Besitz hat keine Stimme

Im Animismus der Jäger und Sammler sind andere Wesenheiten wie Tiere, Pflanzen, Felsen und Quellen für den Menschen Partner, mit denen er kommuniziert und im Austausch steht. Diese Wesenheiten kennen nicht nur Gefühle, sie haben auch ihre eigene Vernunft und ihr eigenes Verständnis der Welt. Diese Wesenheiten wollen dem Menschen Gutes und manchmal auch Böses. Sie haben einen eigenen Willen. Sie sind beseelt. Und vor allem haben sie eine Stimme, mit der sie sich bemerkbar machen und die der Mensch hören kann. Im Animismus erfährt sich der Mensch als eines von vielen Geschöpfen, von denen jedes seine eigene Persönlichkeit, seine Bedürfnisse und Wünsche hat. Der Animismus ist die einzige Religion, in der Tiere, Pflanzen und Menschen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Es ist die einzige Religion, in der ANDERE als ANDERE akzeptiert sind.

„Die Wildbeuter jagten wild lebende Tiere und sammelten wild wachsende Pflanzen, die dem Homo sapiens ebenbürtig waren. Sie jagten zwar Schafe, doch sie betrachteten die Schafe deshalb noch lange nicht als minderwertige Wesen, genauso wenig wie sie glaubten, dass sie selbst weniger wert waren als die Tiger, nur weil sie von diesen gejagt wurden. Lebewesen kommunizierten direkt miteinander und handelten die Regeln aus, die in ihrem gemeinsamen Lebensraum herrschten.“ (Harari, S. 256)

Im Animismus erlebt sich der Mensch als auf derselben Stufe stehend wie seine Mitgeschöpfe.

Bei der landwirtschaftlichen Revolution, die vor ca. 10.000 Jahren stattfand, handelt es sich nicht nur um eine Revolution in Sachen Nahrungsbeschaffung. Die landwirtschaftliche Revolution war vor allem eine religiös-spirituelle Revolution, die das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen und der Natur grundlegend veränderte. Denn nun erlebt sich der Mensch als auf einer höheren Stufe stehend als seine Mitgeschöpfe.

„Bauern lebten davon, Tiere und Pflanzen zu besitzen und zu manipulieren, weshalb es ihnen schwerfiel, Tiere und Pflanzen als ebenbürtig zu begreifen oder gar mit ihnen zu verhandeln. Im Laufe der landwirtschaftlichen Revolution wurden die einst spirituellen Partner daher zu stummen Besitzgütern.“ (Harari, S. 256)

Darin liegt die eigentliche Tragödie des Menschen begründet. Je mehr er seine Mitgeschöpfe, die Natur und die Welt in Besitz nimmt, desto stiller wird es um ihn herum. Der Mensch kann die Stimmen der ANDEREN nicht mehr hören. Die ANDEREN sind verstummt. Oder besser gesagt: Zum Verstummen gebracht worden. Da der Mensch die Stille um sich herum nicht erträgt, füllt er sie mit dem Lärm der Maschinen und dem eigenen Geplapper.

Die landwirtschaftliche Revolution ist gleichbedeutend damit, dass sich der Mensch über seine Mitgeschöpfe erhebt. Er fängt an, Pflanzen und Tiere in seinem Sinne und zu seinem Nutzen zu verändern. Tiere und Pflanzen haben kein eigenes Lebensrecht mehr, sondern nur noch eines in Bezug auf den Menschen.

 

Viele Menschen sehen die technische Entwicklung heute mit Unbehagen. Sie glauben, dass der Mensch mit der Gentechnik oder der Künstlichen Intelligenz über die von der Natur gesetzten Grenzen hinausgeht und nun anfängt Gott zu spielen. Das ist ein Irrtum. Der Mensch hat sich schon im Laufe der landwirtschaftlichen Revolution zur Gottheit erhoben. Oder anders: Die landwirtschaftliche Revolution ist identisch mit der Selbstvergottung des Menschen. Wer ein Lebewesen in Besitz nimmt, macht sich zum Gott über dieses Lebewesen. Nur durch diese Selbstvergottung kam der Mensch überhaupt erst auf die Idee, Götter zu erfinden. Treten die ersten Götter noch als Mischwesen aus Mensch und Tier auf, verschwinden die Tiere in dem Maße aus dem Götterhimmel, je mehr sie in der Realität vom Menschen in Besitz genommen werden.

Die Selbstvergottung führt nicht nur dazu, dass Tiere und Pflanzen als minderwertig empfunden werden, sie spaltet auch die Menschheit in Höher- und Niederstehende. Erst mit der landwirtschaftlichen Revolution entstanden Gesellschaften mit sozialen Schichtungen, die sich durch scharfe Kontraste im Lebensstil unterschieden. Die Selbstvergottung führt nämlich auch dazu, dass außer Tieren und Pflanzen auch Gruppen anderer Menschen gerne als minderwertig empfunden werden. Sklaven und Gemeine beispielsweise. Auch Sklaven und Gemeine waren Besitztümer und wurden ihrer Stimme beraubt.

Vor einiger Zeit gab es bei mir ein Problem mit dem Telefon. Nachdem ich die Servicenummer von Telekom rausgefunden hatte, kam ich in eine von Musik untermalte Schleife mit automatischen Abfragen. Wenn Sie dieses Problem haben, drücken Sie die 1. Wenn Sie jenes Problem haben, drücken Sie die 2. Und so weiter und so fort. Danach wurde mir versichert, dass mein Problem notiert wäre und in den nächsten Tagen behoben würde. Doch nichts dergleichen geschah. Bei einem zweiten Anruf wurde ich von einer automatischen Stimme darauf verwiesen, dass ich schon einmal angerufen hatte und wurde gar nicht mehr weitergeleitet. Obwohl das Problem irgendwann behoben wurde, blieb bei mir dennoch das dumme Gefühl zurück, auf einmal nicht mehr gehört zu werden.

Ein vergleichbares Erlebnis gab es vor einiger Zeit bei Amazon mit einer Buchbestellung. Bei Amazon gibt es keine persönlichen Ansprechpartner mehr oder wenn, dann sind sie nur sehr schwer zu finden. Auch hier wird man am PC über eine Reihe von Abfragen geführt. Es war nun jedoch so, dass keine der angebotenen Abfragen für mein spezielles Problem passte. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als die Buchbestellung zu stornieren. Und auch hier hatte ich wieder das dumme Gefühl, zum Verstummen gebracht bzw. nicht mehr gehört zu werden.

Plötzlich finde ich mich also auf derselben Stufe wieder wie Sklaven, Gemeine, Tiere und Pflanzen. Irgendwie werden solche wie ich anscheinend gerade aus dem Götterhimmel hinausgeworfen.

Big Data bedeutet nichts anderes, als dass die Benutzer sozialer Medien von den Technologiekonzernen in Besitz genommen werden. Die Techno-Konzerne legen die Bedingungen fest, wie vor 10.000 Jahren die Bauern die Bedingungen festgelegt haben.

Im Grunde sind wir heute in derselben Situation wie damals Tiere und Pflanzen. Vermutlich sind auch Tiere und Pflanzen seinerzeit davon ausgegangen, dass eine ominöse, undurchschaubare Macht es gut mit ihnen meint. Wenn die Tiere damals, um sie in Besitz zu nehmen, mit Häppchen gefüttert wurden, so werden wir heute mit Schnäppchen gefüttert. Wir gehen den Techno-Konzernen auf den Leim, wie uns seinerzeit Tiere und Pflanzen auf den Leim gegangen sind.

Viele Menschen ahnen etwas von dieser neuerlichen Verschiebung. Deshalb entdecken sie plötzlich ihr Herz für die gequälte Kreatur in der Massentierhaltung. Es ist nicht die Liebe zum Tier, die Proteste hervorruft, sondern viel eher die dumpfe Ahnung, dass es uns bald ebenso gehen könnte wie den Schweinen, Rindern und Hühnern, die kein eigenes Lebensrecht haben, sondern nur eines in Bezug auf uns Menschen. Es gibt diese Tiere nur, weil sie vom Menschen verwertet werden.

Nicht Liebe, sondern diffuse Ängste bringen die Menschen dazu, Veganer zu werden und in Ställe einzubrechen, deshalb ist die Tierschutz-Bewegung auch offen oder latent aggressiv.

Wir sind daran gewöhnt, linear und in Kategorien des Fortschritts zu denken. Aber könnte es nicht sein, dass die industrielle Revolution nicht die Fortsetzung der agrarischen ist, sondern die Antwort auf unsere Selbstvergottung vor 10.000 Jahren? Ich habe manchmal den Eindruck, dass in der industriellen Revolution der Mensch nun an die Position rückt, die er in der agrarischen Revolution den Tieren und Pflanzen zugewiesen hat. So, wie der Mensch Tiere und Pflanzen behandelt, wird er nun von einem zunehmend anonymen technisch-bürokratischen Komplex selber behandelt. Ist es, so gesehen, nicht ziemlich mickrig, wenn der Mensch deshalb nun auf einmal die Freundschaft mit Tier und Natur sucht, die er über Jahrtausende hinweg bloß verachtet und schlecht behandelt hat?

 

Literatur:
Harari, Yuval Noah: Eine kurze Geschichte der Menschheit. 2013.

 

7 Kommentare zu “Besitz hat keine Stimme

  1. Nein, das ist nicht „ziemlick mickrig“, sondern richtig und sinnvoll!

    Mit der „Selbstvergottung vor 10.000 Jahren“ habe ich / haben wir genauso wenig oder viel zu tun wie mit den Schandtaten der Vorfahren im Nationalsozialismus und davor. Wir ererben Zustände, die nicht von uns erschaffen wurden und haben die Wahl, wie wir uns dazu positionieren. Ob wir alles so lassen wollen oder lieber einen anderen Trend stützen. Ob wir versuchen, anders zu handeln, oder schulternzuckend unser braves Konsumentenleben leben, so lange es eben geht.

    Deine Beiträge sind immer originell, aber auch regelmäßig richtig depressiv. Nichts findest du gut von alledem, was heute als Protest und Versuch von Alternativen im eigenen Verhalten gegen das Etablierte so gelebt und unternommen wird!° Mich hat keine „diffusse Angst“ dazu bewegt, eine Zeit lang vegan / vegatarisch zu leben und mich auch weiterhin vom besonders tierverachtenden Massenhaltungsbetrieb abzuwenden, wo immer möglich – sondern das Entsetzen über die Art und Weise, wie da mit Tieren umgegangen wird! Die Details haben mich derart beeindruckt, dass ich ein Blog gestartet und ein Buch geschrieben habe – allein schon der Modus des Schlachtens bringt in seiner „Fehlerquote“ derart viel Grausamkeit mit sich, dass einem das Blut in den Adern gefrieren könnte, müsste man das mit ansehen!

    Wie auch immer: was willst du eigentlich mit deinen Beiträgen bewirken? (Ja, auch wenn du gar nichts „bewirken“ willst, haben deine Worte Wirkung!) Dass sich alle jegliche Aktivitäten sparen, die vom System-Standard abweichen, weil „hat ja eh keinen Zweck“? Weil wir ja doch hoffnungslos wegen der „Erbsünde“ von vor 10.000 Jahren dem Untergang geweiht sind?

    Nein danke! Diese Haltung ist letztlich nichts als die Begleitmusik zum wunsch- und willenlosen Mitschwimmen im Gestell, im Mainstream des Geschehens, widerstandslos ausgeliefert den im Dienste der Profitmaximierung vor sich hin funktionierenden Systemen, Maschinen und Algorithmen.

    Warum dann noch schreiben?

    • Angenommen, in einem lichten Moment erkennt ein Sklave, was passiert ist. Er erkennt, dass die Sklavenhalterfamilie ihn aus purem Eigennutz durch genetische Auswahl seiner Väter und Vorväter über die Jahrtausende hinweg so verändert hat, dass von dem, was er ursprünglich mal war, kaum noch was übrig ist und er überdies von der Sklavenhalterfamilie auf Gedeih und Verderb abhängig geworden und damit ihrer Willkür ausgeliefert ist. Der Sklave erkennt, dass die Welt, in der er mal zu Hause war, durch die permanenten Aktivitäten der Sklavenhalterfamilie gar nicht mehr existiert und dass er zudem total verlernt hat, sich in der Welt zurechtzufinden. Der Sklave erkennt, dass er vor allem dazu benutzt wurde, die Welt, die er gekannt und geliebt hat, unwiderruflich zu zerstören.

      Der Sklave sieht zudem, dass die Sklavenhalterfamilie in einem schönen, sicheren Haus wohnt, das mit seinem Blut und seiner Leistung und dem Blut und der Leistung seiner Vorväter gebaut wurde. Er erkennt, dass die Mitglieder dieser Familie darauf auch noch unwahrscheinlich stolz sind und das Intelligenz nennen.

      Glaubst du im Ernst, dass der Sklave mit einem dieser intelligenten Kinder aus dieser Familie Freundschaft schließen will, nur weil es behauptet, für die Aktivitäten der Familie nicht verantwortlich zu sein, während es nach wie vor im selben Haus wie die Familie wohnt und nach wie vor stolz darauf ist, zu dieser Familie zu gehören? Glaubst du nicht, dass dieser Sklave es als Ungeheuerlichkeit empfinden muss, wenn dieses Kind ihn zu allem anderen nun auch noch dazu benutzt, um als gut zu erscheinen? Was für Gefühle würde dieses Kind denn in dir auslösen, wenn du nun der Sklave wärst?

      Von allem Anfang an ging es dem Menschen darum, sich und die Welt zu verbessern. Der Umgang mit dem Feuer wurde ebenso für eine Verbesserung gehalten wie die Agrarisierung und die Technisierung. Wenn mich nicht alles täuscht, bist du ja nach wie vor der Meinung, dass der Mensch die Welt mit seinen Aktivitäten verbessert hat. Was bei all diesen Verbesserungen herauskommt, ist, dass die Welt für alle ANDEREN außer dem Menschen und einer Handvoll Kulturfolger zunehmend unbewohnbar wird. Der Vorgang ist als Artensterben bekannt. Wenn der Mensch nun daraus den Schluss zieht, er muss die Welt weiterhin verbessern, bleibt er auf demselben Weg, den er schon immer gegangen ist.

      Die Lehre des Buddha besteht genau darin, wunschlos zu werden. Laut Buddha wird der Geist ruhig, klar und zufrieden, wenn der Mensch aufhört, die Welt verbessern zu wollen. Das tut der Mensch nämlich nur, weil er angenehme subjektive Empfindungen (Glück, Freude, Liebe) haben will und unangenehme subjektive Empfindungen nicht aushält und ablehnt. Die Ursache des Leids sind nicht die subjektiven Empfindungen von Schmerz, Trauer, Sinnlosigkeit etc., sondern die Ursache des Leids besteht darin, diese subjektiven Empfindungen abzulehnen. Hat dir das dein buddhistischer Lehrer noch nicht vermittelt?

  2. Bezüglich des 6. Massenaussterbens:

    https://wattsupwiththat.com/2017/06/17/paleo-expert-earth-is-not-in-the-midst-of-a-sixth-mass-extinction/

    Da wäre wieder das Geschenk der ANDEREN, in Form von Kohle und Erdöl, welches wir EINEN in ergrünende Biosphäre verwandeln. Bevor das Leben auf diesem Planeten endgültig TSCHÜSS sagen würde, müsste in der Tat etwas weitaus Gravierenderes geschehen. Der Natur ist egal in welchen Formen das Leben Kohärenz bewahrt und somit Lebendigkeit ermöglicht – und wenn es für Jahrmillionen nur in Form von Mikroorganismen und Kleinstlebewesen zugegen wäre, aber es wäre vor Ort. Was der Mensch bewirkt, ist eher kein 6. Massenaussterben als vielmehr die erste Kohärenzvernichtung im globalen Ausmaß. Wir könnten durchaus Technologien entwickeln und vorantreiben – nur müssten sie Kohärenz bewahren und nicht Dekohärenz fördern. Selbst der Einsatz von Kohle und Erdöl wäre überhaupt kein Problem, wenn wir Menschen es im Sinne natürlicher Verwobenheit geschehen lassen, was in sich keinesfalls ein Widerspruch ist. Dazu bedarf es allerdings der Kohärenzbewahrung und -förderung innerhalb der Spezies Mensch – und da läuft es mehr und mehr komplett aus dem Ruder, unter anderem auch, weil unsere Technologien immer mehr großen Lebewesen den Garaus machen, weshalb die Natur ausgleichend zunehmend Kleinstarten und neue Arten von Mikroorganismen hervorbringen muss, die uns gerne als Feindbild dienen, weil wir mit uns selbst immer weniger im Reinen sind.

    • Mit unserem Geist können wir keine anderen Technologien entwickeln, als die, die wir haben. Die Technologien sind die Veräußerlichung und damit Sichtbarwerdung unseres Geistes. Um andere Technologien zu entwickeln, müsste sich unser Geist grundlegend wandeln. Die Frage ist, ob wir mit einem grundlegend gewandelten Geist noch Menschen wären. Unser Geist definiert unser Menschsein. Mit Big Data sucht dieser Geist nun weitere Felder von Verwobenheit, die er zerstören kann. Mit der Digitalisierung hat er das dazu notwendige Instrument erfunden.

      Harari schreibt: „Buddha stimmt mit der modernen Biologie und der New Age Bewegung überein, dass das Glück nicht von äußeren Umständen abhängt. Doch er erkannte, dass wahres Glück auch nichts mit unseren subjektiven Gefühlen zu tun hat. Im Gegenteil. Je mehr Bedeutung wir diesen Gefühlen geben, umso mehr sehnen wir uns nach ihnen und umso mehr leiden wir. Daher empfahl er uns nicht nur, das Streben nach äußeren Errungenschaften aufzugeben, sondern vor allem die Jagd nach Gefühlen.“

      In der Geschichte des Feuers wird diese Jagd nach dem Glück (und dem besseren Leben) sichtbar und nimmt Form an. Die Geschichte des Feuers und der Technologie ist identisch mit der Geschichte der Jagd nach dem Glück. Innen- und Außenwelt gehören zusammen, und das kann man mit der Geschichte des Feuers demonstrieren.

      Massensterben wurden nicht nur Vulkanausbrüche und Asteroiden verursacht, sondern auch durch Sauerstoff-produzierende Blaualgen. Die Radikalität der Massensterben nimmt im Lauf der Erdgeschichte ab. Im Massensterben zwischen Perm und Trias vor 252 Mio. Jahren wurden 90% aller Arten ausgelöscht, vor 201 Mio. Jahren waren es 75% und vor 66 Mio. Jahren 57%. Nach jedem Massensterben hat sich die globale Diversität nicht nur erholt, sondern zu neuen Höhen aufgeschwungen.

      Das Ereignis X, das dem das Massensterben auslösenden Vulkanausbruch oder Asteroideneinschlag entspricht, hat im aktuellen Fall bereits vor einer oder zwei Mio. Jahren stattgefunden. Seit diesem Zeitpunkt befinden wir uns in dem Prozess, der das Netz (die Kohärenz) zerreißt.

      Neu an der jetzigen Situation ist: 38% der Nettopflanzenproduktion sind in menschlicher Nutzung, die CO2-Werte aus der Verbrennung von Gas, Kohle, Öl hat den Säuregrad der Meere auf Werte wie im Erdalterum gebracht, die Erfindung des Kunstdüngers verändert die globalen Stickstoffkreisläufe wie seit 2,5 Milliarden Jahren nicht.

      Um das Leben muss man sich dennoch keine Sorgen machen. Das Leben bringt die ana- wie die katabolischen Kräfte hervor.

      • Du schreibst:

        “Mit unserem Geist können wir keine anderen Technologien entwickeln, als die, die wir haben. Die Technologien sind die Veräußerlichung und damit Sichtbarwerdung unseres Geistes. Um andere Technologien zu entwickeln, müsste sich unser Geist grundlegend wandeln. Die Frage ist, ob wir mit einem grundlegend gewandelten Geist noch Menschen wären. Unser Geist definiert unser Menschsein.“

        Und doch gibt es Menschen, die diesem Fortschritt nicht blind hinterherrennen. Sogar solche, die durch das Rennen bedingt spüren, dass das ewige Rennen weder sie selbst noch das Leben weiterbringt. Und es gibt Menschen, die sich seit jeher nicht an diesem Rennen beteiligen. Somit lässt sich der Geist durchaus für ANDERE Möglichkeiten begeistern, ohne dem Sirenengesang des Fortschritts auf den Leim zu gehen. Der Wandel ist durchaus möglich und wird umso wahrscheinlicher, je unwahrscheinlicher er erscheint.

      • Die Menschen, die dem Fortschritt nicht blind hinterherrennen, haben keinen anderen Geist als die, die dem Fortschritt hinterherrennen. Auch diese Menschen analysieren und bewerten ihre Umwelt und lösen sie in Einzelheiten auf. Du hast wohl ein anderes Weltbild als die meisten, zugegeben, aber auch du analysierst, fragmentierst und argumentierst in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, sogar dann wenn du GEGEN das Ursache-Wirkungs-Raster argumentierst. Das FÜR oder GEGEN macht nicht den Unterschied, denn das Ganze ist ein dialektischer Prozess. These + Antithese = Synthese. Synthese = Fortschritt.

        Es ist für die Dynamik des Fortschritts notwendig, dass manche nicht dem Fortschritt hinterherrennen. Denn sonst gäbe es keine Bücher über Entschleunigung, Minimalismus, Bio-Öko, Achtsamkeit und keine Zen- und Mandala-Mal-Kurse und was weiß ich nicht noch alles. Da würden viele Marktnischen, worin Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen, verloren gehen. In der Dynamik des Fortschritts spielen die Menschen, die ihm nicht hinterrennen, dieselbe Rolle wie die Menschheit in dem Prozess der EINEN und ANDEREN, den du beschreibst. Das, was du als die EINEN und die ANDEREN beschreibst, ist auch ein dialektischer Prozess nach obigem Muster. Auch bei dir läuft es darauf hinaus, dass Wandel = Synthese ist.

        Diejenigen, die dem Fortschritt nicht hinterherrennen sind Pioniere. Sie erschließen dem Fortschritt die Bereiche der Konsumgüterindustrie, die bei den Fortschrittsgläubigen durchs Raster fallen. Der Prozess des Fortschritts ist deshalb ziemlich umfassend. Irgendwo habe ich gelesen, dass in Australien ein „Cherry Guevara Eis“ verkauft wird. Kirsch mit Schoko. Es gibt heute keine echten Naturvölker mehr. Aber es gibt Naturvölker, die dem Touristen das Naturvolksein vorspielen und damit Geld verdienen. Die Yanomamis tragen heute Hemden, wenn auch verblichene.

        Als Nick Mott hier noch mitdiskutiert hat, hat er sinngemäß mal gesagt: Der Fortschritt bzw. die Situation ist die nach der Zündung einer Bombe. Was wir erleben, ist die Explosion und damit die Zerstörung, die nach Zündung der Bombe automatisch abläuft. Es ist dieser Vorgang, den wir in Zeitlupe erleben. Nichts, aber auch gar nichts kann die Zündung rückgängig machen oder den Zerstörungsprozess aufhalten.

        Es lohnt sich, sich mit diesem Gedanken ernsthaft auseinanderzusetzen und sich dann zu fragen, wie man leben will, wenn es denn tatsächlich so sein sollte.
        Würdest du anders leben als du es tust, wenn das von Nick Mott evozierte Bild die Wirklichkeit adäquat beschreiben würde?

  3. Jau, die Selbstvergottung schreitet fort:

    http://www.epochtimes.de/politik/welt/chip-implantate-schweden-erlaubt-sie-als-fahrkarte-mediamarkt-ernennt-chief-cyborg-a2129152.html

    ALLES im Namen der Vereinfachung unserer komplexen Lebensbedingungen, die umso komplexer erst erscheinen, je mehr Vereinfachungen ihr Unwesen treiben. Oder ANDERS ausgedrückt:

    Wissenschaft ist fortschreitende Machenschaft, die, im Unwissen um natürliche Verwobenheit, mehr und mehr Fragmente denn Kohärenz zustande bringt.

    Wie es wirklich läuft und was es mit natürlicher Verwobenheit, Kohärenz und HARMONIE auf sich hat, steht anschaulich und ausführlich anbei zusammengefasst:

    http://www.biocommunication.at/pdf/publications/Artificial%20Natural%20.pdf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s