Ein neues Menschenbild

In den vergangenen Jahrtausenden hat sich der Mensch über sein Verhältnis zu Gott definiert. Im Polytheismus tritt an die Stelle eines einzigen Gottes ein ganzes Pantheon von Göttern. Im Pantheismus, wie er heute in vielen spirituellen Richtungen vertreten wird, gibt es keinen personifizierten Gott, dafür jedoch das Göttliche als geistigen Urgrund, das als Universum, als Evolution, als Natur für uns sichtbar wird. Das Prinzip bleibt jedoch immer dasselbe: Erst in seinem Verhältnis zu Gott oder dem Göttlichen weiß der Mensch, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf. Doch ist es wohl gerade umgekehrt: der Mensch schuf Gott zu seinem Bilde. Die jeweiligen Gottesbilder, die sich durch die Zeit hindurch und in den verschiedenen Religionen wandelten, gaben den Menschen Orientierung und sagten ihnen, wer sie sind. In Gott erkannten sie sich selbst. Oder anders: Gott war das Spiegelbild des Menschen. Er war das kollektive Bewusstsein, das sich, tausendfach gebrochen, in den Individuen widerspiegelte.

Der wissenschaftliche Mensch der Neuzeit hat Gott zur bloßen Hypothese erklärt und damit den Spiegel zerbrochen. Wo immer Gott an Bedeutung verliert, weiß der Mensch nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist. Mit Gott hat der Mensch seine bisherige Orientierung verloren. Er muss sich neu bestimmen.

Der Darwinismus bietet eine alternative Erklärung: Der Mensch stammt vom Affen ab. Diese Erklärung ist heute weitgehend akzeptiert und wird in den Schulen gelehrt, trotzdem bleiben viele Fragen offen: Warum hat der Mensch Geist? Warum kann er über etwas nachdenken? Woher kommt das Bewusstsein vom Tod? Was ist Leben? Woher kommt es? Was ist der Sinn von allem? Wonach kann ich mich richten, wenn Ethik und Moral nicht mehr gottgegeben, sondern lediglich gesellschaftliche Übereinkunft sind? Und nicht zuletzt: Warum sind ausgerechnet wir, die Vernunftbegabten, eine Spezies, die dabei ist, diesen Planeten in eine Wüste zu verwandeln? Warum tun wir das? Wenn der Mensch für das sechste große Artensterben verantwortlich ist, was bedeutet dann Vernunft? Wer sind wir eigentlich?

Für die Abstammung des Menschen vom Affen hat die Wissenschaft inzwischen so viele Beweise geliefert, dass man dies erstmal getrost als gegeben hinnehmen kann. 98%  unseres Genmaterials ist mit dem von Schimpansen identisch. In der Archäologie hat man zahlreiche Knochenreste gefunden, die den Übergang vom Affen zum Menschen dokumentieren. Wenn man Schimpansen und Bonobos in ihrem Verhalten beobachtet, kann man die Verwandtschaft auch nicht leugnen. Die Frage, warum der Mensch Geist, Sprache, Kultur und Technik entwickelt hat und in die Lage versetzt worden ist, den ganzen Planeten umzukrempeln, bleibt jedoch unbeantwortet. Warum ist der Schimpanse dabei geblieben, mit Steinen Nüsse zu knacken und mit Zweigen nach Ameisen zu pulen? Warum baut er keine Städte, verehrt keine Götter und fliegt nicht zum Mond? Was unterscheidet den Schimpansen vom Menschen?

Meine Antwort lautet, der Mensch hat Geist entwickelt, weil er angefangen hat, mit dem Feuer zu spielen. Der Umgang mit dem Feuer zwang unseren Vorfahren Verhaltensweisen auf, die nicht im Instinkt verankert waren, sondern diesem gerade diametral entgegenstanden. Diese neuen Verhaltensweisen mussten irgendwo gespeichert werden, damit sie an die Nachkommen weitergegeben werden konnten. Deshalb war es notwendig geworden, ein größeres Gehirnvolumen zu entwickeln und nur deshalb konnte die entsprechende Mutation sich beim Menschen durchsetzen. Die aus dem Umgang mit dem Feuer entwickelten Techniken und Verhaltensweisen werden nicht intrinsisch als Instinkt weitergegeben, sondern extrinsisch über Erziehung, Kultur und Zivilisation. So gut wie unsere ganze Technologie, vom ersten Lagerfeuer bis hin zur Atombombe und zu Quantencomputern, ist eine Folge davon, dass vor ein bis zwei Millionen Jahren schimpansenähnliche Wesen anfingen, mit dem Feuer zu experimentieren. Der Geist, den der Mensch entwickelt hat, ist ein Feuergeist.

Als Menschen sind wir also mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. Und damit sind wir ein verkörperter Widerspruch.

„Aristoteles … glaubte: Alles Lebendige strebt nach Sein. Dieses Streben ist seine Seele. Ein Wesen sehnt sich zu sein, zu dauern, mehr zu sein, als es ist. Es dürstet danach, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten, mehr von diesem kostbaren Stoff aufzusaugen – von einem Stoff, dessen man nur habhaft wird, wenn man atmet. Dieser Durst ist das Leben. Der Lebenswunsch trägt einen Organismus wie die Woge den Schwimmer.“ (Weber, S. 32)

Leben ist nicht nur Fülle, sondern Überfülle. Da alles sein will und danach strebt, mehr zu sein, ist exponenzielles Wachstum die unausweichliche Folge. Da der Planet nicht mitwächst, führt exponenzielles Wachstum der Lebewesen, die ihn besiedeln, schließlich dazu, dass das Leben aufgrund seiner Überfülle an sich selbst erstickt und kollabiert. Um die Überfülle zu bändigen, hat die Natur tief in die Trickkiste gegriffen. Sie hat die Eiszeiten und die Jahreszeiten erfunden, den Stoffwechselkreislauf, der darin besteht, dass Eines das Andere frisst, komplizierte Balzrituale und … und …  – den Waldbrand, das Feuer.

Die Geschichte des Feuers auf unserem Planeten ist so alt wie die Geschichte der Vegetation selbst. Der geologische Nachweis von Waldbränden ist so alt wie der Nachweis von Waldvegetation: ungefähr 350 Millionen Jahre. Das heißt, mit den Wäldern entstanden gleichzeitig auch die Waldbrände. Beides gehört unabdingbar zusammen. Das Feuer war notwendig, damit die Wälder nicht an sich selbst erstickten, damit sie sich von Zeit zu Zeit verjüngen konnten.

Feuer ist der Gegenspieler des Lebendigen. „Sein unmittelbarer Effekt ist zerstörerisch. Es löst die hochkomplexen Strukturen organischer Substanzen auf und reduziert sie zu Asche und Rauch. Dieses Ergebnis ist irreversibel; es ist unmöglich, dass sich die Überreste wieder in ihre ursprünglichen Formen und Farben zurückverwandeln.“ (Goudsblom, S. 11)

Maßlos, zerstörerisch, irreversibel, ziellos, sich selbst erzeugend – das sind die Eigenschaften des Feuers. Es sind auch die Eigenschaften unseres menschlichen Geistes. Deshalb führt unsere Vernunft dazu, dass wir uns wie ein Feuerbrand über den Planeten ausbreiten und dabei sind, die lebendige Natur in unlebendige Technosphäre zu verwandeln. Unter Technosphäre werden sämtliche, von Menschenhand erschaffenen Artefakte verstanden: Häuser, Straßen, Städte ebenso wie Autos, Kraftwerke, Telefonnetze oder Kugelschreiber, Bücher und Computer. Wissenschaftler der Universität von Leicester haben errechnet, dass die gesamte Technosphäre inzwischen 30 Billionen Tonnen wiegt. Das ist hunderttausendmal mehr als das Gewicht aller sieben Milliarden Menschen zusammengenommen, mehr als 50 kg auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche.

Wie alle Lebewesen wollen wir uns ausbreiten, entfalten und vermehren. Wir wollen mehr von dem, was Leben ist, und mehr hinterlassen, als wir am Anfang hatten. Wir tragen den Durst nach Leben in uns. Wir sind dieser Durst nach Leben. Wir breiten uns solange aus, bis wir an Grenzen stoßen. Dank unseres Geistes ist es uns gelungen, die meisten Grenzen zu überwinden, und wo wir sie nicht überwinden können, sie wenigstens zu verschieben, wie bei der Lebenserwartung. Unsere Fressfeinde haben wir weitgehend ausgerottet oder dahin vertrieben, wo sie uns nicht gefährlich werden können. Wir haben gelernt, in stark variierenden Klimaverhältnissen zurechtzukommen und mit Krankheiten fertig zu werden. Was wir noch nicht können, ist, andere Planeten zu besiedeln. Möglicherweise ist uns hier definitiv eine Grenze gesetzt, denn bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass wir die ungeheuren Entfernungen jemals überwinden können.

Als Menschen sind wir mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. In uns begegnen sich exponenzielles Wachstumspotenzial und exponenzielles Zerstörungspotenzial. Beide Potenziale sind maß- und grenzenlos. Unser Wachstumspotenzial kann den Planeten verwüsten. Unser Zerstörungspotenzial ebenso. Und irgendwie sind wir da schon gut unterwegs. Was die Verwüstung angeht, liefern sich das Bevölkerungswachstum und das Wachstum der Technosphäre ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Der Phasenübergang vom Jäger und Sammler zum Metallurg, Händler, Krieger und Bauer in der Bronzezeit gab uns die Mittel in die Hand, die ganze Erde in Technosphäre zu verwandeln, eine Entwicklung, die durch die Industrielle Revolution eskaliert ist. Die Digitale Revolution hat zum Inhalt, nach der Erde nun auch den Menschen selbst in Technosphäre zu verwandeln. Das ist der Weg, den wir gehen. Im gleichen Maße, wie wir die Umwelt in eine technisch-künstliche verwandeln, verwandeln wir selbst uns in Cyborgs.

Ob wir uns durch exponenzielles Wachstum oder durch exponenzielle Zerstörung vernichten, ist eigentlich egal.

Bleibt in dieser anscheinend ausweglosen Situation ein Ausweg? Besteht die Aufgabe als Mensch vielleicht darin, das Wachstums- und das Zerstörungspotential gegeneinander auszugleichen, sodass sie sich wechselseitig selbst begrenzen? Können wir als Menschheit zumindest noch paar hunderttausend Jährchen überleben, wenn wir lernen, uns selbst ein Maß zu setzen, uns selbst zu begrenzen?

Seit jeher tragen Menschen auch einen asketischen Hang zur Selbstbegrenzung in sich. Gnóthi seautón, erkenne dich selbst, und medén ágan, nichts im Übermaß: so lauten zwei Inschriften im Apollotempel von Delphi. Vielleicht haben diese uralten Worte ja immer noch Gültigkeit.

In vergangenen Tagen wurden Selbsterkenntnis und Maßhalten über die Religionen vermittelt. Mit dem Zusammenbruch der Gottesbilder und der Durchsetzung des wissenschaftlichen Weltbildes sagen die Religionen den meisten Menschen nicht mehr viel. Aber wenn man auf dem wissenschaftlichen Weg zum selben Ergebnis kommt, handelt es sich bei Selbsterkenntnis und Maßhalten womöglich um etwas, das über den Zeitgeist hinausgeht, nämlich um fundamentale Weisheiten, die dem Leben an sich dienen.

Literatur:
Goudsblom, Johan: Die Entdeckung des Feuers. 2000
Weber, Andreas: Alles fühlt. 2008

Der etwas andere Text zu Ostern

Der Höhepunkt eines jeden Gottesdienstes ist nicht die Predigt, sondern die Wandlung. Die Choreographie einer Messe konzentriert sich auf diesen Punkt hin. Die Wandlung wird so erklärt, dass Jesus Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes Brot in seinen Leib und Wein in sein Blut verwandelt. Ein Christ glaubt daran, dass Christus wirklich, also leibhaftig, in Wein und Brot gegenwärtig ist. Brot und Wein wurden durch die Worte des Priesters in ihrer Substanz verändert. Eine Wesensverwandlung also. Transsubstantiation.

Unter Kommunion versteht man den Empfang der Gaben von Brot und Wein, die nun den Leib und das Blut Christi repräsentieren.

Jede Mahlzeit ist ein heiliger Akt, der uns mit allem, was lebt und ist, verbindet. Jedes Stück Brot erfährt, indem ich es esse, eine wesenhafte Verwandlung. Eine Transsubstantiation, geradeso, wie die Kirche sie für die Hostie beschreibt.

Was einmal Brot gewesen ist, wird zu meinem Leib. Und zwar ganz konkret: Das Brot wird in seine molekularen Bestandteile zerlegt, über die Darmwand in meinen Stoffwechsel aufgenommen und durch die emsige Arbeit vieler Zellen in meinen Leib verwandelt. An irgendeinem Punkt in diesem Vorgang hört das Brot auf, Brot zu sein. Es verwandelt sich in meinen Leib. Daran ist an sich nichts Geheimnisvolles und nichts Rätselhaftes, aber ein Wunder ist es dennoch.

Bevor es zum Brot wurde, reifte das Getreide dank Sonnenlicht, Wasser und Mineralien auf dem Feld heran. Im Getreide vereinigen sich die vier Elemente Erde, Wasser, Licht und Luft. Wenn ich Brot esse, habe ich teil an dieser Vereinigung. Sie hebt mich über mich selber hinaus und bindet mich in den großen Kreislauf der Natur ein. Nahrungsaufnahme ist nichts Banales. Nichts, das man achtlos nebenher erledigen sollte. Eigentlich seltsam, dass wir uns dieser Dimension unserer Existenz bei all unserer angeblichen Bewusstwerdung so wenig bewusst sind, ja sie immer weniger spüren und sogar vergessen. Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass Fast und Convenience Food sich immer größere Marktsegmente erobern. Der Herd und damit die Küche als das ursprüngliche Zentrum aller menschlichen Aktivitäten hat ausgedient. In Amerika gibt es anscheinend sogar schon Häuser, wo sich, was mal Küche war, auf Mikrowelle und Wasserkocher beschränkt.

„Stoffwechsel heißt, den eigenen Stoff mit der Welt zu tauschen. Wenn ich etwas esse, so durchläuft mich dieser Brennstoff ganz anders als einen Motor das Benzin. Dieses wird im Kolben gezündet, verbrennt und verlässt dann den Auspuff wieder als CO2. Die Nahrung aber, die ich zu mir nehme, wird stofflich zu einem Teil von mir. Die Zellen müssen dafür ein anderes Stück ihrer eigenen Substanz hergeben. Wir alle stoßen mit jedem Atemzug einen Teil von uns an die umgebende Luft ab. Im selben Maße entstehen wir neu aus den Produkten der Erde. Was eben noch ich war, ist jetzt schon das CO2-Molekül in der Lunge des Gegenübers und dann ein Stück Grashalm auf der Wiese. Was eben noch Korn auf dem Feld war, ist nun bereits „Ich“. Aber dieses Ich ist stets ein anderer, weil es nicht aus meinen eigenen spezifischen Stoffteilchen besteht, sondern weil der Stoff, der mich bildet, beständig wechselt.“ (Andreas Weber, Alles fühlt, S. 58).

Im Gottesdienst folgt die Kommunion auf die Wandlung. In Wirklichkeit ist es gerade anders herum. Zuerst erfolgt die Kommunion, der Empfang der Gabe, die Teilhabe, und dann die Wandlung, die wesenhafte Verwandlung der Nahrung in meinen Leib.

Doch nicht nur die Reihenfolge wird im religiösen Ritus verdreht. Er gründet zudem auf einer heimlichen Vertauschung von dem, was wir in dualistischer Weise als Geist und Materie definieren. Im religiösen Ritus wird der Geist zum verbindenden, die Körperhaftigkeit zum trennenden Element. Dem Gläubigen wird suggeriert, dass alle Menschen, über den Geist verbunden, eine Gemeinschaft, eine Einheit bilden.

In Wirklichkeit ist es unser stofflich-materieller Anteil, über den wir mit anderen Menschen und der Welt zutiefst verbunden sind. Diese Verbundenheit erwächst aus dem beständigen Austausch der Materie, aus dem wirbelnden Tanz der Teilchen. Es ist ein permanentes Geben und Nehmen, an dem alles Sein teilhat und von dem niemand ausgeschlossen ist.

Die Kirche lehrt uns, dass wir über unseren Geist am Göttlichen teilhaben. Das bedeutet, dass mein Geist zumindest ein Widerschein des göttlichen sein muss, denn wäre mein Geist dem göttlichen nicht zumindest ähnlich, dann könnte ich nicht an ihm teilhaben. Doch dieser Geist bedeutet Entfremdung: von der Natur, vom Leben, von den Anderen, von mir selbst.

Wenn ich meinen eigenen Geist beobachte, stelle ich fest, dass er es ist, der mich von allem trennt. Ich fange an, mich fremd zu fühlen, sobald ich andere Menschen oder die Welt als von mir getrennte Objekte betrachte. Das geschieht nicht über den Körper, sondern über den Geist. Da die materielle Seite nicht beständig ist, kein Ich kennt, sondern aus permanentem Geben und Nehmen besteht, also Stoffwechsel ist, kann die körperliche Erfahrung nicht objektiviert werden. Sie ist immer subjektiv, immer eingebettet in die Umwelt, immer in der Teilhabe mit den Anderen, immer im Austausch mit allem.

Wenn ich die Anderen und die Welt als von mir getrennte Objekte betrachte, muss ich einen künstlichen Weg (er)finden, um mich mit den Anderen zu verständigen oder mich in der Welt zurechtzufinden. An die Stelle von Kommunion im Sinne von Teilhabe tritt im geistigen Austausch die Kommunikation. Im Gegensatz zur Kommunion ist Kommunikation nicht unmittelbar, spontan und direkt, sondern vermittelt. Es gibt Sender und Empfänger, die über ein Medium miteinander in Verbindung stehen, ansonsten aber getrennt voneinander sind. Als Medium dient eine Sprache. Ob Bildersprache, Gestik, gesprochene Sprache oder Schrift, ist dabei unerheblich.

Da ich ein Medium (eine Sprache) benutzen muss, kann ich nie mit Sicherheit sagen, dass ich mein Gegenüber wirklich verstanden habe. Die Benutzung einer Sprache ist eine Quelle unendlicher Missverständnisse. Im Grunde weiß ich nicht, was im Geist eines anderen Menschen wirklich vorgeht, was er denkt oder fühlt. Ich bin auf das angewiesen, was er von sich preisgibt. Doch selbst, wenn der Andere mir einen Einblick in seine Innenwelt gibt, kann ich nicht sicher sein, dass ich es so verstanden habe, wie es gemeint war.

Was in der Kommunion Teilhabe durch wesenhafte Verwandlung ist, ist in der Kommunikation Information, die weder den Sender noch den Empfänger wesenhaft verwandelt. Es ist wie beim Motor, bei dem das Benzin bloß durchläuft. Wie beim Motor durch die Verbrennung von Benzin Energie freigesetzt wird, so geschieht das auch in der Kommunikation. Der Austausch von Information löst energetische Prozesse aus. Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, dass energetische Prozesse wie beispielsweise ein Shitstorm oder eine Bundestagsdebatte gleichzeitig mit einer wesenhaften Verwandlung einhergehen. Meist ändert sich dadurch nämlich erstmal gar nichts. Wenn Wissenschaftler uns nun einreden wollen, dass Information der Urstoff ist, aus dem alles besteht, dann heißt das nichts anderes, als dass wir Menschen der Welt vollkommen entfremdet sind. Noch entfremdeter kann man gar nicht sein. Wo alles nur noch Information und keine Teilhabe mehr ist, ist die Trennung absolut. Ich glaube, man sollte nicht immer auf die Wissenschaftler hören.

Unser Geist ist unser Gefängnis, aus dem wir nicht herauskommen. Genau darauf weist Platons Höhlengleichnis hin. Diese Trennung von der Welt und den Anderen durch unsere geistigen Gefängnismauern ist die Quelle all unserer Missverständnisse und all unserer Kriege. Deshalb führen Tiere in der Regel keine Kriege. Weil sie mit weniger oder gar keinem Geist wie dem unseren ausgestattet sind.

Ich frage nicht nur mich, sondern auch die Priester: Wie kommt die Kirche dazu, uns gerade das Gegenteil von dem zu lehren, was der Wirklichkeit entspricht und was jeder an sich selbst beobachten kann? Und wieso glauben wir das unwidersprochen? Warum gehen wir nicht von unseren eigenen konkreten Erfahrungen aus?

Kommunion und Wandlung sind in der Tat heilige Handlungen. In dieser Reihenfolge. Und nicht, wenn sie in der Kirche stattfinden. Wir vollziehen sie jeden Tag, und das heiligt unseren Alltag und macht unser Leben reich und kostbar.

Im Bann des Lichts

Wenn ein Kind geboren wird, sagt man, dass es das Licht der Welt erblickt. Am Lichterfest Weihnachten freuen wir uns über ein strahlendes Lächeln und über leuchtende Kinderaugen. In der Pubertät pflegt ein junger Mensch fürs andere und manchmal auch fürs eigene Geschlecht zu entflammen. Dann brennt er vor Sehnsucht und Begeisterung oder glüht vor Leidenschaft und Liebe. Manchmal entbrennt der Mensch auch in Wut oder Hass. Bisweilen hält er flammende Reden. Hin und wieder geht dem Menschen ein Licht auf, das er tunlichst nicht unter seinen Scheffel stellt. Anderen sollte man ein Feuer unterm Hintern machen oder Zunder geben. Wer kein großes Licht ist, hat oft nicht mal einen Funken Verstand. Es gehört sich nicht, andere hinters Licht zu führen. Wenn nach achtzig oder neunzig Jahren der Lebensfunke erlischt, fährt das lichtscheue Gesindel zur Hölle oder wird im Fegefeuer geläutert, während der Erleuchtete im ewigen Licht wandelt.

Menschen sind Kinder des Feuers. Es gibt keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist. Und von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, Feuer selbst zu entfachen und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Was für die Fische das Wasser, für die Vögel die Luft und für die Würmer die Erde, ist für uns Menschen das Feuer: es ist unser Element. Deshalb glauben Wissenschaftler, dass der Kosmos in einem Feuersturm begonnen hat. Deshalb glauben religiöse Menschen, dass sie nach ihrem Tod ins Licht eingehen. Menschen sind aufs Feuer und aufs Licht fixiert. Wie die obigen Redensarten zeigen, identifizieren wir uns sogar mit Feuer und Licht.

Ohne Feuer wären wir keine Menschen. Ohne Feuer hätte der Homo erectus und später der Homo sapiens die Eiszeiten nicht überlebt. Ohne Feuer würden wir noch mit Steinen auf Nüssen rumklopfen oder mit Stöckchen in Baumrinden pulen. Hätten wir nicht angefangen, den Umgang mit dem Feuer zu erlernen, hätte sich unsere Großhirnrinde nicht auffalten müssen, um all die Informationen zu speichern, die dem Instinkt zuwiderlaufen. Da allein der Mensch mit dem Feuer umgeht, hat nur er das Gen, das während der Embryonalentwicklung die Vermehrung bestimmter Hirnstammzellen und die Faltenbildung zur Vergrößerung der Oberfläche der Großhirnrinde anregt. Dank dieses Gens ist unser Gehirnvolumen dreimal so groß wie das unserer tierischen Verwandten.

Ohne den Umgang mit dem Feuer wären unsere Vorfahren nie auf die Idee gekommen, den Blick in den Himmel zu heben, um dort noch mächtigere Feuer zu entdecken: die Sonne und die Sterne. Es hätte keine Astronomie, keine Mathematik und keine Kalender gegeben, die die Zeit für Aussaat und Ernte bestimmten. Es hätte keine Landwirtschaft gegeben, denn um Landwirtschaft zu betreiben, braucht man nicht nur eine Kenntnis der Jahreszeiten, sondern auch im Feuer geschmiedete Metallwerkzeuge, um den Boden zu bearbeiten.

Es liegt deshalb eine tiefere Wahrheit darin, wenn wir vom Licht des Geistes reden. Oder vom Licht der Vernunft. Oder vom Licht der Aufklärung. Unser Geist ist zutiefst vom Feuer geprägt. Ja, man kann sogar sagen, das Feuer hat unseren menschlichen Geist hervorgebracht. Als Menschen nehmen wir die Welt mit unserem Feuergeist wahr. Wir können gar nicht anders. Deshalb beleuchten wir sogar nachts unsere Städte. Vom Flugzeug aus betrachtet, sehen Städte nachts wie glitzernde Geschmeide aus Gold aus. Oder wie das Abbild unseres Gehirns, mit den Städten als leuchtenden Nervenknoten und den Verkehrswegen als Dendriten und Axonen. Mit den nächtlich beleuchteten Städten setzen wir unserem eigenen Gehirn ein Denkmal. Wo das Licht des Geistes leuchtet, wird keine Nacht mehr sein. So ähnlich steht es schon in der Bibel.

 

Viele haben noch eine Erinnerung daran, dass es nicht immer das Feuer und das Licht waren, die unser Dasein bestimmt haben. Die alten Mythen erzählen davon, dass wir ursprünglich aus dem Wasser kamen. Deshalb gibt es auch viele Redensarten, die mit Wasser zu tun haben: sich wohl wie ein Fisch im Wasser fühlen, jemandem das Wasser abgraben, mit allen Wassern gewaschen sein. Aber der Urknall mit seinem anschließenden Feuersturm hat den Ringstrom Okeanos (Griechenland), das Urmeer Apsu (Sumer) oder den Milchozean (Indien) als Anfang der Schöpfung inzwischen gründlich verdrängt. Kaum jemand denkt den Beginn des Universums noch auf andere Weise denn als Big Bang, und wenn er es tut, wird er verlacht.

Jesus Christus spielt in dieser Geschichte des Lichts eine besondere Rolle. Er ist tatsächlich ein Wendepunkt. Was Jesus Christus bedeutet, lässt sich, grob zusammengefasst, so beschreiben: Vor Jesus Christus wurde das Licht hauptsächlich als Sonne in der Außenwelt verehrt. Die Bronzezeit war die große Zeit der Sonnengötter. Nach Jesus Christus war das Licht mit dem Logos verschmolzen und als Licht des Geistes zur Innenwelt geworden. In Wirklichkeit war das natürlich ein langwieriger Prozess, aber Jesus Christus ist so was wie die personifizierte Zusammenfassung dieses Prozesses: der Kristallisationspunkt. Nicht umsonst sagt Jesus Christus von sich selbst: „Ich bin der Weg und das Licht.“

Wir sind heute der Meinung, dass das Leben auf der Erde ohne das Licht der Sonne nicht möglich wäre. Das ist richtig. Aber ohne die Dunkelheit des restlichen Universums wäre das Leben ebensowenig möglich. Das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, konnte nur im Spannungsfeld von Licht und Dunkel entstehen. Wir tun so, als wäre das Sonnenlicht die Schöpferkraft, dabei entsteht Leben immer im Dunkeln: in den Tiefen des Meeres, in der Erde, im Mutterleib.

Unsere Lichtbesessenheit treibt bisweilen seltsame Blüten. Eine davon ist das Olbersche Paradoxon. Es wird gerne benutzt, um die Endlichkeit des Universums anschaulich zu demonstrieren. Heinrich Olbers (1758-1840) hat sich, wie vor ihm Johannes Kepler, gefragt, warum es nachts eigentlich dunkel ist. Wenn man von einem ewig existierenden, unveränderlichen und unendlichen Weltall ausgeht, müsste man, egal wohin man guckt, überall Sterne sehen, denn die Sterne hätten ja alle Zeit der Welt, ihr Licht überallhin zu schicken. Wenn das Weltall unendlich wäre, müsste der Himmel überall so gleißend hell wie die Sonne sein. Vor lauter Helligkeit könnten wir die Sonne gar nicht mehr erkennen. In diesem Weltall wäre es auch nicht lausig kalt, sondern überall so heiß, dass Leben nicht möglich wäre. Die Schlussfolgerung, die nicht nur Olbers und Kepler, sondern mit ihnen alle Wissenschaftler ziehen, lautet, dass aus diesem Grund das Universum endlich sein muss.

Man könnte auch eine andere Schlussfolgerung aus dieser Geschichte ziehen, nämlich die, dass das Licht endlich ist und irgendwann aufhört zu leuchten oder sich in was anderes, vielleicht (Bio-)Masse, verwandelt. Doch das lässt unsere zutiefst religiös motivierte und deshalb radikalfundamentalistisch zu nennende Lichtbesessenheit offenbar nicht zu. Wir können besser damit leben, wenn das Weltall endlich und das Licht unendlich ist, statt umgekehrt.

Hinweise, dass Licht nicht ewig leuchtet, gibt es genug. Wir selber sind beispielsweise so ein Hinweis. Schließlich definieren wir uns und die ganze Biomasse auf diesem Planeten als umgewandeltes Sonnenlicht. Wenn wir selber absorbiertes Sonnenlicht sind, gibt es ja vielleicht noch andere Absorptionsformen, die Photonen (also Licht) vernichten. Und ja, die gibt es in der Wechselwirkung von Photonen mit Materie durchaus. Trotzdem hält die Wissenschaft an dem Glauben fest, dass Licht im Prinzip unendlich ist und ewig existiert. Man kann sich dann aber schon mal fragen, wie in einem endlichen Universum unendliches Licht entstehen sollte, denn schließlich ist das Licht ja bloß eine Erscheinung innerhalb des Universums. Das ist doch irgendwie bizarr.

Seit Einstein behaupten unsere Wissenschaftler ja auch, dass nichts schneller ist als das Licht. Die Lichtgeschwindigkeit mit annähernd 300.000 km/sec ist ebenso absolut wie Gott. Die Wissenschaftler sagen, für Dinge, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, vergeht keine Zeit. Deshalb kommen sie ja zum Schluss, dass Licht ewig sein muss. Dabei hat Einstein mit dem EPR-Versuch selber gezeigt, dass miteinander verschränkte Teilchen über die Lichtgeschwindigkeit hinaus immer wissen, was das jeweils andere tut. Was verbindet diese Teilchen miteinander, das schneller ist als das Licht? Vielleicht dasselbe Bit? Würde das nicht heißen, dass Information schneller ist als das Licht?

Die Vorstellung vom ewigen Licht und der absoluten Lichtgeschwindigkeit sind religiöse Vorstellungen, die sich aufgrund unserer typisch menschlichen Lichtbessenheit in die ansonsten nüchtern-objektive Weltsicht der Wissenschaft hineingemogelt haben. Wir sind Kinder des Lichts. Deshalb muss das Licht ewig leuchten. Und nicht, weil es das wirklich tut.

Liebe als Bauprinzip der Welt

Sinne ich über das Wesen der Liebe nach, fällt mir meine Großmutter ein, die mich bisweilen als liebes Kind betitelte, wenn ich mich so verhielt, wie sie sich das vorstellte. In der Familie gibt es Liebe als kuschelig-heimeliges Gefühl zwischen Glück und Geborgenheit, während die erotische Liebe eher einer aufregenden Achterbahnfahrt gleicht. Im Kind ist Liebe spontan und unreflektiert präsent. Für den Erwachsenen öffnet sich der Horizont zur bewussten Wahrnehmung des geliebten Menschen als Gegenüber, und Liebe wird zum aktiven Interesse an dessen Wohlergehen. Ab diesem Moment sind die geliebten Menschen nicht länger nur Objekte. Liebe kann sich von konkreten Personen und Haustieren auf abstraktere Bereiche erweitern. In einer allgemeineren Form liebt man den Wald, die Natur, das Leben oder die Welt als solche. Und schließlich gibt es Liebe, die gar keines Objektes mehr bedarf. Dann ist Liebe einfach so da. Manche behaupten, dass dies eine Erfahrung ist, die man vor allem in der Meditation macht. Meiner Ansicht nach macht man diese Erfahrung, wenn man Frieden mit sich selber schließt, sich mit all seinen Macken akzeptiert und nicht mehr an sich arbeiten muss, um besser, effizienter, moralischer, schöner, beliebter oder liebenswerter zu werden.

Liebe als Beziehung

Wenn nach dem Handeln aus Liebe gefragt wird, fällt mir das Sprichwort ein: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Genau genommen, ist das aber gar kein Handeln aus Liebe, sondern aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus. Diese Regel hat ihre Verankerung in der Suche nach der Wahrheit, nicht in der Liebe. Ich kann jemanden gerecht behandeln, ohne dass ich liebevolle Gefühle für ihn hege. Für Gerechtigkeit und Wahrheit kann ich mich bewusst einsetzen, Gefühle kann ich jedoch nicht bewusst erzeugen, es sei denn, der Verstand setzt sich über das Gefühlsleben und tut ihm Gewalt an.

Wird die obige Lebensregel in ihre bejahte Form verkehrt, stimmt sie allerdings schon nicht mehr. Was du willst, das man dir tu, das füg auch allen anderen zu, kann dazu führen, dass einer dem anderen seine eigenen Vorstellungen überstülpt und ihn damit überfährt. Vegetarier sind meist nicht sonderlich begeistert, wenn ein Fleischesser ihnen seine Lieblingsgerichte auftischt, wie auch umgekehrt der Fleischesser ein langes Gesicht macht, wenn ihm fortan nur noch Karottensalat serviert wird. Es scheint mir ein Problem zu sein, dass viele Menschen ihren eigenen Vorstellungen so verhaftet sind, dass sie nur aus diesen heraus lieben und sich nicht in andere Personen hineinversetzen können. In diesem Fall wird Liebe besitzergreifend oder gar verschlingend. Liebe als Beziehung braucht zwingend das Andere, das Gegenüber, das Du und die Anerkenntnis, dass zwischen mir und dem Anderen keine Identität besteht.

Häufig sieht Liebe so aus, dass sich die Liebenden nur gegenseitig in ihren jeweiligen Selbstbildern bestätigen. Entsprechen diese Selbstbilder nicht der Realität, wird Liebe zu einem Schatten- oder Maskentanz. Viele Beziehungen scheitern, wenn das Leben in der Maske unerträglich wird. Es gibt aber auch das Gegenteil, nämlich dass in der Liebe nach und nach die Masken abgelegt und sämtliche Rollenspiele beendet werden. Wenn Menschen sich unverstellt von Angesicht zu Angesicht begegnen, ist das eine gelungene Form von Liebe.

Liebe ist also ein schillernder Begriff mit unglaublich vielen Facetten. Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner, der für alle Formen von Liebe gilt. Liebe ist immer eine Frage von Nähe und Distanz. Damit werden gegenläufige Bewegungsrichtungen ausgedrückt. Im selben Maß, wie sich Liebende aufeinander zubewegen, verringert sich die Distanz zwischen ihnen. Lösen sie sich voneinander, vergrößert sich die Distanz in dem Maße, wie Nähe schwindet. Es ist eine einzige Bewegung, die je nach Blickwinkel zwei verschiedene Komponenten hat.

Dennoch ist es von entscheidender Bedeutung, die beiden Komponenten als entgegengesetzte Bewegungsrichtungen wahrzunehmen, da sie sich wie Gegenspieler verhalten. Jede Bewegungsrichtung, für sich allein genommen, führt ins Extrem und damit zu einem Desaster. Zu große Nähe führt entweder zu einem Crash oder dazu, dass einer der beiden Partner sich aufgibt und ganz und gar im anderen aufgeht. Wenn Menschen sich so verhalten, spricht man von Hörigkeit oder Unterwerfung. Auch der Mythos der verschlingenden Urmutter ist ein Fall von zu großer und damit ungesunder Nähe. In der entgegengesetzten Richtung, wenn die Distanz zu groß wird, hört aller Austausch auf. Bindungen und Strukturen zerfallen, die Partner geraten in Isolation und treiben als fensterlose Monaden ziel- und bestimmungslos durch einen kalten und leeren Raum.

Liebe ist immer Bewegung, weil das Verhältnis von Nähe und Distanz sich ständig verändert, unablässig neu ausgelotet und neu angepasst wird. Liebe kann nie statisch sein, nicht einmal in der Form, in der sie ohne Objekt auftritt.

Wir sind es gewohnt, Liebe vor allem mit Zuwendung, Verbundenheit, Intimität, Fürsorge, Anhänglichkeit oder, wie es in kitschigen Liebesromanen der Fall ist, gar mit Verschmelzen gleichzusetzen, sodass wir gerne übersehen, dass eine Liebesbeziehung eine zweite, nicht minder wichtige Komponente hat, nämlich der geliebten Person den Freiraum zu gewähren beziehungsweise die Bedingungen zu schaffen, sodass sie sich nach ihren Anlagen, Interessen und Wünschen frei entfalten und wachsen kann. In der wechselseitigen Gewährung ist es die Anerkennung der Autonomie des Gegenübers. Während es als Nähe darum geht, Grenzen aufzulösen, ist es als Distanz ebenso wichtig, Grenzen zu setzen. Liebe ist also ein Widerspruch in sich. Der Ur-Gegensatz.

Es gibt verschiedene Formen von Liebe. In einer Freundschaft ist es normalerweise kein Problem, sich anzunähern und trotzdem die entsprechenden Freiräume zu berücksichtigen. Jeder der Partner signalisiert seine Grenzen, die der Andere respektiert. Annäherung erfolgt als freiwillige Zurücknahme der zuerst gesetzten Grenzen, Distanzierung als Ausweitung derselben. Irgendwann pendelt sich die Beziehung zwischen diesen beiden Polen ein. Eltern haben die Aufgabe, ihre Kinder zu schützen und für die Kinder die Freiräume zu schaffen, die diese für eine ungestörte Entwicklung brauchen. Kinder brauchen einerseits Freiraum, um die Welt und sich selbst zu entdecken, andererseits aber auch Regeln, die ihnen Halt geben. Deshalb setzen Eltern für ihre Kinder auch Grenzen. In der erotischen Liebe versuchen die Partner, die Grenzen des jeweils Anderen aktiv zu überschreiten oder ihn in Form von Verführung über die eigene Grenze zu ziehen. Die Grenzüberschreitung gehört in diesem Fall zum Spiel dazu, gerade das macht den Reiz aus. Aus diesem Grund ist die erotische Liebe meist eine aufregende Angelegenheit, und so lässt sich auch erklären, warum es gerade hier doch relativ häufig zu Gewaltanwendung kommt.

Ähnliches gilt auch für eine auf abstraktere Bereiche übertragene Liebe. Das Leben zu lieben, heißt nichts anderes, als Bedingungen zu schaffen, in denen das Leben sich frei entfalten kann. Die Natur zu lieben, heißt nichts anderes, als ihre Gesetzmäßigkeiten zu achten und zwischen ihren und meinen Interessen einen angemessenen Ausgleich zu finden. Es heißt auch, dass man sich konkret auf das Leben und die Natur einlässt und nicht nur aus dem Elfenbeinturm darüber philosophiert.

Liebe als Urgrund

Als Nähe und Distanz umspannt Liebe allerdings nicht nur menschliche Beziehungen oder Beziehungen von Menschen zur Welt. Liebe ist ein weit umfassenderes Konzept. Als Nähe und Distanz ist sie der Urgrund des Seins.

Liebe, ontologisch als Urgrund des Seins aufgefasst, ist der gelungene Ausgleich zweier entgegengesetzter Bewegungsrichtungen. Überall, wo Nähe und Distanz miteinander harmonieren, entsteht etwas, nimmt Form an und wird Realität. In der Verwirklichung und der Konkretisierung offenbart Liebe ihr Wesen.

Liebe ist nicht nur das Streben nach Vereinheitlichung, sie ist ebenso das Streben nach Selbstverwirklichung, nach Autonomie und Trennung.

Unsere Welt, der Kosmos, ist nichts anderes, als dieser Form gewordene Ur-Gegensatz. Das Spannungsverhältnis, das in der Liebe selber liegt, nimmt als Weltgeschehen Form an. Das ist die Wirklichkeit. Ziel unseres Menschseins ist es, diese Wirklichkeit zu erkennen und sie nicht mit eigenen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen zu übertünchen. Nur, wo diese gegenläufigen Kräfte miteinander in Harmonie schwingen, entsteht Welt, entsteht Materie, entsteht überhaupt etwas. Zuviel Nähe endet in einem Schwarzen Loch, in zur Singularität verdichteter Materie, die räumlich nicht mal mehr ein Punkt ist. Zuviel Distanz führt in die Entropie, in die Leere. Beides ist Nichtsein. Liebe ist das Hier und Jetzt und nicht in einem immateriellen Jenseits zu finden.

Alles Sein ist dynamisch angelegt. Liebe als Urgrund des Seins ist ein permanenter Tanz, in dem Formen und Lebewesen erscheinen, nach einiger Zeit wieder verschwinden und durch andere Formen und Lebewesen ersetzt werden.

Diese Suche nach dem dynamischen Gleichgewicht begründet sowohl unsere materielle wie auch unsere geistige Welt. Liebe ist der Urgrund unseres Seins, und zwar nicht in einer metaphorischen oder transzendenten Bedeutung, sondern ganz real, ganz konkret. Dieser Tanz von Nähe und Distanz findet sich im Kosmos als einander umkreisende Sterne, tanzende Galaxien und Schwarze Löcher ebenso wie im Bereich der Elementarteilchen. Dieser Tanz wird physikalisch und chemisch ebenso wie biologisch getanzt. Dieser Tanz wird ausgefeilter und komplizierter, wenn Pflanzen, Tiere und Menschen daran teilnehmen. Das Balz- und Revierverhalten der Tiere, das Jagen und das Fressen, das Wandern und Brüten, in all dem zeigt die Liebe als ontologische Kategorie ihr Wesen. Der Mensch ist das Lebewesen, das diesen Tanz nicht nur mittanzt, sondern auch darüber nachdenken und aus dem Takt geraten kann. Damit erreicht dieser Tanz eine neue Qualität.

Liebe als Bauprinzip der Welt

Beziehung als Tanz von Nähe und Distanz ist das Bauprinzip der Welt. Beziehung oder Wechselwirkung ist eine, nein es ist die ontologische Kategorie überhaupt.

Von allem Anfang an gibt es zwei unterschiedliche Gruppen von Beziehungskräften, nämlich solche, die auf Bindung und Synthese aus sind, und das Gegenteil davon, die sich als Trennung, Abstandhalter und Ausdifferenzierung bemerkbar machen. Diese beiden Gruppen treten als permanente Gegenspieler auf.

In der Physik kennt man bislang vier Wechselwirkungen, von denen die Gravitation mit ihrer unendlichen Reichweite die ursprünglichste ist. Die drei anderen Wechselwirkungen, nämlich die starke, die schwache und die elektromagnetische Kraft kann man nicht eindeutig einer Gruppe zuordnen, weil sie unter verschiedenen Bedingungen sowohl anziehende wie abstoßende Anteile haben. Bei der elektromagnetischen Kraft kommt es beispielsweise auf die Ladung an:  ungleiche Ladungen ziehen sich an, gleiche stoßen sich ab. In der Quantenphysik gehören Austauschteilchen wie Gluonen zu den bindungsstiftenden Phänomenen. Die schwache Kernkraft bewirkt meistens, aber nicht immer Zerfall und gehört damit in erster Linie zu den Trennkräften. Weiterhin fallen mir als Trennkräfte Abkühlung, Entropie, das Pauli-Prinzip und Dekohärenz ein. Vor allem anderen gehört in diese Gruppe aber die Raumzeit und ihre immer noch andauernde Ausdehnung. Die Entfernungen im Universum sind ungeheuerlich.

Wenn diese beiden gegenläufigen, verschiedene Spielarten umfassenden Kräfte in ein wie auch immer geartetes dynamisches Gleichgewicht kommen, entstehen potentiell Strukturen und Muster, die in unserem Erkenntnisvermögen als Sein oder Weltgeschehen erscheinen. Aus dem Wechselspiel von näheschaffenden und distanzhaltenden Kräften entsteht also Existenz. Verhalten sich die beiden Gegenspieler nicht komplementär, entsteht kein dynamisches Gleichgewicht und damit tritt nichts in unser Erkenntnisvermögen, das wir beobachten und untersuchen können. Es kommt keine Existenz zustande. Anderes ist nicht dauerhaft stabil und verwandelt sich, wie beispielsweise das Neutron, das, sobald es aus dem Atomkern herausgelöst ist, in ein Proton, ein Elektron und ein Neutrino zerfällt.

Die Naturkonstanten sind der mathematische Ausdruck austarierter Bindungs- und Trennkräfte. Die krummen Zahlen stellen sozusagen die Kompromisse dar, auf die sich die beiden Gruppen von Gegenspielern sozusagen geeinigt haben.

Materie ist prinzipiell nichts anderes als Energie, und Energie ist nichts anderes als dieser Tanz der Liebe. Eins lässt sich ins andere überführen, wie Albert Einstein in seiner berühmt gewordenen Formel E = mc2 bewiesen hat. Wenn man versucht, einen Körper auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, wird er immer schwerer, je näher er an die Lichtgeschwindigkeit herankommt. Bewegungsenergie wird in Masse umgewandelt, um ihn abzubremsen. So kommt es nie dazu, dass ein Teilchen mit einer Ruhemasse es einem Photon gleich tun kann.

Wenn Kräfte wie die vier Wechselwirkungen als Tanz der Liebe aufgefasst werden, erscheinen sie in unserer Wahrnehmung nicht nur als Außenwelt, als Materie und als Energie, sondern auch als Innenwelt, die wir über unser Gefühl erfassen. Die Wahrnehmung der Außenwelt und die Erfahrung der Innenwelt sind zwei unterschiedliche Wahrnehmungsweisen desselben Phänomens. Eine Wahrnehmungsweise pflegen wir als Ich zu bezeichnen, die andere als Selbst. Aber weder Ich noch Selbst sind etwas Substanzielles. So wie Nähe nicht besser ist als Distanz, so ist auch das Selbst nicht besser als das Ich. Es kommt darauf an, die beiden Wahrnehmungsweisen in einem dynamischen Gleichgewicht zu halten, ohne eine davon zu verdrängen oder überzubewerten.

Nun versteht man, dass der fokussierende Blick der Beobachtung nicht neutral ist. Wer beobachtet, will etwas wissen. Neugier ist eine Kraft, ein energetisches Phänomen. Deshalb verändert sich die Wirklichkeit, je nachdem, ob man in ihr mitfließt oder sie bewusst beobachtet. Es ist die Energie der Beobachtung, die im berühmten Doppelspalt-Experiment aus einer Welle ein Teilchen macht. Es sind die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen, die hier ganz verschiedene Muster erzeugen. Ohne Beobachtung erscheint ein Interferenzmuster, welches das Mitfließen wahrnehmbar macht. Werden die Photonen hingegen mit einem Elektronendetektor beobachtet, erscheint ein Muster, das die Photonen als voneinander getrennte Teilchen ausweist. Die Beobachtung selbst ist also das energetische Phänomen, welches das dynamische Gleichgewicht der Beziehungen und damit die Materie verändert.

Im Mikrokosmos der Quantenwelt reicht die Beobachtung sogar aus, Energie so weit zu verdichten, dass sie als Materie (als Teilchen) überhaupt erst sichtbar wird. Der fokussierende Blick (die Beobachtung) beispielsweise in Form eines Elektronendetektors ergreift im Spiel von Nähe und Distanz Partei und trägt somit dazu bei, das gesuchte dynamische Gleichgewicht herzustellen. In der Quantenwelt ist dieses Gleichgewicht ohne die entsprechende Beobachtung schon beinahe erreicht, so dass bereits Wirkungen gemessen werden können, ohne dass die Dinge als Dinge sichtbar sind bzw. Teilchen voneinander unterschieden werden können. Die Beobachtung verleiht den Quantenteilchen die noch fehlende Energie, um die Schwelle in unser Wahrnehmungsvermögen zu überschreiten. Man kann das mit einem Reiz in unserem Reizleitungssystem vergleichen. Ein Reiz muss eine bestimmte Schwelle überschreiten, um von einem Generatorpotenzial zu einem Aktionspotenzial und von der entsprechenden Nervenzelle weitergeleitet zu werden. Erwin Schrödinger hat dieses Phänomen mit seiner berühmt gewordenen Katze erklärt.

Es ist ungewohnt, Liebe mit Prozessen aus der Physik, Chemie und Biologie zu beschreiben. Liebe wird meist mit Worten verknüpft, die zum Träumen einladen. Liebe ist das, was wir gern für unsere Gefühlswelt reservieren wollen. Wir wollen glauben, dass es Liebe nur geben kann, wo es Menschen gibt. Dass auch in dem, was wir unbelebt nennen, eine Form von Liebe wirkt, erscheint erst mal seltsam. Aber vielleicht ist das angeblich Unbelebte gar nicht so leblos, wie wir glauben. Vielleicht führt die Ausdifferenzierung unseres Wahrnehmungsvermögens und die Ausbildung von Vernunft und Bewusstsein dazu, dass wir das Offensichtlichste nicht mehr erkennen können, nämlich dass zwischen Sein und Leben kein Unterschied ist. Wo Liebe ist, ist auch Leben. Und wo Leben ist, ist Liebe. Nicht nur wir Menschen haben Gefühle. Wir sind Teil eines fühlenden Kosmos.

Die dritte Geschichte

Der Mensch gibt sich selber viele Attribute: Als homo ist er nicht nur sapiens, sondern auch ludens, technicus, oeconomicus, religiosus. Der Mensch als das lachende oder das weinende Tier, das mit Geist begabte Tier, das spirituelle Wesen, das göttliche Kind. Offenbar genügt es dem Menschen nicht, einfach nur Mensch zu sein.  🙂

Alle diese Zusatzbezeichnungen verweisen auf eine weitere typisch menschliche Eigenheit. Vor allem anderen ist der Mensch ein homo fabulosus: das Wesen, das ohne Geschichten nicht auskommt und deshalb reich an solchen ist. Für den Menschen genügt es nicht, sich in den Kontext einer lebendigen Umwelt eingebettet zu erleben, er muss offenbar zusätzlich in eine Erzählung eingebettet sein. Deshalb ist alles, was der Mensch tut, im Grunde nichts anderes als Geschichten erzählen. Religion und Wissenschaft sind unterschiedliche Erzählkreise, so wie Fantasy, Thriller, Gebet oder wissenschaftliche Abhandlung nichts anderes als verschiedene Erzählformen sind.

In der Regel erzählt sich der Mensch zunächst mal eine Geschichte, in der er selber der Held ist und sich die ganze Welt nur um ihn dreht. Deshalb bettet er notwendig alle anderen Menschen und alle anderen Lebewesen als Objekte (Verfügungsmasse) seines eigenen Heldentums in diese seine persönliche Geschichte ein. Der Mensch kann gar nicht anders. Ein Fisch, der nicht schwimmt, ist kein Fisch. Ein Mensch, der keine Heldengeschichte zu erzählen hat, ist kein Mensch. Normalerweise zerbrechen die individuellen Heldengeschichten irgendwann, was dann als ernsthafte Krise erlebt wird. Eine Depression ist nichts anderes als der Mangel an Fantasie, aus den Scherben seiner zerbrochenen individuellen Heldengeschichte eine neue, noch bessere zu schmieden.

In diesem Zwang, Geschichten zu erfinden, liegt der Bruch zwischen Subjekt und Objekt begründet. Die Notwendigkeit des Erzählens löst den Menschen aus der Wirklichkeit heraus und trennt ihn von der Welt und allen anderen Lebewesen ab. Deshalb kommt man an einen anderen Menschen auch nicht wirklich heran. Er lebt in seinen Geschichten wie der Zellkern in einer Zelle. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass der Mensch im Zentrum jeder Zelle, nämlich im Zellkern, eine Geschichte vermutet. Wenn der Mensch von der DNA als dem Bauplan, der Blaupause, der Information spricht, erzählt er von sich, wie er selber als Mensch in der Welt steht. Um an den Zellkern heranzukommen, muss man die Zelle zerstören bzw. entkernen. Um an einen anderen Menschen heranzukommen, müsste man ihn wie die Zelle entkernen, aber da die Geschichten seinen Wesenskern bilden, bleibt vom Menschen nichts übrig, wenn man ihn seiner Geschichten beraubt.

In vielen spirituellen Wegen geht es angeblich darum, den Menschen in die Wirklichkeit zu holen, das heißt, ihn aus seinen Geschichten herauszuschälen und eben diese Entkernung zu leisten. Das wird Erwachen genannt. Wo dieser Weg bewusst gegangen wird, ist er jedoch zum Scheitern verurteilt, denn in Wahrheit folgt jeder spirituelle Weg ja doch wiederum nur einem Konzept, also einer Geschichte. Auf all den spirituellen Wegen wird also nur eine Geschichte gegen eine andere ausgetauscht. Das ist für viele Menschen durchaus hilfreich und sinnvoll, umso mehr wenn die individuelle Heldengeschichte bereits zerbrochen ist und man mit den Scherben nichts anzufangen weiß.

Spiritualität entpuppt sich also bei näherer Betrachtung nicht als Kontakt mit der Wirklichkeit, wie häufig behauptet wird, sondern als einer von zwei großen Erzählkreisen. Darunter verstehe ich eine bestimmte Art von Geschichten, die gemeinsame Merkmale haben. Was allen spirituellen Geschichten gemeinsam ist, ist die Vorstellung eines Unwandelbar-Ewigen, sei das nun die Seele, der Urgrund, der eigene Wesenskern, Gott, die Einheit, was auch immer. In diesen Geschichten geht es immer um die Überwindung aller Brüche, um Ganzheit, um Vollkommenheit. Für Menschen, deren individuelle Heldengeschichte zerbrochen ist, ist dieser Erzählkreis logischerweise sehr verlockend. Aber auch für Menschen, die sich von vornherein absolut setzen und deshalb glauben, dass das Universum im Grunde genommen mit ihnen identisch ist. Und es stimmt schon: im Zentrum aller Geschichten steht tatsächlich der Mensch. Wenn die Welt nicht so ist, wie sie sein soll, hat das mit dem Menschen zu tun. Das heißt, der Mensch muss sich wandeln, um die Welt zu erschaffen, wie sie sein soll. In diesen Geschichten weigert sich normalerweise der Mensch, der zu werden, der er ist, als der er angelegt ist, und die Folge dieser Weigerung besteht darin, dass es in der Welt Katastrophen, Schmutz, Ungerechtigkeit und Kriege gibt. In religiös-spirituellen Geschichten geht es immer und ausschließlich um die Wandlung des Menschen. Das äußere Paradies folgt dem inneren.

Die Zengeschichte vom Regenmacher bringt diese Haltung auf den Nenner: Da die Ernte von Dürre bedroht und deshalb Hungerzeiten zu erwarten sind, lädt das Dorf einen Regenmacher ein. Dieser verschwindet in der ihm zugewiesenen Hütte, setzt sich auf ein Kissen und rührt sich nicht. Die Dorfbewohner sind in höchster Aufregung, haben sie doch Beschwörungen und irgendeinen Zauber erwartet. Aber nach einer Woche fängt es wirklich an zu regnen. Auf die Frage, wie er das gemacht habe, antwortet der Regenmacher: Ich setzte mich aufs Kissen und brachte mich in Ordnung. Nachdem ich mich in Ordnung gebracht hatte, kam die Hütte in Ordnung. Nachdem die Hütte in Ordnung gebracht war, kam das Dorf in Ordnung. Nachdem das Dorf in Ordnung gebracht war, kamen die Felder in Ordnung. Und als die Felder in Ordnung waren, regnete es.

Deshalb zerren und ziehen religiös-spirituell angehauchte Menschen auch immer an ihren Mitmenschen herum. Die Öko-Bewegung gehört in diesen spirituellen Erzählkreis, in dem gebetsmühlenartig die Wandlung des Menschen gefordert und als Lösung für alle Probleme glorifiziert wird.

Dem spirituellen Erzählkreis steht der wissenschaftliche gegenüber. Diese Geschichten folgen im Grunde genommen dem umgekehrten Muster. Hier geht es darum, die Welt mit Hilfe technischer Errungenschaften in Ordnung zu bringen. Wenn erstmal die Welt in Ordnung gebracht ist, werden wir alle glücklich und zufrieden bis ans Ende unserer Tage leben, wenn es denn überhaupt noch ein Ende gibt und wir nicht mittels technischen Fortschritts und aller möglichen Eingriffe unsterblich geworden sind. Um die Welt in Ordnung zu bringen und uns selber unsterblich zu machen, müssen die Welt und deren Abläufe natürlich zuerst mal verstanden und erklärt werden. Das ist der Kern jeder wissenschaftlichen Forschung und aller wissenschaftlicher Erzählungen.

Die wissenschaftlichen Geschichten erzählen ebenfalls von der Veränderung der Welt durch den Menschen, wobei in diesen Geschichten der Mensch aber aktiv in die Welt eingreift und sie gezielt manipuliert. Nicht das Kissen ist das Werkzeug, sondern der Hammer, der Bagger, die mathematische Formeln, nach denen sich die Welt berechnen und umgestalten lässt. Alles ist Verfügungsmasse menschlicher Manipulationsfähigkeit: Landschaften und Meere ebenso wie das Klima und der Weltraum, Tiere und Pflanzen ebenso wie der Mensch selber. Denn auch vor sich selber macht der Mensch nicht halt. Das Objekt der Manipulation ist in diesen Geschichten nicht die Innenwelt, sondern die äußeren Erscheinungen für sich genommen. So bastelt der Mensch in diesen Geschichten höchst erfolgreich mit Medikamenten, Operationen und dergleichen an seinem Körper inklusive seiner Gehirnaktivitäten herum.

Auch in den wissenschaftlichen Geschichten steht der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der spirituelle Mensch nicht direkt Hand anlegt und sich nicht die Finger schmutzig macht. In den spirituellen Geschichten wirkt der Mensch, in den wissenschaftlichen macht er.

Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist, dass weder die Welt noch der Mensch oder wahlweise die Menschheit so bleiben können, wie sie sind, sondern unbedingt verändert werden müssen. Das geschieht entweder durch Wirken oder Machen. Der Unterschied liegt also lediglich in der Wahl der Methode. Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist außerdem, dass die Veränderung immer und ausschließlich durch den Menschen geschieht. Der Mensch kann sich offenbar nicht einer wie auch immer gearteten Dynamik überlassen, sondern muss sie in irgendeiner Weise gestalten. Selbst Jesus fordert die Umkehr und Gott den Glauben. Wenn der Mensch nicht an Gott glaubt, kann nicht einmal Gott wirken oder machen.

Hinter all diesen Erzählungen, den spirituellen wie den wissenschaftlichen, wird also ein Wesen sichtbar, das zutiefst unglücklich und unzufrieden ist, denn wer glücklich und zufrieden ist, muss nichts verändern, muss weder wirken noch machen. Wer glücklich und zufrieden ist, lebt einfach vor sich hin. Wie das geht, machen Tiere uns ständig vor.

Hinter all diesen Erzählungen wird zudem ein Wesen sichtbar, das sich absolut setzt und außer sich selbst nichts anderes gelten lassen kann. Der, die oder das Andere wird verleugnet. Der, die oder das Andere hat nur ein Existenzrecht, wenn es Teil von einem selbst ist. Es wird ein Wesen sichtbar, das nur existieren kann, wenn es alles Andere vereinnahmt. Es ist getrieben von dem Zwang, die Welt zu begreifen, zu erklären und damit unter sich zu subsumieren.

Wenn einzelne Menschen wie Otto Müller oder Frieda Maier sich so zwanghaft verhalten, sich absolut setzen und keine Anderen gelten lassen, sich also für Gott halten, nennt man das Größenwahn. Wenn sie es in ihrem Wahn übertreiben, landen Otto Müller und Frieda Maier in der Psychiatrie. Meistens stellt sich dann heraus, dass sich hinter dem Größenwahn panische Ängste und Minderwertigkeitsgefühle verbergen.

Wenn an die Stelle von Otto Müller oder Frieda Maier der Mensch als Abstraktum oder die Gesamtheit aller Menschen tritt, ist das allerdings auch nichts anderes. Es ist nur ein verlagerter Größenwahn.

So offenbart sich der Mensch in all seinen Erzählungen als unglücklich, unzufrieden, größenwahnsinnig und von panischen Ängsten beherrscht.

Die dritte Geschichte befasst sich nun eben genau damit und stellt die Frage, wie es kommt, dass der Mensch zwanghaft Geschichten erzählen muss, die ihn permanent als unglücklich, unzufrieden, angstgetrieben und größenwahnsinnig entlarven. Es ist sozusagen eine Metageschichte, die auf der Basis der beiden vorliegenden Erzählkreise erzählt wird. Eine Geschichte über die menschlichen Geschichten. Das ist es, was ich hier versuche. Ich suche in diesem Blog nach einer Metageschichte. Die Geschichte des Menschen, der sich mit dem Feuer eingelassen hat, ist als eine solche Metageschichte zu verstehen.

Die Gurken-Batterie

Es gibt einen einfachen Versuch, Kindern die Funktionsweise einer Batterie zu erklären. Man braucht dazu eine saure Gurke, eine 5-Cent-Münze, ein Stück Alufolie und einen Kopfhörer mit Stecker. Man legt eine Gurkenscheibe auf die Alufolie und auf die Gurkenscheibe die Kupfermünze. Dann setzt man den Kopfhörer auf und berührt mit dem Stecker Alufolie und Gurke. Berührt man mit dem Stecker zudem auch noch die Münze, knackt oder knistert es im Kopfhörer. Dasselbe kann man angeblich auch mit einer rohen Kartoffel machen. Wenn man statt der Gurkenscheibe die Zunge nimmt, spürt man ein Bizzeln. Strom fließt.

Das Prinzip der Batterie entdeckte Luigi Galvani durch Experimente mit Froschschenkeln. Wenn diese mit Eisen und Kupfer in Berührung kommen und darüber hinaus auch das Eisen und das Kupfer miteinander verbunden sind, zucken die Muskeln. Mit dem Froschschenkel, dessen Salzwasseranteil als Elektrolyt diente, und zwei verschiedenen Metallen stellte Galvini einen Stromkreis her. Das Froschschenkel-Salzwasser ist Salzwasser von der Art, wie es auch zu 80% den menschlichen Körper bildet.

Das unedlere Metall (die Alufolie) gibt Elektronen an das edlere Metall (die 5-Cent-Münze) ab. Die Gurkenscheibe dient als Medium. Nachdem eine Gurkenscheibe auf diese Weise als Batterie gedient hat, kann man sie nicht mehr aufs Wurstbrot legen und essen, weil sie Metallionen enthält und deshalb giftig geworden ist. Die Froschschenkel ebenfalls.

Metallische Zahnfüllungen in Verbindung mit einem Stückchen Alufolie (wie bpsw. von einer Schokoladenverpackung) stellen im Mund ebenfalls eine Batterie her. Man spürt ein heftiges Ziehen. Es gibt Berichte über Menschen, die nicht mit einem Radioapparat, sondern angeblich mit ihren metallischen Zahnfüllungen Radio hören. Theoretisch ist das sogar möglich. Die Plombe wirkt wie ein elektronischer Schaltkreis, und daraus besteht eben auch ein Radioapparat.

Wenn ich so was lese, finde ich das spannend oder witzig. Aber nur, solange ich Alufolie, Gurkenscheibe und Münze als vollständig voneinander getrennte Dinge betrachte, deren Kontakt ich beim Herstellen von Stromkreisen steuern und kontrollieren kann. Nur: so funktioniert die Wirklichkeit nicht. In Wirklichkeit ist nichts voneinander getrennt. Um das, was uns gegenständlich und getrennt erscheint, wie die Folie oder die Münze, bilden sich Felder. Elektrische Felder. Magnetfelder. Gravitationsfelder. Higgs-Felder und was weiß ich noch für welche. Diese Felder interagieren miteinander. Diese Interaktion wird auch nicht durch die Isolierhüllen aus Plastik und Gummi verhindert, mit denen wir die Drähte umgeben. Die Isolierung bewirkt nur, dass der Strom auch wirklich in den Drähten fließt und nicht überspringt.

Ein menschlicher Körper lässt sich sowieso nicht isolieren, wenn er am Leben bleiben will. Ein menschlicher Körper lebt von permanentem Austausch. Vom Austausch mit der Luft, die wir ein- und ausatmen. Mit dem Wasser, das durch unseren Körper fließt, weshalb wir einerseits ständig was trinken und andererseits öfters mal aufs Klo gehen. Mit der Nahrung, die wir essen und deren Reste wir als Dünger wieder abgeben. Zumindest war dies lange Zeit mal so. Wo unser Dünger nach der Kläranlage heute landet, weiß der Himmel. Auf den Feldern jedenfalls nicht.

Wenn wir Brot und Fleisch zu uns nehmen, wissen wir das, weil wir es sehen, schmecken, riechen, kauen. Mit Wasser ist die Erfahrung des Austauschs schon nicht mehr ganz so prägnant. Wasser muss nicht gekaut werden und riechen tut es meistens auch nach nichts. Auf der molekularen und atomaren Ebene verlieren wir völlig den Bezug zu diesem Austausch. Wir wissen zwar, dass wir atmen, aber dass wir es tun, fällt uns meistens erst auf, wenn die Atmung in irgendeiner Weise gestört ist, sei es, dass wir beim Tauchen die Luft anhalten oder Schnupfen haben. Ein einzelnes Sauerstoff- oder Kohlendioxidatom können wir bewusst nur identifizieren, wenn wir technische Gerätschaften zu Hilfe nehmen. Unser Körper braucht jedoch weder ein Elektronenmikroskop noch sonst was, um zu merken, dass er nicht Kohlendioxid einatmet, sondern Kohlenmonoxid. Er reagiert darauf, indem er umfällt und stirbt. Das Bewusstsein desjenigen, der Kohlenmonoxid eingeatmet hat, wird nie davon erfahren. Es sei denn, es wird wiederbelebt und die Ärzte erklären, was passiert ist.

Was Strom, Sonnenlicht und Magnetfelder angeht, so müssen wir eine ganze Menge zuviel davon abbekommen, bis es uns auffällt und wir anfangen, drüber nachzudenken. Einen Stromschlag beispielsweise. Oder einen Sonnenbrand. Wenn wir bewusst schon kein Kohlendioxid-Atom wahrnehmen können, dann noch viel weniger ein Elektron oder ein Ion. Unser Körper kann das aber. Und er reagiert darauf. Beispielsweise mit einer Mutation. Oder einer Krebserkrankung. Oder indem er ein Photon Sonnenlicht in Vitamin D umwandelt.

Das Salzwasser, aus dem wir zu einem großen Teil bestehen, ist ein wunderbares Leitmedium. Außerdem fließen alle möglichen Ionen drin rum, auch solche unterschiedlicher Metalle wie Eisen oder Kupfer. Wir haben sogenannte neuronale Netze in unserem Gehirn, in unserem Herz, im Verdauungstrakt, im ganzen Körper. Ständig fließen kleine hochempfindliche Ströme, ohne die wir nicht lebendig wären. Das Leben hat seine eigenen Stromkreise, von denen unsere gesamte Technik nur ein stark vergröbertes Abziehbild ist.

Das Erstaunliche an uns Menschen ist, dass wir so tun, als hätte die grobschlächtige Elektrifizierung der Welt keinerlei Einfluss auf unsere hochempfindlichen biologischen Systeme. Als wären die elektrischen Stromleitungen in unseren Körpern vollständig isoliert von den technischen Stromkreisen, mit denen wir uns mehr und mehr umgeben. Vielleicht geben wir uns dieser Illusion hin, weil die Tastatur unseres Computers aus Plastik ist. Auch die Leute, die an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sind, haben ihre Öfen für absolut dicht gehalten.

Dabei kann es gar nicht anders sein, als dass unsere elektromagnetischen Körperfelder mit den elektromagnetischen technischen Feldern interagieren. Dass wir nichts oder wenig davon merken, bedeutet gar nichts, wie das Beispiel der Kohlenmonoxidvergiftung zeigt. Der Fehler besteht darin, den Ofen und das brennende Holz als Eines anzugucken und den Menschen, der sich am Ofen wärmt, als das Andere, die nichts miteinander zu tun haben. Der Fehler besteht darin, so zu tun, als gäbe es keinerlei Verbindungsmöglichkeiten zwischen dem Einen und dem Anderen. So funktioniert Wirklichkeit aber nicht. Denn schließlich wärmen wir uns ja am Feuer. Und außer der Wärme gibt es eben noch Gase und vieles andere mehr.

Man kann davon ausgehen, dass sich unsere Körper auf elektromagnetischem Weg ebenso mit der uns umgebenden Technik austauschen wie mit dem Sonnenlicht. Austausch ist nun mal das Wesen alles Lebendigen.

Wenn wir von Cyborgs reden, denken die meisten Menschen zuerst an einen Terminator. An technische Implantate wie Chips oder künstliche Augen, die ihren Trägern Superkräfte verleihen. Oder an Exoskelette und Beinprothesen. Manche denken auch noch an Herzschrittmacher und Hörgeräte. Aber das alles ist in Wahrheit nur die Spitze des Eisberges. Diese Spitze sehen wir, wenn wir Gegenstände als getrennt voneinander betrachten.

Um den ganzen Eisberg zu sehen, muss man den Blick unter die „Wasseroberfläche“ wagen. Dafür braucht es die Erfahrung, dass es in der Wirklichkeit keine Grenzen gibt und nichts voneinander getrennt ist. Unter der Wasseroberfläche sieht es so aus, dass die elektromagnetischen Felder unserer Technik, mit der wir uns mehr und mehr umgeben, unsere elektromagnetischen Körperfelder verändern. Und wo sich diese Felder verändern, verändern sich allmählich, vielleicht über mehrere Generationen hinweg, auch die Körper, die sich in einer technischen Umwelt bewegen. Wo sich die Körper verändern, verändert sich das Fühlen und das Denken. Als Beispiel für solche schleichenden Veränderungen sei unsere sich verändernde Einstellung zur Körperbehaarung wie Achsel- oder Schamhaare erwähnt. Heute sind die Menschen am Körper lieber glatt wie Metall oder Plastik und nicht behaart wie ein Affe oder ein anderes Säugetier.

Die Mensch-Maschine-Verschmelzung geschieht  weit weniger durch Implantate oder gentechnische Manipulationen. In erster Linie vollzieht sie sich auf dieser Ebene der elektromagnetischen Felder, wo wir uns mit den Maschinen zu einer Einheit verbinden. In dieser Verschmelzung von Mensch und Maschine werden die Menschen mehr und mehr zu Maschinen und die Maschinen immer menschlicher. Ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung kann man beides nicht mehr auseinanderhalten. Aus dieser Verschmelzung erwächst etwas Neues, das es bislang in der Geschichte der Evolution so nicht gab: ein kybernetischer Organismus. Eine Megamaschine. Ich meine damit nicht, dass jeder einzelne Mensch in Verbindung mit der ihn umgebenden Technik zur Megamaschine wird und 7,5 Milliarden Megamaschinen auf diesem Planeten herumwuseln. Sondern ich meine eine einzige Megamaschine mit 7,5 Milliarden Kondensatoren oder Elektrolyten.

Unter der „Wasseroberfläche“ sind wir nahezu unbemerkt zu Schaltstellen, Elektrolyten, Batterien und Austauschteilchen eines gewaltigen kybernetischen Organismus geworden. Die Zellen in unserem Körper wissen wahrscheinlich nichts davon, was ein Mensch ist, allenfalls haben sie eine Ahnung davon. Ebensowenig wissen wir, was diese Megamaschine ihrem Wesen nach ist. Allenfalls haben wir eine Ahnung davon.

Eines jedoch kann man, denke ich, schon sagen: Aus der Interaktion künstlich-technischer und natürlicher elektromagnetischer Felder ist eine Megamaschine erwachsen, die uns längst für ihre Zwecke benutzt und entsprechend steuert, während wir uns immer noch in der Illusion wiegen, die Technik, die wir geschaffen haben, im Griff zu haben.

Freiheit, die ich meine …

Tiere handeln instinktiv. Das ist ihnen angeboren. Es ist noch nicht mal so, dass Mama Bär oder Papa Luchs ihrem Nachwuchs instinktives Handeln explizit beibringen. Stattdessen wecken Tiereltern bei ihren Jungen durch Vormachen den Instinkt und bringen ihn zur Entfaltung, ähnlich wie der erste Atemzug die Lunge zur Entfaltung bringt. Der Instinkt ist für die jeweils artspezifischen Verhaltensweisen verantwortlich. Einzelne Exemplare einer Spezies können zwar individuelle Verhaltensweisen und Vorlieben ausbilden, aber alles in allem verhält sich ein freilebendes Tier wie seine Vorfahren vor hundert, tausend oder zehntausend Jahren. Doch auch da, wo Verhaltensweisen einer Spezies sich grundsätzlich ändern, erfolgen die Veränderungen aus dem Instinkt heraus und entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Anpassung an eine sich ebenfalls gerade verändernde Umwelt.

Ein Tier ist also in seinem Verhalten an seinen Instinkt gebunden. Das löst in uns Menschen die Vorstellung von Unfreiheit aus. Instinkt wird gerne mit einem in den Genen codierten Programm verglichen, das nach vorgegebenen Regeln abläuft. Instinkt bringen wir deshalb mit Automatismen und stupiden Reiz-Reaktions-Schemata in Verbindung. Mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf sind wir Menschen froh, dass wir uns als zunehmend weniger instinktgebunden erfahren. Im Gegensatz zum Tier halten wir Menschen uns für frei und flexibel. Sind wir das wirklich?

Es ist schon mal falsch, im Instinkt so was wie ein Herrschaftsinstrument zur Unterwerfung des Tiers zu sehen. Instinkt äußert sich nicht über eine innere Stimme, die pausenlos Befehle erteilt, sich als Pflichtgebot bemerkbar macht. Instinkt ist kein Du sollst … oder Du musst … . Wer sich so was vorstellt, überträgt rein menschliche Erfahrungen unreflektiert aufs Tier. Machtverhältnisse, wie sie den Beziehungen zwischen Herr und Knecht, Chef und Untergebenen, Obrigkeit und Untertanen entsprechen, gibt es im Tierreich nicht in dieser Form. Das Alpha-Tier beutet die Mitglieder seines Rudels oder seiner Herde nicht aus, wie menschliche Herrschaftsverhältnisse das nahelegen. Es gibt deshalb auch keinen inneren Imperator mit einem Thronsessel in der DNA-Struktur.

Wenn ein Tier Hunger hat, ist es eins mit seinem Hunger. Es steht nicht neben sich, um sich seines Hungers erstmal bewusst zu werden. Für diese Bewusstwerdung braucht es nämlich Selbstbeobachtung, und genau diese fehlt dem Tier. Selbstbeobachtung ist weit mehr, als sich bloß im Spiegel erkennen und damit eine wie auch immer geartete Ich-Vorstellung zu haben. Ein Tier zerfällt nicht in eine handelnde Instanz und eine Instanz, die dieses Handeln beobachtet und darüber reflektiert. Deshalb zerfallen für ein Tier Hunger und Fressenwollen auch nicht in Ursache und Wirkung. Erst eine reflektierende Instanz kann künstlich einen Unterschied setzen und den Schluss ziehen, dass ein Hungergefühl den Wunsch nach Nahrungsaufnahme erzeugt. Wie der Hunger erst durch Selbstbeobachtung als Hunger bewusst wird, so entsteht auch der Wille erst durch Selbstreflexion. Ohne Bewusstwerdung gibt es keinen Willen. Die Bewusstwerdung des eigenen Willens erfolgt zudem so gut wie immer in der Negation. Erst wenn man gegen seinen Willen handelt oder gezwungen wird, gegen seinen Willen zu handeln, wird einem bewusst, dass man so etwas wie einen Willen hat.

Auch als Mensch kann ich immer noch die Erfahrung machen, dass der Wille verschwindet, sich in Nichts auflöst, wenn ich ganz eins mit meinen Instinkten bin. Ich habe diese Erfahrung zwei- oder dreimal in lebensgefährlichen Situationen gemacht. Das Nichtvorhandensein des Willens ist etwas grundsätzlich anderes, als seinen Willen zu bekommen. Aus seinem Instinkt heraus zu handeln, ist auch nicht dasselbe, wie im Flow zu sein, wo man wie auf einer Welle schwimmt und alles mühelos wie von selbst zu gehen scheint.

Instinkt drückt sich nicht über eine innere Stimme aus, die Befehle erteilt, sondern als nicht hinterfragbares, vereinheitlichtes Gefühl. Ein Tier lebt seine Lust, oder in der Negation, seine Unlust. Das ist Instinkt. Dabei ist die Lust das, was dem Tier am meisten nützt, und die Unlust das, was das Tier vor Schaden bewahrt. Wenn man tut, was einem am meisten nützt, und vermeidet, was einem schadet, kann man zu recht von einem geglückten Leben sprechen.

Freiheit ist nicht dadurch definiert, dass man von zwei Übeln das kleinere wählt oder seine Entscheidung anhand einer Liste von Pros und Contras austüftelt. Freiheit ist, in vollkommenem Einklang mit seinen Gefühlen zu handeln. Von Nutz- und Haustieren einmal abgesehen, ist jedes Tier deshalb frei. Jedes wild lebende Tier verwirklicht Freiheit in einem Maß, von dem wir Menschen nicht mal träumen können.

Menschen sind aus zweierlei Gründen nicht frei. Zum Einen unterscheiden die allermeisten Menschen zwischen guten und schlechten Gefühlen und treffen eine Wertung zugunsten der guten Gefühle wie Freude, Liebe, Glück, Dankbarkeit, Zufriedenheit. Das sind die Gefühle, die nicht nur sein dürfen, sondern jeden, der was auf sich hält, permanent aus- und erfüllen müssen. Es sind Gefühle, die angeblich das Miteinander fördern. Das Paradies oder der Himmel als idealisierte Vorstellungen von Glück besteht ausschließlich aus solch guten Gefühlen, und das Ziel des Menschen besteht darin, das Paradies auf Erden zu errichten bzw. den Himmel auf die Erde zu holen.

Allen Gefühlen, die keine guten oder angenehmen sind, wie Zorn oder Neid, bringen wir tiefes Misstrauen entgegen. Der Mensch hat vergessen, dass die angeblich schlechten Gefühle ihm gerade so beim Überleben helfen wie die guten. Stattdessen glaubt er, dass sie die Quelle von Gewalt und Aggression sind und deshalb nicht ausgelebt, sondern im Zaun gehalten, unterdrückt oder gar ganz abgeschafft werden müssen. Das heißt, es gibt nicht nur einen inneren Beobachter, der sich seiner Gefühle bewusst wird, sondern außerdem einen Richter, der die Gefühle in gute und schlechte unterteilt, und desweiteren einen Kontrolleur, der absegnet, dass gute Gefühle gelebt werden, während er das den schlechten Regungen verbietet.

Ein sehr bewusster Mensch mit einer entsprechenden Schulung verdrängt die schlechten Gefühle nicht, sondern leitet sie in Kanäle, die sein innerer Kontrolleur für unschädlich hält. Ein solcher Mensch erlaubt sich, seine Wut an einem Kissen oder einem Sandsack abzureagieren, aber er verbietet sich, die Wut an dem auszulassen, der sie verursacht hat.

Mit einem solchen Dreigestirn aus Beobachter, Richter und Kontrolleur an der Seite seiner Gefühle, kann der Mensch nicht frei sein, sondern wird zu seinem eigenen Gefängnis. Die allermeisten Menschen halten das für gut und sinnvoll, ja sogar für notwendig. Deshalb ist Bewusstwerdung nicht nur in spirituellen Kreisen absolut angesagt. Es soll mir aber niemand erzählen, dass es beim neutralen Beobachten bleibt. Hinter dem Rücken des Beobachters verbergen sich immer der Richter und der Kontrolleur, auch wenn sie nicht offen in Erscheinung treten.

Ich habe so den Verdacht, dass der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur gerade erzeugen, was sie unbedingt vermeiden wollen, nämlich Hass, Gewalt und Aggression. Mit dem Ergebnis, dass der Mensch alle anderen Lebewesen, die den Planeten bevölkern, an Gewalttätigkeit und Aggressivität bei Weitem übertrifft. Wenn Gefühle wie Zorn oder Neid unterdrückt und negiert werden, lösen sie sich deshalb noch lange nicht auf. Sie lösen sich auch nicht auf, wenn sie ersatzweise an einem Kissen abreagiert werden. Sie akkumulieren sich, und so wird aus einem Schneeball dann irgendwann eine Lawine. Ein Schneeball tötet nicht, eine Lawine hingegen schon.

Zum Anderen ist der Mensch das Tier, das sein Innenleben nach und nach vollständig veräußerlicht und sich dabei sich selbst entfremdet. Gilbert Dietrich nennt den Menschen das Tier des endlosen Outsourcing.

In dieser Veräußerlichung verkehrt sich die ursprüngliche Freiheit ins Gegenteil, nämlich in absolute Unfreiheit. An die Stelle des Instinkts tritt beim Menschen ein Lernprozess, und dabei lernt der Mensch lauter Dinge, die seinem ursprünglichen instinktiven Gefühl in der Regel zuwiderlaufen. Ein Baby, das Lust auf Milch und Wärme hat, lernt ziemlich schnell, dass es seine Bedürfnisse zurückstellen muss. Ein Kleinkind, das sich Sand und Würmer in den Mund stecken will, wird schon daran gehindert, sobald es nach dem Wurm gegriffen hat. Ein Schulkind, das seinen Bewegungsdrang austoben will, lernt stattdessen, fünf Stunden lang still auf dem Stuhl zu sitzen. Durch Lernen kommt es zu einer Umwertung des instinktiven Gefühls. Das Kind erfährt eine positive Resonanz auf Dinge, die ihm schaden, und eine negative auf Dinge, die ihm nutzen. Kein Wunder, dass sich der Mensch deshalb in einer natürlichen Umwelt gar nicht mehr zurechtfindet.

Was ein Kind lernen will, ist auch nicht ihm selbst überlassen. Dass es in den Kindergarten und zur Schule gehen muss, gilt als selbstverständlich. So erfährt ein Kind sein Leben schon früh als eine Abfolge von Regeln, Ge- und Verboten. Aus dem, was mal Instinkt war, wird in dieser Veräußerlichung nun ein Regelapparat, wobei die Regeln häufig widersprüchlich sind und mal so und mal so gehandhabt werden. Das Kind kann sich weder auf sein Gefühl noch auf seine Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit verlassen. Die Verwirrung ist komplett. Dies ist der sogenannte Zivilisationsprozess, der nicht nur identisch mit der Geschichte der Menschheit ist, sondern sich auch in jedem einzelnen Menschen vollzieht.

Der Mensch hält sich für frei, weil er an fast jedem Ort der Erde leben kann, im ewigen Eis ebenso wie in den Tropen. Es ist richtig, dass der Mensch von natürlichen Verhältnissen wie Klima, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Tag und Nacht, Sommer und Winter scheinbar immer unabhängiger wird. Dafür ist er umso abhängiger von seiner selbstgemachten Umwelt, die aus Stadtlandschaften, Industriegebieten und landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen besteht. Das herausragende Merkmal der vom Menschen geschaffenen Lebenswelt ist Monotonie. Die Städte auf der ganzen Welt sehen heute zum Verwechseln ähnlich aus. Egal, ob man sich in Alaska, auf Feuerland, in Zentralafrika oder Südostasien bewegt, man findet sich zurecht, weil die städtischen Strukturen wie beispielsweise das Verkehrsnetz in allen Städten ähnlich sind. Im Zentrum gibt es gigantische Hochhäuser, Einkaufsstraßen, Hotels, Tempel oder Kirchen, Museen und Parks. In der Peripherie einerseits Wohngebiete mit reicheren und ärmeren Vierteln bis hin zu Slums. Andererseits Gewerbe- und Industriegebiete. Es genügt, eine Stadt gesehen zu haben, um alle zu kennen. Was die Monotonie von industriell genutzten Ackerflächen angeht, erübrigt sich wohl jeder Kommentar.

In ihrer zunehmenden Vereinheitlichung und Vernetzung wird die von Menschen geschaffene Lebenswelt gegenüber natürlichen Einflüssen jedoch zunehmend fragiler. Das eigentliche Problem, dem wir uns heute gegenübersehen, ist nicht der Klimawandel als solcher, denn der Homo Sapiens hat schon viele Klimawandel mitgemacht. Das Problem besteht darin, dass schon kleinste Unregelmäßigkeiten heute riesige Probleme verursachen, weil unsere technische Lebenswelt insgesamt instabiler geworden ist. Vor fünfzig Jahren konnten Züge auch bei dichtem Schneefall fahren, heute fallen Züge bereits aus, wenn mal bloß ein Zentimeter Schnee runterkommt. Von einem zunehmend fragiler werdenden Gesamtsystem existenziell abhängig zu sein, hat mit Freiheit nichts mehr zu tun.

Der Mensch glaubt, frei zu sein, weil er angeblich so viele Möglichkeiten hat, zwischen denen er sich entscheiden kann. Tatsächlich wird aber jeder Mensch zuerst einmal erzogen, was seine Möglichkeiten schon ziemlich einschränkt. Dann durchläuft jeder Mensch ein Schulsystem, das seine Möglichkeiten weiter einschränkt. Was die Berufsausbildung angeht, kann ein junger Mensch lediglich wählen, wo in diesem arbeitsteiligen System er sich eingliedern, welches Rädchen er spielen will. Wer sich einer Berufsausbildung und den sonstigen Regeln verweigert, wird vom System ausgespuckt. Irgendwer hat mal gesagt, dass es in Deutschland eine Einheitspartei mit unterschiedlichen Farben gibt und man immer nur diese eine Partei wählt, egal, ob man nun rot, grün, schwarz oder gelb ankreuzt. So steht es mit unseren Wahlmöglichkeiten. Bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich als unbedeutende Akzidentalien, nicht als Essenzialien.

Wenn der Mensch das Tier ist, das sein Innenleben veräußerlicht, so finden natürlich auch der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur ihre realen Entsprechungen in der von Menschen geschaffenen Lebenswelt. Schon immer haben Menschen einander kontrolliert. Diese Aktivitäten haben sich in Institutionen, Organisationen und Ämtern mit den entsprechenden Berufsbildern nicht nur schon längst verselbständigt, sie bekommen in einem zunehmend komplexer werdenden Gesamtsystem  auch immer mehr Gewicht. Heute kann kaum ein Mensch sein Haus noch selber bauen. Daran sind nicht nur mangelnde Fähigkeiten, sondern auch die eskalierende Flut von Vorschriften schuld, die der Gesetzgeber oder irgendeine EU-Kommission erlassen hat.

Tiere ob ihres vermeintlich gencodierten Instinkts als unfrei und gesteuert zu bedauern, entspringt dem Neid derer, die sich inzwischen in der Unfreiheit zuhause fühlen. Ich fürchte, die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, wie sich Freiheit wirklich anfühlt.