B wie Blog

Menschsein ist für mich mit dem Lebensgefühl einer drohenden Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes verbunden. Lange Zeit dachte ich, dass dies bloß typisch für meine Generation ist, die, als sie anfing erwachsen zu werden, vom Schock der ersten Ölkrise (1973) erwischt wurde. Auf das Embargo der ölexportierenden Länder anlässlich des Jom-Kippur-Krieges mit anschließender Rezession und steigender Arbeitslosigkeit folgten die RAF mit ihren Gräueltaten und der Kalte Krieg zwischen den damaligen Blockstaaten, der mit dem NATO-Doppelbeschluss und der Aussicht auf einen nuklearen Winter in den Jahren 1979 bis 1983 seinen traurigen Höhepunkt fand. Obwohl in Deutschland und anderen europäischen Ländern Millionen von Menschen gegen die Aufstellung von mit Atomsprengköpfen bestückten Mittelstreckenraketen (Pershing II, BGM-109 Tomahawk) protestierten, wurde der Beschluss auf politischer Ebene durchgesetzt, die Raketen installiert, und wir, die wir kilometerlange Lichterketten gebildet und uns zu Demos und Sitzblockaden versammelt hatten, wurden uns auf einmal unserer Ohnmacht bewusst. Die Szenarien des Untergangs wechselten: auf den nuklearen Winter folgten das Waldsterben, das Ozonloch, das Artensterben, die Vermüllung des Planeten, das Problem der ausgehenden Ressourcen, Tschernobyl, verschiedene Viren, die Kriege im Irak, das Attentat auf das World Trade Center, der Klimawandel, die Herausbildung des Überwachungsstaates und neuerdings wiederum ein Kalter Krieg, von dem niemand weiß, ob er nicht demnächst heiß wird. Inzwischen habe ich jedoch verstanden, dass nicht erst meine Generation in apokalyptischen Bildern schwelgt, sondern dass das Warten auf den Untergang eine sehr lange Tradition mit wechselnden Phasen hat.

In diesem Blog gehe ich der Frage nach, woher dieses Lebensgefühl kommt. Dafür bin ich in unserer Geschichte bis an den Anfang unserer Menschwerdung zurückgegangen. Ich denke, dass die Furcht vor einer Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes und die Faszination, die das Feuer auf uns Menschen ausübt, die beiden Seiten derselben Medaille sind. Die Zähmung des Feuers mit der daraus folgenden technischen Entwicklung, die sich in den letzten Jahrhunderten rasant beschleunigt hat, bezahlen wir Menschen mit einer permanenten Furcht, die wir in der Vergangenheit mit den Mitteln, die uns die Religionen zur Verfügung stellen, besänftigt, umgelenkt oder verdrängt haben. Da in unserem Zeitalter die Religionen zumindest hier in Westeuropa an Einfluss verlieren, kochen die alten Ängste wieder hoch und suchen sich neue Wege und neue Bilder, um uns wie eh und je zu verstören.

Ängste lösen sich auf, wenn sie ihrem Ursprung nach verstanden werden. Die hierfür notwendige Auseinandersetzung ist also eines der Ziele, die ich mir gesetzt habe.

Der bisherige Weg der Menschheit stellt sich mir so dar, dass wir uns in unserer geistigen Entwicklung von konkreten, körperlich-materiellen Erfahrungen, die zunächst Naturerfahrungen, im Fortgang Erfahrungen technischer Art waren, hin auf das zunehmend Immateriell-Abstrakte zubewegt haben, das seine Ausdrucksform vor allem in der Mathematik findet. Wir leben heute mehr denn je in einer Welt der Zahlen. Wir haben auf diesem Weg nun jedoch einen Punkt erreicht, an dem die physikalischen Erscheinungen so immateriell werden, dass sie scheinbar in geistige Qualitäten umschlagen. Dieser Umschlagspunkt kennzeichnet das Ende der Physik, deren Forschungsgegenstand traditionell Materie und Energie ist. Das hat zur Folge, dass immer mehr Menschen die reale Welt, in der der Mensch direkt gefragt und gefordert ist, gegen virtuelle Cyberwelten tauschen, in denen nur noch über Stellvertreter (Avatare) agiert wird.

Wenn wir an dem Punkt angekommen sind, an dem unser Denken sich von der Materie vollständig abgelöst hat und sie zur Illusion erklärt, wenn wir den Unterschied zwischen der  realen und virtuellen Welten bis zur Unkenntlichkeit verwischt haben, dann werden wir Materie neu entdecken und zutiefst wertschätzen. Wir werden erkennen, dass nicht unser Geist, sondern die Materie das Wesentliche ist, worauf es ankommt. Die Entwicklung hin zu diesem Punkt ist notwendig, damit wir rückblickend zunächst unsere eigene Geschichte und dann das Wesen der materiellen Welt, in die wir eingebettet sind, verstehen können.

Ich folge in diesem Blog meiner Vision, die in ein neues Verständnis von Materie und der konkreten Erfahrung des Materiellen einmündet. Mit dem herkömmlichen Begriff von Materialismus hat das allerdings wenig zu tun. Was Sie hier zu lesen bekommen, sind nicht die Aufzeichnungen eines Materialisten, sondern eines Materiemönchs.