Die Flucht vor der Individualität

Beim Menschen ist keine Schraube locker, wie häufig behauptet wird, im Gegenteil. Die Schrauben, die den menschlichen Hirnkasten zusammenhalten, wurden übers Normalmaß hinaus angezogen. Vielleicht wurde ein elektrischer Schraubenzieher mit zuviel power benutzt. Auf jeden Fall hat sich der Inhalt in unserem Hirnkasten bei der Montage verdreht. Die Folge davon ist, dass der Mensch schwarz für weiß hält, krank für gesund und Dekadenz für Fortschritt.

Ein schönes Beispiel in dieser Kategorie der Verdrehungen sind auch die endlos wiederholten Vorwürfe von Egoismus und Individualismus, die heute jeder jedem macht und die dafür verantwortlich sein sollen, dass der Mensch zum Schrecken des Ökosystems mutiert, die Tierwelt am Aussterben und die Welt samt ihrem Klima in einem absolut desolaten Zustand ist. Nichts könnte falscher sein. Nie war der Mensch weniger ein Individuum als heute. Seit Tausenden von Jahren läuft die menschliche Entwicklung kontinuierlich darauf hinaus, die ursprünglich einmal vorhandene Individualität zu zerstören. Heute ist dieser Prozess so gut wie abgeschlossen. Der Mensch ist nämlich kein Individuum mehr. Deshalb fangen einige Forscher damit an, sich nun für Schwarmintelligenz zu interessieren.

In der grünlinken Mainstream-Ideologie ist hingegen ständig von der individualistischen Gesellschaft die Rede. Von der Gier und dem Egoismus, die den Einzelnen in dieser Gesellschaft prägen. Das ist schon ein Widerspruch in sich. Eine Gesellschaft aus Individuen kann es nicht geben. Eine Gesellschaft entsteht immer nur da, wo Individualität zugunsten der Gemeinschaft aufgegeben wird, wo der Einzelne seine persönlichen Bedürfnisse zugunsten eines übergeordneten Systems zurückstellt. Das geschieht meist nicht freiwillig. Viel häufiger wird der Einzelne vom System gezwungen. Er muss Steuern und sonstige Abgaben bezahlen. Er wird mit einer Flut von Gesetzen überschüttet. Heutzutage darf man nicht mal mehr sein Eigentum verschenken, ohne dass die Gesellschaft dafür Schenkungssteuer verlangt. Man darf sich die Mieter für seine Wohnung weder selber raussuchen, wenn man damit irgendjemand diskriminiert, noch darf man die Mieter rausschmeißen, selbst dann nicht, wenn sie sich als Messies entpuppen, die in der Badewanne Kronenkorken sammeln.

Das objektive Anzeichen dafür, dass es keine Individuen mehr gibt, besteht darin, dass heute in unserem Gesellschaftssystem kein Mensch mehr für sich selber sorgen kann. Jeder Mensch ist heute dermaßen mit anderen Menschen vernetzt und von anderen Menschen abhängig geworden, dass schon eine relativ kleine Störung ausreicht, um einen Dominoeffekt hervorzurufen, der die ganze Welt in eine tiefe Krise stürzt. Es reicht, wenn sich irgendwo in Amerika eine einzige Bank verzockt, um eine weltweite Wirtschaftskrise auszulösen. Das hat uns das Jahr 2008 gezeigt.

In der Folge dieser Krise hat sich die Menschheit noch enger vernetzt und der einzelne Mensch hat sich noch abhängiger und unselbständiger gemacht. Der Mensch glaubt, dass ein vernetztes System Sicherheit gewährt. Was wir jedoch gerade erleben, ist, dass sich abstrakte Gebilde, die eigentlich nur in unserer Vorstellungswelt existieren, wie Konzerne, Banken, Börsen, Versicherungen, Aktiengesellschaften, Staaten und Staatenverbünde stabilisieren, während das Leben für den Einzelnen immer unsicherer und unberechenbarer wird.

Es gibt in unserer Gesellschaft keine Menschen mehr, die gleichzeitig ihre Nahrung anbauen, ihr Haus und ihre Möbel bauen, die Stoffe für ihre Kleidung und dann auch noch die Kleidung selber machen. Für einen Jäger und Sammler war das absolut normal. Jeder Jäger machte seine Werkzeuge und seine Klamotten selbst. Jeder Sammler konnte Körbe flechten. In den meisten dieser Gesellschaften war es zudem so, dass auch der Sammler jagen konnte, wenn vielleicht auch nur kleinere Tiere. Und jeder Jäger kannte sich so weit mit Pflanzen aus, dass er sie auch sammeln konnte.

Heute ist es nicht mal so, dass ein Teil der Gesellschaft Nahrung anbaut, während ein anderer Teil Häuser baut und wieder ein anderer Teil Stoffe webt, nein, der Prozentsatz der Menschen, die in solch praktischen Berufen unterwegs sind, ist in den letzten fünfzig Jahren erschreckend geschrumpft. Von fünf Menschen verbringen heute vier ihren Berufsalltag damit, dass sie hinter einem Computer sitzen oder an irgendwelchen Besprechungen teilnehmen, dass sie andere Leute therapieren oder in Ladengeschäften Dinge verkaufen, die man zum Leben überhaupt nicht braucht. Oder dass sie sogar Dinge herstellen, wie Bücher und Filme, die keinen anderen Zweck haben, als den Leuten, die nicht mehr für sich selber sorgen, die Langeweile zu vertreiben.

Und auch der Eine von den Fünfen, der noch einen praktischen Beruf hat, wie Landwirt, Maurer oder Schreiner, legt kaum noch selbst Hand an, sondern bedient Maschinen. Die Haupttätigkeit des Landwirts besteht im Traktorfahren. Die Tätigkeit des Schreiners besteht darin, Sägen, Pressen und Schleifmaschinen einzustellen oder CNC-Maschinen zu programmieren. In diesen praktischen Berufen, die ja tatsächlich unsere Existenz sichern, haben schon längst computergesteuerte Maschinen das Kommando übernommen und den Menschen zum Hilfsarbeiter degradiert. Sollte also tatsächlich mal die Stromversorgung zusammenbrechen und der moderne Mensch auf sich selbst zurückgeworfen werden, wird er verhungern oder verdursten. Was für den zivilisierten Menschen also Fortschritt ist, bedeutet vom Standpunkt eines Selbstversorgers aus zunehmende Unfähigkeit und Dekadenz.

Der Grund für diese umfassende Auflösung des Individuums ist, dass der Mensch nicht in der Wirklichkeit lebt. Der Mensch lebt in den Geschichten, die er sich erzählt. Der Glaube an diese Geschichten ist dem Menschen wichtiger als die wirkliche Welt. Für seine Geschichten opfert der Mensch alles. Sogar sein Leben. Sogar den ganzen Planeten. Doch diese Geschichten sind erfunden. Es sind Fiktionen wie Einhörner und Trolle.

Die Geldwirtschaft ist beispielsweise eine Geschichte, die nur dank des Glaubens existiert, dass Geld einen Wert hat. Wenn die Menschen aufhören, an Geld zu glauben, sehen sie, dass sie nur wertloses Papier in den Händen halten. Oder dass die Zahlen auf dem Kontoauszug eben nur Zahlen sind, ohne irgendeinen reellen Wert dahinter.

Dasselbe gilt für die großen Konzerne. Ein solcher existiert nur, weil die Menschen daran glauben. In Wirklichkeit ist ein Konzern nichts anderes als ein paar wertlose Unterschriften auf einem Blatt Papier, denn weder die Gebäude, auf denen der Konzernname steht, noch die Menschen, die in dem Konzern arbeiten, sind der Konzern. Sie sind, was sie sind: Gebäude und Menschen. Erst der Glaube, dass diese Gebäude, Arbeiter, Firmenschilder und Vorstandsetagen zusammen einen Konzern bilden, machen diesen zum Konzern. Der Glaube verleiht dem Konzern eine Schein-Wirklichkeit.

Dasselbe ist es mit den Börsen, den Banken, den Staaten und all diesen Gebilden, die wir für so wichtig halten. In Wirklichkeit existieren sie nur in unserer Vorstellung und hören sofort auf zu existieren, wenn ein Großteil der Menschen den Glauben daran verliert. Wenn die Menschen den Glauben an die Deutsche Bank, an RWE, an Telekom verlieren, dann verkaufen sie die Aktien dieser Firmen. Wenn alle Leute, die Aktien halten, diese zeitgleich verkaufen und niemand diese Aktien mehr kauft, hört ein Konzern auf zu existieren.

Diese Fähigkeit, irgendwelchen erfundenen Geschichten zu glauben, wurde in den Religionen ausgebildet. Je mehr Menschen anfingen, an dieselbe Geschichte zu glauben, desto mehr wurde aus der bloßen Fähigkeit ein Zwang. Das ergibt sich aus den Mehrheitsverhältnissen. Wenn bloß zwei Menschen dieselbe Geschichte glauben, ist es ziemlich einfach, diesen Glauben wieder aufzukündigen. Wenn hundert Menschen dieselbe Geschichte glauben, wenden sich 99 Menschen gegen denjenigen, der damit aufhört. Noch drastischer wird es, wenn solche Zahlen in die Millionen gehen oder gar alle Bewohner des Planeten umfassen.

Religionen sind nichts anderes als Geschichten, die Menschen einander erzählen. Haben sich die Jäger und Sammler ursprünglich die Geschichten von Tiergeistern erzählt, um einander für die Jagd Mut zu machen, so wurden in der landwirtschaftlichen Revolution aus diesen Geistern übermächtige Götter, die über dem Menschen stehen, genauso wie der Mensch über den Tieren und den Pflanzen steht. Da die Götter alle überaus menschliche Züge tragen, sind es nichts anderes als Projektionen, die dazu dienen, die Welt in eine hierarchische Ordnung zu bringen. Diese war notwendig geworden, damit der Mensch Tiere und Pflanzen in seinen Besitz nehmen und nach eigenem Belieben verändern, sprich züchten konnte. Tiere und Pflanzen wurden nicht länger als eigenständige Lebewesen respektiert, sondern wurden Besitztümer, sprich Sachen, über die der Besitzer verfügen konnte. Aber nicht nur Tiere und Pflanzen verloren in dieser hierarchischen Ordnung ihre Individualität, sondern auch der Mensch, der sich über sie erhob. Weder der König noch sein Sklave sind Individuen. So wie der König nur existiert, weil es Sklaven gibt, so gibt es Sklaven nur dort, wo ein König herrscht. Ein Herrscher braucht zwingend jemand, über den er herrschen kann, sonst ist er kein Herrscher. Und ebenso braucht ein Sklave zwingend einen Herrn.

Götter und Geister existieren nur in den Geschichten, die Menschen einander erzählen. Aber sie sind nicht so harmlos, wie manch einer glauben mag. Denn sie verändern die Welt tatsächlich. Nicht auf dem Weg der Wunder oder einer wie auch immer gearteten rätselhaften Bewusstwerdung, sondern indem ganz real Tempel und Kirchen für diese Götter gebaut werden und Priester ihren Anteil an allen möglichen Leistungen verlangen, für die sie selber keinen Finger gerührt haben. Die alten Geschichtenerzähler verlangten ihren Tribut in Form von Opfertieren, Getreide oder Butter. Heute sind es Steuern und sonstige Abgaben, die der abhängige Mensch entrichten muss.

Wenn plötzlich über Nacht alle Bürger zu dem Entschluss kämen, nicht länger an Geschichten zu glauben, sondern in die Wirklichkeit zurückzukehren, würden nicht nur alle Konzerne, das gesamte Geld- und das Wirtschaftssystem, sondern auch alle Staaten und Kirchen sang- und klanglos in sich zusammenstürzen. Natürlich wird das nicht passieren, weil heute weit mehr Bürger in Berufen unterwegs sind, die alle zusammengenommen der Funktion des Priesters in der Bronzezeit entsprechen. Dazu gehören beispielsweise alle Verwaltungs- und alle Heilberufe. Die gesamte Werbung und die gesamte Unterhaltungsindustrie. Alles, was im weitesten Sinn mit Politik und Geld zu tun hat. Vier von fünf Menschen gehören heute zur Priesterkaste. Weil alle diese Menschen leben wollen, können wir gar nicht mehr damit aufhören, an die Geschichten zu glauben. Doch selbst, wenn die Geschichten brüchig werden, ändert sich nichts. Wenn vier von fünf Menschen ihren Lebensunterhalt Fiktionen verdanken, werden sie nicht zulassen, dass einer vom Glauben abfällt, denn damit würden sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

Warum sind für den Menschen die Geschichten wichtiger als die Wirklichkeit? So wichtig gar, dass er ihnen einen Schrein baut? Denn in Wahrheit ist unsere ganze Zivilisation nichts Anderes als der Schrein um die erfundenen Geschichten herum.

Die Geschichten, die wir einander pausenlos erzählen, sind aus zwei Gründen für uns wichtig. Erstens geben sie unserem Leben den Sinn, den wir in der Wirklichkeit vergeblich suchen. Menschen sind bereit, für ihre Götter zu sterben. Für ihren König oder für ihre Nation. Oder für die Demokratie. Oder sonst ein Abstraktum, das nur in ihrer Vorstellungswelt Bestand hat. Kein Mensch ist jedoch bereit, für die Wirklichkeit zu sterben. Weil in der Wirklichkeit ein Tod nur ein Tod ist und keine Heldentat. Die Wirklichkeit hebt den Menschen nicht über sich selbst hinaus, sondern wirft ihn, im Gegenteil, auf sich selbst zurück.

Der zweite Grund, warum wir uns pausenlos Geschichten erzählen, ist der, dass diese Geschichten uns Gemeinsamkeit suggerieren, wo keine ist. Ohne Geschichten ist jeder Mensch für sich und lebt in seiner eigenen, kleinen Welt. In dieser Welt ist er ein Individuum. Individuum kommt von in-dividuus, das Nicht-Teilbare. Was der Mensch mit seinen eigenen Sinnen erlebt, ist weder teilbar noch mitteilbar. Ein Individuum ist weder Subjekt noch Objekt. Sondern gelebte Erfahrung. Oder eben Leben pur. Was der Mensch kommunizieren kann, ist jedoch bloß eine Erinnerung, eine vermittelte Schein-Wirklichkeit, die sich zur unmittelbaren Erfahrung wie ein Abziehbild verhält.

Der Mensch ist süchtig nach Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Er hält es allein mit sich in seiner Wirklichkeit nicht aus. Er hält es nicht aus, ein Individuum zu sein. Einsamkeit ist für den Menschen schlimmer als der Tod. Deshalb sind die Geschichten, die ihm vorgaukeln, Teil einer Gemeinschaft zu sein, nicht allein mit sich zu sein, so wichtig für ihn, dass er für diese Illusion sogar sein Leben hingibt.

Unsere Gesellschaft ist keine individualistische. Sondern das Gegenteil davon. Die ganze Zivilisationsgeschichte von ihren Anfängen bis auf den heutigen Tag ist nichts anderes als die Flucht vor der Individualität.

Lasst alle Hoffnung fahren

In den letzten Tagen habe ich von verschiedenen Leuten Mails bekommen, die meine durch und durch negative Einstellung beklagen. Was ich schreibe, sei perspektivlos. Zermürbend. Niederdrückend. Es wurde die Vermutung geäußert, dass ich unter Depressionen leide. Ich sei ein Miesmacher, Nihilist, Schwarzmaler und Misanthrop. Und so weiter.

Das ist alles richtig bemerkt. Ich bin der Geist, der stets verneint. Ich möchte weder mir noch anderen Hoffnungen machen. Das hat Methode. Absolute Hoffnungslosigkeit ist der einzige Ausweg aus dem Dilemma, in das sich die Menschheit zielsicher hineinmanövriert hat.

Mit den Hoffnungen wird nämlich weit mehr aufgegeben als bloß irgendein Schimmer am Horizont. Wer alle Hoffnungen aufgibt, muss die Welt nicht mehr retten, kehrt aus dem kollektiven Bewusstsein in sein individuelles zurück und darf wieder er selbst sein. Wer alle Hoffnungen aufgibt, bringt die fremden Stimmen in seinem Bewusstsein endlich zum Verstummen. Was für eine Erleichterung!

Wer die Welt nicht mehr retten muss, hört auf, sie kontrollieren zu wollen. Und das ist es, was die Welt und die Menschen am dringendsten brauchen: der Verzicht auf Kontrolle. Der Verzicht auf den Glauben an die Machbarkeit. Der Verzicht auf Allmacht und Gottgleichheit.

Ich gebe die Zügel aus der Hand und nehme die Karotte vor der Nase weg. Und siehe da, das Pferd bleibt stehen und fängt an zu grasen. Wer hätte das gedacht?

Zusammen mit den Hoffnungen stirbt das Über-Ich, das einem ständig mit du sollst …, du musst …, du darfst nicht … die Ohren voll labert. Zusammen mit den Hoffnungen stirbt der inkarnierte Kontrollmechanismus, der den eigenen Lebenswillen lähmt und aushöhlt. Es stirbt die Instanz, die Menschen dazu bringt, sich in den Dienst von anderen zu stellen statt sich um ihr eigenes Wohl zu kümmern.

Dieses Über-Ich ist eine Erfindung aus der Bronzezeit. Es stammt aus der Zeit der ersten Imperialisten und Weltherrscher. Aus der Zeit der Sonnengötter und Pharaonen. Den Göttern in den Mythen und Religionen entsprechen in der Struktur des kollektiven Bewusstseins die durch Könige, Priester und Gesetzgeber verkörperten Über-Ichs. Der allmächtige Gott ist identisch mit dem vereinheitlichten Über-Ich, das sich absolut setzt und über das Leben triumphiert.

Dieses Über-Ich gibt sich vernünftig und rational, dabei ist es weitaus irrationaler als das Es und das Ich. Es ist nichts anderes als der kollektive Größenwahn derjenigen, die über Menschen, Tiere und Pflanzen herrschen wollen. Der Gipfelpunkt aller Irrationalität besteht ja eben gerade darin, sich über die Anderen zu stellen. Selig diejenigen, die arm an diesem Geiste sind.

Hinter dem Über-Ich verbirgt sich ein fremder Wille. Über die Schiene eines gemeinsamen Erzählguts dringt dieser fremde Wille ins individuelle Bewusstsein ein, reißt es auf und bringt die Menschen dazu, das Fremde mit dem Eigenen zu verwechseln. Dieser fremde Wille ist ein Parasit. Er hat die Absicht, auf Kosten dessen zu leben, in den er eindringt.

Das Alphamännchen im Tierreich lebt aus seinem eigenen Vermögen heraus und gibt seinen Überschuss an Lebensenergie an schwächere Mitglieder der Gruppe ab. Der König, der das Über-Ich für alle sichtbar verkörpert, oder der Gott, der dasselbe auf unsichtbare Weise tut, zieht jedoch Lebensenergie von anderen ab, um sie auf sich zu vereinigen. So entsteht bei allen, die von einem Über-Ich besetzt werden, ein Mangel an Energie. Dieser Mangel ist es, was uns zutiefst prägt. Deshalb glauben wir nur allzu bereitwillig, dass demnächst überall die Lichter ausgehen und das Leben im Schlaraffenland ein Ende hat.

Der Priester als Mittler Gottes ist eine andere Variante des Parasiten.

Götter, Könige und Priester sind zeitgleich auf den Plan getreten. Das kann gar nicht anders sein, denn sie entsprechen einander, agieren nur auf unterschiedlichen Ebenen. Der König agiert in der Realität, Gott auf der Ebene des Mythos oder der Erzählung. Der Priester agiert auf der Ebene der Realität als Diener des fiktiven Gottes. Tatsächlich fallen sie aber in eins. Götter, Könige und Priester sind Räuber. Sie rauben die Lebensenergie derjenigen, die bereit sind, über den Weg eines gemeinsamen Erzählguts (Mythos) einen anderen Willen über den eigenen zu setzen und als Über-Ich zu inkarnieren.

Heute sind es nicht mehr die Götter, Könige und Priester, auf die sich das Parasitentum beschränkt. Im Laufe der Zivilisationsgeschichte hat sich der Parasit milliardenfach geteilt und sich in immer neuen Wellen tiefer und tiefer ins kollektive Bewusstsein und damit ins Bewusstsein jedes Einzelnen eingenistet. Teilung heißt Fragmentierung. Der Parasit zerfällt in immer kleinere Bruchstücke, von denen sich immer mehr im kollektiven Bewusstsein und im Über-Ich ansammeln.

Immer noch gibt es Herrscher und Sklaven, aber nur noch selten findet man sie in Reinkultur. Stattdessen verbreitet sich der Typus des Herrschersklaven. Das ist ein Mensch, der auf Kosten der Gesellschaft leben will, von der er jedoch gleichzeitig auch ein Teil ist. Statt bei sich zu bleiben und das eigene Vermögen zu entwickeln, zerrt man lieber an den Anderen herum und versucht, bei denen was abzuzwacken. Anderen was aufzudrängen, was sie nicht brauchen, und wegzunehmen, was man selber brauchen kann, darum geht es in der Werbung und im Marketing. Im Endeffekt führt die Entwicklung dahin, dass jeder auf Kosten des anderen lebt. Natürlich wird das so nicht gesagt. Stattdessen versichern wir uns gegenseitig, dass wir gemeinsam die Welt retten.

Es macht einen Unterschied, ob jeder aus seinem eigenen Vermögen heraus lebt oder auf Kosten von anderen. Wo jeder aus seinem eigenen Vermögen heraus lebt, regiert die Vielfalt. Die Lebensenergie korrspondiert mit dem eigenen Lebenswillen. Einige haben einen sehr starken Lebenswillen, andere einen weniger stark ausgeprägten und bei manchen ist er so schwach, dass sie aus eigener Kraft nicht überlebensfähig sind. Wenn ein Individuum über mehr Energie verfügt, als es selber braucht, kann es davon an andere abgeben oder sich ein Schloss oder einen Porsche kaufen.

Wo jeder auf Kosten von anderen lebt, regiert die Vereinheitlichung. Es läuft darauf hinaus, dass letzten Endes jeder gleich viel Energie zur Verfügung hat, ganz egal, was in ihm angelegt ist. Die Lebensenergie ist nicht länger Ausdruck des eigenen Lebenswillens. Ein starker Lebenswille wird von den Anderen gestutzt, ein schwacher Lebenswille wird gestärkt. Jeder gleicht sich den anderen an, solange, bis alle Unterschiede eingeebnet sind. Mark Zuckerberg ist nicht mehr von Jim Knopf zu unterscheiden. Wo der Herrschersklave noch ein Sklavenherrscher ist, gibt er sich hemdsärmelig und leutselig und tut so, als wäre er allen anderen gleich.

Wenn jeder auf Kosten anderer lebt, braucht es zudem eine Organisationsstruktur, die als solche eine Menge Energie verschlingt. Die Energie muss ja erst mal geraubt werden, was an sich schon ein Aufwand ist. Mit demselben Aufwand muss sie dann wieder verteilt werden. Kommt noch hinzu, dass durch diese Umverteilung auch eine Menge Energie sinnlos im Nichts verpufft, denn ein solches Verteilungssystem läuft ja nicht reibungslos. Je gleichmäßiger verteilt wird, desto mehr Verwaltungsaufwand ist damit verbunden. Die Umverteilung ist der Grund dafür, dass die Bürokratie immer ausufernder und der Verwaltungsapparat immer schwerfälliger wird.

Wo jeder auf Kosten von anderen lebt, muss der Einzelne insgesamt also weit mehr Energie aufbringen, als wenn er aus eigenem Vermögen heraus lebt. Säugetiere unserer Größe, die im Gegensatz zu uns Menschen aus eigenem Vermögen heraus leben, liegen meist irgendwo entspannt herum, wenn sie nicht gerade mit Wiederkäuen oder Balzen beschäftigt sind.

Das Defizit, das durch den Parasiten namens Über-Ich entsteht, puffern wir bis heute mehr schlecht als recht durch die Technisierung ab. Doch obwohl wir immer mehr Technik zur Verfügung haben, die uns immer mehr Arbeit abnimmt, klagen immer mehr Leute über Stress im Beruf und Burnout. Der Mechanismus der Umverteilung frisst mehr Humankapital, als durch die Technisierung freigesetzt wird. Dennoch ist die Technisierung ein geschickter Schachzug des Parasiten. So wird uns Menschen suggeriert, dass wir die Welt im Griff haben, während wir vom Parasiten fremdgesteuert werden.

Das Einfallstor für diesen Parasiten, der als Über-Ich den Lebenwillen des Einzelnen kontrolliert, sind die Hoffnungen. Mit dem Glaube an Götter werden ebenso Hoffnungen verbunden wie mit der Ehrfurcht vor Königen, Konzernchefs oder Politikern. Die Hoffnung, dass die Gesellschaft es schon richten wird oder dass wir die Welt retten, wenn nur alle am selben Strick ziehen, ersetzt aufgrund der dem Prozess immanenten Fragmentierung heute den Glauben an Götter und Könige.

Dem Über-Ich kann man am besten begegnen, wenn das Einfallstor geschlossen und alle Hoffnungen ersatzlos in den Wind geschossen werden. Leider wird man sich, wenn man das tut, auch der immensen Verwüstungen und Zerstörungen bewusst, die dieser Parasit nicht nur in den Köpfen und Seelen, sondern auch in der Natur und den Ökosystemen schon angerichtet hat. Über den technisch-kommerziellen Komplex hat der Parasit die Welt längst unterjocht und in Besitz genommen. Über Big Data saugt er die Menschen weiter aus.

Das Über-Ich gibt sich, schlau wie es ist, erst dann als Parasit zu erkennen, wenn es bereits viel zu spät ist, um noch irgendwas zu retten. Falls sich ein Leser jetzt doch Hoffnungen gemacht hat, muss ich ihn leider enttäuschen. Es ist zu spät. Der Zug ist abgefahren. Wir können die Welt nicht mehr retten. Nicht mal dann, wenn wir uns keine Hoffnungen mehr machen.

Augustinus sagte einst: Liebe und tu, was du willst. Ich sage: Lasst alle Hoffnung fahren und tut, was ihr wollt. Es kommt im Endeffekt aufs selbe raus.

Ein neues Menschenbild

In den vergangenen Jahrtausenden hat sich der Mensch über sein Verhältnis zu Gott definiert. Im Polytheismus tritt an die Stelle eines einzigen Gottes ein ganzes Pantheon von Göttern. Im Pantheismus, wie er heute in vielen spirituellen Richtungen vertreten wird, gibt es keinen personifizierten Gott, dafür jedoch das Göttliche als geistigen Urgrund, das als Universum, als Evolution, als Natur für uns sichtbar wird. Das Prinzip bleibt jedoch immer dasselbe: Erst in seinem Verhältnis zu Gott oder dem Göttlichen weiß der Mensch, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf. Doch ist es wohl gerade umgekehrt: der Mensch schuf Gott zu seinem Bilde. Die jeweiligen Gottesbilder, die sich durch die Zeit hindurch und in den verschiedenen Religionen wandelten, gaben den Menschen Orientierung und sagten ihnen, wer sie sind. In Gott erkannten sie sich selbst. Oder anders: Gott war das Spiegelbild des Menschen. Er war das kollektive Bewusstsein, das sich, tausendfach gebrochen, in den Individuen widerspiegelte.

Der wissenschaftliche Mensch der Neuzeit hat Gott zur bloßen Hypothese erklärt und damit den Spiegel zerbrochen. Wo immer Gott an Bedeutung verliert, weiß der Mensch nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist. Mit Gott hat der Mensch seine bisherige Orientierung verloren. Er muss sich neu bestimmen.

Der Darwinismus bietet eine alternative Erklärung: Der Mensch stammt vom Affen ab. Diese Erklärung ist heute weitgehend akzeptiert und wird in den Schulen gelehrt, trotzdem bleiben viele Fragen offen: Warum hat der Mensch Geist? Warum kann er über etwas nachdenken? Woher kommt das Bewusstsein vom Tod? Was ist Leben? Woher kommt es? Was ist der Sinn von allem? Wonach kann ich mich richten, wenn Ethik und Moral nicht mehr gottgegeben, sondern lediglich gesellschaftliche Übereinkunft sind? Und nicht zuletzt: Warum sind ausgerechnet wir, die Vernunftbegabten, eine Spezies, die dabei ist, diesen Planeten in eine Wüste zu verwandeln? Warum tun wir das? Wenn der Mensch für das sechste große Artensterben verantwortlich ist, was bedeutet dann Vernunft? Wer sind wir eigentlich?

Für die Abstammung des Menschen vom Affen hat die Wissenschaft inzwischen so viele Beweise geliefert, dass man dies erstmal getrost als gegeben hinnehmen kann. 98%  unseres Genmaterials ist mit dem von Schimpansen identisch. In der Archäologie hat man zahlreiche Knochenreste gefunden, die den Übergang vom Affen zum Menschen dokumentieren. Wenn man Schimpansen und Bonobos in ihrem Verhalten beobachtet, kann man die Verwandtschaft auch nicht leugnen. Die Frage, warum der Mensch Geist, Sprache, Kultur und Technik entwickelt hat und in die Lage versetzt worden ist, den ganzen Planeten umzukrempeln, bleibt jedoch unbeantwortet. Warum ist der Schimpanse dabei geblieben, mit Steinen Nüsse zu knacken und mit Zweigen nach Ameisen zu pulen? Warum baut er keine Städte, verehrt keine Götter und fliegt nicht zum Mond? Was unterscheidet den Schimpansen vom Menschen?

Meine Antwort lautet, der Mensch hat Geist entwickelt, weil er angefangen hat, mit dem Feuer zu spielen. Der Umgang mit dem Feuer zwang unseren Vorfahren Verhaltensweisen auf, die nicht im Instinkt verankert waren, sondern diesem gerade diametral entgegenstanden. Diese neuen Verhaltensweisen mussten irgendwo gespeichert werden, damit sie an die Nachkommen weitergegeben werden konnten. Deshalb war es notwendig geworden, ein größeres Gehirnvolumen zu entwickeln und nur deshalb konnte die entsprechende Mutation sich beim Menschen durchsetzen. Die aus dem Umgang mit dem Feuer entwickelten Techniken und Verhaltensweisen werden nicht intrinsisch als Instinkt weitergegeben, sondern extrinsisch über Erziehung, Kultur und Zivilisation. So gut wie unsere ganze Technologie, vom ersten Lagerfeuer bis hin zur Atombombe und zu Quantencomputern, ist eine Folge davon, dass vor ein bis zwei Millionen Jahren schimpansenähnliche Wesen anfingen, mit dem Feuer zu experimentieren. Der Geist, den der Mensch entwickelt hat, ist ein Feuergeist.

Als Menschen sind wir also mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. Und damit sind wir ein verkörperter Widerspruch.

„Aristoteles … glaubte: Alles Lebendige strebt nach Sein. Dieses Streben ist seine Seele. Ein Wesen sehnt sich zu sein, zu dauern, mehr zu sein, als es ist. Es dürstet danach, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten, mehr von diesem kostbaren Stoff aufzusaugen – von einem Stoff, dessen man nur habhaft wird, wenn man atmet. Dieser Durst ist das Leben. Der Lebenswunsch trägt einen Organismus wie die Woge den Schwimmer.“ (Weber, S. 32)

Leben ist nicht nur Fülle, sondern Überfülle. Da alles sein will und danach strebt, mehr zu sein, ist exponenzielles Wachstum die unausweichliche Folge. Da der Planet nicht mitwächst, führt exponenzielles Wachstum der Lebewesen, die ihn besiedeln, schließlich dazu, dass das Leben aufgrund seiner Überfülle an sich selbst erstickt und kollabiert. Um die Überfülle zu bändigen, hat die Natur tief in die Trickkiste gegriffen. Sie hat die Eiszeiten und die Jahreszeiten erfunden, den Stoffwechselkreislauf, der darin besteht, dass Eines das Andere frisst, komplizierte Balzrituale und … und …  – den Waldbrand, das Feuer.

Die Geschichte des Feuers auf unserem Planeten ist so alt wie die Geschichte der Vegetation selbst. Der geologische Nachweis von Waldbränden ist so alt wie der Nachweis von Waldvegetation: ungefähr 350 Millionen Jahre. Das heißt, mit den Wäldern entstanden gleichzeitig auch die Waldbrände. Beides gehört unabdingbar zusammen. Das Feuer war notwendig, damit die Wälder nicht an sich selbst erstickten, damit sie sich von Zeit zu Zeit verjüngen konnten.

Feuer ist der Gegenspieler des Lebendigen. „Sein unmittelbarer Effekt ist zerstörerisch. Es löst die hochkomplexen Strukturen organischer Substanzen auf und reduziert sie zu Asche und Rauch. Dieses Ergebnis ist irreversibel; es ist unmöglich, dass sich die Überreste wieder in ihre ursprünglichen Formen und Farben zurückverwandeln.“ (Goudsblom, S. 11)

Maßlos, zerstörerisch, irreversibel, ziellos, sich selbst erzeugend – das sind die Eigenschaften des Feuers. Es sind auch die Eigenschaften unseres menschlichen Geistes. Deshalb führt unsere Vernunft dazu, dass wir uns wie ein Feuerbrand über den Planeten ausbreiten und dabei sind, die lebendige Natur in unlebendige Technosphäre zu verwandeln. Unter Technosphäre werden sämtliche, von Menschenhand erschaffenen Artefakte verstanden: Häuser, Straßen, Städte ebenso wie Autos, Kraftwerke, Telefonnetze oder Kugelschreiber, Bücher und Computer. Wissenschaftler der Universität von Leicester haben errechnet, dass die gesamte Technosphäre inzwischen 30 Billionen Tonnen wiegt. Das ist hunderttausendmal mehr als das Gewicht aller sieben Milliarden Menschen zusammengenommen, mehr als 50 kg auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche.

Wie alle Lebewesen wollen wir uns ausbreiten, entfalten und vermehren. Wir wollen mehr von dem, was Leben ist, und mehr hinterlassen, als wir am Anfang hatten. Wir tragen den Durst nach Leben in uns. Wir sind dieser Durst nach Leben. Wir breiten uns solange aus, bis wir an Grenzen stoßen. Dank unseres Geistes ist es uns gelungen, die meisten Grenzen zu überwinden, und wo wir sie nicht überwinden können, sie wenigstens zu verschieben, wie bei der Lebenserwartung. Unsere Fressfeinde haben wir weitgehend ausgerottet oder dahin vertrieben, wo sie uns nicht gefährlich werden können. Wir haben gelernt, in stark variierenden Klimaverhältnissen zurechtzukommen und mit Krankheiten fertig zu werden. Was wir noch nicht können, ist, andere Planeten zu besiedeln. Möglicherweise ist uns hier definitiv eine Grenze gesetzt, denn bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass wir die ungeheuren Entfernungen jemals überwinden können.

Als Menschen sind wir mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. In uns begegnen sich exponenzielles Wachstumspotenzial und exponenzielles Zerstörungspotenzial. Beide Potenziale sind maß- und grenzenlos. Unser Wachstumspotenzial kann den Planeten verwüsten. Unser Zerstörungspotenzial ebenso. Und irgendwie sind wir da schon gut unterwegs. Was die Verwüstung angeht, liefern sich das Bevölkerungswachstum und das Wachstum der Technosphäre ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Der Phasenübergang vom Jäger und Sammler zum Metallurg, Händler, Krieger und Bauer in der Bronzezeit gab uns die Mittel in die Hand, die ganze Erde in Technosphäre zu verwandeln, eine Entwicklung, die durch die Industrielle Revolution eskaliert ist. Die Digitale Revolution hat zum Inhalt, nach der Erde nun auch den Menschen selbst in Technosphäre zu verwandeln. Das ist der Weg, den wir gehen. Im gleichen Maße, wie wir die Umwelt in eine technisch-künstliche verwandeln, verwandeln wir selbst uns in Cyborgs.

Ob wir uns durch exponenzielles Wachstum oder durch exponenzielle Zerstörung vernichten, ist eigentlich egal.

Bleibt in dieser anscheinend ausweglosen Situation ein Ausweg? Besteht die Aufgabe als Mensch vielleicht darin, das Wachstums- und das Zerstörungspotential gegeneinander auszugleichen, sodass sie sich wechselseitig selbst begrenzen? Können wir als Menschheit zumindest noch paar hunderttausend Jährchen überleben, wenn wir lernen, uns selbst ein Maß zu setzen, uns selbst zu begrenzen?

Seit jeher tragen Menschen auch einen asketischen Hang zur Selbstbegrenzung in sich. Gnóthi seautón, erkenne dich selbst, und medén ágan, nichts im Übermaß: so lauten zwei Inschriften im Apollotempel von Delphi. Vielleicht haben diese uralten Worte ja immer noch Gültigkeit.

In vergangenen Tagen wurden Selbsterkenntnis und Maßhalten über die Religionen vermittelt. Mit dem Zusammenbruch der Gottesbilder und der Durchsetzung des wissenschaftlichen Weltbildes sagen die Religionen den meisten Menschen nicht mehr viel. Aber wenn man auf dem wissenschaftlichen Weg zum selben Ergebnis kommt, handelt es sich bei Selbsterkenntnis und Maßhalten womöglich um etwas, das über den Zeitgeist hinausgeht, nämlich um fundamentale Weisheiten, die dem Leben an sich dienen.

Literatur:
Goudsblom, Johan: Die Entdeckung des Feuers. 2000
Weber, Andreas: Alles fühlt. 2008

Der etwas andere Text zu Ostern

Der Höhepunkt eines jeden Gottesdienstes ist nicht die Predigt, sondern die Wandlung. Die Choreographie einer Messe konzentriert sich auf diesen Punkt hin. Die Wandlung wird so erklärt, dass Jesus Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes Brot in seinen Leib und Wein in sein Blut verwandelt. Ein Christ glaubt daran, dass Christus wirklich, also leibhaftig, in Wein und Brot gegenwärtig ist. Brot und Wein wurden durch die Worte des Priesters in ihrer Substanz verändert. Eine Wesensverwandlung also. Transsubstantiation.

Unter Kommunion versteht man den Empfang der Gaben von Brot und Wein, die nun den Leib und das Blut Christi repräsentieren.

Jede Mahlzeit ist ein heiliger Akt, der uns mit allem, was lebt und ist, verbindet. Jedes Stück Brot erfährt, indem ich es esse, eine wesenhafte Verwandlung. Eine Transsubstantiation, geradeso, wie die Kirche sie für die Hostie beschreibt.

Was einmal Brot gewesen ist, wird zu meinem Leib. Und zwar ganz konkret: Das Brot wird in seine molekularen Bestandteile zerlegt, über die Darmwand in meinen Stoffwechsel aufgenommen und durch die emsige Arbeit vieler Zellen in meinen Leib verwandelt. An irgendeinem Punkt in diesem Vorgang hört das Brot auf, Brot zu sein. Es verwandelt sich in meinen Leib. Daran ist an sich nichts Geheimnisvolles und nichts Rätselhaftes, aber ein Wunder ist es dennoch.

Bevor es zum Brot wurde, reifte das Getreide dank Sonnenlicht, Wasser und Mineralien auf dem Feld heran. Im Getreide vereinigen sich die vier Elemente Erde, Wasser, Licht und Luft. Wenn ich Brot esse, habe ich teil an dieser Vereinigung. Sie hebt mich über mich selber hinaus und bindet mich in den großen Kreislauf der Natur ein. Nahrungsaufnahme ist nichts Banales. Nichts, das man achtlos nebenher erledigen sollte. Eigentlich seltsam, dass wir uns dieser Dimension unserer Existenz bei all unserer angeblichen Bewusstwerdung so wenig bewusst sind, ja sie immer weniger spüren und sogar vergessen. Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass Fast und Convenience Food sich immer größere Marktsegmente erobern. Der Herd und damit die Küche als das ursprüngliche Zentrum aller menschlichen Aktivitäten hat ausgedient. In Amerika gibt es anscheinend sogar schon Häuser, wo sich, was mal Küche war, auf Mikrowelle und Wasserkocher beschränkt.

„Stoffwechsel heißt, den eigenen Stoff mit der Welt zu tauschen. Wenn ich etwas esse, so durchläuft mich dieser Brennstoff ganz anders als einen Motor das Benzin. Dieses wird im Kolben gezündet, verbrennt und verlässt dann den Auspuff wieder als CO2. Die Nahrung aber, die ich zu mir nehme, wird stofflich zu einem Teil von mir. Die Zellen müssen dafür ein anderes Stück ihrer eigenen Substanz hergeben. Wir alle stoßen mit jedem Atemzug einen Teil von uns an die umgebende Luft ab. Im selben Maße entstehen wir neu aus den Produkten der Erde. Was eben noch ich war, ist jetzt schon das CO2-Molekül in der Lunge des Gegenübers und dann ein Stück Grashalm auf der Wiese. Was eben noch Korn auf dem Feld war, ist nun bereits „Ich“. Aber dieses Ich ist stets ein anderer, weil es nicht aus meinen eigenen spezifischen Stoffteilchen besteht, sondern weil der Stoff, der mich bildet, beständig wechselt.“ (Andreas Weber, Alles fühlt, S. 58).

Im Gottesdienst folgt die Kommunion auf die Wandlung. In Wirklichkeit ist es gerade anders herum. Zuerst erfolgt die Kommunion, der Empfang der Gabe, die Teilhabe, und dann die Wandlung, die wesenhafte Verwandlung der Nahrung in meinen Leib.

Doch nicht nur die Reihenfolge wird im religiösen Ritus verdreht. Er gründet zudem auf einer heimlichen Vertauschung von dem, was wir in dualistischer Weise als Geist und Materie definieren. Im religiösen Ritus wird der Geist zum verbindenden, die Körperhaftigkeit zum trennenden Element. Dem Gläubigen wird suggeriert, dass alle Menschen, über den Geist verbunden, eine Gemeinschaft, eine Einheit bilden.

In Wirklichkeit ist es unser stofflich-materieller Anteil, über den wir mit anderen Menschen und der Welt zutiefst verbunden sind. Diese Verbundenheit erwächst aus dem beständigen Austausch der Materie, aus dem wirbelnden Tanz der Teilchen. Es ist ein permanentes Geben und Nehmen, an dem alles Sein teilhat und von dem niemand ausgeschlossen ist.

Die Kirche lehrt uns, dass wir über unseren Geist am Göttlichen teilhaben. Das bedeutet, dass mein Geist zumindest ein Widerschein des göttlichen sein muss, denn wäre mein Geist dem göttlichen nicht zumindest ähnlich, dann könnte ich nicht an ihm teilhaben. Doch dieser Geist bedeutet Entfremdung: von der Natur, vom Leben, von den Anderen, von mir selbst.

Wenn ich meinen eigenen Geist beobachte, stelle ich fest, dass er es ist, der mich von allem trennt. Ich fange an, mich fremd zu fühlen, sobald ich andere Menschen oder die Welt als von mir getrennte Objekte betrachte. Das geschieht nicht über den Körper, sondern über den Geist. Da die materielle Seite nicht beständig ist, kein Ich kennt, sondern aus permanentem Geben und Nehmen besteht, also Stoffwechsel ist, kann die körperliche Erfahrung nicht objektiviert werden. Sie ist immer subjektiv, immer eingebettet in die Umwelt, immer in der Teilhabe mit den Anderen, immer im Austausch mit allem.

Wenn ich die Anderen und die Welt als von mir getrennte Objekte betrachte, muss ich einen künstlichen Weg (er)finden, um mich mit den Anderen zu verständigen oder mich in der Welt zurechtzufinden. An die Stelle von Kommunion im Sinne von Teilhabe tritt im geistigen Austausch die Kommunikation. Im Gegensatz zur Kommunion ist Kommunikation nicht unmittelbar, spontan und direkt, sondern vermittelt. Es gibt Sender und Empfänger, die über ein Medium miteinander in Verbindung stehen, ansonsten aber getrennt voneinander sind. Als Medium dient eine Sprache. Ob Bildersprache, Gestik, gesprochene Sprache oder Schrift, ist dabei unerheblich.

Da ich ein Medium (eine Sprache) benutzen muss, kann ich nie mit Sicherheit sagen, dass ich mein Gegenüber wirklich verstanden habe. Die Benutzung einer Sprache ist eine Quelle unendlicher Missverständnisse. Im Grunde weiß ich nicht, was im Geist eines anderen Menschen wirklich vorgeht, was er denkt oder fühlt. Ich bin auf das angewiesen, was er von sich preisgibt. Doch selbst, wenn der Andere mir einen Einblick in seine Innenwelt gibt, kann ich nicht sicher sein, dass ich es so verstanden habe, wie es gemeint war.

Was in der Kommunion Teilhabe durch wesenhafte Verwandlung ist, ist in der Kommunikation Information, die weder den Sender noch den Empfänger wesenhaft verwandelt. Es ist wie beim Motor, bei dem das Benzin bloß durchläuft. Wie beim Motor durch die Verbrennung von Benzin Energie freigesetzt wird, so geschieht das auch in der Kommunikation. Der Austausch von Information löst energetische Prozesse aus. Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, dass energetische Prozesse wie beispielsweise ein Shitstorm oder eine Bundestagsdebatte gleichzeitig mit einer wesenhaften Verwandlung einhergehen. Meist ändert sich dadurch nämlich erstmal gar nichts. Wenn Wissenschaftler uns nun einreden wollen, dass Information der Urstoff ist, aus dem alles besteht, dann heißt das nichts anderes, als dass wir Menschen der Welt vollkommen entfremdet sind. Noch entfremdeter kann man gar nicht sein. Wo alles nur noch Information und keine Teilhabe mehr ist, ist die Trennung absolut. Ich glaube, man sollte nicht immer auf die Wissenschaftler hören.

Unser Geist ist unser Gefängnis, aus dem wir nicht herauskommen. Genau darauf weist Platons Höhlengleichnis hin. Diese Trennung von der Welt und den Anderen durch unsere geistigen Gefängnismauern ist die Quelle all unserer Missverständnisse und all unserer Kriege. Deshalb führen Tiere in der Regel keine Kriege. Weil sie mit weniger oder gar keinem Geist wie dem unseren ausgestattet sind.

Ich frage nicht nur mich, sondern auch die Priester: Wie kommt die Kirche dazu, uns gerade das Gegenteil von dem zu lehren, was der Wirklichkeit entspricht und was jeder an sich selbst beobachten kann? Und wieso glauben wir das unwidersprochen? Warum gehen wir nicht von unseren eigenen konkreten Erfahrungen aus?

Kommunion und Wandlung sind in der Tat heilige Handlungen. In dieser Reihenfolge. Und nicht, wenn sie in der Kirche stattfinden. Wir vollziehen sie jeden Tag, und das heiligt unseren Alltag und macht unser Leben reich und kostbar.

Im Bann des Lichts

Wenn ein Kind geboren wird, sagt man, dass es das Licht der Welt erblickt. Am Lichterfest Weihnachten freuen wir uns über ein strahlendes Lächeln und über leuchtende Kinderaugen. In der Pubertät pflegt ein junger Mensch fürs andere und manchmal auch fürs eigene Geschlecht zu entflammen. Dann brennt er vor Sehnsucht und Begeisterung oder glüht vor Leidenschaft und Liebe. Manchmal entbrennt der Mensch auch in Wut oder Hass. Bisweilen hält er flammende Reden. Hin und wieder geht dem Menschen ein Licht auf, das er tunlichst nicht unter seinen Scheffel stellt. Anderen sollte man ein Feuer unterm Hintern machen oder Zunder geben. Wer kein großes Licht ist, hat oft nicht mal einen Funken Verstand. Es gehört sich nicht, andere hinters Licht zu führen. Wenn nach achtzig oder neunzig Jahren der Lebensfunke erlischt, fährt das lichtscheue Gesindel zur Hölle oder wird im Fegefeuer geläutert, während der Erleuchtete im ewigen Licht wandelt.

Menschen sind Kinder des Feuers. Es gibt keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist. Und von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, Feuer selbst zu entfachen und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Was für die Fische das Wasser, für die Vögel die Luft und für die Würmer die Erde, ist für uns Menschen das Feuer: es ist unser Element. Deshalb glauben Wissenschaftler, dass der Kosmos in einem Feuersturm begonnen hat. Deshalb glauben religiöse Menschen, dass sie nach ihrem Tod ins Licht eingehen. Menschen sind aufs Feuer und aufs Licht fixiert. Wie die obigen Redensarten zeigen, identifizieren wir uns sogar mit Feuer und Licht.

Ohne Feuer wären wir keine Menschen. Ohne Feuer hätte der Homo erectus und später der Homo sapiens die Eiszeiten nicht überlebt. Ohne Feuer würden wir noch mit Steinen auf Nüssen rumklopfen oder mit Stöckchen in Baumrinden pulen. Hätten wir nicht angefangen, den Umgang mit dem Feuer zu erlernen, hätte sich unsere Großhirnrinde nicht auffalten müssen, um all die Informationen zu speichern, die dem Instinkt zuwiderlaufen. Da allein der Mensch mit dem Feuer umgeht, hat nur er das Gen, das während der Embryonalentwicklung die Vermehrung bestimmter Hirnstammzellen und die Faltenbildung zur Vergrößerung der Oberfläche der Großhirnrinde anregt. Dank dieses Gens ist unser Gehirnvolumen dreimal so groß wie das unserer tierischen Verwandten.

Ohne den Umgang mit dem Feuer wären unsere Vorfahren nie auf die Idee gekommen, den Blick in den Himmel zu heben, um dort noch mächtigere Feuer zu entdecken: die Sonne und die Sterne. Es hätte keine Astronomie, keine Mathematik und keine Kalender gegeben, die die Zeit für Aussaat und Ernte bestimmten. Es hätte keine Landwirtschaft gegeben, denn um Landwirtschaft zu betreiben, braucht man nicht nur eine Kenntnis der Jahreszeiten, sondern auch im Feuer geschmiedete Metallwerkzeuge, um den Boden zu bearbeiten.

Es liegt deshalb eine tiefere Wahrheit darin, wenn wir vom Licht des Geistes reden. Oder vom Licht der Vernunft. Oder vom Licht der Aufklärung. Unser Geist ist zutiefst vom Feuer geprägt. Ja, man kann sogar sagen, das Feuer hat unseren menschlichen Geist hervorgebracht. Als Menschen nehmen wir die Welt mit unserem Feuergeist wahr. Wir können gar nicht anders. Deshalb beleuchten wir sogar nachts unsere Städte. Vom Flugzeug aus betrachtet, sehen Städte nachts wie glitzernde Geschmeide aus Gold aus. Oder wie das Abbild unseres Gehirns, mit den Städten als leuchtenden Nervenknoten und den Verkehrswegen als Dendriten und Axonen. Mit den nächtlich beleuchteten Städten setzen wir unserem eigenen Gehirn ein Denkmal. Wo das Licht des Geistes leuchtet, wird keine Nacht mehr sein. So ähnlich steht es schon in der Bibel.

 

Viele haben noch eine Erinnerung daran, dass es nicht immer das Feuer und das Licht waren, die unser Dasein bestimmt haben. Die alten Mythen erzählen davon, dass wir ursprünglich aus dem Wasser kamen. Deshalb gibt es auch viele Redensarten, die mit Wasser zu tun haben: sich wohl wie ein Fisch im Wasser fühlen, jemandem das Wasser abgraben, mit allen Wassern gewaschen sein. Aber der Urknall mit seinem anschließenden Feuersturm hat den Ringstrom Okeanos (Griechenland), das Urmeer Apsu (Sumer) oder den Milchozean (Indien) als Anfang der Schöpfung inzwischen gründlich verdrängt. Kaum jemand denkt den Beginn des Universums noch auf andere Weise denn als Big Bang, und wenn er es tut, wird er verlacht.

Jesus Christus spielt in dieser Geschichte des Lichts eine besondere Rolle. Er ist tatsächlich ein Wendepunkt. Was Jesus Christus bedeutet, lässt sich, grob zusammengefasst, so beschreiben: Vor Jesus Christus wurde das Licht hauptsächlich als Sonne in der Außenwelt verehrt. Die Bronzezeit war die große Zeit der Sonnengötter. Nach Jesus Christus war das Licht mit dem Logos verschmolzen und als Licht des Geistes zur Innenwelt geworden. In Wirklichkeit war das natürlich ein langwieriger Prozess, aber Jesus Christus ist so was wie die personifizierte Zusammenfassung dieses Prozesses: der Kristallisationspunkt. Nicht umsonst sagt Jesus Christus von sich selbst: „Ich bin der Weg und das Licht.“

Wir sind heute der Meinung, dass das Leben auf der Erde ohne das Licht der Sonne nicht möglich wäre. Das ist richtig. Aber ohne die Dunkelheit des restlichen Universums wäre das Leben ebensowenig möglich. Das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, konnte nur im Spannungsfeld von Licht und Dunkel entstehen. Wir tun so, als wäre das Sonnenlicht die Schöpferkraft, dabei entsteht Leben immer im Dunkeln: in den Tiefen des Meeres, in der Erde, im Mutterleib.

Unsere Lichtbesessenheit treibt bisweilen seltsame Blüten. Eine davon ist das Olbersche Paradoxon. Es wird gerne benutzt, um die Endlichkeit des Universums anschaulich zu demonstrieren. Heinrich Olbers (1758-1840) hat sich, wie vor ihm Johannes Kepler, gefragt, warum es nachts eigentlich dunkel ist. Wenn man von einem ewig existierenden, unveränderlichen und unendlichen Weltall ausgeht, müsste man, egal wohin man guckt, überall Sterne sehen, denn die Sterne hätten ja alle Zeit der Welt, ihr Licht überallhin zu schicken. Wenn das Weltall unendlich wäre, müsste der Himmel überall so gleißend hell wie die Sonne sein. Vor lauter Helligkeit könnten wir die Sonne gar nicht mehr erkennen. In diesem Weltall wäre es auch nicht lausig kalt, sondern überall so heiß, dass Leben nicht möglich wäre. Die Schlussfolgerung, die nicht nur Olbers und Kepler, sondern mit ihnen alle Wissenschaftler ziehen, lautet, dass aus diesem Grund das Universum endlich sein muss.

Man könnte auch eine andere Schlussfolgerung aus dieser Geschichte ziehen, nämlich die, dass das Licht endlich ist und irgendwann aufhört zu leuchten oder sich in was anderes, vielleicht (Bio-)Masse, verwandelt. Doch das lässt unsere zutiefst religiös motivierte und deshalb radikalfundamentalistisch zu nennende Lichtbesessenheit offenbar nicht zu. Wir können besser damit leben, wenn das Weltall endlich und das Licht unendlich ist, statt umgekehrt.

Hinweise, dass Licht nicht ewig leuchtet, gibt es genug. Wir selber sind beispielsweise so ein Hinweis. Schließlich definieren wir uns und die ganze Biomasse auf diesem Planeten als umgewandeltes Sonnenlicht. Wenn wir selber absorbiertes Sonnenlicht sind, gibt es ja vielleicht noch andere Absorptionsformen, die Photonen (also Licht) vernichten. Und ja, die gibt es in der Wechselwirkung von Photonen mit Materie durchaus. Trotzdem hält die Wissenschaft an dem Glauben fest, dass Licht im Prinzip unendlich ist und ewig existiert. Man kann sich dann aber schon mal fragen, wie in einem endlichen Universum unendliches Licht entstehen sollte, denn schließlich ist das Licht ja bloß eine Erscheinung innerhalb des Universums. Das ist doch irgendwie bizarr.

Seit Einstein behaupten unsere Wissenschaftler ja auch, dass nichts schneller ist als das Licht. Die Lichtgeschwindigkeit mit annähernd 300.000 km/sec ist ebenso absolut wie Gott. Die Wissenschaftler sagen, für Dinge, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, vergeht keine Zeit. Deshalb kommen sie ja zum Schluss, dass Licht ewig sein muss. Dabei hat Einstein mit dem EPR-Versuch selber gezeigt, dass miteinander verschränkte Teilchen über die Lichtgeschwindigkeit hinaus immer wissen, was das jeweils andere tut. Was verbindet diese Teilchen miteinander, das schneller ist als das Licht? Vielleicht dasselbe Bit? Würde das nicht heißen, dass Information schneller ist als das Licht?

Die Vorstellung vom ewigen Licht und der absoluten Lichtgeschwindigkeit sind religiöse Vorstellungen, die sich aufgrund unserer typisch menschlichen Lichtbessenheit in die ansonsten nüchtern-objektive Weltsicht der Wissenschaft hineingemogelt haben. Wir sind Kinder des Lichts. Deshalb muss das Licht ewig leuchten. Und nicht, weil es das wirklich tut.

Liebe als Bauprinzip der Welt

Sinne ich über das Wesen der Liebe nach, fällt mir meine Großmutter ein, die mich bisweilen als liebes Kind betitelte, wenn ich mich so verhielt, wie sie sich das vorstellte. In der Familie gibt es Liebe als kuschelig-heimeliges Gefühl zwischen Glück und Geborgenheit, während die erotische Liebe eher einer aufregenden Achterbahnfahrt gleicht. Im Kind ist Liebe spontan und unreflektiert präsent. Für den Erwachsenen öffnet sich der Horizont zur bewussten Wahrnehmung des geliebten Menschen als Gegenüber, und Liebe wird zum aktiven Interesse an dessen Wohlergehen. Ab diesem Moment sind die geliebten Menschen nicht länger nur Objekte. Liebe kann sich von konkreten Personen und Haustieren auf abstraktere Bereiche erweitern. In einer allgemeineren Form liebt man den Wald, die Natur, das Leben oder die Welt als solche. Und schließlich gibt es Liebe, die gar keines Objektes mehr bedarf. Dann ist Liebe einfach so da. Manche behaupten, dass dies eine Erfahrung ist, die man vor allem in der Meditation macht. Meiner Ansicht nach macht man diese Erfahrung, wenn man Frieden mit sich selber schließt, sich mit all seinen Macken akzeptiert und nicht mehr an sich arbeiten muss, um besser, effizienter, moralischer, schöner, beliebter oder liebenswerter zu werden.

Liebe als Beziehung

Wenn nach dem Handeln aus Liebe gefragt wird, fällt mir das Sprichwort ein: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Genau genommen, ist das aber gar kein Handeln aus Liebe, sondern aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus. Diese Regel hat ihre Verankerung in der Suche nach der Wahrheit, nicht in der Liebe. Ich kann jemanden gerecht behandeln, ohne dass ich liebevolle Gefühle für ihn hege. Für Gerechtigkeit und Wahrheit kann ich mich bewusst einsetzen, Gefühle kann ich jedoch nicht bewusst erzeugen, es sei denn, der Verstand setzt sich über das Gefühlsleben und tut ihm Gewalt an.

Wird die obige Lebensregel in ihre bejahte Form verkehrt, stimmt sie allerdings schon nicht mehr. Was du willst, das man dir tu, das füg auch allen anderen zu, kann dazu führen, dass einer dem anderen seine eigenen Vorstellungen überstülpt und ihn damit überfährt. Vegetarier sind meist nicht sonderlich begeistert, wenn ein Fleischesser ihnen seine Lieblingsgerichte auftischt, wie auch umgekehrt der Fleischesser ein langes Gesicht macht, wenn ihm fortan nur noch Karottensalat serviert wird. Es scheint mir ein Problem zu sein, dass viele Menschen ihren eigenen Vorstellungen so verhaftet sind, dass sie nur aus diesen heraus lieben und sich nicht in andere Personen hineinversetzen können. In diesem Fall wird Liebe besitzergreifend oder gar verschlingend. Liebe als Beziehung braucht zwingend das Andere, das Gegenüber, das Du und die Anerkenntnis, dass zwischen mir und dem Anderen keine Identität besteht.

Häufig sieht Liebe so aus, dass sich die Liebenden nur gegenseitig in ihren jeweiligen Selbstbildern bestätigen. Entsprechen diese Selbstbilder nicht der Realität, wird Liebe zu einem Schatten- oder Maskentanz. Viele Beziehungen scheitern, wenn das Leben in der Maske unerträglich wird. Es gibt aber auch das Gegenteil, nämlich dass in der Liebe nach und nach die Masken abgelegt und sämtliche Rollenspiele beendet werden. Wenn Menschen sich unverstellt von Angesicht zu Angesicht begegnen, ist das eine gelungene Form von Liebe.

Liebe ist also ein schillernder Begriff mit unglaublich vielen Facetten. Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner, der für alle Formen von Liebe gilt. Liebe ist immer eine Frage von Nähe und Distanz. Damit werden gegenläufige Bewegungsrichtungen ausgedrückt. Im selben Maß, wie sich Liebende aufeinander zubewegen, verringert sich die Distanz zwischen ihnen. Lösen sie sich voneinander, vergrößert sich die Distanz in dem Maße, wie Nähe schwindet. Es ist eine einzige Bewegung, die je nach Blickwinkel zwei verschiedene Komponenten hat.

Dennoch ist es von entscheidender Bedeutung, die beiden Komponenten als entgegengesetzte Bewegungsrichtungen wahrzunehmen, da sie sich wie Gegenspieler verhalten. Jede Bewegungsrichtung, für sich allein genommen, führt ins Extrem und damit zu einem Desaster. Zu große Nähe führt entweder zu einem Crash oder dazu, dass einer der beiden Partner sich aufgibt und ganz und gar im anderen aufgeht. Wenn Menschen sich so verhalten, spricht man von Hörigkeit oder Unterwerfung. Auch der Mythos der verschlingenden Urmutter ist ein Fall von zu großer und damit ungesunder Nähe. In der entgegengesetzten Richtung, wenn die Distanz zu groß wird, hört aller Austausch auf. Bindungen und Strukturen zerfallen, die Partner geraten in Isolation und treiben als fensterlose Monaden ziel- und bestimmungslos durch einen kalten und leeren Raum.

Liebe ist immer Bewegung, weil das Verhältnis von Nähe und Distanz sich ständig verändert, unablässig neu ausgelotet und neu angepasst wird. Liebe kann nie statisch sein, nicht einmal in der Form, in der sie ohne Objekt auftritt.

Wir sind es gewohnt, Liebe vor allem mit Zuwendung, Verbundenheit, Intimität, Fürsorge, Anhänglichkeit oder, wie es in kitschigen Liebesromanen der Fall ist, gar mit Verschmelzen gleichzusetzen, sodass wir gerne übersehen, dass eine Liebesbeziehung eine zweite, nicht minder wichtige Komponente hat, nämlich der geliebten Person den Freiraum zu gewähren beziehungsweise die Bedingungen zu schaffen, sodass sie sich nach ihren Anlagen, Interessen und Wünschen frei entfalten und wachsen kann. In der wechselseitigen Gewährung ist es die Anerkennung der Autonomie des Gegenübers. Während es als Nähe darum geht, Grenzen aufzulösen, ist es als Distanz ebenso wichtig, Grenzen zu setzen. Liebe ist also ein Widerspruch in sich. Der Ur-Gegensatz.

Es gibt verschiedene Formen von Liebe. In einer Freundschaft ist es normalerweise kein Problem, sich anzunähern und trotzdem die entsprechenden Freiräume zu berücksichtigen. Jeder der Partner signalisiert seine Grenzen, die der Andere respektiert. Annäherung erfolgt als freiwillige Zurücknahme der zuerst gesetzten Grenzen, Distanzierung als Ausweitung derselben. Irgendwann pendelt sich die Beziehung zwischen diesen beiden Polen ein. Eltern haben die Aufgabe, ihre Kinder zu schützen und für die Kinder die Freiräume zu schaffen, die diese für eine ungestörte Entwicklung brauchen. Kinder brauchen einerseits Freiraum, um die Welt und sich selbst zu entdecken, andererseits aber auch Regeln, die ihnen Halt geben. Deshalb setzen Eltern für ihre Kinder auch Grenzen. In der erotischen Liebe versuchen die Partner, die Grenzen des jeweils Anderen aktiv zu überschreiten oder ihn in Form von Verführung über die eigene Grenze zu ziehen. Die Grenzüberschreitung gehört in diesem Fall zum Spiel dazu, gerade das macht den Reiz aus. Aus diesem Grund ist die erotische Liebe meist eine aufregende Angelegenheit, und so lässt sich auch erklären, warum es gerade hier doch relativ häufig zu Gewaltanwendung kommt.

Ähnliches gilt auch für eine auf abstraktere Bereiche übertragene Liebe. Das Leben zu lieben, heißt nichts anderes, als Bedingungen zu schaffen, in denen das Leben sich frei entfalten kann. Die Natur zu lieben, heißt nichts anderes, als ihre Gesetzmäßigkeiten zu achten und zwischen ihren und meinen Interessen einen angemessenen Ausgleich zu finden. Es heißt auch, dass man sich konkret auf das Leben und die Natur einlässt und nicht nur aus dem Elfenbeinturm darüber philosophiert.

Liebe als Urgrund

Als Nähe und Distanz umspannt Liebe allerdings nicht nur menschliche Beziehungen oder Beziehungen von Menschen zur Welt. Liebe ist ein weit umfassenderes Konzept. Als Nähe und Distanz ist sie der Urgrund des Seins.

Liebe, ontologisch als Urgrund des Seins aufgefasst, ist der gelungene Ausgleich zweier entgegengesetzter Bewegungsrichtungen. Überall, wo Nähe und Distanz miteinander harmonieren, entsteht etwas, nimmt Form an und wird Realität. In der Verwirklichung und der Konkretisierung offenbart Liebe ihr Wesen.

Liebe ist nicht nur das Streben nach Vereinheitlichung, sie ist ebenso das Streben nach Selbstverwirklichung, nach Autonomie und Trennung.

Unsere Welt, der Kosmos, ist nichts anderes, als dieser Form gewordene Ur-Gegensatz. Das Spannungsverhältnis, das in der Liebe selber liegt, nimmt als Weltgeschehen Form an. Das ist die Wirklichkeit. Ziel unseres Menschseins ist es, diese Wirklichkeit zu erkennen und sie nicht mit eigenen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen zu übertünchen. Nur, wo diese gegenläufigen Kräfte miteinander in Harmonie schwingen, entsteht Welt, entsteht Materie, entsteht überhaupt etwas. Zuviel Nähe endet in einem Schwarzen Loch, in zur Singularität verdichteter Materie, die räumlich nicht mal mehr ein Punkt ist. Zuviel Distanz führt in die Entropie, in die Leere. Beides ist Nichtsein. Liebe ist das Hier und Jetzt und nicht in einem immateriellen Jenseits zu finden.

Alles Sein ist dynamisch angelegt. Liebe als Urgrund des Seins ist ein permanenter Tanz, in dem Formen und Lebewesen erscheinen, nach einiger Zeit wieder verschwinden und durch andere Formen und Lebewesen ersetzt werden.

Diese Suche nach dem dynamischen Gleichgewicht begründet sowohl unsere materielle wie auch unsere geistige Welt. Liebe ist der Urgrund unseres Seins, und zwar nicht in einer metaphorischen oder transzendenten Bedeutung, sondern ganz real, ganz konkret. Dieser Tanz von Nähe und Distanz findet sich im Kosmos als einander umkreisende Sterne, tanzende Galaxien und Schwarze Löcher ebenso wie im Bereich der Elementarteilchen. Dieser Tanz wird physikalisch und chemisch ebenso wie biologisch getanzt. Dieser Tanz wird ausgefeilter und komplizierter, wenn Pflanzen, Tiere und Menschen daran teilnehmen. Das Balz- und Revierverhalten der Tiere, das Jagen und das Fressen, das Wandern und Brüten, in all dem zeigt die Liebe als ontologische Kategorie ihr Wesen. Der Mensch ist das Lebewesen, das diesen Tanz nicht nur mittanzt, sondern auch darüber nachdenken und aus dem Takt geraten kann. Damit erreicht dieser Tanz eine neue Qualität.

Liebe als Bauprinzip der Welt

Beziehung als Tanz von Nähe und Distanz ist das Bauprinzip der Welt. Beziehung oder Wechselwirkung ist eine, nein es ist die ontologische Kategorie überhaupt.

Von allem Anfang an gibt es zwei unterschiedliche Gruppen von Beziehungskräften, nämlich solche, die auf Bindung und Synthese aus sind, und das Gegenteil davon, die sich als Trennung, Abstandhalter und Ausdifferenzierung bemerkbar machen. Diese beiden Gruppen treten als permanente Gegenspieler auf.

In der Physik kennt man bislang vier Wechselwirkungen, von denen die Gravitation mit ihrer unendlichen Reichweite die ursprünglichste ist. Die drei anderen Wechselwirkungen, nämlich die starke, die schwache und die elektromagnetische Kraft kann man nicht eindeutig einer Gruppe zuordnen, weil sie unter verschiedenen Bedingungen sowohl anziehende wie abstoßende Anteile haben. Bei der elektromagnetischen Kraft kommt es beispielsweise auf die Ladung an:  ungleiche Ladungen ziehen sich an, gleiche stoßen sich ab. In der Quantenphysik gehören Austauschteilchen wie Gluonen zu den bindungsstiftenden Phänomenen. Die schwache Kernkraft bewirkt meistens, aber nicht immer Zerfall und gehört damit in erster Linie zu den Trennkräften. Weiterhin fallen mir als Trennkräfte Abkühlung, Entropie, das Pauli-Prinzip und Dekohärenz ein. Vor allem anderen gehört in diese Gruppe aber die Raumzeit und ihre immer noch andauernde Ausdehnung. Die Entfernungen im Universum sind ungeheuerlich.

Wenn diese beiden gegenläufigen, verschiedene Spielarten umfassenden Kräfte in ein wie auch immer geartetes dynamisches Gleichgewicht kommen, entstehen potentiell Strukturen und Muster, die in unserem Erkenntnisvermögen als Sein oder Weltgeschehen erscheinen. Aus dem Wechselspiel von näheschaffenden und distanzhaltenden Kräften entsteht also Existenz. Verhalten sich die beiden Gegenspieler nicht komplementär, entsteht kein dynamisches Gleichgewicht und damit tritt nichts in unser Erkenntnisvermögen, das wir beobachten und untersuchen können. Es kommt keine Existenz zustande. Anderes ist nicht dauerhaft stabil und verwandelt sich, wie beispielsweise das Neutron, das, sobald es aus dem Atomkern herausgelöst ist, in ein Proton, ein Elektron und ein Neutrino zerfällt.

Die Naturkonstanten sind der mathematische Ausdruck austarierter Bindungs- und Trennkräfte. Die krummen Zahlen stellen sozusagen die Kompromisse dar, auf die sich die beiden Gruppen von Gegenspielern sozusagen geeinigt haben.

Materie ist prinzipiell nichts anderes als Energie, und Energie ist nichts anderes als dieser Tanz der Liebe. Eins lässt sich ins andere überführen, wie Albert Einstein in seiner berühmt gewordenen Formel E = mc2 bewiesen hat. Wenn man versucht, einen Körper auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, wird er immer schwerer, je näher er an die Lichtgeschwindigkeit herankommt. Bewegungsenergie wird in Masse umgewandelt, um ihn abzubremsen. So kommt es nie dazu, dass ein Teilchen mit einer Ruhemasse es einem Photon gleich tun kann.

Wenn Kräfte wie die vier Wechselwirkungen als Tanz der Liebe aufgefasst werden, erscheinen sie in unserer Wahrnehmung nicht nur als Außenwelt, als Materie und als Energie, sondern auch als Innenwelt, die wir über unser Gefühl erfassen. Die Wahrnehmung der Außenwelt und die Erfahrung der Innenwelt sind zwei unterschiedliche Wahrnehmungsweisen desselben Phänomens. Eine Wahrnehmungsweise pflegen wir als Ich zu bezeichnen, die andere als Selbst. Aber weder Ich noch Selbst sind etwas Substanzielles. So wie Nähe nicht besser ist als Distanz, so ist auch das Selbst nicht besser als das Ich. Es kommt darauf an, die beiden Wahrnehmungsweisen in einem dynamischen Gleichgewicht zu halten, ohne eine davon zu verdrängen oder überzubewerten.

Nun versteht man, dass der fokussierende Blick der Beobachtung nicht neutral ist. Wer beobachtet, will etwas wissen. Neugier ist eine Kraft, ein energetisches Phänomen. Deshalb verändert sich die Wirklichkeit, je nachdem, ob man in ihr mitfließt oder sie bewusst beobachtet. Es ist die Energie der Beobachtung, die im berühmten Doppelspalt-Experiment aus einer Welle ein Teilchen macht. Es sind die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen, die hier ganz verschiedene Muster erzeugen. Ohne Beobachtung erscheint ein Interferenzmuster, welches das Mitfließen wahrnehmbar macht. Werden die Photonen hingegen mit einem Elektronendetektor beobachtet, erscheint ein Muster, das die Photonen als voneinander getrennte Teilchen ausweist. Die Beobachtung selbst ist also das energetische Phänomen, welches das dynamische Gleichgewicht der Beziehungen und damit die Materie verändert.

Im Mikrokosmos der Quantenwelt reicht die Beobachtung sogar aus, Energie so weit zu verdichten, dass sie als Materie (als Teilchen) überhaupt erst sichtbar wird. Der fokussierende Blick (die Beobachtung) beispielsweise in Form eines Elektronendetektors ergreift im Spiel von Nähe und Distanz Partei und trägt somit dazu bei, das gesuchte dynamische Gleichgewicht herzustellen. In der Quantenwelt ist dieses Gleichgewicht ohne die entsprechende Beobachtung schon beinahe erreicht, so dass bereits Wirkungen gemessen werden können, ohne dass die Dinge als Dinge sichtbar sind bzw. Teilchen voneinander unterschieden werden können. Die Beobachtung verleiht den Quantenteilchen die noch fehlende Energie, um die Schwelle in unser Wahrnehmungsvermögen zu überschreiten. Man kann das mit einem Reiz in unserem Reizleitungssystem vergleichen. Ein Reiz muss eine bestimmte Schwelle überschreiten, um von einem Generatorpotenzial zu einem Aktionspotenzial und von der entsprechenden Nervenzelle weitergeleitet zu werden. Erwin Schrödinger hat dieses Phänomen mit seiner berühmt gewordenen Katze erklärt.

Es ist ungewohnt, Liebe mit Prozessen aus der Physik, Chemie und Biologie zu beschreiben. Liebe wird meist mit Worten verknüpft, die zum Träumen einladen. Liebe ist das, was wir gern für unsere Gefühlswelt reservieren wollen. Wir wollen glauben, dass es Liebe nur geben kann, wo es Menschen gibt. Dass auch in dem, was wir unbelebt nennen, eine Form von Liebe wirkt, erscheint erst mal seltsam. Aber vielleicht ist das angeblich Unbelebte gar nicht so leblos, wie wir glauben. Vielleicht führt die Ausdifferenzierung unseres Wahrnehmungsvermögens und die Ausbildung von Vernunft und Bewusstsein dazu, dass wir das Offensichtlichste nicht mehr erkennen können, nämlich dass zwischen Sein und Leben kein Unterschied ist. Wo Liebe ist, ist auch Leben. Und wo Leben ist, ist Liebe. Nicht nur wir Menschen haben Gefühle. Wir sind Teil eines fühlenden Kosmos.

Die dritte Geschichte

Der Mensch gibt sich selber viele Attribute: Als homo ist er nicht nur sapiens, sondern auch ludens, technicus, oeconomicus, religiosus. Der Mensch als das lachende oder das weinende Tier, das mit Geist begabte Tier, das spirituelle Wesen, das göttliche Kind. Offenbar genügt es dem Menschen nicht, einfach nur Mensch zu sein.  🙂

Alle diese Zusatzbezeichnungen verweisen auf eine weitere typisch menschliche Eigenheit. Vor allem anderen ist der Mensch ein homo fabulosus: das Wesen, das ohne Geschichten nicht auskommt und deshalb reich an solchen ist. Für den Menschen genügt es nicht, sich in den Kontext einer lebendigen Umwelt eingebettet zu erleben, er muss offenbar zusätzlich in eine Erzählung eingebettet sein. Deshalb ist alles, was der Mensch tut, im Grunde nichts anderes als Geschichten erzählen. Religion und Wissenschaft sind unterschiedliche Erzählkreise, so wie Fantasy, Thriller, Gebet oder wissenschaftliche Abhandlung nichts anderes als verschiedene Erzählformen sind.

In der Regel erzählt sich der Mensch zunächst mal eine Geschichte, in der er selber der Held ist und sich die ganze Welt nur um ihn dreht. Deshalb bettet er notwendig alle anderen Menschen und alle anderen Lebewesen als Objekte (Verfügungsmasse) seines eigenen Heldentums in diese seine persönliche Geschichte ein. Der Mensch kann gar nicht anders. Ein Fisch, der nicht schwimmt, ist kein Fisch. Ein Mensch, der keine Heldengeschichte zu erzählen hat, ist kein Mensch. Normalerweise zerbrechen die individuellen Heldengeschichten irgendwann, was dann als ernsthafte Krise erlebt wird. Eine Depression ist nichts anderes als der Mangel an Fantasie, aus den Scherben seiner zerbrochenen individuellen Heldengeschichte eine neue, noch bessere zu schmieden.

In diesem Zwang, Geschichten zu erfinden, liegt der Bruch zwischen Subjekt und Objekt begründet. Die Notwendigkeit des Erzählens löst den Menschen aus der Wirklichkeit heraus und trennt ihn von der Welt und allen anderen Lebewesen ab. Deshalb kommt man an einen anderen Menschen auch nicht wirklich heran. Er lebt in seinen Geschichten wie der Zellkern in einer Zelle. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass der Mensch im Zentrum jeder Zelle, nämlich im Zellkern, eine Geschichte vermutet. Wenn der Mensch von der DNA als dem Bauplan, der Blaupause, der Information spricht, erzählt er von sich, wie er selber als Mensch in der Welt steht. Um an den Zellkern heranzukommen, muss man die Zelle zerstören bzw. entkernen. Um an einen anderen Menschen heranzukommen, müsste man ihn wie die Zelle entkernen, aber da die Geschichten seinen Wesenskern bilden, bleibt vom Menschen nichts übrig, wenn man ihn seiner Geschichten beraubt.

In vielen spirituellen Wegen geht es angeblich darum, den Menschen in die Wirklichkeit zu holen, das heißt, ihn aus seinen Geschichten herauszuschälen und eben diese Entkernung zu leisten. Das wird Erwachen genannt. Wo dieser Weg bewusst gegangen wird, ist er jedoch zum Scheitern verurteilt, denn in Wahrheit folgt jeder spirituelle Weg ja doch wiederum nur einem Konzept, also einer Geschichte. Auf all den spirituellen Wegen wird also nur eine Geschichte gegen eine andere ausgetauscht. Das ist für viele Menschen durchaus hilfreich und sinnvoll, umso mehr wenn die individuelle Heldengeschichte bereits zerbrochen ist und man mit den Scherben nichts anzufangen weiß.

Spiritualität entpuppt sich also bei näherer Betrachtung nicht als Kontakt mit der Wirklichkeit, wie häufig behauptet wird, sondern als einer von zwei großen Erzählkreisen. Darunter verstehe ich eine bestimmte Art von Geschichten, die gemeinsame Merkmale haben. Was allen spirituellen Geschichten gemeinsam ist, ist die Vorstellung eines Unwandelbar-Ewigen, sei das nun die Seele, der Urgrund, der eigene Wesenskern, Gott, die Einheit, was auch immer. In diesen Geschichten geht es immer um die Überwindung aller Brüche, um Ganzheit, um Vollkommenheit. Für Menschen, deren individuelle Heldengeschichte zerbrochen ist, ist dieser Erzählkreis logischerweise sehr verlockend. Aber auch für Menschen, die sich von vornherein absolut setzen und deshalb glauben, dass das Universum im Grunde genommen mit ihnen identisch ist. Und es stimmt schon: im Zentrum aller Geschichten steht tatsächlich der Mensch. Wenn die Welt nicht so ist, wie sie sein soll, hat das mit dem Menschen zu tun. Das heißt, der Mensch muss sich wandeln, um die Welt zu erschaffen, wie sie sein soll. In diesen Geschichten weigert sich normalerweise der Mensch, der zu werden, der er ist, als der er angelegt ist, und die Folge dieser Weigerung besteht darin, dass es in der Welt Katastrophen, Schmutz, Ungerechtigkeit und Kriege gibt. In religiös-spirituellen Geschichten geht es immer und ausschließlich um die Wandlung des Menschen. Das äußere Paradies folgt dem inneren.

Die Zengeschichte vom Regenmacher bringt diese Haltung auf den Nenner: Da die Ernte von Dürre bedroht und deshalb Hungerzeiten zu erwarten sind, lädt das Dorf einen Regenmacher ein. Dieser verschwindet in der ihm zugewiesenen Hütte, setzt sich auf ein Kissen und rührt sich nicht. Die Dorfbewohner sind in höchster Aufregung, haben sie doch Beschwörungen und irgendeinen Zauber erwartet. Aber nach einer Woche fängt es wirklich an zu regnen. Auf die Frage, wie er das gemacht habe, antwortet der Regenmacher: Ich setzte mich aufs Kissen und brachte mich in Ordnung. Nachdem ich mich in Ordnung gebracht hatte, kam die Hütte in Ordnung. Nachdem die Hütte in Ordnung gebracht war, kam das Dorf in Ordnung. Nachdem das Dorf in Ordnung gebracht war, kamen die Felder in Ordnung. Und als die Felder in Ordnung waren, regnete es.

Deshalb zerren und ziehen religiös-spirituell angehauchte Menschen auch immer an ihren Mitmenschen herum. Die Öko-Bewegung gehört in diesen spirituellen Erzählkreis, in dem gebetsmühlenartig die Wandlung des Menschen gefordert und als Lösung für alle Probleme glorifiziert wird.

Dem spirituellen Erzählkreis steht der wissenschaftliche gegenüber. Diese Geschichten folgen im Grunde genommen dem umgekehrten Muster. Hier geht es darum, die Welt mit Hilfe technischer Errungenschaften in Ordnung zu bringen. Wenn erstmal die Welt in Ordnung gebracht ist, werden wir alle glücklich und zufrieden bis ans Ende unserer Tage leben, wenn es denn überhaupt noch ein Ende gibt und wir nicht mittels technischen Fortschritts und aller möglichen Eingriffe unsterblich geworden sind. Um die Welt in Ordnung zu bringen und uns selber unsterblich zu machen, müssen die Welt und deren Abläufe natürlich zuerst mal verstanden und erklärt werden. Das ist der Kern jeder wissenschaftlichen Forschung und aller wissenschaftlicher Erzählungen.

Die wissenschaftlichen Geschichten erzählen ebenfalls von der Veränderung der Welt durch den Menschen, wobei in diesen Geschichten der Mensch aber aktiv in die Welt eingreift und sie gezielt manipuliert. Nicht das Kissen ist das Werkzeug, sondern der Hammer, der Bagger, die mathematische Formeln, nach denen sich die Welt berechnen und umgestalten lässt. Alles ist Verfügungsmasse menschlicher Manipulationsfähigkeit: Landschaften und Meere ebenso wie das Klima und der Weltraum, Tiere und Pflanzen ebenso wie der Mensch selber. Denn auch vor sich selber macht der Mensch nicht halt. Das Objekt der Manipulation ist in diesen Geschichten nicht die Innenwelt, sondern die äußeren Erscheinungen für sich genommen. So bastelt der Mensch in diesen Geschichten höchst erfolgreich mit Medikamenten, Operationen und dergleichen an seinem Körper inklusive seiner Gehirnaktivitäten herum.

Auch in den wissenschaftlichen Geschichten steht der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der spirituelle Mensch nicht direkt Hand anlegt und sich nicht die Finger schmutzig macht. In den spirituellen Geschichten wirkt der Mensch, in den wissenschaftlichen macht er.

Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist, dass weder die Welt noch der Mensch oder wahlweise die Menschheit so bleiben können, wie sie sind, sondern unbedingt verändert werden müssen. Das geschieht entweder durch Wirken oder Machen. Der Unterschied liegt also lediglich in der Wahl der Methode. Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist außerdem, dass die Veränderung immer und ausschließlich durch den Menschen geschieht. Der Mensch kann sich offenbar nicht einer wie auch immer gearteten Dynamik überlassen, sondern muss sie in irgendeiner Weise gestalten. Selbst Jesus fordert die Umkehr und Gott den Glauben. Wenn der Mensch nicht an Gott glaubt, kann nicht einmal Gott wirken oder machen.

Hinter all diesen Erzählungen, den spirituellen wie den wissenschaftlichen, wird also ein Wesen sichtbar, das zutiefst unglücklich und unzufrieden ist, denn wer glücklich und zufrieden ist, muss nichts verändern, muss weder wirken noch machen. Wer glücklich und zufrieden ist, lebt einfach vor sich hin. Wie das geht, machen Tiere uns ständig vor.

Hinter all diesen Erzählungen wird zudem ein Wesen sichtbar, das sich absolut setzt und außer sich selbst nichts anderes gelten lassen kann. Der, die oder das Andere wird verleugnet. Der, die oder das Andere hat nur ein Existenzrecht, wenn es Teil von einem selbst ist. Es wird ein Wesen sichtbar, das nur existieren kann, wenn es alles Andere vereinnahmt. Es ist getrieben von dem Zwang, die Welt zu begreifen, zu erklären und damit unter sich zu subsumieren.

Wenn einzelne Menschen wie Otto Müller oder Frieda Maier sich so zwanghaft verhalten, sich absolut setzen und keine Anderen gelten lassen, sich also für Gott halten, nennt man das Größenwahn. Wenn sie es in ihrem Wahn übertreiben, landen Otto Müller und Frieda Maier in der Psychiatrie. Meistens stellt sich dann heraus, dass sich hinter dem Größenwahn panische Ängste und Minderwertigkeitsgefühle verbergen.

Wenn an die Stelle von Otto Müller oder Frieda Maier der Mensch als Abstraktum oder die Gesamtheit aller Menschen tritt, ist das allerdings auch nichts anderes. Es ist nur ein verlagerter Größenwahn.

So offenbart sich der Mensch in all seinen Erzählungen als unglücklich, unzufrieden, größenwahnsinnig und von panischen Ängsten beherrscht.

Die dritte Geschichte befasst sich nun eben genau damit und stellt die Frage, wie es kommt, dass der Mensch zwanghaft Geschichten erzählen muss, die ihn permanent als unglücklich, unzufrieden, angstgetrieben und größenwahnsinnig entlarven. Es ist sozusagen eine Metageschichte, die auf der Basis der beiden vorliegenden Erzählkreise erzählt wird. Eine Geschichte über die menschlichen Geschichten. Das ist es, was ich hier versuche. Ich suche in diesem Blog nach einer Metageschichte. Die Geschichte des Menschen, der sich mit dem Feuer eingelassen hat, ist als eine solche Metageschichte zu verstehen.