Abbreviatur der Erscheinung

Jane Goodall und Richard Wrangham sind Wissenschaftler, die das Verhalten von Affen studieren. Die Forscher haben in ihren Feldforschungen jedem Schimpansen einen Eigennamen gegeben: da ist der sanfte David, der mutige Mike, der lustige und schlaue Flo, der alte Goliath mit seiner Glatze, dem schadhaften Gebiss und den vorstehenden Rippen. Und da ist Godi, der im Januar1974 von Artgenossen brutal ermordet wurde, der erste dokumentierte Fall, dass Schimpansen ihresgleichen gezielt umbringen. Mit den Eigennamen bekommen die Affen in den Forschungsberichten zugleich eine unverwechselbare Persönlichkeit. Es sind Individuen. Individuen sind konkret.

Da ich Unternehmer bin, der innerhalb des Gebietes der Europäischen Union am Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen den Mitgliedstaaten teilnimmt, benötige ich zur Abwicklung des innergemeinschaftlichen Waren- und Dienstleistungsverkehrs eine Umsatzsteueridentifikationsnummer. Um diese zu erhalten, schicke ich ein Schreiben ans Finanzamt und gebe dabei meine aus vierzehn Ziffern bestehende Geschäftsnummer, ein Aktenzeichen sowie das Datum an. Für das Finanzamt bin ich eine unverwechselbare Nummer, aber keine unverwechselbare Persönlichkeit. Ich bin gesichts- und schon beinahe namenlos. Ich bin eine Ziffer, mit der die Steuerbeamten nichts weiter verbinden. Ich bin zu einer Akte und damit zu einem Abstraktum geworden.

Das abstrahierende Denken bestimmt nahezu unser gesamtes gesellschaftliches Handeln. Wissenschaftler, Politiker, Juristen, Mediziner, Betriebswirte, Soziologen, Historiker, Lehrer, Journalisten, Ingenieure – alle werden in ihren jeweiligen Studiengängen darauf getrimmt, abstrakt zu denken, das heißt: unkonkret zu werden. Abstraktionsvermögen wird mit Intelligenz gleichgesetzt.

Abstrahierend denken, heißt: unverwechselbare Dinge der Wirklichkeit in seinem Gedankenmodell zu verwechselbaren, d.h. austauschbaren Dingen zu machen. Dabei werden alle Merkmale, die ein Ding unverwechselbar machen, als unwesentlich erachtet und ignoriert, während aus den Merkmalen, die die Dinge austauschbar machen, ein übergeordneter, allgemeiner Begriff geformt wird. Je abstrakter die Begriffe werden, desto weniger anschaulich sind sie. Begriffe ohne Anschauungen sind leer, sagt Kant. Abstrahierendes Denken erzeugt leere Begriffe, die nichts mehr aussagen. Das ist die Kunst, die wir an unseren Universitäten lehren: mit vielen Worten nichts zu sagen.

Die allgemeinsten Begriffe, die wir kennen, sind Zahlen. Alle konkreten Dinge werden zu Abstrakta, indem man sie einfach durchnumeriert und alles andere ignoriert. Sobald etwas nur gezählt wird, hat es seine Individualität ganz verloren. Mit Zahlen verbindet man nichts. Sie lösen keine Gefühle aus, keine Erinnerungen, keine Anschauungen. Deshalb ist es gefährlich, wenn man zu einer Zahl wird. Mit Zahlen kann man alles machen. Sie sind reine Verfügungsmasse. Man kann beliebig damit herumjonglieren.

Werden Begriffe in über-, unter- oder gleichgeordneten Verhältnissen zueinander in Beziehung gesetzt, entstehen Denkschablonen, in denen Wissenseinheiten miteinander kombiniert werden. Es bilden sich weit verzweigte Netze. Solche internalisierten Denkmuster (Denkschablonen) kann man mit einem Karteikastensystem vergleichen.

Die verschiedenen Arten von Waldbäumen wie Buche, Fichte, Kiefer, Lärche, Esche oder Tanne stehen in einer Denkschablone in einem gleichgeordneten Verhältnis. Übergeordnete Begriffe wären beispielsweise Wald oder Baum, wobei der Wald die Gesamtheit der Bäume bezeichnet, während der Baum das ist, was übrig bleibt, wenn man abzieht, was typisch für eine Buche, eine Fichte oder eine Kiefer ist. Also das, woran man eine Fichte von einer Buche unterscheiden kann. Eine Fichte ist ein Nadelbaum, eine Buche ein Laubbaum: im Begriff Baum wird dieser Unterschied ignoriert.

Kulturen unterscheiden sich darin, wie sie solche Verhältnisse anordnen. Die indische Kultur wie früher auch die sumerische bevorzugen Begriffe wie Wald, die eine Gesamtheit bezeichnen, die alle einzelnen Dinge einschließt, während unsere westliche Kultur den Schwerpunkt auf dem exklusiven abstrakten Denken hat, welches in seiner extremsten Form die Individuen zu bloßen Zahlen in irgendwelchen Statistiken reduziert. Zu Mißverständnissen kommt es, wenn in beiden Kulturen dasselbe Wort verwendet wird, aber etwas völlig Verschiedenes gemeint ist. Im westlichen Denken ist Gott beispielsweise reine Liebe, aber auf gar keinen Fall Gewalt, Hass oder Zerstörung, während die indischen Götter lieben, hassen und zerstören, all inclusive. Deshalb erscheint uns Europäern das indische Karteikastensystem mit seinen Denkschablonen häufig ungeordnet, unverständlich und verwirrend.

Neue Erfahrungen und Beobachtungen werden in das schon bestehende Karteikastensystem eingeordnet. Der gängige Weg ist, sie in eine bereits vorhandene Schablone einzugliedern. Dabei wird die Erfahrung oder Beobachtung so verändert, dass sie sich in das Schema einfügen lässt. Auch bei diesem Vorgang wird das Besondere, das sich eben nicht einordnen lässt, ignoriert. Manchmal wird jedoch eine ganz neue Karteikarte angelegt und mit bereits vorhandenen in Beziehung gesetzt. Wenn viele Karten vorhanden sind, die in das bereits Vorhandene nicht mehr eingeordnet werden können, wird im Karteikastensystem eine neue Abteilung unter einem neuen Überbegriff aufgemacht. Damit wird unser Denken um eine Abstraktionsebene erweitert.

Wenn eine neue Abstraktionsebene eröffnet wird, ist das in der Regel mit einer Fülle von neuen Erkenntnissen verbunden, denn eine neue Abstraktionsebene wirkt auf alle vorhandenen Denkschablonen zurück und stellt sie in neue Zusammenhänge. Oft ist es so, dass durch das Eröffnen einer neuen Abstraktionsebene sich viele Zusammenhänge zwischen den Denkschablonen zunächst einmal wieder einfacher darstellen. Es ist so, als würde der ganze Karteikasten neu geordnet und dabei ausgemistet.

Alle Denkschablonen zusammen bilden als Summe unserer Erfahrungen die Welt in unserem Kopf ab. Ein Problem ist, dass dieses Abbild in unserem Kopf sich zur konkreten Wirklichkeit wie eine Strichzeichnung zu einem Gemälde verhält. Ein vielleicht noch größeres Problem besteht darin, dass diese Denkschablonen unser assoziatives Denken in bestimmte Bahnen lenken. Mit Spinat war lange Zeit gesund und eisenhaltig verknüpft, weshalb man Generationen von unwilligen Kindern damit vollgestopft hat. Mit Pudding verbindet man weich, wabbelig, süß, ungesund und in der französischen Presse auch manchmal den Präsidenten der Republik, François Hollande.

Denkschablonen sind relativ starr. Sie prägen sich in Form von Neuronenverknüpfungen sogar physisch in unser Gehirn ein. Deshalb werden sie selten geändert. Unser Geist ist längst nicht so flexibel, wie er sich das selbst gerne einredet. Je mehr Denkschablonen ein Mensch in seinen Karteikasten einsortiert, desto starrer und unbeweglicher wird das ganze System.
So kommt es, dass sich gerade die am besten ausgebildeten Menschen in ihrem Denken festfahren und dann häufig nicht mehr in der Lage sind, Logikfehler oder andere Zusammenhänge, als die bereits in den Schablonen vorgebenen, zu erkennen. Darüber hinaus werden solche Menschen auch unfähig, auf eine unbekannte Situation geistesgegenwärtig zu reagieren. Sie zeichnen sich durch Fantasielosigkeit aus. Und sie setzen alles daran, ihr starres Denksystem in junge und noch bewegliche Gehirne zu übertragen und sie dadurch zu lähmen. Das ist der große Nachteil unseres Bildungssystems.
Aufgrund dieses Bildungssystems sind wir eine alternde Gesellschaft.

Wenn wir jung bleiben wollen, müssen wir Individuen werden. Wir müssen wieder konkreter werden. In unserem Denken wie in unserem Handeln. Wir müssen lernen, wieder anschaulicher zu denken, das heißt, unsere Gedanken mit den entsprechenden Anschauungen zu verknüpfen und uns bildlich vorzustellen, was es konkret bedeutet, was wir sagen. Dazu müssen wir auch in der Lage sein, uns in andere Menschen mit anderen Denkschablonen hineinzuversetzen und deren Situation zu verstehen, damit sie uns verstehen.

Ach, übrigens … für diejenigen, die sich fragen, was es mit der seltsamen Überschrift auf sich hat:  Abbreviatur der Erscheinung ist eine abstrakte Definition von Abstraktion, die ich in der Wikipedia gefunden habe. 🙂