Die Welt als Buch

Die ersten Naturphilosophen, die die Welt mit vernunftgemäßem Denken zu erfassen suchten, waren die Vorsokratiker, die Vorstellungen von einem Urstoff (Wasser, Luft, Feuer), einem Urprinzip (Unbestimmtes, Grenzenloses) oder einem Urgesetz entwickelten.

Für Pythagoras sind die Zahlen der Schlüssel zu diesem Urgesetz. Er findet heraus, dass die Stufen der Tonleiter und der harmonische Zusammenklang von Tönen auf Zahlenverhältnisse zurückzuführen sind. Diese Entdeckung überträgt Pythagoras aufs Weltall und findet in seinem Aufbau dieselbe musikalische Harmonie wieder. Die Bewegungen der Planeten auf ihren Bahnen erzeugen für ihn Klänge, eine für den Menschen nicht hörbare Sphärenmusik. In den Zahlen sieht er das eigentliche Geheimnis und die elementaren Bausteine der Welt. Mit der Zahlenlehre sind mystische Ideen vermutlich orientalischen Ursprungs verbunden, wozu auch der Glaube an eine Seelenwanderung gehört. Bis heute sind sich die Wissenschaftler nicht einig, ob Pythagoras ein versponnener Mystiker oder ein genialer Mathematiker und Naturphilosoph war.

Im Christentum galt die Bibel spätestens seit dem 39. Osterbrief des Athanasius (367 n. Chr.) als das Buch, in dem sich Gott den Menschen offenbart. Beinahe zeitgleich, nämlich von Augustinus (354-430 n. Chr.), wurde der Gedanke vom Buch Gottes auf die Natur übertragen. Die Natur wurde neben der Heiligen Schrift zum zweiten Buch, das Gott als Verfasser hat. Da der Mensch nach Gottes Bild geschaffen ist, kann er im Buch der Natur ebenso wie in der Bibel lesen. Der gläubige Mensch, der in der Bibel und in der Natur liest, kann Gottes Gedanken noch einmal nachvollziehen, sozusagen selber noch einmal nach-denken.

An dieser Vorstellung von der Welt als Buch finde ich zwei Dinge bemerkenswert: Erstens wird die Natur nun zu einem Objekt, das der Leser wie einen beliebigen Gegenstand in die Hand nehmen und im eigentlichen Sinn des Wortes begreifen kann. Während sich der Mensch im Animismus und den frühen Religionen immer noch als Teil der Natur empfindet, ist die Trennung von der Natur spätestens jetzt vollzogen. Die ursprüngliche Einheit einer numinosen Wirklichkeit ist zerbrochen und als Ich und Welt, als Subjekt und Objekt zur Gegensätzlichkeit geworden. Durch diese Trennung kann der Mensch die Herrschaft, die er in der Vergangenheit bereits über das Feuer, über Tiere und Pflanzen gewonnen hat, fortan auf die gesamte Natur ausdehnen. Als Ebenbild und Schüler Gottes ist der Mensch aus der Natur herausgetreten und hat sie unterworfen. Die Natur begreifen, heißt für den Menschen nicht nur, in der Natur Funktionalität und Zusammenhänge zu erkennen, sondern diese Erkenntnisse für sich auszunutzen. Konkret bedeutet es, die Natur in immer größerem Ausmaß zu seinem Nutzen umzugestalten.

Da nur ein denkender Geist Bücher verfasst und liest, haben wir es zweitens mit der Apotheose eines Geistes zu tun, der einerseits die Welt denkend – also nach einem Konstruktionsplan – erschafft und sie andererseits beobachtend und reflektierend wahrnimmt. Es ist kein teilnehmender und subjektiver, sondern ein distanzierter und anscheinend objektiver, eben ein denkender Geist, der in der Vorstellung von der Welt als Buch vergöttlicht wird. Der göttliche Geist entpuppt sich bei näherer Betrachtung jedoch als eine ins Absolute übersteigerte Projektion des menschlichen Verstandes, und hier noch einmal genauer: des kollektiven Epochen- oder Zeitgeistes.

Die Bibel ist das Werk eines solchen kollektiven Epochen- oder Zeitgeistes, der bis heute nachwirkt. Durch den Aufbau von Denkschablonen in einer Art Karteikastensystem ist schon der individuelle menschliche Verstand ein wenig flexibles Instrument. Noch schwerfälliger auf Veränderungen reagiert der kollektive Epochengeist. Er ist wie ein riesiges Dampfschiff, das bei einer zu abrupten Kursänderung kentert und selbst bei einer Vollbremsung noch ein paar Kilometer weiterfährt. Erschwerend kommt hinzu, dass sich der individuelle und der kollektive Geist beständig ineinander widerspiegeln. Das heißt, wenn wir die Welt, die Natur und uns selber denkend erfassen, befinden wir uns in einem Spiegelkabinett, dessen Spiegel sich bis ins Unendliche wechselseitig reflektieren.

Der Glaube, dass die Welt ein Buch und damit ein Gedanke Gottes ist, verankert sich in den Köpfen der Gelehrten und wird in der Neuzeit schließlich zum Allgemeingut. Der schöpferische Geist wird fortan mit dem abstrahierenden Geist gleichgesetzt. Die Suche nach den allgemeingültigen (Natur-)Gesetzen einerseits und den kleinsten Bausteinen andererseits wird zum alles bestimmenden Interpretationsmuster im Umgang mit dem Buch der Natur. Dass wir die Welt auch über unsere Gefühle erfassen, wird ausgeklammert und über die Jahrhunderte hinweg verdrängt.

Aus den beiden Vorstellungen – die Welt einmal als Zahl, einmal als Buch zu sehen –, haben sich zwei Denkströmungen entwickelt, die Galileo Galilei schließlich zusammenführt. Galilei lehrt, dass die Sprache, in der Gott das Buch der Welt geschrieben hat, die Mathematik ist:

„Die Philosophie ist geschrieben in jenem großen Buch, das immer vor unseren Augen liegt, aber wir können es nicht verstehen, wenn wir nicht zuerst die Sprache und die Zeichen lernen, in denen es geschrieben ist. Diese Sprache ist die Mathematik, und die Zeichen sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, ein einziges Wort zu verstehen.“ (Galileo Galilei, Il Saggiatore in Opere, Bd. 6).

Galileo Galilei war ein tiefreligiöser Mensch. Die Welt des Glaubens und die Welt der Naturwissenschaft standen für ihn nicht im Widerspruch. Galilei hat nicht gegen den Glauben revoltiert, auch wenn seine Verurteilung heute gerne als Beweis für die Behauptung genommen wird, die Kirche habe wissenschaftlichen Fortschritt schon immer unterdrückt. Das stimmt nicht. Papst Urban VIII. hat Galilei sogar ermutigt, seine Hypothesen über das kopernikanische System zu veröffentlichen. Hundert Jahre vor Galilei hat bereits Nicolaus Cusanus entsprechende Vermutungen angestellt, ohne von der Kirche deswegen je behelligt worden zu sein. Galileo Galilei wurde verurteilt, weil er es gewagt hat, die Bibel eigenmächtig auszulegen, womit er gegen das Konzil von Trient verstoßen hat. Dort war das Verbot erlassen worden, die Heilige Schrift entgegen der Auslegung der Kirche zu interpretieren. Galilei hat mit seinem eigenmächtigen Vorgehen die Autorität der Kirche in Frage gestellt. Das war das Problem.

Die Mathematik ist die abstrakteste Sprache, die wir kennen. Abstrahierendes Denken bedeutet, alle konkreten Dinge unter Weglassung des Besonderen und Unverwechselbaren auf einen allgemeingültigen Nenner zu bringen. Die Welt mit einem Buch zu identifizieren, bedeutet, sich selbst aus der Welt herauszunehmen und den Posten des isolierten Beobachters einzunehmen, der sich daran macht, in der Natur nach objektiven, logischen und kausalen Strukturen zu suchen und sie gemäß solchen Strukturen zu differenzieren. Der Mensch hat in seiner Menschwerdung diese Position stets angestrebt, doch gleichzeitig leidet er unter seiner zunehmenden Isolierung und Entfremdung.

Man kann es nicht oft genug betonen: der Glaube an die Welt als Buch begründete die objektiven Wissenschaften. Nur durch diesen Glauben kam die für objektive Forschungen erforderliche Distanzierung zwischen Beobachter und Beobachtetem zustande.

Im Bestreben nach Autonomie und auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, woher wir kommen und wer wir sind, haben die Wissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch damit begonnen, den alten Glauben auf den Prüfstand zu stellen und die Projektionsprozesse näher zu untersuchen. Während die amerikanischen Kreationisten und andere Bibelleser immer noch versuchen, mit ihrem Konzept vom intelligent design die Apotheose eines allmählich im Vergehen begriffenen Epochengeistes aufrechtzuerhalten, geht man in der modernen Physik bereits andere Wege. Mehr und mehr wird untersucht, wie Dinge wechselseitig aufeinander einwirken, und das gilt auch für den Beobachter und das Beobachtete. Das von Gott erschaffene mechanistisch funktionierende Universum hat sich als das entpuppt, was es ist: die Reduktion auf eine Handvoll Gesetze, mit der die Natur nur in groben Strichen skizziert werden kann und die das Eigentliche, was Leben und Sein ausmacht, trotz aller mathematischen Stimmigkeit auch nicht annähernd beschreiben. Es gibt heute sogar schon einige Wissenschaftler, die bereit sind, die Wissenschaften selber auf den Prüfstand zu stellen.

Aber der Epochen- oder Zeitgeist ist ein schwerfälliges Dampfschiff. Während die klügsten Wissenschaftler dabei sind, die Trennung von Subjekt und Objekt, von Ich und Welt zu hinterfragen, kommt der Glaube an die objektiven Wissenschaften gerade erst beim Volk an.

Und immer noch gibt es Eines, das weder von Wissenschaftlern noch von Kirchenleuten noch von spirituell Suchenden in Frage gestellt, sondern immer weiter vorangetrieben wird: das ist das abstrahierende Denken selber. Der Abstraktionsprozess ist der göttliche Geist, dem nach wie vor alle Menschen gemeinsam dienen.