C wie Cyborg

In letzter Zeit werden in den Mainstream-Medien verstärkt Artikel über Cyborgs gebracht. Beispielsweise über Hugh Herr, den Gründer des Center for Extreme Bionics am MIT Media Lab, der beim Eisklettern beide Beine, aber nicht die Leidenschaft für sein Hobby verlor, das er mit Hilfe von bionischen Prothesen weiterhin betreibt. Oder über Leute, die sich einen reiskorngroßen RFID-Chip in die Haut einpflanzen lassen, um damit ohne Aufwand Zugang zum Büro, zur Bibliothek, zum Handy oder zum Bankkonto zu bekommen. Der erste Mensch, der von einer Regierung offiziell als Cyborg anerkannt wurde, ist Neil Harbisson, der sich, da er von Geburt an nur schwarz-weiß sehen kann, mit einem sogenannten Eyeborg aufgerüstet hat, der Farben für ihn hörbar macht. Und wer kennt nicht Stephen Hawking, den populären Kernphysiker, dessen frühen Tod die Ärzte schon vor fünfzig Jahren prognostiziert haben und der mit Hilfe ausgefeilter Technologie im Januar 2017 allen Prognosen zum Trotz seinen 75. Geburtstag gefeiert hat.

Vercyborgisierung als Weg aus Krankheit und Leid

Noch geht es in den meisten dieser Geschichten darum, für Menschen, die durch einen Unfall oder eine Krankheit beeinträchtigt sind, einen technischen Ausgleich zu schaffen und dadurch deren Lebensbedingungen zu verbessern. Häufig gelten die Anstrengungen der auf dem Gebiet der Bionik und Robotik tätigen Wissenschaftler auch dem Kampf gegen das Altern und gegen die Sterblichkeit. Manchmal geht es auch darum, Menschen in schier unverwundbare Kampfroboter zu verwandeln. In so gut wie allen Fällen geht es darum, die anscheinend von der Natur gesetzten Grenzen zu überwinden.

„Wir werden jenseits dessen sein, was die Natur für uns vorgesehen hat“, erklärt Hugh Herr seinem Publikum auf dem SXSW-Festival in Austin (2015).

Hugh Herr sitzt einem Irrtum auf. Die Verschmelzung von Mensch und Maschine, von Natur und Technik ist genau das, was die Natur vorgesehen hat, wenn sie denn überhaupt etwas für uns vorgesehen haben sollte. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass keine wie auch immer vorbereiteten Blaupausen in irgendeiner Schublade in einem göttlichen Konstruktionsbüro darauf warten, von berufenen Wissenschaftlern in die Realität umgesetzt zu werden. Die Verschmelzung von Mensch und Maschine realisiert sich schlicht und einfach deshalb, weil die Möglichkeit dafür gegeben ist.

Cyborgs sind technisch veränderte biologische Lebensformen. Der Begriff wurde in den 60er Jahren von Nathan S. Kline und Manfred Clynes geprägt, die damals vorschlugen, den Menschen auf technischem Weg an die Umweltbedingungen im Weltraum anzupassen anstatt Raumschiffe mit erdähnlichen Habitaten auszustatten.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine ist ein natürlicher Prozess

Man kann darüber streiten, was nun eine technische Veränderung sein soll. In engerem Sinn ist damit eine Technologie gemeint, die buchstäblich unter die Haut geht, also unsere menschlichen Fähigkeiten durch technische Implantate erweitert. Der Terminator ist nur noch mit hautähnlicher Substanz überzogene Technik. Streng genommen, sind jedoch auch Leute, die einen Herzschrittmacher oder ein Cochlea-Implantat haben, als Cyborgs zu bezeichnen. In einem weiter gefassten Sinn ist der moderne Mensch generell ein Wesen, das in einer Symbiose mit der ihn überall umgebenden Technik lebt. Nicht nur jeder Autofahrer, sondern auch jeder Fahrrad-Fahrer, jeder Brillenträger und jeder Benutzer einer Waschmaschne ist in diesem Sinne bereits ein Cyborg, mag er sich auch lieber als spirituelles Wesen sehen und ökologisch-dynamisch ausgerichtet sein.

In meiner Definition eines Cyborgs gehe ich allerdings noch einen Schritt weiter. Was heute als Cyborg beschrieben wird, ist für mich bereits ein Cyborg der dritten Generation.

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier gerade dadurch, dass er von allem Anfang an externe Energie benutzt und die Symbiose mit einem abiotischen Element, nämlich dem Feuer, eingegangen ist. Genau das macht uns als Menschen aus. Menschwerdung und die Domestikation des Feuers mit all seinen Folgen sind ein und derselbe Vorgang.

Technisierung folgt zwingend aus dem Umgang mit Feuer

Diese Folgen sind nichts anderes als die technische Entwicklung, die wir seit etwa einer Million Jahre durchlaufen haben und immer noch durchlaufen. Sämtliche Erfindungen, die der Mensch seither getätigt hat – ob es sich um die Herstellung von Birkenpech, um die Metallurgie, um den Bau von Städten oder um die Mondlandung, die Atombombe oder den Quantencomputer handelt –, hätten ohne die Domestikation des Feuers nie stattgefunden. Der Umgang mit dem Feuer und die sich anschließende technische Evolution haben von allem Anfang an eine Rückwirkung auf die Struktur unseres Gehirns und damit auf unser Denken. Unsere Erfindungen verändern uns. In diesem Kontext ist auch jene Mutation zu verorten, die unsere Großhirnrinde wachsen ließ, sodass wir Erlerntes viel leichter speichern können als unsere nächsten Verwandten, die Bonobos und Schimpansen. Seit wir mit dem Feuer umgehen, also seit einer Million Jahre, passen wir uns durch Lernen und Technik an die sich verändernden Umweltbedingungen an, und nicht erst, seit Maschinen soviel externe Energie für uns erzeugen, dass wir damit sogar in den Weltraum vorstoßen können.

Die Cyborgs der ersten Generation sind unsere Vorfahren, die das Feuer in den Mittelpunkt ihres Daseins gestellt und deshalb die Kaltzeiten überlebt haben. Die Cyborgs der ersten Generation sind Steinzeitmenschen. Bei den Cyborgs der zweiten Generation steht nicht mehr das Feuer als solches im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Organisation, sondern die Produkte, die durch das Feuer geschaffen werden. Der Cyborg der zweiten Generation ist als Schmied und Töpfer, als Krieger und Bauer tätig. Der Cyborg der zweiten Generation wohnt in Häusern aus gebrannten Tonziegeln, bewahrt seine Nahrungsmitteln in Amphoren auf und vor allem anderen erzeugt und verarbeitet er Metall. Der Cyborg der zweiten Generation ist der Mensch der Bronze- und Eisenzeit. Es ist diese zweite Generation, die damit angefangen hat, die uns ehemals umgebende Natur in großem Stil durch eine künstlich-technische Umgebung zu ersetzen. Das und nichts anderes steckt hinter der Agrarisierung. Diese Generation hat die von außen gesetzten natürlichen Grenzen auf vielfältige Weise durchbrochen. Seitdem hat sich viel getan. Der Mensch überquert Ozeane, fliegt durch die Lüfte und erobert den Weltraum und futtert an Weihnachten Erdbeereis, Mandelcreme und Feigen.

Die Verwirklichung spiritueller Träume

Es ist also nur konsequent, wenn die dritte Generation von Cyborgs all diese Errungenschaften nun auf die eine oder andere Weise inkarniert und die letzten Grenzen durchbricht, nämlich die, die vom eigenen Körper gesetzt sind. Da Natur und Körperlichkeit nicht voneinander zu trennen sind, muss auf die Überwindung der Natur logischerweise die Überwindung der eigenen Körperlichkeit folgen. Dass der Mensch seine Umwelt verändert, hat ihn nicht in die erwartete Freiheit geführt, sondern lässt ihn im Gegenteil die Zwänge, in die aufgrund seines Körperlichkeit eingebettet ist, umso deutlicher erfahren. Der unerbittlichste Zwang geht dabei von der eigenen Sterblichkeit aus.

Um unsterblich zu werden, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder inkarniert der einzelne Mensch mehr und mehr Technik und wird zum Terminator. Auf den Herzschrittmacher folgt das Kunstherz, auf das Cochlea-Implantat das künstliche Gehirn. Oder der Mensch löst sich stattdessen in seiner Technik auf, bis ihm der Avatar in den virtuellen Welten des Netzes wirklicher erscheint als sein Körper, den er leichten Herzens aufgeben kann, wenn er dafür in den virtuellen Welten ewig weiterlebt. Durch diese beiden Prozesse, Inkarnation und Auflösung, wird aus Technik schließlich Magie. Wo Harry Potter noch einen Zauberstab braucht, genügt beim vollendeten Cyborg, der ganz in seiner Technik aufgegangen ist, ein Fingerschnippen oder eine Handbewegung wie bei den Leuten mit dem RFID-Chip. So sieht die auf technischem Weg erlangte Unsterblichkeit aus, der Sieg des Geistes über die Natur und die Materie. Noch jeder spirituell-religiöse Traum der Menschheit hat sich auf technischem Wege realisiert.

Der Prozess ist von allem Anfang an von immer demselben Gefühl begleitet: dieser ominösen Mischung aus Faszination und Furcht. Wie sich einige unserer Vorfahren vor einer Million Jahre davor gefürchtet und sich dagegen gewehrt haben mögen, mit einem Feuer die Steppe abzufackeln oder mit einer Fackel eine Höhle zu erkunden, so fürchten sich heute einige vor den Veränderungen, die die Verschmelzung von Mensch und Maschine mit sich bringt. Anderen wiederum kann dieser Prozess gar nicht schnell genug gehen. In Berlin gibt es bereits eine Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik. Die Cyborgs e.V.

Es liegt im Wesen des Lebens selber, dass es sich permanent selbst überschreitet. Wo all das einmal enden wird und ob es überhaupt endet, kann niemand vorhersagen. Was man inzwischen jedoch erkennen kann, ist, dass der technische Fortschritt seine Versprechungen bisher noch nie wirklich wahr gemacht hat. Das Paradies lässt weiterhin auf sich warten und im Himmel sind wir bislang auch noch nicht angekommen. Eine Landung auf dem Mars ist das anspruchsvollste Projekt, das wir mit unserer Technik derzeit eventuell verwirklichen können, aber angesichts der Dimensionen des Weltalls erscheint selbst das popelig. Stattdessen zeigt uns der technische Fortschritt, was unsere spirituellen Träume in Wahrheit bedeuten, indem er die negativen Kehrseiten sichtbar macht. Technischer Fortschritt bedeutet nämlich immer auch Zerstörung, Entfremdung und Vereinsamung. Wo sich der Mensch grenzenlos ausbreitet, ist für Tiere und Pflanzen kein Platz mehr, es sei denn sie nützen dem Menschen (noch) als Nahrung oder zur Erbauung. Die Entgrenzung des Menschen fällt mit dem sechsten großen Artensterben ins eins. Die Erde wird zu klein für uns. Schon jetzt verbrauchen wir so viele Ressourcen, wie nur zwei oder drei Erden dauerhaft zur Verfügung stellen könnten.

Vielleicht hat die Evolution mit der Verschmelzung von Mensch und Feuer, von Mensch und Maschine einen Irrweg eingeschlagen, dann werden wir Menschen schließlich wie die Säbelzahntiger an uns selbst zugrunde gehen. Vielleicht sind wir so was wie die Cyanobakterien, die mit der Produktion von Sauerstoff den meisten anaeroben Lebensformen den Garaus gemacht haben, dafür aber die ganz neue Vielfalt der Sauerstoffatmer in die Welt gebracht haben. Oder vielleicht sind wir auch etwas ganz Anderes, das sich niemand von uns vorstellen kann, weil wir es mit nichts Bekanntem vergleichen können. Aber trotz alledem sind wir nun mal die, die wir sind, und können nur leben, was wir sind: Cyborgs.