Krank ist Kult

Der Parkplatz vor dem Krankenhaus ist überfüllt. Die halb auf dem Bürgersteig abgestellten Wagen ziehen sich noch ein gutes Stück die Straße entlang. Vor dem Eingang fahren in schöner Regelmäßigkeit Ambulanzen vor, aus denen Menschen in Rollstühlen oder sonst irgendwelchen Gestellen gehoben werden. Es ist ein reges Kommen und Gehen. Das Krankenhaus ist zweifellos ein sehr stark frequentierter Ort. Es ist absolut in.

Im Foyer herrscht eine geschäftige und doch irgendwie weihevolle Atmosphäre. Patienten, Pflegepersonal und selbst Besucher verbreiten ein Flair um sich, als würden sie an etwas Großartigem wie einem Stapellauf teilhaben. Oder den Vorbereitungen zur Mondlandung. Die Menschen sind offener als anderswo, sie reden miteinander und gehen mehr aufeinander ein. Ich spüre eine unterschwellige Erregung, die durchaus nicht deprimiert, sondern eher freudig auf mich wirkt. Eine Art Stolz, als würde jeder der Teilnehmer an etwas Erhabenem mitwirken. Alles, was geschieht, scheint irgendwie bedeutsam.

Es herrscht annähernd dieselbe Feierlichkeit wie früher beim Gottesdienst. Klammheimlich hat eine Verschiebung stattgefunden. Was unseren Vorfahren das Gottes-, ist für den modernen Menschen das Krankenhaus. Während ich das Treiben beobachte, wird mir wieder bewusst, dass Religion und Technik zusammengehören. Religion war noch nie etwas Anderes als die Verehrung von Technik. Deshalb ist es logisch, dass an einem Ort wie dem Krankenhaus, wo überall nur Apparate piepsen, eine religiöse Atmosphäre herrscht.

Im Krankenhaus ist man dem technischen Gott, dem wir uns alle längst bedingungslos unterworfen haben, am nächsten. Der Patient liefert sich dem Moloch aus. Erfüllt von einem Gefühl religiöser Hingabe wird der Patient zum Pionier auf dem Weg zum Cyborg. Laut Fremdwörterbuch ist ein Pionier ein Soldat der technischen Truppe. Der Patient als Soldat und Wegbereiter in eine technisch-künstliche Welt. Na also, passt doch!

Früher einmal waren Pioniere taffe Menschen, die mutiger, ausdauernder, kräftiger, intelligenter und vor allem gesünder als der Durchschnitt waren. Typen wie der Marlboro Mann beispielsweise. Heute sind die Pioniere solche, die husten, schniefen, Beutel für Körperflüssigkeiten mit sich herumtragen oder im Rollstuhl geschoben werden. Ich frage mich, wohin all diese modernen Pioniere unsere Gesellschaft führen? Der Cyborg der Zukunft ist kein Arnold Schwarzenegger. Sondern der Dauerbewohner einer Intensivstation, die er nicht mehr verlassen kann, weil ihn das umbringen würde.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine findet im Krankenhaus statt. Nicht nur, dass der menschliche Körper in der Medizin auf technisch-funktionale Abläufe reduziert und wie eine reparaturbedürftige Maschine behandelt wird, im Operationssaal hat die Technik ja auch tatsächlich Zugriff, kann in den Menschen eindringen und ihn konkret verwandeln. Beispielsweise in einen Prothesenträger. Die meisten direkten technischen Veränderungen am Menschen geschehen ja unter der Maßgabe, körperliche Defizite auszugleichen, um den Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Im Krankenhaus verschmelzen Religion und Technik zu einem Gesundheitswesen, das seltsamerweise immer mehr kranke Menschen hervorbringt. Und zwar in einer Größenordnung, die für mich etwas Schauriges hat.

1960 gab es in Deutschland knapp 94.000 Ärzte. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung betreute ein Arzt also 780 Bürger.

2015 gehörten dem praktizierenden Ärztestand 371.300 Ärzte an, das heißt, das jeder Arzt im Schnitt nur noch 221 Bürger betreut. Wohlgemerkt: Ich rede hier von normalen Bürgern, nicht von Patienten.

Ein Dorf mit 1.000 Einwohnern muss heute vier Ärzte finanzieren. Trotzdem hat ein Arzt im Durchschnitt nicht mehr als acht Minuten pro Patient übrig. Ein Facharzt behandelt täglich 41, ein Hausarzt 53 Patienten. Wo kommen all diese kranken Menschen her? Wenn ein Arzt 221 Bürger betreut, wäre er, selbst, wenn jeder Bürger krank sein sollte, bei diesem 8-Minuten-Takt doch locker in einer Woche mit allen durch. Für den Rest des Jahres, also satte 51 Wochen, könnte sich der Arzt auf die faule Haut legen. Stattdessen klagt jeder Arzt über Überarbeitung und Dauerstress und nicht wenige schieben im Krankenhaus Dienste von 36 Stunden.

Zwischen 1973 und 2013 hat sich die Zahl der Krebsfälle verdoppelt. Nicht mehr lange, und die Zahl der Neuerkrankungen bewegt sich in derselben Größenordnung wie die Zahl der Geburten. 2013 gab es 482.500 neue Krebsfälle und knapp 700.000 Geburten. Ja, das ist ein makabrer Vergleich. Wieso nehmen die Ärzte diese Zahlen einfach so hin? Wieso gibt das keinen Aufschrei in der Bevölkerung?

Im Jahr 2011 gab es in Deutschland 15 Millionen Operationen. Dazu werden wohl auch endoskopische Untersuchungen gehören, anders kann ich mir diese horrende Zahl schon gleich gar nicht erklären. Alle sechs Jahre sind also alle Bewohner Deutschlands einmal durchoperiert und jeder einzelne Bürger macht im Laufe seines Lebens vierzehn Operationen mit. Das ist verrückt!

Im Jahr 2005 gab es noch drei Millionen Operationen weniger. Sind innerhalb von nur sechs Jahren die Leute so viel kränker geworden?

Es wird gerne erzählt, dass die steigende Lebenserwartung der Grund für diese doch ziemlich gruselige Entwicklung ist. Aber das stimmt nicht. Von den 15 Millionen Operationen entfielen rund 1.750.000 auf die Altersgruppe zwischen 70 und 80, um danach rapide abzunehmen, sei es, weil die Leute verstorben sind oder ganz alte Leute doch eher in Ruhe gelassen werden. Dann bleiben immer noch 13 Millionen Operationen übrig, die sich auf die Bevölkerung unter 70 verteilen.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, hier findet etwas statt, was rational nicht mehr zu erklären ist. Was mich am meisten wundert, ist, dass sich niemand darüber zu wundern scheint.

Für mich sieht es so aus, dass wir dem technischen Fortschritt nicht nur die Natur, sondern auch bereitwillig unsere Gesundheit opfern. Wir werden nämlich nicht immer gesünder, sondern immer kränker, wie die Zahlen beweisen. Wir werden auch immer schwächer. Ich habe eine Zahl im Hinterkopf, dass Jungs seit den 70er Jahren körperlich um mehr als 20% schwächer geworden sind und die Mädchen deshalb jetzt gleichziehen.

Aber das scheint den Menschen zu gefallen. Sie fühlen sich als moderne Helden, wenn sie im Krankenhaus sind. Über nichts reden sie lieber als über ihre Krankheiten. Sie lieben es geradezu, krank zu sein. Mit Freude nehmen sie ihre Pillen und Tröpfchen ein. Krank ist Kult.

Wenn wir so weitermachen, kommen wir in absehbarer Zeit dahin, dass die eine Hälfte der Bevölkerung krank im Bett liegt und von der anderen Hälfte der Bevölkerung gepflegt wird.

Gut, wenn wir dann Roboter haben, die all das für uns erledigen, woraus das Leben sonst noch besteht.

21 Kommentare zu “Krank ist Kult

  1. ClaudiaBerlin schreibt:

    “Ein befreundeter Arzt sagt dazu, dies sei am Ende nur für wenige relevant. Letztlich hängen alle (er sagte wirklich ALLE und meinte die, die er in seinen vielen Klinikjahren mitbekommen hat) am Leben und wünschen jede erdenkliche Behandlung für ein paar Tage / Wochen / Monate mehr. “

    Das ist in der Tat in den meisten Fällen so. Allerdings verzehrt sich hier der Begriff der steigenden Lebenserwartung, da das Leben durch Geräte und körperfremde Prozesse verlängert wird. Der Begriff der Lebenserwartung sollte im Grunde eher zum Ausdruck bringen, welche Lebensspanne ein Körper, bezogen auf seine Lebensbedingungen, sein Umfeld, von sich aus erwarten kann. Die Praxis beschreibt die Steigerung der Lebenserwartung aber als Steigerung körperfremder Einflüsse. Passender und ehrlicher wäre der Begriff der Todvermeidung. Wenn man es nämlich so betrachtet, sinkt in den fortschrittlichen Ländern die Lebenserwartung kontinuierlich, während die Todvermeidung stetig steigt.

  2. Du schreibst:

    “Das heißt aber: was Nahrung angeht, war der ursprüngliche saisonale Kontext ein flexibler, kein regionaler. Das ist vermutlich der Grund, warum wir Nahrung aus allen möglichen Erdteilen überhaupt vertragen.“

    Das ist die “Grundsteinlegung“ dafür gewesen, dass es überhaupt so lange gedauert hat, bis sich immer mehr ausbreitende Dekohärenz in unseren modernen Körpern symptomatisch offenbaren können. Es wurde quasi das Erbe des natürlichen Kohärenzvermögens über Jahrtausende systematisch abgearbeitet. Die damalige Beziehung zwischen Nahrung und Mensch war ja noch immer eine verwobene, weil die Menschen die Nahrung aßen, die ihnen ihre eigene körperliche Reichweite zur Verfügung stellte, was die Flexibilität untermauerte. Zudem bewegte sich der Mensch weitestgehend zu Fuß langsam durch die sich ändernden Jahreszeiten oder aber verblieb für längere Zeit in bestehenden. Heute kann der Mensch ohne sich zu bewegen in jeder Jahreszeit über alle Jahreszeiten und alle Nahrungsmittel verfügen.

    Du schreibst:

    “Der Mechanismus scheint der zu sein, dass wir systematisch alles, was natürlicherweise angelegt ist, gerade ins Gegenteil verkehren.“

    So ist es. Ausnahmslos. Vielleicht das sicherste Indiz dafür, was der Mensch der Natur wirklich “bedeutet“ bzw. was der Mensch der Natur ermöglicht, als Weg, den all die ANDEREN nicht gehen können – höchstens als “stiller“ Beobachter, in Form all der Viren und Bakterien, die wir auf unserem Weg durch die Verkehrung ins Gegenteil in und auf uns tragen. Ausgerechnet Viren und Bakterien, die die eigentlichen Bewahrer des Kohärenzvermögens allen Lebens sind.

  3. Die Spezies Mensch wird, im Versuch immer robuster zu erscheinen, immer fragiler, weil der Fortschritt den Einzelnen zwar seiner Symptome entledigen kann, doch wird die eigentliche Ursache in die Hände der gesamten Spezies gelegt. Bestes Beispiel: Krebs. An Krebs erkranken wir nicht immer öfter, weil wir immer älter werden, sondern weil die Kohärenzfähigkeit durch die Zunahme eines dekohärenten Umfeldes abnimmt. Je älter man wird, desto mehr Dekohärenz trifft inzwischen auf das abnehmende Kohärenzvermögen, was im Allgemeinen das Altern ist. Die Ursache zunehmender Tumorerkrankungen ist daher nicht primär das Altern, sondern die Umwelt, die mehr und mehr Dekohärenz bietet, bedingt durch den Fortschritt. Gleiches gilt ja auch für die Infektionen, ganz allgemein. Die Krankheitserreger erregen primär Aufmerksamkeit bezüglich eines Ungleichgewichts mittels verschiedener Symptome. Daher sind die sogenannten Erreger nur sekundär an der Krankheit beteiligt und nicht primär der Erreger der Krankheit.

    • Auch bei Kindern haben sich die Krebserkrankungen verdoppelt. Bloß sind die Krebse andere als bei Erwachsenen, hauptsächlich Tumore des Gehirns und des Nervensystems. Es gibt eine ganze Anzahl von Kinderhospizen. Deshalb ist die Begründung mit der höheren Lebenserwartung eine Ablenkung.

      Der Beschreibungsansatz mit dem dekohärenten Umfeld trifft es in der Tat viel besser, und da gehört dann alles dazu: dass die Kinder nicht mehr in der Natur spielen ebenso wie Umweltgifte.

      • Während die “Alten“ von Natur aus weniger Kohärenzvermögen haben, was ja im Grunde dem Altern entspricht, haben die “Jungen“ von Natur aus eine höhere Anfälligkeit für Dekohärenz. Wenn im Umfeld die Dekohärenz zunimmt, zeigt sich eben mehr Krebs bei “Alten“ und “Jungen“. Das Problem ist, dass man nicht bereit ist sein Umfeld zu ändern bzw. es immer schwieriger wird. sich der Zunahme von Dekohärenz nicht auszusetzen. Wo soll man gepulste Funkwellen meiden, wer läuft barfuß draußen rum, Sonnenschein wird gemieden, Impfungen werden unters Volk geworfen, Nahrung wird ohne saisonalen Kontext verzehrt, künstliches Licht ist allgegenwärtig, ………….. . So führt der Fortschritt unserer Spezies zu immer mehr Bedarf an Fortschritt, um zu verstecken, was als fortschrittliche Lösung verkauft wird. Allein das Vokabular, welches insbesondere beim Krebs benutzt wird, ist selbstredend … nur will sich die Gesellschaft nicht eingestehen, dass der moderne Lebenswandel eben das hervorbringt, was niemand wahrhaben will. Der Kampf gegen den Krebs ist der Kampf einer Gesellschaft gegen sich selbst. Krebs in dem heutigen Ausmaß auszuheilen, bedeutet das Kohärenzvermögen zu fördern, nur lässt sich das kaum mit Profit verkaufen, geschweige denn mit der wissenschaftlichen Faktenlage beweisen. Wie stünde es um das Kohärenzvermögen einer Gesellschaft, wenn diese nicht alle Symptome, die mit der Dekohärenz einhergehen, mit allen Mitteln verbergen täte? Wie stünde es um die Sensibilisierung dahingehend, dass etwas aus dem Ruder gelaufen ist? Umdenken setzt Sensibilisierung und damit die Offenlegung aller Symptome voraus.

      • Während der Kaltzeiten innerhalb der Eiszeit verkleinerten sich die Verbreitungsgebiete der großen Säugetiere: Wollnashorn, Waldelefant, Mammut. Bloß der Mensch erweiterte sein Umfeld. Das deutet darauf hin, dass der Jäger und Sammler der Steinzeit ein großer Wanderer war. Darauf deutet auch die Verbreitung der Venus-Statuetten hin. Oder Nabta, das ägyptische Stonehenge: in der ersten Schicht wurden Überreste asiatischer Menschen gefunden, in der zweiten Schicht afrikanische Einflüsse. Das heißt, eine vermutlich aus Asien eingewanderte Menschenart richtete sich in seinen Wanderungen nach Afrika aus. Und tatsächlich liegt Nabta an einer uralten Karawanenpiste.

        Mit der Sesshaftwerdung wurde der Grad an Dekohärenz größer. In Die Maschine steht still lebt der einzelne Mensch nur noch in einer Art Wabe, die er nur selten oder gar nicht verlässt. Bewegungslosigkeit und Dekohärenz gehören beim Menschen zusammen. In diesen Kontext gehört auch, dass der Radius, in dem sich Kinder bewegen, gegenüber unserer Generation massiv geschrumpft ist.

        Das heißt aber: was Nahrung angeht, war der ursprüngliche saisonale Kontext ein flexibler, kein regionaler. Das ist vermutlich der Grund, warum wir Nahrung aus allen möglichen Erdteilen überhaupt vertragen.

        Es lässt sich eine Verkehrung des ursprünglichen Musters ins Gegenteil erkennen: statt dass wir uns als Menschen selber bewegen, bringen wir alles andere in Bewegung und holen uns die Welt ins Zimmer.

        Der Mechanismus scheint der zu sein, dass wir systematisch alles, was natürlicherweise angelegt ist, gerade ins Gegenteil verkehren.

      • Warum sollte die Lebenserwartung KEIN Argument sein? Sie ist doch tatsächlich in den „hoch entwickelten Ländern gegenüber der Prähistorie, der Antike und dem Mittelalter deutlich gestiegen. Auch im Ländervergleich zeigt sich, dass jene Länder, die im zivilisatorischen Sinn viel „Dekohärenz“ aufweisen, mit geringerer Lebenserwartung auffallen:

        http://www.laenderdaten.de/bevoelkerung/lebenserwartung.aspx

        Die technisch gestützte „Fragilität“ ist also zumindest bisher ein Erfolgsmodell. Lediglich in den USA, die ja für zuwenig Krankenversicherung bekannt sind, ist die Lebenserwartung wieder ein wenig gesunken.

      • Weil in allen Altersstufen die Krankheiten zunehmen und nicht nur bei den ganz Alten. Es gibt immer weniger Menschen, die keine Medikamente nehmen (müssen). Eine schwere Krankheit bei einem relativ jungen Menschen war in meiner Jugend eine Seltenheit. Heute hat man sich irgendwie daran gewöhnt, dass auch junge Menschen schon chronisch krank sind.

        In unseren Diskussionen bedeutet Kohärenz soviel wie Einbettung in den natürlichen Kontext und Dekohärenz die Herauslösung aus dem natürlichen Kontext. Das ist nicht dasselbe wie mangelnde Organisation, Chaos und Schmutz in den Straßen.

  4. Pingback: Vom Umgang mit Krankheit im heutigen Gesundheitswesen

  5. „Es gibt keine Gesunden, nur Menschen, die nicht genügend diagnostiziert wurden.“ Keine Ahnung, wer diesen Spruch in den Welt gesetzt hat, doch beschreibt er offenbar eine Wahrheit, bzw. den heutigen Status Quo.

    Der medizintechnische Fortschritt in den Diagnosetechniken, etwa bei den Bild-gebenden Verfahren, führt dazu, dass immer mehr „erkannt“ werden kann, das es wert ist, genauer untersucht zu werden. Als ich kürzlich wegen eines seit vielen Jahren bestehenden Nervenleidens, das zeitweise meine Gehfähigkeit beschränkt hat, auf Geheis einer Neurologien ein MRT machen ließ, wurde die vermutete Ursache NICHT gefunden. Dafür enthielt der Bericht DREI andere Befunde, die mit der Sache gar nichts zu tun haben. Fakten, die nach weiterer Diagnose verlangen, was die Neurologin veranlasste, mir ganz selbstverständlich drei Überweisungen zu Fachärzten auszuhändigen, damit das untersucht werden kann. Ich hab das ignoriert, es ist jetzt über 1 Jahr her und noch hat sich keine weitere Krankheit gezeigt.

    Wäre ich der „Weisung“ gefolgt, wäre ich Patientin bei 3 Ärzten geworden, es hätte teure Untersuchungen gegeben, ich wäre ständig im Status „besorgt“ gewesen, hätte eine Selbstbild als „krank“ entwickelt und dauernd Arzt-Termine gehabt. Darauf hab‘ ich keine Lust und hänge noch immer dem Motto an: ich geh zum Arzt, wenn ich mich krank fühle – nicht „einfach so“. Und auch nicht, um irgendwelche Abweichungen im bildgebenden Verfahren genauer zu besichtigen.

    Ganz kalt hat es mich natürlich nicht gelassen. Alle drei Befunde hab ich mal kurz recherchiert, geschaut, was das so sein könnte… und dann damit aufgehört, da ich die Möglichkeit einer echten aktuellen Brisanz als gering einschätzte. Ich konzentriere mich dann lieber auf „gesünder leben“: besser essen, abnehmen, mehr bewegen…

    Das ist vielleicht ignorant, naiv und leichtsinnig. Aber es erhält – vorläufig – meine psychische Lebensqualität im Jetzt – und opfert sie nicht zu Gunsten einer möglichen Gefahrenabwehr für die Zukunft. Wer weiß denn, ob mir nicht morgen ein Blumentopf auf den Kopf fällt oder ich nächstes Jahr an einer Lungenentzündung sterbe – dann wäre ja all das besorgte Vorsorgen / Diagnostizieren / Therapieren umsonst und hätte mir nur die Stimmung währen meiner letzten Monate verdorben! 🙂

    Das Nervenleiden, dem ich wirklich nachgegangen bin, ist übrigens noch nie von einem Arzt irgendwie therapiert worden (ich nenne es einen „Sitzschaden“ und denke, damit nicht falsch zu liegen). Auch bei Freunden hab ich erlebt: Sie kümmern sich oft nicht um das Leiden, weshalb jemand kommt (weil sie die Ursachen nicht erkennen und/oder gar keine Erfolg versprechende Therapie haben), sondern kümmern sich um ANDERES, das sie erkennen und potenziell therapieren können.

    Beim Bäcker bekomme ich zehn Brötchen, wenn ich diese verlange – und nicht statt dessen 3 Kuchen, 1 aufgewärmte Pizza und ein Croissant!
    Im Gesundheitswesen ist es anders, und deshalb haben wir immer mehr Kranke.

    • Die Medizin arbeitet systematisch daraufhin, den Menschen das Selbstbild ich bin krank zu implantieren. Das ist ja auch logisch, wenn Ärzte und Pflegepersonal damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Wenn die Menschen gesund wären, müssten all diese Leute sich einen anderen Job suchen, aber Jobs werden in unserer Gesellschaft ja dank Technisierung zunehmend rarer. Der kranke Mensch ist heute ein bedeutender Arbeitgeber. Aber das ist eben schon irgendwie strange.

      Auf die Medizinmühle keine Lust zu haben, ist meiner Ansicht nach der gesunde Impuls. Mir ist noch aufgefallen, dass die Toleranzbereiche immer enger gefasst werden. In den 90er Jahren war bei einem 60jährigen ein Blutdruck von 140/90 absolut normal. Man hat gesagt, dass starrer werdende Gefäße diesen Blutdruck sogar nötig machen, um die Versorgung des Gehirns zu gewährleisten. Heute gilt, dass ein 60jähriger denselben Blutdruck wie ein 30jähriger haben sollte: 120/80 und 140/90 ist ein Grenzwert geworden, der nicht überschritten werden sollte. Das eröffnet der Medizin wieder ein Behandlungsfeld.

      Was mich jedoch wirklich irritiert, ist diese doch weit verbreitete Lust an der Krankheit. Auch wenn Du selbst nicht davon befallen bist, musst Du doch zugeben, dass sehr viele Menschen solange zum Arzt gehen, bis irgendeiner das Selbstbild ich bin krank bestätigt. Viele, vor allem ältere Menschen fühlen sich als Helden, wenn sie diese oder jene Krankheit haben, und erzählen dann solange davon, bis es einem zu den Ohren rauskommt. Altersweisheit stelle ich mir anders vor. Ich hatte auch schon mal den blasphemischen Gedanken, dass es an mangelnder Alterweisheit liegen könnte, dass die Alten heutzutage vereinsamen.

      Es stimmt, dass der technische Fortschritt in der Medizin einen Riesensprung gemacht hat. Am beeindruckendsten finde ich das bei Operationen und dagegen will ich auch nichts sagen. Eine Operation ist heute mit weit weniger Schmerzen verbunden als noch vor 40 Jahren. Vielleicht wird auch deshalb so viel mehr operiert.

      Umso erstaunlicher, dass Ärzte trotz allem technischen Fortschritt heutzutage doch sehr oft die Ursache für ein Leiden nicht herausfinden können. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass die Ärzte es heute mit all ihren Techniken weniger können als die früheren Generationen. Fast jeder Patient hat heute doch die Geschichte einer Odyssee zu erzählen.

      Als weiteres kommt noch der Umstand dazu, dass man dem Körper die Möglichkeit nimmt, sich selbst zu behelfen. Es ist ja schon so, dass man dem Immunsystem seine Fähigkeiten systematisch abtrainiert, wenn man bei jedem Schnupfen sofort zu Medikamenten greift. Wenn man Cortison nimmt, gewöhnt man dem Körper ab, eigenes Cortison zu produzieren usw. usw.

      • „Viele, vor allem ältere Menschen fühlen sich als Helden, wenn sie diese oder jene Krankheit haben, und erzählen dann solange davon, bis es einem zu den Ohren rauskommt.“

        Ich verstehe das mittlerweile, denn je mehr Symptome sich zeigen und je mehr man sich dann mit Krankheit, Ärzten, Diagnosen und Therapien beschäftigt, desto größer wird der Anteil dieses Komplexes am täglichen Erleben, am Alltag, am Denken und Fühlen. Hat man dann auch noch lebenslang keine bewusste Auseinadersetzung mit der eigenen Endlichkeit praktiziert, ergibt sich die Dominanz des Themas und die damit verbundene „Heldengeschichte“ ganz von selbst. Denn es ist ja Angst-getrieben – und man vergisst gerne, dass Gesundheit letztlich doch nicht vor dem Sterben rettet.

        Da ich mich zum Glück sehr gut erinnern kann, wie sehr es mich in der Jugend genervt hat, wenn Alte dauernd von ihren Krankheiten sprachen. vermeide ich das selbst weitgehend. Da ich allerdings Freunde habe, die mir in dem Punkt gleichen, ermuntere ich sie durchaus mal durch konkretes Nachfragen, doch mal was darüber zu erzählen. Weil ich weiß, dass es gut tut, mit Freunden über alle Themen zu sprechen, die einem persönlich nahe gehen und fürs eigene Leben wichtig sind. Und ja, dann erzähl ich auch mal… 🙂 Aber eben nicht oft und nicht mit jedem.

      • Ich war gestern auf Deinem Blog übers Älterwerden. Den finde ich übrigens cool. Du hast Recht mit dem was, Du sagst. Was ich bei vielen älteren Menschen vermisse, ist eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit den zunehmenden Gebrechen und dem näherrückenden Tod. Wie Du richtig feststellst, steckt da eben häufig Angst dahinter. Muss die Auseinandersetzung mit diesen Ängsten wirklich bis in die letzte Lebensphase verschoben werden? Der Tod holt uns doch sowieso alle ein, wäre es da nicht klüger, wenn man sich beizeiten damit auseinandersetzt, statt den Tod bis zur letzten Minute aus dem Bewusstsein zu verbannen?

      • tja, leicht gesagt, schwer getan! Denn man fühlt sich ja doch „nicht betroffen“, so lange man noch eine statistisch hohe Lebenszeit vor sich sieht. Da bleibt die „Auseinandersetzung mit dem Tod“ sehr mental, auch wenn sie stattfindet.

        Du hast mein Blog gelobt, danke dafür! Es enthält umfangreiche Auseinandersetzungen zum Thema „Recht auf assistierten Freitod“, bei dem die Meinung der Bevölkerung zu 80% anders ist als die der Politiker. Ein befreundeter Arzt sagt dazu, dies sei am Ende nur für wenige relevant. Letztlich hängen alle (er sagte wirklich ALLE und meinte die, die er in seinen vielen Klinikjahren mitbekommen hat) am Leben und wünschen jede erdenkliche Behandlung für ein paar Tage / Wochen / Monate mehr.

        Dass der Überlebenstrieb gewaltig ist und jegliche „Gelassenheit“ überschreibt, merkte ich z.B. mal in heftigen Turbulenzen während eines Flugs, zu Zeiten als ich noch Flugangst hatte. Da hab ich erfahren, was Todesangst ist.

      • Das mit dem „Recht auf assistierten Freitod“ habe ich gar nicht gesehen, sondern das mit Sex und Zahnersatz.

        Meine persönliche Erfahrung ist die, dass viele lauthals verkünden, sie wollen sterben, um sich dann einen Herzschrittmacher einpflanzen zu lassen 🙂

        Ein Recht auf assistierten Freitod kann es meiner Ansicht nach nicht geben. Kein Mensch darf von einem anderen verlangen, ihn zu töten. Wenn ein Mensch sterben will, soll er sich selber töten. Soviel Verantwortung muss schon jeder für sich selbst übernehmen. Von mir aus mit Hilfe eines Kill-Roboters, der mit einem Augenzwinkern zu bedienen ist. Den könnte man täglich einmal in der entsprechenden Einrichtung durch alle Zimmer laufen lassen und wer sterben will, zwinkert. Der Roboter kann ja noch mal nachfragen, ob es ernst gemeint ist 🙂

      • Damit ist nicht gemeint, dass Ärzte dazu gezwungen werden sollten! Es gibt genug, die das freiwillig tun würden – und wie Umfragen ergeben haben, sind Ärzte mehrheitlich dagegen, dass es verboten wird. http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/sterbehilfe_begleitung/article/874659/assistierter-suizid-aerzte-lehnen-verbot-mehrheitlich-ab.html

        Für „sich selber töten“ muss man noch fit genug sein und / oder Verbindungen haben, um Mittel zu besorgen, die man so einfach nicht bekommt. Brachiale Methoden anwenden zu müssen (Pistole, Fenstersprung etc.) ist sowieso nicht das, was man sich zum Sterben wünscht.
        Die Robot-Lösung wär auch ok, wenn er dann Tabletten verteilt bzw. einen Drink anbietet. Aber auch da gibt es Fälle, die mehr Assistenz brauchen, weil sie kein Glas mehr halten können.

      • Wenn es um ein Recht geht, kann man nicht mit Freiwilligkeit argumentieren. Es könnte der Fall eintreten, dass es aus irgendeinem Grund keinen Freiwilligen gibt. Wenn jedoch das Recht auf aktive Sterbehilfe besteht, dann kann jemand gesetzlich verpflichtet werden, selbst wenn dieser jemand nicht will. Das halte ich für untragbar. Die Aufgabe des Staates besteht darin, Leben zu schützen. Ein Polizist oder Soldat darf ja auch nur aus diesem Grund töten: um Leben zu schützen.

        Ich bin der Ansicht, niemand hat das Recht, einem anderen Menschen die Verantwortung für seinen Tod aufzubürden. Diese Verantwortung muss der, der aus dem Leben scheiden will, selber tragen. Deshalb müsste diese Robot-Geschichte ganz und gar unpersönlich ablaufen. Es ist etwas anderes, wenn ein Mensch für einen anderen diese Verantwortung aus Liebe auf sich nimmt. Aber das hat nichts mit einem Rechtsanspruch zu tun.

        Die Situation mit der Sterbehilfe tritt in der Regel ja nur ein, wenn man, um Guidos Worte zu benutzen, zu lange Todvermeidung gespielt hat, also sein Überleben veräußerlicht und auf andere übertragen hat, auf Maschinen, Ärzte, Medikamente, was auch immer. Es liegt eine gewisse verdrehte Logik darin, die Veräußerlichung des Überlebens mit der Veräußerlichung des Sterbens zu beantworten.

      • Ich habe eine Zeitlang in einem Hospiz gearbeitet. Das Problem ist, dass die Begegnungen mit Sterbenden so persönlicher und intimer Natur waren, dass ich sie nicht der Öffentlichkeit zugänglich machen werde. Vor ca. 14 Jahren stand ich auch mal vor der Wahl, in Sachen Überleben den Ärzten oder meiner eigenen inneren Stimme zu vertrauen. Ich habe mich damals für meine innere Stimme entschieden, aber das ist ein Weg, den nur jemand gehen kann, der sich von Anderen nicht beeinflussen lässt, also macht es keinen Sinn, von dieser Erfahrung zu berichten.
        Es war mal ein Thema, eine Spur zu hinterlassen, ja. Aber dieser Wunsch ist nicht mehr wichtig, weil es Schöneres zu entdecken gibt. Ich bin Materiemönch geworden, weil ich verstehen möchte, wie die Mauern entstanden sind, die die Erfahrung dieser Schönheit verhindern.

      • Ich wollte dich nicht dazu bewegen, persönliche Geschichten zu erzählen – auch wenn ich das selbst im zitierten Fall tat (konnte ich machen, denn es ist lange her, die Eltern sind beide tot, keine an meinen Geschichten anteilnehmende Verwandtschaft weit und breit…). Und du bist ja sowieso eher der Philosoph!

        Das mit der „inneren Stimme“ finde ich z.B. durchaus erzählenswert. Was macht dich so sicher, dass du „von Anderen nicht beeinflussbar“ bist? Wir sind doch nicht wirklich Monaden, die komplett unabhängig und abgeschottet von allen anderen existieren, denken, fühlen… Und „innere Stimmen“ können ja ganz verschiedener Art und Wurzel sein. Steht sie immer höher als die Ratio?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.