Es ist fünf nach zwölf!

Seit ich denken kann – also wenigstens seit 35 oder 40 Jahren 🙂 –, ist es fünf vor zwölf. Diese Metapher fünf vor zwölf hat mich und meine Generation von Kindesbeinen an bis zum Überdruss begleitet.

Fünf vor zwölf war es, als der Club of Rome 1972 die Grenzen des Wachstums aufzeigte. Fünf vor zwölf war es während des Kalten Krieges in den 80ern, als meine Generation gegen die Stationierung von Pershing-Raketen auf die Straße ging. 5 vor 12 war es auch anlässlich des Waldsterbens, des Ozonlochs, des Rinderwahns und der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Was das Artensterben, die Überfischung der Meere, die Vermüllung des Planeten, die Abholzung des Regenwaldes, das Bevölkerungswachstum und den eskalierenden Energieverbrauch angeht, ist es schon seit ein paar Jahrzehnten stets fünf vor zwölf. Ganz zu schweigen von der atomaren Bedrohung und dem nuklearen Wettrüsten: hier ist es bereits seit Hiroshima und Nagasaki fünf vor zwölf.

Es gibt eine Weltuntergangsuhr, die 1947 mit einer Zeigerstellung von sieben vor zwölf installiert wurde und die seither in Abhängigkeit von der Weltlage vor- und zurückgestellt wird. Durch den Bau der Wasserstoffbombe war es 1953 auch schon mal zwei vor zwölf und während des Kalten Krieges drei vor zwölf. Im Zuge der Entspannungspolitik nach dem Fall der Berliner Mauer waren wir jedoch auch schon mal siebzehn Minuten vom Weltuntergang entfernt. Inzwischen sind unsere Chancen, einer Klimakatastrophe oder einem Atomkrieg zu entgehen, wieder erheblich gesunken. Im Januar d.J. wurde die Uhr auf zwei Minuten 3o Sekunden vor 12 gestellt.

Jetzt hören wir die Metapher also wieder oder immer noch, dieses Mal vor dem Hintergrund des Klimawandels, des außer Kontrolle geratenen Finanz- und Wirtschaftssystems, des sich erneut abzeichnenden Wettrüstens und der vielfältigen, weltweiten Migrationsbewegungen, auf die manche Staaten mit Rückzug, Grenzziehung und Mauerbau reagieren.

Wenn fünf vor zwölf ein Warnruf sein soll, dann verhallt er ungehört. Oder er bewirkt gerade das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist, denn seit der Ruf erschallt, sind einige der negativen Entwicklungen förmlich explodiert, beispielsweise der Energieverbrauch, die Ressourcenverschwendung, das Bevölkerungswachstum, die Kluft zwischen Arm und Reich. In Deutschland ist der Stromverbrauch seit 1990 nochmal um 10% gestiegen, obwohl wir bereits 1990 soviel Energie verbraucht haben, dass uns dieser zusätzliche Verbrauch im Gegensatz zu den Entwicklungsländern an Lebensqualität gar nichts mehr bringt.

Wenn es also seit 50, 60 oder 70 Jahren immer fünf vor zwölf ist, kann etwas nicht stimmen. Entweder ist die Uhr stehengeblieben oder dieser Ruf fünf vor zwölf ist gar nicht als Warnruf gemeint. Dann wird mit dieser Metapher vielleicht bloß unsere Sensationsgier befriedigt, denn schließlich ist der Weltuntergang die ultimative Sensation. Oder es wird eine uns immanente Lust am Untergang gekitzelt, weil die Apokalypse in ihrer Einmaligkeit eben einen ganz besonderen Reiz hat. Der Ruf fünf vor zwölf könnte auch das Kennzeichen eines Wahns, einer Obsession sein oder eine bloße Sprechblase, die wir analog einer Grußformel benutzen: statt Grüß Gott sagen wir einander Hi, es ist fünf vor zwölf, wobei der Unterschied zwischen den Redensarten womöglich gar nicht mal so groß ist.

Vielleicht handelt es sich bei dieser permanenten Wiederholung des fünf vor zwölf jedoch auch um den Ausdruck eines Lebensgefühls, das jeder Generation immer wieder von Neuem eingepflanzt wird. Es ist das Lebensgefühl, dass jeder Einzelne von uns grundsätzlich falsch, unzulänglich, unfähig, vielleicht sogar bösartig ist: eben durch und durch ein Mängelwesen. Ein Fehler im System. Es ist das Lebensgefühl,  das uns sagt, dass wir als Individuen nicht in der Lage sind, unser Leben selbstbestimmt und frei zu leben, sondern dass wir die Hilfe von sogenannten Experten brauchen, die uns sagen, wie es richtig geht und was wir tun müssen.

Die Experten: das ist dann beispielsweise das Gremium, zu dem 17 Nobelpreisträger gehören, das auf der Weltuntergangsuhr die Minuten bis zum Untergang festlegt, ohne dafür jedoch eindeutige Kriterien zu benennen, die die Entscheidung nachvollziehbar machen. Die Menschheit wird für Wohlverhalten mit ein paar Minuten mehr belohnt und für Fehlverhalten abgestraft. Was für eine unglaubliche Arroganz! Dieselben Wissenschaftler, die die atomare Bedrohung in die Welt gesetzt haben, maßen sich an, über die gesamte Menschheit mit einem lächerlichen Belohnungs- und Strafsystem in Form einer Weltuntergangsuhr zu urteilen. Wenn Eltern so mit ihren Kindern umgingen, würde man sie dafür zu Recht in den Senkel oder an den Pranger stellen. Kommt hinzu, dass die Wissenschaftler nicht die Eltern der übrigen Menschheit sind und nicht das Recht haben, uns mit solchen erzieherischen Maßnahmen zu beglücken. Hätten die Wissenschaftler damit doch lieber bei sich selber angefangen, und zwar am besten vor der Erfindung der Atombombe!

Wenn ich in die Geschichte zurückblicke, stelle ich fest, dass dasselbe Lebensgefühl auch unseren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern eingepflanzt wurde. Nur waren die Einpflanzer damals keine Wissenschaftler, sondern Priester. Und es hieß nicht fünf vor zwölf, sondern Sünde. Unseren Vorfahren wurde eingeredet, dass sie ohne die Hilfe von Priestern und Kirche verloren wären und in die Hölle kommen würden. Uns wird heute eingeredet, dass wir ohne die Hilfe von Experten und Staat den Planeten gegen die Wand fahren. Was uns eingepflanzt wird, ist wie anno dazumal ein Schuldgefühl, das uns nicht nur lähmt und uns den Spaß am Leben nimmt, sondern uns auch verunsichert, sodass wir nicht mehr wissen, was wir denn nun eigentlich wollen und was wir tun sollen. Wie weit das gehen kann, ist hier zu lesen.

Wie unsere Vorfahren glauben wir auch heute wieder daran, dass wir per se schuldig sind, bloß weil jeder sein Leben lebt, so gut er es eben kann. Wie unsere Vorfahren glauben wir daran, dass wir uns durch magische Praktiken wie Opfer, Verzicht und Selbstkasteiung oder durch Ablasshandel von dieser Schuld befreien können. Wie unsere Vorfahren an Erlösung durch Taufe, Beichte, Buße oder andere Sakramente glaubten, so glauben wir heute an Erlösung durch Bewusstwerdung, Bio-Kost und Veganismus. Damals wie heute ging es darum, sich in ein Kollektiv zu flüchten. Damals war es der Schoß der Kirche, heute ist es der Bio-Laden. Die Hostie ist zum Ökostrom-Label mutiert.

Die Fünf-vor-Zwölf-Metapher ist nichts anderes die zeitgemäße, säkular-wissenschaftliche Variante der Erbsünde.

Was aber, wenn genau dieser Mechanismus ursächlich mitverantwortlich ist für die Zerstörungen, die wir als Menschen ja tatsächlich anrichten? Wenn man einem Menschen von klein auf einredet, dass er nichts auf die Reihe kriegt, dann wird dieser Mensch auch tatsächlich nichts auf die Reihe kriegen. Wenn man einem Menschen von klein auf einredet, dass er krank ist, wird er zeitlebens brav zum Arzt gehen. Wenn man einem Menschen einredet, ein Mängelwesen zu sein, wird er nie etwas Anderes als Mangel spüren. Wer im Grundgefühl einer Schuld aufwächst, wird sich schuldhaft verhalten, ganz egal, ob dieses Grundgefühl auf religiöse oder wissenschaftlich-säkulare Weise implantiert wurde.

Weder der Papst noch die Wissenschaftler können tatsächlich in die Zukunft sehen. Was man aber ziemlich sicher sagen kann, ist, dass der Mensch mit der Weltrettung überfordert ist. Wir Menschen sind Teil eines Prozesses, den niemand von uns überblickt, weder die siebzehn Nobelpreisträger noch der Papst, und dieser Prozess vollzieht sich, ohne dass irgendein Mensch oder irgendeine Gruppe von Experten ihn steuern kann. Wenn wir Teil von etwas sind, das wir in seiner Gesamtheit nicht steuern können, sind wir jedoch nicht schuldig, wenn dieser Gesamtprozess anders läuft, als manche von uns sich das vorstellen.

Die Fahrgäste in einem Zug können nichts dafür, wenn der Zug entgleist. Ob sie sich prügeln, ins Koma saufen, knoblauchgewürzte Buletten in sich reinstopfen oder in der Bibel lesen und Möhrchen knabbern, ändert nichts dran, ob der Zug im Gleis bleibt oder nicht. Es geht nur drum, dass es einigen Fahrgästen missfällt, wenn andere laut sind oder mit Knoblauch und Fettgestank die Luft verpesten. Dagegen ist nichts zu sagen. Die Fahrgäste müssen ihre Konflikte untereinander austragen und nach Möglichkeit irgendwie lösen. Aber bitte nicht mit Drohungen, dass irgendeiner der Fahrgäste mit seinem Verhalten den Zug zum Entgleisen bringt. Das könnte nur der Zugführer, aber wir sitzen ausnahmslos alle bloß in den Fahrabteilen und nicht in der Lokomotive.

Der Mechanismus, der uns glauben lässt, dass jeder Einzelne von uns die Aufgabe hat, die Welt zu retten, und, weil das offensichtlich nicht gelingt, jedem Einzelnen gleichzeitig Schuldgefühle einimpft, funktioniert nur, wenn es ewig fünf vor zwölf bleibt. Nur wenn die Uhr stets auf fünf vor zwölf steht, ist man bereit, Dinge zu tun, die man freiwillig und aus eigenem Ermessen nie tun würde, nämlich sich selbst kasteien und jede Menge Opfer bringen.

Wie mit der Lehre von der Erbsünde ist mit der Fünf-vor-Zwölf-Metapher Einschüchterung und massive Drohung verbunden.

Deshalb habe ich meine Uhr auf fünf nach zwölf gestellt. Ich gehe davon aus, dass die Welt nicht mehr zu retten ist, und ich habe angesichts der überall eskalierenden, unkontrollierbaren negativen Entwicklungen dafür auch gute Gründe, mit denen ich gegen die siebzehn Nobelpreisträger locker anstinken kann.

Wenn man die Uhr auf fünf nach zwölf stellt und davon ausgeht, dass es für die Weltrettung sowieso schon zu spät ist, verschwindet erstaunlicherweise das Schuldgefühl. Plötzlich erkennt man, dass man ein so schlechter Mensch gar nicht ist, selbst wenn man Auto fährt, Zigarren raucht, Steaks isst, Wein trinkt und was man sonst noch so alles macht, weil es einem eben Spaß macht.

Das ist eine schöne Erfahrung. Man kann als Mensch auf einmal wieder zum Individuum werden und tun, was man will oder was man selbst für richtig hält. Es ist wie das Aufwachen aus einem Alptraum. Plötzlich merkt man, dass die Fünf-vor-Zwölf-Metapher hauptsächlich dazu dient, anderen Leuten den Spaß am Leben zu verderben.

Ich sag euch eins, Leute. Die Uhr ist nicht stehengeblieben. In Wahrheit ist es schon fünf nach zwölf. Es ist alles zu spät. Keiner von euch kann die Welt noch retten. Deshalb tut am besten doch einfach das, was ihr wollt. Genießt das Leben.

Das Verschwinden der ANDEREN

In gerade mal lächerlichen 22 Jahren (zwischen 1985 – 2007) ist auf Sumatra die Hälfte (!) des Regenwaldes verschwunden. Er musste Plantagen zur Gewinnung von Palmöl, Kautschuk und Papier weichen. Nicht selten ist die bevorzugte Methode der Umwandlung von Urwald in Plantage die Brandrodung. Allein im Jahr 2015 soll es in Indonesien mehr als 100.000 Waldbrände gegeben haben. Das heißt, der Lebensraum der Orang-Utans und anderer Urwaldbewohner verschwindet nicht nur peu à peu, sondern im Eiltempo. Haben diese Menschenaffen früher ganz Südasien und Nordindien bewohnt, findet man sie jetzt nur noch auf Sumatra und Borneo.

Zum Schutz der Orangs und anderer vom Aussterben bedrohter Tierarten setzen Regierungen und NGOs auf Öko-Tourismus. Das ist eine feine Sache, denn solche Projekte tragen zum Schutz der Umwelt und zum Wohlergehen der ansässigen Bevölkerung bei. In die betroffenen Regionen fließen Gelder, die pro Naturbewahrung verwendet werden (können). Arbeitsplätze entstehen und das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge wächst. So lautet der Plan, der ja zuerst mal ganz gut klingt. Wie der ökologisch verantwortliche Tourist dem Orang-Utan trotzdem auf die Pelle rückt, ist heute in der F.A.Z. zu lesen.

Denn in Wirklichkeit dringen immer mehr Touristen in einen sowieso schon bedrohten Lebensraum ein und stören sowieso schon vom Aussterben bedrohte Tierarten bei der Nahrungssuche, bei der Paarung und bei der Aufzucht der Jungen. In Bukuit Lawang auf Sumatra sind es täglich mehrere hundert Touristen, für die die Orang-Utans die große Attraktion sind. Bei den Führungen werden weder Schonzeiten beachtet noch Mindestabstände eingehalten. Die Orangs werden gefüttert und damit an die Menschen(massen) gewöhnt und auf bestimmte Verhaltensweisen hin dressiert. Die Touristen lassen ihre Abfälle im Wald liegen und verbreiten unter den Affen Krankheiten wie Hepatitis und andere Infektionen.

Wie man an diesem Beispiel erkennt, gereichen alle Vorteile dieser ökologisch motivierten Tourismusprojekte (Geld, Arbeitsplätze, Bewusstseinschaffung) den Menschen und alle Nachteile den Tieren und der Pflanzenwelt.

Die Tragik dieser für den Umgang des Menschen mit der Natur doch sehr typischen Geschichte besteht darin, dass es immer noch besser ist, die Natur und die Menschenaffen durch Tourismusprojekte zu dezimieren als durch Abholzung, Brandrodung und Plantagen. Man gewinnt etwas Zeit. Die Zerstörung geht langsamer voran, ist entschieden sanfter, ein kleines bisschen weniger gewinnorientiert und verschafft nicht nur den Reisenden, sondern allen Beteiligten ein gutes Gewissen. Die Tragik dieser Geschichte besteht darin, dass man gar nicht ernsthaft auf diese Tourismusprojekte schimpfen kann, weil man dann Brandrodungen und Plantagenwirtschaft nur noch weiter Tür und Tor öffnen würde.

Wenn ich solche Artikel lese, wie heute den in der F.A.Z., werde ich traurig. Meine Trauer gilt nicht nur dem Aussterben eines faszinierenden Lebewesens wie dem Orang-Utan und dem Verschwinden eines vielgestaltigen Ökosystems wie dem Regenwald, sie sitzt tiefer.

Ich sehe, wie auf der Welt nach und nach alles verschwindet, was nicht menschlich ist. Es gibt keine Gebiete mehr, die unerschlossen sind und sich dem Menschen und seinem unersättlichen Besitz- und Erkenntnisdrang entziehen. Es gibt keine „dunklen Flecke“ mehr, wo geheimnisvolle Dinge stattfinden, von denen wir Menschen nichts wissen. Es gibt nichts Unbekanntes und damit kein Geheimnis mehr. Wir wissen alles, sogar, dass im Regenwald auf Sumatra noch 14.000 Orang-Utans leben.

Ich merke zunehmend, dass mir etwas fehlt, wenn wir Menschen alles wissen. Sogar etwas Wichtiges. Ich frage mich, ob ich tatsächlich alles über die Welt wissen will. Müssen wir den Wissenschaftlern und Forschern wirklich dankbar sein, wenn sie der Natur jedes Geheimnis entreißen?

Europa vom Flugzeug aus betrachtet, kommt mir schrecklich langweilig vor. Unser hochzivilisierter Kontinent sieht von oben wie eine Patchworkdecke aus lauter Vierecken und Quadraten aus. Das einzig Unregelmäßige sind die Städte. Der Mensch hat den Kontinent vollständig in Besitz genommen. Überall begegnet er nur noch sich selber. Kein Wunder, dass viele Europäer im Urlaub nach Afrika und Asien fliegen, um dort noch einen letzten Rest unberührter Natur, Geheimnis und Abenteuer zu suchen.

In einer Welt, in der nach und nach alles verschwindet, was nicht-menschlich ist, verschwindet nicht nur das Fremde und Geheimnisvolle, das unserem Leben Würze und Spannung gibt. Es geht ein Gegenpart, ein Sparringpartner, ein Widerstand verloren, der unser Menschsein begrenzt und ihm dadurch Form und Kontur verleiht. Wir brauchen das ANDERE und die ANDEREN, um zu erfahren, wer wir als Menschen sind. Definitionen geschehen in Abgrenzung zueinander. Wir erfahren nicht mehr, wer wir Menschen sind, wenn wir uns nur noch mit Menschen und Menschlichem umgeben. Aber das scheint unser Weg zu sein.

Wohin wir auch reisen, begegnen wir vor allem Menschen und wieder Menschen, Massen von Menschen, und diese werden einander immer ähnlicher, ganz egal, ob sie nun weiße, gelbe oder schokoladenbraune Haut haben. In jeder Großstadt, ob in Asien, Amerika, Europa oder Afrika finden sich fast identische Strukturen aus Verkehrswegen, Hotels, Shopping-Zonen, Banken, Tempeln (Kirchen) und Parks. Überall auf der Welt gibt es Coca Cola, Kaffee, Tee, Alkohol, Süßigkeiten und Sandwiches. Überall gibt es dieselben Marken, dieselbe Marmeladen, dieselben Dosen, dieselben Klamotten, ja sogar dasselbe Obst, wenn auch in unterschiedlicher Geschmacksintensität. Jede Großstadt ist geschäftig, laut und nachts grell beleuchtet. Je zivilisierter wir werden, desto ähnlicher werden unsere Wohnorte und desto austauschbarer wir selbst. Was wir Zivilisation nennen, ebnet alle Unterschiede ein.

Je mehr die Natur und mit ihr das ANDERE und die ANDEREN verschwinden, desto mehr gerät die Welt zu einem Spiegelkabinett, in dem wir immer nur noch uns selber begegnen. Ja, mir fehlt da was.

Phasenübergang und Resonanzkatastrophe

Die griechische Wirtschaft ist am Ende. In Libyen, Syrien und Ägypten kommt es zu Aufständen und Bürgerkriegen, die durch fremde Mächte und ausländische Soldaten angeheizt werden. Die Türkei nutzt die Unruhen, um mit Gewalt gegen Volksstämme im eigenen Land vorzugehen. Jordanien ist mit Flüchtlingen überfüllt. Der Iran rüstet auf und übt sich in Drohgebärden. Im Irak geht es drunter und drüber. Bedeutende Schätze des Weltkulturerbes gehen für immer verloren.

In seinem spannenden Buch 1177 vor Christus. Der erste Untergang der Zivilisation führt Eric H. Cline den Leser aufs Glatteis, indem er ihn zunächst glauben lässt, dass es sich von ihm bei ähnlich formulierten Schlagzeilen um aktuelle Nachrichten handelt. Dann weist er darauf hin, dass exakt dieselbe Beschreibung genauso für die Zeit vor rund 3000 Jahren passt, als die großen Zivilisationen der Bronzezeit innerhalb von nicht mal hundert Jahren nacheinander zusammenbrachen.

Die Bronzezeit umfasst einen Zeitraum von etwa 2000 Jahren und ist weitgehend identisch mit dem von mir schon mehrfach beschriebenen Phasenübergang (hier und hier), der das Ende der Jäger- und Sammlerepoche einläutete, um eine grundsätzlich neue Form des Zusammenlebens zu etablieren, deren Grundpfeiler fortan Landwirtschaft, Berufstätigkeit, Sklavenhaltung, Verstädterung und Tempelkult waren. Vor der Bronzezeit lebte der Mensch noch als Teil mit und in der Natur. Nach der Bronzezeit hatte sich der Mensch ein gutes Stück weit aus der Natur herausgelöst. Er war zu einem Kulturwesen geworden, das überwiegend in einer von ihm selbst gestalteten Umwelt lebte. Vor der Bronzezeit wurden Tiere noch als Geistwesen verehrt, nach der Bronzezeit standen sie nicht mehr als gleichberechtigte oder sogar überlegene Geschöpfe neben dem Menschen, sondern der Mensch fühlte sich ihnen überlegen und degradierte sie zu Nutztieren.

Zwischen der Bronze- und der Jetztzeit gibt es viele Parallelen, die den Schluss zulassen, dass wir uns wieder in einem Phasenübergang befinden, der mit der Industriellen Revolution begonnen hat und noch nicht ganz abgeschlossen ist. Bei einem Phasenübergang handelt sich um eine grundsätzliche Neuorganisation des menschlichen Zusammenlebens. Stand im Zentrum der ersten Menschheitsphase die Jagd, so in der zweiten die berufliche Arbeit. Da heute jedoch immer mehr von diesen Berufstätigkeiten von Maschinen übernommen und zum großen Teil besser als von Menschen erledigt werden, ist absehbar, dass sich das Zeitalter der Arbeit dem Ende zuneigt, so wie vor fünftausend Jahren das Zeitalter des Jagens und Sammelns zu Ende ging.

Wie unsere moderne westliche Zivilisation seit dem Mittelalter aufgeblüht ist und sich in alle Teile der übrigen Welt ausdehnte, so war auch die Bronzezeit eine Zeit des Aufblühens, des internationalen Handels, des kulturellen Austausches, der gegenseitigen Befruchtung. Hier wie dort wurde das Aufblühen mit zahllosen Kriegen und Ausbeutung erkauft. Könige verbrüderten und bekämpften sich, schlossen Bündnisse und zettelten Kriege an. Beides, sowohl die Verbrüderung wie der Kampf, ließen die Völker erstarken, die Wirtschaft aufblühen. Das regte die menschliche Kreativität an und führte zur Schaffung von Kultur und (Waffen-)Technik. Damals wie heute gab es eine Menge Verflechtungen und internationale Beziehungen. Herrscher tauschten eifrig Geschenke (mitunter auch Töchter und Handwerker) und gründeten weitreichende soziale Netzwerke, indem sie sich fleißig eines neuen Informationsmediums bedienten: der Schrift. Sie schickten sich gegenseitig Tontäfelchen, von denen inzwischen Tausende gefunden wurden. Damals wie heute erreichte der Wohlstand zumindest einer bestimmten Bevölkerungsschicht ein erstaunlich hohes Niveau. Neben Handelskonzernen gab es Banken und Versicherungen. Es gab Rundreisen und Tourismus. Es gab Korruption, diplomatische Missionen, Handelsembargos und, wenn ein Krieg ausgetragen wurde, auch schon mal sogenannte False-Flag-Aktionen. Damals wie heute war man abhängig von einem steten Zustrom an Bodenschätzen, Baumaterialien, Nahrung und Arbeitskräften. Was für uns heute das Erdöl, war für die damalige Welt das Zinn, welches zur Herstellung von Bronze gebraucht wurde.

Die Welt damals war wie die heutige eine eng vernetzte Welt, die erste globalisierte Epoche der Menschheitsgeschichte.

Dann brach diese blühende Welt innerhalb von nur einem Jahrhundert vollständig zusammen. Völker wie die Mykener, die Minoer, die Hethiter, die Kanaaniter, die Assyrer, die Uguriter verschwanden von der Bildfläche, während andere wie die Ägypter, die Israeliten und die Zyprer sich so verwandelten, dass sie mit den ursprünglichen Völkern bis auf den Aufenthaltsort kaum noch was gemeinsam hatten. Es war ein kumulativer Untergang. Ein Systemkollaps. Gefolgt von einer Epoche, die als erstes Dunkles Zeitalter in die Weltgeschichte einging.

Für diesen umfassenden Zusammenbruch werden gerne die sogenannten Seevölker verantwortlich gemacht. Aber diese Antwort ist zu einfach. Erstens streiten sich die Wissenschaftler bis heute darum, wer diese Seevölker denn eigentlich waren. Es war nicht so, dass die großen Städte, die zwischen 1190 und 1130 in Schutt und Asche gelegt wurden, allesamt vom Meer aus angegriffen wurden. Es gab genauso viele Angriffe von der Landseite her. Manchmal ist deshalb auch von Fremdvölkern die Rede. Zweitens weiß man nicht, ob es sich bei diesen Fremdvölkern um Invasoren oder Migranten handelte. Drittens wurden nicht alle Städte, die niedergebrannt wurden, tatsächlich angegriffen. Manche scheinen einfach so aufgegeben worden zu sein. Viertens gibt es zahlreiche Hinweise, dass nicht nur Angreifer von auswärts über die Städte herfielen, sondern dass sich die Völker selbst gegen ihre Herrscher erhoben und rebellierten. Während manche Städte dem Erdboden gleichgemacht wurden, zerstörte man in anderen nur die Tempel und die Paläste der Reichen. Zudem dürfte in der fraglichen Zeit eine Reihe von größeren und kleineren Erdbeben stattgefunden haben. Und nicht zuletzt spielte anscheinend ein Klimawandel eine nicht unerhebliche Rolle. Nach einer schnellen Erwärmungsphase kühlte das Klima überraschend wieder ab, was im gesamten Mittelmeerraum eine mehrere Jahrzehnte währende Phase der Trockenheit und Dürre zur Folge hatte, was wiederum zu gravierenden Hungersnöten führte. Nicht eine einzelne Ursache führte zum Untergang, sondern ein unentwirrbarer Komplex verschiedener Ursachen.

Alle diese Erklärungen deuten darauf hin, dass es sich bei dem Zusammenbruch weniger um ein schlichtes Ursachen-Wirkungs-Gefüge als vielmehr um ein Resonanzphänomen handelt. Oder genauer: um eine Resonanzkatastrophe. Es fällt schwer, zwischen einem Erdbeben und einem Klimawandel einen Zusammenhang zu sehen. Ebenso haben Überfälle von Außen und Rebellionen im Innern in der Regel verschiedene Ursachen. Resonanzen entstehen jedoch, wenn verschiedene Systeme sich gegenseitig anregen.

Resonanz bezeichnet das Mitschwingen eines schwingfähigen Systems. Die im Resonanzfall anwachsenden Ausschläge entstehen dadurch, dass das System bei jeder Schwingung erneut Energie aufnimmt und speichert. Schwingfähige Systeme gibt es nicht nur in der Technik oder in der Physik. Resonanz ist universales Prinzip. Ein Ökosystem ist ein schwingfähiges System, ebenso das Klima oder eine Population.

Auch eine Zivilisation lässt sich als schwingfähiges System verstehen. Wenn eine Kultur aufblüht, gerät sie mehr und mehr ins Schwingen und dabei wird ihre Vernetzung dichter. Da die Ausschläge jedoch wellenförmig, also gegenläufig sind, nimmt mit dem Aufblühen einer Kultur entsprechend auch ihr Zerstörungspotential zu. Zu jedem positiven Ausschlag gehört ein negativer. Deshalb sind kulturelle Errungenschaften nie ohne Kriege und Ausbeutung zu haben. Das Schöne und das Hässliche einer Kultur sind unauflöslich miteinander verschränkt.

Dieses Muster ist durch die ganze Geschichte hindurch zu beobachten. Zum alten Griechenland mit seiner Kunst und seiner Philosophie gehören die Sklavenhaltung ebenso wie Krieg und Umweltzerstörung (Abholzung). Zum Römischen Reich die Eroberungsfeldzüge und die Grausamkeiten der Gladiatorenkämpfe. Zur Renaissance die Vernichtung der Ureinwohner Amerikas und die Pestwellen. Zum Humanismus die Hexenverbrennungen. Zur Aufklärung der Kolonialismus. Die technischen Erfindungen im Rahmen der Industriellen Revolution wurden mit dem Elend der arbeitenden Massen bezahlt. Der Wohlstand der Neuzeit hat Umweltzerstörungen in nie gekanntem Ausmaße und das Artensterben als negatives Pendant.

Das Aufblühen einer Kultur ist also identisch mit dem Aufschaukeln eines schwingfähigen Systems. Wenn das System (die Zivilisation) schließlich durch zu große Ausschläge aus dem schwingfähigen Amplitudenbereich heraustritt, zerstört es sich selbst. Es kommt zur Resonanzkatastrophe. Deshalb sind alle großen Reiche untergegangen. Deshalb kam es in der Bronzezeit zum Systemkollaps.

Eine Resonanzkatastrophe in Form eines umfassenden Systemkollapses steht im Zentrum eines Phasenübergangs. Die Trümmer des alten Systems sind sozusagen der Nährboden für das Neue. Zwischen dem Alten und dem Neuen liegt ein Bruch. Das Neue ist nicht einfach nur das Alte in gewandelter Form. Die alten Reiche mussten zusammenbrechen, um Platz für etwas Neues zu schaffen, wozu beispielsweise die Entwicklung der Demokratie, die Logosphilosophie und das Christentum gehörten.

Da die berufliche Arbeit als Organisationsprinzip verschwindet, muss das Zusammenleben früher oder später neu organisiert werden. Eine solche Neuordnung ist ein Phasenübergang. Wir befinden uns in einem solchen, ähnlich wie die Menschen der Bronzezeit.

Viele Menschen haben das Gefühl, in einem sich aufschaukelnden System zu leben. Sowohl die positiven wie die negativen Ausschläge werden immer stärker. In den letzten zwanzig Jahren haben wir überall Eskalationen erlebt: im Energieverbrauch, der Vermüllung, der Bevölkerungsentwicklung, der Schuldenberge, der Informationen, des Artenrückgangs, der Krankheiten. Immer mehr Teilsysteme geraten außer Kontrolle. Ebenso eskalieren die Maßnahmen und die Tricks, mit denen das System noch zusammengehalten wird. Um den Zusammenbruch zu vermeiden, werden Menschen immer mehr reglementiert und zur Kasse gebeten. Um das System zu finanzieren, muss ein Mitglied dieses Systems inzwischen mehr als die Hälfte seines Verdienstes hergeben. Dabei wird das System immer fragiler. Schon kleine Abweichungen wie Schneefall oder Regen verursachen heute ein Chaos.

Der Untergang unserer derzeitigen Lebensweise ist jedoch nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Welt und vermutlich auch nicht mit dem Ende der Menschheit. Für die vom Kollaps Betroffenen mag es heftig werden. Doch ist ein Ende immer auch gleichzeitig ein Neuanfang. Das Leben geht auch nach einer Resonanzkatastrophe, nach einem umfassenden Systemkollaps weiter. Das sollten wir nicht vergessen. Für die Bewohner der Neuen Welt werden wir die Alten und genauso interessant oder uninteressant sein, wie es für uns die Hethiter oder Minoer sind.

Die Mär vom Ende des Ölzeitalters

Als Menschen leben wir in Geschichten, nicht in der Wirklichkeit. Was wir uns von morgens bis abends erzählen, sind unsere eigenen Erfindungen. Wir sind nicht die Schöpfer der Welt, aber von Geschichten über die Welt. Manche dieser Geschichten sind sehr mächtig. Sie haben das Potenzial, die Welt zu verändern. Mächtige Geschichten verbreiten sich. Das heißt, sie werden von immer mehr Menschen geglaubt, die ihr Leben schließlich an dieser Geschichte ausrichten. Die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters ist eine solche mächtige Geschichte.

Die Geschichte, die uns erzählt wird, geht folgendermaßen: Wir haben in der Vergangenheit bereits mehr als die Hälfte der fossilen Brennstoffe verbraucht. Zumindest, was Erdöl angeht. Aber auch Erdgas und Kohle sind endliche Ressourcen. Atomkraft ist wegen der damit verbundenen Risiken keine wirkliche Option, und wäre sie eine, würde uns das nicht viel weiter bringen, denn das zur Verfügung stehende Uran hält auch nicht besonders lange vor. Auf die Zeit der Fülle und Verschwendung wird also demnächst unweigerlich die Zeit des Mangels folgen. Den fetten folgen die mageren Jahre, das wusste schon die biblische Geschichte um Josef, der McKinsey des damaligen Pharaos. Uns Modernen geht es heute nicht anders. Wie der kluge Pharao müssen wir dem kommenden Mangel vorbeugen und deshalb auf erneuerbare Energien setzen. Das sind Holz, Biomasse, Wasserkraft, Wind und Sonnenenergie. Wir können den Weltenergiebedarf auch bei steigender Weltbevölkerung ganz und gar aus erneuerbaren Energiequellen schöpfen, wenn wir uns entsprechend einschränken und die Energien achtsam und effizient nutzen.

Ich erinnere mich daran, dass in meiner Jugend Holzheizungen wegen ihrer schädlichen Emissionen verboten waren. Und jetzt sollen sie uns und unseren Kindern plötzlich die Zukunft sichern? Klar, die Abgastechnik hat in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Eine moderne Heizung stößt nur noch einen Bruchteil der Schadstoffe aus wie eine von 1960. Auch die Energieeffizienz dieser Öfen hat sich verbessert. Mit ein paar Scheiten Holz kann man die Wohnung wohlig heizen und am nächsten Morgen sogar noch die Nachwärme genießen. Das hört und fühlt sich wunderbar an.

Es gibt ein paar Sachen, die in der Geschichte nicht erzählt werden: Aufgrund unserer zunehmenden Neigung zum Alleinleben brauchen immer mehr Menschen einen Holzofen und die entsprechende Menge an Brennmaterial. Die Wohnfläche pro Person hat sich seit 1950 mehr als verdoppelt und dieser zusätzliche Raum will beheizt werden. Dass dies in der Geschichte nicht auftaucht, liegt daran, dass der oder die Erzähler auf die zusätzliche Wohnfläche nicht verzichten wollen. Ebensowenig wollen sie ihren beheizten Wohnraum wie früher mit der Großfamilie teilen, zu der eben auch schreckliche Tanten und Onkel gehören, die man lieber von hinten oder gar nicht sieht.
An solchen wundersamen Aussparungen erkennt man übrigens, dass es sich bloß um eine Geschichte und nicht um die Wirklichkeit handelt.

Was auch nicht erzählt wird, ist, dass Holz in Europa schon mal der Hauptenergielieferant gewesen ist. Holz hat schon in der Antike nicht ausgereicht, als bloß ein paar Millionen Menschen in Europa lebten. Das Ergebnis war nämlich, dass der Kontinent abgeholzt wurde. Das zur Verfügung stehende Holz hat selbst dann nicht gereicht, als neugegründete Forstbehörden Abgeholztes in schnell wachsenden Fichten-Monokulturen systematisch wieder aufgeforstet haben. Ersetzt man Holz durch noch schneller wachsende Biomasse, versucht man, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, denn je schneller Pflanzen wachsen, desto mehr laugen die Böden aus und müssen mit Erdölprodukten gedüngt werden. Dass die Waldflächen in Deutschland im 20. Jahrhundert netterweise wieder zugenommen haben, ist übrigens den fossilen Energieträgern zu verdanken, die billiger als Holz waren.

Wenn Holz so langsam nachwächst, dass es nicht für eine Milliarde Menschen reicht, wie soll es dann für sieben, acht, zehn Milliarden Menschen reichen? Holz steht also nur in begrenzten Mengen zur Verfügung und kann die Energielücke, die durch den Wegfall der fossilen Brennstoffe entsteht, keinesfalls schließen. Zumal die Erzähler dieser Geschichte ja auch noch suggerieren, dass wir in Zukunft trotz verstärkter Holznutzung rings um uns herum naturnahe Wälder haben werden, die unserer Erholung dienen und schöne Wander- und Joggingwege für uns bereithalten.

Wasserkraft ist eine Energiequelle, die schon seit langer Zeit genutzt wird. Man hat nie damit aufgehört, Wasserkraft zu nutzen, wo es sinnvoll ist, sie zu nutzen, auch im Ölzeitalter nicht. Zur sinnvollen, also weitgehend schadlosen Nutzung brauchen Flüsse allerdings ein bestimmtes Gefälle, sonst veralgen und verschlammen sie und sterben ab. Wasserkraft kann in Europa nicht mehr in nennenswert größerem Umfang ausgebeutet werden. Hier sind die Grenzen schon fast erreicht.

Bleiben also Wind und Sonne. Beides sind sogenannte volatile Energieträger, das heißt, sie stehen nicht konstant zur Verfügung, sondern eben bloß, wenn der Wind bläst und die Sonne scheint. Zudem liefert die Sonne immer dann besonders viel Energie, wenn man sie gar nicht braucht, nämlich im Sommer. Weder will man im Sommer heizen noch vermehrt die Maschinen laufen lassen und arbeiten.

Ein Stromnetz ist eine empfindliche Angelegenheit. Wenn zuviel Strom eingespeist wird, bricht es ebenso zusammen, wie wenn zuviel entnommen wird. Wind und Sonne garantieren keine gleichmäßige Einspeisung. Die Energiewende in Deutschland sieht realiter so aus, dass die herkömmlichen Kraftwerke annähernd gleich viel Energie wie vor der besagten Wende produzieren müssen. Durch den in Angriff genommenen Verzicht auf Atomkraft wurden sogar alte Kraftwerke, deren Emissionen gewaltig und deren Effizienz schlecht ist, wieder in Betrieb genommen. Das angeblich ach so umweltfreundliche Öko-Deutschland ist deshalb, was die CO2-Bilanz angeht, durchaus kein Vorzeigeland. Seit der Energiewende sind die Emissionen nämlich angestiegen. Auch das ist etwas, das in der Geschichte der erneuerbaren Energien meist verschwiegen wird.

Wie man sieht, stimmt an der Geschichte, wie sie uns von den Verfechtern der Energiewende erzählt wird, so manches nicht.

Man könnte die Geschichte von den erneuerbaren Energien allerdings auch anders erzählen. Es ist richtig, dass die Vorräte an fossilen Brennstoffen, die in der Erde verbuddelt sind, zur Neige gehen. Aber es ist möglich, aus Sonnenenergie, Kohlenstoff und Wasser synthetische Treibstoffe herzustellen, also künstliches Benzin zu machen. Es ist auch richtig, dass die Sonne uns weitaus mehr Energie zur Verfügung stellt, als wir nutzen können. Es ist richtig, dass die Sonne eine schier unerschöpfliche Energiequelle ist. Energie steht uns im Überfluss zur Verfügung. Deshalb macht es auch nichts, wenn das Energieverhältnis von Sonne zu künstlichem Benzin ein miserables ist und man sehr viel Sonnenlicht braucht, um ein bisschen Benzin oder Öl zu gewinnen. So schlecht sieht es aber gar nicht aus. Aus 100 Megawatt Sonneneinstrahlung lassen sich anscheinend 16.000 Liter Benzin pro Tag gewinnen. Wer es nicht glauben will, kann es hier nachlesen.

In dieser Geschichte, die uns die Wissenschaftler der ETH Zürich erzählen, gibt es gar keine Mangelsituation. Vorzugsweise in den Wüsten der Welt, wo es sowieso kaum Leben gibt und also nichts zerstört wird, könnte man, wenn man wollte, gigantische Solaranlagen errichten, die synthetische Treibstoffe produzieren und den Weltbedarf abdecken. Das Leben könnte grade so weitergehen wie bisher oder sogar noch bequemer werden.

Diese Geschichte der Fülle, der Verschwendung und eines Lebens im technischen Schlaraffenland ist genauso möglich wie die Geschichte, dass wir nachhaltig wirtschaften, uns einschränken und klein machen müssen. Die Geschichte, dass wir bescheiden werden und uns überdies in unserer Bescheidenheit kontrollieren lassen müssen, ist die mächtigere der beiden Varianten. Tatsächlich werden überall in Europa in den Haushalten ja schon intelligente Stromzähler eingebaut, die uns in absehbarer Zukunft vorschreiben werden, wann wir die Waschmaschine einschalten dürfen und wann nicht. Warum tun wir uns das an?

Die Frage ist, warum wir lieber an eine Geschichte des Mangels und der Einschränkung glauben als an eine Geschichte der Fülle und der Verschwendung? Wieso findet die Geschichte des synthetischen Benzins nicht dieselbe oder sogar mehr Resonanz als die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters? Zumal die Geschichte mit dem künstlichen Treibstoff weniger Lücken und Brüche hat als die Mangelgeschichte und uns ein deutlich angenehmeres Leben bieten würde. Das ist doch seltsam, oder?

Auf diese Frage gibt es zwei unterschiedliche Antworten. Die erste Antwort ist, dass die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters und des darauf folgenden Mangels eine religiöse ist und dass es hier wie in allen religiösen Geschichten darum geht, die Mitmenschen in Angst und Schrecken zu versetzen und auf diese Weise nicht nur in Abhängigkeit, sondern auch klein zu halten. Das Herrschaftsinstrument aller religiösen Gruppierungen ist und bleibt nun mal die Angst, die man verbreitet. So eben auch hier.

Die zweite und das ist meine persönliche Antwort ist, dass ich in diesem technischen Schlaraffenland nicht glücklich bin. Ich brauche nicht noch mehr Straßen, noch mehr Hochhäuser, noch mehr Gewerbegebiete, noch mehr Ölraffinerien, noch mehr Stromleitungen, noch mehr Kondensstreifen am Himmel und noch mehr technischen und sonstigen Schnickschnack um mich herum. Die Welten wie sie in Star Wars, Blade Runner und anderen SF-Filmen gezeichnet werden, sind für mich Horrorwelten. Ich habe kein gesteigertes Verlangen danach, in Flugbooten durch irgendwelche Straßenschluchten zu rasen und die Nacht vollständig zum Tag zu machen oder umgekehrt. Ich brauche zum Glücklichsein Weite, Natur, Tiere und Pflanzen um mich herum, und das Ganze möglichst abwechslungsreich und bunt gestaltet.

Im selben Maß, wie die technisch-industrielle Welt um mich herum zunimmt, lähmt sie mich und nimmt mir die Lebensfreude. Ich denke automatisch, so wie die Welt in meiner Kindheit war, war sie noch in Ordnung. Klar, das ist natürlich subjektiv. Jeder technische Fortschritt, den ich live miterlebt habe, hat die Welt für mich nicht verbessert, sondern bei näherer Betrachtung immer mehr Nach- als Vorteile für mich gehabt. Allerdings bin ich schon in eine Welt mit Kühlschrank, Waschmaschine und Auto hineingeboren. Wobei sich die Zahl der Autos damals nicht mit der von heute vergleichen lässt.

Deshalb ist jede Geschichte, die den technischen Fortschritt zugunsten einer natürlichen Umwelt eindämmt, für mich zuerst mal eine gute Geschichte. Aber die Geschichten müssen wahr sein. Je wahrer, desto besser. Eine unwahre Geschichte bewirkt nämlich genau das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist.

Die Geschichte vom Ende des Ölzeitalters und den erneuerbaren Energien als zukunftsträchtiger Ersatz ist eine unwahre Geschichte, wenn sich Öl künstlich aus Sonnenlicht, Kohlenstoff und Wasser herstellen lässt. Die erneuerbaren Energien, so wie sie derzeit eingesetzt werden, haben bei näherer Betrachtung mehr Nach- als Vorteile und können unseren auf eine gewisse Konstanz angewiesenen Energiebedarf nicht decken. Das ist nämlich physikalisch nicht möglich, und gegen die Gesetze der Physik kommen unsere Geschichten dann doch nicht an. Diese Geschichte wird uns also nicht in die angenehme Zukunft führen, wie ich sie mir und vielleicht auch viele andere sich erträumen. Sondern in eine Diktatur. Wenn die Geschichte so umgesetzt wird, wie sie erzählt wird, läuft es darauf hinaus, die Menschen an die volatilen Energieträger Sonne und Wind anzupassen. Konkret sieht das so aus, dass dem Menschen die Energiemenge zugeteilt wird, die er verbrauchen darf. Und da gibt es eben jemand, der das bestimmt. Ob das nun ein Diktator, eine Öko-Partei, eine Expertenkommission oder eine KI ist, ist im Endeffekt egal. Die intelligenten Stromzähler sind schon mehr als nur ein Schritt in diese Richtung.

Wir sollten gründlich über die Geschichten nachdenken, die wir uns selber und unseren Mitmenschen erzählen. Es ist gut möglich, dass der bevorstehende Energiemangel in Wirklichkeit erst durch die Maßnahmen erzeugt wird, die aufgrund der Geschichten vom Ende des Öls und von den erneuerbaren Energien ergriffen werden.

Freiheit, die ich meine …

Tiere handeln instinktiv. Das ist ihnen angeboren. Es ist noch nicht mal so, dass Mama Bär oder Papa Luchs ihrem Nachwuchs instinktives Handeln explizit beibringen. Stattdessen wecken Tiereltern bei ihren Jungen durch Vormachen den Instinkt und bringen ihn zur Entfaltung, ähnlich wie der erste Atemzug die Lunge zur Entfaltung bringt. Der Instinkt ist für die jeweils artspezifischen Verhaltensweisen verantwortlich. Einzelne Exemplare einer Spezies können zwar individuelle Verhaltensweisen und Vorlieben ausbilden, aber alles in allem verhält sich ein freilebendes Tier wie seine Vorfahren vor hundert, tausend oder zehntausend Jahren. Doch auch da, wo Verhaltensweisen einer Spezies sich grundsätzlich ändern, erfolgen die Veränderungen aus dem Instinkt heraus und entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Anpassung an eine sich ebenfalls gerade verändernde Umwelt.

Ein Tier ist also in seinem Verhalten an seinen Instinkt gebunden. Das löst in uns Menschen die Vorstellung von Unfreiheit aus. Instinkt wird gerne mit einem in den Genen codierten Programm verglichen, das nach vorgegebenen Regeln abläuft. Instinkt bringen wir deshalb mit Automatismen und stupiden Reiz-Reaktions-Schemata in Verbindung. Mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf sind wir Menschen froh, dass wir uns als zunehmend weniger instinktgebunden erfahren. Im Gegensatz zum Tier halten wir Menschen uns für frei und flexibel. Sind wir das wirklich?

Es ist schon mal falsch, im Instinkt so was wie ein Herrschaftsinstrument zur Unterwerfung des Tiers zu sehen. Instinkt äußert sich nicht über eine innere Stimme, die pausenlos Befehle erteilt, sich als Pflichtgebot bemerkbar macht. Instinkt ist kein Du sollst … oder Du musst … . Wer sich so was vorstellt, überträgt rein menschliche Erfahrungen unreflektiert aufs Tier. Machtverhältnisse, wie sie den Beziehungen zwischen Herr und Knecht, Chef und Untergebenen, Obrigkeit und Untertanen entsprechen, gibt es im Tierreich nicht in dieser Form. Das Alpha-Tier beutet die Mitglieder seines Rudels oder seiner Herde nicht aus, wie menschliche Herrschaftsverhältnisse das nahelegen. Es gibt deshalb auch keinen inneren Imperator mit einem Thronsessel in der DNA-Struktur.

Wenn ein Tier Hunger hat, ist es eins mit seinem Hunger. Es steht nicht neben sich, um sich seines Hungers erstmal bewusst zu werden. Für diese Bewusstwerdung braucht es nämlich Selbstbeobachtung, und genau diese fehlt dem Tier. Selbstbeobachtung ist weit mehr, als sich bloß im Spiegel erkennen und damit eine wie auch immer geartete Ich-Vorstellung zu haben. Ein Tier zerfällt nicht in eine handelnde Instanz und eine Instanz, die dieses Handeln beobachtet und darüber reflektiert. Deshalb zerfallen für ein Tier Hunger und Fressenwollen auch nicht in Ursache und Wirkung. Erst eine reflektierende Instanz kann künstlich einen Unterschied setzen und den Schluss ziehen, dass ein Hungergefühl den Wunsch nach Nahrungsaufnahme erzeugt. Wie der Hunger erst durch Selbstbeobachtung als Hunger bewusst wird, so entsteht auch der Wille erst durch Selbstreflexion. Ohne Bewusstwerdung gibt es keinen Willen. Die Bewusstwerdung des eigenen Willens erfolgt zudem so gut wie immer in der Negation. Erst wenn man gegen seinen Willen handelt oder gezwungen wird, gegen seinen Willen zu handeln, wird einem bewusst, dass man so etwas wie einen Willen hat.

Auch als Mensch kann ich immer noch die Erfahrung machen, dass der Wille verschwindet, sich in Nichts auflöst, wenn ich ganz eins mit meinen Instinkten bin. Ich habe diese Erfahrung zwei- oder dreimal in lebensgefährlichen Situationen gemacht. Das Nichtvorhandensein des Willens ist etwas grundsätzlich anderes, als seinen Willen zu bekommen. Aus seinem Instinkt heraus zu handeln, ist auch nicht dasselbe, wie im Flow zu sein, wo man wie auf einer Welle schwimmt und alles mühelos wie von selbst zu gehen scheint.

Instinkt drückt sich nicht über eine innere Stimme aus, die Befehle erteilt, sondern als nicht hinterfragbares, vereinheitlichtes Gefühl. Ein Tier lebt seine Lust, oder in der Negation, seine Unlust. Das ist Instinkt. Dabei ist die Lust das, was dem Tier am meisten nützt, und die Unlust das, was das Tier vor Schaden bewahrt. Wenn man tut, was einem am meisten nützt, und vermeidet, was einem schadet, kann man zu recht von einem geglückten Leben sprechen.

Freiheit ist nicht dadurch definiert, dass man von zwei Übeln das kleinere wählt oder seine Entscheidung anhand einer Liste von Pros und Contras austüftelt. Freiheit ist, in vollkommenem Einklang mit seinen Gefühlen zu handeln. Von Nutz- und Haustieren einmal abgesehen, ist jedes Tier deshalb frei. Jedes wild lebende Tier verwirklicht Freiheit in einem Maß, von dem wir Menschen nicht mal träumen können.

Menschen sind aus zweierlei Gründen nicht frei. Zum Einen unterscheiden die allermeisten Menschen zwischen guten und schlechten Gefühlen und treffen eine Wertung zugunsten der guten Gefühle wie Freude, Liebe, Glück, Dankbarkeit, Zufriedenheit. Das sind die Gefühle, die nicht nur sein dürfen, sondern jeden, der was auf sich hält, permanent aus- und erfüllen müssen. Es sind Gefühle, die angeblich das Miteinander fördern. Das Paradies oder der Himmel als idealisierte Vorstellungen von Glück besteht ausschließlich aus solch guten Gefühlen, und das Ziel des Menschen besteht darin, das Paradies auf Erden zu errichten bzw. den Himmel auf die Erde zu holen.

Allen Gefühlen, die keine guten oder angenehmen sind, wie Zorn oder Neid, bringen wir tiefes Misstrauen entgegen. Der Mensch hat vergessen, dass die angeblich schlechten Gefühle ihm gerade so beim Überleben helfen wie die guten. Stattdessen glaubt er, dass sie die Quelle von Gewalt und Aggression sind und deshalb nicht ausgelebt, sondern im Zaun gehalten, unterdrückt oder gar ganz abgeschafft werden müssen. Das heißt, es gibt nicht nur einen inneren Beobachter, der sich seiner Gefühle bewusst wird, sondern außerdem einen Richter, der die Gefühle in gute und schlechte unterteilt, und desweiteren einen Kontrolleur, der absegnet, dass gute Gefühle gelebt werden, während er das den schlechten Regungen verbietet.

Ein sehr bewusster Mensch mit einer entsprechenden Schulung verdrängt die schlechten Gefühle nicht, sondern leitet sie in Kanäle, die sein innerer Kontrolleur für unschädlich hält. Ein solcher Mensch erlaubt sich, seine Wut an einem Kissen oder einem Sandsack abzureagieren, aber er verbietet sich, die Wut an dem auszulassen, der sie verursacht hat.

Mit einem solchen Dreigestirn aus Beobachter, Richter und Kontrolleur an der Seite seiner Gefühle, kann der Mensch nicht frei sein, sondern wird zu seinem eigenen Gefängnis. Die allermeisten Menschen halten das für gut und sinnvoll, ja sogar für notwendig. Deshalb ist Bewusstwerdung nicht nur in spirituellen Kreisen absolut angesagt. Es soll mir aber niemand erzählen, dass es beim neutralen Beobachten bleibt. Hinter dem Rücken des Beobachters verbergen sich immer der Richter und der Kontrolleur, auch wenn sie nicht offen in Erscheinung treten.

Ich habe so den Verdacht, dass der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur gerade erzeugen, was sie unbedingt vermeiden wollen, nämlich Hass, Gewalt und Aggression. Mit dem Ergebnis, dass der Mensch alle anderen Lebewesen, die den Planeten bevölkern, an Gewalttätigkeit und Aggressivität bei Weitem übertrifft. Wenn Gefühle wie Zorn oder Neid unterdrückt und negiert werden, lösen sie sich deshalb noch lange nicht auf. Sie lösen sich auch nicht auf, wenn sie ersatzweise an einem Kissen abreagiert werden. Sie akkumulieren sich, und so wird aus einem Schneeball dann irgendwann eine Lawine. Ein Schneeball tötet nicht, eine Lawine hingegen schon.

Zum Anderen ist der Mensch das Tier, das sein Innenleben nach und nach vollständig veräußerlicht und sich dabei sich selbst entfremdet. Gilbert Dietrich nennt den Menschen das Tier des endlosen Outsourcing.

In dieser Veräußerlichung verkehrt sich die ursprüngliche Freiheit ins Gegenteil, nämlich in absolute Unfreiheit. An die Stelle des Instinkts tritt beim Menschen ein Lernprozess, und dabei lernt der Mensch lauter Dinge, die seinem ursprünglichen instinktiven Gefühl in der Regel zuwiderlaufen. Ein Baby, das Lust auf Milch und Wärme hat, lernt ziemlich schnell, dass es seine Bedürfnisse zurückstellen muss. Ein Kleinkind, das sich Sand und Würmer in den Mund stecken will, wird schon daran gehindert, sobald es nach dem Wurm gegriffen hat. Ein Schulkind, das seinen Bewegungsdrang austoben will, lernt stattdessen, fünf Stunden lang still auf dem Stuhl zu sitzen. Durch Lernen kommt es zu einer Umwertung des instinktiven Gefühls. Das Kind erfährt eine positive Resonanz auf Dinge, die ihm schaden, und eine negative auf Dinge, die ihm nutzen. Kein Wunder, dass sich der Mensch deshalb in einer natürlichen Umwelt gar nicht mehr zurechtfindet.

Was ein Kind lernen will, ist auch nicht ihm selbst überlassen. Dass es in den Kindergarten und zur Schule gehen muss, gilt als selbstverständlich. So erfährt ein Kind sein Leben schon früh als eine Abfolge von Regeln, Ge- und Verboten. Aus dem, was mal Instinkt war, wird in dieser Veräußerlichung nun ein Regelapparat, wobei die Regeln häufig widersprüchlich sind und mal so und mal so gehandhabt werden. Das Kind kann sich weder auf sein Gefühl noch auf seine Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit verlassen. Die Verwirrung ist komplett. Dies ist der sogenannte Zivilisationsprozess, der nicht nur identisch mit der Geschichte der Menschheit ist, sondern sich auch in jedem einzelnen Menschen vollzieht.

Der Mensch hält sich für frei, weil er an fast jedem Ort der Erde leben kann, im ewigen Eis ebenso wie in den Tropen. Es ist richtig, dass der Mensch von natürlichen Verhältnissen wie Klima, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Tag und Nacht, Sommer und Winter scheinbar immer unabhängiger wird. Dafür ist er umso abhängiger von seiner selbstgemachten Umwelt, die aus Stadtlandschaften, Industriegebieten und landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen besteht. Das herausragende Merkmal der vom Menschen geschaffenen Lebenswelt ist Monotonie. Die Städte auf der ganzen Welt sehen heute zum Verwechseln ähnlich aus. Egal, ob man sich in Alaska, auf Feuerland, in Zentralafrika oder Südostasien bewegt, man findet sich zurecht, weil die städtischen Strukturen wie beispielsweise das Verkehrsnetz in allen Städten ähnlich sind. Im Zentrum gibt es gigantische Hochhäuser, Einkaufsstraßen, Hotels, Tempel oder Kirchen, Museen und Parks. In der Peripherie einerseits Wohngebiete mit reicheren und ärmeren Vierteln bis hin zu Slums. Andererseits Gewerbe- und Industriegebiete. Es genügt, eine Stadt gesehen zu haben, um alle zu kennen. Was die Monotonie von industriell genutzten Ackerflächen angeht, erübrigt sich wohl jeder Kommentar.

In ihrer zunehmenden Vereinheitlichung und Vernetzung wird die von Menschen geschaffene Lebenswelt gegenüber natürlichen Einflüssen jedoch zunehmend fragiler. Das eigentliche Problem, dem wir uns heute gegenübersehen, ist nicht der Klimawandel als solcher, denn der Homo Sapiens hat schon viele Klimawandel mitgemacht. Das Problem besteht darin, dass schon kleinste Unregelmäßigkeiten heute riesige Probleme verursachen, weil unsere technische Lebenswelt insgesamt instabiler geworden ist. Vor fünfzig Jahren konnten Züge auch bei dichtem Schneefall fahren, heute fallen Züge bereits aus, wenn mal bloß ein Zentimeter Schnee runterkommt. Von einem zunehmend fragiler werdenden Gesamtsystem existenziell abhängig zu sein, hat mit Freiheit nichts mehr zu tun.

Der Mensch glaubt, frei zu sein, weil er angeblich so viele Möglichkeiten hat, zwischen denen er sich entscheiden kann. Tatsächlich wird aber jeder Mensch zuerst einmal erzogen, was seine Möglichkeiten schon ziemlich einschränkt. Dann durchläuft jeder Mensch ein Schulsystem, das seine Möglichkeiten weiter einschränkt. Was die Berufsausbildung angeht, kann ein junger Mensch lediglich wählen, wo in diesem arbeitsteiligen System er sich eingliedern, welches Rädchen er spielen will. Wer sich einer Berufsausbildung und den sonstigen Regeln verweigert, wird vom System ausgespuckt. Irgendwer hat mal gesagt, dass es in Deutschland eine Einheitspartei mit unterschiedlichen Farben gibt und man immer nur diese eine Partei wählt, egal, ob man nun rot, grün, schwarz oder gelb ankreuzt. So steht es mit unseren Wahlmöglichkeiten. Bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich als unbedeutende Akzidentalien, nicht als Essenzialien.

Wenn der Mensch das Tier ist, das sein Innenleben veräußerlicht, so finden natürlich auch der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur ihre realen Entsprechungen in der von Menschen geschaffenen Lebenswelt. Schon immer haben Menschen einander kontrolliert. Diese Aktivitäten haben sich in Institutionen, Organisationen und Ämtern mit den entsprechenden Berufsbildern nicht nur schon längst verselbständigt, sie bekommen in einem zunehmend komplexer werdenden Gesamtsystem  auch immer mehr Gewicht. Heute kann kaum ein Mensch sein Haus noch selber bauen. Daran sind nicht nur mangelnde Fähigkeiten, sondern auch die eskalierende Flut von Vorschriften schuld, die der Gesetzgeber oder irgendeine EU-Kommission erlassen hat.

Tiere ob ihres vermeintlich gencodierten Instinkts als unfrei und gesteuert zu bedauern, entspringt dem Neid derer, die sich inzwischen in der Unfreiheit zuhause fühlen. Ich fürchte, die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, wie sich Freiheit wirklich anfühlt.

Abgesang auf die Natur

Ende September bin ich über halb Europa geflogen. Ich hatte das Vergnügen, in kleinen Fliegern zu sitzen, auf einer Teilstrecke war es sogar ein altes Propellerflugzeug. Deshalb war die Flughöhe weitaus geringer, als dies bei großen Passagierflugzeugen der Fall ist. Da es zudem ein schöner und wolkenloser Tag war, konnte ich mir also ein gutes Stück Europa in aller Ruhe von oben betrachten.

Europa hat aus dieser Perspektive was von einem Schachbrett und die einzelnen Felder was von Ritter-Sport-Schokolade: quadratisch, praktisch, gut. Das Land sieht überwiegend aus wie mit dem Lineal konstruiert. Braune und gelbe Quadrate bzw. Rechtecke wechseln sich ab mit grünen und dunkelgrünen, aber viereckig ist fast alles. Selbst die großen Naturparks sehen von oben nicht natürlich aus, sondern nur wie größere Flicken innerhalb des menschengemachten Patchworks. Abgesehen vom alpinen Hochgebirge, von Seen und Flüssen sind es ausgerechnet die Stadtlandschaften, die nicht so aussehen, als wären sie am Reißbrett entworfen, sondern willkürlich und ungeordnet in die Gegend geklatscht. Von oben betrachtet, sehen Städte natürlicher aus als das, was wir für Natur halten.

Mir ist wieder einmal klar geworden, dass es in Europa Natur überhaupt nicht mehr gibt, wenn Natur als ungezähmtes, sich frei und unabhängig vom Menschen entfaltendes Leben verstanden wird. Das gibt es nicht mal mehr in den Wäldern, die uns ach so natürlich erscheinen. Die europäischen Wälder sind reine Kulturprodukte. Durch die umfassende, alles bestimmende Verschachbrettisierung der Landschaft, auch Landwirtschaft genannt, legt der Mensch in großem Stil fest, welche Tiere leben dürfen und welche nicht. Europa ist ein durch und durch von Menschen gestalteter und rein menschlichen Zwecken unterworfener Kontinent. Wo immer ein Europäer behauptet, er würde in einer natürlichen Umgebung wohnen, macht er sich selbst was vor.

Was in Europa wächst, blüht und gedeiht, sind Lebensformen, sie sich mit uns Menschen als dem alles bestimmenden Umweltfaktor arrangiert haben. Der Mensch glaubt gern, dass er Wildtiere gezähmt und Getreidesorten gezüchtet hat. Doch man kann das auch anders sehen. Nämlich so, dass sich die ehemaligen Wildformen dem Menschen angepasst haben. Aus Wölfen wurden Schoßhündchen. Aus Wildrindern Milchkühe. Aus Wildschweinen Massenware für die Fleischproduktion. Steppengräser mutierten zu Getreide und Mais. Nachtschattengewächse zu Kartoffeln und Tomaten. Als Menschen leben wir in Symbiose mit all den Nutzpflanzen und Haustieren, die heute unsere Umwelt bilden. Was anderes gibt es nicht. Wer es nicht glaubt, soll einfach mal in einem kleinen Flugzeug quer über Europa hinweg fliegen.

Umgekehrt hat sich in dieser Symbiose auch der Mensch angepasst und im Laufe der vergangenen zehntausend Jahre beispielsweise neue Verdauungsenzyme gebildet, die ihm den Verzehr von Milch, Brot, Butter, Wurst und Schokolade überhaupt erst erlauben. Es war nämlich nicht immer so, dass der Mensch das, was wir heute als gesunde Nahrung ansehen, auch vertragen hat. Vielleicht ist das, was heute als gesund gilt, schon wieder dabei, unverdaulich zu werden. Manche Allergien deuten auf eine solche Veränderung hin.

Jede Art von Landwirtschaft ist das Ergebnis der Herrschaft des Menschen über die Natur. Landwirtschaft ist nichts Natürliches, auch die angeblich ökologisch-biologische nicht. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich Öko und Bio als bloße Label, die dem Menschen ein gutes Gewissen verschaffen, damit er ungestört seine Dominanz über die Natur ausüben kann. Der Flächenverbrauch ist im biologischen Landbau beispielsweise wesentlich höher als im konventionell-industriellen. Bei den meisten Getreidesorten wird für denselben Ertrag mindestens ein Drittel, bei manchen sogar doppelt so viel Fläche verbraucht. Richtige Mischkulturen sind auch im Öko-Anbau unüblich. Es gilt ja schon als herausragende Leistung, wenn zwischen dem Getreide mal ein paar Kornblumen wachsen. Zudem kultiviert die ökologisch-biologische Landwirtschaft immer noch Anbaumethoden, die als überholt betrachtet werden können und durchaus nicht umweltfreundlicher sind als industriell-konventionelle Landwirtschaft. Im Gegenteil. So wird im Bio-Anbau beispielsweise als Pflanzenschutzmittel Kupfersulfat eingesetzt, das, würde es heute neu entwickelt, keine Zulassung mehr bekommen würde, da es in erheblichem Maß Mikroorganismen und Wasser schädigt.

Mit dem Schutz oder der Bewahrung einer nicht-menschlich geprägten, ursprünglichen Natur hat das alles überhaupt nichts zu tun. Die gibt es nämlich gar nicht mehr. Umweltschützer und Ökofreaks bilden bloß den Trauerzug hinter einem Sarg. Sie glauben, die Natur bewahren zu können, während sie in Wahrheit um etwas trauern, das längst dahin und verloren ist. In Europa sind wir am Endpunkt einer langen Entwicklung angekommen. Wir haben die einstmals wilde Natur vollständig gezähmt und auch den letzten Winkel in Kulturlandschaft umgewandelt. Requiescat in pace!

Was in Europa passiert ist, passiert überall auf der Welt. Der Mensch breitet sich aus, besetzt alle nur möglichen Lebensräume und verdrängt dabei die Lebensformen, die ihm keinen Nutzen bringen.

Weltweit sind von ursprünglich 62 Millionen Quadratkilometern Wald heute noch 14 Millionen übrig. Das ist nicht mal ein Viertel. Jedes Jahr schrumpft dieser kümmerliche Rest um weitere 130.000 Quadratkilometer. In Südamerika hat die Abholzung des Regenwaldes in den vergangenen drei Jahren wieder deutlich zugenommen, schon mal beschlossene Pläne zu seinem Schutz werden von Regierungen ad acta gelegt und von Unternehmen unterlaufen.

Manche Menschen glauben, die Zerstörung der ursprünglichen Natur aufhalten zu können, indem sie Vegetarier werden. Das führt jedoch nur dazu, dass die Tiere, die mit dem Menschen jetzt in einer Symbiose leben, auch noch verschwinden und durch weitere Menschenmassen ersetzt werden. Und wenn nicht durch Menschenmassen, dann durch weitere Technisierung. Alle unsere Fortschritte und Errungenschaften haben nämlich nur den Zweck, unsere menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Welt wird durch die Vegetarier also nicht vielfältiger, sondern nur noch eintöniger. So drehen wir uns ständig um uns selbst, in Kreisbewegungen, die immer größer werden.

Das, was der Mensch in der Welt anrichtet, kann man nur ertragen, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch ein Experiment der Natur ist. Natur dieses Mal nicht im Sinne einer Gegenüberstellung zum Menschengemachten, sondern als Prozess verstanden, in den der Mensch eingebettet ist. Mit all dem, was wir anleiern, erfinden, verändern, bewahren, zerstören und bauen, können wir uns aus diesem Prozess weder ausklinken noch ihn in die von uns gewünschte Richtung lenken. Wie sich ein mathematisches System nicht mit den Mitteln des Systems beweisen lässt, so lässt sich die Natur, als umfassender Prozess verstanden, nicht mit den Mitteln des Prozesses beherrschen. Und in diesem Fall ist der Mensch  nur ein Mittel.

Wenn sich der Mensch ethische Regeln geben will, dann sollte er das tun auf der Basis des Hineingeworfenseins in einen Prozess, den er weder beherrschen noch kontrollieren kann. Alles Andere ist Illusion. Der Schlüssel liegt in der Erkenntnis, dass der Mensch weder die Natur bewahren noch sonst einen Status quo aufrecht erhalten kann. Das Gegenteil trifft zu. Der Mensch steht nicht für Bewahrung, sondern für eine umfassende Umwälzung. Er ist der Katalysator für einen globalen Verwandlungsprozess, der bereits soweit fortgeschritten ist, dass er nicht mehr aufgehalten oder umgelenkt werden kann. Ethische Regeln müssen berücksichtigen, was der Mensch seinem Wesen nach tatsächlich ist, sonst sind sie sinnlos, weil sie gar nicht eingehalten werden können und nur Schuldgefühle verursachen, die weder der Welt noch dem Menschen etwas nützen.

Bei Nacht erinnert Europa übrigens an ein überdimensionales Gehirn. Die einzelnen Städte mit ihrer grandiosen Beleuchtung haben was von Nervenzellen, während die Straßen mit dem Fluss der Autos an Dendriten erinnern, die elektrische Impulse von einer Nervenzelle zur anderen weiterleiten und diese miteinander verbinden. Von oben betrachtet ergibt das ein dicht verwobenes, funkelndes Netzwerk mit einer ganz eigenen Ästhetik. So wie die steinernen Köpfe auf den verödeten Osterinseln eben auch ihre ganz eigene Ästhetik haben. Es war noch nie einfach, mit einer Bestimmung zu leben, die für andere Lebensformen zwangsläufig den Untergang bedeutet.

 

Hilfe, die Ressourcen gehen aus!

Entarzis Großeltern waren Jäger und Sammler gewesen. Deshalb wusste Entarzi, dass sein Clan, der ungefähr hundert Personen zählte, ein ziemlich großes Gebiet gegen andere Clans zu verteidigen hatte. Um dem Leser eine Vorstellung von der Größe dieses Gebiets zu geben: sein Durchmesser entsprach etwa der Strecke von Hamburg bis Lübeck oder von Stuttgart bis Karlsruhe. Wenn der Clan ein solches Revier halten konnte, war sichergestellt, dass für alle Clanmitglieder über die Jahre hinweg genügend Nahrung zur Verfügung stand. Entarzi wusste, dass der Jäger nie alle Hasen erschlagen und der Sammler nie alle Beeren pflücken durfte, wenn es auch im nächsten Jahr wieder welche geben sollte.

Da Entarzi sich in Sachen nachhaltiger Lebensweise sehr gut auskannte, wusste er auch, wieviel an einem einzigen Tag gefressen wurde, wenn sich mehrere Clans zu einem Fest trafen. Solche Feste wurden veranstaltet, damit die Frauen andere Männer kennenlernen und sich eine andere Familie suchen konnten. Sie konnten nur alle paar Jahre stattfinden, und auch nicht immer am selben Platz. Da musste man auch mal größere Wanderungen unternehmen, von Hamburg bis Berlin oder von Stuttgart bis München oder auch mal bis Wien.

Entarzis Eltern hatten schon ein paar Ziegen gehalten, die sie auf ihren Wanderungen mitnahmen. Sie streuten hier und da auch schon gezielt Getreidekörner aus, um im nächsten Jahr, wenn sie wieder an diesem Platz vorbeikamen, gleich ernten zu können. Dasselbe machten sie mit einigen Kräutern und Wurzelgemüsen. Dank dieser neuen Methoden war der Clan auf hundertsiebzig Mitglieder angewachsen. Entarzi wusste aber auch, dass die neuen Methoden ihre Nachteile hatten. Man musste immer da lang gehen, wo die Ziegen frisches Gras fanden, und es gab wegen der Ziegen Krankheiten, die es vorher nicht gegeben hatte. Würmer, beispielsweise. Oder Parasiten. Oder Infektionskrankheiten. Der Clan konnte jetzt zwar hundertsiebzig Mitglieder ernähren, dafür lebten sie aber im Durchschnitt nicht mehr ganz so lange wie die Großeltern.

Eines Tages kam Entarzi in ein Gebiet von etwa derselben Größe, das den Clan seiner Großeltern nachhaltig ernährt hatte. In diesem Gebiet zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris gab es, was neu für Entarzi war, eine Menge Heiligtümer. Es waren Tempel wie der Göbekli Tepe, Sefer Tepe, Karahan, Urfa, Hamzan Tepe und wie sie alle hießen. Wo die Tempel waren, fingen die Menschen an, sich dauerhaft niederzulassen, um zu den Göttern zu beten, die in diesen Tempeln wohnten.

Entarzi sah sofort, dass das nicht gut ausgehen konnte. Niemals konnte dasselbe Gebiet, das etwa hundert Menschen ernährt hatte, tausend ernähren. Oder gar zweitausend. Oder noch mehr. Die Zahl der Menschen wuchs jedoch immer weiter. Es war ja nicht nur so, dass der sesshaft gewordene Götteranbeter doppelt oder dreifach so viele Kinder bekam wie der Jäger, sondern dass zudem immer mehr Menschen, die vorher Jäger waren, nun Götteranbeter wurden.

Entarzi warnte seine Zeitgenossen, dass die Menschen in wenigen Jahren allesamt verhungern oder an Krankheiten vorzeitig elend zugrunde gehen würden. Das konnte gar nicht anders sein. Einfach deshalb, weil ihre Lebensweise nicht nachhaltig war. Weil die Zahl der Menschen viel zu schnell wuchs. Weil Krankheiten sich ausbreiteten, wo immer mehr Menschen und Tiere auf immer engerem Raum zusammenlebten. Ganz klar. Für die Zahl der Menschen, die das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris besiedelten, reichte die Ressource Land nicht aus. Und Land war nun mal die Grundlage von allem. Hilfe, die Ressourcen gehen aus!, rief Entarzi.

Aber da es sich in der Nähe eines Tempels bequemer lebte, blieb er trotzdem da und wurde Priestergeselle.

Auf einmal lebten in einem Gebiet von derselben Größe, das den Clan von Entarzis Großeltern ernährt hatte, nicht nur doppelt so viele Menschen, sondern zehn Mal so viele. Das funktionierte, weil die Methoden mit den Körnern und den Ziegen, die seine Eltern entwickelt hatten, ständig verbessert wurden. Dafür wurden in dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris die Wälder abgebrannt, daraus Ackerland gewonnen und großräumig Getreidekörner ausgesät. Wo kein Getreide gedieh, wuchs immerhin noch Gras für die Ziegen.

Wurden die Bäume nicht gerade abgefackelt, wurden sie gefällt, um Häuser daraus zu bauen. Natürlich brauchte man auch ziemlich viel Holz, um all die Feuer zu schüren und den Weihrauch zu verbrennen, womit man den Göttern diente. Und erst das Holz für all die Feuer, auf denen täglich gekocht wurde und mit denen man die Steinhäuser wärmte.

Entarzi sah sofort, dass das nicht gut ausgehen konnte. Die Götteranbeter fällten die Bäume schneller, als sie nachwuchsen. Überdies wurde den Bäumen gar nicht erlaubt, nachzuwachsen, weil man stattdessen dort lieber Getreidekörner ausstreute. Das war auch notwendig, um all die Menschen zu ernähren. Damit nicht genug, kamen die Menschen auf die Idee, Tonkrüge zu brennen, um darin die Getreidekörner vor Ratten und Schimmel zu schützen. Dafür brauchten sie wiederum noch mehr Holz, denn Ton wird ja im Feuer gebrannt. Die sesshaft gewordenen Götteranbeter fällten also immer schneller immer mehr Bäume.

Entarzi warnte seine Zeitgenossen, dass in wenigen Jahrzehnten die ganzen Bäume zwischen Euphrat und Tigris verschwunden sein würden. Spätestens dann würde es mit der Menschheit zu Ende sein. Ganz klar: Für die Zahl der Menschen, die das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris besiedelten, reichte die Ressource Holz nicht aus. Wo es keinen Wald mehr gab, so auch keine Beeren, Wurzeln und Nüsse. Keine Wildtiere. Und viel weniger Fische, zumal wenn das ganze Dorf an derselben Stelle in den Fluss kackte. Hilfe, die Ressourcen gehen aus!, schrie Entarzi verzweifelt.

Außerdem konnte eine derart einseitige Ernährung aus Brot, Milch und Ziegenfleisch ganz gewiss nicht gesund sein. Diese Mangelernährung musste neue Krankheiten verursachen, an denen die Menschen vorzeitig zugrunde gingen, wenn sie denn schon nicht verhungerten.

Weil er inzwischen verlernt hatte, auf die Jagd zu gehen, und weil er auch etwas träge geworden war und das Brot gar nicht so schlecht schmeckte, blieb er trotzdem da.

Das Land und das Holz wurden tatsächlich knapp, deshalb begannen die Menschen, Waffen aus Metall herzustellen, um anderen das Land und das Holz wegzunehmen und sich gegenseitig umzubringen. Dafür fällten sie allerdings noch mehr Bäume, denn um dem Metall die gewünschte Form zu geben, musste man es erst mal im Feuer schmelzen. Zu diesem Zweck wurde die Holzkohle erfunden. Du lieber Himmel, dachte Entarzi. Das ist aber nun ganz gewiss das Ende der Menschheit. Nicht nur, dass sie verhungern oder vorzeitig an Krankheiten sterben, jetzt fangen sie auch noch an, sich gegenseitig massenhaft umzubringen.

Wenig später starb Entarzi tatsächlich vorzeitig an einer Krankheit, die entweder durch Fäkalien oder Ratten verursacht worden war. So genau weiß man das nicht. Die Lebenserwartung der sesshaft gewordenen Bauern und Handwerker hatte sich gegenüber der von Jägern und Sammlern nämlich fast halbiert. Statt mit durchschnittlich sechzig Jahren wurden die Menschen jetzt mit durchschnittlich fünfunddreißig Jahren beerdigt.

Die Geschichte der Menschheit ging dessen ungeachtet jedoch weiter. Das Pferd und das Kamel wurden gezähmt und große Schiffe gebaut, um Holz, Getreide, Metall und Tonkrüge über lange Strecken zu transportieren. Woanders entstanden neue Städte mit noch mehr Einwohnern. Ur, Uruk, Babylon, Assur und wie sie alle hießen. Heute gibt es Städte, in denen zehn Millionen Menschen auf einem kleineren Gebiet wohnen als das, welches ursprünglich mal Entarzis Clan ernährt hat. Die Menschheit denkt nicht daran, auszusterben, sondern vermehrt sich immer noch. Inzwischen gibt mehr als sieben Milliarden Exemplare dieser Spezies. Nicht nur die Menschheit hat allerdings zugenommen, sondern auch diejenigen, die vor ausgehenden Ressourcen warnen. Auch die Zahl der Ressourcen, die ausgehen, ist größer geworden. Neben dem Land und dem Holz (Urwälder) zählen viele Tierarten und die Fische im Meer dazu, die fossilen Brennstoffe, Helium, einige Metalle und sogar der Sand, aus dem Häuser gebaut werden.

Seit Maschinen den Menschen die schwere Arbeit abnehmen, hat die Lebenserwartung jedoch wieder zugenommen. Inzwischen übertrifft sie sogar die des Jägers und Sammlers, und das um etwa zwanzig Jahre.

Den Göbekli Tepe, Urfa, Sefer Tepe, Karahan und wie die Tempel alle hießen, gibt es schon lange nicht mehr. Nur ein paar Ruinen sind übrig geblieben. Auch Ur, Uruk, Babylon, Jericho und die anderen großen alten Städte sind längst von der Landkarte verschwunden. Das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris ist heute eine Wüste, wo nichts mehr wächst. Nur die endlosen Kämpfe und Kriege um dieses Gebiet haben sich bis heute erhalten und dauern immer noch an.