„Es geht uns doch immer besser“

Das ist die beliebteste Antwort, die ich bekomme, wenn ich mit anderen Menschen über unser Menschsein, die Gesellschaft, den Zeitgeist, die Technik und den Fortschritt diskutiere.

Es geht uns doch immer besser. Noch nie sind Menschen im Durchschnitt so alt geworden wie heute. Noch nie konnten sie so leicht an die Orte reisen, die sie immer schon sehen wollten. Noch nie waren die Läden so überquellend voll. Noch nie hatte der einzelne Mensch so viele Güter und Dienstleistungen zur Verfügung. Noch hat es prozentual so wenig hungernde Menschen gegeben. Noch nie hatte der Mensch so viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Noch nie hatten die Menschen so viel Freiheit. Noch nie konnten die Menschen so ungeschminkt sagen, was sie denken. Noch nie war das Leben so bequem. Noch nie musste man sich so wenig Sorgen machen. Noch nie war der Speisezettel so abwechslungsreich. Noch nie waren die Menschen so gut versorgt. Noch nie …. Noch nie … Noch nie … .

Sicher kann man diese Noch-nie-Antworten kritisch hinterfragen und Unken wie den Klimawandel, die Terrorgefahr, den Peak Oil, das Bevölkerungswachstum oder endemisch gewordene Krebszahlen rufen. Aber irgendwie stimmt die Antwort ja schon.

Wenn ich auf meine kritischen Fragen mal wieder diese Antwort bekomme, merke ich, dass von mir unterschwellig gleichzeitig so etwas wie Dankbarkeit erwartet wird. Dass es irgendwie ungehörig ist, an der Gesellschaft, dem Zeitgeist und vor allem an Wissenschaft, Fortschritt und Technik zu zweifeln. Man gibt mir zu verstehen, dass ich nicht dazu gehöre, wenn ich nicht in dieses Loblied vom Bessergehen miteinstimmen will.

Alle diese Leute versichern mir auf die eine oder andere Weise, dass der Sinn meines Lebens darin besteht, mich immer weniger anstrengen zu müssen.

Denn immer stehen schon Batterien von Menschen parat, die bereit sind, etwas für mich zu tun, wenn es mir mal nicht immer besser gehen sollte. Viele dieser Menschen stehen sogar für mich bereit, ohne dass ich von ihrer Existenz weiß, ohne dass ich sie gerufen habe und ohne dass ich ihre Hilfe überhaupt in Anspruch nehmen will. Viele Menschen scheinen förmlich darauf zu warten, dass es mir schlecht geht, damit sie endlich was zu tun haben.

Es gibt heute sehr viele Menschen, die verdienen ihren eigenen Lebensunterhalt auf der Basis, dass es anderen Leuten schlecht geht. Alte Leute leben heute nicht so lange, um alt zu werden, sondern weil sie von anderen mit viel Aufwand am Leben erhalten werden. Dieser Aufwand ist notwendig geworden, damit die Anderen genug Arbeit haben, Geld verdienen können und sich wiederum all die Reisen, Dienstleistungen und Produkte kaufen können. Es ist sogar zwingend notwendig geworden, dass es vielen Leuten schlecht geht, damit die Anderen sich überhaupt selbst verwirklichen können. Denn viele Menschen erfahren ihre Selbstverwirklichung darin, anderen Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen.

Da sind erstmal die Berater für alle möglichen Probleme, die ich normalerweise gar nicht habe. Die Finanzberater, die Rechtsberater, die Suchtberater, die Lebensgestaltungsberater, die Essberater, die Modeberater, die Einrichtungsberater, die Familienberater, die Krisenmanager, die Energiesparberater, die Sozialämter und die Berater, die mir sagen, auf was alles ich Anspruch habe und wer wo wie bereit steht, um mir zu helfen. All diese Leute können nur leben, wenn ich mein eigenes Leben in den Sand setze, mich verzocke, eine schlechte Ehe führe, nicht weiß, welche Möbel ich brauche, oder in irgendwelche Krisen gerate.

Ja, dann gibt es ja auch noch die Polizei und die Feuerwehr, deine Freunde und Helfer.

Da ist außerdem der ganze Gesundheitsapparat, inzwischen wohl der wesentlichste Arbeitgeber in diesem in unserem Staat. Die Zahl der Ärzte hat sich in den letzten 50 Jahren vervierfacht. Inzwischen gibt es vierhunderttausend Ärzte, die nur dann ihr Auskommen haben, wenn ich krank bin, und das am besten chronisch. Vor 50 Jahren betreute ein Arzt im Schnitt 1.000 Bürger. Heute sind es im Schnitt 250. Wohl gemerkt: Bürger, nicht Patienten. Ein Dorf mit tausend Einwohnern muss heute vier Ärzte ernähren. Dazu noch all die Therapeuten: die Logopäden, Ergo-, Beschäftigungs-, Bewegungs- Familien-, Beziehungs- und Psychotherapeuten. Die Heilpraktiker. Die Osteopathen und Kinesiologen. Die Seelsorger, die Nothelfer, die Rettungssanitäter.

All die unendlich vielen Leute im Pflegedienst, die Krankenschwestern, die Rollstuhl- und Rollatorproduzenten, die Optiker und Hörgerätehersteller, die Treppenliftbauer, die Apotheker, die Pharmabranche und deren Werbeplattformen ARD und ZDF, und diejenigen, die mir erklären, wie der Rollstuhl und das Pflegebett funktionieren und wie ich meinen Lebensabend gestalten soll. Die meine Wohnung putzen, für mich einkaufen, mir das Essen auf Rädern und die Getränkekisten bringen und den Taxichauffeur für mich machen.

Ich bin ein gesellschaftlicher Versager, weil ich in den letzten fünf Jahren nicht beim Arzt war, keinen Zusammenbruch hatte und weder eine Sucht noch eine Krise vorzuweisen habe. Ich mache eine Menge Leute arbeitslos. Ich hindere andere Leute an ihrer Selbstverwirklichung. Wenn ich keine Hilfe brauche und keine Hilfe in Anspruch nehme, bin ich mitverantwortlich dafür, dass das Leben anderer sinnlos wird. Das ist die traurige Wahrheit.

Manchmal habe ich fast ein schlechtes Gewissen, weil ich die mir empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch nehme. Weil ich die letzten fünf Jahre bloß zweimal beim Zahnarzt war und der außer ein bisschen Zahnstein noch nicht mal was gefunden hat. Immerhin konnte er mir eine neue Zahnbürste empfehlen, mit der ich jetzt auch die Zwischenzahnräume putzen kann.

Aber irgendwie habe ich doch keine Lust, krank und alt zu werden, bloß damit Andere dafür sorgen können, dass es mir immer besser geht.

So gesehen, müssen wir in diesem unserem Land, wo es immer allen besser geht, dankbar für die Flüchtlinge sein. Endlich kommen Menschen, die wieder Hilfe brauchen. Menschen, die wir retten, integrieren, pflegen, heilen, beraten, bespaßen, verwalten und belehren können. Endlich gibt es wieder was zu tun.

Eigentlich ist es schade, dass ich keine Probleme habe. Dass es zahllose Menschen gibt, die meine Probleme schon gelöst haben, bevor sie sich überhaupt stellen. Ich hätte gern mal wieder ein paar Schwierigkeiten, die mir selber gehören. Eine Zeitlang habe ich mir selber Herausforderungen gestellt, Abenteuerreisen gemacht, meinen Besitz verschenkt und was man sonst alles so tut, um mal wieder das Gefühl haben, zu leben, in Gefahr zu sein, sich beweisen zu müssen, stark zu sein.

Aber es macht einen Unterschied, ob ich mich selbst herausfordere oder ob das Schicksal mich herausfordert. Sich selber herauszufordern, sich selber in Gefahr zu bringen, sich selber künstlichen Mangel aufzuerlegen, ist irgendwie Betrug. Es fehlt etwas Wesentliches, auch wenn man die selbst auferlegten Herausforderungen zur eigenen Zufriedenheit bewältigt. Es ist, als ob die Evolution einen aufs Abstellgleis geschoben hätte. Als ob Gott einen vergessen hätte.

15 Kommentare zu “„Es geht uns doch immer besser“

  1. Das Schicksal fordert dich heute eben anders heraus: Zurecht kommen oder nicht in der komplex gewordenen verwalteten und von Vorschriften, Ge- und Verboten gestalteten Welt. Und auch: mit der Digitalisierung zurecht kommen, ohne zum Opfer der nicht wenigen lauernden Fallen zu werden, die die Schurken dieses „Neulands“ massenhaft überall aufstellen. Und auch: selbst dafür sorgen müssen, dass bei all der Bequemlichkeit die Arterien nicht verkalken…

    Vielleicht bist du ja so reich oder sonstwie persönlich abgesichert, dass du keine existenziellen Probleme hast – dann Glückwunsch! Dann sei dir aber auch bewusst, dass du diese glückliche Lage sehr vielen voraus hast. Und auf einem hohen Niveau von Sicherheit über den Verlust an „Herausforderung“ klagst.

    Überhaupt sprichst du aus einer Haltung der Stärke, die derzeit keine Hilfe braucht. Das kann sich aber ändern – und wenn du auch dann noch keine Hilfe annimmst, nennt man das Altersstarrsinn und Unvernunft.

    Ich läster auch gerne mal ein bisschen, wenn es bei jedem mittelschweren Schadensereignis heute heißt: „Psychologen stehen bereit“. Aber für die Betroffenen ist das dann doch eine echte Hilfe, jedenfalls besser, als wenn sich niemand kümmert. Es MUSS ja niemand das Angebot annehmen.

    • Weder bin ich reich noch abgesichert. Darum geht es nicht. Und ja, ich habe mir schon einen Platz gesucht, wo die Menschen „normaler“ miteinander umgehen als in Deutschland: weder ruecken sie mir ungefragt auf die Pelle, um ihr Helfer-Syndrom oder ihren Liebesmangel auszuleben, noch hauen sie mich uebers Ohr oder versuchen sonstwie, auf meine Kosten zu leben. Da entstehen dann Freundschaften ohne dass irgendwelche Abhaengigkeiten oder Absicherungsplaene fuer die Zukunft damit verknuepft sind. Das fuehlt sich schon gut an.

      Wenn wir Alten „Hilfe annehmen“, heisst das nichts anderes, dass wir auf Kosten der juengeren Generationen leben. Entweder haben wir die Jungen entsprechend indoktriniert, um deren Lebensenergie anzuzapfen, oder wir koedern sie mit Geld. Meistens gehen wir Alten soweit zu glauben, dass wir sogar ein „Recht“ auf diese Hilfe haben. Fuer mich spricht daraus vor allem Lebensangst: was mache ich, wenn ich mal nicht mehr fuer mich selber sorgen kann? Wie stelle ich sicher, dass Andere mich noch zehn Jahre lang durchs Leben tragen? Kann man machen, ist ja auch gaengige Praxis, aber wenigstens sollten wir Alten uns klar drueber sein, dass wir mit dem sogenannten Generationenvertrag die Jungen ausbeuten.

      Wenn niemand das Angebot annehmen wuerde, waeren zigtausend Psychologen, Aerzte und Hilfsdienste arbeitslos. Die Psychologen und Aerzte koennen gar nicht wollen, dass die Menschen gesund sind und ohne Hilfe altern.

  2. Ja, das stimmt: Entlastung und Tugend passen nicht zu einem heroischen Leben.

    Zu der Wurstverkäuferin: Was ich hier meine ist, dass alle Leute ständig zueinander unfreundlich sind, weil sie meinen, sie hätten verdient, dass sich alles nach ihrer Nase richte. Die Scheiben sind zu dick, zu dünn, oder die Verkäuferin ist nicht nett zu mir. Das beleidigt Leute in ihrem falschen Selbstverständnis, dass andere ihnen etwas schuldeten. Ich beobachte, wie andere zu einander in der Regel unfreundlich sind und entschließe mich, da nicht mitzumachen. Es geht mir selbst viel besser, wenn ich vergebend und freundlich zu anderen bin (das bedeutet auch, Kiultur haben), also passt es zu mir, also ist es authentisch und aufrichtig. Wenn es der anderen Person dabei auch besser geht – und so beobachte ich das, wenn ich zu fremden Menschen freundlich und nachsichtig bin – dann finde ich das umso besser.

    Ein Glück bist du nichtz mein Wurstverkäufer, denn dann wärest du mit mir wohl immer unglücklich 😉

    PS: Interessant, dass du mich für evtl. zu jung hältst. Bisher dachte ich immer, du wärst eher jünger als ich, aber wenn du schon vor dreißig Jahren wandern warst… Mein erstes Handy hatte ich, als ich 28 Jahre alt war, mein erste Smartphone mit 32. Als ich auf 3000 Meter in den Pyrenäen war, hatte ich einen Kompass und eine Karte mit Höhenlinien. Das war „as hightech as possible“ damals.

    • Ich beobachte im Gegenteil, dass Leute einander immer angrinsen, wo es gar nichts zu grinsen gibt. Dass sie freundlich tun, auch wenn sie gar keine Lust dazu haben. Dass sie hauefig Hilfe anbieten, auch wenn man sie nicht danach gefragt hat, dass alle Leute von den Anderen immer geliebt sein wollen und sich deshalb selbst verbiegen. Ich beobachte, dass Leute ruhig bleiben, auch wenn sie Grund haetten, sich aufzuregen. Ich beobachte, dass Menschen sich nicht wehren, auch wenn sie allen Grund haetten, dies zu tun. Dass Menschen sich wie eine tumbe, stumpfe Masse benehmen, die alles hinnimmt und mit der man alles machen kann. Kultur kann nicht bedeuten, immer freundlich zu sein. Das ist Harmoniesucht, die dahin fuehrt, dass die Menschen sich gegenseitig gar nicht mehr richtig wahrnehmen, sondern Freundlichkeit automatisieren. Das kann aber jeder Roboter besser. So gesehen, hat ein Roboter mehr Kultur als Du. Wenn man also darauf aus, was Du Dir als Ziel setzt, ist man mit Robotern als Umfeld besser beraten.

      Fandest Du das mit Kompass und Karte nicht spannender und aufregender als Handy und GPS? Ich schon. Ich gehe uebrigens immer noch ohne diese technische Ausruestung in die Berge oder in unbekanntes Terrain, aber es ist heute eben nicht mehr dasselbe.

  3. Ich bin auch jemand, der gern darauf hinweist, dass sich in der Tendenz das Leben der Menschen über die Zeit hinweg verbessert. Ich arbeite gerade wieder an einem Artikel, in dem das die Einleitung sein wird:

    „Das Leben als Mensch auf diesem Planeten ist eine paradoxe Sache: Wir machen es uns sehr angenehm, mehr als angenehm – luxuriös sogar und der Verlauf der Geschichte zeigt uns, dass es uns in unserem Anthropozän immer besser geht. Dennoch beschweren wir uns fortwährend über die Folgen, die diese zunehmenden Verbesserungen mit sich bringen. Die dramatischsten Spuren hinterlassen wir in unserer Umwelt, was uns wiederum nervös macht, weil wir in dieser Umwelt leben und damit die erreichten Verbesserungen wieder aufs Spiel setzen. Insbesondere haben wir die Tendenz, uns nach einer Zeit zurück zu sehnen, der wir gerade entkommen sind. Im Rückspiegel sieht diese Vergangenheit plötzlich paradiesisch aus.“

    Ich mache das aber nicht in der Erwartungshaltung von Dankbarkeit. Das fände ich absurd. Vielmehr will ich dem ständigen Pessimismus und der blödsinnigen Nostalgie etwas entgegensetzen, denn die sind einfach nur falsch in der Annahme der ihnen zugrunde liegenden Fakten und auch kontraproduktiv, weil sie auf Lähmung aus sind und auf Untergang. Das ist dem menschlichen Geist unwürdig, wie ich finde.

    Es gehört eben zur Realität, dass wir es geschafft haben, die Pest auszurotten und den Orang Utan. Wem es zu schwer ist, gutes und schlechtes zusammenzudenken und zu ertragen, dass es kein Schwarz-Weiß, keine einfachen Lösungen gibt, der muss sich eben seinen kognitiven Dissonanzen verschließen und sich entweder in einen dummen Optimismus oder einen im besten Fall nur lähmenden Pessimismus flüchten.

    Aber Dankbarkeit zu erwarten – da hast du Recht – wäre eine falsche Haltung.

    PS: Alles nach Absatz 7 verstehe ich gar nicht. Du fühlst dich schlecht, weil du aderen keinen Sinn gibst? Auch eine fragwürdige Haltung.

    • Ich fühle mich nicht wohl als Made in einem Speck, den fortwährend Andere für mich fabrizieren bzw. in der Vergangenheit bereits für mich fabriziert haben. Ich will kein leichtes und bequemes Leben. Ich will keinen Luxus. Doch die einzige Möglichkeit ist, dass ich mir das Leben selber schwer mache, dass ich bewusst Verzicht übe, dass ich denen, die begierig sind, meine Probleme an meiner Stelle zu lösen, aus dem Weg gehe, mir zustehende Hilfeleistungen bewusst nicht in Anspruch nehme und mich den selbsternannten Helfern verweigere, woraufhin mir selbstverständlich signalisiert wird, dass ich ein Spielverderber bin. Genau das habe ich versucht, nämlich mich all dem zu entziehen, aber aus dieser Verweigerung entsteht auch kein authentisches Leben. Weil bei allem, was man tut, das Wissen mitschwingt, dass man, wenn es schief gehen sollte, doch immer aufgefangen wird. Dass man immer auf die Helfer zurückgreifen kann. Deshalb stellt sich die Verweigerung früher oder später als Selbstbetrug heraus. Und dabei ist es ja doch der Speck, der Lähmung, Untergangsstimmung und Pessimismus fabriziert.

      • Verstehe, finde ich interessant. Auf den ersten Blick kommt mir das sehr protestantisch vor, aber auch egal. Viel wichtiger fände ich, nicht immer nur die Defizit-Seite anzustarren und festzustellen, dass das allein nicht trägt. Vielleicht wäre es spannender, besser, interessanter, intensiver etc. sich zu fragen, was kann man anderen Gutes tun? Statt nur Made im Speck zu sein, etwas zurück zu geben. Und da meine ich gar nicht große Heldentaten oder Geld spenden. Ich meine, wie kann man anderen (und vielleicht sich selbst) in ihren Bedürfnissen nach Verbindung, Sinnhaftigkeit, Gefühlen, Berührungen, Schönheit usw. entgegen kommen. Bei mir fängt das damit an, dass ich versuche (fällt nicht immer leicht) wirklich aufrichtig und freundlich zur Wurstfachverkäuferin zu sein. Oder einfach vergebend hinsichtlich der Fehler meiner Mitmenschen, immer auch mitdenken, dass sie nicht böse sein wollen, sondern einfach nicht perfekt sind, so wie ich es gern hätte (und selbst nicht bin) oder so. Aus der Offenheit, Nachsichtigkeit und Höflichkeit gegenüber anderen entsteht für mich eine Aufrichtigkeit im Leben. (Und noch mal: das gelingt mir nur ium Idealfall, aber es ist ein Zielpunkt, auf den ich hinarbeite.)

      • Nicht protestantisch, weil der Kern meiner Haltung weder Askese noch Selbstbestrafung ist, sondern Lebenshunger, die Auseinandersetzung mit dem Leben selbst. Als ich vor 30 Jahren, als Handy und GPS noch kein Thema waren, in den Bergen gewandert bin, hat jede Wanderung meinen Lebenshunger gestillt. Ich war bei jeder Wanderung von einer tiefen Freude erfüllt. Die Freude kam auch daher, dass ich mit dem, was ich bin, der Natur ausgesetzt, ausgeliefert und auf meine eigenen Kräfte und auf mein eigenes Können zurückgeworfen war. Mit Smartphone und Handy bin ich nicht mehr ausgeliefert. Ich kann jederzeit Hilfe herbeirufen. Ich kann das Smartphone natürlich zu Hause lassen, aber die Wanderung ist trotzdem nicht mehr dieselbe. Wenn mir vor 30 Jahren bei so einer Wanderung etwas passiert wäre, wäre ich in meiner direkten und persönlichen Auseinandersetzung mit der Natur gescheitert. Mein Scheitern hätte ebenso wie mein Nicht-Scheitern Würde gehabt. Wenn ich heute bei der handyfreien Wanderung scheitere, muss ich mir selber Dummheit und Arroganz vorwerfen. Wenn ich nicht scheitere, ist es trotzdem nicht dasselbe. Allein die Existenz von Smartphone und GPS verhindert das Zurückgeworfensein aufs Eigene, verhindert die direkte Auseinandersetzung mit dem Leben. Da ist eben schon eine Speckschicht dazwischen, und dieser Speck stillt nicht den Lebenshunger, sondern verfettet bloß die Arterien. Ich bin selber drüber überrascht, was für einen gewaltigen Unterschied das macht, aber der Unterschied ist da, zweifelsohne. Ich weiß nicht, wie alt Du bist, aber vielleicht bist Du zu jung, um die Zeit ohne Smartphone und GPS live erfahren zu haben.

        Ein anderes Beispiel: Reinhold Messner, der den Mount Everest ohne Sauerstoffflaschen bestiegen hat. Wäre Messner gescheitert, hätte er sich im Scheitern Arroganz und Dummheit vorwerfen müssen und alle, die mit Sherpas hochgehen und mit Sauerstoffflaschen und sonstigem Zeug den Mount Everest vermüllen, hätten sich in ihrem Tun – nämlich den Mount Everest zu vermüllen – bestätigt gefühlt. Aber auch ohne Sauerstoffflasche muss Messner sich in die Warteschlange derer mit Sauerstoffflasche einreihen, die über die Stege gehen. Er muss am Müll vorbei, den andere dort zurücklassen. Das ist nicht mehr dasselbe. Und zudem muss sich Messner vorwerfen, dass er einen Mount-Everest-Hype unter Sauerstoffflaschenträgern ausgelöst hat und somit an der Vermüllung beteiligt ist, obwohl er genau das eben NICHT wollte.

        Was meinst Du, wie langweilig und eintönig das Wurstverkaufen ist, wenn jeder, dem Du Wurst verkaufst, Dir dasselbe Lächeln und dieselbe Freundlichkeit präsentiert? Wenn Dir diese Freundlichkeit nicht leicht fällt, ist sie dann wirklich aufrichtig? Zwängst Du Dich da nicht an sich schon in ein unaufrichtiges Korsett? Wenn ich Wurst verkaufe, möchte ich doch nicht lauter Klone mit derselben nichtssagenden Freundlichkeit an der Theke haben. Mir würdest Du mit Deiner Haltung nichts Gutes tun. Und diese Haltung mit dem Vergebend- und Nachsichtigsein finde ich hochgradig arrogant, ehrlich gesagt. Wenn ich einen dummen Fehler mache, ist es mir zehnmal lieber, jemand meckert mich an, als wenn er mir mein Nicht-Perfektsein großmütig vergibt. Ich glaube auch nicht, dass diese Art von Nachsichtigkeit und Höflichkeit etwas mit Aufrichtigkeit zu tun hat. Kommt hinzu, dass es mit so einer Haltung völlig egal ist, ob die Wurstverkäuferin Fehler macht oder nicht, weil die Reaktion von Dir in beiden Fällen dieselbe ist. Also hat die Wurstverkäuferin ja null Anlass, den Fehler nicht mehr zu machen. Deinen Zielpunkt finde ich nicht gut. Mir sind Leute, die auch mal wütend werden und mit denen ich mich zoffen kann, lieber.

        Ein Punkt ist zudem, dass Du die Wurstverkäuferin gar nicht fragst, was sie sich selber wünschst. Du gehst automatisch davon aus, sie will die Reaktion, die Du Dir selber ausgedacht bzw. die Du aus dem Mainstream übernommen hast. Du nimmst die Verkäuferin auf diese Weise doch gar nicht als Individuum wahr. Dieses alles über einen Kamm scheren, ist mit ein Grund, warum ich selber die Nase gründlich voll davon habe, dass die Leute mir immer „Gutes“ tun. Wenn die Leute nichts anderes können, als mir „Gutes“ zu tun, sollen sie mich lieber in Ruhe lassen. Ich finde, mit Deiner Haltung ist es besser, wenn Du die Wurst an einem Automaten kaufst.

      • „Weil bei allem, was man tut, das Wissen mitschwingt, dass man, wenn es schief gehen sollte, doch immer aufgefangen wird. Dass man immer auf die Helfer zurückgreifen “

        Ja, weil dieses Wissen nachschwingt.

        Aber diese Helfer hast du hier mit „Speck“ betitelt, oder?

        Und Speck willst du nicht, denn der führt ins Verderben,

        Dein stebenswerte Glück ist

        UNABHÄNGIGKEIT,

        oder?

        Na ja, nach dem was adir die Politik für Gesetze bietet!

      • Die unterschiedlichen Sichtweisen von Geist und Gegenwart und Fingerphilosoph lassen sich vielleicht auch mit sehr diversen Lebensumfeldern erklären.

        Jedenfalls halte ich es für möglich, dass Fingerphilosoph keine Vorstellung davon hat, wie verroht, ignorant und „aggro“ der ganz normale Alltagsumgang in Berlin mittlerweile ist. Teilweise war das schon immer so, die Berliner Busfahrer sind in der Hinsicht ja legendär, aber es hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlimmert, ist auch auf den Straßen zu spüren, wo viele Menschen sich aufhalten.

        Ein steigener Prozentsatz läuft mit spitzen Ellenbogen und einer Anspruchshaltung durch die Welt „Hauptsache ICH“ – und alles soll dem dienen, nicht im Wege stehen, keine Anforderungen stellen… jeder Pipifax ist Grund zum Pöbeln, zum In-Grund-und-Boden-Kritisieren – Sekundärtugenden sind weitgehend abgeschafft.

        In SO EINER Umwelt ist Gilberts freundliche, vergebende Haltung ein Segen!

        Ich gehöre der Generation an, die einst gegen diese „Sekundärtugenden“ zu Felde zog: Braucht man nicht, ist doch alles Heuchelei und NICHT AUTHENTISCH.

        Mittlerweile hat mich das Leben belehrt, dass wir dazu neigten, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn „Authentizität“ kann ganz schön nervig sein, kann einem sinnlos den Tag verderben und erschwert ganz allgemein den Umgang miteinander, wenn jeder seine miese Laune, seine Ignoranz, seine Bequemlichkeit und Aggressivität ganz „authentisch“ auslebt.

    • Weder haben wir die Pest ausgerottet noch erleben wir die Tendenz EINER Verbesserung unserer Lebensumstände. Es ist EIN Trugbild, EIN sogenanntes Sternenbild-Syndrom.
      Die Pest kam erst durch den Einfluss des Menschen auf die Umwelt zustande und verschwand, weil die Lebensbedingungen im Laufe der Zeit nicht mehr jenen entsprachen, die zuvor zur Pest führten – EIN Umstand, der sich übrigens bei allen Unausgewogenheiten zeigt, gegen die wir, von Babybeinen an, meinen impfen zu müssen.

      Das Sternenbild-Syndrom: Natürliches baut auf der Notwendigkeit auf, bestehende Bindungen, die von Natur aus miteinander verwoben sind, zu pflegen und zu stärken. Künstliches dagegen baut auf den Möglichkeiten auf, mittels Energieraub Verbindungen zu erschaffen, die nicht Anteil an der natürlichen Verwobenheit haben. Fügt man diesem noch hinzu, dass Zeit der Trick EINES Geistes ist, um als Zeitgeist getarnt, Lügen über die WAHRHEIT verbreiten zu können, dann offenbart das Sternbild VERBESSERUNG, was jedes andere Sternbild gleichfalls verdeutlicht.

      Jedes Sternbild besteht aus Sternen verschiedener Galaxien, wobei das Licht jedes dieser Sterne verschieden lange bis zur Erde braucht. Unter dem Sternenhimmel stehend, erliegt der Betrachter somit EINER Vereinfachung jener Verwobenheit, die wir Kosmos nennen. Wir vereinfachen winzige Ausschnitte der Galaxien auf EINEN Zeitpunkt, nämlich den der Betrachtung und erschaffen so neue Verbindungen, die weder mit einem großen Bären noch mit einem Skorpion oder einem anderen Objekt etwas gemein haben. Wir nehmen verschieden entfernte Sterne aus verschiedenen Kontexten und klatschen sie auf EINE Scheibe – schon ist es fertig, unser Sternenbild. Gleiches gilt für die thematisierte Verbesserung im Laufe der Zeit.

      Die Verbesserung erscheint nur so, weil unzählige weitere Sterne der Galaxien ausgeblendet werden und sämtliche Zeiträume auf EINEN Zeitpunkt fixiert werden. Technologischer Fortschritt ist im Grunde nur die beschleunigte Verlangsamung der Gewahrwerdung all jener Konsequenzen, die wir ausblenden, um das Bild der Verbesserung zu erhalten und zu bewahren. Das Bild der Verbesserung ist uns energieräuberischen Fortschreitenden längst derart vertraut wie das Sternenbild Orion oder der Große Bär aka der Große Wagen. Unsere Verbesserungen können nur auf Kosten anderer Menschen anderswo auf der Welt realisiert werden (was längst für den Großteil unseres Alltags gilt) und gehen zudem auf Kosten aller ANDEREN Lebewesen weltweit und damit auf Kosten der natürlichen Verwobenheit (was für den Rest unseres Alltags gilt). Die Verbesserungen sind EINE Lüge, die wir uns erzählen lassen und gerne weiter erzählen, damit uns die unbequeme WAHRHEIT über den eigentlichen Ursprung unserer Verbesserungen nicht zu nahe kommt. Mancher Stern, der das Sternenbild VERBESSERUNG bildet, ist dabei längst erloschen, was uns aber nicht daran hindert, weiter am vertrauten Muster festzuhalten … zumal wir ja noch sein Licht am Himmel sehen.

      Viele Menschen glauben ja, dass die Sklaverei längst abgeschaffen sei. Auch das ist EIN Irrtum. Einzig das Material der Ketten hat sich geändert. Es ist viel leichter geworden und transparent und scheuert auch nicht mehr auf der Haut. Auch EINE Folge unseres Fortschritts, der von vielen Menschen als Erfolg gefeiert wird.

      • Dazu fällt mir spontan die früher mal mathematisch beliebte „Flachwelt“ ein: In eine zweidimensionale Welt projiziert, fallen die Lebewesen durch den Verdauungstrakt, der vom Mund zum A-Loch führt, in zwei Hälften auseinander. Türschlösser müssen anders konstruiert werden: das ist ein schier unlösbares Problem.
        In dieser vereinfachenden Projektion zerfällt die Welt in Teile, die nicht mehr zusammenpassen. Und die Lösungen, die aus der Projektion heraus gefunden werden, sind ungeheuer komplex und kompliziert. Ja, genau: ich fange an, tiefer zu verstehen, was mit Vereinfachung gemeint ist.

        Gefällt mir gut, diese Erklärung mit dem Sternenbild-Syndrom.

        Noch eins: Die Pest ist weder verschwunden noch ausgerottet. Sie kommt in Teilen der Welt zurück, siehe Madagaskar. Sie ist auch deshalb weder verschwunden noch ausgerottet, weil die Erreger, wie ich gelesen habe, für Bio-Waffen konserviert wurden, auch wenn die Herstellung von Bio-Waffen weltweit offiziell geächtet ist.

      • „Syndrom“? 🙂 Ich bezweifele, dass es sich hierbei um ein Syndrom handeln kann. Tipp: Wenn die Bedeutung nicht parat ist, einfach mal ins Wörterbuch schauen 😉

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