„Es geht uns doch immer besser“

Das ist die beliebteste Antwort, die ich bekomme, wenn ich mit anderen Menschen über unser Menschsein, die Gesellschaft, den Zeitgeist, die Technik und den Fortschritt diskutiere.

Es geht uns doch immer besser. Noch nie sind Menschen im Durchschnitt so alt geworden wie heute. Noch nie konnten sie so leicht an die Orte reisen, die sie immer schon sehen wollten. Noch nie waren die Läden so überquellend voll. Noch nie hatte der einzelne Mensch so viele Güter und Dienstleistungen zur Verfügung. Noch hat es prozentual so wenig hungernde Menschen gegeben. Noch nie hatte der Mensch so viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Noch nie hatten die Menschen so viel Freiheit. Noch nie konnten die Menschen so ungeschminkt sagen, was sie denken. Noch nie war das Leben so bequem. Noch nie musste man sich so wenig Sorgen machen. Noch nie war der Speisezettel so abwechslungsreich. Noch nie waren die Menschen so gut versorgt. Noch nie …. Noch nie … Noch nie … .

Sicher kann man diese Noch-nie-Antworten kritisch hinterfragen und Unken wie den Klimawandel, die Terrorgefahr, den Peak Oil, das Bevölkerungswachstum oder endemisch gewordene Krebszahlen rufen. Aber irgendwie stimmt die Antwort ja schon.

Wenn ich auf meine kritischen Fragen mal wieder diese Antwort bekomme, merke ich, dass von mir unterschwellig gleichzeitig so etwas wie Dankbarkeit erwartet wird. Dass es irgendwie ungehörig ist, an der Gesellschaft, dem Zeitgeist und vor allem an Wissenschaft, Fortschritt und Technik zu zweifeln. Man gibt mir zu verstehen, dass ich nicht dazu gehöre, wenn ich nicht in dieses Loblied vom Bessergehen miteinstimmen will.

Alle diese Leute versichern mir auf die eine oder andere Weise, dass der Sinn meines Lebens darin besteht, mich immer weniger anstrengen zu müssen.

Denn immer stehen schon Batterien von Menschen parat, die bereit sind, etwas für mich zu tun, wenn es mir mal nicht immer besser gehen sollte. Viele dieser Menschen stehen sogar für mich bereit, ohne dass ich von ihrer Existenz weiß, ohne dass ich sie gerufen habe und ohne dass ich ihre Hilfe überhaupt in Anspruch nehmen will. Viele Menschen scheinen förmlich darauf zu warten, dass es mir schlecht geht, damit sie endlich was zu tun haben.

Es gibt heute sehr viele Menschen, die verdienen ihren eigenen Lebensunterhalt auf der Basis, dass es anderen Leuten schlecht geht. Alte Leute leben heute nicht so lange, um alt zu werden, sondern weil sie von anderen mit viel Aufwand am Leben erhalten werden. Dieser Aufwand ist notwendig geworden, damit die Anderen genug Arbeit haben, Geld verdienen können und sich wiederum all die Reisen, Dienstleistungen und Produkte kaufen können. Es ist sogar zwingend notwendig geworden, dass es vielen Leuten schlecht geht, damit die Anderen sich überhaupt selbst verwirklichen können. Denn viele Menschen erfahren ihre Selbstverwirklichung darin, anderen Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen.

Da sind erstmal die Berater für alle möglichen Probleme, die ich normalerweise gar nicht habe. Die Finanzberater, die Rechtsberater, die Suchtberater, die Lebensgestaltungsberater, die Essberater, die Modeberater, die Einrichtungsberater, die Familienberater, die Krisenmanager, die Energiesparberater, die Sozialämter und die Berater, die mir sagen, auf was alles ich Anspruch habe und wer wo wie bereit steht, um mir zu helfen. All diese Leute können nur leben, wenn ich mein eigenes Leben in den Sand setze, mich verzocke, eine schlechte Ehe führe, nicht weiß, welche Möbel ich brauche, oder in irgendwelche Krisen gerate.

Ja, dann gibt es ja auch noch die Polizei und die Feuerwehr, deine Freunde und Helfer.

Da ist außerdem der ganze Gesundheitsapparat, inzwischen wohl der wesentlichste Arbeitgeber in diesem in unserem Staat. Die Zahl der Ärzte hat sich in den letzten 50 Jahren vervierfacht. Inzwischen gibt es vierhunderttausend Ärzte, die nur dann ihr Auskommen haben, wenn ich krank bin, und das am besten chronisch. Vor 50 Jahren betreute ein Arzt im Schnitt 1.000 Bürger. Heute sind es im Schnitt 250. Wohl gemerkt: Bürger, nicht Patienten. Ein Dorf mit tausend Einwohnern muss heute vier Ärzte ernähren. Dazu noch all die Therapeuten: die Logopäden, Ergo-, Beschäftigungs-, Bewegungs- Familien-, Beziehungs- und Psychotherapeuten. Die Heilpraktiker. Die Osteopathen und Kinesiologen. Die Seelsorger, die Nothelfer, die Rettungssanitäter.

All die unendlich vielen Leute im Pflegedienst, die Krankenschwestern, die Rollstuhl- und Rollatorproduzenten, die Optiker und Hörgerätehersteller, die Treppenliftbauer, die Apotheker, die Pharmabranche und deren Werbeplattformen ARD und ZDF, und diejenigen, die mir erklären, wie der Rollstuhl und das Pflegebett funktionieren und wie ich meinen Lebensabend gestalten soll. Die meine Wohnung putzen, für mich einkaufen, mir das Essen auf Rädern und die Getränkekisten bringen und den Taxichauffeur für mich machen.

Ich bin ein gesellschaftlicher Versager, weil ich in den letzten fünf Jahren nicht beim Arzt war, keinen Zusammenbruch hatte und weder eine Sucht noch eine Krise vorzuweisen habe. Ich mache eine Menge Leute arbeitslos. Ich hindere andere Leute an ihrer Selbstverwirklichung. Wenn ich keine Hilfe brauche und keine Hilfe in Anspruch nehme, bin ich mitverantwortlich dafür, dass das Leben anderer sinnlos wird. Das ist die traurige Wahrheit.

Manchmal habe ich fast ein schlechtes Gewissen, weil ich die mir empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch nehme. Weil ich die letzten fünf Jahre bloß zweimal beim Zahnarzt war und der außer ein bisschen Zahnstein noch nicht mal was gefunden hat. Immerhin konnte er mir eine neue Zahnbürste empfehlen, mit der ich jetzt auch die Zwischenzahnräume putzen kann.

Aber irgendwie habe ich doch keine Lust, krank und alt zu werden, bloß damit Andere dafür sorgen können, dass es mir immer besser geht.

So gesehen, müssen wir in diesem unserem Land, wo es immer allen besser geht, dankbar für die Flüchtlinge sein. Endlich kommen Menschen, die wieder Hilfe brauchen. Menschen, die wir retten, integrieren, pflegen, heilen, beraten, bespaßen, verwalten und belehren können. Endlich gibt es wieder was zu tun.

Eigentlich ist es schade, dass ich keine Probleme habe. Dass es zahllose Menschen gibt, die meine Probleme schon gelöst haben, bevor sie sich überhaupt stellen. Ich hätte gern mal wieder ein paar Schwierigkeiten, die mir selber gehören. Eine Zeitlang habe ich mir selber Herausforderungen gestellt, Abenteuerreisen gemacht, meinen Besitz verschenkt und was man sonst alles so tut, um mal wieder das Gefühl haben, zu leben, in Gefahr zu sein, sich beweisen zu müssen, stark zu sein.

Aber es macht einen Unterschied, ob ich mich selbst herausfordere oder ob das Schicksal mich herausfordert. Sich selber herauszufordern, sich selber in Gefahr zu bringen, sich selber künstlichen Mangel aufzuerlegen, ist irgendwie Betrug. Es fehlt etwas Wesentliches, auch wenn man die selbst auferlegten Herausforderungen zur eigenen Zufriedenheit bewältigt. Es ist, als ob die Evolution einen aufs Abstellgleis geschoben hätte. Als ob Gott einen vergessen hätte.

Insektensterben

Derzeit kann man kaum in eine Zeitung reingucken, ohne mit der Nase auf das große Insektensterben gestoßen zu werden. Eine wissenschaftlich allgemein akzeptierte Studie mit Erhebungen an über 60 Stellen in Naturschutzgebieten kommt zu dem Schluss, dass die Biomasse an Insekten (also ohne die Arten zu identifizieren) in Nordrhein-Westfalen und anderswo in Deutschland in den letzten 30 Jahren um 75% zurückgegangen ist.

Kaum ist diese Meldung veröffentlicht, geht auch schon die Suche nach dem Schuldigen los. Die Grünen und Naturschützer schieben den Rückgang, wie üblich, der industriellen Landwirtschaft in die Schuhe, die Bauern machen den Verkehr, die Versiegelung von Flächen, und – was völlig strange klingt – sogar die Insektenhotels oder die Zunahme an Waldflächen dafür verantwortlich, während der Bauernverband, auch wie üblich, die Seriosität der Studie bezweifelt und weitere Studien einfordert.

Ein Rückgang um 75%: das ist in der Tat dramatisch. Zumal ohne Insekten ein wichtiger Naturkreislauf, an dem auch unsere menschliche Existenz hängt, zusammenbricht. Ein nicht unbeträchtlicher Teil unserer pflanzlichen Nahrungsmittel ist auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Obst und Beeren beispielsweise. Aber auch Ölsaaten wie Raps oder Sonnenblumen. Oder Nüsse.

Die Frage, ob Insekten nur für die Bestäubung wichtig sind oder ob sie in einem funktionierenden Ökosystem noch weitere Aufgaben erfüllen, wie das Bodelebewesen und andere Krabbelviecher tun, kann ich auf Anhieb nicht beantworten.

Im Vergleich zu früher sind Windschutzscheiben und Kühlergrill am Auto heute tatsächlich kaum noch mit toten Insekten verklebt. Von der Decke hängende Klebespiralen in der Wohnung sind auch nicht mehr nötig. Ab und zu noch so ein Klebedings als Pflanzenschutz gegen Trypse, das ist es dann auch schon. Auffallend auch, dass es im Vergleich zu früher viel weniger Singvögel zu geben scheint. Wenn man mit der Nase draufgestoßen wird, wird einem bewusst, dass es auch im eigenen Umfeld sehr viel weniger Insekten und sehr viel weniger Vögel gibt als früher.

In diesem Artikel geht es mir aber um was anderes. Für das Insektensterben werden eine Vielzahl von Gründen genannt: Monokulturen, Feldgröße, Düngung, Glyphosat, Neonicotinoide, Flächenversiegelung, Verkehr, sterile Stall- statt Freilandhaltung von Nutzvieh, Regen, Trockenheit. Ja, sogar der Klimawandel muss als Grund herhalten, obwohl man davon ausgehen kann, dass in unseren Breiten eine Erwärmung für die Insekten eher von Vorteil und ihrer Vermehrung dienlich wäre.

Auffallend ist das totale Schweigen über einen möglichen weiteren Grund, nämlich der Ausbau der Mobilfunknetze und der Sendeanlagen und der massiven Zunahme der Datenübertragungsmenge. Die Zunahme hochfrequenter Strahlung wird als mögliche Ursache nicht mal erwähnt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Die Industrialisierung der Landwirtschaft hat vor 60 Jahren begonnen, und mit ihr ging tatsächlich auch ein Rückgang der Insekten- und Vogelzahl einher. Vielleicht erinnert sich noch mancher an das Buch Der stumme Frühling von Rachel Carson. Die Landwirtschaft ist, was Insekten- und Vogelsterben angeht, sicher nicht außen vor. Ich will da nichts verteidigen und nichts beschönigen.

Andererseits man muss folgendes bedenken: In den letzten 30 Jahren wurde in Deutschland viel für die Natur getan. Die Wälder haben zugenommen, ebenso die Biotope und die Brachflächen. Die landwirtschaftlichen Flächen sind dank Ertragssteigerungen durch züchterische Erfolge zurückgefahren worden. Flussläufe, Bäche, Moore sind renaturiert worden. Blühstreifen und Naturschutzmaßnahmen werden staatlich subventioniert. Hecken bleiben stehen. Der Eintrag von Schadstoffen wie Blei, Schwefel, Rauchgas etc. wurde durch den Einbau von Filteranlagen erheblich reduziert.

In summa sieht die Natur in Deutschland heute zumindest oberflächlich besser und gesünder aus als vor 30 Jahren. Und trotzdem sterben im selben Zeitraum vermehrt die Insekten und verschwinden die Vögel. Und sie verschwinden auch da, wo sie gar keinen Anlass dafür haben, wie bpsw. im Oberallgäu, wo es überwiegend Almen und Grünland gibt, das, wenn überhaupt, bloß von Kühen gedüngt wird. Zudem gibt es in dieser Region überdurchschnittlich viele Bio-Bauernhöfe. Und trotzdem verschwinden die Insekten. Das führt groteskerweise dazu, dass manche Bauern den Grünen und der Öko-Bewegung die Schuld am Insektensterben geben, weil es eben seit 30 Jahren die Öko-Bewegung gibt.

Seit 30 Jahren gibt jedoch auch PC, Laptop und Handy. Die modernere Variante sind Tablets und Smartphones, und diesen allen ist eins gemeinsam: Die Datenübertragung mittels hochfrequenter Strahlung.

Bevor ich die Ursachen für das Insektensterben bei den Grünen und der Öko-Bewegung suche, wie das die Bauern tun, würde ich mir doch schon mal Gedanken über den Zusammenhang von Insektensterben und Strahlung machen. Zumal es ja nichts Neues ist, dass Insekten sich u.a. am Magnetfeld der Erde orientieren.

Interessant auch, auf welche Art und Weise der Zusammenhang zwischen elektromagnetischer Strahlung und Verhalten von Insekten untersucht wird. Das liest sich beispielsweise so:

Bienen:

Als erste befassten sich bereits 1981 Gary und Westerdahl mit dem möglichen Einfluss hochfrequenter Felder (2,45 GHz) auf die Orientierung von Bienen. Es wurden 6000 einzelne Bienen markiert, exponiert oder scheinexponiert, und deren Orientierungsverhalten beobachtet. Es konnte kein Einfluss der Exposition festgestellt werden. An der Universität Koblenz wurde das Rückkehrverhalten von Bienen unter dem Einfluss hochfrequenter elektromagnetischer Felder in einer Pilotstudie (2005) und einer Folgestudie (2006) untersucht (siehe http://agbi.uni-landau.de/materialien.htm). Zur Exposition diente eine unter dem Bienenstock angebrachte DECT-Basisstation. Dies ist einerseits eine unrealistische Situation, aus der direkte Schlüsse über Auswirkungen von Mobilfunk-Basisstationen nicht gezogen werden können, andererseits kann ein Einfluss niederfrequenter Felder, die durch die Stromversorgung der DECT-Basisstation entstehen, nicht ausgeschlossen werden. Es ist bekannt, dass sich Bienen nach dem Erdmagnetfeld orientieren können (Hsu und Li 1994; Hsu et al. 2007), ob diese Orientierung durch niederfrequente Felder gestört wird, wurde nicht untersucht. Die Pilotstudie zeigte bei den exponierten Bienen einen Verlust der zurückkehrenden Tiere von bis zu 70%. Dies war signifikant mehr als bei den nicht exponierten Bienen. Allerdings war die Zahl der untersuchten Bienenstöcke klein. In der Folgestudie wurde die Zahl der Experimente erhöht, die in der Pilotstudie gefundene Tendenz wurde zwar bestätigt, die Ergebnisse waren aber nicht signifikant. Es kehrten etwa 60% der nicht exponierten und 50% der exponierten Bienen zurück. Auf eine drastische Störung der Orientierung von Bienen durch hochfrequente elektromagnetische Felder kann aus diesen Studien nicht geschlossen werden. Weiterhin war das Rückkehrverhalten deutlich schlechter als in der Arbeit von Gary und Westerdahl (1981), wo etwa 80% der exponierten sowie scheinexponierten Bienen in den Stock zurückkehrten, was insgesamt auf weiter Störgrößen in den Untersuchungen von Hsu und Mitarbeitern hindeutet.

http://www.ralf-woelfle.de/elektrosmog/redir.htm?http://www.ralf-woelfle.de/elektrosmog/biologie/umwelt.htm

In diesem Vergleich wird also als „Normalfall“ suggeriert, dass bei jedem Ausschwärmen 40% der Bienen sowieso nicht in den Stock zurückkommen. Offenbar wundert sich von den Wissenschaftlern niemand darüber, dass bloß 60% der nicht-exponierten Bienen in den Stock zurückkommen. Ich bin nun ja kein Imker, aber das wäre meiner Ansicht nach schon ein äußerst merkwürdiges Verhalten, denn nach drei- oder viermaligem Ausschwärmen wäre der Bienenstock dann ja so gut wie entvölkert. Bienen sind keine Eintagsfliegen. Die leben ja schon ein paar Wochen.

Diesem „Normalfall“ gegenüber erscheint ein Unterschied von 10% in der einen Studie und von 30% in der ursprünglichen Studie als nicht signifikant. Und das wird einem dann als wissenschaftlich seriös verkauft. Da kann man sich dann schon mal über Wissenschaftsgläubigkeit, um nicht zu sagen Wissenschaftshörigkeit so seine Gedanken machen.

Interessant ist m.E auch, dass in der Untersuchung von 1981 ja noch etwa 80% sowohl der exponierten und nicht-exponierten Bienen in den Stock zurückkehrten. Daraus könnte man durchaus auch den Schluss ziehen, dass eine einmalige, kurzfristige Exposition mit elektromagnetischer Strahlung den Bienen nicht so viel ausmacht wie die flächendeckende Dauerexposition durch Mobilfunknetze und Sendeanlagen, wie sie 2005 dann schon gegeben war.

Ich weiß nicht, ob es so ist, aber als seriöser Wissenschaftler würde ich solchen und ähnlichen Fragestellungen doch erstmal nachgehen, bevor ich behaupte, dass Bienen und andere Insekten durch elektromagnetische Strahlung nicht gravierend gestört werden.

Das Insektensterben zeigt aber wieder mal deutlich, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Was ihm nicht in den Kram passt, wird nicht wahrgenommen. Oder entsprechend uminterpretiert. Der Wille dominiert unsere Gedanken. Es ist nicht die Wahrnehmung und auch nicht die Suche nach der Wahrheit. Ja, wir wollen Smartphones, Tablets und die Elektrofizierung der Welt. Deshalb existiert Elektrosmog nicht. Und den Insekten macht der sowieso nichts aus.

Lektüre der Verwobenheit

Wir sprechen, schreiben, denken, kommunizieren in allen möglichen Sprachen, aber kaum jemand macht sich bewusst, dass wir, indem wir die Wirklichkeit begrifflich fassen und Beziehungen zwischen den Begriffen beschreiben, etwas Ähnliches tun wie der Detektor, der versucht, den Flug des Photons zu beobachten und dabei die Wirklichkeit grundsätzlich verändert, denn, was ohne den Detektor Welle war, wird durch die Beobachtung zum Teilchen und liefert ein ganz anderes Muster auf dem Schirm. Was als Welle Kohärenz verkörperte, verliert durch die Beobachtung seine innere Verwobenheit und wird zu einer Sammlung inkohärenter Partikel, die nur an der Oberfläche den Anschein eines verwobenen Musters simulieren. Beobachtung und Sprache sind Mittel, Kohärenz zu zerstören. Kann man mit Sprache diesen Bruch beschreiben und überwinden? Braucht es dafür eine neue Art von Poesie? In seinem dissoziativen, sechsteiligen Roman versucht Guido Vobig das Unmögliche. Ein Abenteuer für jeden, der sich darauf einlässt:

EIN dissoziativer Roman in 42 Kurzgeschichten.

CHRYSALIS: Band 1

  • Chrysalis
  • König der Lüfte
  • Der Buchladen
  • Massenphänomen
  • Zuckerbergs Dämon
  • Tiefen des Himmels
  • Soldat und Tänzer

268 Seiten – Taschenbuch: 9,99€ – E-Book: 6,99€

 

FRAGMENTE: Band 2

  • Steves Job
  • Apfel des Anstoßes
  • Innerer Dschungel
  • Gezüchteter Sturm
  • Gotteslicht
  • Breaking the pattern
  • Kintsugi

328 Seiten – Taschenbuch: 10,99€ – E-Book:: 6,99€

 

Überall bestellbar, wo es Bücher gibt, z. B. hier oder hier.

Band 3-6 sind in Vorbereitung.

Techno-Steuern

Gegenspieler der Natur und damit des Lebendigen ist unbestritten die zunehmende Vertechnisierung der Welt durch den Menschen. Natur verschwindet überall da, wo die sogenannte Technosphäre sich ausbreitet. Unter Technosphäre versteht man alle menschengeschaffenen Produkte vom Wattestäbchen bis hin zu Weltraumstationen. Die Technosphäre umfasst auch die gesamte menschliche Infrastruktur: Dörfer, Städte, Straßen, Krankenhäuser, Häfen, Staudämme und nicht zuletzt die öden Monokulturen industrieller Landwirtschaft. Sphärenklänge sind in diesem Kontext keine Engelsstimmen, sondern das Summen, Brummen, Kreischen, Schleifen, Schaben, Knattern, Rattern, Lärmen und Dröhnen von Maschinen.

In den vergangenen 50 (!) Jahren haben 11 Milliarden Menschen gleich viele Ressourcen verbraucht wie rund 95 Milliarden Menschen in den 50.000 Jahren davor. Pro Jahr verbraucht der brave Bundesbürger aktuell im Schnitt rund 10 Tonnen Metall, Mineralien, fossile Brennstoffe und Biomasse. Wir Menschen wandeln soviel Natur in Technosphäre und Abfall um, dass wir 2 1/2 Planeten von der Größe der Erde bräuchten, damit die Natur unsere Aktivitäten einigermaßen verkraften könnte. Da wir jedoch nur diese eine Erde zur Verfügung haben, leben wir auf Kosten der Substanz und verdrängen weiträumig die meisten der freilebenden Arten, deren Individuen mehr als ein Kilogramm wiegen. Dieser Vorgang ist als das sechste große Arten- oder Massensterben bekannt.

In den letzten 40 (!) Jahren haben sich weltweit die Bestände der Wildtiere im Durchschnitt mehr als halbiert, bis 2020 werden 2/3 der Wirbeltiere, die nicht zum Nutzvieh zählen, verschwunden sein. Und man kann wahrhaftig nicht sagen, dass die Welt um 1980 herum von Wildtieren noch gewimmelt hat. Auch damals waren das Artensterben und die Rote Liste schon ein heiß diskutiertes Thema, an dem sich, wie heutzutage auch, eine Menge Leute bloß bereichert haben, ohne dass sich irgendwas geändert hätte. Nicht umsonst war das ja die Zeit, in der die Grünen den Einzug in die Politik schafften, um alternative Lebens- und Regierungskonzepte der technisch-kapitalistischen Maschinerie als Fraß vorzuwerfen. War die Situation 1980 durch die explodierende Massenproduktion schon ernst genug, hat sie sich seit damals geradezu dramatisch verschlechtert.

Ein Blick auf unsere nächsten Verwandten veranschaulicht die Veränderungen: 7.500.000.000 Menschen stehen gerade mal noch 200.000 Schimpansen, 14.000 Orang-Utans und 4.000 Graue Gorillas gegenüber. 60% aller Affenarten sind vom Aussterben bedroht.

Die meisten der auch für den Menschen gefährlichen Umweltveränderungen gehen auf die Vertechnisierung der Welt zurück: Waldsterben, Ozonloch, Klimawandel, Entgleisung der fundamentalen, weltumspannenden Kreisläufe von Kohlenstoff und Stickstoff, überall sinkende Grundwasserspiegel, die zudem mit Antibiotika, Hormonen, Nitraten und anderen Stoffen verseucht werden, Vermüllung der Meere mit Plastikabfällen, Elektronikschrottberge in Afrika, radioaktive Abfälle, die noch Tausende von Jahren vor sich hinstrahlen werden und für die kein Endlager gefunden wird. Und nicht zuletzt droht im Hintergrund zudem der Ausbruch eines Atomkriegs mit dem Horrorszenarium, dass Atombomben auf Atomkraftwerke geworfen werden. Die meisten Menschen sind hochgradig technikgläubig. Sie nehmen es unbesehen hin, dass die Vertechnisierung jährlich Hunderttausende von Menschen das Leben kostet, sei es durch Unfälle, Krieg oder Vergiftung der Lebensgrundlagen. Sie halten die Vertechnisierung der Welt immer noch für eine großartige Leistung und sind – im wahrsten Sinne des Wortes – wahnsinnig stolz auf den Zivilisationsprozess, was ja nur ein anderes Wort für die Vertechnisierung ist. Genau das ist der Zivilisationsprozess: ein Wahn.

Bevor selbsternannte Weltretter überstürzt Maßnahmen ergreifen, um zu retten, was wohl nicht mehr zu retten ist, müssten sich die Menschen ihrer Destruktivität überhaupt erstmal richtig gewahr werden. Sie müssten erkennen, was sie tun. Die Zerstörung der Biosphäre ist nämlich nicht nur ein Kollateralschaden, den man mit ein paar halbherzigen Maßnahmen wie Pseudo-Kommunismus oder Veganismus oder dergleichen wieder beseitigen kann. Seit sich der Mensch mit dem Feuer eingelassen hat, ist die Zerstörungskraft des Feuers auch dem Menschen immanent. Erst, wenn man das kapiert hat, kann man sich Maßnahmen überlegen, um die menschliche Zerstörungskraft vorübergehend vielleicht etwas einzudämmen.

Die einzig adäquate Maßnahme, die mir einfällt, besteht darin, die Vertechnisierung so teuer zu machen, dass sie sich nicht mehr lohnt. Das wäre eigentlich ganz leicht zu bewerkstelligen. Statt die menschliche Arbeitskraft oder den gesamten Konsum zu besteuern, könnte man sämtliche Steuern und Sozialabgaben auf Rohstoffe, Energie und Technik umlegen.

Im Prinzip ist ein Staatshaushalt ja nichts anderes als eine doppelte Buchführung. Was auf der einen Seite die Einnahmen sind, sind auf der anderen Seiten die Ausgaben, und die Aufgabe besteht darin, die Einnahmen und die Ausgaben zur Deckung zu bringen. Wie man das anstellt, ist egal. Im Jahr 2017 arbeitet ein durchschnittlicher Arbeitnehmer bereits mehr als das halbe Jahr für den Staat. Das heißt, der Staat kassiert um die 55% des Einkommens und verspricht dafür Sicherheit, Bildung, Infrastruktur, Gesundheits- und Altersversorgung und dergleichen mehr.

Statt den Menschen nun 55% des Einkommens wegzunehmen, könnte man Energie und technische Geräte um eben diesen Betrag verteuern. Statt Unternehmenssteuer müssten die Betriebe Maschinen- und Robotersteuern bezahlen. Dann könnte die menschliche Arbeit wieder mit Maschinen und Robotern konkurrieren. Es würde sich wieder lohnen, selber irgendwo Hand anzulegen statt dauernd bloß Wegwerfprodukte zu kaufen, die aufgrund der Notwendigkeit, Umsatz zu machen, immer schneller kaputt gehen.

Da wir aufgrund des technischen Fortschritts unter massiver Überproduktion leiden, wäre eine Reduzierung der Produktivität ein echter Gewinn, um nicht zu sagen, ein Segen. Das könnte man mit einem bedingungslosen Grundeinkommen erreichen. Ich war bislang ein eingefleischter Gegner des BGE, weil es den Menschen total abhängig macht und den Lebenswillen lähmt. Es zerstört die Fähigkeit und den Wunsch, für sich selber zu sorgen. Wenn man jedoch der weiteren Vertechnisierung ein Ende setzen wollte, wäre das BGE vorübergehend vermutlich doch eine sinnvolle Maßnahme. Sollte sich die Gesellschaft irgendwann anti-technisch organisiert haben, könnte man es ja wieder abschaffen. Vielleicht kommen unsere Nachfahren ja irgendwann in ferner Zukunft an den Punkt, wo sie es wieder als ihre Aufgabe angucken, selbst für sich zu sorgen, und stolz darauf sind, wenn ihnen das ohne die Zuhilfenahme von Fremdenergie gelingt. Das wären dann allerdings keine Menschen mehr, definiert sich Menschsein doch eben durch den Fremdenergieverbrauch.

Das Grundeinkommen wäre dazu da, die Grundbedürfnisse abzudecken. Da fallen mir zuerst Nahrung, Wohnung und Kleidung ein. Vielleicht gibt es noch andere existenzielle Bedürfnisse wie ein gewisses Maß an Sauberkeit und gesellschaftlichem Austausch. Aber das kostet ja nichts oder zumindest nicht viel. Im Grunde ist das BGE so was wie Hartz IV für alle. Mehr nicht. Technische Geräte wie Waschmaschine, Wäschetrockner, Herd, Heizung, Kühlschrank, Gefriertruhe, Fernsehen, Musikanlage, Computer, elektrische Küchengeräte, Rasenmäher, Auto usw. gehören nicht zu den Grundbedürfnissen, die über das Grundeinkommen abgedeckt werden. Wer nicht in einem Wohnheim wohnen und sich stattdessen mit technischem und sonstigem Schnickschnack umgeben will, muss, wie bisher auch, dafür arbeiten. Ich gehe schon davon aus, dass angesichts der menschlichen Technikbesessenheit die meisten Menschen tatsächlich weiterhin arbeiten würden. Wer von uns will schon auf die obengenannten Gerätschaften verzichten? Wer will nicht in seiner eigenen Wohnung wohnen? Und wenn manche (oder auch viele) das nicht wollen, ist das auch okay. Aussteiger und Minimalisten sind in diesem Modell ja explizit erwünscht.

Wenn sämtliche Steuern und Abgaben auf Energie und Technik umgelegt würden, würde jedes technische Gerät vermutlich das Dreifache oder Fünffache kosten. Vielleicht sogar noch mehr. Dann muss man sich schon überlegen, ob sich die Anschaffung lohnt. Ob man nicht beispielsweise besser fährt, wenn man die Wäsche auf die Leine hängt anstatt sie in den Trockner zu stopfen. Ob es nicht günstiger ist, von Hand zu spülen oder den Teig von Hand zu rühren als mit der Maschine. Ob man wirklich bereit ist, sich das halbe Leben lang krumm zu legen, nur um sich ein Auto kaufen zu können. Natürlich würde auch die Energie sehr viel teurer werden. Sodass sich vielleicht mancher überlegt, wieder mit der Sonne schlafen zu gehen und mit ihr aufzustehen. Viele Menschen werden sich die Technik, mit der sie sich jetzt gerade umgeben, schlichtweg nicht mehr leisten können. Vielleicht wird es dann wieder modern, im Garten zu zelten. Vielleicht können die Kinder dann ja wieder mal auf der Straße spielen. Auf jeden Fall wäre die Techno-Steuer ein Mechanismus, der die Produktion den Bedürfnissen anpasst. Es gäbe keine Überproduktion mehr. Die Techno-Steuer wäre der Sand im Getriebe der Wirtschafts- und Marketing-Maschinerie. Sie würde die Vertechnisierung der Welt zumindest effektiv verlangsamen.

In diesem Modell kann jeder mit dem Grundeinkommen machen, was er will. Jeder kann selber entscheiden, was und wie lange er arbeiten will. Es besteht kein Zwang zur Arbeit, weil die existenziellen Bedürfnisse ja abgedeckt sind. Von seinem Einkommen kann jeder kaufen, was er will. Freie Entscheidungen finde ich besser, als den Menschen vorschreiben zu wollen, wieviel Energie sie verbrauchen oder wie oft in der Woche sie Fleisch essen dürfen. Allerdings muss der Mensch die Folgen seiner Entscheidung selber tragen. Wenn sich einer dafür entscheidet, sein Grundeinkommen in einen Laptop oder in ein i-Phone zu stecken, dann hat er eben nichts zu essen. Der Staat hat bereits für den Menschen gesorgt, zweimal für den Menschen zu sorgen, ist nicht mehr seine Sache.

Wichtig an diesem Modell ist, dass das Grundeinkommen zwingend mit einer vollständigen Umstrukturierung des Steuersystems gekoppelt ist. Solange die Einnahmen des Staates weiterhin von den Einkommen bzw. der menschlichen Arbeitskraft abhängen, macht ein Grundeinkommen keinen Sinn. In diesem Fall entsteht nämlich automatisch der Zwang zur Arbeit, um das Grundeinkommen überhaupt finanzieren zu können. Statt zu mehr Freiheit und einer Umstrukturierung der Gesellschaft führt das BGE für sich allein genommen in die paradoxe Situation, dass die Menschen gezwungen werden, freiwillig mehr zu arbeiten als im alten System. Für sich allein genommen, führt das BGE zu einer absolut verlogenen Gesellschaftsordnung, falls es nicht gleich in einem Desaster endet.

Das bisherige Steuersystem, in das der Mensch mit seiner Arbeitskraft eingebunden ist, stammt aus der Bronzezeit. Dieses Steuersystem war sinnvoll für eine agrarische Gesellschaft, in der die menschliche Arbeitskraft neben Ochs und Pferd die Hauptenergiequelle war. Nun leben wir nicht mehr in einer Agrar- sondern in einer Industriegesellschaft. Für eine Gesellschaft, die über Strom, Maschinen und Roboter verfügt, hat das alte Steuersystem deswegen eine Menge unerwünschter Effekte, von denen der ewige Zwang zum Wirtschaftswachstum nur einer ist.

Meiner Ansicht nach hätte das Steuersystem allerdings bereits vor hundert oder zweihundert Jahren dem veränderten Paradigma angepasst werden müssen. Jetzt sehen wir uns in der Situation, dass die Vertechnisierung mit einer den Rahmen der Naturverträglichkeit sprengenden Bevölkerungsexplosion einhergeht und eine Eigendynamik entfaltet, die niemand steuern oder beherrschen kann. In dieser Phase des vielgerühmten Zivilisationsprozesses stellt sich heraus, dass nicht der Mensch das Feuer beherrscht, sondern das Feuer bzw. die Vertechnisierung den Menschen. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir auf einen Systemkollaps zusteuern, vergleichbar mit jenem, wie er sich auch in der Bronzezeit ereignet hat. Was danach kommt, ist schwer zu sagen. Vielleicht ein Zeitalter, in dem nicht-lebendige Systeme die Herrschaft über den Planeten haben und die Menschen, die den Kollaps überleben, kein eigenes Leben mehr haben, sondern Kapital in irgendeinem von Maschinenintelligenz ausgedachten Plan sind, ähnlich wie heute die Tiere in der Massentierhaltung. Wenn das die Zukunft ist, ist es mir egal, ob ich den Kollaps überlebe oder nicht. Deswegen mache ich mir auch keine großen Sorgen mehr.

Eine andere Lösung wäre nur denkbar, wenn der Mensch aus seinem Zivilisations- und Technikwahn aufwachen würde. Vom Erwachen reden die Buddhisten jedoch schon seit zweieinhalbtausend Jahren, ohne dass sie je kapiert haben, dass das Feuer (Vertechnisierung) und nicht die Gier oder der Egoismus das ursächliche Problem der Menschheit ist. Deshalb sehe ich für eine andere Lösung einigermaßen schwarz.

Der große Unterschied

Menschen unterscheiden sich von Tieren. Auf der einen Seite stehen in dieser Unterscheidung also die Menschen, auf der anderen Seite die Gesamtheit aller Tiere. Das heißt, Menschen unterscheiden sich von Tieren ebenso sehr, wie sich Tiere von Pflanzen unterscheiden.

Die Verfasser des Alten Testaments haben angenommen, dass Gott im Rahmen des Schöpfungsprozesses grundsätzlich verschiedene Lebensformen erschaffen hat: Bevor es Sonne, Mond und Sterne gab, erschuf Gott am dritten Tag samenbringende Gräser und Kräuter sowie fruchttragende Bäume. Nachdem Gott am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne geschaffen hatte, ging er daran, das Wasser und die Luft mit Lebewesen zu bevölkern. Gräser, Kräuter und Bäume sind für die Bibelschreiber also Lebensformen, die unabhängig von den Gestirnen existieren können. Am sechsten Tag machte Gott das Vieh, das Gewürm und den Menschen. Domestizierte Landtiere, Bodenlebewesen und die Menschen gehören für die Bibelschreiber offenbar in dieselbe Kategorie. Es gibt in der Vorstellung der Bibelschreiber keine Wildtiere. Und auch keine Raubtiere. Die Welt der Jäger und Sammler wird total ignoriert. Das ist ein typischer Fall von Betriebsblindheit. Wir sollten uns jedoch nicht einbilden, dass dem modernen Menschen so was nicht mehr passieren kann. Die Welt im Zeitalter der industriellen Revolution als göttliches Uhrwerk zu interpretieren, ist ebenso ein Fall von Betriebsblindheit, wie im Zeitalter der Digitalisierung den Urstoff des Seins in der Information zu sehen.

Heute gehen wir davon aus, dass das Leben eine Einheit ist, die sich im Rahmen der Evolution in die Vielheit ausgefaltet hat. Wir benutzen gerne das Bild von einem Baum, der sich von einem einzigen Stamm her in Äste aufteilt und sich immer mehr verzweigt. Wir glauben daran, dass alles Leben einen gemeinsamen Ursprung hat. Alle Lebewesen verbindet der universell gültige Code der DNA, der stets aus denselben Nukleinsäuren und denselben Aminosäuren aufgebaut ist. Unterschiede gibt es nur in der Anzahl und Anordnung der Bausteine, während die Bausteine überall dieselben sind.

Wir glauben heute, dass das Leben irgendwann vor etwa vier Milliarden Jahren in heißen Quellen am Meeresboden begann, als eine Mischung anorganischer Substanzen aus irgendeinem unerfindlichen Grund plötzlich lebendig wurde. Ich habe so meine Zweifel an dieser Glaubensvorstellung, aber das soll jetzt nicht das Thema sein. Hier geht es erstmal nur um den fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Der Unterschied zwischen einem Löwen und einem Tiger gehört in eine andere Kategorie als der Unterschied zwischen Fischen, Insekten und Vögeln. Löwen und Tiger sind beides Raubtiere. Mensch und Schimpanse sind beides Säugetiere. Mensch und Schimpanse gehören beide zu den Primaten, doch ist der Unterschied zwischen Gorilla, Orang-Utan, Bonobo und Schimpanse ein anderer als der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse. Die Frage ist nun, was diesen Unterschied genau ausmacht.

Es wird gerne gesagt, dass sich der Mensch durch Werkzeuggebrauch, Sprache, Selbst- und Todesbewusstsein grundsätzlich vom Tier unterscheidet. Oder durch den aufrechten Gang. Nur stimmt das so nicht. Auch Schimpansen benutzen Werkzeuge. Mit Hilfe von Steinen knacken sie Nüsse. Mit Hilfe von Stöcken angeln sie Termiten. Wieder andere basteln sich Kissen aus Blättern. Schimpansen können durchaus auf zwei Beinen laufen.

Der Mensch unterscheidet sich von seinen nächsten Verwandten also nur durch das Ausmaß des Werkzeuggebrauchs, aber der Werkzeuggebrauch selber ist kein Alleinstellungsmerkmal. Dasselbe gilt für die Sprache. Affen sind durchaus in der Lage, ihren Lauten und Gesten einen semantischen Gehalt zuzuordnen. Anscheinend lügen sie sogar. Das heißt, ein Schimpanse, der es auf die Banane seines Kumpels abgesehen hat, stößt auch schon mal den Schlangen-Warnruf aus, damit der Kumpel die Banane Banane sein lässt und davonrennt. Auch das Selbst- und dem Todesbewusstsein ist in vielen Tieren bereits angelegt, mithin kein Alleinstellungsmerkmal.

Der Mensch ist zwar nicht das einzige Lebewesen, das Feuer nutzt, aber er ist das einzige Lebewesen, das Feuer machen kann. Von allen Lebewesen auf diesem Planeten haben allein die Menschen gelernt, das Feuer zu kontrollieren und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Andererseits gibt es keine menschliche Gesellschaft, die ohne Feuer ist.

Nun könnte man sagen, das Feuer gehört zur Gruppe der Werkzeuge. Die meisten Anthropologen, Biologen und sonstigen Forscher sehen zwischen der Benutzung eines Steins und der Benutzung eines Feuers keinen großen Unterschied.

Doch Feuer ist eben gerade kein Werkzeug wie ein Stein oder ein Stöckchen, sondern ein Prozess, der, einmal in Gang gesetzt, eine Eigendynamik entfaltet. Kein anderes Lebewesen außer dem Menschen setzt bewusst einen Prozess oder einen Mechanismus in Gang, um damit ein gesetztes Ziel zu erreichen. Das ist absolut einzigartig. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Technologien sind nichts anderes als Möglichkeiten zur Ingangsetzung von Prozessen. Die Agrarisierung ist nichts anderes als die Ingangsetzung von Prozessen, die von der Natur abgekupfert wurden. Mit der Erfindung des Verbrennungsmotors und der Dampfmaschine und nun der Digitalisierung hat der Mensch die Möglichkeiten, Prozesse in Gang zu setzen, ins Unendliche potenziert.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Tiere, Pflanzen und Menschen sind immer Teil von natürlichen Prozessen. Der umfassendste Prozess, den wir kennen, ist die Evolution. Aber es ist niemand da, der die Evolution steuert. Es sei denn, man glaubt eben an Gott bzw. an intelligent design. Im Grunde genommen kann nur einer Prozesse bewusst in Gang setzen, und das ist eben gerade Gott. Das ist ihm sogar wesensimmanent. Da der Mensch ebenfalls Prozesse in Gang setzt, ist er eher Gott denn Tier. Und das stimmt, denn Gott ist ja nichts anderes als eine ins Absolute übersteigerte Selbstprojektion.

Feuer ist ein anorganisches Element wie Wasser, Erde oder Luft. Diese vier Elemente sind für die Gestaltung eines Lebensraums wesentlich. Auf dem Mars gibt es kein Leben, weil es an Wasser und Atmosphäre mangelt. Physiker glauben, dass das ganze Universum aus einem Feuerball mit schier unvorstellbaren Temperaturen hervorgegangen ist.

In den alten Mythologien erscheint die Erde häufig als Insel oder Berg, die auf einem Urmeer schwimmt, das bei den Griechen Okeanos, bei den Ägyptern Nun heißt. Wasser ist für uns moderne Menschen nach wie vor der Entstehungsort für Leben. Feuer ist unserer Vorstellung jedoch der Entstehungsort fürs ganze Universum. Mithin ist in unserer Vorstellung Feuer die göttliche Schöpferkraft schlechthin. Weil sie gelernt haben, das Feuer zu kontrollieren, verhalten sich Menschen wie Götter und unterwerfen seit der Agrarisierung Pflanzen und Tiere. In Wirklichkeit hat das Feuer den Affen in seinen Bann gezogen und macht mit ihm, was es will.

Jane Goodall hat Schimpansen beobachtet, die in der Nähe eines Wasserfalls ein seltsames Verhalten zeigten. Sie schienen in Trance zu versinken und sich dabei in einer Art Tanz zu wiegen. Goodall interpretierte dieses Verhalten als Anfänge von religiösem Verhalten. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber es ist doch erstaunlich, dass Schimpansen dieses merkwürdige Verhalten in Gegenwart von Wasser an den Tag legen. Und nicht in Gegenwart von Vulkanen, Waldbränden oder Sonnenlicht.

Der Mensch kann ohne Feuer nicht leben. Als er ohne Feuer gelebt hat, war der Mensch noch kein Mensch, sondern ein Affe. Seit wann der Mensch Feuer benutzt, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Die älteste, von Menschen benutzte Feuerstelle ist eine Million Jahre alt. Vor einer Million Jahren gab es den Homo sapiens noch gar nicht. Schon der Homo erectus, der Denisova-Mensch und der Neandertaler kannten das Feuer und organisierten ihr soziales Leben um die Feuerstelle herum.

Der Umgang mit dem Feuer hat aus einem Affen den Menschen gemacht. Deshalb muss man, wenn man etwas über die Menschwerdung sagen will, den Affen und das Feuer zusammen denken. Die einfache Formel lautet:

Affe + Feuer = Mensch

Die Kombination aus Affe + Feuer ergibt eine neue, noch nie da gewesene Lebensform, die sich von allen anderen Tieren grundlegend unterscheidet. Das bestätigen die 30 Billionen Tonnen Technosphäre, mit denen wir uns bereits jetzt umgeben und die uns von der Natur mit ihren Tieren und Pflanzen für immer trennen.

In dem Moment, in dem unsere Spezies angefangen hat, mit dem Feuer zu hantieren, hat der Affe aufgehört, unser Bruder zu sein. Ich stelle das nicht aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus fest, eher mit einer gewissen Trauer. Die Loslösung aus dem Tierreich und aus der Natur deute ich als Verlust und nicht als Gewinn. Denn da, wo der Mensch in seiner Entwicklung hingeht, begegnet er nicht mehr dem Anderen, sondern nur noch ins Unendliche vervielfältigten Spiegelbildern seiner selbst. Der Weg, den der Mensch geht, führt in die absolute Einsamkeit, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen.

 

Schrödingers Katze und Fingers Ameisen

Es gibt inzwischen einige berühmte Katzen, doch die berühmteste von allen ist eine, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt, nämlich Schrödingers Katze.

Sie hat Weltberühmtheit erlangt, weil Erwin Schrödinger damit ein Phänomen der Quantenphysik anschaulich machen wollte, und zwar die Überlagerung von Zuständen. Bei Schrödingers Katze handelt es sich bloß um ein Gedankenexperiment. Würde man das Experiment real durchführen, wäre der Ärger mit Tierschützern vorprogrammiert und Erkenntnisse würde man dabei auch keine gewinnen.

Das Experiment, das man sich vorstellen soll, geht so: In einem Kasten, in den der Beobachter nicht hineinschauen kann, sitzt eine Katze neben einer Apparatur, die durch den Zerfall eines Atoms gesteuert wird. Zerfällt das Atom, wird Radioaktivität frei. Diese wird von einem Geigerzähler gemessen, woraufhin ein Hammer eine Phiole mit Gift zertrümmert, welches die Katze sofort tötet. Solange das Atom nicht zerfällt, passiert der Katze nichts. Irgendwann wird das Atom zerfallen, aber man kann den Zeitpunkt nicht genau vorhersagen, sondern nur bestimmte Wahrscheinlichkeiten dafür angeben.

Der Physiker fragt sich, ob die Katze in dem Kasten tot oder lebendig ist und gibt daraufhin die erstaunliche Antwort, dass die Katze, solange der Kasten nicht geöffnet wird, gleichzeitig tot und lebendig ist, weil sich im Kasten bei der Katze die Zustände des Tot- und Lebendigseins überlagern. Natürlich kann man zu jedem Zeitpunkt feststellen, ob die Katze noch lebt oder ob sie schon tot ist, indem man den Kasten öffnet und reinguckt. Daraus zieht der Physiker nun den doch einigermaßen verblüffenden Schluss, dass das Reingucken den entscheidenden Unterschied ausmacht. Erst in dem Moment, in dem man in den Kasten reinguckt, wird festgelegt, ob die Katze tot oder lebendig ist. Wenn man also beim Reingucken in den Kasten feststellt, dass die Katze tot ist, ist es nicht das Gift, das die Katze umgebracht hat, sondern das Reingucken. Der Physiker sagt, dass erst die Messung entscheidet, ob die Katze tot oder lebendig ist.

Wo es um die Katze geht, machen die Physiker jedoch sogleich wieder einen Rückzieher. Mit einer echten Mieze funktioniert dieses Experiment nämlich nicht, weil sie ein Objekt der Makrowelt, also unserer Lebenswelt ist. Solche Versuche funktionieren bloß in der mikroskopisch superwinzigkleinen Welt der Quanten.

In diesem Katzen-Experiment werden jedoch sowieso zwei Dinge in einen Topf geworfen und miteinander vermischt. Es gibt in dem Experiment nämlich sowohl eine Messung als auch eine Beobachtung. Die Messung wird durch den Geigerzähler vorgenommen, und da ist es ja in der Tat so, dass diese Messung die Katze vom Zustand des Lebendigseins in den Zustand des Totseins befördert. Denn sobald Radioaktivität gemessen wird, wird ja automatisch der Hammer in Bewegung gesetzt. Ob man in den Kasten reinguckt oder nicht, hat mit dieser Messung rein gar nichts zu tun. Aber was in diesem Fall die Unterscheidung von Messung und Beobachtung angeht, bleiben Erwin samt seiner Physikergilde merkwürdig schwammig.

Man kann sich schon mal fragen, weshalb die Physik zu solchen Taschenspielertricks greift, um ihren Untersuchungsgegenstand anschaulich zu machen. Denn was anderes als ein Trick ist es nicht.

Ich lasse mich trotzdem mal auf das Spiel ein und wende mich also der superwinzigkleinen Welt der Quanten zu. Die Gegenstände, die hier untersucht werden, sind so klein, dass das Auge des Physikers aus der Quantenperspektive wie das von einem Superriesengiganten wirkt. Das menschliche Auge ist im Verhältnis zum Quant größer als die Sonne im Verhältnis zur Erde. Behaupte ich mal, nachgeprüft habe ich es nicht. Wie die Sonne strahlt dieses Riesenauge Energie ab, denn damit das Auge was sehen kann, muss es schließlich hell sein. Sonst macht der Beobachter die Erfahrung, dass im Dunkeln alle Katzen grau sind.

Doch das menschliche Auge genügt dem Vorhaben nicht. Um Atome zu sehen, muss man ein Elektronenmikroskop bauen. Man muss das Auge künstlich also enorm vergrößern. Und um Quanten zu sehen, genügt sogar ein Elektronenmikrosop nicht mehr, dafür braucht es einen LHC mit einem ringförmigen Beschleunigungstunnel, der im CERN um die 27 Kilometer lang ist. Das CERN hat mit dem LHC-Betrieb einen geschätzten Jahresverbrauch von 1.200 Millionen kWh, das ist ungefähr soviel, wie 400.000 Zweier-Haushalte, also 800.000 Personen an Energie verbraten.

Machen wir also auch mal ein Gedankenexperiment und nehmen statt Schrödingers Katze Fingers Ameisen. Stellen Sie sich einfach mal einen Ameisenhaufen vor, auf dem eine Menge Ameisen rumwuseln. Diese Ameisen sind so klein, dass ein Beobachter sie mit bloßem Auge gar nicht sehen kann. Um die Ameisen sichtbar zu machen, basteln die Beobachter deshalb ein Mikroskop. Da dieses Mikroskop ein elektronisches ist, strahlt es Licht ab. Das ist nichts anderes als Wärme. Auf die Ameisen wirkt das Elektronenmikroskop stärker als die Sonneneinstrahlung auf uns. Aber selbst damit sieht man noch keine Ameisen. Deshalb baut man den LHC.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die superwinzigkleinen Ameisen zu Asche verbrennen, sobald man den Hitzestrahl des Elektronenmikroskops auf sie richtet. Und wenn man sich im CERN damit vergnügt, im LHC mit unvorstellbar beschleunigten Ameisenhaufen um sich zu werfen, in der Hoffnung, dass mal zwei aufeinanderprallen, kann man sich vorstellen, dass von den Ameisen nicht viel übrig bleibt. Oder anders: das, was schließlich übrig bleibt und von den haushohen Detektoren gemessen werden kann, sind keine Ameisen.

In der superwinzigkleinen Welt der Quanten bewegen wir uns in einer Welt, die nochmal um Größenordnungen kleiner ist als die Welt der Atome. Um diese Welt überhaupt beobachten zu können, muss man also zuerst so was wie eine Atombombe drauf schmeissen. Oder am besten gleich einen explodierenden Kernreaktor mit mehreren Blöcken. Also so ein Ding wie in Fukushima. Das dürfte in etwa den Größen- und Energieverhältnissen entsprechen. Denn es ist so: je kleiner etwas ist, umso mehr Energie muss man aufwenden, um es sichtbar zu machen.

Da muss man sich schon fragen, was für Erkenntnisse man über eine Stadt gewinnen kann, die zuerst mittels einer Super-Atombombe eingeebnet wird. Was man hinterher untersuchen kann, ist die von der Bombe stammende Radioaktivität, die Asche und die Krater in der in Trümmer gelegten Stadt. Die Physiker geben nun vor, anhand der Radioaktivität, der Asche und den Kratern gültige Erkenntnisse über die Stadt und ihre Bewohner ableiten zu können. Und das glauben wir den Wissenschaftlern. Genausogut kann man auch den Zaubersprüchen eines Schamanen glauben. Das ist wenigstens nicht so teuer.

Naturwissenschaft besteht heute darin, unter höchst unnatürlichen Bedingungen höchst unnatürliche Ergebnisse zu erzwingen. Und das unter Zuhilfenahme von Taschenspielertricks.

Denn die ganze Quantenphysik ist im Grunde nichts anderes als eine semantische Taschenspielerei. Aus: Ich weiß nicht, ob die Katze tot oder lebendig ist wird – hokuspokusfidibus – ein: Ich weiß, dass die Katze entweder tot oder lebendig ist.

Bei diesem Zaubertrick wird Nicht-Wissen in Wissen umdeklariert und als Unbestimmtheit zu einer Eigenschaft der Materie gemacht. Was im Subjekt also eine Begrenzung darstellt, wird ins Objekt verlagert und erscheint als Unbestimmtheit des Objekts.

Und schon kann sich unser menschlicher Geist darin gefallen, so zu tun, als wüsste er wieder etwas mehr. Er kann sich sogar als Allwissender aufspielen, indem er alles, was er nicht weiß, als Unbestimmtheit ins zu beobachtende Objekt auslagert.

Der menschliche Geist wird auf diese, nun ja, doch etwas zweifelhafte Weise nicht nur zum Allwissenden, er wird sogar zum Schöpfer. Denn schließlich kann sich der Geist nun einreden, dass erst die Beobachtung den Zustand festlegt. Auf einmal ist es seine Beobachtung, die darüber entscheidet, ob die Katze im Kasten tot oder lebendig ist. Und was die superwinzigkleinen Teilchen angeht, kann sich der menschliche Geist einreden, dass er die Teilchen sogar erzeugt, dass erst seine Beobachtung den Teilchen überhaupt Existenz verleiht. Und das ist ja gar nicht mal so falsch, weil die Radioaktivität, die Asche und die Krater ja wirklich erst durch die Beobachtung erzeugt werden.

Die Frage ist, warum die Quantenphysik trotzdem eine wichtigere Rolle in der heutigen Welt spielt als seinerzeit Uri Geller, der ja behauptet hat, mit seinen Geisteskräften Gabeln und Löffel verbiegen zu können. Tja, Uri Geller ist damals eben rechtzeitig entlarvt worden. Aber bis heute hat sich noch niemand getraut, die Quantenphysik als Hokuspokus zu entlarven.

Die Quantenphysik schmeichelt nämlich dem allseits bekannten menschlichen Größenwahn. Alles zu wissen ist etwas, das der menschliche Geist seit jeher anstrebt. Schon lange liebäugelt dieser Geist auch damit, Gott zu spielen und die Welt als seine eigene Schöpfung auszugeben. Mit der Quantenphysik kann man die Grenze zwischen der materiellen Welt und der Welt der Vorstellungen einreißen und problemlos zwischen realen und virtuellen, also eingebildeten, Teilchen hin und hersurfen. Die Quantenphysik löst zumindest im Bereich der superwinzigkleinen Teilchen den Unterschied zwischen materieller und geistiger Welt auf. War es in den Religionen der Geist Gottes, der die Welt kreiert, so spielt die Quantenphysik mit der Möglichkeit, dass der menschliche Geist die Welt kreiert, mithin selber Gott ist. In der Quantenphysik wird alles irgendwie möglich. Und tatsächlich gibt es inzwischen eine ganze Anzahl von Physikern, die ernsthaft behaupten, dass das Universum und mithin die Welt, in der wir leben, erst durch Beobachtung entsteht.

Aber das ist noch nicht alles, weshalb die Quantenphysik so attraktiv erscheint. Der Quantenphysik verdanken wir nämlich das Rechnen in Wahrscheinlichkeiten. Ohne Quantenphysik hätten Statistiken niemals die Bedeutung erlangt, die sie heute in der Bewertung der Welt ganz selbstverständlich einnehmen. Durch das Rechnen mit Wahrscheinlichkeiten werden Prozesse, die vorher als unberechenbar galten, nun doch berechenbar. Statistiken und Wahrscheinlichkeiten haben sich als neue Macht- und Kontrollinstrumente entpuppt, die sich hervorragend dafür eignen, das Leben selbst in schnöde Zahlenspiele zu verwandeln. Man kann heute keine Zeitung mehr aufschlagen, ohne dass man irgendwelchen Statistiken begegnet. Der Staat schafft Ämter, die sich mit nichts anderem befassen, als die Welt und das Verhalten der Bürger in unzählige Statistiken zu verwandeln.

Nichts eignet sich besser zur Demontage des Individuums als Statistiken und das Rechnen in Wahrscheinlichkeiten. Was den Wert des Einzelnen ausmacht, verschwindet hinter der Summe aller Individuen, deren Werte gemittelt werden und so den Durchschnittsbürger hervorbringen, der zum Prototyp hochstilisiert und an dem alles gemessen wird. Der Durchschnittsbürger wird zur Norm, an die die Einzelnen sich nach und nach anpassen. Wo das nicht von selbst geschieht, wird eben nachgeholfen. Mein Standardbeispiel ist hier der Blutdruck. 120/80 ist ein gemittelter Wert, der entsteht, wenn der erste Kandidat 40/20 und der zweite 200/140 hat. Der Wert entsteht ebenfalls, wenn ein Kandidat 121/81 und der zweite 119/79 hat. Aus diesem gemittelten Wert lässt sich nicht im Geringsten ableiten, dass er der gesündeste Wert für alle ist. Aber genau davon wird irrsinnigerweise ausgegangen.

Die Physiker sagen, die Quantenwelt handelt von Teilchen, die sich nicht voneinander unterscheiden lassen. Doch gilt: Wenn wir die Methoden der Quantenphysik auf unsere eigene Lebenswelt anwenden, werden wir als Menschen so ununterscheidbar wie die Weizenhalme auf einem Acker. Und tatsächlich lassen sich Entwicklungen in dieser Hinsicht auch ganz ohne LHC oder Elektronenmikroskop beobachten.

Die Quantenphysik ist also weniger eine Methode, um physikalische Erkenntnisse über das Verhalten von Materie zu gewinnen, sie ist vielmehr eine Methode, um die Menschen zu transformieren und sie den maschinellen Prozessen anzupassen. Eine Maschine unterscheidet sich von einem Lebewesen ja gerade dadurch, dass ihre Funktionsweise berechenbar und die einzelnen Teile austauschbar sind. Es geht nicht um mehr Wissen über die Materie, sondern um mehr Wissen über die Menschen. Wenn die Physiker Quanten sagen, meinen jene, die die Methoden der Quantenphysik praktisch anwenden, Menschen. Also: viel Spaß beim Lesen dieses Artikels, ihr Quanten.

 

Die Wand

Dann setzte ich mich auf die Bank und wartete. Die Wiese schlief langsam ein, die Sterne traten hervor, und später stieg der Mond hoch und tauchte die Wiese in sein kaltes Licht. Auf diese Stunden wartete ich den ganzen Tag voll heimlicher Ungeduld. Es waren die einzigen Stunden, in denen ich fähig war, ganz ohne Illusionen und mit großer Klarheit zu denken. Ich suchte nicht mehr nach einem Sinn, der mir das Leben erträglicher machen sollte. Ein derartiges Verlangen erschien mir fast wie eine Anmaßung. Die Menschen hatten ihre eigenen Spiele gespielt, und sie waren fast immer übel ausgegangen. Worüber sollte ich mich beklagen; ich war einer von ihnen und konnte sie nicht verurteilen, weil ich so gut verstand. Es war besser, von den Menschen wegzudenken. Das große Sonne-, Mond- und Sterne-Spiel schien gelungen zu sein, es war auch nicht von Menschen erfunden worden … Ich hatte mich so weit von mir entfernt, wie es einem Menschen möglich ist, und ich wusste, dass dieser Zustand nicht anhalten durfte, wenn ich am Leben bleiben wollte. Schon damals dachte ich manchmal, dass ich später nicht verstehen würde, was auf der Alm über mich gekommen ist.“ (S. 209-210)

„Seit meiner Kindheit hatte ich es verlernt, die Dinge mit meinen eigenen Augen zu sehen, und ich hatte vergessen, dass die Welt einmal jung, unberührt, sehr schön und schrecklich gewesen war. Ich konnte nicht mehr zurückfinden, ich war ja kein Kind mehr und nicht mehr fähig zu erleben wie ein Kind, aber die Einsamkeit brachte mich dazu, für Augenblicke ohne Erinnerung und Bewusstsein noch einmal den großen Glanz des Lebens zu sehen. Vielleicht leben Tiere bis zu ihrem Tod in einer Welt des Schreckens und Entzückens. Sie können nicht fliehen und müssen die Wirklichkeit bis zu ihrem Ende ertragen. Ich weiß nicht, ob ich es ertragen werde, nur noch mit der Wirklichkeit zu leben. Manchmal versuche ich, mit mir umzugehen wie mit einem Roboter … .“
(S. 211)

„Wir sind verurteilt, einer Bedeutung nachzujagen, die es nicht geben kann. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals mit dieser Erkenntnis abfinden werde. Es ist schwer, einen uralten eingefleischten Größenwahn abzulegen. Ich bedaure die Tiere und ich bedaure die Menschen, weil sie ungefragt in dieses Leben geworfen werden. Vielleicht sind die Menschen bedauernswerter, denn sie besitzen genausoviel Verstand, um sich gegen den natürlichen Ablauf der Dinge zu wehren. Das hat sie böse und verzweifelt werden lassen und wenig liebenswert. Dabei wäre es möglich gewesen, anders zu leben. Es gibt keine vernünftigere Regung als Liebe. Sie macht dem Liebenden und dem Geliebten das Leben erträglicher … Ich kann nicht verstehen, warum wir den falschen Weg einschlagen mussten. Ich weiß nur, dass es zu spät ist.“
(S. 238)

Die Zitate stammen aus dem Roman Die Wand von Marlen Haushofer. 1968. 18. Auflage List/Ullstein 2012.

Die namenlose Ich-Erzählerin findet sich eines Morgens allein in einer Jagdhütte in den Bergen wieder, eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand, hinter der kein Leben mehr existiert. Ihre einzige Gesellschaft besteht aus ihrem Hund, einer halbwilden Katze und einer Kuh. Die Atomkriegsängste des Hüttenbesitzers, der wie alle anderen Menschen hinter der Wand verschwunden ist, haben dazu geführt, dass dieser ein umfangreiches Lager mit Notvorräten angelegt hat, welches der Erzählerin das Überleben zumindest für ein, zwei oder drei Jahre ermöglicht. Der Roman beschreibt in schlichten Worten das Zurückgeworfensein auf die Befriedigung der elementaren Grundbedürfnisse, das Zusammenleben mit den Tieren, den Wechsel der Jahreszeiten mit dem Sommer auf der höher gelegenen Alm und der dunklen Winterzeit im Tal. Er beschreibt die Schrecken, aber auch die tiefen Einsichten einer plötzlich des Kollektivs beraubten menschlichen Existenz. Es geht um den Verlust aller vordergründigen Ziele und Umtriebe, die letztendlich zur Wand geführt haben, das heißt zur totalen Einsamkeit einer abgetrennten, nicht mehr zu vermittelnden oder mitteilbaren Existenz. Und doch muss man fragen, auf welcher Seite der Wand die Einsamkeit verankert ist. Auf der Seite der Erzählerin, die in einem mühsamen und häufig schmerzhaften Prozess mit der Natur langsam wieder in Kontakt kommt, oder auf der anderen Seite, wo alles Leben in einem zeitlosen Augenblick auf ewig eingefroren scheint.

Wie es zur Entstehung der Wand kam, wird wie vieles andere nicht erklärt, ist für den Roman aber auch nicht wichtig. Die Erzählerin vermutet irgendein technisches Versagen, eine unvorhergesehene Panne in einem Atomkraftwerk oder einer Chemiefabrik.

Für mich bedeutet die Wand hingegen nicht das Versagen der Technik, sondern ihre Vollendung. Der technische Weg ist gleichbedeutend mit der Herauslösung und Trennung vom Bios, und damit meine ich nicht einen Teil eines gleichnamigen datenverarbeitenden Betriebssystems, sondern die belebte Welt, das Leben selbst. Je weiter wir auf diesem technischen Weg voranschreiten, desto mehr kapseln wir uns vom Leben ab.

Jedes neue technische Helferlein schiebt sich wie eine Wand zwischen mich und meine Umgebung. Wenn ich nicht zu Fuß gehe, sondern mich ins Auto setze, verliere ich das Gefühl für das, was Entfernung bedeutet. Entfernung gerinnt zu einer bloßen Zahl auf dem Kilometerzähler. Wenn ich meine Mahlzeiten nicht mehr selbst zubereite, sondern einen Thermomix machen lasse, weiß ich nicht mehr, wie sich das Gemüse in meiner Hand anfühlt, wie es riecht, was es mir vermittelt. Was ich esse, reduziert sich auf Vitamine, Mineralstoffe, Proteine, Kohlehydrate. Doch mit diesen Begriffen verbinde ich keine konkreten Erfahrungen. Ich weiß nicht, wie ein Vitamin schmeckt oder wie sich ein Protein anfühlt. Zwischen mich und mein Essen tritt eine unsichtbare Wand. Ich lebe nicht, sondern friste ein Dasein in einem Kokon aus abstrakten Begriffen.

Die modernen Kommunikationstechniken geben vor, die Menschen weltweit miteinander zu vernetzen, in Wirklichkeit verbinden die neuen sozialen Medien jedoch nicht die Menschen miteinander, sondern bloß ihre digitalen Schatten. Vernetzt werden Abbilder von Abbildern von Abbildern, während der Mensch, umgeben von einer steigenden Zahl technischer Diener, getrennt von seiner Wirklichkeit nur noch vor dem Bildschirm sitzt und seinen Teil dazu beiträgt, die Wirklichkeit in Unmengen von Daten zu verwandeln. Statt zu leben, lassen wir im Internet bloß Schatten tanzen, die uns glauben machen, dass sich die belebte Welt auf Nullen und Einsen reduzieren und als Binärcode darstellen lässt.

Der Roman von Marlen Haushofer vermittelt eine Ahnung davon, dass eine Rückkehr in die Verbundenheit des Bios mühsam und schmerzhaft wäre. Der Mensch, der diesen Prozess durchläuft, ist hinterher nicht mehr derselbe, der er vorher war. Sich wieder mit der Natur und dem Leben zu verbinden, hieße, sich von der Natur und dem Leben umformen zu lassen. Das ist ein tiefgreifender Wandel, der mit dem, was in unserer Gesellschaft als Ökobewusstsein gilt, null und nichts zu tun hat. Der Ökobewusste wie jeder Andere in unserer Gesellschaft ist ein Kind der Technik und vertechnisiert und vercyborgisiert häufig sogar schneller als einer, der mit der Umwelt nicht viel am Hut hat.

Auch der Ökobewusste löst sich aus der belebten Umwelt heraus, nur ist er sich dessen offenbar weniger bewusst als der Technikfreak, der den Abschied von der Natur freudig befürwortet. Die Naturverbundenheit ist ein Mythos, eine Geschichte, die für einige nur deshalb so wichtig ist, weil wir im Grunde genau wissen, dass wir als Menschen und als Menschheit insgesamt die Natur gerade abschaffen.

Der von der Natur geformte Mensch ist in unserer Gesellschaft kein Vorbild, dem irgendwer nacheifern will. Im Gegenteil: der von der Natur geformte Mensch wirkt auf die meisten seiner vertechnisierten Artgenossen so befremdlich wie ein Alien.