Art von Gesten sind wir durch zahllose SF-Filme bereits bestens vertraut. Der erste Mensch, der von einer Regierung als Cyborg offiziell anerkannt wurde, ist Neil Harbisson, der sich, da er von Geburt nur schwarz-weiß sehen kann, mit einem sogenannten Eyeborg aufgerüstet hat, der Farben für ihn hörbar macht.

Noch geht es in den meisten dieser Geschichten darum, für Menschen, die durch einen Unfall oder eine Krankheit beeinträchtigt sind, einen technischen Ausgleich zu schaffen und dadurch deren Lebensbedingungen zu verbessern. Häufig gelten die Anstrengungen auf dem Gebiet der Bionik und Robotik dem Kampf gegen das Altern. Manchmal ist es das Ziel, Menschen in schier unverwundbare Kampfroboter zu verwandeln. In so gut wie allen Fällen geht es darum, die anscheinend von der Natur gesetzten Grenzen zu überwinden. „Wir werden jenseits dessen sein, was die Natur für uns vorgesehen hat“, hat Hugh Herr seinem Publikum auf dem SXSW-Festival in Austin erklärt.

Trotz bionischer Beine kann der Mensch einem Irrtum aufsitzen. Die Verschmelzung von Mensch und Maschine, von Natur und Technik ist nicht jenseits dessen, was die Natur vorgesehen hat, falls sie denn überhaupt etwas für uns vorgesehen haben sollte. Viel wahrscheinlicher ist, dass es keine wie auch immer vorbereiteten Blaupausen in irgendeiner Schublade in einem göttlichen Konstruktionsbüro gibt, die von vornherein festlegen, was der Mensch zu sein hat. Die Verschmelzung von Mensch und Maschine realisiert sich schlicht und einfach deshalb, weil dies eine Möglichkeit im Rahmen des Natürlichen ist.

Cyborgs sind technisch veränderte biologische Lebensformen. Der Begriff wurde in den 60er Jahren von Nathan S. Kline und Manfred Clynes geprägt, die damals vorschlugen, den Menschen auf technischem Weg an die Umweltbedingungen im Weltraum anzupassen anstatt Raumschiffe mit erdähnlichen Habitaten auszustatten.

Man kann darüber streiten, was eine technische Veränderung sein soll. In engerem Sinn ist damit eine Technologie gemeint, die buchstäblich unter die Haut geht, also unsere menschlichen Fähigkeiten durch technische Implantate erweitert. Streng genommen, sind also Leute, die einen Herzschrittmacher oder ein Cochlea-Implantat haben, ebenfalls als Cyborgs zu bezeichnen. In einem weiter gefassten Sinn ist der Mensch generell ein Wesen, das in einer Symbiose mit der ihn überall umgebenden Technik lebt. Nicht nur jeder Auto-, sondern sogar jeder Fahrrad-Fahrer ist in diesem Sinne ein Cyborg, da sich beide eines technischen Produkts bedienen, das unser menschlicher Geist entwickelt hat. Ganz ohne Technik kann niemand von uns dauerhaft überleben, mag er auch noch so spirituell oder ökologisch-dynamisch ausgerichtet sein.

Doch wann hat diese Entwicklung angefangen? Was heute als Cyborg beschrieben wird, ist für mich bereits ein Cyborg der dritten Generation. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier gerade dadurch, dass er von allem Anfang an eine Symbiose mit einem abiotischen Element, nämlich dem Feuer, eingegangen ist. Menschwerdung und die Domestikation des Feuers mit all seinen Folgen sind ein und derselbe Vorgang. Diese Folgen sind nichts anderes als die technische Entwicklung, die wir seit etwa einer Million Jahre durchlaufen. Sämtliche Erfindungen, die der Mensch seither getätigt hat, ob es sich um die Herstellung von Birkenpech, um die Metallurgie, um den Bau von Städten oder um die Mondlandung, die Atombombe oder den Quantencomputer handelt, haben eine Rückwirkung auf die Struktur unseres Gehirns und damit auf unser Denken. Die technischen Entwicklungen verändern uns fortwährend. Seit wir mit dem Feuer umgehen, erfolgt unsere Evolution nicht mehr auf natürlichem, sondern auf technischem Wege und nicht erst seit der Industriellen Revolution.

Die Cyborgs der ersten Generation waren unsere Vorfahren, die das Feuer in den Mittelpunkt ihres Daseins gestellt und deshalb die Kaltzeiten überlebt haben. Bei den Cyborgs der zweiten Generation stehen nicht mehr das Feuer und die durch Feuer aufbereiteten Nahrungsmittel im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Organisation, sondern andere Produkte, die aus dem Feuer hervorgegangen sind, nämlich die Erzeugnisse aus gebranntem Ton und geschmolzenen Metallerzen. Mit Hilfe dieser Produkte hat der Cyborg der zweiten Generation angefangen, die Natur mehr und mehr durch eine künstlich-technische Welt zu ersetzen. Diese Generation hat die uns von den natürlichen Umweltbedingungen gesetzten Grenzen auf vielfältige Weise durchbrochen. Seither überquert der Mensch Ozeane, fliegt durch die Lüfte, erobert den Weltraum und futtert an Weihnachten Erdbeereis, Mandelcreme und Feigen.

Es ist also nur konsequent, wenn die dritte Generation von Cyborgs all diese Errungenschaften auf die eine oder andere Weise inkarniert und die letzten Grenzen durchbricht, nämlich die, die vom eigenen Körper gesetzt sind. Da Natur und Körperlichkeit nicht voneinander zu trennen sind, muss auf die Überwindung der Natur logischerweise die Überwindung der eigenen Körperlichkeit folgen. Dass der Mensch seine Umwelt verändert, hat ihn nicht in die erwartete Freiheit geführt, sondern lässt ihn im Gegenteil die Zwänge, in die er aufgrund seiner Körperlichkeit eingebettet ist, umso deutlicher erfahren. Der unerbittlichste Zwang geht dabei von der eigenen Sterblichkeit aus.

Mit der Inkarnation der Technik erfüllt sich die Menschheit einen uralten Traum. Durch die Einverleibung wird aus Technik Magie. Das ist der Sieg des Geistes, der über seinen Körper und damit über die Materie hinauswächst. Zumindest stellt sich der Mensch dies so vor.

Der Prozess ist von allem Anfang an von immer demselben Gefühl begleitet: dieser ominösen Mischung aus Faszination und Furcht. Wie sich einige unserer Vorfahren vor einer Million Jahre davor gefürchtet und sich dagegen gewehrt haben mögen, für den Jagderfolg absichtlich die Steppe in Brand zu setzen oder mit einer Fackel eine Höhle zu erkunden, während andere von eben diesem Tun aufs Höchste fasziniert waren, so fürchten sich heute einige vor den Veränderungen, die die Verschmelzung von Mensch und Maschine mit sich bringen wird, während anderen dieser Prozess wiederum gar nicht schnell genug gehen kann. In Berlin gibt es bereits eine Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik. Die Cyborgs e.V.

Es liegt im Wesen des Lebens selber, dass es sich permanent selbst überschreitet. Wo all das einmal enden wird und ob es überhaupt endet, kann niemand vorhersagen. Vielleicht erweisen sich technisch-abiotische Lebensformen als überlebensfähiger als biologisch-organische. Ebenso ist es möglich, dass der Cyborg, der schließlich nur noch aufgrund technischer Implantate überleben kann, viel anfälliger ist als der Mensch, der sich gegen den Prozess der Vercyborgisierung wehrt und versucht, seine Fähigkeiten weiterhin an der Natur auszurichten. Vielleicht endet der Traum der Unsterblichkeit ja eines Tages damit, dass der Strom ausfällt.

Die Frage, die sich der Mensch deshalb stellen muss, ist nicht die Frage, ob die Technik unser „Säbelzahn“ ist, an dem wir eines Tages zugrunde gehen oder ob sie unser Überleben sichert, sondern welchen Preis wir fürs Überleben zu zahlen bereit sind. Die Frage, auf die eine Antwort gesucht wird, lautet, ob sich das Leben als Mensch noch lohnt, wenn das Leben nur noch darin besteht, dass die Technik einem alles abnimmt: die Sorge für den Erhalt des Lebens ebenso wie jedes Problem und jede Herausforderung. Diese Frage kann nur jeder Mensch für sich selber beantworten.

Frieden schaffen? Nicht mit Affen!

In Star Trek Der Aufstand gibt es das Volk der Ba’ku, die freiwillig auf moderne Technologie verzichten, stattdessen im Einklang mit der Natur leben und dies auf einem Planeten, der seinen Bewohnern ewige Jugend gewährt. Ich sehe die Bilder von Captain Picard und der Anführerin der Ba’ku, wie sie gemeinsam in idyllischer Landschaft wandeln und dabei tiefsinnige philosophische Gespräche führen. Gott sei Dank gibt es die bösen So’Na, die den Plan haben, die Idylle zu zerstören. Nur wegen denen habe ich Lust, mir den Film anzugucken.

Alles, was mit Lust verbunden ist, ist immer auch latent gewalttätig, ob es sich dabei um gutes Essen, Sex, Kinofilme, Fußball oder sonst was handelt. Jede Geburt bringt Schmerz mit sich, weil es sich für Mutter und Kind letztendlich um einen Gewaltakt handelt, der nur mit viel Liebe auszuhalten ist. Mit dem Tod verhält es sich auch nicht viel anders. Auch der ist nur mit viel Liebe zu ertragen. Völlige Gewaltfreiheit würde bedeuten, nur noch vom Baum gefallene Früchte zu verzehren, denn Essen ist ansonsten nun mal eine Form von Gewalt, die immer wieder Leben kostet. Ein völlig gewaltfreies Leben wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein lust-loses Leben. Ich würde die Leute, die sich so was ernsthaft wünschen, gern mal fragen, wie man Lust auf ein lustloses Leben haben kann.

In seinem brillanten SF-Roman Quest treibt der Autor Andreas Eschbach den Topos des ewigen Friedens auf die Spitze. Da gibt es das uralte Volk der Yorsen, von denen jeder, in einen Kristall eingeschlossen, in ewiger Ekstase um den Planeten kreist. Der Leser bekommt eine Ahnung, was ewiger Friede bedeutet, nämlich die totale Isolierung des Einzelnen, der mit der Gesamtheit nur über eine lebenserhaltende, jedoch seelenlose Technik verbunden ist. Die Yorsen tun mir Leid. Außer Ekstase erleben die gar nichts. Wie langweilig muss das denn sein!

In meinem vorigen Beitrag bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Gewalt gegen Mitglieder der eigenen Spezies im Rahmen der Evolution durchaus eine akzeptierte Methode ist, um mit Problemen fertig zu werden, wenn vielleicht auch nicht die beste. Für vier der fünf Primaten inklusive unserer eigenen Spezies ist Gewalt gegen Artgenossen eine Strategie, die sich bis jetzt bewährt hat, denn ansonsten würde es uns nicht mehr geben. Gewalt fasziniert uns ebenso sehr, wie wir uns von ihr bedroht fühlen. Um uns lebendig zu fühlen, brauchen wir Herausforderungen und Gefahren. Wenn schon keine echten, dann wenigstens welche, die wir uns vorstellen. Jemand muss uns ans Leder wollen, sonst fühlen wir uns nicht gut. Würden wir Gewalt ersatzlos abschaffen, würden die meisten Menschen an tödlicher Langeweile eingehen. Selber zähle ich mich durchaus zu dieser Mehrheit. Ein bisschen Kick muss sein. Ich habe das Menschenaffenerbe in mir.

In Europa leben wir, verglichen mit anderen Erdteilen, derzeit noch auf einer Insel des Friedens. Das ist jedoch weder den Religionen noch einer spirituellen Entwicklung der Menschheit zu verdanken. Außer den Nachwirkungen der Weltkriege und der Angst vor dem Atomkrieg verdanken wir den Frieden vor allem dem Umstand, dass wir in einer Überflussgesellschaft leben, in der kaum noch ein Mensch existenzielle Sorgen haben muss und die meisten sich kaufen können, wonach ihnen der Sinn steht. Wer sich täglich satt essen kann, ist hauptsächlich mit seiner Verdauung beschäftigt.  Viele Menschen schielen trotzdem auf den Reichtum anderer. Genug ist eben nicht genug. Ein bisschen mehr wie der Durchschnitt will man schon haben. Mindestens. Auch Neid ist ein Menschenaffenerbe. Ein solcher Friede ist eine fragile Sache.

Die Gewalttätigkeit verlagert sich zunehmend in virtuelle Bereiche. Nicht mehr in der realen Lebenswelt wird Mann gegen Mann, Gruppe gegen Gruppe oder Volk gegen Volk gekämpft, sondern in Fantasiewelten, die wir uns dank technischer Entwicklungen fast beliebig selbst erschaffen können. Gewalt wird in unserem Kulturkreis in sublimierter Form ausgetragen: in der Welt des Buchs, des Films und in zahllosen Videospielen im Internet. Spiele wie World of Warcraft oder sogar Second Life zeigen, dass die Faszination von Gewalt ungebrochen ist. Es sind nun aber Avatare, die anstelle der echten Menschen ihr Leben riskieren, um alle möglichen Feinde in immer blutrünstigeren Schlachten zu metzeln. Immerhin!

Wenn es in unserer Gesellschaft eine Entwicklung in Richtung Frieden geben sollte, ist es keine spirituelle, sondern eine technische. Zum einen haben wir Waffensysteme erfunden, vor denen wir selbst erschrecken. Zum anderen ermöglicht die Technik die Kreation künstlicher Welten, in denen wir uns rücksichtsloser denn je austoben, ohne jedoch in der wirklichen Welt Schaden anzurichten. Und vor allem schafft Technik den Wohlstand, der uns satt macht und der es uns erlaubt, spirituell zu sein, wenn uns die virtuellen und realen Gemetzel zu große Angst machen.

Doch längst sind nicht alle Kriege, die wir führen,  bloß noch virtueller Natur. Anstatt wie in vergangener Zeit große Heere aufeinanderzuhetzen und Materialschlachten zu schlagen, werden heute Stellvertreterkriege wie der in der Ukraine geführt. Das kann auch mal in die Hose gehen und einen Flächenbrand entzünden. Ebenso finden permanent Wirtschaftskriege statt, in denen mit allen möglichen Formen von Geld gegeneinander gekämpft wird. Das führt dazu, dass wir demnächst alle pleite, aber wenigstens nicht tot sind. Doch auch Wirtschaftskriege fordern immer noch Opfer in der realen und nicht bloß in einer virtuellen Welt. Was Manager und Finanzleute angeht, haben wir es hier mit einem Umkehreffekt zu tun: Durch den permanenten Umgang nur mit Zahlen haben diese Leute den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Diesen Menschen erscheint die Welt der Zahlen als Realität, während die wirkliche Lebenwelt in diesem Denkmuster in der Abstraktion verschwindet und deshalb kein Mitgefühl mehr auszulösen vermag.

Religionen haben in der Vergangenheit immer wieder zu Kriegen geführt, ich glaube aber nicht, dass sie jemals einen verhindert haben. Religionen, Nationalismen und Ideologien stiften innerhalb einer Gruppe Identität. Genau diese Identitätsbildung hat jedoch das höchste Gewaltpotenzial. Je größer die Gruppen sind, desto unberechenbarer werden sie in ihrer Dynamik. Religionen und Ideologien sind das, was aus vielen unterschiedlichen Menschen eine gleichförmige Masse zu formen vermag. Wenn die Identitätsbildung über eine gemeinsame Ideologie oder Religion erfolgt, sind die Gruppen in aller Regel hierarchisch geordnet. Die Hierarchie wurde früher in Zweikämpfen bestimmt, heute ist an die Stelle der körperlichen Kraft der Intellekt getreten. Eine Gruppe wird nicht mehr vom Stärksten, sondern vom Schlausten geleitet. In Religions- oder spirituellen Gemeinschaften ist der Führer derjenige mit der größten geistigen Kraft, das heißt, die Person, die anderen am eindringlichsten glaubhaft machen kann, von Gott inspiriert zu sein.

Einerseits die Identitätsbildung, andererseits die Unterordnung schafft innerhalb einer Gruppe eine seltsame Ambivalenz. Durch die Identifikation mit der Gruppe kommt sich der Einzelne mächtiger vor, durch die Unterordnung innerhalb der Hierarchie jedoch gleichzeitig machtloser. In dieser Ambivalenz stauen sich Aggressionen an, doch können sie nicht innerhalb der Gruppe ausgelebt werden, weil sonst die Gruppe zerfallen würde. Deshalb muss eine von einer Religion oder Ideologie zusammengeschweißte Gruppe notwendig ein Feindbild entwickeln, um die Aggressionen nach außen abzuleiten. Das Ziel solcher Abreaktionen ist jemand, der nicht zur Gruppe gehört. Ein Feindbild ist also nicht etwas, das primär von außen kommt. Es weist vielmehr auf ein Ungleichgewicht und unterdrückte Aggressionen innerhalb der Gruppe hin.

In spirituellen Kreisen stellt man sich die gesamte Menschheit gern als eine große Gruppe vor, in der jeder mit jedem freundschaftlich verbunden ist. Wenn sich die Menschheit als eine große Gemeinschaft erkennt, gibt es den Unterschied zwischen UNS und DEN ANDEREN nicht mehr. Damit sind alle Feindbilder aufgelöst und der Mensch wird seine ihm zutiefst innewohnende Friedfertigkeit endlich angstfrei ausleben können. So glaubt man.

Das ist eine zwar schöne, aber dennoch eine Illusion. Den Unterschied zwischen UNS und DEN ANDEREN gibt es nämlich auch jetzt nicht, und tatsächlich hat es ihn nie gegeben. Der Unterschied ist eine bloße Konstruktion, um die Gewalttätigkeit, die gruppenimmanent entsteht, abreagieren zu können. Je größer eine Gruppe wird, desto komplexer werden die Hierarchien, die durchaus auch eine entpersönlichte und anonyme Form annehmen können (Institutionen, Verwaltungen, Staatsgebilde), und desto mehr wird die Freiheit des Einzelnen beschnitten. Das führt wiederum zu Aggressionen, die sich, wenn sie im Rahmen eines falschen Selbstbildes unterdrückt oder verleugnet werden, irgendwann Bahn brechen.

Um Frieden in großen Staatsgebilden zu bewahren, gibt es nur einen Weg, und das ist der Weg in die Vereinzelung. Deshalb haben wir ein Rechtssystem, in dem das Individuum zur Verantwortung gezogen wird und nicht die Gruppe als Ganzes. Deshalb haben wir politische Strukturen, die verschiedene Gruppen innerhalb des Staates gegeneinander ausspielen, frei nach dem Motto: teile und herrsche. Es geht dabei jedoch nicht nur ums Herrschen, sondern ebenso darum, den Frieden innerhalb des Staates zu bewahren. Mobilität und beruflich indizierte Wohnungswechsel sind weitere Möglichkeiten, um die Vereinzelung voranzutreiben. Auch das Internet dient realiter der Vereinzelung, selbst wenn es so aussieht, als würde es Kommunikation und Austausch fördern. Wir sind auf dem Weg zu einer Gesellschaft aus lauter Singles. Wir sind dabei, Yorsen zu werden. Es sei denn, wir stolpern in einen Krieg zwischen Staaten, den eigentlich keiner will.

In einigen spirituellen Richtungen folgt man ebenfalls gezielt diesem Weg der Individuation, auf dem der Mensch permanent auf sich selbst zurückgeworfen wird, bis er die Identifikation mit den Gruppen, in die er eingebunden ist, schließlich aufgibt. Die technische und die spirituelle Entwicklung verfolgen in diesem Fall dasselbe Ziel. Technik und Spiritualität gehören enger zusammen, als mancher sich vorstellen kann. Es sind die beiden Seiten derselben Medaille. In aller Regel suggerieren die spirituellen Gemeinschaften jedoch gerade das Gegenteil, nämlich dass der Einzelne innerhalb der Gruppe aufgehoben ist, von der Gruppe getragen wird und in der Gruppe aufgeht. Von spirituellen Gemeinschaften erhoffen sich die meisten die seelischen, geistigen und manchmal auch körperlichen Streicheleinheiten, die auf dem Weg ins Single-Dasein sonst nicht mehr zu haben sind.

Wie das Internet, das Verbundenheit verspricht und dabei in die Vereinzelung führt, segeln spirituelle Gemeinschaften häufig unter falscher Flagge. Wenn die praktizierte Spiritualität der Individuation dient, dann ist sie durchaus dem Frieden dienlich, schafft aber nicht das Gruppen- und Gemeinschaftsgefühl, das ebenfalls versprochen wird. Schafft die praktizierte Spiritualität hingegen eine Gruppenidentität mit der Abgrenzung gegen andere Gruppen, führt das nicht zu einer friedlicheren Gesellschaft. Die Vereinzelung innerhalb einer Gruppe scheint mir ein unauflösbarer Widerspruch in sich zu sein. Andererseits scheint mir das Leben als solches auch ein unauflösbarer Widerspruch zu sein.  Ist das Leben als solches ein unauflösbarer Widerspruch, dann können sogar Affen Frieden schaffen. Oder friedlich Waffen schaffen. Oder mit friedlichen Waffen Affen schaffen.

 

 

 

Befreiung von der Menschennatur

In der ZEIT vom 29.12.2014 bin ich auf einen Artikel von Jens Jessen gestoßen, der das vergangene Jahr rückblickend als ein Jahr der Befreiung des Menschen von seiner Menschennatur einstuft. Die Stichworte sind social freezing, Leihmutterschaft, Genderdebatte und Sterbehilfe. Jessen beklagt, dass der Mensch in zunehmendem Maße aus seinen natürlichen Bindungen (Erbgut, Familie, Geschlecht) herausgelöst, im Reagenzglas gezeugt, in gekauften Mutterkörpern ausgetragen und am Ende seines Lebens vielleicht schon bald nach Bedarf und Ermessen getötet wird.

Ich habe den Artikel mit Interesse gelesen, schon allein deshalb, weil darin von der promethischen Unabhängigkeitserklärung des Menschen die Rede ist. Prometheus war derjenige, der den Göttern das Feuer gestohlen, es den Menschen gebracht und dafür von Zeus grausam bestraft wurde. An einem mythischen Ort irgendwo im Kaukasus wurde Prometheus an einen Felsen geschmiedet, wo seine Qualen permanent erneuert wurden, indem ein Adler täglich die nachwachsende Leber fraß. Nach dreißigtausend Jahren wurde Prometheus von Herakles befreit, der den Adler mit einem seiner unfehlbaren Pfeile tötete und den todessüchtigen Kentauren Chiron als Stellvertreter einsetzte.

Die Herauslösung des Menschen aus seiner Naturhaftigkeit ist jedoch kein Thema des Jahres 2014, und der im Artikel behauptete Epochenbruch hat überhaupt nicht stattgefunden. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist nämlich nichts anderes als eben gerade die Herauslösung aus seinen angeblich natürlichen Bindungen. Sie macht das Wesen des Menschen aus.

Unsere Menschwerdung ist identisch mit dem Zivilisationsprozess, der mit der Domestizierung des Feuers begann. Zivilisation beginnt nicht erst mit Städtebau und Schriftsystem, sondern mit dem ersten Schritt, der dazu führte, dass instinktgesteuerte Bedürfnisse nicht mehr direkt, sondern über einen Umweg erfüllt werden. Wo Fleisch oder Nüsse vor dem Verzehr im Feuer geröstet werden, muss die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung zurückgestellt werden. Der Hunger kann nicht sofort gestillt werden. Indem unsere Vorfahren die Kontrolle über das Feuer erlangten, entwickelten sie gleichermaßen die Kontrolle über die eigenen Triebe. In diesem Sinne gibt es keine unzivilisierten Menschen.

Dieser Prozess, der uns Menschen aus der Natur herauslöst, dauert seit einer Million oder noch mehr Jahren an. Es gibt keine Epochenbrüche dahingehend, dass wir Menschen uns in dieser Zeit jemals umorientiert hätten. Es gibt nur Zeiten, in denen sich der Prozess beschleunigt und eine andere Qualität annimmt. Es kommt dann zu einem Phasenübergang.

Phasenübergänge gab es in der Vergangenheit schon häufig. Der Übergang von der passiven zur aktiven Nutzung des Feuers gehört dazu, ebenso wie der Übergang von der Brandrodung zur Landwirtschaft oder der Übergang von der Landwirtschaft zur Industrieproduktion. Seit geraumer Zeit, aber nicht erst seit dem vergangenen Jahr verlagert sich der Schwerpunkt von der Optimierung der Umwelt nun zur Selbstoptimierung. Nachdem wir uns in der Vergangenheit damit befasst haben, Hochleistungskühe und Hochleistungsweizen zu züchten, wenden wir die Verfahren, mit denen wir die gewünschten Ergebnisse erreicht haben, nun auf uns selber an. Das erscheint mir ganz logisch und unausweichlich.

Dieselben Klagen haben wir übrigens auch schon damals bei der ersten Herztransplantation gehört. Heute ist Organtransplanatation ein gängiges medizinisches Verfahren.