„Es geht uns doch immer besser“

Das ist die beliebteste Antwort, die ich bekomme, wenn ich mit anderen Menschen über unser Menschsein, die Gesellschaft, den Zeitgeist, die Technik und den Fortschritt diskutiere.

Es geht uns doch immer besser. Noch nie sind Menschen im Durchschnitt so alt geworden wie heute. Noch nie konnten sie so leicht an die Orte reisen, die sie immer schon sehen wollten. Noch nie waren die Läden so überquellend voll. Noch nie hatte der einzelne Mensch so viele Güter und Dienstleistungen zur Verfügung. Noch hat es prozentual so wenig hungernde Menschen gegeben. Noch nie hatte der Mensch so viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Noch nie hatten die Menschen so viel Freiheit. Noch nie konnten die Menschen so ungeschminkt sagen, was sie denken. Noch nie war das Leben so bequem. Noch nie musste man sich so wenig Sorgen machen. Noch nie war der Speisezettel so abwechslungsreich. Noch nie waren die Menschen so gut versorgt. Noch nie …. Noch nie … Noch nie … .

Sicher kann man diese Noch-nie-Antworten kritisch hinterfragen und Unken wie den Klimawandel, die Terrorgefahr, den Peak Oil, das Bevölkerungswachstum oder endemisch gewordene Krebszahlen rufen. Aber irgendwie stimmt die Antwort ja schon.

Wenn ich auf meine kritischen Fragen mal wieder diese Antwort bekomme, merke ich, dass von mir unterschwellig gleichzeitig so etwas wie Dankbarkeit erwartet wird. Dass es irgendwie ungehörig ist, an der Gesellschaft, dem Zeitgeist und vor allem an Wissenschaft, Fortschritt und Technik zu zweifeln. Man gibt mir zu verstehen, dass ich nicht dazu gehöre, wenn ich nicht in dieses Loblied vom Bessergehen miteinstimmen will.

Alle diese Leute versichern mir auf die eine oder andere Weise, dass der Sinn meines Lebens darin besteht, mich immer weniger anstrengen zu müssen.

Denn immer stehen schon Batterien von Menschen parat, die bereit sind, etwas für mich zu tun, wenn es mir mal nicht immer besser gehen sollte. Viele dieser Menschen stehen sogar für mich bereit, ohne dass ich von ihrer Existenz weiß, ohne dass ich sie gerufen habe und ohne dass ich ihre Hilfe überhaupt in Anspruch nehmen will. Viele Menschen scheinen förmlich darauf zu warten, dass es mir schlecht geht, damit sie endlich was zu tun haben.

Es gibt heute sehr viele Menschen, die verdienen ihren eigenen Lebensunterhalt auf der Basis, dass es anderen Leuten schlecht geht. Alte Leute leben heute nicht so lange, um alt zu werden, sondern weil sie von anderen mit viel Aufwand am Leben erhalten werden. Dieser Aufwand ist notwendig geworden, damit die Anderen genug Arbeit haben, Geld verdienen können und sich wiederum all die Reisen, Dienstleistungen und Produkte kaufen können. Es ist sogar zwingend notwendig geworden, dass es vielen Leuten schlecht geht, damit die Anderen sich überhaupt selbst verwirklichen können. Denn viele Menschen erfahren ihre Selbstverwirklichung darin, anderen Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen.

Da sind erstmal die Berater für alle möglichen Probleme, die ich normalerweise gar nicht habe. Die Finanzberater, die Rechtsberater, die Suchtberater, die Lebensgestaltungsberater, die Essberater, die Modeberater, die Einrichtungsberater, die Familienberater, die Krisenmanager, die Energiesparberater, die Sozialämter und die Berater, die mir sagen, auf was alles ich Anspruch habe und wer wo wie bereit steht, um mir zu helfen. All diese Leute können nur leben, wenn ich mein eigenes Leben in den Sand setze, mich verzocke, eine schlechte Ehe führe, nicht weiß, welche Möbel ich brauche, oder in irgendwelche Krisen gerate.

Ja, dann gibt es ja auch noch die Polizei und die Feuerwehr, deine Freunde und Helfer.

Da ist außerdem der ganze Gesundheitsapparat, inzwischen wohl der wesentlichste Arbeitgeber in diesem in unserem Staat. Die Zahl der Ärzte hat sich in den letzten 50 Jahren vervierfacht. Inzwischen gibt es vierhunderttausend Ärzte, die nur dann ihr Auskommen haben, wenn ich krank bin, und das am besten chronisch. Vor 50 Jahren betreute ein Arzt im Schnitt 1.000 Bürger. Heute sind es im Schnitt 250. Wohl gemerkt: Bürger, nicht Patienten. Ein Dorf mit tausend Einwohnern muss heute vier Ärzte ernähren. Dazu noch all die Therapeuten: die Logopäden, Ergo-, Beschäftigungs-, Bewegungs- Familien-, Beziehungs- und Psychotherapeuten. Die Heilpraktiker. Die Osteopathen und Kinesiologen. Die Seelsorger, die Nothelfer, die Rettungssanitäter.

All die unendlich vielen Leute im Pflegedienst, die Krankenschwestern, die Rollstuhl- und Rollatorproduzenten, die Optiker und Hörgerätehersteller, die Treppenliftbauer, die Apotheker, die Pharmabranche und deren Werbeplattformen ARD und ZDF, und diejenigen, die mir erklären, wie der Rollstuhl und das Pflegebett funktionieren und wie ich meinen Lebensabend gestalten soll. Die meine Wohnung putzen, für mich einkaufen, mir das Essen auf Rädern und die Getränkekisten bringen und den Taxichauffeur für mich machen.

Ich bin ein gesellschaftlicher Versager, weil ich in den letzten fünf Jahren nicht beim Arzt war, keinen Zusammenbruch hatte und weder eine Sucht noch eine Krise vorzuweisen habe. Ich mache eine Menge Leute arbeitslos. Ich hindere andere Leute an ihrer Selbstverwirklichung. Wenn ich keine Hilfe brauche und keine Hilfe in Anspruch nehme, bin ich mitverantwortlich dafür, dass das Leben anderer sinnlos wird. Das ist die traurige Wahrheit.

Manchmal habe ich fast ein schlechtes Gewissen, weil ich die mir empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch nehme. Weil ich die letzten fünf Jahre bloß zweimal beim Zahnarzt war und der außer ein bisschen Zahnstein noch nicht mal was gefunden hat. Immerhin konnte er mir eine neue Zahnbürste empfehlen, mit der ich jetzt auch die Zwischenzahnräume putzen kann.

Aber irgendwie habe ich doch keine Lust, krank und alt zu werden, bloß damit Andere dafür sorgen können, dass es mir immer besser geht.

So gesehen, müssen wir in diesem unserem Land, wo es immer allen besser geht, dankbar für die Flüchtlinge sein. Endlich kommen Menschen, die wieder Hilfe brauchen. Menschen, die wir retten, integrieren, pflegen, heilen, beraten, bespaßen, verwalten und belehren können. Endlich gibt es wieder was zu tun.

Eigentlich ist es schade, dass ich keine Probleme habe. Dass es zahllose Menschen gibt, die meine Probleme schon gelöst haben, bevor sie sich überhaupt stellen. Ich hätte gern mal wieder ein paar Schwierigkeiten, die mir selber gehören. Eine Zeitlang habe ich mir selber Herausforderungen gestellt, Abenteuerreisen gemacht, meinen Besitz verschenkt und was man sonst alles so tut, um mal wieder das Gefühl haben, zu leben, in Gefahr zu sein, sich beweisen zu müssen, stark zu sein.

Aber es macht einen Unterschied, ob ich mich selbst herausfordere oder ob das Schicksal mich herausfordert. Sich selber herauszufordern, sich selber in Gefahr zu bringen, sich selber künstlichen Mangel aufzuerlegen, ist irgendwie Betrug. Es fehlt etwas Wesentliches, auch wenn man die selbst auferlegten Herausforderungen zur eigenen Zufriedenheit bewältigt. Es ist, als ob die Evolution einen aufs Abstellgleis geschoben hätte. Als ob Gott einen vergessen hätte.

Insektensterben

Derzeit kann man kaum in eine Zeitung reingucken, ohne mit der Nase auf das große Insektensterben gestoßen zu werden. Eine wissenschaftlich allgemein akzeptierte Studie mit Erhebungen an über 60 Stellen in Naturschutzgebieten kommt zu dem Schluss, dass die Biomasse an Insekten (also ohne die Arten zu identifizieren) in Nordrhein-Westfalen und anderswo in Deutschland in den letzten 30 Jahren um 75% zurückgegangen ist.

Kaum ist diese Meldung veröffentlicht, geht auch schon die Suche nach dem Schuldigen los. Die Grünen und Naturschützer schieben den Rückgang, wie üblich, der industriellen Landwirtschaft in die Schuhe, die Bauern machen den Verkehr, die Versiegelung von Flächen, und – was völlig strange klingt – sogar die Insektenhotels oder die Zunahme an Waldflächen dafür verantwortlich, während der Bauernverband, auch wie üblich, die Seriosität der Studie bezweifelt und weitere Studien einfordert.

Ein Rückgang um 75%: das ist in der Tat dramatisch. Zumal ohne Insekten ein wichtiger Naturkreislauf, an dem auch unsere menschliche Existenz hängt, zusammenbricht. Ein nicht unbeträchtlicher Teil unserer pflanzlichen Nahrungsmittel ist auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Obst und Beeren beispielsweise. Aber auch Ölsaaten wie Raps oder Sonnenblumen. Oder Nüsse.

Die Frage, ob Insekten nur für die Bestäubung wichtig sind oder ob sie in einem funktionierenden Ökosystem noch weitere Aufgaben erfüllen, wie das Bodelebewesen und andere Krabbelviecher tun, kann ich auf Anhieb nicht beantworten.

Im Vergleich zu früher sind Windschutzscheiben und Kühlergrill am Auto heute tatsächlich kaum noch mit toten Insekten verklebt. Von der Decke hängende Klebespiralen in der Wohnung sind auch nicht mehr nötig. Ab und zu noch so ein Klebedings als Pflanzenschutz gegen Trypse, das ist es dann auch schon. Auffallend auch, dass es im Vergleich zu früher viel weniger Singvögel zu geben scheint. Wenn man mit der Nase draufgestoßen wird, wird einem bewusst, dass es auch im eigenen Umfeld sehr viel weniger Insekten und sehr viel weniger Vögel gibt als früher.

In diesem Artikel geht es mir aber um was anderes. Für das Insektensterben werden eine Vielzahl von Gründen genannt: Monokulturen, Feldgröße, Düngung, Glyphosat, Neonicotinoide, Flächenversiegelung, Verkehr, sterile Stall- statt Freilandhaltung von Nutzvieh, Regen, Trockenheit. Ja, sogar der Klimawandel muss als Grund herhalten, obwohl man davon ausgehen kann, dass in unseren Breiten eine Erwärmung für die Insekten eher von Vorteil und ihrer Vermehrung dienlich wäre.

Auffallend ist das totale Schweigen über einen möglichen weiteren Grund, nämlich der Ausbau der Mobilfunknetze und der Sendeanlagen und der massiven Zunahme der Datenübertragungsmenge. Die Zunahme hochfrequenter Strahlung wird als mögliche Ursache nicht mal erwähnt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Die Industrialisierung der Landwirtschaft hat vor 60 Jahren begonnen, und mit ihr ging tatsächlich auch ein Rückgang der Insekten- und Vogelzahl einher. Vielleicht erinnert sich noch mancher an das Buch Der stumme Frühling von Rachel Carson. Die Landwirtschaft ist, was Insekten- und Vogelsterben angeht, sicher nicht außen vor. Ich will da nichts verteidigen und nichts beschönigen.

Andererseits man muss folgendes bedenken: In den letzten 30 Jahren wurde in Deutschland viel für die Natur getan. Die Wälder haben zugenommen, ebenso die Biotope und die Brachflächen. Die landwirtschaftlichen Flächen sind dank Ertragssteigerungen durch züchterische Erfolge zurückgefahren worden. Flussläufe, Bäche, Moore sind renaturiert worden. Blühstreifen und Naturschutzmaßnahmen werden staatlich subventioniert. Hecken bleiben stehen. Der Eintrag von Schadstoffen wie Blei, Schwefel, Rauchgas etc. wurde durch den Einbau von Filteranlagen erheblich reduziert.

In summa sieht die Natur in Deutschland heute zumindest oberflächlich besser und gesünder aus als vor 30 Jahren. Und trotzdem sterben im selben Zeitraum vermehrt die Insekten und verschwinden die Vögel. Und sie verschwinden auch da, wo sie gar keinen Anlass dafür haben, wie bpsw. im Oberallgäu, wo es überwiegend Almen und Grünland gibt, das, wenn überhaupt, bloß von Kühen gedüngt wird. Zudem gibt es in dieser Region überdurchschnittlich viele Bio-Bauernhöfe. Und trotzdem verschwinden die Insekten. Das führt groteskerweise dazu, dass manche Bauern den Grünen und der Öko-Bewegung die Schuld am Insektensterben geben, weil es eben seit 30 Jahren die Öko-Bewegung gibt.

Seit 30 Jahren gibt jedoch auch PC, Laptop und Handy. Die modernere Variante sind Tablets und Smartphones, und diesen allen ist eins gemeinsam: Die Datenübertragung mittels hochfrequenter Strahlung.

Bevor ich die Ursachen für das Insektensterben bei den Grünen und der Öko-Bewegung suche, wie das die Bauern tun, würde ich mir doch schon mal Gedanken über den Zusammenhang von Insektensterben und Strahlung machen. Zumal es ja nichts Neues ist, dass Insekten sich u.a. am Magnetfeld der Erde orientieren.

Interessant auch, auf welche Art und Weise der Zusammenhang zwischen elektromagnetischer Strahlung und Verhalten von Insekten untersucht wird. Das liest sich beispielsweise so:

Bienen:

Als erste befassten sich bereits 1981 Gary und Westerdahl mit dem möglichen Einfluss hochfrequenter Felder (2,45 GHz) auf die Orientierung von Bienen. Es wurden 6000 einzelne Bienen markiert, exponiert oder scheinexponiert, und deren Orientierungsverhalten beobachtet. Es konnte kein Einfluss der Exposition festgestellt werden. An der Universität Koblenz wurde das Rückkehrverhalten von Bienen unter dem Einfluss hochfrequenter elektromagnetischer Felder in einer Pilotstudie (2005) und einer Folgestudie (2006) untersucht (siehe http://agbi.uni-landau.de/materialien.htm). Zur Exposition diente eine unter dem Bienenstock angebrachte DECT-Basisstation. Dies ist einerseits eine unrealistische Situation, aus der direkte Schlüsse über Auswirkungen von Mobilfunk-Basisstationen nicht gezogen werden können, andererseits kann ein Einfluss niederfrequenter Felder, die durch die Stromversorgung der DECT-Basisstation entstehen, nicht ausgeschlossen werden. Es ist bekannt, dass sich Bienen nach dem Erdmagnetfeld orientieren können (Hsu und Li 1994; Hsu et al. 2007), ob diese Orientierung durch niederfrequente Felder gestört wird, wurde nicht untersucht. Die Pilotstudie zeigte bei den exponierten Bienen einen Verlust der zurückkehrenden Tiere von bis zu 70%. Dies war signifikant mehr als bei den nicht exponierten Bienen. Allerdings war die Zahl der untersuchten Bienenstöcke klein. In der Folgestudie wurde die Zahl der Experimente erhöht, die in der Pilotstudie gefundene Tendenz wurde zwar bestätigt, die Ergebnisse waren aber nicht signifikant. Es kehrten etwa 60% der nicht exponierten und 50% der exponierten Bienen zurück. Auf eine drastische Störung der Orientierung von Bienen durch hochfrequente elektromagnetische Felder kann aus diesen Studien nicht geschlossen werden. Weiterhin war das Rückkehrverhalten deutlich schlechter als in der Arbeit von Gary und Westerdahl (1981), wo etwa 80% der exponierten sowie scheinexponierten Bienen in den Stock zurückkehrten, was insgesamt auf weiter Störgrößen in den Untersuchungen von Hsu und Mitarbeitern hindeutet.

http://www.ralf-woelfle.de/elektrosmog/redir.htm?http://www.ralf-woelfle.de/elektrosmog/biologie/umwelt.htm

In diesem Vergleich wird also als „Normalfall“ suggeriert, dass bei jedem Ausschwärmen 40% der Bienen sowieso nicht in den Stock zurückkommen. Offenbar wundert sich von den Wissenschaftlern niemand darüber, dass bloß 60% der nicht-exponierten Bienen in den Stock zurückkommen. Ich bin nun ja kein Imker, aber das wäre meiner Ansicht nach schon ein äußerst merkwürdiges Verhalten, denn nach drei- oder viermaligem Ausschwärmen wäre der Bienenstock dann ja so gut wie entvölkert. Bienen sind keine Eintagsfliegen. Die leben ja schon ein paar Wochen.

Diesem „Normalfall“ gegenüber erscheint ein Unterschied von 10% in der einen Studie und von 30% in der ursprünglichen Studie als nicht signifikant. Und das wird einem dann als wissenschaftlich seriös verkauft. Da kann man sich dann schon mal über Wissenschaftsgläubigkeit, um nicht zu sagen Wissenschaftshörigkeit so seine Gedanken machen.

Interessant ist m.E auch, dass in der Untersuchung von 1981 ja noch etwa 80% sowohl der exponierten und nicht-exponierten Bienen in den Stock zurückkehrten. Daraus könnte man durchaus auch den Schluss ziehen, dass eine einmalige, kurzfristige Exposition mit elektromagnetischer Strahlung den Bienen nicht so viel ausmacht wie die flächendeckende Dauerexposition durch Mobilfunknetze und Sendeanlagen, wie sie 2005 dann schon gegeben war.

Ich weiß nicht, ob es so ist, aber als seriöser Wissenschaftler würde ich solchen und ähnlichen Fragestellungen doch erstmal nachgehen, bevor ich behaupte, dass Bienen und andere Insekten durch elektromagnetische Strahlung nicht gravierend gestört werden.

Das Insektensterben zeigt aber wieder mal deutlich, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Was ihm nicht in den Kram passt, wird nicht wahrgenommen. Oder entsprechend uminterpretiert. Der Wille dominiert unsere Gedanken. Es ist nicht die Wahrnehmung und auch nicht die Suche nach der Wahrheit. Ja, wir wollen Smartphones, Tablets und die Elektrofizierung der Welt. Deshalb existiert Elektrosmog nicht. Und den Insekten macht der sowieso nichts aus.

Techno-Steuern

Gegenspieler der Natur und damit des Lebendigen ist unbestritten die zunehmende Vertechnisierung der Welt durch den Menschen. Natur verschwindet überall da, wo die sogenannte Technosphäre sich ausbreitet. Unter Technosphäre versteht man alle menschengeschaffenen Produkte vom Wattestäbchen bis hin zu Weltraumstationen. Die Technosphäre umfasst auch die gesamte menschliche Infrastruktur: Dörfer, Städte, Straßen, Krankenhäuser, Häfen, Staudämme und nicht zuletzt die öden Monokulturen industrieller Landwirtschaft. Sphärenklänge sind in diesem Kontext keine Engelsstimmen, sondern das Summen, Brummen, Kreischen, Schleifen, Schaben, Knattern, Rattern, Lärmen und Dröhnen von Maschinen.

In den vergangenen 50 (!) Jahren haben 11 Milliarden Menschen gleich viele Ressourcen verbraucht wie rund 95 Milliarden Menschen in den 50.000 Jahren davor. Pro Jahr verbraucht der brave Bundesbürger aktuell im Schnitt rund 10 Tonnen Metall, Mineralien, fossile Brennstoffe und Biomasse. Wir Menschen wandeln soviel Natur in Technosphäre und Abfall um, dass wir 2 1/2 Planeten von der Größe der Erde bräuchten, damit die Natur unsere Aktivitäten einigermaßen verkraften könnte. Da wir jedoch nur diese eine Erde zur Verfügung haben, leben wir auf Kosten der Substanz und verdrängen weiträumig die meisten der freilebenden Arten, deren Individuen mehr als ein Kilogramm wiegen. Dieser Vorgang ist als das sechste große Arten- oder Massensterben bekannt.

In den letzten 40 (!) Jahren haben sich weltweit die Bestände der Wildtiere im Durchschnitt mehr als halbiert, bis 2020 werden 2/3 der Wirbeltiere, die nicht zum Nutzvieh zählen, verschwunden sein. Und man kann wahrhaftig nicht sagen, dass die Welt um 1980 herum von Wildtieren noch gewimmelt hat. Auch damals waren das Artensterben und die Rote Liste schon ein heiß diskutiertes Thema, an dem sich, wie heutzutage auch, eine Menge Leute bloß bereichert haben, ohne dass sich irgendwas geändert hätte. Nicht umsonst war das ja die Zeit, in der die Grünen den Einzug in die Politik schafften, um alternative Lebens- und Regierungskonzepte der technisch-kapitalistischen Maschinerie als Fraß vorzuwerfen. War die Situation 1980 durch die explodierende Massenproduktion schon ernst genug, hat sie sich seit damals geradezu dramatisch verschlechtert.

Ein Blick auf unsere nächsten Verwandten veranschaulicht die Veränderungen: 7.500.000.000 Menschen stehen gerade mal noch 200.000 Schimpansen, 14.000 Orang-Utans und 4.000 Graue Gorillas gegenüber. 60% aller Affenarten sind vom Aussterben bedroht.

Die meisten der auch für den Menschen gefährlichen Umweltveränderungen gehen auf die Vertechnisierung der Welt zurück: Waldsterben, Ozonloch, Klimawandel, Entgleisung der fundamentalen, weltumspannenden Kreisläufe von Kohlenstoff und Stickstoff, überall sinkende Grundwasserspiegel, die zudem mit Antibiotika, Hormonen, Nitraten und anderen Stoffen verseucht werden, Vermüllung der Meere mit Plastikabfällen, Elektronikschrottberge in Afrika, radioaktive Abfälle, die noch Tausende von Jahren vor sich hinstrahlen werden und für die kein Endlager gefunden wird. Und nicht zuletzt droht im Hintergrund zudem der Ausbruch eines Atomkriegs mit dem Horrorszenarium, dass Atombomben auf Atomkraftwerke geworfen werden. Die meisten Menschen sind hochgradig technikgläubig. Sie nehmen es unbesehen hin, dass die Vertechnisierung jährlich Hunderttausende von Menschen das Leben kostet, sei es durch Unfälle, Krieg oder Vergiftung der Lebensgrundlagen. Sie halten die Vertechnisierung der Welt immer noch für eine großartige Leistung und sind – im wahrsten Sinne des Wortes – wahnsinnig stolz auf den Zivilisationsprozess, was ja nur ein anderes Wort für die Vertechnisierung ist. Genau das ist der Zivilisationsprozess: ein Wahn.

Bevor selbsternannte Weltretter überstürzt Maßnahmen ergreifen, um zu retten, was wohl nicht mehr zu retten ist, müssten sich die Menschen ihrer Destruktivität überhaupt erstmal richtig gewahr werden. Sie müssten erkennen, was sie tun. Die Zerstörung der Biosphäre ist nämlich nicht nur ein Kollateralschaden, den man mit ein paar halbherzigen Maßnahmen wie Pseudo-Kommunismus oder Veganismus oder dergleichen wieder beseitigen kann. Seit sich der Mensch mit dem Feuer eingelassen hat, ist die Zerstörungskraft des Feuers auch dem Menschen immanent. Erst, wenn man das kapiert hat, kann man sich Maßnahmen überlegen, um die menschliche Zerstörungskraft vorübergehend vielleicht etwas einzudämmen.

Die einzig adäquate Maßnahme, die mir einfällt, besteht darin, die Vertechnisierung so teuer zu machen, dass sie sich nicht mehr lohnt. Das wäre eigentlich ganz leicht zu bewerkstelligen. Statt die menschliche Arbeitskraft oder den gesamten Konsum zu besteuern, könnte man sämtliche Steuern und Sozialabgaben auf Rohstoffe, Energie und Technik umlegen.

Im Prinzip ist ein Staatshaushalt ja nichts anderes als eine doppelte Buchführung. Was auf der einen Seite die Einnahmen sind, sind auf der anderen Seiten die Ausgaben, und die Aufgabe besteht darin, die Einnahmen und die Ausgaben zur Deckung zu bringen. Wie man das anstellt, ist egal. Im Jahr 2017 arbeitet ein durchschnittlicher Arbeitnehmer bereits mehr als das halbe Jahr für den Staat. Das heißt, der Staat kassiert um die 55% des Einkommens und verspricht dafür Sicherheit, Bildung, Infrastruktur, Gesundheits- und Altersversorgung und dergleichen mehr.

Statt den Menschen nun 55% des Einkommens wegzunehmen, könnte man Energie und technische Geräte um eben diesen Betrag verteuern. Statt Unternehmenssteuer müssten die Betriebe Maschinen- und Robotersteuern bezahlen. Dann könnte die menschliche Arbeit wieder mit Maschinen und Robotern konkurrieren. Es würde sich wieder lohnen, selber irgendwo Hand anzulegen statt dauernd bloß Wegwerfprodukte zu kaufen, die aufgrund der Notwendigkeit, Umsatz zu machen, immer schneller kaputt gehen.

Da wir aufgrund des technischen Fortschritts unter massiver Überproduktion leiden, wäre eine Reduzierung der Produktivität ein echter Gewinn, um nicht zu sagen, ein Segen. Das könnte man mit einem bedingungslosen Grundeinkommen erreichen. Ich war bislang ein eingefleischter Gegner des BGE, weil es den Menschen total abhängig macht und den Lebenswillen lähmt. Es zerstört die Fähigkeit und den Wunsch, für sich selber zu sorgen. Wenn man jedoch der weiteren Vertechnisierung ein Ende setzen wollte, wäre das BGE vorübergehend vermutlich doch eine sinnvolle Maßnahme. Sollte sich die Gesellschaft irgendwann anti-technisch organisiert haben, könnte man es ja wieder abschaffen. Vielleicht kommen unsere Nachfahren ja irgendwann in ferner Zukunft an den Punkt, wo sie es wieder als ihre Aufgabe angucken, selbst für sich zu sorgen, und stolz darauf sind, wenn ihnen das ohne die Zuhilfenahme von Fremdenergie gelingt. Das wären dann allerdings keine Menschen mehr, definiert sich Menschsein doch eben durch den Fremdenergieverbrauch.

Das Grundeinkommen wäre dazu da, die Grundbedürfnisse abzudecken. Da fallen mir zuerst Nahrung, Wohnung und Kleidung ein. Vielleicht gibt es noch andere existenzielle Bedürfnisse wie ein gewisses Maß an Sauberkeit und gesellschaftlichem Austausch. Aber das kostet ja nichts oder zumindest nicht viel. Im Grunde ist das BGE so was wie Hartz IV für alle. Mehr nicht. Technische Geräte wie Waschmaschine, Wäschetrockner, Herd, Heizung, Kühlschrank, Gefriertruhe, Fernsehen, Musikanlage, Computer, elektrische Küchengeräte, Rasenmäher, Auto usw. gehören nicht zu den Grundbedürfnissen, die über das Grundeinkommen abgedeckt werden. Wer nicht in einem Wohnheim wohnen und sich stattdessen mit technischem und sonstigem Schnickschnack umgeben will, muss, wie bisher auch, dafür arbeiten. Ich gehe schon davon aus, dass angesichts der menschlichen Technikbesessenheit die meisten Menschen tatsächlich weiterhin arbeiten würden. Wer von uns will schon auf die obengenannten Gerätschaften verzichten? Wer will nicht in seiner eigenen Wohnung wohnen? Und wenn manche (oder auch viele) das nicht wollen, ist das auch okay. Aussteiger und Minimalisten sind in diesem Modell ja explizit erwünscht.

Wenn sämtliche Steuern und Abgaben auf Energie und Technik umgelegt würden, würde jedes technische Gerät vermutlich das Dreifache oder Fünffache kosten. Vielleicht sogar noch mehr. Dann muss man sich schon überlegen, ob sich die Anschaffung lohnt. Ob man nicht beispielsweise besser fährt, wenn man die Wäsche auf die Leine hängt anstatt sie in den Trockner zu stopfen. Ob es nicht günstiger ist, von Hand zu spülen oder den Teig von Hand zu rühren als mit der Maschine. Ob man wirklich bereit ist, sich das halbe Leben lang krumm zu legen, nur um sich ein Auto kaufen zu können. Natürlich würde auch die Energie sehr viel teurer werden. Sodass sich vielleicht mancher überlegt, wieder mit der Sonne schlafen zu gehen und mit ihr aufzustehen. Viele Menschen werden sich die Technik, mit der sie sich jetzt gerade umgeben, schlichtweg nicht mehr leisten können. Vielleicht wird es dann wieder modern, im Garten zu zelten. Vielleicht können die Kinder dann ja wieder mal auf der Straße spielen. Auf jeden Fall wäre die Techno-Steuer ein Mechanismus, der die Produktion den Bedürfnissen anpasst. Es gäbe keine Überproduktion mehr. Die Techno-Steuer wäre der Sand im Getriebe der Wirtschafts- und Marketing-Maschinerie. Sie würde die Vertechnisierung der Welt zumindest effektiv verlangsamen.

In diesem Modell kann jeder mit dem Grundeinkommen machen, was er will. Jeder kann selber entscheiden, was und wie lange er arbeiten will. Es besteht kein Zwang zur Arbeit, weil die existenziellen Bedürfnisse ja abgedeckt sind. Von seinem Einkommen kann jeder kaufen, was er will. Freie Entscheidungen finde ich besser, als den Menschen vorschreiben zu wollen, wieviel Energie sie verbrauchen oder wie oft in der Woche sie Fleisch essen dürfen. Allerdings muss der Mensch die Folgen seiner Entscheidung selber tragen. Wenn sich einer dafür entscheidet, sein Grundeinkommen in einen Laptop oder in ein i-Phone zu stecken, dann hat er eben nichts zu essen. Der Staat hat bereits für den Menschen gesorgt, zweimal für den Menschen zu sorgen, ist nicht mehr seine Sache.

Wichtig an diesem Modell ist, dass das Grundeinkommen zwingend mit einer vollständigen Umstrukturierung des Steuersystems gekoppelt ist. Solange die Einnahmen des Staates weiterhin von den Einkommen bzw. der menschlichen Arbeitskraft abhängen, macht ein Grundeinkommen keinen Sinn. In diesem Fall entsteht nämlich automatisch der Zwang zur Arbeit, um das Grundeinkommen überhaupt finanzieren zu können. Statt zu mehr Freiheit und einer Umstrukturierung der Gesellschaft führt das BGE für sich allein genommen in die paradoxe Situation, dass die Menschen gezwungen werden, freiwillig mehr zu arbeiten als im alten System. Für sich allein genommen, führt das BGE zu einer absolut verlogenen Gesellschaftsordnung, falls es nicht gleich in einem Desaster endet.

Das bisherige Steuersystem, in das der Mensch mit seiner Arbeitskraft eingebunden ist, stammt aus der Bronzezeit. Dieses Steuersystem war sinnvoll für eine agrarische Gesellschaft, in der die menschliche Arbeitskraft neben Ochs und Pferd die Hauptenergiequelle war. Nun leben wir nicht mehr in einer Agrar- sondern in einer Industriegesellschaft. Für eine Gesellschaft, die über Strom, Maschinen und Roboter verfügt, hat das alte Steuersystem deswegen eine Menge unerwünschter Effekte, von denen der ewige Zwang zum Wirtschaftswachstum nur einer ist.

Meiner Ansicht nach hätte das Steuersystem allerdings bereits vor hundert oder zweihundert Jahren dem veränderten Paradigma angepasst werden müssen. Jetzt sehen wir uns in der Situation, dass die Vertechnisierung mit einer den Rahmen der Naturverträglichkeit sprengenden Bevölkerungsexplosion einhergeht und eine Eigendynamik entfaltet, die niemand steuern oder beherrschen kann. In dieser Phase des vielgerühmten Zivilisationsprozesses stellt sich heraus, dass nicht der Mensch das Feuer beherrscht, sondern das Feuer bzw. die Vertechnisierung den Menschen. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir auf einen Systemkollaps zusteuern, vergleichbar mit jenem, wie er sich auch in der Bronzezeit ereignet hat. Was danach kommt, ist schwer zu sagen. Vielleicht ein Zeitalter, in dem nicht-lebendige Systeme die Herrschaft über den Planeten haben und die Menschen, die den Kollaps überleben, kein eigenes Leben mehr haben, sondern Kapital in irgendeinem von Maschinenintelligenz ausgedachten Plan sind, ähnlich wie heute die Tiere in der Massentierhaltung. Wenn das die Zukunft ist, ist es mir egal, ob ich den Kollaps überlebe oder nicht. Deswegen mache ich mir auch keine großen Sorgen mehr.

Eine andere Lösung wäre nur denkbar, wenn der Mensch aus seinem Zivilisations- und Technikwahn aufwachen würde. Vom Erwachen reden die Buddhisten jedoch schon seit zweieinhalbtausend Jahren, ohne dass sie je kapiert haben, dass das Feuer (Vertechnisierung) und nicht die Gier oder der Egoismus das ursächliche Problem der Menschheit ist. Deshalb sehe ich für eine andere Lösung einigermaßen schwarz.

Halbe Sklaven

Jedes Jahr rechnet der Bund der Steuerzahler aus, wie viele Tage im Jahr der Bürger für den Staat arbeitet und wie viele Tage für sich selber. In diesem Jahr war der Stichtag der 19. Juli. Das heißt, bis zum 19. Juli, also mehr als die Hälfte des Jahres, haben Arbeiter, Angestellte, Selbständige und Betriebe für den Staat gearbeitet. Tatsächlich beträgt die durchschnittliche Einkommensbelastungsquote in diesem Jahr 54,6%.

Wenn ein Mensch gezwungenermaßen mehr als die Hälfte seiner Zeit für jemand Anderes arbeiten muss, ist er kein freier Mensch. Und ja doch, die Arbeit, die wir für den Staat leisten, ist Zwangsarbeit. Denn wir haben ja gar keine andere Wahl. Wir können die Staatsbürgerschaft nicht aufkündigen wie die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft oder die Mitgliedschaft in einem Verein. Der Staat lässt seine Bürger nicht frei darüber entscheiden. Man kann aus einem Staat nicht austreten und im selben Haus einfach als Staatenloser weiterleben. Mehr als die Hälfte des Jahres ist der Mensch, der gleichzeitig ja immer auch Staatsbürger ist, also der Sklave des Staates. Wir sind also sozusagen alle Halbsklaven.

Vielleicht sollten wir doch nochmal gründlich drüber nachdenken, was es bedeutet, wenn wir von Freiheit reden. Wenn ein Halbsklave glaubt, ein freier Mensch zu sein, dann ist er in doppelter Hinsicht unfrei. Nicht nur, dass er bloß über die Hälfte von dem, was er sich durch seine Leistungen erarbeitet, verfügen darf. Nein, auch seine Wahrnehmungs- und Urteilskraft sind offensichtlich massiv eingeschränkt, denn sonst müsste sich der halbwegs mit Verstand begabte Mensch doch zumindest über seinen Status im Klaren sein und das entsprechend kommunizieren. Stattdessen reden die meisten Menschen gebetsmühlenartig davon, gerne in diesem freiheitlich demokratischen Land zu leben. So, wie die Menschen anderswo eben behaupten, gerne unter kommunistischer Fahne oder einem Führer wie Kim Yong Un zu leben. Wenn es um Kommunisten und Diktatoren geht, wird von Indoktrination geredet. Wir reden von Meinungsfreiheit. Aber worin besteht denn nun der Unterschied? Jubeln die Menschen in Nordkorea etwa nicht freiwillig?

Indoktrination besteht darin, eine fremde Meinung zur eigenen zu machen, sogar dann, wenn sie einem selbst zum Nachteil gereicht. Ist das hier bei uns so viel anders? Ist es etwa kein Nachteil, mehr als die Hälfte des Jahres für fremde Taschen zu arbeiten? Nur ein Bruchteil davon fließt über Umwege wie Kindergeld oder Rentenansprüche in unsere eigenen Taschen zurück. Das Meiste ist einfach futsch. Für immer perdu. Denn zurück bekommen wir hauptsächlich Schein-Sicherheiten und leere Versprechungen. Zum Beispiel das Versprechen, im Alter mit einer Rente versorgt zu werden. Doch im Kleingedruckten steht, dass die Höhe der Rente von der Wirtschaftslage und sonstigen Umständen abhängt. Im Grunde verpflichtet sich der Staat zu nichts. Wie jeder Sklavenhalter entscheidet der Staat höchst willkürlich über das Wohl und Wehe derer, die er ausbeutet.

Der Staat nimmt im Jahr 2017 seinen Bürgern mehr als die Hälfte ihres Einkommens weg. Das ist die höchste Quote, die es in der Geschichte Deutschlands je gab. Wenn es nicht der Staat wäre, der in die Tasche des Bürgers greift, könnte man doch glatt von Diebstahl reden.

Die zunehmende Enteignung des Bürgers funktioniert schleichend. Hier eine minimale Abgabe mehr, dort eine kleine Erhöhung des Steuersatzes, da noch ein bisschen Umweltschutz wie bei der EEG-Umlage. Dazu kommt, dass nicht der gesamte Steuersatz direkt vom Einkommen abgezogen wird. Bei Arbeitern und Angestellten wird auf der Lohnabrechnung nur die Hälfte abgezogen, die andere Hälfte muss der Arbeitgeber bezahlen. Das ist natürlich Augenwischerei. Zahlen-Kosmetik. Das wird so gemacht, um dem Arbeitnehmer vorzugaukeln, dass ihm gar nicht soviel abgezogen wird. Derselbe Trick wird nochmal angewandt, indem nicht nur das Einkommen, sondern mit der Mehrwert- und anderen Verbrauchssteuern auch die Lebenshaltung und der Konsum besteuert werden. Dazu kommen noch die kommunalen Abgaben, wo die Gemeinden nochmal Geld für Leistungen verlangen, die eigentlich über die Steuerzahlungen bereits abgegolten sein sollten. Wie Abwasser- und Müllgebühren. Und der größte Witz ist, dass dann auch wieder die Rente besteuert wird.

Wird ein Frosch in heißes Wasser geworfen, springt er aus dem Topf sofort wieder hinaus. Wird der Frosch jedoch in kaltes Wasser gesetzt, das gaaanz langsam erhitzt wird, bleibt er sitzen, bis er tot ist. Wir Halbsklaven sind wie Frösche, die in kaltes Wasser gesetzt werden und nicht merken, dass das Wasser allmählich den Siedepunkt erreicht.

Interessant dabei ist, dass es den Staat ja eigentlich gar nicht gibt. Er existiert nur in den Köpfen der Menschen und in ein paar Gebäuden, die man Regierungsgebäude nennt, die man aber auch für andere Zwecke nutzen könnte. Der Staat existiert nur in diesem merkwürdigen Raum, den man das kollektive Bewusstsein nennt. Der Staat ist, genau genommen, eine Form von Glauben. Das funktioniert genauso wie in einer Religion. Ob man an den Staat oder an Gott glaubt, macht keinen großen Unterschied. Der Staat verspricht dasselbe wie Gott: Schutz, Sicherheit, Wohlstand. Der einzelne Mensch kann sich gegen den Staat genauso wenig wehren wie gegen Gott.

Der Staat ist der säkularisierte Gott. Der Staat ist die verweltlichte Form des Übermächtigen und im Zeitalter der Digitalisierung auch des Allwissenden. Gott ist ja nichts Anderes als eben die Projektion des Übermächtigen ins Zeit- und Raumlose hinein. Dieses Zeit- und Raumlose ist identisch mit dem kollektiven Bewusstsein. Die Projektion des Übermächtigen ins Zeit- und Raumlose hinein war die Voraussetzung für die Entstehung eines kollektiven Bewusstseins. Die Erfindung von Gott dehnte hier einen Raum auf, wo vorher keiner war.

In einer Horde kennt jeder jeden und der Zusammenhalt wird durch den persönlichen Kontakt gewährleistet. Wo der Austausch direkt und persönlich ist, stehen die Menschen für sich selber ein. Auch wenn sie Bindungen oder Handelsbeziehungen miteinander eingehen, bleiben sie Individuen. Die Erfindung von Göttern diente dazu, Menschen über diese Horde und die persönlichen Beziehungen hinaus zu einer Einheit zusammenzuschweißen. Sogar Menschen, die sich nie im Leben sehen und nie miteinander reden, gehören zur selben Gruppe, wenn sie an denselben Gott bzw. an dieselben Geschichten glauben. Die Erfindung von Gott dient dazu, die Beziehungen unter Menschen zu entpersonalisieren. Das heißt zu anonymisieren. Erst da, wo Menschen gelernt haben, ohne persönliche Beziehungen zusammenzuleben, können sich größere Verbände bilden: Städte, Stadtgemeinschaften, Nationen, Staaten. Und da, wo Beziehungen anonym werden, werden die Tore zur Willkürherrschaft geöffnet.

Haben sich Nationen und Staaten erstmal durch entsprechende Regierungsgebäude und eine effiziente Verwaltung etabliert, ist Gott nicht mehr nötig. Deshalb verschwinden die Götter wieder, wenn die Menschheit sich in großen abstrakten Gebilden wie Nationen und Staaten vereinheitlicht hat. Der letzte Gott wird spätestens dann sterben, wenn sich die Weltregierung mit ihrem entsprechenden Verwaltungsapparat durchgesetzt hat.

Den Götterwelten im Polytheismus wohnt die Dynamik zu einer einzigen, allmächtigen Gottheit bereits inne. In ihrer Vervollkommnung werden polytheistische Religionen schließlich monotheistisch. Auf Dauer kann es nicht mehrere Weltreligionen nebeneinander geben, die an verschiedene allmächtige Götter glauben. Es kann nur einen allmächtigen Gott geben. Aber wie gesagt: die Götter und auch der Allmächtige existieren nur im kollektiven Bewusstsein. Der Allmächtige ist identisch mit dem kollektiven Bewusstsein. Gott ist nicht mehr als eine Idee, die von vielen Menschen geglaubt wird. Allmächtig ist dieser Gott dann, wenn die Idee von allen Menschen geglaubt wird. Die Säkularisierung des Allmächtigen ist der Weltstaat.

Gott ist also so etwas wie das Gerüst, das notwendig ist, um das Haus zu bauen. Ist das Haus, der Weltstaat, erstmal fertig, wird das Gerüst wieder abgebaut. Sobald der Weltstaat verwirklicht ist, kann man auf den Allmächtigen verzichten. Tatsächlich läuft dieser Prozess ja schon. Wo immer Staaten sich stabilisieren, ersetzen sie den Glauben, und die Götter verschwinden. Je unsicherer ein Staat und je weniger Schutz und Sicherheit der Staat seinen Bürgern gewährt, desto mehr neigen die Menschen dazu, sich weiterhin an ihre Götter zu klammern.

Je größer das Konglomerat, zu dem sich Menschen zusammenschließen, desto teurer wird dessen Finanzierung. Das ist logisch, denn umso mehr Verwaltungsebenen müssen dazwischen geschaltet werden. Eine autarke Region kommt mit einem kleinen Verwaltungsapparat aus. Wenn sich aber Regionen zu einer Landesregierung zusammenschließen, muss dieser Zusammenschluss durch einen weiteren Verwaltungsapparat umgesetzt und realisiert werden. In der Folge der Vereinheitlichung kommen Bundesländer, Nationalstaaten und schließlich Staatenverbände wie die EU hinzu, und jede weitere Ebene benötigt einen weiteren Verwaltungsapparat.

Wenn der Bürger heute mehr als die Hälfte seines Einkommens hergeben muss, dann, um diese immer größer und immer schwerfälliger werdenden Staatsapparate zu finanzieren. Wir zahlen heute mehr Steuern und Abgaben denn je, weil außer Deutschland auch noch die Europäische Union mitfinanziert werden muss. Man kann sich ausrechnen, was die Verwaltung eines Weltstaats den einzelnen Bürger kosten wird. Ich schätze mal, 100% seines Einkommens werden da noch zu wenig sein. 🙂

Erschwerend kommt hinzu, dass die Staaten durch ihre Regierungen nicht nur aufs Einkommen ihrer Bürger zugreifen, sie mischen sich mit immer mehr Vorschriften auch immer mehr in deren Privatleben ein. Niemand kann heute mehr sein Haus selber bauen, sondern muss es aufgrund der zahllosen Vorschriften von einer Baufirma bauen lassen. Selbst eine Bestattung ist heute durch einen Wust von Vorschriften so kompliziert geworden, dass ohne ein Expertenteam in Form eines Bestattungsunternehmens gar nichts mehr geht. So geht der Bürger mehr und mehr in den Besitz des Staates über.

Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird der Mensch der Zukunft nur noch fürs Kollektiv arbeiten. Er wird kein halber Sklave mehr sein, sondern ein ganzer, und zwar einer, der am Ende von den willkürlichen Entscheidungen einer Weltregierung mit all ihren Verwaltungsebenen gerade so abhängig ist, wie in den amerikanischen Südstaaten der afrikanische Baumwollpflücker einst vom Gutsherrn und dessen Sklavenaufsehern abhängig war.

 

Besitz hat keine Stimme

Im Animismus der Jäger und Sammler sind andere Wesenheiten wie Tiere, Pflanzen, Felsen und Quellen für den Menschen Partner, mit denen er kommuniziert und im Austausch steht. Diese Wesenheiten kennen nicht nur Gefühle, sie haben auch ihre eigene Vernunft und ihr eigenes Verständnis der Welt. Diese Wesenheiten wollen dem Menschen Gutes und manchmal auch Böses. Sie haben einen eigenen Willen. Sie sind beseelt. Und vor allem haben sie eine Stimme, mit der sie sich bemerkbar machen und die der Mensch hören kann. Im Animismus erfährt sich der Mensch als eines von vielen Geschöpfen, von denen jedes seine eigene Persönlichkeit, seine Bedürfnisse und Wünsche hat. Der Animismus ist die einzige Religion, in der Tiere, Pflanzen und Menschen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Es ist die einzige Religion, in der ANDERE als ANDERE akzeptiert sind.

„Die Wildbeuter jagten wild lebende Tiere und sammelten wild wachsende Pflanzen, die dem Homo sapiens ebenbürtig waren. Sie jagten zwar Schafe, doch sie betrachteten die Schafe deshalb noch lange nicht als minderwertige Wesen, genauso wenig wie sie glaubten, dass sie selbst weniger wert waren als die Tiger, nur weil sie von diesen gejagt wurden. Lebewesen kommunizierten direkt miteinander und handelten die Regeln aus, die in ihrem gemeinsamen Lebensraum herrschten.“ (Harari, S. 256)

Im Animismus erlebt sich der Mensch als auf derselben Stufe stehend wie seine Mitgeschöpfe.

Bei der landwirtschaftlichen Revolution, die vor ca. 10.000 Jahren stattfand, handelt es sich nicht nur um eine Revolution in Sachen Nahrungsbeschaffung. Die landwirtschaftliche Revolution war vor allem eine religiös-spirituelle Revolution, die das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen und der Natur grundlegend veränderte. Denn nun erlebt sich der Mensch als auf einer höheren Stufe stehend als seine Mitgeschöpfe.

„Bauern lebten davon, Tiere und Pflanzen zu besitzen und zu manipulieren, weshalb es ihnen schwerfiel, Tiere und Pflanzen als ebenbürtig zu begreifen oder gar mit ihnen zu verhandeln. Im Laufe der landwirtschaftlichen Revolution wurden die einst spirituellen Partner daher zu stummen Besitzgütern.“ (Harari, S. 256)

Darin liegt die eigentliche Tragödie des Menschen begründet. Je mehr er seine Mitgeschöpfe, die Natur und die Welt in Besitz nimmt, desto stiller wird es um ihn herum. Der Mensch kann die Stimmen der ANDEREN nicht mehr hören. Die ANDEREN sind verstummt. Oder besser gesagt: Zum Verstummen gebracht worden. Da der Mensch die Stille um sich herum nicht erträgt, füllt er sie mit dem Lärm der Maschinen und dem eigenen Geplapper.

Die landwirtschaftliche Revolution ist gleichbedeutend damit, dass sich der Mensch über seine Mitgeschöpfe erhebt. Er fängt an, Pflanzen und Tiere in seinem Sinne und zu seinem Nutzen zu verändern. Tiere und Pflanzen haben kein eigenes Lebensrecht mehr, sondern nur noch eines in Bezug auf den Menschen.

 

Viele Menschen sehen die technische Entwicklung heute mit Unbehagen. Sie glauben, dass der Mensch mit der Gentechnik oder der Künstlichen Intelligenz über die von der Natur gesetzten Grenzen hinausgeht und nun anfängt Gott zu spielen. Das ist ein Irrtum. Der Mensch hat sich schon im Laufe der landwirtschaftlichen Revolution zur Gottheit erhoben. Oder anders: Die landwirtschaftliche Revolution ist identisch mit der Selbstvergottung des Menschen. Wer ein Lebewesen in Besitz nimmt, macht sich zum Gott über dieses Lebewesen. Nur durch diese Selbstvergottung kam der Mensch überhaupt erst auf die Idee, Götter zu erfinden. Treten die ersten Götter noch als Mischwesen aus Mensch und Tier auf, verschwinden die Tiere in dem Maße aus dem Götterhimmel, je mehr sie in der Realität vom Menschen in Besitz genommen werden.

Die Selbstvergottung führt nicht nur dazu, dass Tiere und Pflanzen als minderwertig empfunden werden, sie spaltet auch die Menschheit in Höher- und Niederstehende. Erst mit der landwirtschaftlichen Revolution entstanden Gesellschaften mit sozialen Schichtungen, die sich durch scharfe Kontraste im Lebensstil unterschieden. Die Selbstvergottung führt nämlich auch dazu, dass außer Tieren und Pflanzen auch Gruppen anderer Menschen gerne als minderwertig empfunden werden. Sklaven und Gemeine beispielsweise. Auch Sklaven und Gemeine waren Besitztümer und wurden ihrer Stimme beraubt.

Vor einiger Zeit gab es bei mir ein Problem mit dem Telefon. Nachdem ich die Servicenummer von Telekom rausgefunden hatte, kam ich in eine von Musik untermalte Schleife mit automatischen Abfragen. Wenn Sie dieses Problem haben, drücken Sie die 1. Wenn Sie jenes Problem haben, drücken Sie die 2. Und so weiter und so fort. Danach wurde mir versichert, dass mein Problem notiert wäre und in den nächsten Tagen behoben würde. Doch nichts dergleichen geschah. Bei einem zweiten Anruf wurde ich von einer automatischen Stimme darauf verwiesen, dass ich schon einmal angerufen hatte und wurde gar nicht mehr weitergeleitet. Obwohl das Problem irgendwann behoben wurde, blieb bei mir dennoch das dumme Gefühl zurück, auf einmal nicht mehr gehört zu werden.

Ein vergleichbares Erlebnis gab es vor einiger Zeit bei Amazon mit einer Buchbestellung. Bei Amazon gibt es keine persönlichen Ansprechpartner mehr oder wenn, dann sind sie nur sehr schwer zu finden. Auch hier wird man am PC über eine Reihe von Abfragen geführt. Es war nun jedoch so, dass keine der angebotenen Abfragen für mein spezielles Problem passte. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als die Buchbestellung zu stornieren. Und auch hier hatte ich wieder das dumme Gefühl, zum Verstummen gebracht bzw. nicht mehr gehört zu werden.

Plötzlich finde ich mich also auf derselben Stufe wieder wie Sklaven, Gemeine, Tiere und Pflanzen. Irgendwie werden solche wie ich anscheinend gerade aus dem Götterhimmel hinausgeworfen.

Big Data bedeutet nichts anderes, als dass die Benutzer sozialer Medien von den Technologiekonzernen in Besitz genommen werden. Die Techno-Konzerne legen die Bedingungen fest, wie vor 10.000 Jahren die Bauern die Bedingungen festgelegt haben.

Im Grunde sind wir heute in derselben Situation wie damals Tiere und Pflanzen. Vermutlich sind auch Tiere und Pflanzen seinerzeit davon ausgegangen, dass eine ominöse, undurchschaubare Macht es gut mit ihnen meint. Wenn die Tiere damals, um sie in Besitz zu nehmen, mit Häppchen gefüttert wurden, so werden wir heute mit Schnäppchen gefüttert. Wir gehen den Techno-Konzernen auf den Leim, wie uns seinerzeit Tiere und Pflanzen auf den Leim gegangen sind.

Viele Menschen ahnen etwas von dieser neuerlichen Verschiebung. Deshalb entdecken sie plötzlich ihr Herz für die gequälte Kreatur in der Massentierhaltung. Es ist nicht die Liebe zum Tier, die Proteste hervorruft, sondern viel eher die dumpfe Ahnung, dass es uns bald ebenso gehen könnte wie den Schweinen, Rindern und Hühnern, die kein eigenes Lebensrecht haben, sondern nur eines in Bezug auf uns Menschen. Es gibt diese Tiere nur, weil sie vom Menschen verwertet werden.

Nicht Liebe, sondern diffuse Ängste bringen die Menschen dazu, Veganer zu werden und in Ställe einzubrechen, deshalb ist die Tierschutz-Bewegung auch offen oder latent aggressiv.

Wir sind daran gewöhnt, linear und in Kategorien des Fortschritts zu denken. Aber könnte es nicht sein, dass die industrielle Revolution nicht die Fortsetzung der agrarischen ist, sondern die Antwort auf unsere Selbstvergottung vor 10.000 Jahren? Ich habe manchmal den Eindruck, dass in der industriellen Revolution der Mensch nun an die Position rückt, die er in der agrarischen Revolution den Tieren und Pflanzen zugewiesen hat. So, wie der Mensch Tiere und Pflanzen behandelt, wird er nun von einem zunehmend anonymen technisch-bürokratischen Komplex selber behandelt. Ist es, so gesehen, nicht ziemlich mickrig, wenn der Mensch deshalb nun auf einmal die Freundschaft mit Tier und Natur sucht, die er über Jahrtausende hinweg bloß verachtet und schlecht behandelt hat?

 

Literatur:
Harari, Yuval Noah: Eine kurze Geschichte der Menschheit. 2013.

 

Das Sterben der Bauernhöfe

Im Jahr 1971 gab es in Deutschland 1.017.697 Bauernhöfe. 2016 waren es gerade mal noch 276.000. Deutschland ist nicht allein vom Höfesterben betroffen. Frankreich hatte zwischen 1963 und 2011 einen Rückgang von ursprünglich 1,9 Millionen Betrieben auf 499.000 zu verzeichnen. In den anderen europäischen Ländern sieht es auch nicht viel anders aus. Und das Höfesterben geht weiter. Ein Ende ist bislang nicht abzusehen.

 

Immer weniger Höfe erzeugen immer mehr

Dabei werden in Deutschland mehr Tiere geschlachtet als noch vor zehn Jahren. Wenn man mal die Schweineproduktion betrachtet, ergeben sich folgende Zahlen: Im Jahr 2000 wurden 45 Millionen Schweine geschlachtet, im Jahr 2013 waren es 15 Millionen mehr. Im Jahr 2000 wurden durchschnittlich 350 Tiere in einem Stall gehalten, im Jahr 2013 waren es sage und schreibe 2.163. In derselben Zeit, in der Öko-Freaks und Tierfreunde sich vehement gegen Massentierhaltung engagieren, versechsfacht sich also die Zahl der Schweine pro Haltung. Kann man daraus womöglich den Schluss ziehen, dass die Öko-Freaks die Massentierhaltung erst herbeigeredet haben? Ganz so abwegig, wie das scheint, ist das gar nicht.

Es wird durch das Höfesterben auch nicht weniger Ackerland bewirtschaftet. Die übrig gebliebenen Höfe vergrößern sich und intensivieren zudem die Landwirtschaft. Der Ertrag pro Hektar hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren deutlich erhöht. Im Jahr 1970 wurden in Deutschland 23,7 Millionen Tonnen Getreide geerntet, im Jahr 2014 waren es 52 Millionen Tonnen. Also etwas mehr als doppelt so viel. Die Maisproduktion hat überhaupt erst in den 70er Jahren so richtig angefangen. 2013 wurden 4,4 Millionen Tonnen Körnermais und 80 Millionen Tonnen Silomais erzeugt.

Deutschland produziert inzwischen zuviel Milch, zuviel Fleisch und zuviel Getreide. Das Überangebot drückt die Preise in den Keller, was offenbar gewollt ist, weil der Preisverfall die kleinen und mittleren Betriebe zur Aufgabe zwingt. Hinzu kommt, wenn ich das richtig verstanden habe, dass die Subventionspolitik der EU die Großbetriebe bevorzugt. Mit unseren Steuergeldern finanzieren wir das Höfesterben also mit.

Die Biobewegung: Vorstellung und Realität

Außerdem haben die Bauern dank den Grünen, Tierrechtlern und anderen Ideologen einen schlechten Ruf. Häufig werden sie als Tierquäler bezeichnet. Und auch das trifft die kleinen und mittleren konventionell wirtschaftenden Betriebe mehr als die Großbetriebe. Was Besseres als die grüne Politik und die Verunglimpfung des gesamten Bauernstandes konnte den Großen der Branche gar nicht passieren.

In der Öffentlichkeit hat sich durch das lautstarke Geschrei der Öko-Freaks die Vorstellung verfestigt, dass eine 80 Millionen Bevölkerung locker mit Lebensmitteln von Bio-Höfen ernährt werden kann, wenn nur die konventionell wirtschaftenden Bauern nicht so dröge und unflexibel wären. Bio ist in und hat inzwischen auch die Supermärkte erobert. Trotzdem gibt es in Deutschland nur knapp 27.000 Höfe, die biologisch-ökologisch wirtschaften. Es gibt nicht mehr davon, weil es sich für die Bauern schlicht nicht rechnet.

Zwischen 2006 und 2016 hat die Zahl der Bio-Betriebe in Deutschland um 9.298 zugenommen, während die Zahl der konventionell wirtschaftenden Höfe zwischen 2008 und 2016 um 45.600 abgenommen hat. Das heißt, auf jeden Bio-Betrieb, der neu gegründet wurde, kommen mehr als vier konventionelle Höfe, die aufgegeben haben. Oder: auf einen Betrieb, der auf Bio umgestellt hat, kommen drei, die von Agrarfabrikanten oder ominösen Investoren, die mit der Landwirtschaft gar nichts am Hut haben, aufgekauft wurden.

Den Tieren, der Natur und den Menschen würde es weitaus mehr nützen, die konventionellen Höfe und damit die Artenvielfalt unter den Höfen zu erhalten statt mit ein paar wenigen Bio-Betrieben die zunehmende Konzentration auf immer größer werdende Agrarfabriken schönfärberisch zu verdecken. Die Bio-Höfe dienen doch hauptsächlich bloß dem Selbstbild einer naturfremden Stadtbevölkerung, die sich als tierlieb und naturverbunden imaginiert, während die Besitzer der Großbetriebe sich genüsslich die Hände reiben und die Bauern in den Ruin treiben. Und wie sich nun allmählich herausstellt, ist Bio ja noch nicht mal gesünder.

Der Verbraucher will biologisch angebautes Obst und Gemüse, glückliche Schweine und freilaufende Hühner. Er will einen Bauernhof, wie er ihn von seinen Bilderbüchern aus der Kindheit her kennt. Es gibt Bauern, die dieses Bedürfnis aufgreifen und befriedigen. Aber hinter dieser schönen Oberfläche verbirgt sich eine Wahrheit, die alles andere als idyllisch ist. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind die mittleren und kleinen Betriebe.

Wenn wir als Gesellschaft die Artenvielfalt unter den Bauernhöfen erhalten würden, hätten junge Leute, die an der Landwirtschaft interessiert sind, viel mehr Möglichkeiten, einen Hof selber zu gestalten, dabei aufs Tierwohl zu achten und Überproduktion zu vermeiden. Wenn die Höfe erst mal in den Händen von Agrarfabriken und sogenannten Investoren sind, ist dieser Zug abgefahren.

Und tatsächlich ist dieser Zug schon längst abgefahren. Die meisten Bauernhöfe dürften unwiderruflich dahin sein, denn wenn ein Hof erst mal aufgegeben ist, wird es schwierig, ihn wiederzubeleben. Ist er aufgekauft worden, ist es sogar unmöglich.

Es wird nicht nur zuviel produziert, es wird auch zuviel weggeworfen. Pro Jahr wirft im Schnitt jeder Bundesbürger etwa 90 kg Lebensmittel in den Abfalleimer, wobei ich nicht weiß, ob da nicht auch Kartoffelschalen und Kohlstrünke mitgerechnet werden. Etwa doppelt so viel, also 180 kg pro Person, werden anscheinend vom Handel entsorgt, wo als oberstes Gebot gilt, dass alle Waren dem Konsumenten stets zur Verfügung stehen müssen. Wenn ich die Zahlen richtig interpretiere, wird in Deutschland pro Verbraucher dieselbe Menge an Nahrungsmitteln weggeworfen, die er zu sich nimmt.

Die Dynamik dahinter

Diese Dynamik, in deren Sog die Höfe sterben, wird meistens mit Profitstreben und Geldgier in Verbindung gebracht. Ich glaube, dass diese Erklärung zu kurz greift. Die Geldwirtschaft ist nur das Mittel, um den technisch-industriellen Komplex weiter voranzutreiben. Und dieser technisch-industrielle Komplex hat in letzter Konsequenz die Vernichtung der Natur als Ziel. In diesem Komplex wird Natur nur noch als Kulisse zu Erholungszwecken geduldet.

Beim Höfesterben handelt es sich nämlich um einen Selektionsprozess, bei dem nur diejenigen Betriebe übrig bleiben, die schließlich voll automatisiert werden können. Diese Vollautomatisierung hat parallel zum Höfesterben eingesetzt. Die Landmaschinen werden entsprechend den Ackerflächen immer größer. Die Ställe sind vollautomatisiert, mit automatischer Fütterung, automatischer Entmistung und Melkrobotern. Hier mal ein Beispiel, wie das aussieht. Man kann nicht sagen, dass die Tiere gequält wirken. Im Hintergrund sieht man, dass die Ziegen gern ins Karussell reinhüpfen.

Diese Entwicklung geht weiter. Längst hat die Robotik auch in der Landwirtschaft Einzug gehalten. Es gibt Roboter, die Unkraut jäten. Andere verspritzen gezielt und dosiert Herbizide oder Pestizide, wodurch die Menge an eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmitteln erheblich reduziert werden kann. Es gibt Drohnen, die die Felder überwachen und dem Bauern Fotos auf den Computer senden. Es gibt Geräte, die die Kau- und Mahlbewegungen von Kühen messen und Alarm schlagen, wenn Abweichungen auftreten, weil das möglicherweise auf eine Krankheit hindeuten könnte. Am Ende dieses Prozesses werden nur noch ein paar Computerexperten notwendig sein, um die Ernährung der gesamten Bevölkerung sicherzustellen. Den bäuerlichen Menschen, der für die Verbundenheit von Mensch und Natur steht, wird es nicht mehr geben, weil die Verbundenheit von Mensch und Natur schon vor langer Zeit aufgekündigt wurde.

Es ist das, was der Großteil von uns Menschen will. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Wir können uns die Klagerufe und die Trauergesänge sparen, die doch nur Heuchelei sind.

Wir glauben, dass wir ein Recht drauf haben, von der Natur oder vom lieben Gott ernährt zu werden, ohne einen Finger dafür rühren zu müssen. Und da weder die Natur noch der liebe Gott uns das Essen in den Mund schieben, bauen wir uns eben eine Maschinenwelt, die das übernimmt und unseren Traum vom Schlaraffenland erfüllt. Nahrung ist uns keine Mühe wert, deshalb klinken wir uns aus diesem Prozess der Nahrungsbeschaffung und -zubereitung mehr und mehr aus. Mit diesem Stoffwechselprozess, der ja das eigentliche Wesen von Natur ist, wollen wir nichts mehr zu tun haben. Denn zum Stoffwechselprozess gehört der Tod, und den wollen wir Menschen unbedingt vermeiden.

Und es scheint ja hervorragend zu funktionieren. Die Zahlen sprechen für sich. Die industrialisierte Landwirtschaft ist ein Erfolgsmodell, und zwar umso erfolgreicher, je industrialisierter.

 

Weniger Zeit für Kochen und Essen

Auch mit Kochen und Vorratshaltung verbringen wir heute viel weniger Zeit als noch vor zwanzig oder gar fünfzig Jahren. Kaum jemand weckt heute noch ein oder dörrt Obst oder macht Sauerkraut selber. Das Wissen über alte Konservierungsmethoden geht verloren, wozu haben wir schließlich die Kühltruhe? Beim Kochen ist convenience food angesagt, das man kurz in die Mikrowelle schiebt, oder der smoothie, der auf Knopfdruck aus dem Automaten kommt. Und dummerweise schmeckt billiges Industrie-Baguette aus dem Supermarkt tatsächlich oft besser als das vom Bäcker, das schon nach wenigen Stunden hart und ungenießbar wird. Dasselbe gilt für Brot. Wobei es weder das Brot vom Bäcker noch das aus dem Supermarkt mit selbstgebackenem Brot aus frisch gemahlenem Getreide aufnehmen kann. Da merkt man dann so richtig, dass Brot nicht gleich Brot ist. Das muss auch gesagt werden. Aber das ist mit Arbeit verbunden. Und wer macht das noch außer ein paar rückständigen Idioten? Lieber denken die Menschen schon über Nahrungsmittel aus dem 3-D-Drucker nach.

Sogar fürs Essen nimmt sich der Mensch im Alltag immer weniger Zeit. Dafür wird maßgeschneiderte Ernährung inklusive digitaler Ernährungsberatung immer wichtiger. Immer weniger Menschen vertrauen darauf, dass ihr Körper ihnen selber sagt, was er braucht und was gut für ihn ist, statt dessen kaufen sie haufenweise Ernährungsratgeber und halten sich an zeitgeistgebundene Theorien, die von vegan bis paläo und von low carb bis fettsäurereich eine ebensogroße Vielfalt bieten wie der Supermarkt. Dazu werden alle möglichen Nahrungsergänzungsmittel geschluckt, von denen man sich Gesundheit und Wohlbefinden erhofft. Schritt für Schritt entwickeln wir uns so in Richtung Chemitarier.

 

Die Abschaffung der Natur

Wir Menschen sind dabei, uns aus der Natur herauszulösen. Wir wollen mit der Natur nichts mehr zu tun haben, es sei denn, wir gestalten sie nach unseren Vorstellungen selbst. Stattdessen machen wir uns lieber von einer selbst geschaffenen Technologie abhängig, über die wir mehr und mehr die Kontrolle verlieren. Aber kümmert das jemanden ernstlich? Außer mir, meine ich. Die Allermeisten vertrauen darauf, dass die Megamaschine uns mit allem Notwendigen und mit noch mehr Überflüssigem bis in alle Ewigkeit versorgen wird, ohne zu wissen, ob wir morgen überhaupt noch genügend Energie zur Verfügung haben, um diese Megamaschine zu betreiben. In unserem Bestreben, die Natur zu kontrollieren und sie unseren Zwecken zu unterwerfen, werden wir als Einzelne mehr und mehr von einem technisch-bürokratischen Superorganismus aufgesogen, kontrolliert und versorgt. Aber anscheinend kommt das ja gut. Bei näherer Betrachtung will der Großteil der Menschen von der Wiege bis zur Bahre gepampert werden.

Wenn sich der Mensch zwischen Natur und Technik entscheiden muss, entscheidet er sich ausnahmslos immer für den technischen Weg. Handy, Smartphone und die Apps haben sich in Windeseile um die ganze Welt verbreitet, ohne dass irgendjemand Druck auf den Verbraucher ausüben musste. Facebook hat inzwischen mehr als zwei Milliarden Nutzer.

Der Wirtschaftsjournalist Daniel Ben-Ami formuliert das Glaubenscredo, dem fast alle Menschen, Bürokraten wie Wissenschaftler, grüne Ideologen wie Marktliberale, Veganer wie Fleischesser, Bauern wie Verbraucher gleichermaßen anhängen:

„Mit der Neugestaltung und Nutzbarmachung der Natur zu unserem eigenen Vorteil haben wir eine viel wohlhabendere Gesellschaft geschaffen … Wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt hängen exakt vom zunehmenden Einfluss der Menschen auf die Natur ab. Wir müssen unsere Kontrolle über die Natur ausdehnen, statt sie zu reduzieren.“

Daniel Ben-Ami sagt wenigstens, was viele nicht zugeben wollen. Denn so geht der Mensch seit jeher mit der Natur um, wenn man mal alle Schönfärberei und Heuchelei beiseite lässt. Und so gesehen, trägt jeder Mensch sein Scherflein zur Abschaffung der Natur bei, der eine mehr, der andere weniger. Die Abschaffung der Natur ist unser großes menschliches Gemeinschaftswerk, und ich denke, wir werden nicht aufhören, bis wir das Ziel erreicht haben.

Und da dies so ist, bliebe zu wünschen, der Mensch hätte wenigstens genügend Mumm, zu der von ihm gewollten und in Gang gesetzten Entwicklung zu stehen und die Folgen entsprechend zu tragen statt sich hinter angeblicher Natur- und Tierliebe zu verstecken und angesichts des Artensterbens in Jammergeschrei auszubrechen.

Ein neues Menschenbild

In den vergangenen Jahrtausenden hat sich der Mensch über sein Verhältnis zu Gott definiert. Im Polytheismus tritt an die Stelle eines einzigen Gottes ein ganzes Pantheon von Göttern. Im Pantheismus, wie er heute in vielen spirituellen Richtungen vertreten wird, gibt es keinen personifizierten Gott, dafür jedoch das Göttliche als geistigen Urgrund, das als Universum, als Evolution, als Natur für uns sichtbar wird. Das Prinzip bleibt jedoch immer dasselbe: Erst in seinem Verhältnis zu Gott oder dem Göttlichen weiß der Mensch, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf. Doch ist es wohl gerade umgekehrt: der Mensch schuf Gott zu seinem Bilde. Die jeweiligen Gottesbilder, die sich durch die Zeit hindurch und in den verschiedenen Religionen wandelten, gaben den Menschen Orientierung und sagten ihnen, wer sie sind. In Gott erkannten sie sich selbst. Oder anders: Gott war das Spiegelbild des Menschen. Er war das kollektive Bewusstsein, das sich, tausendfach gebrochen, in den Individuen widerspiegelte.

Der wissenschaftliche Mensch der Neuzeit hat Gott zur bloßen Hypothese erklärt und damit den Spiegel zerbrochen. Wo immer Gott an Bedeutung verliert, weiß der Mensch nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist. Mit Gott hat der Mensch seine bisherige Orientierung verloren. Er muss sich neu bestimmen.

Der Darwinismus bietet eine alternative Erklärung: Der Mensch stammt vom Affen ab. Diese Erklärung ist heute weitgehend akzeptiert und wird in den Schulen gelehrt, trotzdem bleiben viele Fragen offen: Warum hat der Mensch Geist? Warum kann er über etwas nachdenken? Woher kommt das Bewusstsein vom Tod? Was ist Leben? Woher kommt es? Was ist der Sinn von allem? Wonach kann ich mich richten, wenn Ethik und Moral nicht mehr gottgegeben, sondern lediglich gesellschaftliche Übereinkunft sind? Und nicht zuletzt: Warum sind ausgerechnet wir, die Vernunftbegabten, eine Spezies, die dabei ist, diesen Planeten in eine Wüste zu verwandeln? Warum tun wir das? Wenn der Mensch für das sechste große Artensterben verantwortlich ist, was bedeutet dann Vernunft? Wer sind wir eigentlich?

Für die Abstammung des Menschen vom Affen hat die Wissenschaft inzwischen so viele Beweise geliefert, dass man dies erstmal getrost als gegeben hinnehmen kann. 98%  unseres Genmaterials ist mit dem von Schimpansen identisch. In der Archäologie hat man zahlreiche Knochenreste gefunden, die den Übergang vom Affen zum Menschen dokumentieren. Wenn man Schimpansen und Bonobos in ihrem Verhalten beobachtet, kann man die Verwandtschaft auch nicht leugnen. Die Frage, warum der Mensch Geist, Sprache, Kultur und Technik entwickelt hat und in die Lage versetzt worden ist, den ganzen Planeten umzukrempeln, bleibt jedoch unbeantwortet. Warum ist der Schimpanse dabei geblieben, mit Steinen Nüsse zu knacken und mit Zweigen nach Ameisen zu pulen? Warum baut er keine Städte, verehrt keine Götter und fliegt nicht zum Mond? Was unterscheidet den Schimpansen vom Menschen?

Meine Antwort lautet, der Mensch hat Geist entwickelt, weil er angefangen hat, mit dem Feuer zu spielen. Der Umgang mit dem Feuer zwang unseren Vorfahren Verhaltensweisen auf, die nicht im Instinkt verankert waren, sondern diesem gerade diametral entgegenstanden. Diese neuen Verhaltensweisen mussten irgendwo gespeichert werden, damit sie an die Nachkommen weitergegeben werden konnten. Deshalb war es notwendig geworden, ein größeres Gehirnvolumen zu entwickeln und nur deshalb konnte die entsprechende Mutation sich beim Menschen durchsetzen. Die aus dem Umgang mit dem Feuer entwickelten Techniken und Verhaltensweisen werden nicht intrinsisch als Instinkt weitergegeben, sondern extrinsisch über Erziehung, Kultur und Zivilisation. So gut wie unsere ganze Technologie, vom ersten Lagerfeuer bis hin zur Atombombe und zu Quantencomputern, ist eine Folge davon, dass vor ein bis zwei Millionen Jahren schimpansenähnliche Wesen anfingen, mit dem Feuer zu experimentieren. Der Geist, den der Mensch entwickelt hat, ist ein Feuergeist.

Als Menschen sind wir also mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. Und damit sind wir ein verkörperter Widerspruch.

„Aristoteles … glaubte: Alles Lebendige strebt nach Sein. Dieses Streben ist seine Seele. Ein Wesen sehnt sich zu sein, zu dauern, mehr zu sein, als es ist. Es dürstet danach, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten, mehr von diesem kostbaren Stoff aufzusaugen – von einem Stoff, dessen man nur habhaft wird, wenn man atmet. Dieser Durst ist das Leben. Der Lebenswunsch trägt einen Organismus wie die Woge den Schwimmer.“ (Weber, S. 32)

Leben ist nicht nur Fülle, sondern Überfülle. Da alles sein will und danach strebt, mehr zu sein, ist exponenzielles Wachstum die unausweichliche Folge. Da der Planet nicht mitwächst, führt exponenzielles Wachstum der Lebewesen, die ihn besiedeln, schließlich dazu, dass das Leben aufgrund seiner Überfülle an sich selbst erstickt und kollabiert. Um die Überfülle zu bändigen, hat die Natur tief in die Trickkiste gegriffen. Sie hat die Eiszeiten und die Jahreszeiten erfunden, den Stoffwechselkreislauf, der darin besteht, dass Eines das Andere frisst, komplizierte Balzrituale und … und …  – den Waldbrand, das Feuer.

Die Geschichte des Feuers auf unserem Planeten ist so alt wie die Geschichte der Vegetation selbst. Der geologische Nachweis von Waldbränden ist so alt wie der Nachweis von Waldvegetation: ungefähr 350 Millionen Jahre. Das heißt, mit den Wäldern entstanden gleichzeitig auch die Waldbrände. Beides gehört unabdingbar zusammen. Das Feuer war notwendig, damit die Wälder nicht an sich selbst erstickten, damit sie sich von Zeit zu Zeit verjüngen konnten.

Feuer ist der Gegenspieler des Lebendigen. „Sein unmittelbarer Effekt ist zerstörerisch. Es löst die hochkomplexen Strukturen organischer Substanzen auf und reduziert sie zu Asche und Rauch. Dieses Ergebnis ist irreversibel; es ist unmöglich, dass sich die Überreste wieder in ihre ursprünglichen Formen und Farben zurückverwandeln.“ (Goudsblom, S. 11)

Maßlos, zerstörerisch, irreversibel, ziellos, sich selbst erzeugend – das sind die Eigenschaften des Feuers. Es sind auch die Eigenschaften unseres menschlichen Geistes. Deshalb führt unsere Vernunft dazu, dass wir uns wie ein Feuerbrand über den Planeten ausbreiten und dabei sind, die lebendige Natur in unlebendige Technosphäre zu verwandeln. Unter Technosphäre werden sämtliche, von Menschenhand erschaffenen Artefakte verstanden: Häuser, Straßen, Städte ebenso wie Autos, Kraftwerke, Telefonnetze oder Kugelschreiber, Bücher und Computer. Wissenschaftler der Universität von Leicester haben errechnet, dass die gesamte Technosphäre inzwischen 30 Billionen Tonnen wiegt. Das ist hunderttausendmal mehr als das Gewicht aller sieben Milliarden Menschen zusammengenommen, mehr als 50 kg auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche.

Wie alle Lebewesen wollen wir uns ausbreiten, entfalten und vermehren. Wir wollen mehr von dem, was Leben ist, und mehr hinterlassen, als wir am Anfang hatten. Wir tragen den Durst nach Leben in uns. Wir sind dieser Durst nach Leben. Wir breiten uns solange aus, bis wir an Grenzen stoßen. Dank unseres Geistes ist es uns gelungen, die meisten Grenzen zu überwinden, und wo wir sie nicht überwinden können, sie wenigstens zu verschieben, wie bei der Lebenserwartung. Unsere Fressfeinde haben wir weitgehend ausgerottet oder dahin vertrieben, wo sie uns nicht gefährlich werden können. Wir haben gelernt, in stark variierenden Klimaverhältnissen zurechtzukommen und mit Krankheiten fertig zu werden. Was wir noch nicht können, ist, andere Planeten zu besiedeln. Möglicherweise ist uns hier definitiv eine Grenze gesetzt, denn bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass wir die ungeheuren Entfernungen jemals überwinden können.

Als Menschen sind wir mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. In uns begegnen sich exponenzielles Wachstumspotenzial und exponenzielles Zerstörungspotenzial. Beide Potenziale sind maß- und grenzenlos. Unser Wachstumspotenzial kann den Planeten verwüsten. Unser Zerstörungspotenzial ebenso. Und irgendwie sind wir da schon gut unterwegs. Was die Verwüstung angeht, liefern sich das Bevölkerungswachstum und das Wachstum der Technosphäre ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Der Phasenübergang vom Jäger und Sammler zum Metallurg, Händler, Krieger und Bauer in der Bronzezeit gab uns die Mittel in die Hand, die ganze Erde in Technosphäre zu verwandeln, eine Entwicklung, die durch die Industrielle Revolution eskaliert ist. Die Digitale Revolution hat zum Inhalt, nach der Erde nun auch den Menschen selbst in Technosphäre zu verwandeln. Das ist der Weg, den wir gehen. Im gleichen Maße, wie wir die Umwelt in eine technisch-künstliche verwandeln, verwandeln wir selbst uns in Cyborgs.

Ob wir uns durch exponenzielles Wachstum oder durch exponenzielle Zerstörung vernichten, ist eigentlich egal.

Bleibt in dieser anscheinend ausweglosen Situation ein Ausweg? Besteht die Aufgabe als Mensch vielleicht darin, das Wachstums- und das Zerstörungspotential gegeneinander auszugleichen, sodass sie sich wechselseitig selbst begrenzen? Können wir als Menschheit zumindest noch paar hunderttausend Jährchen überleben, wenn wir lernen, uns selbst ein Maß zu setzen, uns selbst zu begrenzen?

Seit jeher tragen Menschen auch einen asketischen Hang zur Selbstbegrenzung in sich. Gnóthi seautón, erkenne dich selbst, und medén ágan, nichts im Übermaß: so lauten zwei Inschriften im Apollotempel von Delphi. Vielleicht haben diese uralten Worte ja immer noch Gültigkeit.

In vergangenen Tagen wurden Selbsterkenntnis und Maßhalten über die Religionen vermittelt. Mit dem Zusammenbruch der Gottesbilder und der Durchsetzung des wissenschaftlichen Weltbildes sagen die Religionen den meisten Menschen nicht mehr viel. Aber wenn man auf dem wissenschaftlichen Weg zum selben Ergebnis kommt, handelt es sich bei Selbsterkenntnis und Maßhalten womöglich um etwas, das über den Zeitgeist hinausgeht, nämlich um fundamentale Weisheiten, die dem Leben an sich dienen.

Literatur:
Goudsblom, Johan: Die Entdeckung des Feuers. 2000
Weber, Andreas: Alles fühlt. 2008