Die Flucht vor der Individualität

Beim Menschen ist keine Schraube locker, wie häufig behauptet wird, im Gegenteil. Die Schrauben, die den menschlichen Hirnkasten zusammenhalten, wurden übers Normalmaß hinaus angezogen. Vielleicht wurde ein elektrischer Schraubenzieher mit zuviel power benutzt. Auf jeden Fall hat sich der Inhalt in unserem Hirnkasten bei der Montage verdreht. Die Folge davon ist, dass der Mensch schwarz für weiß hält, krank für gesund und Dekadenz für Fortschritt.

Ein schönes Beispiel in dieser Kategorie der Verdrehungen sind auch die endlos wiederholten Vorwürfe von Egoismus und Individualismus, die heute jeder jedem macht und die dafür verantwortlich sein sollen, dass der Mensch zum Schrecken des Ökosystems mutiert, die Tierwelt am Aussterben und die Welt samt ihrem Klima in einem absolut desolaten Zustand ist. Nichts könnte falscher sein. Nie war der Mensch weniger ein Individuum als heute. Seit Tausenden von Jahren läuft die menschliche Entwicklung kontinuierlich darauf hinaus, die ursprünglich einmal vorhandene Individualität zu zerstören. Heute ist dieser Prozess so gut wie abgeschlossen. Der Mensch ist nämlich kein Individuum mehr. Deshalb fangen einige Forscher damit an, sich nun für Schwarmintelligenz zu interessieren.

In der grünlinken Mainstream-Ideologie ist hingegen ständig von der individualistischen Gesellschaft die Rede. Von der Gier und dem Egoismus, die den Einzelnen in dieser Gesellschaft prägen. Das ist schon ein Widerspruch in sich. Eine Gesellschaft aus Individuen kann es nicht geben. Eine Gesellschaft entsteht immer nur da, wo Individualität zugunsten der Gemeinschaft aufgegeben wird, wo der Einzelne seine persönlichen Bedürfnisse zugunsten eines übergeordneten Systems zurückstellt. Das geschieht meist nicht freiwillig. Viel häufiger wird der Einzelne vom System gezwungen. Er muss Steuern und sonstige Abgaben bezahlen. Er wird mit einer Flut von Gesetzen überschüttet. Heutzutage darf man nicht mal mehr sein Eigentum verschenken, ohne dass die Gesellschaft dafür Schenkungssteuer verlangt. Man darf sich die Mieter für seine Wohnung weder selber raussuchen, wenn man damit irgendjemand diskriminiert, noch darf man die Mieter rausschmeißen, selbst dann nicht, wenn sie sich als Messies entpuppen, die in der Badewanne Kronenkorken sammeln.

Das objektive Anzeichen dafür, dass es keine Individuen mehr gibt, besteht darin, dass heute in unserem Gesellschaftssystem kein Mensch mehr für sich selber sorgen kann. Jeder Mensch ist heute dermaßen mit anderen Menschen vernetzt und von anderen Menschen abhängig geworden, dass schon eine relativ kleine Störung ausreicht, um einen Dominoeffekt hervorzurufen, der die ganze Welt in eine tiefe Krise stürzt. Es reicht, wenn sich irgendwo in Amerika eine einzige Bank verzockt, um eine weltweite Wirtschaftskrise auszulösen. Das hat uns das Jahr 2008 gezeigt.

In der Folge dieser Krise hat sich die Menschheit noch enger vernetzt und der einzelne Mensch hat sich noch abhängiger und unselbständiger gemacht. Der Mensch glaubt, dass ein vernetztes System Sicherheit gewährt. Was wir jedoch gerade erleben, ist, dass sich abstrakte Gebilde, die eigentlich nur in unserer Vorstellungswelt existieren, wie Konzerne, Banken, Börsen, Versicherungen, Aktiengesellschaften, Staaten und Staatenverbünde stabilisieren, während das Leben für den Einzelnen immer unsicherer und unberechenbarer wird.

Es gibt in unserer Gesellschaft keine Menschen mehr, die gleichzeitig ihre Nahrung anbauen, ihr Haus und ihre Möbel bauen, die Stoffe für ihre Kleidung und dann auch noch die Kleidung selber machen. Für einen Jäger und Sammler war das absolut normal. Jeder Jäger machte seine Werkzeuge und seine Klamotten selbst. Jeder Sammler konnte Körbe flechten. In den meisten dieser Gesellschaften war es zudem so, dass auch der Sammler jagen konnte, wenn vielleicht auch nur kleinere Tiere. Und jeder Jäger kannte sich so weit mit Pflanzen aus, dass er sie auch sammeln konnte.

Heute ist es nicht mal so, dass ein Teil der Gesellschaft Nahrung anbaut, während ein anderer Teil Häuser baut und wieder ein anderer Teil Stoffe webt, nein, der Prozentsatz der Menschen, die in solch praktischen Berufen unterwegs sind, ist in den letzten fünfzig Jahren erschreckend geschrumpft. Von fünf Menschen verbringen heute vier ihren Berufsalltag damit, dass sie hinter einem Computer sitzen oder an irgendwelchen Besprechungen teilnehmen, dass sie andere Leute therapieren oder in Ladengeschäften Dinge verkaufen, die man zum Leben überhaupt nicht braucht. Oder dass sie sogar Dinge herstellen, wie Bücher und Filme, die keinen anderen Zweck haben, als den Leuten, die nicht mehr für sich selber sorgen, die Langeweile zu vertreiben.

Und auch der Eine von den Fünfen, der noch einen praktischen Beruf hat, wie Landwirt, Maurer oder Schreiner, legt kaum noch selbst Hand an, sondern bedient Maschinen. Die Haupttätigkeit des Landwirts besteht im Traktorfahren. Die Tätigkeit des Schreiners besteht darin, Sägen, Pressen und Schleifmaschinen einzustellen oder CNC-Maschinen zu programmieren. In diesen praktischen Berufen, die ja tatsächlich unsere Existenz sichern, haben schon längst computergesteuerte Maschinen das Kommando übernommen und den Menschen zum Hilfsarbeiter degradiert. Sollte also tatsächlich mal die Stromversorgung zusammenbrechen und der moderne Mensch auf sich selbst zurückgeworfen werden, wird er verhungern oder verdursten. Was für den zivilisierten Menschen also Fortschritt ist, bedeutet vom Standpunkt eines Selbstversorgers aus zunehmende Unfähigkeit und Dekadenz.

Der Grund für diese umfassende Auflösung des Individuums ist, dass der Mensch nicht in der Wirklichkeit lebt. Der Mensch lebt in den Geschichten, die er sich erzählt. Der Glaube an diese Geschichten ist dem Menschen wichtiger als die wirkliche Welt. Für seine Geschichten opfert der Mensch alles. Sogar sein Leben. Sogar den ganzen Planeten. Doch diese Geschichten sind erfunden. Es sind Fiktionen wie Einhörner und Trolle.

Die Geldwirtschaft ist beispielsweise eine Geschichte, die nur dank des Glaubens existiert, dass Geld einen Wert hat. Wenn die Menschen aufhören, an Geld zu glauben, sehen sie, dass sie nur wertloses Papier in den Händen halten. Oder dass die Zahlen auf dem Kontoauszug eben nur Zahlen sind, ohne irgendeinen reellen Wert dahinter.

Dasselbe gilt für die großen Konzerne. Ein solcher existiert nur, weil die Menschen daran glauben. In Wirklichkeit ist ein Konzern nichts anderes als ein paar wertlose Unterschriften auf einem Blatt Papier, denn weder die Gebäude, auf denen der Konzernname steht, noch die Menschen, die in dem Konzern arbeiten, sind der Konzern. Sie sind, was sie sind: Gebäude und Menschen. Erst der Glaube, dass diese Gebäude, Arbeiter, Firmenschilder und Vorstandsetagen zusammen einen Konzern bilden, machen diesen zum Konzern. Der Glaube verleiht dem Konzern eine Schein-Wirklichkeit.

Dasselbe ist es mit den Börsen, den Banken, den Staaten und all diesen Gebilden, die wir für so wichtig halten. In Wirklichkeit existieren sie nur in unserer Vorstellung und hören sofort auf zu existieren, wenn ein Großteil der Menschen den Glauben daran verliert. Wenn die Menschen den Glauben an die Deutsche Bank, an RWE, an Telekom verlieren, dann verkaufen sie die Aktien dieser Firmen. Wenn alle Leute, die Aktien halten, diese zeitgleich verkaufen und niemand diese Aktien mehr kauft, hört ein Konzern auf zu existieren.

Diese Fähigkeit, irgendwelchen erfundenen Geschichten zu glauben, wurde in den Religionen ausgebildet. Je mehr Menschen anfingen, an dieselbe Geschichte zu glauben, desto mehr wurde aus der bloßen Fähigkeit ein Zwang. Das ergibt sich aus den Mehrheitsverhältnissen. Wenn bloß zwei Menschen dieselbe Geschichte glauben, ist es ziemlich einfach, diesen Glauben wieder aufzukündigen. Wenn hundert Menschen dieselbe Geschichte glauben, wenden sich 99 Menschen gegen denjenigen, der damit aufhört. Noch drastischer wird es, wenn solche Zahlen in die Millionen gehen oder gar alle Bewohner des Planeten umfassen.

Religionen sind nichts anderes als Geschichten, die Menschen einander erzählen. Haben sich die Jäger und Sammler ursprünglich die Geschichten von Tiergeistern erzählt, um einander für die Jagd Mut zu machen, so wurden in der landwirtschaftlichen Revolution aus diesen Geistern übermächtige Götter, die über dem Menschen stehen, genauso wie der Mensch über den Tieren und den Pflanzen steht. Da die Götter alle überaus menschliche Züge tragen, sind es nichts anderes als Projektionen, die dazu dienen, die Welt in eine hierarchische Ordnung zu bringen. Diese war notwendig geworden, damit der Mensch Tiere und Pflanzen in seinen Besitz nehmen und nach eigenem Belieben verändern, sprich züchten konnte. Tiere und Pflanzen wurden nicht länger als eigenständige Lebewesen respektiert, sondern wurden Besitztümer, sprich Sachen, über die der Besitzer verfügen konnte. Aber nicht nur Tiere und Pflanzen verloren in dieser hierarchischen Ordnung ihre Individualität, sondern auch der Mensch, der sich über sie erhob. Weder der König noch sein Sklave sind Individuen. So wie der König nur existiert, weil es Sklaven gibt, so gibt es Sklaven nur dort, wo ein König herrscht. Ein Herrscher braucht zwingend jemand, über den er herrschen kann, sonst ist er kein Herrscher. Und ebenso braucht ein Sklave zwingend einen Herrn.

Götter und Geister existieren nur in den Geschichten, die Menschen einander erzählen. Aber sie sind nicht so harmlos, wie manch einer glauben mag. Denn sie verändern die Welt tatsächlich. Nicht auf dem Weg der Wunder oder einer wie auch immer gearteten rätselhaften Bewusstwerdung, sondern indem ganz real Tempel und Kirchen für diese Götter gebaut werden und Priester ihren Anteil an allen möglichen Leistungen verlangen, für die sie selber keinen Finger gerührt haben. Die alten Geschichtenerzähler verlangten ihren Tribut in Form von Opfertieren, Getreide oder Butter. Heute sind es Steuern und sonstige Abgaben, die der abhängige Mensch entrichten muss.

Wenn plötzlich über Nacht alle Bürger zu dem Entschluss kämen, nicht länger an Geschichten zu glauben, sondern in die Wirklichkeit zurückzukehren, würden nicht nur alle Konzerne, das gesamte Geld- und das Wirtschaftssystem, sondern auch alle Staaten und Kirchen sang- und klanglos in sich zusammenstürzen. Natürlich wird das nicht passieren, weil heute weit mehr Bürger in Berufen unterwegs sind, die alle zusammengenommen der Funktion des Priesters in der Bronzezeit entsprechen. Dazu gehören beispielsweise alle Verwaltungs- und alle Heilberufe. Die gesamte Werbung und die gesamte Unterhaltungsindustrie. Alles, was im weitesten Sinn mit Politik und Geld zu tun hat. Vier von fünf Menschen gehören heute zur Priesterkaste. Weil alle diese Menschen leben wollen, können wir gar nicht mehr damit aufhören, an die Geschichten zu glauben. Doch selbst, wenn die Geschichten brüchig werden, ändert sich nichts. Wenn vier von fünf Menschen ihren Lebensunterhalt Fiktionen verdanken, werden sie nicht zulassen, dass einer vom Glauben abfällt, denn damit würden sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

Warum sind für den Menschen die Geschichten wichtiger als die Wirklichkeit? So wichtig gar, dass er ihnen einen Schrein baut? Denn in Wahrheit ist unsere ganze Zivilisation nichts Anderes als der Schrein um die erfundenen Geschichten herum.

Die Geschichten, die wir einander pausenlos erzählen, sind aus zwei Gründen für uns wichtig. Erstens geben sie unserem Leben den Sinn, den wir in der Wirklichkeit vergeblich suchen. Menschen sind bereit, für ihre Götter zu sterben. Für ihren König oder für ihre Nation. Oder für die Demokratie. Oder sonst ein Abstraktum, das nur in ihrer Vorstellungswelt Bestand hat. Kein Mensch ist jedoch bereit, für die Wirklichkeit zu sterben. Weil in der Wirklichkeit ein Tod nur ein Tod ist und keine Heldentat. Die Wirklichkeit hebt den Menschen nicht über sich selbst hinaus, sondern wirft ihn, im Gegenteil, auf sich selbst zurück.

Der zweite Grund, warum wir uns pausenlos Geschichten erzählen, ist der, dass diese Geschichten uns Gemeinsamkeit suggerieren, wo keine ist. Ohne Geschichten ist jeder Mensch für sich und lebt in seiner eigenen, kleinen Welt. In dieser Welt ist er ein Individuum. Individuum kommt von in-dividuus, das Nicht-Teilbare. Was der Mensch mit seinen eigenen Sinnen erlebt, ist weder teilbar noch mitteilbar. Ein Individuum ist weder Subjekt noch Objekt. Sondern gelebte Erfahrung. Oder eben Leben pur. Was der Mensch kommunizieren kann, ist jedoch bloß eine Erinnerung, eine vermittelte Schein-Wirklichkeit, die sich zur unmittelbaren Erfahrung wie ein Abziehbild verhält.

Der Mensch ist süchtig nach Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Er hält es allein mit sich in seiner Wirklichkeit nicht aus. Er hält es nicht aus, ein Individuum zu sein. Einsamkeit ist für den Menschen schlimmer als der Tod. Deshalb sind die Geschichten, die ihm vorgaukeln, Teil einer Gemeinschaft zu sein, nicht allein mit sich zu sein, so wichtig für ihn, dass er für diese Illusion sogar sein Leben hingibt.

Unsere Gesellschaft ist keine individualistische. Sondern das Gegenteil davon. Die ganze Zivilisationsgeschichte von ihren Anfängen bis auf den heutigen Tag ist nichts anderes als die Flucht vor der Individualität.

17 Kommentare zu “Die Flucht vor der Individualität

  1. Nochmals zum Schwarm:

    Ein Schwarm ist vorübergehender Natur, er ändert erratisch seine Form und Bahn und er benötigt einen strukturlosen Raum, z. B. Meer oder Luftraum zwecks Entfaltung. Nichts davon vermag EIN menschlicher Schwarm abzubilden und es dürfte kein Zufall sein, dass Großstädte die Masse aus dem umliegenden Land anlocken, mittels in Aussicht gestellter Vereinfachungen der Lebensumstände. EINE Großstadt ist EIN strukturierter Raum, der Schwarmbildung verhindert, weshalb z. B. bei Demonstrationen dem menschlichen Möchtegernschwarm EIN keinesfalls erratischer Weg vorgegeben wird. Auch im Netz ist keine Schwarmbildung (mehr) möglich, da auch das Netz mehr und mehr strukturiert wird.
    Großstädte dienen einzig der Beherrschbarkeit und Lenkbarkeit EINER ansonsten verstreuten Masse von Individualisten, weshalb z. B. im Rahmen von Olympischen Spielen jene Bereiche EINER Stadt umstrukturiert werden, die vor den Spielen ungeplant und ohne feste Strukturen wachsen konnten und daher schwer kontrollierbar waren.
    Die Umstrukturierung von Firmen verfolgt selbiges Ziel: Kontrolle und das Verhindern von Individualisten, natürlich mit dem Versprechen von besseren Karrierechancen, mehr Gehalt und vereinfachten Arbeitsprozessen.
    Modernes, gleichgeschaltetes Leben bedeutet immer mehr Muster zu befolgen und vorgegebene Wege zu begehen, um in den Genuss weiterer Vereinfachungen zu kommen. Mit Individualität hat das nichts zu tun – soll es ja auch nicht, denn je mehr zur Musterfrau und zum Mustermann werden, desto mehr Zeit und Energie wird den Mustermachern für weitere Muster zur Verfügung gestellt, Zeit und Energie, die der Masse verloren gehen – obwohl doch immer mehr smarte Geräte das eigene Zeitmanagement und die eigene Energiebilanz zu verbessern versprechen. Ganz individuell, ist doch klar.
    Warum sind moderne Menschen so erpicht darauf, Zeit zu gewinnen und Energie zu sparen? Um endlich mal aus ihrem eingravierten Lebensmuster ausbrechen zu können! Paradox, paradox. Endlich mal Zeit für EINEN Urlaub weit weg, um Energie in der Ferne zu tanken. Endlich mal Zeit haben zum Ausschwärmen und zum Vorschwärmen, wenn man wieder ins Muster zurückkehrt …

  2. Zhang … schreibt:

    “Der menschliche Geist ist ja auch so ein ‚Beutegreifer‘, dessen räuberischem Elan man nur Einhalt gebieten kann, indem man ihn mit Musterlosigkeit konfrontiert und so desorientiert.“

    Darauf ein klares BINGO ^^ !

  3. Durch die astronomische Beobachtung wurde irgendwann klar, dass das menschliche Leben nur ein ganz unbedeutender Abschnitt (Zeitteileinheit) ‚unendlicher‘ (eben verhältnismäßig zum menschlichen Leben) Perioden, Zyklen und Rhythmen ist !!!
    Daraus erst erwuchs die Nichtisierung des Lebens und die Betonung und Überhöhung der Zeit danach, nach dem Tod und der darauf folgenden Ewigkeit!

    Die Pyramiden sind definitiv, wie ganz Ägypten ein ‚Wie oben, so unten‘, ein Abbild des Himmels und seiner Phänomene, eine Kartographie wie ein Kalendarium – ein einziger Tribut an die ZEIT, die man erst ab einem bestimmten Zeitpunkt als solche überhaupt erst identifizieren konnte, bzw. besser: der Geist erst ab diesem ein solches Muster erzeugen konnte!

    Und weil die ZAHL es erst ermöglicht, die ‚Ewigkeit‘ zu erkennen, bzw. die ‚ewigen‘ Periodiken, Zyklen, Rhythmen zu erfassen, zu berechnen und so quasi die Zukunft vorherzusagen, wurde sie göttliche Maßeinheit, ja das Maß aller Dinge schlechthin und entsprechend verehrt, weil sie erst diese ‚Wunderdinge‘ möglich machte.

    Die Pyramiden sind eine Referenz an den Sternenhimmel (die kosmische Uhr sozusagen), eine spiegelnde Abbildung dieses und eine Aufwertung und Zentralisierung des Todes gegenüber dem Leben, wonach sich eben alles nur noch darum drehte.
    Was wiederum erklärt, warum Ägypten trotz zur Verfügung stehender Jahrtausende letztlich bemerkenswerten kulturellen Stillstand ja Niedergang zu verzeichnen hatte!
    Weil es für das Leben so nichts weiter zu entwickeln gab, weil bedeutungslos geworden.
    Deshalb sind Pyramiden auch steingewordene ZAHL, die alle damals zugängliche Mathematik, Geometrie verarbeitete für den Gott ZAHL.
    Denn erst die ZAHL teilt, schafft dadurch Verhältnismäßigkeiten, Proportionierungen und dadurch Gewichtungen, Bedeutungen, Muster aller Art.
    In der Astrologie kann man noch ein Quentchen des Urwissens darüber erhalten sehen, wenngleich bis zur Unkenntlichkeit und Unbrauchbarkeit verstümmelt.
    Die Sonne/Ra ist PI, also ist Ra ein Zahlengott.
    Man spricht nicht umsonst von dem KREISLAUF des Lebens und den damit einhergehenden Gesetzmäßigkeiten, also den Geboten der Zahlengöttlichkeit.
    Überspitzt ausgedrückt sind Wissenschaftler der mathematisch-physikalischen Provenienz also die neuen Hohepriester von RA! 😉

  4. Wie sollen Experten Schwarmintelligenz verstehen, wenn sie vom Wesen des Lebens, vom EInfachen jenseits der Komplexität, keine Ahnung haben? Ein Schwarm ist vor allem eines, nämlich ein stets vorübergehendes Phänomen und kein erstrebenswerter Dauerzustand. Im Schwarm vermag sich das Individuum ganz dem Schwarm anzuvertrauen, sich in die Notwendigkeit des Schwarms hineinfallen zu lassen, bedingungslos und mit jeglichen einhergehenden Konsequenzen für den Einzelnen. Alle Individuen im Schwarm stellen sich für eine gemeinsame Unternehmung zur Verfügung und erhalten ihre Individualität nach der Unternehmung zurück. Die ansonsten eigene Stimme des Individuums verstärkt somit im Schwarm die eine Stimme, die der Schwarm ist.

    Wenn der Mensch die Intelligenz des natürlichen vorübergehenden Schwarms auf menschliche Vorstellungen und fortschrittliche Ambitionen überträgt, dann hat er die Dauerhaftigkeit und stete Verfügbarkeit des Einzelnen für den “Schwarm“ im Sinn. Allerdings wird dabei dem Individuum jene Energie entwendet, welche dem Individuum die verkörperte Antifragilität ermöglicht. Stattdessen findet diese Energie dann Verwendung, um EINEN robusten Schein zu wahren. Genau das machen Konzerne, Banken, Netzwerke. Besonders deutlich wird das bei Amazon, Google, Facebook – auf Kosten der Individualiät Einzelner.

    Ein Individuum vermag immer mit eigener Stimme zu sprechen und die Konsequenzen des Ausgesprochenen am eigenen Körper zu (er)tragen. Wer lauthals herumtönt, spricht keineswegs mit eigener Stimme, sondern oftmals mit der Stimme des Systems, welches ihm die Sicherheit verleiht, sich derart laut hervorzutun.

    • Vor allem ist die Form eines natürlichen Schwarms nicht vorgegeben. Schwärme von Vögeln zeichnen höchst variable, vielfältige Formen in den Himmel, mal mit Verdichtungen, mal mit viel freiem Raum dazwischen. Man kann nicht vorhersagen, wie der Schwarm in der nächsten Minute aussieht. Dahingegen entstehen mit Konzernen, Banken, ja sogar technischen Netzwerken wie dem Internet höchst starre Rahmen, in die der Einzelne dann, ob er dahin passt oder nicht, hineingepresst wird. Je starrer der Rahmen, desto fragiler wird das System. Das wird bspw. beim Bahnfahren sichtbar. Der einzelne Bahnfahrer muss immer mehr Zeit und Flexibilität aufbringen, während im System „Bahn“ immer mehr Störungen (Verspätungen, ausgefallene Züge, Baustellen, Selbstmörder) auftreten. Mit welcher Selbstverständlichkeit sich das übergeordnete System zu Lasten der Individuen am Funktionieren erhält, kann einem schon zu denken geben. Dumemrweise führt die vom Individuum verlangte Flexibilität nicht zu neuen Fähigkeiten, sondern zu Lähmung. Das übergeordnete System macht sich, genau wie Du sagst, die Individuen verfügbar.

      Da die Form im natürlichen Schwarm nicht vorgegeben ist, wird das Individuum auch nicht zwangsangepasst, sondern kann sich als das, was es ist, einbringen. Diese Art von „Schwarmbildung“ gibt es bei den einzelnen Menschen auch, meistens jedoch bloß in ihren Freizeitaktivitäten. Da tun sich ein paar zusammen, um Musik zu machen oder Fußball zu spielen. Und wenn das Spiel vorbei ist, geht der Schwarm wieder auseinander. Aber leider ist dieses Muster für die Gesellschaft nicht prägend.

      Die alten Germanen hatten eher so eine Organisation. Da gab es die eigenständigen Höfe, kleine Fürstentümer, die sich hin und wieder zu gemeinsamen Aufgaben zusammengetan haben (Feinde abwehren). Aber sonst hatte dem Kleinfürst, Gutsherrn oder Bauern niemand dreinzureden. Das war Organisation „von unten nach oben“. Mit der Christianisierung wurde diese dezentrale, freie Organisation auf den Kopf gestellt und eine hierarchische Ordnung „von oben nach unten“ etabliert.

      Man darf gespannt sein, ob ein stabiles Übergeordnetes dadurch entsteht, wenn es den Individuen die zur Antifragilität benötigte Energie klaut. Im Grunde ist es das, was ich fürchte: dass es funktionieren könnte. Die letzte Wirtschaftskrise zeigt, dass sich Konzerne und Banken tatsächlich zu Lasten des Steuerzahlers konsolidieren können/dürfen. Inzwischen glauben ja die meisten Bürger, dass Konzerne und Banken niemals pleite gehen dürfen, weil sonst die ganze Welt in den Abgrund stürzt.

      Auch hier sieht man, dass die Geschichten sich banalisieren und die Götter von himmelhoch oben und jenseits des Universums in Form von Banken und Konzernen sozusagen herunterkommen und uns bislang noch Sterbliche mit ihrer Anwesenheit beglücken. Und wenn man bedenkt, dass sowohl die Götter wie die Konzerne und Banken bloße Erfindungen des menschlichen Geistes und keine Notwendigkeiten sind, dann komme ich eben schon zu dem Schluss, dass im Grunde jeder nicht nur das bekommt, was er sich wünscht, sondern auch das, was er verdient.

      • Die stets einzigartige Form des Schwarms ist eine weitere Eigenschaft natürlicher Verwobenheit. Selbst wenige Schmetterlinge, die erratisch durch die Luft toben und plötzlich zusammen die gleichen erratischen Bahnen zu einer unvorhersehbaren Formbewegung ausgestalten, lässt EINEN staunen. Es ist, als “logge“ sich ein Schwarm in die Wirklichkeit ein, während wir EINEN EINEN “Schwarm“ nachbilden, der sich aus der Realität heraus in der Virtualität einfindet, weil uns der Zugang zur Wirklichkeit zunehmend abhanden kommt. Demnach wäre das Virtuelle die realisierte Nachbildung der Wirklichkeit und einzig EIN Abklatsch, dem wir aber umso mehr huldigen und applaudieren, je weniger wir natürliche Verwobenheit zu spüren imstande sind.

      • Der Schwarm ist die Dezentralisierung des Individuellen.
        Der Vogel bleibt zwar der, der ist, aber er löst sich als Individuum auf, dito der Fisch.
        Für Beutegreifer eben ein veritables Problem, weswegen es das Schwarmverhalten gibt, denn der Schwarm ist mitnichten selber intelligent, er löst lediglich ein Problem, nämlich das, selber vereinzelt, als Individuum leicht zur Beute werden zu können. 😉

        Das ‚Erratische‘ des Schwarms ist also Programm.
        Ein Programm zur Musterauflösung, wodurch ein Beutegreifer mit hoher Wahrscheinlichkeit wortwörtlich ‚ziellos‘ wird!

        Der menschliche Geist ist ja auch so ein ‚Beutegreifer‘, dessen räuberischem Elan man nur Einhalt gebieten kann, indem man ihn mit Musterlosigkeit konfrontiert und so desorientiert.
        Deshalb liebt der menschliche Geist ja so sehr Regeln, Gesetze, Normen etc., weil sie ihn als Beutegreifer seine räuberische Passionfokussieren helfen.

        Notfalls macht der menschliche Geist halt aus einer Schwarmwirklichkeit durch Willkür, einfach durch Mustereindeutung, eine ‚Ordnung‘, der sich durch Zwangsmaßnahmen die Natur unterzuordnen hat, frei nach dem Motto: ‚Schluß mit jeglicher Schwärmerei!‘ (egal ob von oder auf und davon).
        Zeigt der König nämlich Anzeichen von Verwirrung, ’schwirrt‘ ( Schwarm) ihm der Kopf, entdeckt man an ihm Auflösungserscheinungen, schwindet seine Macht exponentiell.
        Und das kann der gute König natürlich nicht zulassen….

      • Dass ein Schwarm die Lösung für ein Problem und selber weder Lebewesen noch Entität ist: der Gedanke ist mir selber so noch nicht gekommen, leuchtet mir aber voll ein. Der Mensch ist immer sehr gern bereit, Entitäten zu sehen, wo keine sind. Auch das ist ein Aspekt der Mustererkennung. Um ein Muster zu erkennen, muss man eine Dynamik entweder anhalten oder zumindest verlinearisieren. Mustererkennung erfordert auch Distanzierung: vom Flugzeug aus sieht man bspw., dass die französischen Bauern keinen Wert auf akkurat rechteckige Felder legen. Die deutschen Bauern hingegen schon. Und die Österreicher bevorzugen lange und schmale Felder. Je näher man dem Boden wieder kommt, desto mehr löst sich dieses Muster wieder auf.

        Vielleicht hat der Mensch deshalb Gott erfunden. Damit er selber einen gottähnlichen Standpunkt einnehmen kann, der am Leben nicht mehr teilnimmt, sondern es aus ungeheurer Distanz betrachtet. Weder der Blick durchs Mikroskop noch durchs Teleskop bringt uns das Betrachtete näher, sondern entfernt es von unserer teilnehmenden Wahrnehmung. Deshalb lassen sich im Verhalten von Zellen auch wieder leichter Muster erkennen.

        In der ZEIT ist zu lesen, dass Gruppen dümmere Entscheidungen treffen als Individuen. Gruppen sind ebensowenig eine Entität wie ein Schwarm, weshalb die Gruppe selber über keine Intelligenz verfügt. Bzw. Intelligenz kann nicht Eigenschaft einer Gruppe sein. Je größer die Gruppen und Schwärme werden, zu denen Menschen sich zusammenschließen, desto dümmer werden wir. Die Weltgemeinschaft wird also dümmer sein als die einzelnen Nationen, die Nationen dümmer als Regionalverbände, Regionalverbände dümmer als Dörfer. Yuval N. Harari sagt ja, dass der Jäger und Sammler wesentlich intelligenter war als der Bauer. So gesehen hat er Recht. 🙂

  5. Lustig, dass sich sonst kein Kommentar zu diesem Thema rührt 😉
    Vermutlich weil es an den Grundfesten menschlicher (Schein)Gewissheiten rüttelt und den Bluff, den der menschliche Geist sich selbst gegenüber leistet, offensichtlich macht?

    Weil damit automatisch der Sinn und damit die Berechtigung von Regelausschluss, Normenzwang, Gesetzeswillkür, Konventionsdiktat, Konsensdrang und Standardtyrannis maximal in Frage gestellt werden?

    Weil exakt DAS denjenigen Angst macht, die lieber eine kaschierende Scheinsicherheit illusionieren als sich der nackten Wahrheit von Ungewissheit allenthalben zu stellen?

    Weil die Menschen überwiegend gerne an das ‚Bessere‘ glauben und darauf hoffen können möchten, dass es erzwingbar ist durch Reglementierung – aber bitte ohne jegliches Risiko für einen selbst?

    Weil das ein tragischer Irrtum ist, weil niemals in der Geschichte dieses Planeten etwas ‚Besseres‘ zustande kam ohne Selektionsdruck, also dem Druck konkurrierender Systementwürfe untereinander im Bestreben knappe oder nur beschwerlich zu erreichende Ressourcen für sich zu sichern?

    Und vielleicht weil Selektionsdruck nur möglich ist, wo es Unterschiede gibt, die unterschiedliche Potentiale und Optionen generieren und so erst die notwendige Vielfalt an Möglichkeiten für das Leben selbst, damit dieses existieren kann?

    Weil Regeln, Normen, Gesetze, Standards, Routinen bestrebt sind jeglichen Unterschied zu nivellieren, auszumerzen, zu verunmöglichen und damit den Druck auf die ängstlicheren und/oder schwächeren (vermeintlich oder real – das sei dahingestellt) Individuen vermindern sich behaupten zu müssen?

    Weil die Akzeptanz der Geschichte über die Geschichten bedeuten könnte, dass es Schluss ist mit der daumennuckelnden Geborgenheit unter den Fittichen von zwangsbeglückenden Regularien?

    Man weiß es nicht….

  6. Die ‚Geschichte‘ ist eigentlich das Geschichte(te).
    Und etwas ’schichten‘ bedeutet ja etwas ordnen, trennen, teilen.
    Was geschieht eigentlich bei der Entstehung einer oder der Geschichte und wozu?

    Die ältesten Geschichten entstanden ganz offensichtlich als Versuch, über Raum und Zeit den Überblick zu gewinnen und diese besser zu verstehen, indem man den (astronomischen) Himmel auf-teilte in Sternbilder und sich zum Zwecke der besseren Überlieferbarkeit passende Geschichten dazu ausdachte (man denke an das Prinzip der Mnemotechnik).
    Dass daraus neue Geschichten entstanden, quasi Astronomiekunde-Derivate, in Form von durch Unkundige fehlerhaft überlieferten bzw. fehlgedeuteten Geschichten (etwa Religionen bis Märchen) ist nur eine Erweiterung desselben Prinzips.

    Geist sucht Orientierung, schafft deswegen Muster (diese sind keineswegs bereits vorhanden!) und strickt sich für die eigene Erinnerung geeignete Assoziationen, vulgo ‚Geschichten‘ dazu.
    Wie leicht und umfassend sich der Geist selber foppt ist unschwer an unzähligen Beispielen verifizierbar! -z.B.:
    http://www.psychology48.com/deu/d/einbildung/einbildung.htm
    https://de.wikipedia.org/wiki/Illusorische_Korrelation

    Warum wird aber eine Geschichte zur GESCHICHTE?
    Weil sich Geist von seiner Theorie, seinem selbst geschaffenen Pseudo-Muster der Wirklichkeit doch überzeugen muss, indem er sie kommuniziert und durch die Bestätigung anderer, – indem diese die Geschichte glauben, reproduzieren -, von sich selbst überzeugt sein kann, seine ‚Welt‘ verstanden und damit für sich kontrollierbarer gemacht zu haben, was nicht unerheblich dazu beiträgt, dass seine Ängste reduziert werden.
    Allein dieser Effekt rechtfertigt für den Geist bereits das Erfinden und Vorhandensein von Geschichten.

    Und ‚DIE Geschichte‘ (aka ‚Historie‘) ist nichts anderes als der Versuch die Existenz der Menschheit (und damit seine eigene) von der Nebulosität der eigentlichen Unbegründbarkeit zu befreien (ungefähr so, wie es für ein Individuum höchst unbefriedigend ist, seine wahren Eltern nicht zu kennen, obwohl die Kenntnis darüber nicht wirklich etwas erklärt oder am status quo verändert).
    Es ist nicht die Existenz an sich, die nach ihren Wurzeln fragt, es ist immer nur der menschliche Geist – vermutlich, weil er selbst nur ein emergentes Phänomen ist, das sozusagen in einem ‚permanent schwebenden Verfahren‘ gegen sich selbst befindlich ist.

    • Ohne Geschichten würde jeder in seiner eigenen Welt leben und wäre durch die non-verbale Wirklichkeit mit den anderen verbunden. Geschichten erschaffen das kollektive Bewusstsein. Durch dieses kollektive Bewusstsein entsteht eine neue Art von Solidarität, wie es sie im Tierreich nicht gibt. Nämlich eine künstliche Solidarität: das Phänomen der tödlichen Solidarität. Millionen, nein Milliarden Menschen sind für Geschichten gestorben: für ihre erfundenen Götter, ihre Könige, fürs Vaterland, für die Demokratie, für den Fortschritt, für was auch immer. Durch die Geschichten wird dem Menschen implantiert, dass er als Einzelner nichts ist, das Kollektiv jedoch alles. Alle Heldengeschichten erzählen dasselbe: Groß ist der, der sein Leben für die Sache opfert.

      Ohne kollektive Geschichten gäbe es keinen Krieg. Kein Mensch hat das Verlangen, einen anderen Menschen, den er nicht kennt und der ihm nichts getan hat, umzubringen. Um Menschen davon zu überzeugen, dass sie Andere umbringen müssen, braucht es die Geschichten. Tragisch, dass diese Geschichten eigentlich bloß Hirnfürze sind.

      Geschichten machen aus dem einfachen und notwendigen Fressen und Gefressenwerden um des Lebens willen ein Töten und Getötetwerden um des Todes willen. Durch Geschichten wird aus dem Lebenswillen die Todessehnsucht.

      Geschichten schmieden die Menschen zu immer größeren Einheiten zusammen: vom Stamm zur Stadt, zum Volk, zur Nation, zur Weltgemeinschaft. Was dabei herauskommt, ist eine tödliche Solidarität, denn sie lässt auf diesem Planeten für nichts Anderes mehr Raum als für die zu einem Kollektiv verschmolzenen Menschen. Weder der individuelle Mensch noch Wildtiere kommen gegen die schiere Masse an.

      Die neue Variante dieser alten Geschichte, die die Todessehnsucht befeuert, ist die grünlinke Ideologie samt Veganismus. Der Soldat in diesem Krieg, der zur Rettung der Welt geführt wird, muss nicht mehr sein Leben geben, sondern nur seinen Lebenswillen aufgeben: da er nicht mehr gefressen wird, darf er auch nicht mehr fressen. Der Verzicht auf den Lebenswillen verwandelt den Menschen in eine Maschine, der nicht mehr vom Roboter zu unterscheiden ist. Das ist der Tod, der dann nie aufhört.

      • „Durch Geschichten wird aus dem Lebenswillen die Todessehnsucht.“

        Dass das bereits uralt ist kann man ja an den Totenkulten sehen, die es ja spätestens seit den Altägyptern vor über 5000 Jahren gab.
        Der Tod war wesentlich wichtigeres Thema als das Leben selbst.
        Es gibt jede Menge ‚Totenbücher‘ (Ägypter, Maya, Tibeter…), die sich mit der Zeit nach dem Leben beschäftigen als ‚Lebensbücher‘, die das Leben beschreiben!

        Und das hängt genau mit den Geschichten zusammen, aufgrund derer der Tod gegenüber dem Leben in den Vordergrund geschoben wird und das Leben selbst in seiner Qualität und Quantität gegenüber der vorgeschobenen Bedeutung des Todes nachrangig wird und man sich lieber auf das Später konzentriert als auf das Jetzt (ähnlich wie heutzutage auf die Rente) – daher auch die Rede vom Diesseits (aktuelle Lebens-Zeit) und Jenseits (die Zeit jenseits davon, also danach).

        Menschen, die also ständig über ihre Rente nachdenken, nur darauf zuarbeiten und sich nur Sorgen darüber machen was wohl nach ihrem Arbeitsleben passieren wird/soll sind quasi bereits ‚tot‘, auch wenn sie aktuell noch tätig sind.

        Aber auch das hängt mit den Horrorgeschichten zusammen, mit denen man der arbeitenden Bevölkerung Angst macht, indem man ihnen lebhaft ausmalt (wie früher Totenbücher und Sterbegrotten) was sie (angeblich oder tatsächlich) erwarten wird, wenn sie jetzt nicht spuren.

        Der Bau der Pyramiden etwa dürfte nur deshalb machbar gewesen sein, weil man allen daran Teilnehmenden versichert hat, dass sich ihre Leistung im Diesseits auch Jenseits bezahlt machen wird (siehe etwa ‚Menetekel upharsin‘ – ‚gewogen und für zu leicht befunden‘ gemäß der Anubisprozedur nach dem Tod, wo das Herz des Menschen gegen die Feder der Wahrheit aufgewogen wird und die Menschen weit mehr Ansgt davor hatten, die Prozedur nicht zu bestehen als vor den Problemen in ihrem wahren Leben!).

        Gilt ja auch für das Christentum z.B., wo das ‚Jüngste Gericht‘ kommt, die Toten auferstehen und dann gemäß ihrer Lebenstaten beurteilt werden und dann in die jeweilige Ewigkeit geschickt werden.
        Auch hier eine unzweifelhafte Fixierung auf den Tod, wo das Leben nur zum Mittel degradiert wird und kein Selbstzweck sein darf!

        Ohne diese Todesseligkeit wäre es unmöglich gewesen, dass z.B. Soldaten klaglos in die Schlacht gingen, um zu sterben, denn es ist nicht nur ’süß und ehrenvoll für´s Vaterland zu sterben‘ (Kaiserzeit; von Rom bis Wilhelm)), nein, es ist auch ‚heilige Pflicht‘ (Kreuzzüge etwa) oder gar einzige Eintrittskarte in die Gefilde ewiger Seligkeit (etwa bei etlichen Muslimen oder ehemals bei den Normannen).

        Indem das Leben zur Nichtigkeit im Verhältnis der angeblichen, erphantasierten ‚Zeit danach‘ degradiert wird, wird dem Leiden im Diesseits seine Dramatik genommen und Beschwerden bleiben aus und Veränderungsabsichten eben auch – sehr bequem für die, denen es gut ging/geht.

        Ein Schelm, wer Übles dabei denkt….

      • Ich frage mich, ob wir nicht vielleicht gerade den Zusammenbruch dieser kollektiven Ebene erleben, die aus Geschichten besteht. Zum einen sind die „modernen“ Geschichten gegenüber den älteren deutlich abgeschwächt.

        Es geht zumindest in unserer Kultur nicht mehr drum, den hehren Opfertod (in der Schlacht, für Gott, am Kreuz etc.) zu sterben, stattdessen geht es drum, die eigenen Bedürfnisse zugunsten der Gemeinschaft zurückzustellen, bsp. als Minimalist oder Veganer. Der neue „Held“ stirbt nicht mehr für die Anderen, sondern er leistet irgendeine Art von Verzicht im Bereich Genuss oder Besitz. Und wie Du sagst: anstelle der Abrechnung oder des Heilsversprechens NACH dem Tod tritt die Phase direkt VOR dem Tod: das Rentenalter.
        Es geht also drum, das Jenseits ins Diesseits zu holen.

        Das heißt, den Geschichten gelingt es offensichtlich nicht mehr, die Menschen vollends für sich einzunehmen. Der Mensch opfert immer noch die Qualität seines Lebens, aber nicht mehr die Quantität. Die Zahl der Jahre, die ihm – nach seinem Dafürhalten – zustehen, die will er behalten.

        Kommt hinzu, dass es den Geschichten im Zeitalter des Internet nicht mehr so recht gelingt, eine größere Anzahl von Menschen dauerhaft zu „verzaubern“. Es werden immer mehr verschiedene Geschichten mit einer immer kleiner werdenden Fan-Gemeinde erzählt: Die Gruppe, die die Erde für eine Scheibe hält. Die Gruppe, die an ein höheres Bewusstsein glaubt. Die Anhänger des Spaghetti-Monsters. Die Rationalisten. Die Naturvölker-Verehrer. Die, die an gar nichts glauben. Die Verschwörungstheoretiker. Die Veganer. Die Tier-Mensch-Versöhner. Usw. Zudem wird heute ja alle paar Tage eine neue „Sau“ durchs Dorf getrieben. Das spricht alles dafür, dass die Geschichten ihre Macht über die Menschen verlieren.

        Geschichten, um die Menschen zu manipulieren, sind in unserer Zeit auch gar nicht mehr nötig. An die Stelle fiktiver Geschichten tritt nun eine reale technische Struktur, die aber nicht weniger wirkmächtig ist wie ehedem die Geschichten.
        Die Substitution von Geschichten (Mythen) durch Technik (Internet) ist sozusagen das Auge im Wirbelsturm der Mensch-Maschine-Verschmelzung. Genau hier wird der Mensch dann zum Cyborg. Oder eben zum Übermensch. Zum Homo Deus.

        Der Übermensch, Cyborg oder Homo Deus ist ein Produkt der Mathematik. Da Mathematik die reproduzierbare Abstraktion von Lebensprozessen beschreibt, ist auch der technische Mensch eine reproduzierbare Abstraktion des Lebendigen.
        Das heißt, der Tod verändert seine Erscheinungsform bzw. gewinnt erst in dieser Abstraktion seine wahre Gestalt. Denn was wir bislang unter Tod verstehen, nämlich Zerfall und Auflösung zugunsten eines wesenhaften Wandels, dient ja dem Leben, gehört also zum Leben dazu. Jetzt aber taucht ein Wesen auf, das sozusagen die Abstraktion (und damit den Tod) verkörpert. Denn das Einmalige des Lebens wird in dieser Abstraktion negiert und zu etwas mechanisch Reproduzierbarem.

      • Zusammenbruch der Geschichten:

        Einerseits ganz sicher ja, aber andererseits wird ja die ‚Große Geschichte‘, also die, die verspricht die Zeit nach dem Tod zu erzählen, abgelöst durch die nun neue ‚Große Geschichte‘, die erzählt, dass wir gar nicht sterben brauchen, wenn wir uns mp3-mäßig zu bits und bytes komprimieren und in eine Blechbüchse stopfen lassen, die prinzipiell unkaputtbar ist.

        Mathematik kann zwar Quantitäten beschreiben bzw. alles auf Quantität reduzieren, aber sie kann keine einzige Qualität beschreiben, geschweige denn produzieren.
        Der Geschmack einer Banane bleibt für immer außen vor, wenn es darum geht, diesen zahlenmäßig zu erfassen oder gar zu reproduzieren.
        das hängt schlicht und ergreifend daran, dass Mathematik keinerlei Platz hat für Emergenzen – die sind schlicht nicht vorgesehen in diesem System und dürfen auch gar nicht auftreten, weil sonst die Rechnung nicht mehr aufgeht! 😉

        Die Geschichte der Individualität ist spätestens mit dem Unterfangen der Transferierung von emergenten Wesenheiten wie dem Menschen in die Algorithmisierung auserzählt.
        Die Mathematik macht uns alle gleich – eben zu Quasi-Borgs.
        Und selbst falls ‚individuelle‘ Unterschiedlichkeit einprogrammiert würde, würde das am Ergebnis nichts verbessern oder höchstens so ausfallen wie bei den derzeit rasant beliebter werdenden Sex-Dolls, die man sich menümäßig zusammenstellen kann, aber erstens letztlich alle nur das eine gleich können und die Diversität auch nur aus einer Massenproduktion identischer Teile zusammengestopselt wird, so wie beim Tangram, das zwar auch verschiedene Figuren rudimentär imitieren kann, aber ganz offensichtlich immer nur als das ewig gleiche Tangram durchgeht!? 🙂

        Das was aktuell, aber auch schon länger, passiert ist eine Art Tangramisierung.
        Das ‚individuelle‘ Auto ist exakt immer dasselbe, nur Farben oder Applikationen werden geändert.
        Funktionsweise, Funktionsverhalten, Zweckausrichtung sind absolut identisch.
        Die Individualisierungs-Industrie verkauft also die Illusion von individueller Diversität gekoppelt an maximale Normierung, die nur durch die Augenwischerei der applikativen ‚Vielfalt‘ mühsam verdeckt wird.

        Kein Zufall, dass deswegen auch die Einfältigkeit rasant zunimmt. 😉

        Mit dem Auto begann die Cyborgisierung des Menschen, weil er sich sehr schnell mit dem Auto identifizierte und über das Auto definierte und es ist kein prinzipieller Unterschied zwischen dem Besteigen eines Autos mit seinem Körper oder dem Entern eines Androiden über die Kabelleitung!
        In vielen Filmen wird das ja extrapoliert, indem immer wieder Robotmaschinen Menschen ‚inhalieren‘ und mit ihnen ‚verschmelzen‘ um zur funktionsfähigen Einheit werden zu können.
        Dazu können maximale Gefahren – Monster, Aliens, Asteroiden o.ä. – nur über diese Kopplung entschärft werden, der ’normale‘ Mensch ist hilfloser Krüppel angesichts der schier übermenschlichen Gefahren, die eben übermenschliche Helden verlangen in Form von Cyborgs / Robotermenschen oder vergleichbaren Mensch-Technik-Kopplungen.

        Held einer Geschichte kann heutzutage einer nur werden, indem er sich der Technik ausliefert und nur durch diese erhöht werden kann.
        Heutzutage ist ja schon einer Tagesheld, wenn er als erster ein i-Phone gekauft hat.
        Und wenn es ihm gelang am ersten Verkaufstag sogar ZWEI Exemplare zu erstehen, dann spricht die Netzwelt mindestens ZWEI Tage darüber! 😉

        Geschichten sind also nicht wirklich tot zu kriegen, aber sie haben massivst an inhaltlichem Wert und Wertdauer verloren, sind aber gleichwohl offensichtlich noch so begehrt, dass der Konsum als solcher keineswegs nachlässt.

      • Ja, genau! Man sieht bei alledem jedoch, dass die Geschichten, die erzählt werden, von einer materiell-realen Entwicklung nicht zu trennen sind. Die Göttergeschichten haben den Tempelbau zur Folge sowie eine Priesterschaft, die den Tempel verwaltet. Die Unsterblichkeitsgeschichte und Wir-sind-alle-Eins-Geschichte bringt die virtuelle Existenz und das Internet hervor. Die Versprechen der Geschichten werden auf technischem Weg eingelöst, aber in dieser materiell-technischen Realisierung zeigen die Geschichten, was sie wirklich sind. Tempel sind nicht mehr als aufgehäufte Steine und der Tempel ist leer. Der Wunder vollbringende Gott ist nirgendwo, stattdessen die Priesterschaft. Während der Gläubige sich erhofft, dass Gott ihm alles gibt, nimmt die Priesterschaft ihm alles weg. Die virtuelle Existenz ist nicht mehr als ein verzerrtes Abziehbild: Kopien von Kopien von Kopien. Das Internet stellt in der Tat Verbindungen her, doch dabei macht es aus seinen Benutzern gleichzeitig fenster- und beziehungslose Monaden. Das Auto suggeriert Bewegung und tatsächlich wird die Landschaft an einem vorbeitransportiert, während man real aber doch eingeklemmt auf engen Sitzen hockt. Die Verwirklichung der Geschichten ist auf oft überraschende Weise gleichzeitig korrekt und doch das Gegenteil dessen, was die Geschichte suggeriert und entlarvt so die Geschichte. Das finde ich spannend.

        Es zeichnet sich doch bereits jetzt überdeutlich ab, dass die Vercyborgisierung eben gerade nicht „ewiges Leben“, sondern „ewiger Tod“ bedeutet, weil Algorithmisierung Lebendiges in Totes verwandelt. Du kannst den Frosch aufschneiden und seine Organe analysieren, damit tötest du den Frosch. Unsere menschliche Fähigkeit zu analysieren, entspricht der Fähigkeit des Feuers, alles in Asche zu verwandeln. Eine Beziehung zu analysieren, ist das Ende der Beziehung. Und so weiter.

        Wenn man die Asche nach dem „Analyse-Brand“ dann wieder zusammensetzt, kommt dabei Technik heraus, aber nichts Lebendiges. Aber selbst wenn man das weiß, ist der Prozess nicht im Geringsten aufzuhalten und ausklinken kann man sich auch nicht. Die Horrorvision, die vor meinem inneren Auge entsteht, ist ein technisches Paradies mit Rundumversorgung ohne jegliche Herausforderung, dafür aber mit entsetzlicher Langeweile und das womöglich bis in alle Ewigkeit. Also dagegen wäre die Apokalypse ja direkt noch die gnädigere Lösung.

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