Alles ist käuflich

Sollte es je ein Spiel um die Weltherrschaft gegeben haben, so steht der Sieger fest: es ist der technisch-industriell-kommerzielle Komplex, in seiner Vereinfachung als Kapitalismus bezeichnet. Dieser Komplex verwandelt die Welt in Konsumgüter. Alles ist käuflich. Längst geht es nicht mehr nur um lebensnotwendige Güter wie Nahrungsmittel, Wohnung oder Kleidung. Es geht auch nicht mehr um Luxusgüter oder Statussymbole wie Schmuck, Rennpferde oder Theaterkarten.

Die neuen Produkte sind weniger konkret und werden deshalb oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Gesundheit ist ein solches Produkt. Oder Schmerzfreiheit. Ein aktives Leben. Gedächtnisleistung. Schönheit. Eine längere Lebenserwartung kann man sich ebenso kaufen wie einen friedvollen Lebensabend samt Treppenlift und Rundumbetreuung. Man muss sich nur mal die Werbung im Vorabendprogramm von ARD und ZDF angucken. Da sieht man, was die fitten Alten sich alles kaufen können.

Rat und Hilfe kauft man sich heute ebenso wie Zuwendung. Therapeuten verdienen ihren Lebensunterhalt, indem sie Altruismus vermarkten und eine Vielzahl von käuflichen Produkten erfinden, sei es in Form von Gesprächen, Massagen, Übungen oder was auch immer. Das ist ein gutes Geschäft. Ein Milliardengeschäft.

Nächstenliebe ist ebenso wie Fairness, Glück, Zufriedenheit, Glaube, Ethik zum Konsumgut mutiert. Diese Werte kauft man sich heute zusammen mit anderen Produkten. Da steht dann beispielsweise groß und fett fair trade auf der Verpackung. Man zahlt einen Euro mehr für eine gerechtere Entlohnung der Näherin in Bangladesch oder den Bauern in Guatemala. Auch wenn in Wirklichkeit 99 Cent dieses einen Euros an die Organisationen gehen, die so schlau waren, aus Fairness und Nächstenliebe ein käufliches Produkt zu kaufen.

Produkte sind nicht mehr nur Produkte. Mit ihnen wird ein bestimmtes Image verbunden. So macht der Verkäufer ein doppeltes Geschäft und verdient gleich zweimal. Der Händler verkauft nicht nur Schuhe, sondern damit gleichzeitig auch ein bestimmtes Bild seines Trägers: der taffe Naturbursche oder die elegante Lady, die sich auf internationalem Parkett zu bewegen weiß. Man kauft sich nicht nur ein Müsli, sondern damit gleichzeitig auch Fitness und Aktivität. Man kauft sich nicht nur einen Tofuburger, sondern damit gleichzeitig auch Tierwohl. In der Kombination verschiedener Produkte kauft sich der Konsument so seinen Lifestyle zusammen.

Aber nicht deshalb hat der technisch-industriell-kommerzielle Komplex gesiegt. Sondern weil es ihm gelungen ist, auch den Widerstand, die Kritik und den Protest zu vermarkten. Mit dem Protest gegen den Kapitalismus wird ebenso Geld verdient wie mit dem Kapitalismus selbst. Und das ist das Perfide an der ganzen Geschichte. Denn damit wird das System allumfassend und wasserdicht.

Oder anders formuliert: Der technisch-industriell-kommerzielle Komplex ist zwingend auf seine Kritiker angewiesen, denn es sind gerade die Kritiker, die ihm bislang unerschlossene Bereiche des Lebens zuführen und damit neue Produktreihen und weiteres Wachstum ermöglichen. Die Kritiker sind die Pioniere des kapitalistischen Systems.

Blues, Rock, Heavy Metal, Hiphop: das waren alles mal Protestbewegungen, die sich explizit gegen den Kapitalismus wandten. Heute sind diese Musikrichtungen riesige Marketingmaschinen, die Millionen in die Kassen von Agenturen, Plattenfirmen und Künstlern spielen. Der Kapitalismus belohnt ja sogar Bob Dylan mit einem Nobelpreis. Und der Protestsänger nimmt das Preisgeld an. Wobei ich das an Bob Dylans Stelle natürlich auch getan hätte.

Jeans und Turnschuhe waren ebenfalls mal Ausdruck einer Protesthaltung gegen den Kapitalismus. Heute kann man nicht nur verblichene, sondern sogar zerrissene oder schmutzige Jeans zu überteuerten Preisen kaufen. Es gibt Hemden, bei denen ein oder zwei Knöpfe absichtlich mit andersfarbiger Nähseide oder falsch befestigt sind. Sogar Unzulänglichkeit, Farbenblindheit oder Schlamperei werden also zu Produkten, die der Konsument kaufen kann.

Meditation galt lange Zeit als Königsweg, um dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad aus Produktion und Kommerz zu entkommen oder sich zumindest innerlich davon zu distanzieren. Heute gibt es einen riesigen Markt an Zen- und sonstigen Meditationskursen, vom Mandalamalen, Kranichfalten und Blumenbinden über Tanzen, Bogenschießen und Körperübungen hin zu Mindful Leadership, Mindful-Based Stress Reduction oder Neurolinguistischem Programmieren. Was Körperübungen angeht, gibt es nicht nur Yoga, Tai Chi, Qigong, holotropes Atmen und eine Million anderer Möglichkeiten, sein Geld loszuwerden. Die einzelnen Bereiche zerfallen wiederum in Unterkategorien und damit in eine Unzahl weiterer Produkte. Aus Yoga wird integrales Yoga, Samyana Yoga, Nada Yoga oder Kundalini Yoga. Qigong wendet sich an die Hormone oder an bestimmte Organe.

Stille, Ruhe und Gelassenheit kann man heute ebenso kaufen wie ein Pfund Leberwurst oder eine Rolex. Mit allem Drum und Dran ist Stille nicht gerade billig. Das muss man sich mal vorstellen: Da gibt es Leute, die machen aus dem Nichtstun ein Produkt, um es anderen Leuten für teuer Geld anzudrehen. Das ist so verrückt, dass es fast schon wieder genial ist.

Kritiker der industriellen Landwirtschaft suchten den Ausstieg aus derselben, indem sie die BIO-Marke kreierten. BIO steht für naturverbunden, für ein Wirtschaften im Einklang mit der Natur. Der Verbraucher glaubt, etwas für die Natur zu tun, wenn er BIO kauft. Auch der Glaube ist ein käufliches Produkt.

In kurzer Zeit wurde BIO nämlich zur Massenware, die auch in den Supermärkten angeboten wird. Was viel nachgefragt wird, muss in großen Mengen produziert werden. Um in großen Mengen produzieren zu können, werden die anfänglich strengen Bestimmungen deshalb wieder aufgeweicht. Wer heute BIO-Eier kauft, kauft in der Regel Eier aus einer Massentierhaltung. Statt neun Hennen werden – wow! – bloß sechs pro Quadratmeter gehalten und diese paar Zentimenter mehr Platz pro Legehenne lässt sich der BIO-Bauer vom Konsumenten teuer bezahlen. Ein BIO-Schwein bis 50 kg darf über 0,3 Quadratmeter mehr verfügen als ein konventionelles und wird anders gefüttert, was dem Schwein aber egal sein dürfte. Aufgrund der steigenden Nachfrage gleicht sich die BIO-Landwirtschaft der konventionellen also wieder an. Deshalb müssen ständig neue Marken erfunden werden wie das Tierwohl-Label, die Weidemilch oder sonstige BIO-Siegel. Inzwischen sind es schon so viele, dass man gar nicht mehr durchblickt, worin die Unterschiede denn nun eigentlich bestehen. Die Siegel verlieren ihren Wert und der Konsument den Überblick.

Ein neues Produkt sind auch die Community-Marktplätze wie Airbnb, wo private Vermieter ihr Zuhause vermarkten können, oder Vermittlungsdienste wie Uber, die private Transporte vermitteln. Das ist ein ganz raffiniertes System. Das Unternehmen braucht nämlich weder Gebäude noch Produktionslagen. Es muss nichts investieren. Es übernimmt auch keine rechtliche Verantwortung. Es wird so getan, als würde Geld keine Rolle spielen, weil man Wohnung ja auch mal tauschen kann. Das Unternehmen lässt sich aber nicht nur für den Kontakt zwischen Privatanbieter und Kunde bezahlen, sondern mischt sich zunehmend in die Gestaltung des Geschäfts zwischen Anbieter und Kunde ein. Wer bei dem Spiel mitmacht, übernimmt die Pflichten eines Angestellten, ohne jedoch im selben Maß auch Rechte zugebilligt zu bekommen.

Was hier zum Produkt gemacht wird, an dem sich gut verdienen lässt, ist die Privatsphäre. Zwar haben Pensionen, Hotels und Restaurants schon immer mit familiärer Atmosphäre geworben, aber deshalb hatte trotzdem keiner der Gäste Zutritt zum Wohn- oder Schlafzimmer des Gastwirts oder Hotelbesitzers. Stattdessen gab es an den Türen Schilder mit der Aufschrift PRIVAT, was vom Gast respektiert wurde. Mit Airbnb oder Uber wird der private Raum nun zum Produkt. Der Kunde schläft im Bett des Anbieters. Und wenn ihm die Privatsphäre nicht gefällt, kann er sich bei Airbnb beschweren.

Schon vor langer Zeit ist die Falle zugeschnappt, ohne dass wir es bemerkt haben. Aus dem technisch-industriell-kommerziellen Komplex, der sich sogar die Aussteiger einverleibt und die Revolution geschickt zu vermarkten weiß, gibt es keinen Ausweg mehr. Es ist völlig unerheblich, ob sich ein Mensch mit dieser Situation abfindet oder nicht, denn beide Haltungen werden gleichermaßen zu Geld gemacht und dienen der Profitmaximierung.

Der technisch-industriell-kommerzielle Komplex lässt sich mit einem Dampfer vergleichen, der unaufhaltsam in eine bestimmte Richtung fährt. Manche auf dem Dampfer versammeln sich im Bug und jubeln, andere drängen sich im Heck zusammen und schieben den Jubelnden eine wie auch immer geartete Schuld in die Schuhe. Manche ziehen sich in ihre Kabinen zurück, lesen esoterische Bücher und träumen davon, dem Dampfer und seiner Dynamik in ihrem Astralkörper zu entkommen. Wieder andere begeben sich im Spielcasino in virtuelle Räume. Es gibt auch welche, die auf dem Dampfer Stühle herumtragen in der irrigen Annahme, dadurch die Richtung, die der Dampfer eingeschlagen hat, verändern zu können. Die Stühletransporteure verlangen, dass alle Anderen an Bord mitmachen.  Wieder Andere hocken sich in die Rettungsboote und glauben, dass sie das Schiff verlassen hätten, ohne zu merken, dass die Rettungsboote gar nicht zu Wasser gelassen wurden. Wohin das Schiff fährt, weiß niemand. Manche glauben, den Eisberg zu sichten, auf den der Dampfer zusteuert. Aber vielleicht bringt die Klimaerwärmung den ja gerade noch rechtzeitig zum Abschmelzen. 🙂

11 Kommentare zu “Alles ist käuflich

  1. Du hast weiter oben Folgendes geschrieben, was ich so keinesfalls stehenlassen kann 🙂 :

    “In Zeiten der Auflösung und der Phasenübergänge fängt der Mensch typischerweise an, an Wunder zu glauben. Jetzt bist Du also auch soweit! Das ist übrigens Teil des Prozesses und war auch bei den ersten beiden Phasenübergangen der Fall.

    Die Menschheit hat bereits zwei Phasenübergange hinter sich. Der erste war zwischen 70.000 – 35.000, als der Mensch angefangen hat, mittels Sprache erfundene Geschichten zu erzählen, bildhaft darzustellen, zu zählen und Lehm zu brennen. Der zweite war die Erfindung der Schrift im Rahmen der Agrarisierung. Zu schließen, dass der dritte Phasenübergang mit Industrialisierung und Digitalisierung den Menschen oder die Menschheit nun ausgerechnet in einen Schmetterling verwandelt, muss ein Akt purer Verzweiflung sein. 🙂

    Hast Du etwas gegen schwarze Farbe? Oder Dunkelheit? Wenn ja, dann befindest Du Dich immer noch im alten Muster der Sonnenanbeter und Lichtverherrlicher. Aber dieses Muster ist ja eben gerade dabei, sich aufzulösen. Wohl denen, die sich in der Nacht zurechtfinden.

    Es ist eine seltsame Eigenschaft des Menschen, ständig auf die Zukunft zu hoffen und dabei die Gegenwart zu verbrennen. Diese Eigenschaft scheint durch alle Phasen hindurch das Kontinuum zu bilden.“
    __________________________________________________________

    Das sehe ich EIN wenig ANDERS.
    Wenn sich ein Lebewesen entwickelt, durchläuft es gleichfalls Phasen(übergänge). EIN Menschenkind löst sich von der Mutter, lernt die Sprache, macht Erfahrungen, entwickelt EINE Persönlichkeit. Dieses ist vergleichbar mit Deinem Beispiel. Dann kommt die Pubertät – vergleichbar mit Deinem Beispiel der Industrialisierung und Digitalisierung. Warum soll daraus nicht EIN ANDERES Erwachsensein hervorgehen können, eines, dass nicht weiter geblendet der Industrialisierung und Digitalisierung hinterherläuft, eines, dass nicht in EINER ewigen Pubertät verstrickt bleibt und vom Cyborgsein träumt? Ein Erwachsensein, dass nicht die Erfahrungen mit unseren Technologien verteufelt und sie generall zu meiden versucht, sondern eines, das, sensibilisiert für ANDERE Möglichkeiten, EINEN ANDEREN Weg ermöglichen wird.
    Das ist kein Wunsch meinerseits. Ich kann mit Deinem Szenario leben und sämtlichen Konsequenzen diesbezüglich ins Auge sehen, zumal mir die Gründe für EINE solche Entwicklung nicht unbekannt sein dürften. Andererseits kann ich mir aber auch mein Szenario gut vorstellen. Über den Punkt mir einfach etwas zu wünschen, ohne mich selbst, in welcher Form auch immer, in die Erfüllung des Wunsches einzubringen, bin ich lange hinweg. Bekäme ich die Diagnose Krebs gestellt, würde für mich keine Welt zusammenbrechen, sondern ich wäre einfach dankbar für die Zeit, die ich bisher so leben konnte – und würde dem Krebs entsprechend begegnen. Im Grunde wäre ich nicht überrascht an Krebs zu “erkranken“, das bedeutet aber nicht, dass ich an nichts anderes bzw. ANDERES mehr denken kann. Leben ist für mich ein Spiel mich Möglichkeiten, in dem es einen HARMONISIERENDEN Spielraum von Ermöglichungen gibt – egal was kommen und sich ergeben mag.
    Deine Dystopie von Leben bleibt für mich solange EINE solche, solange ich EINE ANDERE Utopie für möglich erachte.

    • Wenn die Raupe alles kahl frisst, findet der Schmetterling weder Blüten noch Nektar.

      Meine Beobachtung: Im Leitbild findet sich immer das, was sich im materiellen Dasein nicht realisiert. Wenn also künstlich Optimismus verbreitet wird, dann ist die Lage wirklich hoffnungslos 🙂

      Nein, im Ernst: Das Einzelwesen durchläuft einen ähnlichen Prozess wie die Gesamtheit. Kinder hängen tendenziell einer eher animistischen Weltsicht an wie die Naturvölker. Erwachsene lassen sich im Berufsleben und ihren verschiedenen Rollenspielen fragmentieren, industrialisieren und in Humankapital verwandeln. Erwachsensein bedeutet in der Regel Arbeiter- oder Angestelltendasein in einem letztendlich auf Wachstum orientierten, sinnlosen Produktionsprozess und im Dienstleistungsbereich ein Kreisen um sich selbst. Erwachsensein bedeutet, sein Geld in einer Immobilie, einem Aktien- oder Rentenfonds anzulegen, um damit später Druck auf die nachfolgenden Generationen ausüben zu können. Erwachsensein bedeutet, seinen Platz in einem System zu finden, das gegen die Natur gerichtet ist und die natürlichen Prinzipien auf den Kopf stellt.

      Solange der Mensch Hoffnungen aufrechterhalten muss, um existieren zu können, ist er manipulier- und erpressbar und lässt sich in das System eingliedern. Hoffnungen auf eine angeblich bessere Zukunft sind wesentlich für die Wachstums- und Beschleunigungsdynamik und für die Vercyborgisierung. Deshalb bin ich grundsätzlich gegen alles Positive 🙂

      Wenn heute jeder zweite an Krebs erkrankt und jeder vierte (?) daran verstirbt, ist eine mentale Auseinandersetzung mit einer möglichen Krebserkrankung befreiend. An Krebs zu versterben, halte ich für ziemlich wahrscheinlich. Ich habe mir auch schon überlegt, was ich dann tue, umsomehr, als Ärzte schon mal versucht haben, mir einen solchen einzureden. Das war just zu dem Zeitpunkt, als wir unseren großen Umzug planten und ich hatte die Wahl, mich in die Hände der Ärzte zu begeben oder Deutschland den Rücken zu kehren. Wie Du siehst, lebe ich immer noch, und das, obwohl ich nun seit vielen Jahren gar nicht mehr beim Arzt war. Und das letztemal war wegen einer völlig sinnlosen Impfung aufgrund einer Asienreise. Da bin ich den Ärzten auch bloß wieder auf den Leim gegangen und hatte drei Monate lang eine riesige braune und schmerzhafte Beule am Arm. 🙂
      Wobei ich Ärzte nicht explizit meide. Sobald ich es für nötig halte, werde ich schon einen aufsuchen.
      Krebs hat aufgehört, ein Schreckensszenarium für mich zu sein. Die Vercyborgisierung ist allerdings immer noch eins.

  2. Zhang, Xiao-mei schrieb:

    “Das dem Moloch Opfern der Kinder ist im Gegensatz zu früher ja noch schlimmer geworden, denn früher beschränkte sich das auf bestimmte Ereignisse, Zeitpunkte und auserwähle Kinder – heute ist es allgegenwärtiger Alltag für alle Kinder.“

    Die Zeiten ändern sich, bedingt durch unsere technologischen Möglichkeiten, dahingehend, dass Fortschritt die Beschleunigung der Verlangsamung von Konsequenzen ist, die man am eigenen Leib zu spüren bekommt. Fortschritt macht frühere Direktheit immer subtiler verfügbar und verteilt das Verfügbare auf immer mehr Menschen. Allerdings gilt hier nicht, dass geteiltes Leid halbes Leid ist. Vielmehr ist hier verteiltes Leid am Werk, das unterm Strich ein ganzes Leiden bleibt – und immer schneller leidvoller wird, je langsamer den Konsequenzen begegnet wird. Bedeutet Mensch zu sein möglichst viel an Dekohärenz anzusammeln, sozusagen als Puffer für das Leben, damit das Leben aller Lebewesen durch EINE Spezies sich weiter entwickeln kann?

  3. In diesem Zusammenhang finde ich das Bild der Metamorphose bzw. Pubertät sehr passend – und brauchbar dahingehend, aufgrund der bisherigen und absehbaren Entwicklungen nicht nur noch mit schwarzer Farbe auf der weißen Leinwand der Realität herumzumalen. Die menschliche Pubertät ist in der Tat mit der Metamorphose zu vergleichen, zumal Hormoneinflüsse und Verhaltensmuster einander ähneln. Aktuell durchlebt die Menschheit ihre Pubertät und die Frage ist, was kommt nach dieser Metamorphose dabei heraus. Nicht immer sind die jungen Erwachsenen, die aus der Pubertät herauskommen, im Sinne des Lebens unterwegs – und doch finde ich es nicht an den Haaren herbeigezogen, der Spezies Mensch eine Schmetterlingsentwicklung in Aussicht zu stellen. Eine, die sich nicht als Cyborg veräußern wird, sondern als eine Spezies, die in der Tat EINE ANDERE sein wird, ohne unmenschlich zu sein. Mag sich eine Raupe, während sie gefräßig ihre Umgebung vertilgt, vorstellen können, dass sie nach ihrer kompletten Auflösung farbenfroh und beflügelt – und genügsam – werden wird? Wobei der genetische Code der Raupe dem des Schmetterlings entspricht – aber die Expression der einzelnen Gene ist verschieden. Wie ein Text, der gleich bleibt, aber durch verschiedene Betonungen völlig neue Bedeutung bekommt.

    Während z. B. beim Krebs immer mehr auf die Gene geschaut wird, scheint die Forschung völlig erblindet dahingehend zu sein, dass es die Umgebung ist, in der die Gene leben, und es die Umgebung ist, die die Gene entsprechend betont. Alles, was es zur Metamorphose braucht, ist ein entsprechendes Umfeld, um die Gene des Lebens, die der Menschen inklusive, den Lebensbedingungen anzupassen. Oder EIN wenig ANDERS ausgedrückt: Was aus uns Menschen werden wird, steckt bereits in uns drinnen – und es ist kein Cyborg. Die Verkünstlichung unserer Technologien und die beginnende Vercyborisierung führt einzig zur entsprechenden Expression unserer Gene, die wiederum die Proteine ermöglichen, welche der Zyklus der Sonne notwendig macht. Wenn wir auf unsere Technologien blicken, dann gleicht das dem Blick auf die Pyramide von Gizeh. Man meint eine Grabstätte für Pharaonen vor sich zu haben bzw. meint in den Technologien unseren harmonischen Fortschritt zu erblicken, doch in Wirklichkeit geht es bei den Pyramiden nicht um das Grab sowie beim Fortschritt nicht um unsere Technologien. Gemäß dem Satz, dass das beste aller Verstecke die Offensichtlichkeit ist und bleibt, rennen wir pubertär umher und wollen vom Offensichtlichen nichts sehen und hören.

    Ja, zum Staunen gibt es reichlich …

    • „Was aus uns Menschen wird, steckt bereits in uns drinnen“: Genau! Wir sind keine Insektoiden. Deshalb finde ich den Vergleich mit der Schmetterlingsentwicklung an den Haaren herbeigezogen. Was für das einzelne Exemplar gilt, gilt auch für die Spezies als Ganzes. Und wo, bitte schön, hat sich in der Pubertät jemals jemand körperlich so grundlegend verändert, dass er nachher sechs statt vier Gliedmaßen hat? Die Pubertät ist nun mal keine Verpuppung, weder auf individueller noch auf kollektiver Ebene. Die Annahme einer Schmetterlingsentwicklung ist ein Strohhalm für Menschen, die den Dingen immer noch nicht ins Auge schauen und die Menschheit, so wie sie ist, nicht akzeptieren wollen oder können. Das heißt, der einzige Fall von Gliedmaßenvermehrung, den ich kenne, ist ein Affe, der gelernt hat, außer seinen beiden natürlichen Armen einen dritten, künstlichen, zu steuern. 🙂

      Du sagst, nicht immer sind die jungen Erwachsenen, die aus der Pubertät herauskommen, im Sinne des Lebens unterwegs. Ich sage, die Erwachsenen sind insgesamt weitaus weniger im Sinne des Lebens unterwegs als Pubertäre oder gar Kinder. Es ist doch so, dass wir mit fortschreitendem Alter IMMER WENIGER im Sinne des Lebens unterwegs sind. Bis hin zur Todesvermeidung, wo das Leben zum Aufenthalt in einer Art Intensivstation verkommt, das nur noch von Technik und den Anstrengungen der Mitmenschen aufrechterhalten werden kann. Das Leben des durchschnittlichen Einzelnen spiegelt durchaus die Entwicklung der Spezies als Ganzes.

      Ja, Du hast Recht: es ist die Umgebung bzw. das Wechselspiel Umgebung – Gene. Unser Umfeld wird doch immer technischer. Es ist inzwischen so technisch, dass Kinder nicht mal mehr ohne Aufsicht allein draußen im Freien spielen können. Da unser Umfeld immer technischer wird, wird auch der Mensch immer technischer: der Mensch vercyborgisiert. Die Vercyborgisierung steckt in der Symbiose mit dem Feuer. Man muss Mensch und Feuer als untrennbare Einheit sehen. Menschen ohne Feuer gibt es nicht. DAS steckt in uns drinnen. Und es ist völlig egal, ob wir diese Entwicklung fördern oder uns dagegen stemmen. Beide Haltungen dienen der fortschreitenden Vercyborgisierung. Ein Feuer wird entweder von außen gelöscht oder es geht irgendwann an sich selbst zugrunde, wenn es sich erschöpft und alles zur Verfügung stehende Material verbrannt hat. Und das Material ist Kohärenz. Das Wesen des Feuers ist es, Bindungen, also Kohärenz, zu zerstören.

      Wenn wir uns in Insektoide verwandeln, dann auf technischem Weg, und dann ist die Schmetterlingsentwicklung identisch mit der Vercyborgisierung. Tja, was will man machen?

      • Deine Antwort passt sehr gut zum Buch aus dem ich hinsichtlich Metamorphose und Pubertät mal zitiere:

        “Metamorphosis is now viewed as a new phase of post-embryonic development and [ … ] humans exhibit a singularly important example of this type of development at the time of puberty, suggesting to some biologists that puberty in humans is a form of metamorphosis [X]. Much as metamorphosis in insects and amphibians is brought about by signals that begin in the central nervous system, leading to the release of ecdysone and thyroid hormone, puberty in humans is also brought about by pulses of gonadotropin-releasing hormone, which is released by the hypothalamus.“

        Quelle: METAMORPHOSIS von Frank Ryan, Seite 236

        Passend ist Deine Antwort, weil ich mit meinem Vergleich Don Williamson aus besagtem Buch ähnel, der den wissenschaftlichen Mainstream mit seiner Sicht herausfordert und als Underdog daherkommt. Egal, das nur am Rande.

        Metamorphose bzw. Pubertät vollzieht sich von der Raupe zum Schmetterling sehr bildhaft, so, wie eine Art Rohrpost mitsamt Millionen von Lochkarten das Internet anschaulich beschreibt. Dass Mensch kein Insekt ist, ist nicht der Punkt, zumal bei der Umwandlung einer “höheren“ Lebensform die Veränderung eher innerlich abläuft denn äußerlich ersichtlich ist. Entscheidend ist das Verändern von Strukturen, die deutliche Auffälligkeiten mit sich bringen – und das dürfte im Zuge der menschlichen Pubertät wohl zweifelsohne der Fall sein, vor allem, was das Gehirn anbetrifft. Der Zweck der Metamorphose bzw. Pubertät lässt sich meiner Meinung nach auch auf eine Spezies und somit auch auf EINE, nämlich unsere Spezies übertragen und dann kommt ins Spiel, was Du den Grashalm nennst. Die andere Alternative der Betrachrung wäre es, schwarze Farbe auszupacken und die Welt nur noch derart anzupinseln und zu sehen. Ich beschäftige mich lieber mit dem Grashalm, erst recht, wenn er sich im (Gegen)Wind wiegt.

        Wie mag der Mensch die Welt sehen und welche Fähigkeiten mögen sich ergeben, wenn die Menschheit ihre Pubertät bzw. Metamorphose durchlaufen hat? Dass sich unsere Weltsicht immer mehr auflöst und immer mehr vertraute Strukturen sich verflüssigen, ist doch nicht von der Hand zu weisen – und gehört somit zum Prozess der Umwandlung.

      • In Zeiten der Auflösung und der Phasenübergänge fängt der Mensch typischerweise an, an Wunder zu glauben. Jetzt bist Du also auch soweit! Das ist übrigens Teil des Prozesses und war auch bei den ersten beiden Phasenübergangen der Fall.

        Die Menschheit hat bereits zwei Phasenübergange hinter sich. Der erste war zwischen 70.000 – 35.000, als der Mensch angefangen hat, mittels Sprache erfundene Geschichten zu erzählen, bildhaft darzustellen, zu zählen und Lehm zu brennen. Der zweite war die Erfindung der Schrift im Rahmen der Agrarisierung. Zu schließen, dass der dritte Phasenübergang mit Industrialisierung und Digitalisierung den Menschen oder die Menschheit nun ausgerechnet in einen Schmetterling verwandelt, muss ein Akt purer Verzweiflung sein. 🙂

        Hast Du etwas gegen schwarze Farbe? Oder Dunkelheit? Wenn ja, dann befindest Du Dich immer noch im alten Muster der Sonnenanbeter und Lichtverherrlicher. Aber dieses Muster ist ja eben gerade dabei, sich aufzulösen. Wohl denen, die sich in der Nacht zurechtfinden.

        Es ist eine seltsame Eigenschaft des Menschen, ständig auf die Zukunft zu hoffen und dabei die Gegenwart zu verbrennen. Diese Eigenschaft scheint durch alle Phasen hindurch das Kontinuum zu bilden.

  4. Kapitalismus kommt von ‚caput, capitis‘ = Haupt.
    Das allererste Geld bestand aus Metallscheiben mit dem symbolischen Aufdruck für eine bestimmte Anzahl Rinderköpfe.
    Und das allererste Geld war eigentlich nichts anderes als eine symbolische Opfergabe, also anstatt dass man eben 100 Rinder geschlachtet hat als Opfergabe für irgendeinen Gott, gab man eben eine Münze, die den symbolischen Gegenwert von 100 Rindern haben sollte, womit man dann auch gleich noch sinnigerweise die Inflation miterfunden hat.
    Außerdem war es für die Tempelverwaltung wesentlich einfacher Münzen zu horten als 1000e von Rindern.
    Womit auch gleich noch sowohl das Prinzip der Bank als auch des Wechsels und des vererbbaren und damit akkumulierbaren Reichtums erfunden wurde, also die Reichen und damit Mächtigen selbst.

    Und auch klar sein sollte, dass Geld (Mammon) tatsächlich die Vergöttlichung von Besitz und damit der Besitzenden selbst darstellt.
    Wenn z.B. in etlichen antiken texten von ‚Göttern‘ die rede ist, dan sind damit nicht irgendwelche himmlischen Hoheiten gemeint, sondern profane Menschen, die sich nur durch den immensen Unterschied zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen zu gottgleichen Gestalten stilisieren konnten, weil eben Besitz = Geld = Macht über andere und deren Schicksal ist, was sonst davor nur den ‚echten‘ Göttern vorbehalten war!

    Die Entwicklung der Viehzucht und -haltung war also zusammen mit der Agrarisierung und damit der Einführung von Besitz die Grundlage aller nachfolgenden Geldsysteme und damit der zunehmenden Abstraktion von Macht, die sich auch heute ganz besonders in der Anonymität von Finanzpotentaten darstellt, die aber trotzdem überall mächtig hineinwirken und damit steuern können.

    Nicht umsonst sind die überhaupt ältesten schriftlichen Zeugnisse Handels-, Warenregister und Schuldlisten!

    Die Verkapitalisierung der Welt (man erinnere die berühmten ‚pro-Kopf-Einheiten‘ in allen Rechnungen, Statistiken etc.) ist das logische Finale dieser Entwicklung.
    Volkszählungen etwa sind nichts anderes als Viehzählungen (Stimmvieh und Arbeitsvieh) und die steuerliche Erfassung nichts anderes als Melkkataster von menschlichen Rindviechern.

    Da Kapital zu seinem Machtzuwachs Vermehrung benötigt, muss es Zinsen tragen.
    Und nicht nur dafür – das Wesen der Kapitalisierung ist die Herdenvergrößerung:
    Je mehr Köpfe die eigene Herde aufweist, desto reicher und damit mächtiger ist man.
    Da Macht Kontrolle bedeutet und Kontrolle Angstbewältigung, ist sie für die absolute Mehrheit der Menschen immer attraktiv genug, um dieses system am Laufen zu halten.
    Diese Zinsen sind aber durch rein materielle Exponentialisierung nicht mehr zu erwirtschaften (siehe auch aktuelle de facto-Stagnation von wachstumsraten, die nur noch durch höchst akrobatische Buchhaltertricks errechnet werden können), deshalb muss man in das ‚Immaterielle‘ vorstoßen, denn hier ist prinzipiell nach oben jede Menge Luft.

    Die Tatsache, dass Kapitalismus nur so funktioniert und dass er zu keinem Zeitpunkt in den letzten 10.000 Jahren Gefahr lief ‚auszusterben‘, zeigt, dass seit 10.000 jahren auch die Angst mit der wachsenden Kapitalisierung gewachsen ist!
    Also, dass Kapitalismus nichts anderes ist als ein Produkt von enormer menschlicher Angst.
    beginnend damit, dass man ganz zu Anfang den ‚Zorn der Götter‘ durch Opfer zu besänftigen bzw. sich irgendwelche Vorteile von diesen zu erkorrumpieren suchte, weil man eben Angst vor Ungewissheit oder bestimmten Zuständen hatte.
    Der Riesenerfolg von Versicherungsleistungen aller Art heutzutage liefert hier beredtes Zeugnis dazu.

    Kapitalismus ist auch Symbol für die ebenso exponentiell angewachsene Unfähigkeit der Menschen das Leben auszuhalten wie es eben ist und ein kläglicher Versuch das Leben selbst kontrollieren zu versuchen, um es gemäß den eigenen Defiziten erträglicher (miss)zugestalten.

    Tiere brauchen kein Geld – warum wohl?
    Weil sie zu leben vermögen kraft ihrer nackten Existenz.
    Der Mensch dagegen ist nur nackt und verweigert sich der Existenz.
    Denn ‚existieren‘ heißt ‚heraus-, hervortreten‘, sich also zu exponieren, sich dem Leben angreifbar und verwundbar zu exponieren, aber eben auch mit der Fähigkeit versehen seine Existenz zu bestreiten, indem man sich dieser vorbehaltslos widmet.
    DAS haben die Menschen in weiten Teilen verloren und durch den Kapitalismus ersetzen wollen.
    Aber genauso gut kann man versuchen Bits und Bytes als Ersatz für Bienen und Ameisen zu sehen…

    • Dass der Kapitalismus das Produkt enormer menschlicher Angst ist, ist scharfsinnig beobachtet. Deshalb kann er auch nicht abgeschafft werden oder nur um den Preis eines Systems, in dem die Ängste noch deutlicher dominieren.

      Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, unsere ganze Zivilisation ist ein Produkt von Angst, ebenso wie unser menschlicher Geist (unsere Art, die Welt zu sehen und zu denken) ein Produkt von Angst ist. Angst ist etwas, das den Menschen wesentlich prägt, und je zivilisierter, desto ängstlicher. Und Deutschland spielt in Sachen Angst sowieso ganz weit vorne mit.

      Die Angst kommt m.E. aus dem Umgang mit dem Feuer. Ein einzelnes unter den Tieren kann nicht seinen Lebensraum zerstören. Das kann bloß eine ganze Population bspw. durch Kahlfraß. Mit Hilfe des Feuers kann jedoch ein einzelner Mensch den Lebensraum seiner ganzen Gruppe zerstören. Das ist eine der traumatischen Ur-Erfahrungen, die das Menschsein prägt und die wohl zu unserer menschlichen Art von Todesbewusstsein geführt hat. Der Umgang mit dem Feuer bedeutet in der Tat einen Machtzuwachs und der Preis dafür ist die Ur-Angst, die der Mensch mit sich herumschleppt.

      Der Mensch ist die Symbiose mit dem Feuer eingegangen und kann ohne Feuer nicht überleben. Feuer kann ausgehen. Das ist die zweite traumatische Ur-Erfahrung. Die menschliche Sucht, die Welt kontrollieren zu müssen, kommt aus dem Umgang mit dem Feuer, denn Feuer muss ja tatsächlich kontrolliert werden a) dass es nicht um sich greift und b) dass es nicht ausgeht. Das hat der Mensch verinnerlicht. Durch den Umgang mit dem Feuer sind wir keine Tiere mehr und können uns deshalb auch nicht mehr mit Tieren vergleichen. Höchstens, um herauszufinden, was wir durch den Feuerdeal gewonnen, aber auch verloren haben. Ja, und wir haben vielleicht mehr verloren als wir gewonnen haben.

      Du schreibst von der Unfähigkeit des Menschen, das Leben auszuhalten. Das stimmt nur bedingt. Was der Mensch nicht aushält und zunehmend weniger aushält, sind die biologischen Bedingtheiten. Was die technischen Bedingtheiten angeht, hält der Mensch alles aus. Wenn 50 Menschen durch EHEC oder so was sterben, ist das für den modernen Menschen eine absolute Katastrophe, dass 3.000 jährlich durch Autounfälle sterben, nimmt er mit einem Schulterzucken hin. Der Mensch nimmt es auch hin, dass die Technik ihn in ein unlebendiges Raster zwängt. Der Technik zuliebe hat der Mensch das zyklische Dasein im Jahreslauf zugunsten linearer Zeitmessung aufgegeben. Der Mensch will sich von der Biologie weg in ein technisch-unlebendiges Sein hineinentwickeln. Und da befindet sich der Mensch gerade im dritten Phasenübergang.

      Die menschliche Entwicklung ist der Weg der Dekohärenz und der Monotonie. Es ist der Weg des Feuers. Feuer hinterlässt Dekohärenz (Ascheteilchen) und Monotonie (Ascheteilchen sehen alle gleich aus). Der Mensch denkt, dass er das Feuer beherrscht oder beherrschen kann. Pustekuchen! Es ist umgekehrt. Aber aus dieser Schiene kommt der Mensch nicht mehr heraus. Menschsein ohne Feuer ist kein Menschsein, sondern Tiersein. Tiersein ist nicht mehr in uns angelegt.

      Mit der Agrarisierung fing der Mensch an, die Welt in Besitz zu nehmen. Das stimmt. Aber schon lange vorher war er von Angst geprägt. Das zeigt sich daran, dass die Hälfte der Knochen von Frühmenschen Spuren von menschlicher Gewalt und teilweise sogar Kannibalismus aufweisen. Aber mit der Agrarisierung geschah noch was Anderes. Da hat der Mensch nicht nur damit angefangen, Tiere, Pflanzen und Boden in Besitz zu nehmen, sondern auch seine eigenen Kinder. Ist der Umgang mit dem Feuer der Tragödie erster Teil, so die Inbesitznahme der Kinder der zweite Teil. Es ist schwer vorstellbar, dass es im dritten Akt (in dem wir uns gerade befinden) doch noch ein Happy End geben wird.

      • Technik ist ja auch ein Angstbewältigungsprodukt dergestalt, als sie ja die beängstigenden Defizite der Menschen kompensieren helfen soll als vertrauengebärendes Ergebnis von Berechnungen, die wiederum suggerieren, dass man das Leben berechenbarer und damit sicherer machen könnte – was natürlich ein fataler Trugschluss ist.

        Wenn jetzt also die Technik mehr Menschen tötet als die ’natürliche‘ Umwelt oder natürliche Vorgänge, sollte das eigentlich einigen Zweifel an der Kompensationstheorie der Technik erwecken – tut es aber nicht.
        Warum?
        Weil nur in der Technik der Mensch ‚Gott‘ ist, weil nur er diese Technik erdacht, erschaffen hat und nur er ihrer sozusagen ‚Herr‘ wird (und damit vermeintlich auch Herr über die Natur) und kein einziges Tier Vergleichbares vermag.
        Diesen halluzinierten Vorteil mag der Mensch nicht mehr aufgeben, weil der feuchte Traum der Allmacht eben so verdammt verführerisch ist, aber eben soviel reale Substanz aufweist wie einschlägige ‚erotische‘ Hotlines.

        Mit der ‚Unfähigkeit das Leben auszuhalten‘ meinte ich eigentlich das Unerträgliche der Wirklichkeit für so viele, weil diese so schnöde allen Wunschträumen widerspricht und gandenlos Defizite aufdeckt, die vorher mit soviel ‚Liebe‘, Sorgfalt und Aufwand notdürftig kaschiert wurden, um exakt diese auszublenden – so eine Art ‚virtual reality-Effekt‘, wo die Wirklichkeit halt einfach immer wieder mal den Stecker zieht und einen aus dem Wolkenkuckucksheim abstürzen lässt (Computer ’stürzen‘ ja interessanterweise auch immer ab oder ‚hängen sich auf‘ – was da wohl für eine Projektion dahinter stecken mag? … 🙂 )

        Die Inbesitznahme der Kinder und deren Opferung für die eigenvergöttlichte Interessenwahrnehmung und Vorteilsdividende ist wohl der tragischste Wendepunkt in unserer Geschichte!
        Und sie deckt erbarmunglslos die Heuchelei und Widerwärtigkeit verlogener ‚Sozialisierungsfortschritte‘ auf, denn bis heute hat sich daran ja nichts geändert, außer dass man sie (von satanischen o.ä. Riten mal abgesehen) heute nicht mehr auf dem Altar opfert und ihnen das Herz heraus schneidet oder sie drogenbetäubt und gefesselt auf Bergspitzen erfrieren lässt – dafür raubt man ihnen aber ihr Herz auf andere Weise und betäubt und fesselt sie mit den einschlägig bekannten Methoden und Mechanismen.
        Ist also nur ein Unterschied für Schöngeister.

        Das dem Moloch Opfern der Kinder ist im Gegensatz zu früher ja noch schlimmer geworden, denn früher beschränkte sich das auf bestimmte Ereignisse, Zeitpunkte und auserwähle Kinder – heute ist es allgegenwärtiger Alltag für alle Kinder.

        Moloch war ja interessanterweise eigentlich der Gott der Zeit, in der Antike also der Kalendergott, von dem die Fruchtbarkeit der Erde und die Ergiebigkeit der Ernte abhängig waren.
        Heute opfert man sie dem Zeitgeist und der Fruchtbarkeit von Investitionen und der Ergiebigkeit von Renditen….

      • Vom Homo sapiens zum Homo deus : viele Anzeichen deuten drauf hin, dass der Mensch diesen Weg geht, und schließlich war Gott ja noch nie was Anderes als entweder der Besitzende (wie in der Bronzezeit) oder eine übersteigerte Ego-Projektion (wie im Christentum). Durch den Umstand, dass der einzelne Mensch sein Umfeld (bspw. eine ganze Stadt) abfackeln kann, ist das ja auch gar nicht so falsch. Dass der Einzelne aus eigenem Vermögen immer weniger für sich selbst sorgen kann, passt auch. Größenwahn einerseits ist immer mit Ohnmacht andererseits verklammert. Diese beiden Zustände bedingen sich gegenseitig. Die menschliche Befindlichkeit deutet schon auf ein Trauma hin, aber dann muss man zugestehen, dass dieses Trauma dem Waldaffen(mensch) ähnlich wie eine Naturkatastrophe eben zugestoßen ist.

        Wenn der Mensch durch dieses Trauma sowohl von seinen Instinkten wie von seinen Gefühlen abgeschnitten worden ist, dann musste die Methode der Analyse und das Kalkül logischerweise zum Ersatz werden.

        Ich denke auch, dass die Opferung der Kinder der tragischste Moment in der Menschheitsgeschichte war. Wenn nicht mal die eigenen Kinder so viel Mitgefühl auslösen, dass das Trauma überwunden werden kann, gibt es m.E. wahrscheinlich keine Chance, denn die eigenen Kinder lösen ja schon die stärksten Gefühle aus. Wenn das nicht reicht, kann die Verbindung zum Gefühl nicht wieder hergestellt werden. Dann bleibt das Gefühl eine kopfige Angelegenheit mit dem Ergebnis, das Guido die kleingeschriebene Harmonie nennt.

        Die Opferung der Kinder ist ja auch das Thema im Christentum. Da ist definitiv festgelegt, dass der Sohn für das Werk des Vaters zu sterben hat und dass der Vater darüber entscheidet. Bis heute ist es noch nicht im kollektiven Gedächtnis angekommen, dass Gottvater an Jesus unmenschlicher handelt als Abraham an Isaak. Das vorherrschende Geldsystem ist die Methode, um sicherzustellen, dass die jungen Generationen die Sklaven der Alten bleiben. Die Alten haben das Geld und wo sie es nicht haben, nehmen sie es den Jungen über das Renten- und Steuersystem weg. Mit dem Geld setzen die Alten die Jungen unter Druck, denn die Jungen müssen ja Geld verdienen, um zu überleben. Auf diese Weise pressen die Alten den Jungen die notwendige Pflege und Versorgung ab. Da die Jungen durch das Geldsystem dran gehindert werden, ihren eigenen Weg zu gehen, wird sich an dem System auch nichts ändern. Es sei denn, die Jungen rebellieren irgendwann mal, wenn die Last für sie zu groß wird. Aber ich habe meine Zweifel, weil die Konditionierung ja hervorragend funktioniert. Und dieses System betrifft ja tatsächlich alle Kinder, sodass sie keine Vergleichsmöglichkeiten haben.

        Ist die Wirklichkeit unerträglich? Es stimmt schon, dass es heftige Geschichten gibt, wie die Parasiten, die sich in die Augen von Schnecken einnisten und diese zum Platzen bringen, oder die Flamingoküken, die an den Salzklumpen an ihren Füßen zugrunde gehen, oder die verstümmelten Bettelkinder oder Kindersoldaten, aber was ich in dem Geschehen, so grausam es vordergründig erscheinen mag, sehe, ist trotz allem Weisheit. Oder großgeschriebene HARMONIE. Das macht die Wirklichkeit nicht nur erträglich, das löst bei mir Staunen aus.

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