Im Bann des Lichts

Wenn ein Kind geboren wird, sagt man, dass es das Licht der Welt erblickt. Am Lichterfest Weihnachten freuen wir uns über ein strahlendes Lächeln und über leuchtende Kinderaugen. In der Pubertät pflegt ein junger Mensch fürs andere und manchmal auch fürs eigene Geschlecht zu entflammen. Dann brennt er vor Sehnsucht und Begeisterung oder glüht vor Leidenschaft und Liebe. Manchmal entbrennt der Mensch auch in Wut oder Hass. Bisweilen hält er flammende Reden. Hin und wieder geht dem Menschen ein Licht auf, das er tunlichst nicht unter seinen Scheffel stellt. Anderen sollte man ein Feuer unterm Hintern machen oder Zunder geben. Wer kein großes Licht ist, hat oft nicht mal einen Funken Verstand. Es gehört sich nicht, andere hinters Licht zu führen. Wenn nach achtzig oder neunzig Jahren der Lebensfunke erlischt, fährt das lichtscheue Gesindel zur Hölle oder wird im Fegefeuer geläutert, während der Erleuchtete im ewigen Licht wandelt.

Menschen sind Kinder des Feuers. Es gibt keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist. Und von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, Feuer selbst zu entfachen und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Was für die Fische das Wasser, für die Vögel die Luft und für die Würmer die Erde, ist für uns Menschen das Feuer: es ist unser Element. Deshalb glauben Wissenschaftler, dass der Kosmos in einem Feuersturm begonnen hat. Deshalb glauben religiöse Menschen, dass sie nach ihrem Tod ins Licht eingehen. Menschen sind aufs Feuer und aufs Licht fixiert. Wie die obigen Redensarten zeigen, identifizieren wir uns sogar mit Feuer und Licht.

Ohne Feuer wären wir keine Menschen. Ohne Feuer hätte der Homo erectus und später der Homo sapiens die Eiszeiten nicht überlebt. Ohne Feuer würden wir noch mit Steinen auf Nüssen rumklopfen oder mit Stöckchen in Baumrinden pulen. Hätten wir nicht angefangen, den Umgang mit dem Feuer zu erlernen, hätte sich unsere Großhirnrinde nicht auffalten müssen, um all die Informationen zu speichern, die dem Instinkt zuwiderlaufen. Da allein der Mensch mit dem Feuer umgeht, hat nur er das Gen, das während der Embryonalentwicklung die Vermehrung bestimmter Hirnstammzellen und die Faltenbildung zur Vergrößerung der Oberfläche der Großhirnrinde anregt. Dank dieses Gens ist unser Gehirnvolumen dreimal so groß wie das unserer tierischen Verwandten.

Ohne den Umgang mit dem Feuer wären unsere Vorfahren nie auf die Idee gekommen, den Blick in den Himmel zu heben, um dort noch mächtigere Feuer zu entdecken: die Sonne und die Sterne. Es hätte keine Astronomie, keine Mathematik und keine Kalender gegeben, die die Zeit für Aussaat und Ernte bestimmten. Es hätte keine Landwirtschaft gegeben, denn um Landwirtschaft zu betreiben, braucht man nicht nur eine Kenntnis der Jahreszeiten, sondern auch im Feuer geschmiedete Metallwerkzeuge, um den Boden zu bearbeiten.

Es liegt deshalb eine tiefere Wahrheit darin, wenn wir vom Licht des Geistes reden. Oder vom Licht der Vernunft. Oder vom Licht der Aufklärung. Unser Geist ist zutiefst vom Feuer geprägt. Ja, man kann sogar sagen, das Feuer hat unseren menschlichen Geist hervorgebracht. Als Menschen nehmen wir die Welt mit unserem Feuergeist wahr. Wir können gar nicht anders. Deshalb beleuchten wir sogar nachts unsere Städte. Vom Flugzeug aus betrachtet, sehen Städte nachts wie glitzernde Geschmeide aus Gold aus. Oder wie das Abbild unseres Gehirns, mit den Städten als leuchtenden Nervenknoten und den Verkehrswegen als Dendriten und Axonen. Mit den nächtlich beleuchteten Städten setzen wir unserem eigenen Gehirn ein Denkmal. Wo das Licht des Geistes leuchtet, wird keine Nacht mehr sein. So ähnlich steht es schon in der Bibel.

 

Viele haben noch eine Erinnerung daran, dass es nicht immer das Feuer und das Licht waren, die unser Dasein bestimmt haben. Die alten Mythen erzählen davon, dass wir ursprünglich aus dem Wasser kamen. Deshalb gibt es auch viele Redensarten, die mit Wasser zu tun haben: sich wohl wie ein Fisch im Wasser fühlen, jemandem das Wasser abgraben, mit allen Wassern gewaschen sein. Aber der Urknall mit seinem anschließenden Feuersturm hat den Ringstrom Okeanos (Griechenland), das Urmeer Apsu (Sumer) oder den Milchozean (Indien) als Anfang der Schöpfung inzwischen gründlich verdrängt. Kaum jemand denkt den Beginn des Universums noch auf andere Weise denn als Big Bang, und wenn er es tut, wird er verlacht.

Jesus Christus spielt in dieser Geschichte des Lichts eine besondere Rolle. Er ist tatsächlich ein Wendepunkt. Was Jesus Christus bedeutet, lässt sich, grob zusammengefasst, so beschreiben: Vor Jesus Christus wurde das Licht hauptsächlich als Sonne in der Außenwelt verehrt. Die Bronzezeit war die große Zeit der Sonnengötter. Nach Jesus Christus war das Licht mit dem Logos verschmolzen und als Licht des Geistes zur Innenwelt geworden. In Wirklichkeit war das natürlich ein langwieriger Prozess, aber Jesus Christus ist so was wie die personifizierte Zusammenfassung dieses Prozesses: der Kristallisationspunkt. Nicht umsonst sagt Jesus Christus von sich selbst: „Ich bin der Weg und das Licht.“

Wir sind heute der Meinung, dass das Leben auf der Erde ohne das Licht der Sonne nicht möglich wäre. Das ist richtig. Aber ohne die Dunkelheit des restlichen Universums wäre das Leben ebensowenig möglich. Das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, konnte nur im Spannungsfeld von Licht und Dunkel entstehen. Wir tun so, als wäre das Sonnenlicht die Schöpferkraft, dabei entsteht Leben immer im Dunkeln: in den Tiefen des Meeres, in der Erde, im Mutterleib.

Unsere Lichtbesessenheit treibt bisweilen seltsame Blüten. Eine davon ist das Olbersche Paradoxon. Es wird gerne benutzt, um die Endlichkeit des Universums anschaulich zu demonstrieren. Heinrich Olbers (1758-1840) hat sich, wie vor ihm Johannes Kepler, gefragt, warum es nachts eigentlich dunkel ist. Wenn man von einem ewig existierenden, unveränderlichen und unendlichen Weltall ausgeht, müsste man, egal wohin man guckt, überall Sterne sehen, denn die Sterne hätten ja alle Zeit der Welt, ihr Licht überallhin zu schicken. Wenn das Weltall unendlich wäre, müsste der Himmel überall so gleißend hell wie die Sonne sein. Vor lauter Helligkeit könnten wir die Sonne gar nicht mehr erkennen. In diesem Weltall wäre es auch nicht lausig kalt, sondern überall so heiß, dass Leben nicht möglich wäre. Die Schlussfolgerung, die nicht nur Olbers und Kepler, sondern mit ihnen alle Wissenschaftler ziehen, lautet, dass aus diesem Grund das Universum endlich sein muss.

Man könnte auch eine andere Schlussfolgerung aus dieser Geschichte ziehen, nämlich die, dass das Licht endlich ist und irgendwann aufhört zu leuchten oder sich in was anderes, vielleicht (Bio-)Masse, verwandelt. Doch das lässt unsere zutiefst religiös motivierte und deshalb radikalfundamentalistisch zu nennende Lichtbesessenheit offenbar nicht zu. Wir können besser damit leben, wenn das Weltall endlich und das Licht unendlich ist, statt umgekehrt.

Hinweise, dass Licht nicht ewig leuchtet, gibt es genug. Wir selber sind beispielsweise so ein Hinweis. Schließlich definieren wir uns und die ganze Biomasse auf diesem Planeten als umgewandeltes Sonnenlicht. Wenn wir selber absorbiertes Sonnenlicht sind, gibt es ja vielleicht noch andere Absorptionsformen, die Photonen (also Licht) vernichten. Und ja, die gibt es in der Wechselwirkung von Photonen mit Materie durchaus. Trotzdem hält die Wissenschaft an dem Glauben fest, dass Licht im Prinzip unendlich ist und ewig existiert. Man kann sich dann aber schon mal fragen, wie in einem endlichen Universum unendliches Licht entstehen sollte, denn schließlich ist das Licht ja bloß eine Erscheinung innerhalb des Universums. Das ist doch irgendwie bizarr.

Seit Einstein behaupten unsere Wissenschaftler ja auch, dass nichts schneller ist als das Licht. Die Lichtgeschwindigkeit mit annähernd 300.000 km/sec ist ebenso absolut wie Gott. Die Wissenschaftler sagen, für Dinge, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, vergeht keine Zeit. Deshalb kommen sie ja zum Schluss, dass Licht ewig sein muss. Dabei hat Einstein mit dem EPR-Versuch selber gezeigt, dass miteinander verschränkte Teilchen über die Lichtgeschwindigkeit hinaus immer wissen, was das jeweils andere tut. Was verbindet diese Teilchen miteinander, das schneller ist als das Licht? Vielleicht dasselbe Bit? Würde das nicht heißen, dass Information schneller ist als das Licht?

Die Vorstellung vom ewigen Licht und der absoluten Lichtgeschwindigkeit sind religiöse Vorstellungen, die sich aufgrund unserer typisch menschlichen Lichtbessenheit in die ansonsten nüchtern-objektive Weltsicht der Wissenschaft hineingemogelt haben. Wir sind Kinder des Lichts. Deshalb muss das Licht ewig leuchten. Und nicht, weil es das wirklich tut.

Liebe als Bauprinzip der Welt

Sinne ich über das Wesen der Liebe nach, fällt mir meine Großmutter ein, die mich bisweilen als liebes Kind betitelte, wenn ich mich so verhielt, wie sie sich das vorstellte. In der Familie gibt es Liebe als kuschelig-heimeliges Gefühl zwischen Glück und Geborgenheit, während die erotische Liebe eher einer aufregenden Achterbahnfahrt gleicht. Im Kind ist Liebe spontan und unreflektiert präsent. Für den Erwachsenen öffnet sich der Horizont zur bewussten Wahrnehmung des geliebten Menschen als Gegenüber, und Liebe wird zum aktiven Interesse an dessen Wohlergehen. Ab diesem Moment sind die geliebten Menschen nicht länger nur Objekte. Liebe kann sich von konkreten Personen und Haustieren auf abstraktere Bereiche erweitern. In einer allgemeineren Form liebt man den Wald, die Natur, das Leben oder die Welt als solche. Und schließlich gibt es Liebe, die gar keines Objektes mehr bedarf. Dann ist Liebe einfach so da. Manche behaupten, dass dies eine Erfahrung ist, die man vor allem in der Meditation macht. Meiner Ansicht nach macht man diese Erfahrung, wenn man Frieden mit sich selber schließt, sich mit all seinen Macken akzeptiert und nicht mehr an sich arbeiten muss, um besser, effizienter, moralischer, schöner, beliebter oder liebenswerter zu werden.

Liebe als Beziehung

Wenn nach dem Handeln aus Liebe gefragt wird, fällt mir das Sprichwort ein: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Genau genommen, ist das aber gar kein Handeln aus Liebe, sondern aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus. Diese Regel hat ihre Verankerung in der Suche nach der Wahrheit, nicht in der Liebe. Ich kann jemanden gerecht behandeln, ohne dass ich liebevolle Gefühle für ihn hege. Für Gerechtigkeit und Wahrheit kann ich mich bewusst einsetzen, Gefühle kann ich jedoch nicht bewusst erzeugen, es sei denn, der Verstand setzt sich über das Gefühlsleben und tut ihm Gewalt an.

Wird die obige Lebensregel in ihre bejahte Form verkehrt, stimmt sie allerdings schon nicht mehr. Was du willst, das man dir tu, das füg auch allen anderen zu, kann dazu führen, dass einer dem anderen seine eigenen Vorstellungen überstülpt und ihn damit überfährt. Vegetarier sind meist nicht sonderlich begeistert, wenn ein Fleischesser ihnen seine Lieblingsgerichte auftischt, wie auch umgekehrt der Fleischesser ein langes Gesicht macht, wenn ihm fortan nur noch Karottensalat serviert wird. Es scheint mir ein Problem zu sein, dass viele Menschen ihren eigenen Vorstellungen so verhaftet sind, dass sie nur aus diesen heraus lieben und sich nicht in andere Personen hineinversetzen können. In diesem Fall wird Liebe besitzergreifend oder gar verschlingend. Liebe als Beziehung braucht zwingend das Andere, das Gegenüber, das Du und die Anerkenntnis, dass zwischen mir und dem Anderen keine Identität besteht.

Häufig sieht Liebe so aus, dass sich die Liebenden nur gegenseitig in ihren jeweiligen Selbstbildern bestätigen. Entsprechen diese Selbstbilder nicht der Realität, wird Liebe zu einem Schatten- oder Maskentanz. Viele Beziehungen scheitern, wenn das Leben in der Maske unerträglich wird. Es gibt aber auch das Gegenteil, nämlich dass in der Liebe nach und nach die Masken abgelegt und sämtliche Rollenspiele beendet werden. Wenn Menschen sich unverstellt von Angesicht zu Angesicht begegnen, ist das eine gelungene Form von Liebe.

Liebe ist also ein schillernder Begriff mit unglaublich vielen Facetten. Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner, der für alle Formen von Liebe gilt. Liebe ist immer eine Frage von Nähe und Distanz. Damit werden gegenläufige Bewegungsrichtungen ausgedrückt. Im selben Maß, wie sich Liebende aufeinander zubewegen, verringert sich die Distanz zwischen ihnen. Lösen sie sich voneinander, vergrößert sich die Distanz in dem Maße, wie Nähe schwindet. Es ist eine einzige Bewegung, die je nach Blickwinkel zwei verschiedene Komponenten hat.

Dennoch ist es von entscheidender Bedeutung, die beiden Komponenten als entgegengesetzte Bewegungsrichtungen wahrzunehmen, da sie sich wie Gegenspieler verhalten. Jede Bewegungsrichtung, für sich allein genommen, führt ins Extrem und damit zu einem Desaster. Zu große Nähe führt entweder zu einem Crash oder dazu, dass einer der beiden Partner sich aufgibt und ganz und gar im anderen aufgeht. Wenn Menschen sich so verhalten, spricht man von Hörigkeit oder Unterwerfung. Auch der Mythos der verschlingenden Urmutter ist ein Fall von zu großer und damit ungesunder Nähe. In der entgegengesetzten Richtung, wenn die Distanz zu groß wird, hört aller Austausch auf. Bindungen und Strukturen zerfallen, die Partner geraten in Isolation und treiben als fensterlose Monaden ziel- und bestimmungslos durch einen kalten und leeren Raum.

Liebe ist immer Bewegung, weil das Verhältnis von Nähe und Distanz sich ständig verändert, unablässig neu ausgelotet und neu angepasst wird. Liebe kann nie statisch sein, nicht einmal in der Form, in der sie ohne Objekt auftritt.

Wir sind es gewohnt, Liebe vor allem mit Zuwendung, Verbundenheit, Intimität, Fürsorge, Anhänglichkeit oder, wie es in kitschigen Liebesromanen der Fall ist, gar mit Verschmelzen gleichzusetzen, sodass wir gerne übersehen, dass eine Liebesbeziehung eine zweite, nicht minder wichtige Komponente hat, nämlich der geliebten Person den Freiraum zu gewähren beziehungsweise die Bedingungen zu schaffen, sodass sie sich nach ihren Anlagen, Interessen und Wünschen frei entfalten und wachsen kann. In der wechselseitigen Gewährung ist es die Anerkennung der Autonomie des Gegenübers. Während es als Nähe darum geht, Grenzen aufzulösen, ist es als Distanz ebenso wichtig, Grenzen zu setzen. Liebe ist also ein Widerspruch in sich. Der Ur-Gegensatz.

Es gibt verschiedene Formen von Liebe. In einer Freundschaft ist es normalerweise kein Problem, sich anzunähern und trotzdem die entsprechenden Freiräume zu berücksichtigen. Jeder der Partner signalisiert seine Grenzen, die der Andere respektiert. Annäherung erfolgt als freiwillige Zurücknahme der zuerst gesetzten Grenzen, Distanzierung als Ausweitung derselben. Irgendwann pendelt sich die Beziehung zwischen diesen beiden Polen ein. Eltern haben die Aufgabe, ihre Kinder zu schützen und für die Kinder die Freiräume zu schaffen, die diese für eine ungestörte Entwicklung brauchen. Kinder brauchen einerseits Freiraum, um die Welt und sich selbst zu entdecken, andererseits aber auch Regeln, die ihnen Halt geben. Deshalb setzen Eltern für ihre Kinder auch Grenzen. In der erotischen Liebe versuchen die Partner, die Grenzen des jeweils Anderen aktiv zu überschreiten oder ihn in Form von Verführung über die eigene Grenze zu ziehen. Die Grenzüberschreitung gehört in diesem Fall zum Spiel dazu, gerade das macht den Reiz aus. Aus diesem Grund ist die erotische Liebe meist eine aufregende Angelegenheit, und so lässt sich auch erklären, warum es gerade hier doch relativ häufig zu Gewaltanwendung kommt.

Ähnliches gilt auch für eine auf abstraktere Bereiche übertragene Liebe. Das Leben zu lieben, heißt nichts anderes, als Bedingungen zu schaffen, in denen das Leben sich frei entfalten kann. Die Natur zu lieben, heißt nichts anderes, als ihre Gesetzmäßigkeiten zu achten und zwischen ihren und meinen Interessen einen angemessenen Ausgleich zu finden. Es heißt auch, dass man sich konkret auf das Leben und die Natur einlässt und nicht nur aus dem Elfenbeinturm darüber philosophiert.

Liebe als Urgrund

Als Nähe und Distanz umspannt Liebe allerdings nicht nur menschliche Beziehungen oder Beziehungen von Menschen zur Welt. Liebe ist ein weit umfassenderes Konzept. Als Nähe und Distanz ist sie der Urgrund des Seins.

Liebe, ontologisch als Urgrund des Seins aufgefasst, ist der gelungene Ausgleich zweier entgegengesetzter Bewegungsrichtungen. Überall, wo Nähe und Distanz miteinander harmonieren, entsteht etwas, nimmt Form an und wird Realität. In der Verwirklichung und der Konkretisierung offenbart Liebe ihr Wesen.

Liebe ist nicht nur das Streben nach Vereinheitlichung, sie ist ebenso das Streben nach Selbstverwirklichung, nach Autonomie und Trennung.

Unsere Welt, der Kosmos, ist nichts anderes, als dieser Form gewordene Ur-Gegensatz. Das Spannungsverhältnis, das in der Liebe selber liegt, nimmt als Weltgeschehen Form an. Das ist die Wirklichkeit. Ziel unseres Menschseins ist es, diese Wirklichkeit zu erkennen und sie nicht mit eigenen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen zu übertünchen. Nur, wo diese gegenläufigen Kräfte miteinander in Harmonie schwingen, entsteht Welt, entsteht Materie, entsteht überhaupt etwas. Zuviel Nähe endet in einem Schwarzen Loch, in zur Singularität verdichteter Materie, die räumlich nicht mal mehr ein Punkt ist. Zuviel Distanz führt in die Entropie, in die Leere. Beides ist Nichtsein. Liebe ist das Hier und Jetzt und nicht in einem immateriellen Jenseits zu finden.

Alles Sein ist dynamisch angelegt. Liebe als Urgrund des Seins ist ein permanenter Tanz, in dem Formen und Lebewesen erscheinen, nach einiger Zeit wieder verschwinden und durch andere Formen und Lebewesen ersetzt werden.

Diese Suche nach dem dynamischen Gleichgewicht begründet sowohl unsere materielle wie auch unsere geistige Welt. Liebe ist der Urgrund unseres Seins, und zwar nicht in einer metaphorischen oder transzendenten Bedeutung, sondern ganz real, ganz konkret. Dieser Tanz von Nähe und Distanz findet sich im Kosmos als einander umkreisende Sterne, tanzende Galaxien und Schwarze Löcher ebenso wie im Bereich der Elementarteilchen. Dieser Tanz wird physikalisch und chemisch ebenso wie biologisch getanzt. Dieser Tanz wird ausgefeilter und komplizierter, wenn Pflanzen, Tiere und Menschen daran teilnehmen. Das Balz- und Revierverhalten der Tiere, das Jagen und das Fressen, das Wandern und Brüten, in all dem zeigt die Liebe als ontologische Kategorie ihr Wesen. Der Mensch ist das Lebewesen, das diesen Tanz nicht nur mittanzt, sondern auch darüber nachdenken und aus dem Takt geraten kann. Damit erreicht dieser Tanz eine neue Qualität.

Liebe als Bauprinzip der Welt

Beziehung als Tanz von Nähe und Distanz ist das Bauprinzip der Welt. Beziehung oder Wechselwirkung ist eine, nein es ist die ontologische Kategorie überhaupt.

Von allem Anfang an gibt es zwei unterschiedliche Gruppen von Beziehungskräften, nämlich solche, die auf Bindung und Synthese aus sind, und das Gegenteil davon, die sich als Trennung, Abstandhalter und Ausdifferenzierung bemerkbar machen. Diese beiden Gruppen treten als permanente Gegenspieler auf.

In der Physik kennt man bislang vier Wechselwirkungen, von denen die Gravitation mit ihrer unendlichen Reichweite die ursprünglichste ist. Die drei anderen Wechselwirkungen, nämlich die starke, die schwache und die elektromagnetische Kraft kann man nicht eindeutig einer Gruppe zuordnen, weil sie unter verschiedenen Bedingungen sowohl anziehende wie abstoßende Anteile haben. Bei der elektromagnetischen Kraft kommt es beispielsweise auf die Ladung an:  ungleiche Ladungen ziehen sich an, gleiche stoßen sich ab. In der Quantenphysik gehören Austauschteilchen wie Gluonen zu den bindungsstiftenden Phänomenen. Die schwache Kernkraft bewirkt meistens, aber nicht immer Zerfall und gehört damit in erster Linie zu den Trennkräften. Weiterhin fallen mir als Trennkräfte Abkühlung, Entropie, das Pauli-Prinzip und Dekohärenz ein. Vor allem anderen gehört in diese Gruppe aber die Raumzeit und ihre immer noch andauernde Ausdehnung. Die Entfernungen im Universum sind ungeheuerlich.

Wenn diese beiden gegenläufigen, verschiedene Spielarten umfassenden Kräfte in ein wie auch immer geartetes dynamisches Gleichgewicht kommen, entstehen potentiell Strukturen und Muster, die in unserem Erkenntnisvermögen als Sein oder Weltgeschehen erscheinen. Aus dem Wechselspiel von näheschaffenden und distanzhaltenden Kräften entsteht also Existenz. Verhalten sich die beiden Gegenspieler nicht komplementär, entsteht kein dynamisches Gleichgewicht und damit tritt nichts in unser Erkenntnisvermögen, das wir beobachten und untersuchen können. Es kommt keine Existenz zustande. Anderes ist nicht dauerhaft stabil und verwandelt sich, wie beispielsweise das Neutron, das, sobald es aus dem Atomkern herausgelöst ist, in ein Proton, ein Elektron und ein Neutrino zerfällt.

Die Naturkonstanten sind der mathematische Ausdruck austarierter Bindungs- und Trennkräfte. Die krummen Zahlen stellen sozusagen die Kompromisse dar, auf die sich die beiden Gruppen von Gegenspielern sozusagen geeinigt haben.

Materie ist prinzipiell nichts anderes als Energie, und Energie ist nichts anderes als dieser Tanz der Liebe. Eins lässt sich ins andere überführen, wie Albert Einstein in seiner berühmt gewordenen Formel E = mc2 bewiesen hat. Wenn man versucht, einen Körper auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, wird er immer schwerer, je näher er an die Lichtgeschwindigkeit herankommt. Bewegungsenergie wird in Masse umgewandelt, um ihn abzubremsen. So kommt es nie dazu, dass ein Teilchen mit einer Ruhemasse es einem Photon gleich tun kann.

Wenn Kräfte wie die vier Wechselwirkungen als Tanz der Liebe aufgefasst werden, erscheinen sie in unserer Wahrnehmung nicht nur als Außenwelt, als Materie und als Energie, sondern auch als Innenwelt, die wir über unser Gefühl erfassen. Die Wahrnehmung der Außenwelt und die Erfahrung der Innenwelt sind zwei unterschiedliche Wahrnehmungsweisen desselben Phänomens. Eine Wahrnehmungsweise pflegen wir als Ich zu bezeichnen, die andere als Selbst. Aber weder Ich noch Selbst sind etwas Substanzielles. So wie Nähe nicht besser ist als Distanz, so ist auch das Selbst nicht besser als das Ich. Es kommt darauf an, die beiden Wahrnehmungsweisen in einem dynamischen Gleichgewicht zu halten, ohne eine davon zu verdrängen oder überzubewerten.

Nun versteht man, dass der fokussierende Blick der Beobachtung nicht neutral ist. Wer beobachtet, will etwas wissen. Neugier ist eine Kraft, ein energetisches Phänomen. Deshalb verändert sich die Wirklichkeit, je nachdem, ob man in ihr mitfließt oder sie bewusst beobachtet. Es ist die Energie der Beobachtung, die im berühmten Doppelspalt-Experiment aus einer Welle ein Teilchen macht. Es sind die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen, die hier ganz verschiedene Muster erzeugen. Ohne Beobachtung erscheint ein Interferenzmuster, welches das Mitfließen wahrnehmbar macht. Werden die Photonen hingegen mit einem Elektronendetektor beobachtet, erscheint ein Muster, das die Photonen als voneinander getrennte Teilchen ausweist. Die Beobachtung selbst ist also das energetische Phänomen, welches das dynamische Gleichgewicht der Beziehungen und damit die Materie verändert.

Im Mikrokosmos der Quantenwelt reicht die Beobachtung sogar aus, Energie so weit zu verdichten, dass sie als Materie (als Teilchen) überhaupt erst sichtbar wird. Der fokussierende Blick (die Beobachtung) beispielsweise in Form eines Elektronendetektors ergreift im Spiel von Nähe und Distanz Partei und trägt somit dazu bei, das gesuchte dynamische Gleichgewicht herzustellen. In der Quantenwelt ist dieses Gleichgewicht ohne die entsprechende Beobachtung schon beinahe erreicht, so dass bereits Wirkungen gemessen werden können, ohne dass die Dinge als Dinge sichtbar sind bzw. Teilchen voneinander unterschieden werden können. Die Beobachtung verleiht den Quantenteilchen die noch fehlende Energie, um die Schwelle in unser Wahrnehmungsvermögen zu überschreiten. Man kann das mit einem Reiz in unserem Reizleitungssystem vergleichen. Ein Reiz muss eine bestimmte Schwelle überschreiten, um von einem Generatorpotenzial zu einem Aktionspotenzial und von der entsprechenden Nervenzelle weitergeleitet zu werden. Erwin Schrödinger hat dieses Phänomen mit seiner berühmt gewordenen Katze erklärt.

Es ist ungewohnt, Liebe mit Prozessen aus der Physik, Chemie und Biologie zu beschreiben. Liebe wird meist mit Worten verknüpft, die zum Träumen einladen. Liebe ist das, was wir gern für unsere Gefühlswelt reservieren wollen. Wir wollen glauben, dass es Liebe nur geben kann, wo es Menschen gibt. Dass auch in dem, was wir unbelebt nennen, eine Form von Liebe wirkt, erscheint erst mal seltsam. Aber vielleicht ist das angeblich Unbelebte gar nicht so leblos, wie wir glauben. Vielleicht führt die Ausdifferenzierung unseres Wahrnehmungsvermögens und die Ausbildung von Vernunft und Bewusstsein dazu, dass wir das Offensichtlichste nicht mehr erkennen können, nämlich dass zwischen Sein und Leben kein Unterschied ist. Wo Liebe ist, ist auch Leben. Und wo Leben ist, ist Liebe. Nicht nur wir Menschen haben Gefühle. Wir sind Teil eines fühlenden Kosmos.

Die dritte Geschichte

Der Mensch gibt sich selber viele Attribute: Als homo ist er nicht nur sapiens, sondern auch ludens, technicus, oeconomicus, religiosus. Der Mensch als das lachende oder das weinende Tier, das mit Geist begabte Tier, das spirituelle Wesen, das göttliche Kind. Offenbar genügt es dem Menschen nicht, einfach nur Mensch zu sein.  🙂

Alle diese Zusatzbezeichnungen verweisen auf eine weitere typisch menschliche Eigenheit. Vor allem anderen ist der Mensch ein homo fabulosus: das Wesen, das ohne Geschichten nicht auskommt und deshalb reich an solchen ist. Für den Menschen genügt es nicht, sich in den Kontext einer lebendigen Umwelt eingebettet zu erleben, er muss offenbar zusätzlich in eine Erzählung eingebettet sein. Deshalb ist alles, was der Mensch tut, im Grunde nichts anderes als Geschichten erzählen. Religion und Wissenschaft sind unterschiedliche Erzählkreise, so wie Fantasy, Thriller, Gebet oder wissenschaftliche Abhandlung nichts anderes als verschiedene Erzählformen sind.

In der Regel erzählt sich der Mensch zunächst mal eine Geschichte, in der er selber der Held ist und sich die ganze Welt nur um ihn dreht. Deshalb bettet er notwendig alle anderen Menschen und alle anderen Lebewesen als Objekte (Verfügungsmasse) seines eigenen Heldentums in diese seine persönliche Geschichte ein. Der Mensch kann gar nicht anders. Ein Fisch, der nicht schwimmt, ist kein Fisch. Ein Mensch, der keine Heldengeschichte zu erzählen hat, ist kein Mensch. Normalerweise zerbrechen die individuellen Heldengeschichten irgendwann, was dann als ernsthafte Krise erlebt wird. Eine Depression ist nichts anderes als der Mangel an Fantasie, aus den Scherben seiner zerbrochenen individuellen Heldengeschichte eine neue, noch bessere zu schmieden.

In diesem Zwang, Geschichten zu erfinden, liegt der Bruch zwischen Subjekt und Objekt begründet. Die Notwendigkeit des Erzählens löst den Menschen aus der Wirklichkeit heraus und trennt ihn von der Welt und allen anderen Lebewesen ab. Deshalb kommt man an einen anderen Menschen auch nicht wirklich heran. Er lebt in seinen Geschichten wie der Zellkern in einer Zelle. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass der Mensch im Zentrum jeder Zelle, nämlich im Zellkern, eine Geschichte vermutet. Wenn der Mensch von der DNA als dem Bauplan, der Blaupause, der Information spricht, erzählt er von sich, wie er selber als Mensch in der Welt steht. Um an den Zellkern heranzukommen, muss man die Zelle zerstören bzw. entkernen. Um an einen anderen Menschen heranzukommen, müsste man ihn wie die Zelle entkernen, aber da die Geschichten seinen Wesenskern bilden, bleibt vom Menschen nichts übrig, wenn man ihn seiner Geschichten beraubt.

In vielen spirituellen Wegen geht es angeblich darum, den Menschen in die Wirklichkeit zu holen, das heißt, ihn aus seinen Geschichten herauszuschälen und eben diese Entkernung zu leisten. Das wird Erwachen genannt. Wo dieser Weg bewusst gegangen wird, ist er jedoch zum Scheitern verurteilt, denn in Wahrheit folgt jeder spirituelle Weg ja doch wiederum nur einem Konzept, also einer Geschichte. Auf all den spirituellen Wegen wird also nur eine Geschichte gegen eine andere ausgetauscht. Das ist für viele Menschen durchaus hilfreich und sinnvoll, umso mehr wenn die individuelle Heldengeschichte bereits zerbrochen ist und man mit den Scherben nichts anzufangen weiß.

Spiritualität entpuppt sich also bei näherer Betrachtung nicht als Kontakt mit der Wirklichkeit, wie häufig behauptet wird, sondern als einer von zwei großen Erzählkreisen. Darunter verstehe ich eine bestimmte Art von Geschichten, die gemeinsame Merkmale haben. Was allen spirituellen Geschichten gemeinsam ist, ist die Vorstellung eines Unwandelbar-Ewigen, sei das nun die Seele, der Urgrund, der eigene Wesenskern, Gott, die Einheit, was auch immer. In diesen Geschichten geht es immer um die Überwindung aller Brüche, um Ganzheit, um Vollkommenheit. Für Menschen, deren individuelle Heldengeschichte zerbrochen ist, ist dieser Erzählkreis logischerweise sehr verlockend. Aber auch für Menschen, die sich von vornherein absolut setzen und deshalb glauben, dass das Universum im Grunde genommen mit ihnen identisch ist. Und es stimmt schon: im Zentrum aller Geschichten steht tatsächlich der Mensch. Wenn die Welt nicht so ist, wie sie sein soll, hat das mit dem Menschen zu tun. Das heißt, der Mensch muss sich wandeln, um die Welt zu erschaffen, wie sie sein soll. In diesen Geschichten weigert sich normalerweise der Mensch, der zu werden, der er ist, als der er angelegt ist, und die Folge dieser Weigerung besteht darin, dass es in der Welt Katastrophen, Schmutz, Ungerechtigkeit und Kriege gibt. In religiös-spirituellen Geschichten geht es immer und ausschließlich um die Wandlung des Menschen. Das äußere Paradies folgt dem inneren.

Die Zengeschichte vom Regenmacher bringt diese Haltung auf den Nenner: Da die Ernte von Dürre bedroht und deshalb Hungerzeiten zu erwarten sind, lädt das Dorf einen Regenmacher ein. Dieser verschwindet in der ihm zugewiesenen Hütte, setzt sich auf ein Kissen und rührt sich nicht. Die Dorfbewohner sind in höchster Aufregung, haben sie doch Beschwörungen und irgendeinen Zauber erwartet. Aber nach einer Woche fängt es wirklich an zu regnen. Auf die Frage, wie er das gemacht habe, antwortet der Regenmacher: Ich setzte mich aufs Kissen und brachte mich in Ordnung. Nachdem ich mich in Ordnung gebracht hatte, kam die Hütte in Ordnung. Nachdem die Hütte in Ordnung gebracht war, kam das Dorf in Ordnung. Nachdem das Dorf in Ordnung gebracht war, kamen die Felder in Ordnung. Und als die Felder in Ordnung waren, regnete es.

Deshalb zerren und ziehen religiös-spirituell angehauchte Menschen auch immer an ihren Mitmenschen herum. Die Öko-Bewegung gehört in diesen spirituellen Erzählkreis, in dem gebetsmühlenartig die Wandlung des Menschen gefordert und als Lösung für alle Probleme glorifiziert wird.

Dem spirituellen Erzählkreis steht der wissenschaftliche gegenüber. Diese Geschichten folgen im Grunde genommen dem umgekehrten Muster. Hier geht es darum, die Welt mit Hilfe technischer Errungenschaften in Ordnung zu bringen. Wenn erstmal die Welt in Ordnung gebracht ist, werden wir alle glücklich und zufrieden bis ans Ende unserer Tage leben, wenn es denn überhaupt noch ein Ende gibt und wir nicht mittels technischen Fortschritts und aller möglichen Eingriffe unsterblich geworden sind. Um die Welt in Ordnung zu bringen und uns selber unsterblich zu machen, müssen die Welt und deren Abläufe natürlich zuerst mal verstanden und erklärt werden. Das ist der Kern jeder wissenschaftlichen Forschung und aller wissenschaftlicher Erzählungen.

Die wissenschaftlichen Geschichten erzählen ebenfalls von der Veränderung der Welt durch den Menschen, wobei in diesen Geschichten der Mensch aber aktiv in die Welt eingreift und sie gezielt manipuliert. Nicht das Kissen ist das Werkzeug, sondern der Hammer, der Bagger, die mathematische Formeln, nach denen sich die Welt berechnen und umgestalten lässt. Alles ist Verfügungsmasse menschlicher Manipulationsfähigkeit: Landschaften und Meere ebenso wie das Klima und der Weltraum, Tiere und Pflanzen ebenso wie der Mensch selber. Denn auch vor sich selber macht der Mensch nicht halt. Das Objekt der Manipulation ist in diesen Geschichten nicht die Innenwelt, sondern die äußeren Erscheinungen für sich genommen. So bastelt der Mensch in diesen Geschichten höchst erfolgreich mit Medikamenten, Operationen und dergleichen an seinem Körper inklusive seiner Gehirnaktivitäten herum.

Auch in den wissenschaftlichen Geschichten steht der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der spirituelle Mensch nicht direkt Hand anlegt und sich nicht die Finger schmutzig macht. In den spirituellen Geschichten wirkt der Mensch, in den wissenschaftlichen macht er.

Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist, dass weder die Welt noch der Mensch oder wahlweise die Menschheit so bleiben können, wie sie sind, sondern unbedingt verändert werden müssen. Das geschieht entweder durch Wirken oder Machen. Der Unterschied liegt also lediglich in der Wahl der Methode. Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist außerdem, dass die Veränderung immer und ausschließlich durch den Menschen geschieht. Der Mensch kann sich offenbar nicht einer wie auch immer gearteten Dynamik überlassen, sondern muss sie in irgendeiner Weise gestalten. Selbst Jesus fordert die Umkehr und Gott den Glauben. Wenn der Mensch nicht an Gott glaubt, kann nicht einmal Gott wirken oder machen.

Hinter all diesen Erzählungen, den spirituellen wie den wissenschaftlichen, wird also ein Wesen sichtbar, das zutiefst unglücklich und unzufrieden ist, denn wer glücklich und zufrieden ist, muss nichts verändern, muss weder wirken noch machen. Wer glücklich und zufrieden ist, lebt einfach vor sich hin. Wie das geht, machen Tiere uns ständig vor.

Hinter all diesen Erzählungen wird zudem ein Wesen sichtbar, das sich absolut setzt und außer sich selbst nichts anderes gelten lassen kann. Der, die oder das Andere wird verleugnet. Der, die oder das Andere hat nur ein Existenzrecht, wenn es Teil von einem selbst ist. Es wird ein Wesen sichtbar, das nur existieren kann, wenn es alles Andere vereinnahmt. Es ist getrieben von dem Zwang, die Welt zu begreifen, zu erklären und damit unter sich zu subsumieren.

Wenn einzelne Menschen wie Otto Müller oder Frieda Maier sich so zwanghaft verhalten, sich absolut setzen und keine Anderen gelten lassen, sich also für Gott halten, nennt man das Größenwahn. Wenn sie es in ihrem Wahn übertreiben, landen Otto Müller und Frieda Maier in der Psychiatrie. Meistens stellt sich dann heraus, dass sich hinter dem Größenwahn panische Ängste und Minderwertigkeitsgefühle verbergen.

Wenn an die Stelle von Otto Müller oder Frieda Maier der Mensch als Abstraktum oder die Gesamtheit aller Menschen tritt, ist das allerdings auch nichts anderes. Es ist nur ein verlagerter Größenwahn.

So offenbart sich der Mensch in all seinen Erzählungen als unglücklich, unzufrieden, größenwahnsinnig und von panischen Ängsten beherrscht.

Die dritte Geschichte befasst sich nun eben genau damit und stellt die Frage, wie es kommt, dass der Mensch zwanghaft Geschichten erzählen muss, die ihn permanent als unglücklich, unzufrieden, angstgetrieben und größenwahnsinnig entlarven. Es ist sozusagen eine Metageschichte, die auf der Basis der beiden vorliegenden Erzählkreise erzählt wird. Eine Geschichte über die menschlichen Geschichten. Das ist es, was ich hier versuche. Ich suche in diesem Blog nach einer Metageschichte. Die Geschichte des Menschen, der sich mit dem Feuer eingelassen hat, ist als eine solche Metageschichte zu verstehen.

Die Gurken-Batterie

Es gibt einen einfachen Versuch, Kindern die Funktionsweise einer Batterie zu erklären. Man braucht dazu eine saure Gurke, eine 5-Cent-Münze, ein Stück Alufolie und einen Kopfhörer mit Stecker. Man legt eine Gurkenscheibe auf die Alufolie und auf die Gurkenscheibe die Kupfermünze. Dann setzt man den Kopfhörer auf und berührt mit dem Stecker Alufolie und Gurke. Berührt man mit dem Stecker zudem auch noch die Münze, knackt oder knistert es im Kopfhörer. Dasselbe kann man angeblich auch mit einer rohen Kartoffel machen. Wenn man statt der Gurkenscheibe die Zunge nimmt, spürt man ein Bizzeln. Strom fließt.

Das Prinzip der Batterie entdeckte Luigi Galvani durch Experimente mit Froschschenkeln. Wenn diese mit Eisen und Kupfer in Berührung kommen und darüber hinaus auch das Eisen und das Kupfer miteinander verbunden sind, zucken die Muskeln. Mit dem Froschschenkel, dessen Salzwasseranteil als Elektrolyt diente, und zwei verschiedenen Metallen stellte Galvini einen Stromkreis her. Das Froschschenkel-Salzwasser ist Salzwasser von der Art, wie es auch zu 80% den menschlichen Körper bildet.

Das unedlere Metall (die Alufolie) gibt Elektronen an das edlere Metall (die 5-Cent-Münze) ab. Die Gurkenscheibe dient als Medium. Nachdem eine Gurkenscheibe auf diese Weise als Batterie gedient hat, kann man sie nicht mehr aufs Wurstbrot legen und essen, weil sie Metallionen enthält und deshalb giftig geworden ist. Die Froschschenkel ebenfalls.

Metallische Zahnfüllungen in Verbindung mit einem Stückchen Alufolie (wie bpsw. von einer Schokoladenverpackung) stellen im Mund ebenfalls eine Batterie her. Man spürt ein heftiges Ziehen. Es gibt Berichte über Menschen, die nicht mit einem Radioapparat, sondern angeblich mit ihren metallischen Zahnfüllungen Radio hören. Theoretisch ist das sogar möglich. Die Plombe wirkt wie ein elektronischer Schaltkreis, und daraus besteht eben auch ein Radioapparat.

Wenn ich so was lese, finde ich das spannend oder witzig. Aber nur, solange ich Alufolie, Gurkenscheibe und Münze als vollständig voneinander getrennte Dinge betrachte, deren Kontakt ich beim Herstellen von Stromkreisen steuern und kontrollieren kann. Nur: so funktioniert die Wirklichkeit nicht. In Wirklichkeit ist nichts voneinander getrennt. Um das, was uns gegenständlich und getrennt erscheint, wie die Folie oder die Münze, bilden sich Felder. Elektrische Felder. Magnetfelder. Gravitationsfelder. Higgs-Felder und was weiß ich noch für welche. Diese Felder interagieren miteinander. Diese Interaktion wird auch nicht durch die Isolierhüllen aus Plastik und Gummi verhindert, mit denen wir die Drähte umgeben. Die Isolierung bewirkt nur, dass der Strom auch wirklich in den Drähten fließt und nicht überspringt.

Ein menschlicher Körper lässt sich sowieso nicht isolieren, wenn er am Leben bleiben will. Ein menschlicher Körper lebt von permanentem Austausch. Vom Austausch mit der Luft, die wir ein- und ausatmen. Mit dem Wasser, das durch unseren Körper fließt, weshalb wir einerseits ständig was trinken und andererseits öfters mal aufs Klo gehen. Mit der Nahrung, die wir essen und deren Reste wir als Dünger wieder abgeben. Zumindest war dies lange Zeit mal so. Wo unser Dünger nach der Kläranlage heute landet, weiß der Himmel. Auf den Feldern jedenfalls nicht.

Wenn wir Brot und Fleisch zu uns nehmen, wissen wir das, weil wir es sehen, schmecken, riechen, kauen. Mit Wasser ist die Erfahrung des Austauschs schon nicht mehr ganz so prägnant. Wasser muss nicht gekaut werden und riechen tut es meistens auch nach nichts. Auf der molekularen und atomaren Ebene verlieren wir völlig den Bezug zu diesem Austausch. Wir wissen zwar, dass wir atmen, aber dass wir es tun, fällt uns meistens erst auf, wenn die Atmung in irgendeiner Weise gestört ist, sei es, dass wir beim Tauchen die Luft anhalten oder Schnupfen haben. Ein einzelnes Sauerstoff- oder Kohlendioxidatom können wir bewusst nur identifizieren, wenn wir technische Gerätschaften zu Hilfe nehmen. Unser Körper braucht jedoch weder ein Elektronenmikroskop noch sonst was, um zu merken, dass er nicht Kohlendioxid einatmet, sondern Kohlenmonoxid. Er reagiert darauf, indem er umfällt und stirbt. Das Bewusstsein desjenigen, der Kohlenmonoxid eingeatmet hat, wird nie davon erfahren. Es sei denn, es wird wiederbelebt und die Ärzte erklären, was passiert ist.

Was Strom, Sonnenlicht und Magnetfelder angeht, so müssen wir eine ganze Menge zuviel davon abbekommen, bis es uns auffällt und wir anfangen, drüber nachzudenken. Einen Stromschlag beispielsweise. Oder einen Sonnenbrand. Wenn wir bewusst schon kein Kohlendioxid-Atom wahrnehmen können, dann noch viel weniger ein Elektron oder ein Ion. Unser Körper kann das aber. Und er reagiert darauf. Beispielsweise mit einer Mutation. Oder einer Krebserkrankung. Oder indem er ein Photon Sonnenlicht in Vitamin D umwandelt.

Das Salzwasser, aus dem wir zu einem großen Teil bestehen, ist ein wunderbares Leitmedium. Außerdem fließen alle möglichen Ionen drin rum, auch solche unterschiedlicher Metalle wie Eisen oder Kupfer. Wir haben sogenannte neuronale Netze in unserem Gehirn, in unserem Herz, im Verdauungstrakt, im ganzen Körper. Ständig fließen kleine hochempfindliche Ströme, ohne die wir nicht lebendig wären. Das Leben hat seine eigenen Stromkreise, von denen unsere gesamte Technik nur ein stark vergröbertes Abziehbild ist.

Das Erstaunliche an uns Menschen ist, dass wir so tun, als hätte die grobschlächtige Elektrifizierung der Welt keinerlei Einfluss auf unsere hochempfindlichen biologischen Systeme. Als wären die elektrischen Stromleitungen in unseren Körpern vollständig isoliert von den technischen Stromkreisen, mit denen wir uns mehr und mehr umgeben. Vielleicht geben wir uns dieser Illusion hin, weil die Tastatur unseres Computers aus Plastik ist. Auch die Leute, die an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sind, haben ihre Öfen für absolut dicht gehalten.

Dabei kann es gar nicht anders sein, als dass unsere elektromagnetischen Körperfelder mit den elektromagnetischen technischen Feldern interagieren. Dass wir nichts oder wenig davon merken, bedeutet gar nichts, wie das Beispiel der Kohlenmonoxidvergiftung zeigt. Der Fehler besteht darin, den Ofen und das brennende Holz als Eines anzugucken und den Menschen, der sich am Ofen wärmt, als das Andere, die nichts miteinander zu tun haben. Der Fehler besteht darin, so zu tun, als gäbe es keinerlei Verbindungsmöglichkeiten zwischen dem Einen und dem Anderen. So funktioniert Wirklichkeit aber nicht. Denn schließlich wärmen wir uns ja am Feuer. Und außer der Wärme gibt es eben noch Gase und vieles andere mehr.

Man kann davon ausgehen, dass sich unsere Körper auf elektromagnetischem Weg ebenso mit der uns umgebenden Technik austauschen wie mit dem Sonnenlicht. Austausch ist nun mal das Wesen alles Lebendigen.

Wenn wir von Cyborgs reden, denken die meisten Menschen zuerst an einen Terminator. An technische Implantate wie Chips oder künstliche Augen, die ihren Trägern Superkräfte verleihen. Oder an Exoskelette und Beinprothesen. Manche denken auch noch an Herzschrittmacher und Hörgeräte. Aber das alles ist in Wahrheit nur die Spitze des Eisberges. Diese Spitze sehen wir, wenn wir Gegenstände als getrennt voneinander betrachten.

Um den ganzen Eisberg zu sehen, muss man den Blick unter die „Wasseroberfläche“ wagen. Dafür braucht es die Erfahrung, dass es in der Wirklichkeit keine Grenzen gibt und nichts voneinander getrennt ist. Unter der Wasseroberfläche sieht es so aus, dass die elektromagnetischen Felder unserer Technik, mit der wir uns mehr und mehr umgeben, unsere elektromagnetischen Körperfelder verändern. Und wo sich diese Felder verändern, verändern sich allmählich, vielleicht über mehrere Generationen hinweg, auch die Körper, die sich in einer technischen Umwelt bewegen. Wo sich die Körper verändern, verändert sich das Fühlen und das Denken. Als Beispiel für solche schleichenden Veränderungen sei unsere sich verändernde Einstellung zur Körperbehaarung wie Achsel- oder Schamhaare erwähnt. Heute sind die Menschen am Körper lieber glatt wie Metall oder Plastik und nicht behaart wie ein Affe oder ein anderes Säugetier.

Die Mensch-Maschine-Verschmelzung geschieht  weit weniger durch Implantate oder gentechnische Manipulationen. In erster Linie vollzieht sie sich auf dieser Ebene der elektromagnetischen Felder, wo wir uns mit den Maschinen zu einer Einheit verbinden. In dieser Verschmelzung von Mensch und Maschine werden die Menschen mehr und mehr zu Maschinen und die Maschinen immer menschlicher. Ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung kann man beides nicht mehr auseinanderhalten. Aus dieser Verschmelzung erwächst etwas Neues, das es bislang in der Geschichte der Evolution so nicht gab: ein kybernetischer Organismus. Eine Megamaschine. Ich meine damit nicht, dass jeder einzelne Mensch in Verbindung mit der ihn umgebenden Technik zur Megamaschine wird und 7,5 Milliarden Megamaschinen auf diesem Planeten herumwuseln. Sondern ich meine eine einzige Megamaschine mit 7,5 Milliarden Kondensatoren oder Elektrolyten.

Unter der „Wasseroberfläche“ sind wir nahezu unbemerkt zu Schaltstellen, Elektrolyten, Batterien und Austauschteilchen eines gewaltigen kybernetischen Organismus geworden. Die Zellen in unserem Körper wissen wahrscheinlich nichts davon, was ein Mensch ist, allenfalls haben sie eine Ahnung davon. Ebensowenig wissen wir, was diese Megamaschine ihrem Wesen nach ist. Allenfalls haben wir eine Ahnung davon.

Eines jedoch kann man, denke ich, schon sagen: Aus der Interaktion künstlich-technischer und natürlicher elektromagnetischer Felder ist eine Megamaschine erwachsen, die uns längst für ihre Zwecke benutzt und entsprechend steuert, während wir uns immer noch in der Illusion wiegen, die Technik, die wir geschaffen haben, im Griff zu haben.

Freiheit, die ich meine …

Tiere handeln instinktiv. Das ist ihnen angeboren. Es ist noch nicht mal so, dass Mama Bär oder Papa Luchs ihrem Nachwuchs instinktives Handeln explizit beibringen. Stattdessen wecken Tiereltern bei ihren Jungen durch Vormachen den Instinkt und bringen ihn zur Entfaltung, ähnlich wie der erste Atemzug die Lunge zur Entfaltung bringt. Der Instinkt ist für die jeweils artspezifischen Verhaltensweisen verantwortlich. Einzelne Exemplare einer Spezies können zwar individuelle Verhaltensweisen und Vorlieben ausbilden, aber alles in allem verhält sich ein freilebendes Tier wie seine Vorfahren vor hundert, tausend oder zehntausend Jahren. Doch auch da, wo Verhaltensweisen einer Spezies sich grundsätzlich ändern, erfolgen die Veränderungen aus dem Instinkt heraus und entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Anpassung an eine sich ebenfalls gerade verändernde Umwelt.

Ein Tier ist also in seinem Verhalten an seinen Instinkt gebunden. Das löst in uns Menschen die Vorstellung von Unfreiheit aus. Instinkt wird gerne mit einem in den Genen codierten Programm verglichen, das nach vorgegebenen Regeln abläuft. Instinkt bringen wir deshalb mit Automatismen und stupiden Reiz-Reaktions-Schemata in Verbindung. Mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf sind wir Menschen froh, dass wir uns als zunehmend weniger instinktgebunden erfahren. Im Gegensatz zum Tier halten wir Menschen uns für frei und flexibel. Sind wir das wirklich?

Es ist schon mal falsch, im Instinkt so was wie ein Herrschaftsinstrument zur Unterwerfung des Tiers zu sehen. Instinkt äußert sich nicht über eine innere Stimme, die pausenlos Befehle erteilt, sich als Pflichtgebot bemerkbar macht. Instinkt ist kein Du sollst … oder Du musst … . Wer sich so was vorstellt, überträgt rein menschliche Erfahrungen unreflektiert aufs Tier. Machtverhältnisse, wie sie den Beziehungen zwischen Herr und Knecht, Chef und Untergebenen, Obrigkeit und Untertanen entsprechen, gibt es im Tierreich nicht in dieser Form. Das Alpha-Tier beutet die Mitglieder seines Rudels oder seiner Herde nicht aus, wie menschliche Herrschaftsverhältnisse das nahelegen. Es gibt deshalb auch keinen inneren Imperator mit einem Thronsessel in der DNA-Struktur.

Wenn ein Tier Hunger hat, ist es eins mit seinem Hunger. Es steht nicht neben sich, um sich seines Hungers erstmal bewusst zu werden. Für diese Bewusstwerdung braucht es nämlich Selbstbeobachtung, und genau diese fehlt dem Tier. Selbstbeobachtung ist weit mehr, als sich bloß im Spiegel erkennen und damit eine wie auch immer geartete Ich-Vorstellung zu haben. Ein Tier zerfällt nicht in eine handelnde Instanz und eine Instanz, die dieses Handeln beobachtet und darüber reflektiert. Deshalb zerfallen für ein Tier Hunger und Fressenwollen auch nicht in Ursache und Wirkung. Erst eine reflektierende Instanz kann künstlich einen Unterschied setzen und den Schluss ziehen, dass ein Hungergefühl den Wunsch nach Nahrungsaufnahme erzeugt. Wie der Hunger erst durch Selbstbeobachtung als Hunger bewusst wird, so entsteht auch der Wille erst durch Selbstreflexion. Ohne Bewusstwerdung gibt es keinen Willen. Die Bewusstwerdung des eigenen Willens erfolgt zudem so gut wie immer in der Negation. Erst wenn man gegen seinen Willen handelt oder gezwungen wird, gegen seinen Willen zu handeln, wird einem bewusst, dass man so etwas wie einen Willen hat.

Auch als Mensch kann ich immer noch die Erfahrung machen, dass der Wille verschwindet, sich in Nichts auflöst, wenn ich ganz eins mit meinen Instinkten bin. Ich habe diese Erfahrung zwei- oder dreimal in lebensgefährlichen Situationen gemacht. Das Nichtvorhandensein des Willens ist etwas grundsätzlich anderes, als seinen Willen zu bekommen. Aus seinem Instinkt heraus zu handeln, ist auch nicht dasselbe, wie im Flow zu sein, wo man wie auf einer Welle schwimmt und alles mühelos wie von selbst zu gehen scheint.

Instinkt drückt sich nicht über eine innere Stimme aus, die Befehle erteilt, sondern als nicht hinterfragbares, vereinheitlichtes Gefühl. Ein Tier lebt seine Lust, oder in der Negation, seine Unlust. Das ist Instinkt. Dabei ist die Lust das, was dem Tier am meisten nützt, und die Unlust das, was das Tier vor Schaden bewahrt. Wenn man tut, was einem am meisten nützt, und vermeidet, was einem schadet, kann man zu recht von einem geglückten Leben sprechen.

Freiheit ist nicht dadurch definiert, dass man von zwei Übeln das kleinere wählt oder seine Entscheidung anhand einer Liste von Pros und Contras austüftelt. Freiheit ist, in vollkommenem Einklang mit seinen Gefühlen zu handeln. Von Nutz- und Haustieren einmal abgesehen, ist jedes Tier deshalb frei. Jedes wild lebende Tier verwirklicht Freiheit in einem Maß, von dem wir Menschen nicht mal träumen können.

Menschen sind aus zweierlei Gründen nicht frei. Zum Einen unterscheiden die allermeisten Menschen zwischen guten und schlechten Gefühlen und treffen eine Wertung zugunsten der guten Gefühle wie Freude, Liebe, Glück, Dankbarkeit, Zufriedenheit. Das sind die Gefühle, die nicht nur sein dürfen, sondern jeden, der was auf sich hält, permanent aus- und erfüllen müssen. Es sind Gefühle, die angeblich das Miteinander fördern. Das Paradies oder der Himmel als idealisierte Vorstellungen von Glück besteht ausschließlich aus solch guten Gefühlen, und das Ziel des Menschen besteht darin, das Paradies auf Erden zu errichten bzw. den Himmel auf die Erde zu holen.

Allen Gefühlen, die keine guten oder angenehmen sind, wie Zorn oder Neid, bringen wir tiefes Misstrauen entgegen. Der Mensch hat vergessen, dass die angeblich schlechten Gefühle ihm gerade so beim Überleben helfen wie die guten. Stattdessen glaubt er, dass sie die Quelle von Gewalt und Aggression sind und deshalb nicht ausgelebt, sondern im Zaun gehalten, unterdrückt oder gar ganz abgeschafft werden müssen. Das heißt, es gibt nicht nur einen inneren Beobachter, der sich seiner Gefühle bewusst wird, sondern außerdem einen Richter, der die Gefühle in gute und schlechte unterteilt, und desweiteren einen Kontrolleur, der absegnet, dass gute Gefühle gelebt werden, während er das den schlechten Regungen verbietet.

Ein sehr bewusster Mensch mit einer entsprechenden Schulung verdrängt die schlechten Gefühle nicht, sondern leitet sie in Kanäle, die sein innerer Kontrolleur für unschädlich hält. Ein solcher Mensch erlaubt sich, seine Wut an einem Kissen oder einem Sandsack abzureagieren, aber er verbietet sich, die Wut an dem auszulassen, der sie verursacht hat.

Mit einem solchen Dreigestirn aus Beobachter, Richter und Kontrolleur an der Seite seiner Gefühle, kann der Mensch nicht frei sein, sondern wird zu seinem eigenen Gefängnis. Die allermeisten Menschen halten das für gut und sinnvoll, ja sogar für notwendig. Deshalb ist Bewusstwerdung nicht nur in spirituellen Kreisen absolut angesagt. Es soll mir aber niemand erzählen, dass es beim neutralen Beobachten bleibt. Hinter dem Rücken des Beobachters verbergen sich immer der Richter und der Kontrolleur, auch wenn sie nicht offen in Erscheinung treten.

Ich habe so den Verdacht, dass der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur gerade erzeugen, was sie unbedingt vermeiden wollen, nämlich Hass, Gewalt und Aggression. Mit dem Ergebnis, dass der Mensch alle anderen Lebewesen, die den Planeten bevölkern, an Gewalttätigkeit und Aggressivität bei Weitem übertrifft. Wenn Gefühle wie Zorn oder Neid unterdrückt und negiert werden, lösen sie sich deshalb noch lange nicht auf. Sie lösen sich auch nicht auf, wenn sie ersatzweise an einem Kissen abreagiert werden. Sie akkumulieren sich, und so wird aus einem Schneeball dann irgendwann eine Lawine. Ein Schneeball tötet nicht, eine Lawine hingegen schon.

Zum Anderen ist der Mensch das Tier, das sein Innenleben nach und nach vollständig veräußerlicht und sich dabei sich selbst entfremdet. Gilbert Dietrich nennt den Menschen das Tier des endlosen Outsourcing.

In dieser Veräußerlichung verkehrt sich die ursprüngliche Freiheit ins Gegenteil, nämlich in absolute Unfreiheit. An die Stelle des Instinkts tritt beim Menschen ein Lernprozess, und dabei lernt der Mensch lauter Dinge, die seinem ursprünglichen instinktiven Gefühl in der Regel zuwiderlaufen. Ein Baby, das Lust auf Milch und Wärme hat, lernt ziemlich schnell, dass es seine Bedürfnisse zurückstellen muss. Ein Kleinkind, das sich Sand und Würmer in den Mund stecken will, wird schon daran gehindert, sobald es nach dem Wurm gegriffen hat. Ein Schulkind, das seinen Bewegungsdrang austoben will, lernt stattdessen, fünf Stunden lang still auf dem Stuhl zu sitzen. Durch Lernen kommt es zu einer Umwertung des instinktiven Gefühls. Das Kind erfährt eine positive Resonanz auf Dinge, die ihm schaden, und eine negative auf Dinge, die ihm nutzen. Kein Wunder, dass sich der Mensch deshalb in einer natürlichen Umwelt gar nicht mehr zurechtfindet.

Was ein Kind lernen will, ist auch nicht ihm selbst überlassen. Dass es in den Kindergarten und zur Schule gehen muss, gilt als selbstverständlich. So erfährt ein Kind sein Leben schon früh als eine Abfolge von Regeln, Ge- und Verboten. Aus dem, was mal Instinkt war, wird in dieser Veräußerlichung nun ein Regelapparat, wobei die Regeln häufig widersprüchlich sind und mal so und mal so gehandhabt werden. Das Kind kann sich weder auf sein Gefühl noch auf seine Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit verlassen. Die Verwirrung ist komplett. Dies ist der sogenannte Zivilisationsprozess, der nicht nur identisch mit der Geschichte der Menschheit ist, sondern sich auch in jedem einzelnen Menschen vollzieht.

Der Mensch hält sich für frei, weil er an fast jedem Ort der Erde leben kann, im ewigen Eis ebenso wie in den Tropen. Es ist richtig, dass der Mensch von natürlichen Verhältnissen wie Klima, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Tag und Nacht, Sommer und Winter scheinbar immer unabhängiger wird. Dafür ist er umso abhängiger von seiner selbstgemachten Umwelt, die aus Stadtlandschaften, Industriegebieten und landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen besteht. Das herausragende Merkmal der vom Menschen geschaffenen Lebenswelt ist Monotonie. Die Städte auf der ganzen Welt sehen heute zum Verwechseln ähnlich aus. Egal, ob man sich in Alaska, auf Feuerland, in Zentralafrika oder Südostasien bewegt, man findet sich zurecht, weil die städtischen Strukturen wie beispielsweise das Verkehrsnetz in allen Städten ähnlich sind. Im Zentrum gibt es gigantische Hochhäuser, Einkaufsstraßen, Hotels, Tempel oder Kirchen, Museen und Parks. In der Peripherie einerseits Wohngebiete mit reicheren und ärmeren Vierteln bis hin zu Slums. Andererseits Gewerbe- und Industriegebiete. Es genügt, eine Stadt gesehen zu haben, um alle zu kennen. Was die Monotonie von industriell genutzten Ackerflächen angeht, erübrigt sich wohl jeder Kommentar.

In ihrer zunehmenden Vereinheitlichung und Vernetzung wird die von Menschen geschaffene Lebenswelt gegenüber natürlichen Einflüssen jedoch zunehmend fragiler. Das eigentliche Problem, dem wir uns heute gegenübersehen, ist nicht der Klimawandel als solcher, denn der Homo Sapiens hat schon viele Klimawandel mitgemacht. Das Problem besteht darin, dass schon kleinste Unregelmäßigkeiten heute riesige Probleme verursachen, weil unsere technische Lebenswelt insgesamt instabiler geworden ist. Vor fünfzig Jahren konnten Züge auch bei dichtem Schneefall fahren, heute fallen Züge bereits aus, wenn mal bloß ein Zentimeter Schnee runterkommt. Von einem zunehmend fragiler werdenden Gesamtsystem existenziell abhängig zu sein, hat mit Freiheit nichts mehr zu tun.

Der Mensch glaubt, frei zu sein, weil er angeblich so viele Möglichkeiten hat, zwischen denen er sich entscheiden kann. Tatsächlich wird aber jeder Mensch zuerst einmal erzogen, was seine Möglichkeiten schon ziemlich einschränkt. Dann durchläuft jeder Mensch ein Schulsystem, das seine Möglichkeiten weiter einschränkt. Was die Berufsausbildung angeht, kann ein junger Mensch lediglich wählen, wo in diesem arbeitsteiligen System er sich eingliedern, welches Rädchen er spielen will. Wer sich einer Berufsausbildung und den sonstigen Regeln verweigert, wird vom System ausgespuckt. Irgendwer hat mal gesagt, dass es in Deutschland eine Einheitspartei mit unterschiedlichen Farben gibt und man immer nur diese eine Partei wählt, egal, ob man nun rot, grün, schwarz oder gelb ankreuzt. So steht es mit unseren Wahlmöglichkeiten. Bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich als unbedeutende Akzidentalien, nicht als Essenzialien.

Wenn der Mensch das Tier ist, das sein Innenleben veräußerlicht, so finden natürlich auch der innere Beobachter, der Richter und der Kontrolleur ihre realen Entsprechungen in der von Menschen geschaffenen Lebenswelt. Schon immer haben Menschen einander kontrolliert. Diese Aktivitäten haben sich in Institutionen, Organisationen und Ämtern mit den entsprechenden Berufsbildern nicht nur schon längst verselbständigt, sie bekommen in einem zunehmend komplexer werdenden Gesamtsystem  auch immer mehr Gewicht. Heute kann kaum ein Mensch sein Haus noch selber bauen. Daran sind nicht nur mangelnde Fähigkeiten, sondern auch die eskalierende Flut von Vorschriften schuld, die der Gesetzgeber oder irgendeine EU-Kommission erlassen hat.

Tiere ob ihres vermeintlich gencodierten Instinkts als unfrei und gesteuert zu bedauern, entspringt dem Neid derer, die sich inzwischen in der Unfreiheit zuhause fühlen. Ich fürchte, die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, wie sich Freiheit wirklich anfühlt.

Im Labyrinth

Ich habe letzthin die Maze Runner-Trilogie von James Dashner gelesen. Sie ist für Jugendliche geschrieben. Da sinnlose Brutalität und eine unlogische Gesamtkonzeption den Lesespaß verderben, kann ich die Trilogie nicht unbedingt empfehlen, aber der erste Band bietet eine spannende Ausgangssituation, über die es sich nachzudenken lohnt. Dieser erste Band heißt Im Labyrinth.

Eine kurze Inhaltsangabe: Ein seiner persönlichen Erinnerungen beraubter 16jähriger wird in ein Labyrinth geschickt, in dem schon eine ganze Gruppe Jugendlicher ums tägliche Überleben kämpft. In der Mitte des Labyrinths gibt es eine Lichtung, die den Jugendlichen das fürs Überleben Notwendige zur Verfügung stellt: Felder, Wald, Vieh, Wasser usw. Die verschiedenen Ausgänge aus der Lichtung führen alle hinein in ein undurchschaubares Labyrinth, dessen Wände sich über Nacht verschieben und in dem biotechnische Kreaturen (Griewer) hausen, die die Jugendlichen töten oder schwer verletzen. Das Labyrinth ist unberechenbar, voller tödlicher Gefahren und scheint keinen Ausgang zu haben.

Diese Ausgangssituation lässt sich mit dem vergleichen, was Leben ist. Als Mensch finde ich mich in eine Welt hineingeworfen, die unberechenbar ist, deren Gesetze ich weder durchschaue noch beherrschen kann und in der mein Leben permanent vom Tod und sonstigen Widrigkeiten bedroht wird. Wenn ich mich nicht ständig bemühe, gehe ich unter wie ein Schwimmer, der aufhört zu schwimmen.

Mich interessiert, wie ein Mensch unter solchen Umständen trotzdem ein gutes Leben führen kann. Im Labyrinth gibt einige Antworten, die ich gar nicht mal so schlecht finde.

Der größte Teil der Jugendlichen ist permanent damit beschäftigt, die Existenz zu sichern. Eine Gruppe ist mit der Aufzucht der Tiere beschäftigt, eine andere mit dem Anbau von Getreide und Gemüse, eine dritte mit dem Kochen, eine vierte mit dem Bau und Erhalt der Unterkünfte. Jede Gruppe hat einen Anführer. Es ist der jeweils Fähigste in seinem Fach. Arbeitsteilung ist also angesagt. So wird die Qualität sichergestellt. Das Essen beispielsweise scheint gut und auch reichlich zu sein. Wenn einer zwischendurch mal Hunger hat, bekommt er vom Apfel bis zu Bratkartoffeln, wonach ihm gerade ist.

Jeder auf der Lichtung ist also seinen Fähigkeiten gemäß einer Gruppe zugeordnet. Die Unbegabtesten machen die Putz- und Latrinendienste. Jeder bringt sich nach besten Kräften ein. Die harte Arbeit dient nicht nur dem Erhalt des Lebens. Sie ist auch deshalb wichtig, weil sie die Jugendlichen davon abhält, in Depressionen zu verfallen. Die Arbeit strukturiert den Tag und fördert den Zusammenhalt. Die Anführer wissen um diese Funktion von Arbeit und achten deshalb drauf, dass jeder sein Arbeitspensum erfüllt. Es gibt keine Faulenzer, die auf Kosten von Anderen leben.

Verletzungen durch Unfälle oder durch Angriffe der Griewer sind häufig. Deshalb gibt es zwei Sanitäter und ein Krankenzimmer. Ob die Sanitäter außerdem noch was Anderes arbeiten, bleibt unklar.

Um überleben zu können, hat sich die Gemeinschaft der Jugendlichen ziemlich strenge Regeln gegeben. Minder schwere Vergehen werden mit Gefängnis bestraft. Wer einem Anderen ans Leder will, wird von der Lichtung verbannt, d. h. den Griewern vorgeworfen, was der Todesstrafe gleichkommt. Die Anführer der einzelnen Gruppen bilden das Komitee, das die Einhaltung der Regeln überwacht. Dieses Komitee berät sich in allen die Gemeinschaft betreffenden Fragen und trifft die Entscheidungen, über die in diesem Kreis demokratisch abgestimmt wird. Es sind auch die Anführer, die den Akt der Verbannung gemeinsam durchführen. Dabei machen sie keine Ausnahmen. Es ist beispielsweise so, dass ein von den Griewern verspritztes Gift manche der Verletzten gewalttätig macht. Obwohl sie keine Schuld trifft, werden diejenigen, die von den Griewern verändert wurden, ebenso verbannt wie alle anderen, sobald sie die Gemeinschaft oder das Leben eines Anderen gefährden. Die Jugendlichen auf der Lichtung können sich Gnade schlichtweg nicht leisten. Das ist in unserer Gesellschaft anders. Die Todesstrafe ist nicht mehr nötig, aber Verbannung (lebenslanges Einsperren) ist in manchen Fällen durchaus angesagt.

Die Besten und Begabtesten der Gemeinschaft erforschen das Labyrinth und versuchen, seine Gesetzmäßigkeiten zu ergründen, obwohl alle diese Bemühungen sinn- und zwecklos erscheinen und keinen unmittelbaren Nutzen bringen. Diese herausragenden Jugendlichen sind die sogenannten Läufer, die nichts anderes tun, als den ganzen Tag im Labyrinth herumzurennen und seine Funktionsweise kennenzulernen. Die besondere Herausforderung besteht darin, abends den Rückweg auf die Lichtung zu finden. Nicht wenige scheitern daran und werden Opfer der Griewer. Läufer zu sein ist ein Höllenjob, der jeden Einzelnen täglich an seine Grenzen bringt. Abends nach ihrer Rückkehr fertigen die Läufer gemeinsam Karten an, die sorgsam verwahrt und studiert werden in der Hoffnung, dass irgendwann mal der Ausgang gefunden wird, was aber bis zum Auftritt des Protagonisten nicht geschieht.

Wenn man das Labyrinth als Symbol für unser Dasein nimmt, entspricht das, was die Läufer tun, am ehesten der Grundlagenforschung in den Wissenschaften. Auf der individuellen Ebene entspricht der Job der Läufer der Suche nach der Wahrheit.

Was die Läufer tun, ist etwas sehr Wesentliches. Das wäre es sogar dann, wenn es grundsätzlich unmöglich wäre, das Labyrinth zu entschlüsseln und den Ausgang zu finden. Ohne die Läufer ist ein gutes Leben auf der Lichtung nicht möglich. Um ein gutes Leben zu führen, braucht es nämlich mehr als nur die Befriedigung der grundlegenden existenziellen Bedürfnisse. Ohne die Läufer wäre das Leben auf der Lichtung reines Vegetieren. Für ein gutes Leben braucht es die Option auf einen Wandel, der nicht nur vorbestimmtes Schicksal ist. Um ein gutes Leben zu führen, braucht es das Gefühl, dass eine grundsätzliche Wendung herbeigeführt werden kann, oder wenigstens das Gefühl, dass man nicht alles mit sich machen lässt. Aus diesem Gefühl heraus erwächst die menschliche Würde als Absage an passives und hilfloses Ausgeliefertsein.

Vielleicht führt die Suche nach der Wahrheit weder zu den erwünschten Erkenntnissen noch zu einer Befreiung aus dem Labyrinth, aber ohne diese Suche mangelt es dem Menschen an etwas Wesentlichem, aus dem heraus er sein Selbstverständnis und seine Würde gewinnt. Im Grunde sind es die Läufer, die die einzelnen Gruppen zu einer Gemeinschaft verbinden. Die Läufer sind das gemeinsame Projekt aller Jugendlichen, vom untersten Latrinenputzer bis zum obersten Anführer. Die Jugendlichen halten an diesem Projekt fest, obwohl die meisten von ihnen die Hoffnung auf Befreiung längst aufgegeben haben. Das heißt, die Jugendlichen klammern sich nicht an falsche Hoffnungen, aber sie versinken auch nicht in Resignation.

Mit dieser Haltung sind die Jugendlichen im Labyrinth weiter als die Menschen, die in einer solchen Situation eine Religion gründen, um die Griewer oder die Schöpfer des Labyrinths anzubeten und das eigene Leben als Dienst für die Schöpfer zu verstehen. Sie sind auch weiter als Menschen, die die angefertigten Karten benutzen, um die eigenen Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche daraus herauszulesen und damit zu einer Fehleinschätzung der Realität kommen. Oder als Menschen, die die Karten missbrauchen, um Vorteile für sich selbst herauszuschlagen und die Mitglieder der Gemeinschaft für eigene Zwecke zu benutzen, wie das in unseren Wissenschaften heute leider häufig der Fall ist. Sie sind auch weiter als Menschen, die lieber glauben, dass sie die Realität (das Labyrinth) aus ihrem Bewusstsein heraus erschaffen, als sich mit der eigenen Begrenztheit auseinanderzusetzen und zu erkennen, dass der Mensch zwar vieles kann, aber deswegen noch lange nicht allmächtig ist.
Das Regelwerk, das sich die Jugendlichen erarbeitet haben, ergibt sich nicht aus einer idealisierten Vorstellung dessen, was der Mensch zu sein hat, sondern aus der realen Situation heraus. Für wie auch immer geartete Selbstbilder und -beweihräucherungen ist, da es ums Überleben geht, kein Raum.

Es ist erstaunlicherweise nicht Liebe, die das Regelwerk begründet, sondern Notwendigkeit. Die zwingende Voraussetzung ist, dass alle Jugendlichen den Willen zum Überleben haben, nicht, dass sie sich mögen. Im täglichen Überlebenskampf entstehen zwar Freundschaften ebenso wie Abneigungen, aber diese bilden nicht das tragende Gerüst für die Gemeinschaft. Das sind vielmehr die Läufer mit ihrer Aufgabe, das Labyrinth zu erforschen. Sympathien und Antipathien sind so etwas wie freie Variablen. Sie können und dürfen entstehen, aber wenn sie nicht entstehen, spielt das auch keine Rolle für das Funktionieren und den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Liebe ist frei, und tatsächlich kann Liebe ja auch nur in Freiheit entstehen und nicht unter dem Zwang von Notwendigkeiten.

Wenn in einer unberechenbaren, undurchschaubaren Welt voller Gefahren und Tücken eine Gemeinschaft durch gemeinsame Aufgaben und Regeln schließlich so gut funktioniert, wie es Im Labyrinth der Fall ist, fehlt zu einem guten Leben trotzdem noch etwas. Außer den Regeln, die die Gemeinschaft am Laufen halten, braucht auch der Einzelne ein Regelwerk, das ihm ein Gefühl von Kohärenz vermittelt und ihn zusammenhält. Zumindest ich brauche so etwas.

Hier finde ich nun das, was Moraltheologen über die Jahrhunderte als Kardinaltugenden herausgearbeitet haben, ganz sinnvoll. Tugenden, so altmodisch es klingen mag, geben dem Leben seinen Wert und seinen Sinn, selbst wenn man nicht an Gott glaubt. Zu den Tugenden gehören Klugheit, Geduld, Fairness, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mut, Freude, Maßhalten und vor allem anderen Wahrhaftigkeit. All diese Tugenden wollen zudem mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit gelebt werden. Erst in der Verbindung individueller Tugenden und gemeinschaftlicher Regeln kann der Mensch ein gutes Leben führen, das von äußeren Bedingungen weitgehend unabhängig ist.

Bei der Verinnerlichung von Tugenden geht es übrigens nicht in erster Linie um das Wohl der Anderen, wie das häufig kolportiert wird, sondern darum, von äußeren Bedingungen und damit von Anderen unabhängiger zu werden. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ob ich gerecht bin, hängt nicht davon ab, dass der Andere gerecht zu mir ist. Ob ich selber maßhalte, hängt nicht davon ab, ob die Anderen ebenfalls maßhalten. Ob ich geduldig meine Ziele verfolge, hängt nicht davon ab, ob ich viele Likes bekomme oder nicht. Genau diese Unabhängigkeit macht Tugenden erst wertvoll. Sie stellen den inneren Zusammenhalt in mir selber her. Sie geben mir das Gefühl von Kohärenz. Wie sich gelebte Tugenden auf Andere auswirken, ist deshalb nicht nur sekundär, sondern auch völlig offen. Ich bezwecke mit meinem Weg keine bestimmten Reaktionen. Tugenden dienen eben gerade nicht der Beeinflussung oder Manipulation meiner Mitmenschen. Ich weiß also nicht, wie Andere reagieren, aber eben darauf kommt es auch nicht an.

So steht das alles jedoch nicht im Buch von James Dashner. Bei ihm stellt sich das Labyrinth schließlich als ein von Wissenschaftlern geschaffenes Experiment heraus. Was ich hier beschrieben habe, sind meine eigenen Gedanken, die mir beim Lesen gekommen sind, als ich noch nicht gewusst habe, worauf die Geschichte hinausläuft.

Grundlagen für eine gottlose Ethik

Gestern habe ich auf dem Blog vom Feuerbringer einen Artikel gelesen, der den miesen Charakter von Atheisten, säkularen Humanisten und anderen Gottleugnern zum Thema hat. Das ist um so erstaunlicher, weil der Feuerbringer nicht an Gott glaubt und damit selbst zur Gruppe der von ihm Kritisierten gehört. Ich habe beim Lesen des Artikels zunächst gestutzt, aber alles in allem ich kann dem Feuerbringer nicht widersprechen.

Es ist schon richtig, dass Atheisten und säkulare Humanisten ähnlich dogmatisch daherkommen wie ehedem die Religiösen, bloß eben unter umgekehrten Vorzeichen. Regen Austausch, lebhafte Debatten, interessante Streitgespräche oder eine Vielfalt von gut begründeten Standpunkten sucht man vergeblich.

Atheisten und säkulare Humanisten wie die Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung vertreten eine Ethik, die den Menschen nicht länger als Krone der Schöpfung versteht, sondern als zufälliges Produkt der Evolution, das sich nur graduell, nicht prinzipiell von anderen Lebensformen auf diesem Staubkorn im Weltall namens Erde unterscheidet. Für den Feuerbringer ist das ein „nihilistisch reduktionistischer Materialismus, der sich im politischen Bereich als eine Variante des Marxismus äußert“.

 

Die Vertreter der Giordano-Bruno-Stiftung irren sich jedoch, wenn sie behaupten, dass sich der Mensch nur graduell, aber nicht prinzipiell von anderen Lebensformen auf diesem Planeten unterscheidet. Menschsein definiert sich durch die Nutzung des Feuers. Die Fähigkeit, mit Feuer umzugehen, finden wir in allen menschlichen Gesellschaften. Von allen Lebensformen auf diesem Planeten nutzt einzig der Mensch das Feuer. Inzwischen ist der Mensch vom Feuer und der daraus entstandenen Technologie so abhängig geworden, dass man den Menschen nicht mehr getrennt davon denken kann.

Mit Feuer umzugehen, ist nicht nur irgendeine Eigenschaft, irgendein beliebiges Merkmal wie Fellfarbe, Schnabelform, Paarungsverhalten, Ernährungsgewohnheit oder was wir sonst von der Evolution her so gewohnt sind. Feuer ist ein Instrument, welches das Ökosystem, in das man selbst eingebettet ist, hervorbringt, umgestaltet oder zerstört. Es gibt keine andere Lebensform, die über eine auch nur annähernd vergleichbare Macht verfügt. Keine andere Lebensform kann sich die Welt machen, wie sie ihr gefällt. Das kann nur der Mensch. Der Mensch kann seinen Lebensraum aktiv gestalten, beliebig umbauen, ja auch zerstören, bloß weil er Lust dazu hat. Deshalb ist der Mensch (inklusive seiner Technologie) eine prinzipiell neue Lebensform, die auf diesem Planeten keine Vorbilder hat und mit keiner anderen Lebensform vergleichbar ist. Er ist deshalb zwar nicht gleich die Krone der Schöpfung, aber er ist auch nicht nur „Leben, das leben will, inmitten von anderem Leben, das leben will“, wie Albert Schweitzer das formulierte. Ob es uns gefällt oder nicht, die Beherrschung des Feuers macht uns selbst zu dem, was wir den Göttern unterstellen.

Ich glaube weder an den christlichen noch an sonst einen Gott. Ich interpretiere die Bibel als unaufgelöstes Trauma. Trotzdem macht man es sich meiner Ansicht nach zu einfach, wenn man die auf dem Gottglauben basierende Ethik samt der Suche nach der Wahrheit verwirft, bloß weil es Kirchenleute waren, die diese Ethik ausgearbeitet und nach der Wahrheit gesucht haben. Die Tugenden, wie sie von Moraltheologen wie beispielsweise William Hoye besprochen werden, sind für den Atheisten gleich wertvoll wie für den Gläubigen. Die Suche nach der Wahrheit und die damit verbundene Wahrhaftigkeit betrifft den Atheisten genauso wie den Gläubigen.

Für mich hat die menschliche Religiosität und Spiritualität ihren Ursprung in einer ganz und gar natürlichen Erscheinung, nämlich im Feuer. Der Mensch ist ein religiöses Wesen geworden, weil er im Umgang mit dem Feuer ganz neue, im Tierreich so nicht vorhandene Eigenschaften entwickeln und einüben musste.

Der Begriff Religion wird zum einen auf das Verb „religare“ (rückbinden) zurückgeführt. Damit ist im allgemeinen Sprachgebrauch die Rückbindung an einen transzendenten, geistigen Ursprung gemeint. Für mich bedeutet es, dass sich der Frühmensch in dieser Rückbindung schlicht und einfach mit dem Feuer identifizierte. Erst aus dieser Identifikation heraus entwickelte unser Vorfahre dann später die Idee des Transzendenten respektive einer Geisterwelt, wie sie in den animistischen Religionen vertreten wird. Die Verbindung mit dem Feuer war es, die den Menschen aus seiner Tierhaftigkeit herausholte. Das Feuer war für den Frühmenschen tatsächlich etwas Übernatürlich-Göttliches, auf andere Weise konnte er es gar nicht begreifen und sich nicht darauf einlassen.

Wenn sich hinter unserem Gottglaube jedoch nichts anderes als die Vergöttlichung des Feuers (und seiner Ableitungen Sonne, Licht, Energie) verbirgt, müssen wir unser Verhältnis zum Diesseits, zum Materiellen und Körperlichen grundsätzlich neu überdenken. Feuer löst die hochkomplexen Strukturen organischer und anorganischer Substanzen auf. Das Ergebnis ist irreversibel. Die auf dem Bindungsverhalten aller Materie beruhenden Strukturen, die unsere Welt ausmachen, sind teilweise über sehr, sehr lange Zeiträume gewachsen. Der Mensch hat die Macht, diese Bindungen in kurzer Zeit gewaltsam zu zerstören.

Bis heute schätzen die allermeisten Religionen das Diesseits, das Körperliche und die materielle Welt gering, ja verachten sie häufig. Die Welt ist ihnen bloß ein vorläufiger Ort, den es zu überwinden gilt. Das ist kein Wunder, wenn die reale Grunderfahrung mit dem Göttlichen darin besteht, dass Feuer als Übernatürliches das Materielle, Körperliche und Diesseitige in Asche und Rauch verwandelt. Dass der Mensch rücksichtslos die Natur zerstört, hat sehr viel damit zu tun, dass die Religionen über Jahrtausende gelehrt haben, sie zu missachten und die Welt als Illusion (Maya) zu interpretieren.

Ja, der Mensch kann inzwischen sogar Atome spalten. Er handelt dabei jedoch nicht im Auftrag eines Gottes. Er benutzt lediglich das Feuer in seinen verschiedenen Ausgestaltungen, wozu auch unsere ganze Technologie gehört. Die Strukturen und Bindungen, die der Mensch zerstört, kann er nicht wieder herstellen, umso weniger, wenn diese materiellen Bindungen womöglich eine Innenseite haben, also Gefühle sind. Und das könnte durchaus sein. Ich finde jedenfalls keinen hinreichenden Grund, um sicher auszuschließen, dass, was in der äußeren Wahrnehmung durch die Sinne als Materie erscheint, von innen heraus erlebt, womöglich Gefühle sind.

Bäume haben weder ein Nervensystem noch ein Gehirn. Trotzdem reagieren sie auf Licht und Witterungseinflüsse. Wenn ihre Rinde verletzt wird, überwallen sie diese. Der Grund, warum wir annehmen, dass Bäume keine Gefühle haben, ist bloß der, dass ihre Reaktionen nicht unseren menschlichen Reaktionen entsprechen und wir uns deshalb nicht in Bäume hineinversetzen können. Aus demselben Grund hat der Mensch vor noch nicht allzu langer Zeit auch Tieren und sogar Kleinkindern jedes Gefühl abgesprochen. Gut möglich, dass ein Außerirdischer, der uns beobachtet, uns Menschen für gefühllose Maschinen hält, weil er mit unseren Reaktionen nichts anfangen kann.

Da der Mensch mit dem Feuer und der daraus entwickelten Technologie eine untrennbare Einheit bildet, ist Zerstörungskraft dem menschlichen Wesen immanent, so wie es im Wesen des Feuers liegt zu brennen und Stoffe in Asche zu verwandeln. Solange der Mensch das nicht erkennt, zerstört er weiterhin die Welt, gerade auch dann, wenn er sie retten will. Diese Erkenntnis bildet einen der beiden Grundpfeiler einer gottlosen Ethik. Zwischen dem Menschen und allen anderen Lebensformen besteht nämlich ein echter Interessenkonflikt. Wenn sich der Mensch entfaltet, zerstört er in dieser Entfaltung die anderen Lebensformen und die bestehenden Ökosysteme. Wenn der Mensch aufhört, Ökosysteme umzugestalten und andere Lebensformen zu zerstören, begeht er eine Art Selbstmord. Aufgabe einer gottlosen Ethik muss es sein, hier nach Lösungen zu suchen. Die Öko-Bewegung könnte, wenn sie denn wollte, mit dieser Sichtweise haufenweise Gründe für einen achtsamen Umgang mit der Welt finden, die nicht ausschließlich auf Mitgefühl, sondern auf Vernunft und Wahrhaftigkeit basieren. Aber Mitgefühl ist bequemer und belässt uns in der Rolle der großherzig-verständnisvollen Spezies, die wir noch nie waren.

Außer „religare“ gibt es noch eine andere Ableitung, die von „relegere“. Cicero bezieht das Wort auf den Tempelkult, den es sorgfältig zu beachten gilt, also auf die gewissenhafte Einhaltung überlieferter Regeln und Gebräuche.

Was den Umgang mit dem Feuer betrifft, sind beide Ableitungen korrekt: einerseits die Identifikation mit dem übermächtig-göttlichen Feuer, das dem Menschen die Idee des Transzendenten eingab, andererseits der Kult als Gesamtheit von Ritualen und religiösen Handlungen, die dazu dienten, den Umgang mit dem Feuer erstmal zu erlernen, es zu bewahren und dabei die Gruppe nicht zu gefährden.

Der von seinem Instinkt geleitete Waldaffenmensch musste eine Vielzahl neuer Eigenschaften und Verhaltensweisen lernen, die seinem Instinkt zuwiderliefen, die wir aber bis heute für wertvoll halten: Sorgfalt, Achtsamkeit, Geduld, Vorsicht, Verantwortungsgefühl, Vernunft, Pflichtbewusstsein, Disziplin, Aufrichtigkeit, Kooperationsbereitschaft, Gehorsam und die Fähigkeit, von körperlich Schwächeren, aber Klügeren zu lernen. Der Mensch musste lernen, eigene Bedürfnisse wie Hunger hintanzustellen zugunsten von Arbeiten, die zunächst keinen unmittelbaren Nutzen für ihn hatten, wie Holz sammeln oder Glühkohle transportieren. Der Erwerb dieser Eigenschaften und Verhaltensweisen war die Voraussetzung, um später überhaupt Ackerbau und Viehzucht betreiben zu können. Und ja, ich wünsche mir, dass Menschen, die ein Atomkraftwerk betreiben oder ein Flugzeug steuern, auch heute über diese sogenannten Kardinaltugenden verfügen und danach leben. Wo immer technische Unfälle in größerem Ausmaß (wie Tschernobyl, Fukushima oder der Untergang der Amoco Cadiz) passieren, stellt sich bei näherer Untersuchung heraus, dass aus Leichtsinn oder Profitgier gegen die oben beschriebenen Tugenden verstoßen wurde.

Diese Tugenden bilden den zweiten Pfeiler einer gottlosen Ethik, und man kann hier einiges von dem übernehmen, worüber sich Kirchenleute in der Vergangenheit bereits den Kopf zerbrochen haben. Man muss das Rad ja schließlich nicht jedesmal ganz neu erfinden.

Da Feuer eine Kraft ist, die das Ökosystem, in welches der Mensch zusammen mit Pflanzen und Tieren eingebettet ist, relativ schnell zerstören kann, braucht der Mensch im Unterschied zum Tier jedoch tatsächlich eine Ethik. Der Mensch muss sich selber Regeln geben, damit er die Welt nicht zerstört. Religionen haben deshalb so lange funktioniert und funktionieren teilweise immer noch, weil sie neben allerlei Unsinnigem ein solches Regelwerk zur Verfügung stellen, das den Menschen in der Vergangenheit beim Überleben geholfen und verhindert hat, dass er die Welt mutwillig in Asche verwandelt.

Die im Animismus vorherrschende Geister- und Dämonenwelt funktioniert als Regelwerk in Gesellschaften, die noch stark in die Natur eingebettet sind und von der Natur leben. Als die Menschen anfingen, Städte zu gründen und Ackerbau und Viehzucht professionell zu betreiben, erfanden sie die Götter und schließlich den einzigen und allmächtigen Gott. Seit der Industriellen Revolution, spätestens jedoch seit der Erfindung der Atombombe funktioniert das religiöse Paradigma, das in Gott den Allmächtigen und im Menschen bloß das Werkzeug sieht, nicht mehr. Seit der Mensch in der Kernphysik Prozesse nachahmt, wie sie in der Sonne stattfinden, hat der Himmel als Thron Gottes ausgedient.

Ohne ethische Grundsätze dürfte der Mensch aber trotzdem nicht weit kommen. Deshalb müssen wir das Regelwerk neu begründen. Mitgefühl allein reicht nicht aus, weil der Umgang mit dem Feuer und der daraus entstandenen Technik mehr von uns verlangt. Mit noch so viel Mitgefühl lässt sich ein zweites Tschernobyl nicht verhindern, um es mal deutlich zu sagen. Kommt außerdem hinzu, dass es mit dem Mitgefühl in Krisensituationen, und seien sie nur eingebildet, ja auch immer überraschend schnell vorbei ist. Es tut dem Menschen gut, wenn er etwas Greifbareres hat, an das er sich halten kann.