Ein neues Menschenbild

In den vergangenen Jahrtausenden hat sich der Mensch über sein Verhältnis zu Gott definiert. Im Polytheismus tritt an die Stelle eines einzigen Gottes ein ganzes Pantheon von Göttern. Im Pantheismus, wie er heute in vielen spirituellen Richtungen vertreten wird, gibt es keinen personifizierten Gott, dafür jedoch das Göttliche als geistigen Urgrund, das als Universum, als Evolution, als Natur für uns sichtbar wird. Das Prinzip bleibt jedoch immer dasselbe: Erst in seinem Verhältnis zu Gott oder dem Göttlichen weiß der Mensch, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht.

In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf. Doch ist es wohl gerade umgekehrt: der Mensch schuf Gott zu seinem Bilde. Die jeweiligen Gottesbilder, die sich durch die Zeit hindurch und in den verschiedenen Religionen wandelten, gaben den Menschen Orientierung und sagten ihnen, wer sie sind. In Gott erkannten sie sich selbst. Oder anders: Gott war das Spiegelbild des Menschen. Er war das kollektive Bewusstsein, das sich, tausendfach gebrochen, in den Individuen widerspiegelte.

Der wissenschaftliche Mensch der Neuzeit hat Gott zur bloßen Hypothese erklärt und damit den Spiegel zerbrochen. Wo immer Gott an Bedeutung verliert, weiß der Mensch nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist. Mit Gott hat der Mensch seine bisherige Orientierung verloren. Er muss sich neu bestimmen.

Der Darwinismus bietet eine alternative Erklärung: Der Mensch stammt vom Affen ab. Diese Erklärung ist heute weitgehend akzeptiert und wird in den Schulen gelehrt, trotzdem bleiben viele Fragen offen: Warum hat der Mensch Geist? Warum kann er über etwas nachdenken? Woher kommt das Bewusstsein vom Tod? Was ist Leben? Woher kommt es? Was ist der Sinn von allem? Wonach kann ich mich richten, wenn Ethik und Moral nicht mehr gottgegeben, sondern lediglich gesellschaftliche Übereinkunft sind? Und nicht zuletzt: Warum sind ausgerechnet wir, die Vernunftbegabten, eine Spezies, die dabei ist, diesen Planeten in eine Wüste zu verwandeln? Warum tun wir das? Wenn der Mensch für das sechste große Artensterben verantwortlich ist, was bedeutet dann Vernunft? Wer sind wir eigentlich?

Für die Abstammung des Menschen vom Affen hat die Wissenschaft inzwischen so viele Beweise geliefert, dass man dies erstmal getrost als gegeben hinnehmen kann. 98%  unseres Genmaterials ist mit dem von Schimpansen identisch. In der Archäologie hat man zahlreiche Knochenreste gefunden, die den Übergang vom Affen zum Menschen dokumentieren. Wenn man Schimpansen und Bonobos in ihrem Verhalten beobachtet, kann man die Verwandtschaft auch nicht leugnen. Die Frage, warum der Mensch Geist, Sprache, Kultur und Technik entwickelt hat und in die Lage versetzt worden ist, den ganzen Planeten umzukrempeln, bleibt jedoch unbeantwortet. Warum ist der Schimpanse dabei geblieben, mit Steinen Nüsse zu knacken und mit Zweigen nach Ameisen zu pulen? Warum baut er keine Städte, verehrt keine Götter und fliegt nicht zum Mond? Was unterscheidet den Schimpansen vom Menschen?

Meine Antwort lautet, der Mensch hat Geist entwickelt, weil er angefangen hat, mit dem Feuer zu spielen. Der Umgang mit dem Feuer zwang unseren Vorfahren Verhaltensweisen auf, die nicht im Instinkt verankert waren, sondern diesem gerade diametral entgegenstanden. Diese neuen Verhaltensweisen mussten irgendwo gespeichert werden, damit sie an die Nachkommen weitergegeben werden konnten. Deshalb war es notwendig geworden, ein größeres Gehirnvolumen zu entwickeln und nur deshalb konnte die entsprechende Mutation sich beim Menschen durchsetzen. Die aus dem Umgang mit dem Feuer entwickelten Techniken und Verhaltensweisen werden nicht intrinsisch als Instinkt weitergegeben, sondern extrinsisch über Erziehung, Kultur und Zivilisation. So gut wie unsere ganze Technologie, vom ersten Lagerfeuer bis hin zur Atombombe und zu Quantencomputern, ist eine Folge davon, dass vor ein bis zwei Millionen Jahren schimpansenähnliche Wesen anfingen, mit dem Feuer zu experimentieren. Der Geist, den der Mensch entwickelt hat, ist ein Feuergeist.

Als Menschen sind wir also mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. Und damit sind wir ein verkörperter Widerspruch.

„Aristoteles … glaubte: Alles Lebendige strebt nach Sein. Dieses Streben ist seine Seele. Ein Wesen sehnt sich zu sein, zu dauern, mehr zu sein, als es ist. Es dürstet danach, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten, mehr von diesem kostbaren Stoff aufzusaugen – von einem Stoff, dessen man nur habhaft wird, wenn man atmet. Dieser Durst ist das Leben. Der Lebenswunsch trägt einen Organismus wie die Woge den Schwimmer.“ (Weber, S. 32)

Leben ist nicht nur Fülle, sondern Überfülle. Da alles sein will und danach strebt, mehr zu sein, ist exponenzielles Wachstum die unausweichliche Folge. Da der Planet nicht mitwächst, führt exponenzielles Wachstum der Lebewesen, die ihn besiedeln, schließlich dazu, dass das Leben aufgrund seiner Überfülle an sich selbst erstickt und kollabiert. Um die Überfülle zu bändigen, hat die Natur tief in die Trickkiste gegriffen. Sie hat die Eiszeiten und die Jahreszeiten erfunden, den Stoffwechselkreislauf, der darin besteht, dass Eines das Andere frisst, komplizierte Balzrituale und … und …  – den Waldbrand, das Feuer.

Die Geschichte des Feuers auf unserem Planeten ist so alt wie die Geschichte der Vegetation selbst. Der geologische Nachweis von Waldbränden ist so alt wie der Nachweis von Waldvegetation: ungefähr 350 Millionen Jahre. Das heißt, mit den Wäldern entstanden gleichzeitig auch die Waldbrände. Beides gehört unabdingbar zusammen. Das Feuer war notwendig, damit die Wälder nicht an sich selbst erstickten, damit sie sich von Zeit zu Zeit verjüngen konnten.

Feuer ist der Gegenspieler des Lebendigen. „Sein unmittelbarer Effekt ist zerstörerisch. Es löst die hochkomplexen Strukturen organischer Substanzen auf und reduziert sie zu Asche und Rauch. Dieses Ergebnis ist irreversibel; es ist unmöglich, dass sich die Überreste wieder in ihre ursprünglichen Formen und Farben zurückverwandeln.“ (Goudsblom, S. 11)

Maßlos, zerstörerisch, irreversibel, ziellos, sich selbst erzeugend – das sind die Eigenschaften des Feuers. Es sind auch die Eigenschaften unseres menschlichen Geistes. Deshalb führt unsere Vernunft dazu, dass wir uns wie ein Feuerbrand über den Planeten ausbreiten und dabei sind, die lebendige Natur in unlebendige Technosphäre zu verwandeln. Unter Technosphäre werden sämtliche, von Menschenhand erschaffenen Artefakte verstanden: Häuser, Straßen, Städte ebenso wie Autos, Kraftwerke, Telefonnetze oder Kugelschreiber, Bücher und Computer. Wissenschaftler der Universität von Leicester haben errechnet, dass die gesamte Technosphäre inzwischen 30 Billionen Tonnen wiegt. Das ist hunderttausendmal mehr als das Gewicht aller sieben Milliarden Menschen zusammengenommen, mehr als 50 kg auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche.

Wie alle Lebewesen wollen wir uns ausbreiten, entfalten und vermehren. Wir wollen mehr von dem, was Leben ist, und mehr hinterlassen, als wir am Anfang hatten. Wir tragen den Durst nach Leben in uns. Wir sind dieser Durst nach Leben. Wir breiten uns solange aus, bis wir an Grenzen stoßen. Dank unseres Geistes ist es uns gelungen, die meisten Grenzen zu überwinden, und wo wir sie nicht überwinden können, sie wenigstens zu verschieben, wie bei der Lebenserwartung. Unsere Fressfeinde haben wir weitgehend ausgerottet oder dahin vertrieben, wo sie uns nicht gefährlich werden können. Wir haben gelernt, in stark variierenden Klimaverhältnissen zurechtzukommen und mit Krankheiten fertig zu werden. Was wir noch nicht können, ist, andere Planeten zu besiedeln. Möglicherweise ist uns hier definitiv eine Grenze gesetzt, denn bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass wir die ungeheuren Entfernungen jemals überwinden können.

Als Menschen sind wir mit einem Feuergeist ausgestattete Lebewesen. In uns begegnen sich exponenzielles Wachstumspotenzial und exponenzielles Zerstörungspotenzial. Beide Potenziale sind maß- und grenzenlos. Unser Wachstumspotenzial kann den Planeten verwüsten. Unser Zerstörungspotenzial ebenso. Und irgendwie sind wir da schon gut unterwegs. Was die Verwüstung angeht, liefern sich das Bevölkerungswachstum und das Wachstum der Technosphäre ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Der Phasenübergang vom Jäger und Sammler zum Metallurg, Händler, Krieger und Bauer in der Bronzezeit gab uns die Mittel in die Hand, die ganze Erde in Technosphäre zu verwandeln, eine Entwicklung, die durch die Industrielle Revolution eskaliert ist. Die Digitale Revolution hat zum Inhalt, nach der Erde nun auch den Menschen selbst in Technosphäre zu verwandeln. Das ist der Weg, den wir gehen. Im gleichen Maße, wie wir die Umwelt in eine technisch-künstliche verwandeln, verwandeln wir selbst uns in Cyborgs.

Ob wir uns durch exponenzielles Wachstum oder durch exponenzielle Zerstörung vernichten, ist eigentlich egal.

Bleibt in dieser anscheinend ausweglosen Situation ein Ausweg? Besteht die Aufgabe als Mensch vielleicht darin, das Wachstums- und das Zerstörungspotential gegeneinander auszugleichen, sodass sie sich wechselseitig selbst begrenzen? Können wir als Menschheit zumindest noch paar hunderttausend Jährchen überleben, wenn wir lernen, uns selbst ein Maß zu setzen, uns selbst zu begrenzen?

Seit jeher tragen Menschen auch einen asketischen Hang zur Selbstbegrenzung in sich. Gnóthi seautón, erkenne dich selbst, und medén ágan, nichts im Übermaß: so lauten zwei Inschriften im Apollotempel von Delphi. Vielleicht haben diese uralten Worte ja immer noch Gültigkeit.

In vergangenen Tagen wurden Selbsterkenntnis und Maßhalten über die Religionen vermittelt. Mit dem Zusammenbruch der Gottesbilder und der Durchsetzung des wissenschaftlichen Weltbildes sagen die Religionen den meisten Menschen nicht mehr viel. Aber wenn man auf dem wissenschaftlichen Weg zum selben Ergebnis kommt, handelt es sich bei Selbsterkenntnis und Maßhalten womöglich um etwas, das über den Zeitgeist hinausgeht, nämlich um fundamentale Weisheiten, die dem Leben an sich dienen.

Literatur:
Goudsblom, Johan: Die Entdeckung des Feuers. 2000
Weber, Andreas: Alles fühlt. 2008

10 Kommentare zu “Ein neues Menschenbild

  1. Mal angenommen, es ist ALLES eine Frage des Umgangs mit Energie. Mal angenommen, es gab vor unvordenklicher Zeit ein Ereignis, das den Mensch notwendig werden ließ, damit ein Einfluss von Energie entsprechend vom Leben umgesetzt werden konnte, ganz im Sinne der anbei verlinkten Zusammenhänge:

    https://ichliebemeinentumor.wordpress.com/2017/04/13/krebs-metastasen-und-energie/

    Mal angenommen, es entstand in der Biosphäre durch besagten Energieeinfluss EIN Tumor, der das Potenzial der Menschwerdung in sich barg und seitdem als Metastasen sein “Unwesen“ treibt, um dem primären Einfluss der Energie begegnen zu können. Während die Menschheit seitdem metastasiert und sich der technologische Fortschritt entwickelt, damit all der Überfluss an Energie irgendwie gebändigt werden kann, “arbeitet“ die Evolution einen Lösungsweg aus, der über die Ausheilung der Metastasen und der Technologien zur “Beseitigung“ des primären Tumors führt. Dann lautet die Frage: Wo steckt er, der Primärtumor und kann die “Beseitigung“ nicht auch als Verwebung, als Einbindung des Tumors in das Kohärenzvermögens des Lebens gelingen?

    Wenn ich mir die Geschichten und Mythen alter Kulturen und vor allem deren ähnliche (!) Symbolik anschaue, dann ist ein enormes energetisches Ereignis in der Geschichte des Bewusstseins des Lebens nicht abwegig, sondern zwingend vonnöten, um die Gegenwart zu verstehen. Bildhaft gesprochen schuf jenes Ereignis eine Brücke zwischen, von da an, zwei völligen Gegensätzen – wie beim Gehirn, wo linke und rechte Hemisphäre durch die Brücke verbunden sind. Wie unsere Erde, wo der Äquator die Brücke zwischen Nord- und Südhalbkugel ist. Wie bei all den ANDEREN Lebenwesen und uns EINEN, die wir ALLE durch EINE Brücke Verbunden sind …

    • Hin und wieder überlege ich mir, ob die Dynamik des Seins nicht generell eine Form hat, wie wir versuchen, in unseren Diskussionen herauszuarbeiten. Denkbar wäre beispielsweise ein zu großes Gleichgewicht, das in absehbarer Zeit in einem statischen Zustand enden würde. In einer solchen Situation wirft die Evolution einen Störfaktor ins Rennen, um wieder Bewegung ins Spiel zu bringen. Statische Zustände sind ja nicht mehr kreativ. Wenn man Kohärenz dynamisch sieht und postuliert, es geht um eine permanente Schöpfung von Kohärenz, sind solche Störfaktoren notwendig, um das absolute Gleichgewicht zu verhindern. Das enorme energetische Ereignis geht der Menschwerdung dann nicht voraus, sondern vollzieht sich erst als Menschwerdung. Das passt doch besser, da wir als Menschheit ja immer mehr Fremdenergie verbrauchen. Selbst unsere Versuche, Fremdenergie zu sparen, laufen bei näherer Betrachtung doch auch wieder ins Leere bzw. aufs Gegenteil hinaus. Wobei Deutschland jetzt immerhin an einem Punkt zu sein scheint, wo sich wenigstens die Neuverschuldung in Sachen Fremdenergie stabilisiert.

      Auch im Menschen selber, in jedem Einzelnen von uns, könnte es durchaus zum die Herstellung von Kohärenz gehen: wie verwebt man zwei gegenläufige Tendenzen, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen (wie Feuer und Bios)? Welche Antwort gibt der Einzelne auf diese Herausforderung.

      In diesem Fall kann nicht Beseitigung i.S.v. Vernichtung gemeint sein. Sondern in der Tat Verwebung.

      Für uns EINEN gilt jedoch dasselbe wie für die ANDEREN: Nicht nur die ANDEREN sind aufgefordert, uns EINEN ins Gesamte einzuweben, sondern wir EINEN sind gleichermaßen aufgefordert, eine Lösung für unseren inneren Konflikt zu finden und die ANDEREN (die Natur) wieder einzuweben. Die Dynamik läuft aber immer noch in die entgegengesetzte Richtung: wir Menschen sind immer noch dabei, uns weiter aus der Natur herauszunehmen. Ich habe gestern eine Diskussion bei Bauer Willi gelesen, wo es um Robotik in der Landwirtschaft geht. Zweifelsohne ist das der nächste Schritt, den wir als Menschheit tun. Die Landwirtschaft noch gar vollends zu automatisieren.

      Die Möglichkeit, dass ein solcher Kohärenz-Schöpfungsprozess auch mal scheitert, ist eben auch gegeben, was aber von diesem Standpunkt aus auch okay ist. Die Brücke kann einstürzen oder gar nicht erst entstehen. Nicht jedes Spiel muss gewonnen werden. Auch aus dem Scheitern entsteht wieder was Neues.

      • Wie du dir denken kannst, halte ich es für absurd, „Geist oder Bewusstsein als Urgrund fürs Sein“ anzunehmen. Das kann man nur mit einem magischen oder extrem idealistischen Weltbild. Ich verstehe also immer noch nicht, wieso die Genese dieses Phänomens irgendwie eine Kränkung sein soll, egal wie komplex oder wenig komplex das Phänomen sein soll (erstaunlich ist es in der Natur allemal). Weiterhin bliebe es unplausibel, die Genese eines solchen Phänomens auf einen einzigen Faktor wie Feuer zurückzuführen.

      • Weil Feuergebrauch und Totenbestattung die einzigen Merkmale sind, die den Menschen grundsätzlich von anderen Lebewesen unterscheiden. Alle anderen Merkmale wie soziale Bindung, Werkzeuggebrauch, Sprache etc. sind bei Tieren zumindest in rudimentärer Form ebenfalls angelegt. Die Entwicklung der Totenbestattung ist jedoch nur plausibel, wenn ein Jenseits bzw. ein Weiterleben nach dem Tod angenommen wird. Dafür brauchte es eine Vorstellung vom Jenseits oder Weiterleben nach dem Tod. Diese konnte nur durch die Trennung von Geist/Seele und Körper zustande kommen. Den Zerfall einer einheitlichen Welterfahrung in eine Geister- und eine Körpersphäre leite ich wiederum aus dem Umgang mit dem Feuer her, weil Flammen lebendig scheinen und es doch nicht sind, also etwas Geisterhaftes haben. Deshalb ist die Totenbestattung wie auch der Animismus m.E. eine Folge aus dem Umgang mit dem Feuer. Wie sonst sollte man auf die Idee kommen, eine Geisterwelt zu postulieren? Das Feuer scheint mir da die plausibelste Erklärung.

        Ich habe mich gefragt, warum Du für unsere technisch-geistige Entwicklung eine monokausale Erklärung so vehement ablehnst. Und da ich schon mal einen Artikel über die Kränkungen geschrieben hatte, kam mir dieser Gedanke in den Sinn.

      • Du schreibst:

        “Das enorme energetische Ereignis geht der Menschwerdung dann nicht voraus, sondern vollzieht sich erst als Menschwerdung. “

        Passen täte es. Somit dreht sich weiterhin ALLES um die Fragen: Wofür ist Leben, nicht, was ist Leben und ist der Mensch Krankheit, Symptom oder Heilung – oder ist Leben einfach und ist Mensch nichts von alledem?

      • Da wir nicht außerhalb des Ganzen stehen, sind das Fragen, die nur spekulativ beantwortet werden können. Oder anders: auf diese letzten Fragen gibt es keine allgemein verbindlichen Antworten. Die Antworten, die einer gibt (wenn er welche gibt), sind nicht viel mehr als ein Spiegel von ihm selbst. Womit es also um Selbsterkenntnis geht. Wozu diese Selbsterkenntnis im Großen Ganzen dient, weiß ich nicht. Mir selber dient das, was ich herausfinde oder herauszufinden glaube, als Orientierung, um mich und meinen Standpunkt zu bestimmen und pi mal Daumen mein Handeln daran auszurichten. Im Grunde bin ich mir schon bewusst (und will dieses Bewusstsein auch wach halten), dass ich mich in einem Labyrinth befinde, von dem ich weder Eingang noch Ausgang kenne noch weiß, wie ich da hineingekommen bin. Für mich geht es drum, wie man sich innerhalb eines solchen in weiten Teilen unbekannten Terrains bewegt. Eine Methode ist zu beobachten, was direkt um einen herum vorgeht, wie das organisiert ist. Die Frage, was ist der Mensch aus sich selber heraus, ist eher zu beantworten, als die Frage, welchen Zweck das Universum hat, wobei ich mir bei letzterem schon spekulative Antworten erlaube.

        Und da komme ich nun zu dem Schluss, dass wir als Menschen Lebendes und Natur zielgerichtet immer mehr in Totes und Technosphäre verwandeln. Das erfüllt mich mit Trauer und ich möchte wissen, warum wir das tun. Vielleicht ist das, was ich zusammenphilosophiere, einfach Trauerarbeit.

  2. Wie immer ein interessanter Artikel!

    Um redlich zu sein, muss man schon sagen, dass deine Feuerthese reine Spekulation ist und besonders in ihrer Einengung auf nur eine Ursache für die Entwicklung von Geist nicht besonders plausibel (und vor allem auch unnötig für all deine guten Fragen, warum wir so sind und das oder das tun etc.).

    Die Menschen (homo sapiens) sind ja nicht die ersten, die Feuer aktiv genutzt haben, bereits homo erectus und Neandertaler haben Feuer genutzt und waren weitaus weniger erfolgreich, was z.B. die Entwicklung von Quantencomputern angeht. Es muss also mehrere Ursachen geben, die zu so einem erstaunlichen genetischen „Erfolg“ geführt haben. Geist und Bewusstsein sind ja auch keine „Quantensprünge“ in neue Qualitäten, sondern graduelle Entwicklungen, wie man an Tieren oder auch Kleinkindern sehr schön belegen kann.

    Ich finde es schon plausibel zu sagen, dass Feuer eine herausragende Rolle bei der Menschwerdung spielte und dass es davor, parallel und danach noch viele weitere Aspekte gibt, die dazu beitragen.

    • Nö, reine Spekulation ist meine Feuerthese nicht. Ich habe viele Hinweise und Fakten zusammengetragen, die meine These belegen. Es ist ein phänomenologischer Ansatz, aber Erkenntnisgewinn durch Betrachtung von Phänomenen ist in der Philosophie durchaus ein redliches Verfahren, das auf Edmund Husserl zurückgeht. Wie soll man sich diesen Fragen denn sonst nähern? Ich mache hier nur kein wissenschaftliches Projekt, weil ich Detailforschungen, wo wann welcher Knochen an welcher Feuerstelle und wo wann welche Totenbestattung, nicht so interessant finde. Ich beschäftige mich lieber mit den großen Strömungen und bin dafür etwas unwissenschaftlich. Ein Freidenker eben.

      Der Homo erectus hat in der Tat schon Feuer benutzt, es gibt – allerdings nicht von allen anerkannte – Hinweise, dass sogar schon die Australopithecinen mit dem Feuer herumspielten. Ich tippe darauf, dass sie es wirklich taten und unsere Vorfahren sich bereits vor einer oder zwei Millionen Jahren mit dem Feuer befassten. Eine eine Million Jahre alte Feuerstelle in Südafrika ist dokumentiert und weitgehend anerkannt.

      In den Kaltzeiten innerhalb der Eiszeit (Känozoikum) haben vermutlich die überlebt, die das Feuer am besten handhabten, und daraus hat sich dann vor ca. 200.000 Jahren der Homo sapiens entwickelt. Das passt wunderbar.

      Kränkt es Dich etwa, dass unser hochheilig gehaltener Geist vermutlich bloß die lapidare Folge der Feuergeschichte ist? Und eben weder erstaunlich noch genial? Das ist doch nur eine weitere Kränkung, von denen wir in den letzten paar hundert Jahren schon einige schlucken mussten. Was soll’s?

      Einem Quantensprung geht natürlich eine Entwicklung voraus. Nichts geschieht ex nihilo. Das wollen uns doch bloß die Religionsvertreter einreden.
      Im Übrigen führe ich auch unser religiöses Bewusstsein auf den Umgang mit dem Feuer zurück. Das kannst Du auf dem Blog nachlesen. Die dem Umgang mit dem Feuer vorausgehende Entwicklung hat mit einem Klimawandel zu tun, welcher unser Vorfahren von den Bäumen herunterzwang. Damit verbunden waren körperliche Veränderungen wie aufrechter Gang durch Verschiebung der Körperachse.

      Ich glaube schon, dass der Mensch viel einfacher gestrickt ist, als er es gerne hätte.

      • Das musst du erklären, warum es eine Kränkung sein sollte, wenn der Geist „Folge der Feuergeschichte“ wäre. Der Geist ist doch nicht weiger „erstaunlich noch genial“, weil er eine bestimmte Genese hat (dehalb nennt man das, was du machst einen „genetischen Fehlschluss“). Am Ende ist es egal, wie er entstand, wenn du das heutige Phänomen betrachten möchtest. Also: Mich kränkt daran nichts, es ist nur generell unplausibel sehr komplexe Phänomene auf eine einzige Ursache zurückzuführen.

      • Die komplexen Phänomene erscheinen doch nur komplex, weil sie vereinfacht (also abstrakt beschrieben) werden. Die Komplexität ist nicht wirklich komplex. Sondern eine Epizyklentheorie, die ja auch ungeheuer komplex erschien, weil die Leute damals von einer falschen Vorstellung ausgegangen sind, nämlich der, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums steht.

        So ist es hier auch in diesem Fall. Die Komplexität kommt daher, weil die Leute Geist oder Bewusstsein für etwas anderes halten, als es ist. Im Grunde läuft es darauf hinaus, dass sehr viele Menschen eben glauben, dass Materie eine Erscheinungsform des Bewusstseins sind. Jetzt gerade wird eine physikalische Theorie diskutiert, wo Qubits (Quanten-Bits) eine Art Speicher-Chips für ein holografisches Universum sein sollen. Wenn man Geist oder Bewusstsein als Urgrund fürs Sein annimmt, erscheinen die Phänomene komplex.

        Wenn man hingegen annimmt, dass die Sprache des Instinkts die Gefühle sind und das, was Geist ist, davon differenziert, wird es tatsächlich plötzlich ziemlich einfach. Dann kann man auch nachzeichnen, dass unser Geist sich parallel und in Auseinandersetzung mit unserer Technik entwickelt hat. Dieser Geist drückt sich als Technosphäre aus. In unserer technisch-künstlichen Welt begegnen wir also uns selber bzw. diesem geistigen Anteil in uns. Diese technisch-künstliche Welt sind die Möglichkeiten, die sich aus unserem Umgang mit dem Feuer heraus realisiert haben.

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