Bambi ess ich nicht!

Vor ungefähr einem halben Jahr, kurz nach der Geburt seines Sohnes, hat Gilbert auf seinem Blog über das Zeitalter der Kuscheltiere philosophiert. Er führt aus, dass fast alle nützlichen und überflüssigen Gegenstände, die Erwachsene kleinen Kindern schenken, irgendwie mit Tieren zu tun haben. Entweder sind die Tiere auf den jeweiligen Gegenstand aufgedruckt oder der Gegenstand selber wird in Form eines Tiers präsentiert.
Es gibt also nicht nur Strampelhosen, Lätzchen, Schlafanzüge, Bettwäsche und Tapeten mit niedlichen Bärchen, Lämmchen und Häschen drauf. Nein, weit mehr: das Badethermometer kommt als Fisch daher, die Sparbüchse als Frosch, das Töpfchen als Ente, der Schnuller als Schweinchen. Sogar die Spieluhr tarnt sich als lächelnder Wal. Auch Schrank, Bett und Stuhl sind mit Tierfiguren à la Disney verziert. Das Kind lernt beizeiten, dass es nicht nur auf einem Schaukelpferd reiten kann, sondern auch auf einem Löwen, einem blauen Elefanten oder der Biene Maja.

Dazu kommt eine gewaltige Flut an Bilderbüchern mit ihren verniedlichenden Tierdarstellungen, von denen die Geschichte vom Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, der Realität noch am nächsten ist. Da gibt es die kleine Raupe Nimmersatt, die Eule mit der Beule, den Regenbogenfisch, den Grüffelo, Frederick und zahllose andere. Für die etwas größeren Kinder dann Pu der Bär, Das wilde Mäh, Die Schule der magischen Tiere, Die Muskeltiere, Eulenzauber und wie die Bücher alle heißen mögen. Nichts gegen die Bücher als solche, die meisten davon sind wirklich hübsch gemacht. Was stutzig macht, ist die Quantität, nicht die Qualität.

Weil das immer noch nicht genug ist, wird das Kind zudem auch noch mit Animations- und Zeichentrickfilmen überschwemmt. Da gibt es Shaun, das liebenswürdige Schaf. Ratatouille, die kochende Ratte. Die Biene Maja, den König der Löwen und eine Million anderer fiktionaler Tiere.

In den meisten Bilder- und Kinderbüchern werden Tiere heutzutage nicht realistisch dargestellt, sondern vermischen sich mit dem kulleräugigen Kindchenschema, das bekanntermaßen selbst steinharte Herzen zum Schmelzen bringt. Die realen Tiere verschwinden hinter Fiktionen von Tieren. Dazu kommen eine Menge tatsächlich erfundener Tiere wie die Krumpflinge, die Olchis, der kleine Drache Kokosnuss, Snöfried und so weiter. Die Grenzen zwischen Natur und Fiktion verwischen sich und sie verwischen sich immer mehr.

Diese ganze Flut an verkitschten Informationen geht auf das Neugeborene nieder, sobald es auf der Welt ist, und begleitet das Kind bis in die Pubertät hinein. Für ein kleines Kind ist zunächst sein Kinderzimmer der Lebensraum und damit Wirklichkeit, später der Spielplatz, die Kindertagesstätte und die Grundschule. In all diesen Bereichen wird das Kind weiter mit verkitschten Informationen über die Tierwelt und die Natur vollgestopft. Für ein Kind sind all diese Informationen zunächst einmal wahr, denn es kann zwischen wahr und falsch noch gar nicht unterscheiden. Wenn es auf die Welt kommt, hat es noch keine Konzepte im Kopf, denn diese bilden sich ja erst im Kontakt mit der Umwelt heraus. Für ein Kind ist diese Umwelt heute Disney & Co. Ein Kind wächst heute in dem Bewusstsein heran, dass die Natur wie Disneyland ist. Durch ihre pure Überfülle überlagert die verkitschte Bilderwelt jede reale Erfahrung wie beispielsweise einen Besuch auf dem Bauernhof, wo man sich zudem leidlich Mühe gibt, den falschen Vorstellungen auch noch irgendwie gerecht zu werden und Kindern vor allem das Niedliche zeigt, das es ja in der Tierwelt durchaus gibt: die Kaninchen, die Ferkel, die Lämmchen und die neugeborenen Kätzchen.

Wer heute Kind ist, kann gar nicht anders als zur Überzeugung zu kommen, dass Disneyland & Co. die Normalität darstellt, während der Bauernhof die Ausnahme ist. Disneyland samt den dazu gehörenden sentimentalen Gefühlen werden als Realität im Bewusstsein des Kindes verankert. Wenn das Kind dann heranwächst, kann es mit Hilfe seines Verstandes, so es welchen hat, seine falschen Vorstellungen teilweise korrigieren, aber mit der Ratio kommt es nicht an sein Gefühlsleben heran. Die mit der verkitschten Bilderwelt erzeugte, oft ins Überschwängliche abdriftende Gefühligkeit, ja Rührseligkeit bleibt erhalten. Dem Zeitalter der Kuscheltiere folgt geradezu zwangsläufig das Zeitalter verkitschter Sentimentalität.

Seit jeher haben die Erwachsenen die ausgeprägte Tendenz, Kindern ein geschöntes Naturbild zu präsentieren. Der Wind in den Weiden wurde 1908 geschrieben, Pu der Bär 1928, Die kleine Raupe Nimmersatt 1969. Wie Gilbert in seinem Artikel ausführt, gab es daneben aber auch andere Darstellungen, wie Struwwelpeter oder Max & Moritz oder zahlreiche Märchen, in denen mit Tieren und Menschen ausgesprochen grausam umgegangen wurde. Auch das sind Verfälschungen, jedoch ins andere Extrem. Bis in die siebziger Jahre hinein galten Tierdarstellungen in Kinderbüchern zudem als zu naiv und zu fantastisch, man bevorzugte realistische Darstellungen. Schließlich sollten die Kinder ja noch was lernen.

Mit dem Fernsehen fing in meiner Generation die Überflutung mit falschen Bilderwelten an. Mit Fury, Lassie, Skippy und Flipper bahnte sich ein grundlegender Wandel im Verhältnis Mensch und Tier an. Das Tier wurde vermenschlicht und zum besten Freund. War diese Vermenschlichung anfänglich noch halbwegs realistisch dargestellt, driftete sie mit Disney & Co. zunehmend ins Fantastische ab, und das ist bis heute so geblieben. Dieser Paradigmenwechsel fand in etwa zur Zeit der 68er Revolution statt, als man vom Wirtschaftswunder genug hatte und sich lieber als Blumenkind und Hippie inszenierte.

Wenn ich heute mit Leuten aus meiner Generation rede, schwärmen wir alle von der Freiheit in unserer Kindheit. Und tatsächlich waren wir nach der Schule fast jeden Nachmittag mit Gleichaltrigen draußen in der Natur. Unser Spielfeld waren die umliegenden Wiesen, der nahe Bach, der Waldrand (richtig hinein trauten wir uns selten) und die Straßen im Dorf. Und auch der Bauernhof war eine bekannte Größe, denn einige unserer Spielkameraden waren Bauernkinder. Wir durften auf dem Traktor mitfahren, kletterten auf Bäume und auf Holzgestelle gehäufeltes Heu waren unsere Indianerzelte. Noch heute weckt ein warmer Sommertag in mir die Erinnerung an diesen unvergesslichen Duft von Heu.

Die Erwachsenen gingen derweil ihren eigenen Geschäften nach. Niemandem kam auf die Idee, dass uns Kindern was passieren könnte und deshalb ein Erwachsener auf uns aufpassen müsste. Wir waren auf uns selbst gestellt und durften unsere eigenen Erfahrungen mit und in der Natur machen. Wir lernten ganz nebenbei, dass es außer Kaninchen, Bärchen und Lämmchen auch Wespenstiche, Kreuzottern, Misthaufen und den Schlachttag gab.

Für mich und meine Spielkameraden waren die Wiesen und Felder, der Bach, der Alltag auf dem Bauernhof, das Dorfleben die Normalität, während der Zeichentrickfilm, das Kinderbuch und der Teddybär die Ausnahmen waren. Das ist heute anders. Draußen in der Natur und in den Straßen findet man keine spielenden Kinder mehr, die sich selbst überlassen sind. Die Kinder von heute kennen fast nur noch den überwachten Raum. Ihre Aktivitäten verlagern sich mehr und mehr in die Innenräume. Kinderärzte klagen schon darüber, dass viele Kinder sich zu wenig bewegen. Und da, wo sie sich bewegen, ist es Sport und nicht Spiel.

Es heißt, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Aber es gilt auch der Umkehrschluss: was Hänschen lernt, vergisst Hans nimmermehr. Durch die Überflutung mit falschen Bilderwelten, die in der Kindheit zudem noch auf der Gefühlsebene verankert werden, wird der Zugang zur Natur, wie sie ist, erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Ich habe es dann auf einmal mit Erwachsenen zu tun, mit denen ich nicht diskutieren kann, weil die zugrundeliegenden Wirklichkeitserfahrungen völlig andere sind.

Wo ich ein Lamm sehe, sieht ein anderer Shaun das Schaf. Wo ich Rehfleisch sehe, sieht ein anderer ein totes Bambi. Irgendwo verstehe ich schon, dass man Shaun und Bambi nicht essen kann. Aber Shaun und Bambi sind für mich Zeichentrickfiguren geblieben. Ich habe dem Lamm und dem Reh gegenüber nicht dieselben süßlichen Gefühle, wie sie durch Filme erzeugt werden. Die Wirklichkeit des Schlachttags hat mit der Wirklichkeit von Disneyland eben nichts zu tun. Und deshalb redet man ständig aneinander vorbei.

„In dem Maße, in dem die Tiere von unserer Welt verschwinden, vermehren sie sich in den Kinderzimmern als Schemen, als Phantasmen und Erinnerungen, als Stellvertreter für unsere Wünsche“, sagt Gilbert in seinem Artikel. Das ist klug beobachtet.

Es gilt aber auch hier wieder der Umkehrschluss: Wenn sich in unseren Kindernzimmern Tiere als Schemen und Phantasmen vermehren, ist es eigentlich kein Wunder, dass sie in der realen Welt mehr und mehr verschwinden. Sie verschwinden, weil sie uns, so wie sie von Natur aus sind, nichts mehr bedeuten. Sie verschwinden, weil wir sie in ihrer natürlichen Schönheit und Würde nicht mehr erkennen.

44 Kommentare zu “Bambi ess ich nicht!

  1. Das ist eine gute Diskussion, die ja durchaus vom kantigen Zynismus des Fingerfilosophen befördert wird! 🙂

    Ich hab ein wenig rumgesucht in Sachen Bauernsterben. Einige Fundsachen möcht ich hier empfehlen:

    Die Zukunft der Landwirtschaft – Der Dokumentarfilm „Bauer unser“ (Trailer, 5,6 Min)

    -> hier gehts um den großen Rahmen, die Politik, die die Bauern zum wachsen und zum Wettbewerb auf dem Weltmarkt gezwungen hat

    Viel radikaler/extremer/militanter/eindimensionaler kommt das hier rüber, zwar von 2005, aber dennoch scannenswert:
    Bauernsterben – wir sterben mit

    Dem Fingerphilosophen aus dem Herzen spricht vermutlich Bauer Willi – ein wunderbares Beispiel für Bauern, die Kontakt zum Verbraucher suchen!

    Lieber Verbraucher

    dieser fetzige Rant bekam 460 Kommentare – und als Antwort auf diese schrieb“Bauer Willi“ dann den Folgeartikel:

    Lieber Verbraucher – was ich verstanden habe…

    Sehr weit ausholend (am Anfang etwas zu erzählend, doch dann sehr informativ):

    Allein auf weiter Flur
    „Um den Strukturwandel zu überstehen, haben Deutschlands Bauern ihre Betriebe für viel Geld modernisiert. Geholfen hat es nichts – im Gegenteil: Ihre Erlöse sinken dramatisch, ganze Märkte fallen weg. Viele Höfe, die über Generationen im Familienbesitz waren, müssen aufgeben, obwohl sie ordentlich gewirtschaftet haben. Die Politik sieht hilflos zu“

    Und doch – es gibt Nischen für Familienbetriebe, die sich wandeln und zurecht kommen – Statements von 3 Jungbauern (2 optimischtisch, 1 nicht so) :

    Fazit: Alles in allem ein unglaublich komplexes Thema, in dem so viele Faktoren eine Rolle spielen und definitiv oft nicht klar ist, was Ursachen und was Wirkungen sind.

    Hätte glatt Lust, ein Blog zu starten…

    So naiv, zu meinen, dass Balkongärtnern wesentlich zur Versorgung der Städte beiträgt, bin ich übrigens nicht! Bei dieser und anderen Formen selbst praktizierten Nahrungsmittelanbaus in den Städten geht es erstmal um das Wiedergewinnen eines Bezugs zu Nutzplanzen!

    Aus eigener, jetzt über 10-Jähriger Kleingarten-Erfahrung kann ich berichten, dass ich z.B. bei irgendwelchen Skandalisierungen von Pflanzenschutzmitteln auf BIO-Pflanzen nur noch über die Ahnungslosigkeit der Leute den Kopf schüttle. Die einfach keine Ahnung haben, dass definitiv NICHTS einfach so ein tolles Gemüse oder Obst wird! Sowohl Bodenpflege/Düngung als auch Pflanzenschutz sind ein MUSS, wenn man darauf angewiesen ist, dass es auch eine gute Ernte gibt. Deshalb heißt es ja „Kulturpflanze“…

    Zum Glück bin ich NICHT darauf angewiesen und kann es mir leisten, den Kohl von Raupen und den Salat von Schnecken fressen zu lassen, die Obstbäume an all ihren Schädlingen kränkeln zu sehen, Äpfel und Birnen den Würmern zu gönnen, den Mangold von Käfern zerbeissen und die Tomaten im Gewächshaus von der weißen Fliege aussaugen zu lassen… Für uns bleibt meistens, aber nicht immer genug Essbares übrig (ist ja eh nur ein zusätzliches Benefit), was gar nicht funktioniert, wird halt nicht mehr angebaut.

    Anfänglich hab ich die Kampagne gegen Glyphosat noch mitgetragen, mittlerweile unterschreib ich nicht mehr. Weil das, was danach kommt, vermutlich schlimmer ist, weniger erforscht… weil ich weiß, dass es OHNE IRGENDWAS jedenfalls nicht geht. 20 Helfer zum Unkraut jähten hat man halt nur in seltenen Initiativen wie der „Ackerbande“ und nicht im großen Stil.

    Das ist selbst erlebter Bewusstseinswandel – und er täte der allgemeinen Diskussion in Sachen Landwirtschaft gut.

    Dazu passt:

    Grüne machen Angebot für neue Debattenkultur in Landwirtschaftspolitik (Topagrar.com)

    • Vielen Dank für die Links. Bei Bauer Willi bin ich vor Kurzem als sporadischer Gastautor eingestiegen. Du hast völlig Recht, dass ich da viel Potential sehe.

      Im Spannungsfeld Landwirtschaft wird deutlich, dass die Umwandlung von Natur i.S.v. Flora und Fauna in Technosphäre eben doch irgendwie in unserer Wesensart als Menschen liegt. Dass wir unserem Wesen nach eben doch eine Affinität zu Cyborgs haben.

      Da wir unseren Nutzpflanzen über die Jahrhunderte zwecks Geschmacksverbesserung ihre Abwehrmechanismen weggezüchtet haben, ist es ja kein Wunder, dass eine wahre Fressmeute darauf lauert, sich an unserem Obst, Gemüse und Getreide gütlich zu tun. Jetzt sind die Pflanzen auf menschliche Unterstützung ebenso angewiesen wie wir auf technische.

  2. Die ist schon klar, dass das lediglich eine etwas zynische Kolumne ist, die vor allem auf Effekt und Humor zielt, als auf Recherche und Analyse? Das sagt der Autor ja selbst, der sich ediglich wie ein miesgelaunter alter Mann aus dem Fenster lehnt und „die anderen“ da unten einfach nur misanthropisch kommentiert. Meinung dürfen wir nicht verwechseln mit Analyse!

    Dennoch… ich erkenne mich selbst sehr gut wieder in diesem Autor. Wenn ich diese Leute bei mir in Pankow sehe, kommt mir auch die Folienmettwurst wieder hoch. Ich muss mich dann erinnern, dass es aber um die Sache geht und mir die Erscheinung im Zweifel unwichtiger ist, als die wirkliche Handlung.

    Wenn diese Hipster und Besserverdienenden dafür sorgen, dass die Nachfrage nach regional produzierten Produkten steigt, dann sollen sie machen (der verlinkte Artikel ist nachweislich falsch in seiner Behauptung, dass die Wochenmärkte – die ich kenne – fake sind: Natürlich sind das regionale Produzenten, ich kenne einige von ihnen sogar und ihre Produkte gibt es nun mal nicht bei Aldi). Ich stell mich dann mit meinen Kopfhörern hinten an der Schlange an, höre Doom Metal und warte freundlich, bis ich an der Reihe bin.

    Solcher Zynismus ist immer lustig, aber er hat keinen analytischen Wert oder irgend einen Gehalt, der über den Moment des Lesens hinausgeht. Wir müssen die Realität verteidigen und sagen, was ist und dazu stehen und die Welt – wo es geht – etwas besser machen, als sie gerade ist. Das ist mein Anspruch, leider gar nicht zynisch und deswegen verletzlich.

    • Ja klar ist der Beitrag zynisch, aber mir war ein bisschen nach Zynismus zumute, wenn mir verklickert wird, dass auf dem Balkon gezogenes Gemüse einen wesentlichen Beitrag zur Ernährung der Stadtbevölkerung leistet. Realität ist nämlich, dass die Ernährung einer Megamaschine wie Berlin ein entsprechendes landwirtschaftliches Umfeld, industrielle Landwirtschaft und Massentierhaltung bedingt. Die idyllischen Wochenmärkte verwischen diese Realität.
      Die Märkte sind nicht fake, aber trotzdem Bauerntheater.

      Es ist meines Erachtens mangelnder Realismus und frühkindliche Disneylandprägung, die Bauern wegen der Massentierhaltung zum Feindbild hochzustilisieren, wenn man selber in einer Großstadt lebt, die eine solche Landwirtschaft wesentlich mitbedingt. Es ist auch mangelnder Realismus, wenn Stadtpflanzen wie Veganer und Vegetarier glauben, dass sie mehr von Natur und Tieren verstehen als Bauern, die ein Leben lang mit der Natur umgehen und ihre Existenz daran gehängt haben. Es ist mangelnder Realismus, wenn die Tierschützer nicht sehen, dass sie mit ihren unangemessenen Feindbildern das Bauernsterben fördern und dazu beitragen, dass immer weniger immer größere Höfe für die Ernährung zuständig sind. Seit 1975 ist in Deutschland die Zahl der Bauernhöfe von 904.700 auf 276.100 zurückgegangen. Die 26.855 Bio-Höfe, die daraus hervorgegangen sind, können diesen Verlust nicht mal annähernd auffangen. Das ist die Realität, und da kann man dann leider schon ab und zu mal zynisch werden.

      • Verstehe. Du hast Recht, dass so eine Megamaschine nicht mit Gemüse von ein paar Balkons ernährt werden kann. Und da sind wir wieder beim Alles-oder-nichts-Denken: Nur weil regionale Produktion oder dezantralisierte Energieversorgung nicht gleich den ganzen Planeten rettet, sollte man das nicht zynisch abtun. Je mehr kleine Beiträge überall (und vielleicht hat das sogar mehr Potenzial in den sogenannten „Entwicklungsländern“) geleistet werden, desto besser. Evolution, statt Revolution. Sowohl-als-auch, um solange wie möglich ein erträgliches Dasein für all die Milliarden zu ermöglichen. Das ist im Sinne des Dark Mountain: Nicht die Welt retten wollen, sondern besser machen, erträglich halten und Ästhetisches vorantreiben. Da ist mir ein „Bauerntheater“ lieber als ein Aldi.

        Das Bauernsterben will sicher niemand und ich kenne niemanden, der Bauern zum Feindbild hat. Ich kann mir aber vorstellen, dass das „Bauernsterben“ eher auf die große Discounter-Nachfrage zugunsten der großen ländlichen Betriebe und auf Kosten der kleinen regionalen Produzenten zurückzuführen ist (deine absoluten Zahlen 904.700 auf 276.100 lassen das vermuten, denn es wird ja trotzdem genauso viel oder mehr produziert). Dann lass uns doch mit ein bisschen Bauerntheater versuchen, den Trend langsam wieder zurück zu drehen. Wohl wissend, dass man damit nicht die ganze Welt ernähren kann. Die großen Probleme verlangen weiterhin nach großen Lösungen und nach ganz vielen kleinen Lösungen. Es wird nicht ohne große Agrar-Betriebe, vielleicht nicht einmal ohne Synthese von Gentechnik, künstliches Fleisch, Insekten-Protein, mehr vegetarische Bestandteile in der Ernährung etc. gehen. Aber unterschätze nicht die kleinen (long tail) Beiträge, die bei einer Milliardenbevölkerung am Ende einen riesigen Unterschied machen können. Sowohl-als-auch-Denken!

      • Ich habe nichts dagegen, wenn Leute in der Stadt Gemüse auf dem Balkon ziehen oder auf lokalen Wochenmärkten kaufen. Ich kaufe selber auch auf dem Markt. Es kommt jedoch drauf an, die Dinge im richtigen Verhältnis zu sehen. Ein kleiner Beitrag ist eben ein kleiner Beitrag.

        Wer die Welt retten will, einen großartigen Bewusstseinswandel proklamiert und als Heilsbringer auftritt, sind doch gerade überwiegend städtische Veggies und Ökos, die die Megamaschine Großstadt nicht ein einziges Mal thematisieren, ihren eigenen Beitrag als Stadtbewohner nicht wahrhaben wollen und die zudem eine idealisierte Vorstellung von Natur haben. Stattdessen zeigen sie bloß mit dem Finger auf andere.

        Und natürlich werden in diesen Kreisen die Bauern verunglimpft und zum Feindbild hochstilisiert. Das passiert automatisch, wenn man bloß das Thema Massentierhaltung, Antibiotika im Tierfutter, Gentechnik, Düngemethoden als Negativum thematisiert, ohne jemals darüber nachzudenken, wie es zu der Situation in der Landwirtschaft kommen konnte, die wir nun haben. Und es geht ja so was am Thema vorbei, wenn man den Bauern die Industrialisierung der Landwirtschaft vorwirft, selber aber in der Stadt in einer hochtechnisierten Umwelt lebt. So löst man nun mal keine Probleme, sondern ist Teil des Problems.

        Von den Veggies, Ökis und Tierschützern hört man viel über Massentierhaltung, aber so gut wie gar nichts übers Bauernsterben, und da ist Deutschland gut unterwegs. Es gibt meines Wissens nur ein Land in Europa, wo mehr Bauern ihre Höfe aufgeben müssen, und das ist Polen.

        Ich bin sehr dafür, das Bauerntheater auf dem Markt beim Namen zu nennen und zu sagen, dass es in erster Linie Bauerntheater ist. Denn viele Leute, die auf dem Balkon Gemüse ziehen, einmal auf der Woche auf dem Markt und ansonsten doch im Supermarkt einkaufen, wiegen sich in der Illusion, dass man eine heimelige, idyllische Welt mit gesundem Gemüse und glücklichen Kühen ohne Weiteres herstellen könnte, wenn die Bauern es nur richtig machen würden. Das ist nicht fair.

      • Das finde ich alles nachvollziehbar und will in so fern auch gar nicht widersprechen. Nur noch einmal zum Bauernsterben: Was sind die großen Gründe dafür? Sind es nicht die großen Agrarunternehmen, die mit Hilfe der Discounter (oder unter dem Druck derer) den kleinen Bauern den Garaus machen? Wenn ja, dann sollte man doch das „verkitschte“ Zurück-zur-Region und das Bauerntheater erst Recht unterstützen, oder?

      • Ich weiß nicht, ob ich alle die Verflechtungen durchschaue. So wie ich es sehe, sind es drei Gründe:
        a) Du hast Recht damit, dass es die großen Handelsketten und Discounter sind, die die Preise drücken und die Quoten vorgeben. Kommt der Import von Billigprodukten hinzu, was wiederum den Bauern zwingt, billig für den Export zu produzieren. Das dürfte wahrscheinlich das größte Problem sein.

        b) die Politik, und hier vor allem die von den Grünen vertretene Politik und die EU, die den Bauern Bedingungen aufs Auge drücken, die es immer schwerer machen, einen Hof zu führen. Wie ich es verstanden habe, herrscht inzwischen eine Dokumentationspflicht, ähnlich wie im Krankenhaus, was den Verwaltungsaufwand trotz Digitalisierung für den Bauern erheblich erhöht und für ihn unproduktive Zeit ist. Ich kenne das aus dem Krankenhaus: für den Patienten bleibt immer weniger Zeit, weil der Verwaltungsaufwand überproportional steigt.

        Der Bauer hat einen gesetzlich eng gesetzten Rahmen, was Anbau, Düngung, Ernte, Tierhaltung angeht. Er darf m. Wissens nicht mal ohne Weiteres anpflanzen, was er will. Grasland darf er bspw. nicht in Acker umwandeln. Er hat Landschaftspflegeaufgaben, die nicht vergütet werden.

        c) Die Tierschützer, die das Image des Bauern in der Gesellschaft doch erheblich beschädigt haben.

        Wenn das Bauerntheater dazu führt, dass eine Schere aufklafft dahingehend, dass einerseits kleine, regionale Bio-Höfe und andererseits immer größere Produktionsbetriebe und Tierfabriken entstehen, während das breite Mittelfeld wegbricht, dann sollte man diese Strategie meines Erachtens doch mal überdenken. Vielleicht kann man das doch anders angehen. Ich denke einfach, wenn man die aktuelle Situation von allen Seiten beleuchtet und beide Seiten anhört, kommt man vielleicht weiter.

        Natürlich ist es gut, wenn kleine, regionale Anbieter gute Qualitätsware auf den Markt bringen. Dagegen ist ja nichts zu sagen.

        Der Mechanismus, der die konventionelle Landwirtschaft dahin gebracht hat, wo sie jetzt steht, wiederholt sich in Miniatur bei den Bio-Höfen. Je größer die Nachfrage, desto größer wird der Druck auf die Produktion. Eine gute Anzahl der Bio-Eier kommt m.W. inzwischen gar aus biologischer Massenproduktion, was in sich ja ein Widerspruch ist. Die Verkehrswege verlängern sich. Beispielsweise muss ein Bio-Bauer für den Milchtransport heute eine längere Wegstrecke in Kauf nehmen. Ich habe einen Bericht von einem Bio-Bauern gelesen, der seine Milch schließlich über 300 km transportieren musste, weswegen er schließlich aufgegeben hat. Es werden mehr und mehr Bio-Produkte aus dem Ausland importiert, wo die gesetzlichen Bestimmungen nicht so streng sind und sich die Kontrolle des Anbaus irgendwo verliert.

      • Noch ein vierter Grund: Der Verbraucher ist an billige Lebensmittelpreise gewöhnt und entweder nicht willens oder gar nicht in der Lage, höhere Preise für Lebensmittel zu bezahlen. Die Mieten gerade in angesagten Großstädten sind ja in den vergangenen Jahren durch die Decke gegangen, aber auch sonst überall ist Wohnen teuer geworden. Ich wohne in Frankreich, und hier bezahle ich für Nicht-bio-Produkte im Supermarkt dasselbe wie in Deutschland für Bio. Also ist auch Bio in Deutschland noch zu billig.

  3. @ Geist und Gegenwart

    “Von der Freiheit, an Cholera und Pest zu sterben? Dieses „Kultur-Bashing“ und die Ablehnung der Moderne sind nur aus einer Perspektive der Unwissenheit denkbar.“

    Cholera und Pest sind bereits Folgen von Kultur, weil sie dergestalt nicht von Natur aus entstehen können. Man könnte auch argumentieren, dass dieses “Natur-Bashing“ und das Hochleben des Fortschritts nur aus EINER Perspektive der Unwissenheit denkbar sind …

    Es geht beim Thema Mensch doch nicht darum nur das EINE (Kultur) oder das ANDERE (Natur) in den (verklärten) Himmel zu loben, sondern EINEN ANDEREN Weg zu finden, der lebenswert bleibt, ohne fortwährend Ungleichgewichte zu generieren. Unsere Kulturen sind ja im Grunde nichts anderes als die Quelle von Ungleichgewichten, die wir kulturell umprägen, damit uns die Konsequenzen der Ungleichgewichte nicht den Spaß an unserer modernen Kultur verderben. Eigentlich belügen wir uns selbst und schimpfen all jene einen Lügner, die auf diese Verlogenheit hinweisen …

    • Das ist ja völlig richtig: Ich trete auch nicht für Natur-Bashing ein, ganz und gar nicht (siehe hier http://www.geistundgegenwart.de/p/natur.html). Am liebsten gar kein Bashing sondern differenzierte Auseinandersetzung. Die gibt es ja hier im Blog, das ist doch gut. Ich greife hier ja niemanden in dieser Runde an, denn solche Runden des Diskutierens müsste es viel mehr geben.

      Und dem fingerphilosophen will ich kurz den Wind aus den Segeln nehmen: Keiner sagt, dass „alles gut“ sei. Ganz und gar nicht. Es geht um Differenzierung, um ein Sowohl-als-Auch und darum, es auszuhalten, dass wir keine Patentrezepte haben und es deswegen nicht hilft wie ein Trauernder in der zweiten Phase der Wut zu verharren und mal auf die eine und mal auf die andere Seite einzudreschen. Natürlich gibt es alle negativen Begleiterscheinungen unserer Kultur (das, was man eigentlich „Entfremdung“ nennt), aber es wäre zu kurz gedacht, wenn man meinte, mit einem trotzigen „zurück zur Natur“ hätte man irgend etwas Sinnvolles beigetragen (noch einmal: Ich unterstelle das hier niemandem in der Runde, sondern meine das als allgemeine Beobachtung einer oberflächlich naturverliebten und romantisch-esoterischen Gesellschaft).

      • „Aushalten“ ist ein gutes Stichwort. Dann bitte ich die Großstädter mal, in den Spiegel zu gucken und den Blick auszuhalten. Dann werdet ihr nämlich Massentierhaltung, riesige Anbauflächen und industrielle Bewirtschaftung sehen, weil ein Koloss mit 3,5 Millionen Einwohnern wie Berlin gar nicht anders ernährt werden kann. Wenn ihr euer Großstadtleben so toll findet, dann haltet bitte auch die Kehrseite von eurem Großstadtleben aus und hört mit dem Bauern-Bashing auf.

        Vor 70 Jahren hat ein Bauer vielleicht zehn Menschen ernährt, heute ernährt ein Bauer 133. Ich finde es nicht angemessen, wenn die 133 Leute dem Bauern vorwerfen, dass seine Felder größer geworden sind und er mehr Schweine in seine Ställe pfercht. Zumal, wenn diese 133 Leute nicht bereit sind, selber in der Landwirtschaft zu arbeiten. Wie bitte soll es denn anders gehen, wenn die 133 nicht bereit sind, selber direkt für ihre Ernährung zu sorgen, ja, wenn sie nicht einmal bereit sind, die Produkte der Landwirtschaft angemessen zu bezahlen?

        1975 gab es in Deutschland noch 904.700 Bauernbetriebe. Im Jahr 2016 waren es noch 276.100. Wie bitte soll dieser Rückgang anders aufgefangen werden als mit Intensivierung und Maschinisierung? Ich bitte um Vorschläge. Und bitte keine Luftschlösser, sondern Butter bei die Fische.

        Von den 276.100 Betrieben werden 26.855 ökologisch betrieben, also rund 10%. Diese 10% biologisch wirtschaftender Höfe bewirtschaften 5% der landwirtschaftlichen Fläche und erzeugen 4% der Lebensmittel. Wenn ihr die biologisch wirtschaftenden Höfe genauer anseht, dann werdet ihr dort teilweise ebenfalls Massentierhaltung sehen, weil die Marke Bio, um den steigenden Bedarf an Bio-Lebensmitteln zu decken, nämlich auch nicht mehr ist, was sie mal war, sondern denselben Mechanismen unterworfen ist wie die konventionelle Landwirtschaft.

        Einen Elefanten kann man nicht ernähren, indem man fünf handverlesene Kräutlein züchtet. Ein Elefant braucht einen Ballen Heu, und das jeden Tag. In freier Wildbahn nimmt der Elefant dafür lange Wanderungen in Kauf, die so anstrengend sind, dass der Bestand an Elefanten sich nicht wesentlich vermehrt. Eine Großstadt kann nicht wandern. Sie ist immer auf dieselben Anbauflächen angewiesen. Also werft es bitte nicht dem Bauern vor, wenn er dann Dünger und Glyphosat auf die Felder wirft.

        Der Bauer könnte es tendenziell anders machen, wenn der Großstädter bereit wäre, für sein Hühnchen 18,- Euro zu bezahlen. Das ist er aber nicht. Zum großen Teil kann er es auch nicht, weil er nämlich von seinem Gehalt erst mal den teuren Wohnraum in der Großstadt bezahlen muss. Also rennen von den 133 Leuten mindestens 120 zu Aldi & Co, um ein Hühnchen für 3,79 Euro zu kaufen.

        Regelmäßig ein Hühnchen für 18,- Euro können sich nur die wirklich gut Verdienenden leisten, aber ich finde nicht, dass diese wohlhabenden Menschen, nur weil sie im IT-Bereich oder sonstwo gut verdienen, das Recht haben, einen Berufsstand, der sowieso schon massiv unter Druck steht, noch weiter unter Druck zu setzen.

        Ändert euch selbst, dann ändert sich auch die Landwirtschaft. Soweit es machbar ist. Ich halte es schlichtweg für unmöglich, dass eine Giganto-Struktur wie eine Millionenstadt mit einer kleinbäuerlichen Friede-Freude-Eierkuchen-Idylle dauerhaft zu ernähren ist.

      • Eine seltsame „Vorwurfsverschiebung“, die du da vornimmst! Schließlich war das eigentliche Thema „Bambi ess ich nicht“ – also eine Haltung, die nicht etwa nur auf teure Bio-Hühner verzichtet, sondern auf alles Fleisch, in der veganen Variante auf alle Tierprodukte. Das hat dir als konsequente Haltung nicht gereicht, weil es den Export nicht verhindert – aber hey, den Veggies ist nicht vorzuwerfen, dass sie den Kapitalismus noch nicht abgeschafft haben!

        Falls du mich aufgrund meines Stadtlebens als „reich“ oder auch nur besser verdienend imaginierst: Das ist NICHT der Fall! Ich kann hier z.B. nicht mehr unziehen, weil ich mir die neuen Mieten gar nicht leisten könnte. Als prekäre kleine Selbstständige ohne Vermögen kann ich mich locker nächstens in Hartz4 einfinden, wenn ein Langzeit-Auftraggeber wegbricht. Von einem Facharbeiterlohn ist mein Verdienst weit entfernt.

        Wie Menschen sich ernähren, ist zum großen Teil kulturell beeinflusst. Und was den Klassenaspekt angeht, so geht der Trend oft von oben nach unten: Als man z.B. das weiche, weiße Brot erfand, hatten das zunächst nur die Adligen. Das ist ungesünder als das Brot, dass die einfachen Leute aßen, dennoch verbreitete es sich auch auf die armen Schichten, weil die gerne das nachahmten, was „die da oben“ für gut hielten.
        Es ist also durchaus möglich, dass sich der Konsum von Fleisch auf Dauer in allen Schichten ändert, wenn der Veggie-Trend und der Trend zu „wenn dann teuer und bio“ anhält. Meine Großeltern und Eltern aßen auch nicht jeden Tag Fleisch, da gab es den Sonntagsbraten, die Woche über kamen Tierprodukte nur sehr spärlich zum Einsatz.
        Das rein finanzielle Argument (die Armen MÜSSEN Billigfleisch konsumieren) stimmt einfach nicht, bzw. reicht edenfalls nicht alleine, um die jeweilige Esskultur zu erklären.

        Was die Tierhaltung angeht: Es gibt, wie du selbst sagtest, ja durchaus Haltungsweisen, die weniger schlimm sind, auch im konventionellen Sektor. Würde die Politik tierfreundlichere Rahmenbedingungen setzen, wäre da noch weit mehr zu holen. Auch müssten die Förderinstrumente von Land und EU so geändert werden, dass nicht die Großen das meiste abbekommen, sondern die kleinen Bauern. Zu guter Letzt wundere ich mich aber auch, dass so wenige Landwirte ihre Produktion umstellen. Der Bio-Bedarf von z.B. Berlin kann nicht aus Brandenburg gedeckt werden, die stellen einfach nicht im erforderlichen Maße um. Warum, weiß ich allerdings nicht, also mal eben nachgeschaut:

        „Fehlt es für mehr Biokostläden oder -supermärkte in Brandenburg vor allem an zahlungsfähiger Nachfrage, können märkische Agrarbetriebe andererseits nicht genügend Produkte in Bioqualität erzeugen. Dabei gilt Berlin laut FÖL als Europas größter Biomarkt und böte regionalen Erzeuger- und Verarbeitungsbetrieben beste Marktchancen. Selbst bei Biomilch kann die Nachfrage derzeit nur zu 80 Prozent aus der Region bedient werden. Großen Bedarf gebe es bei Geflügel- und Schweinefleisch, Eiern, Gemüse und Stein- und Beerenobst. Die Gesamtanbaufläche für Biogemüse im Land entspreche gerade der Fläche des Tempelhofes Feldes, schätzt die FÖL….
        ….Aus Sicht des Agrarministeriums in Potsdam zählt Brandenburg im Öko-Landbau bundesweit zur Spitze. Dem hält der Chef der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau entgegen, dass auf diesem Gebiet viel Potenzial weiterhin brach liege. »Im Biobereich hat derzeit faktisch jeder kleine Existenzgründer, der mit einem halben Hektar Möhren oder Rettich startet, Erfolg«, so Wimmer. Es fehle aber an Beratung und Förderung. »Wir haben es hier mit einem Defizit an Kompetenz und Beratungsdichte zu tun.« Die Landesregierung habe die Erzeuger dabei allein gelassen und wichtige Trends im Ökolandbau schlicht verschlafen. Nötig sei ein »Paradigmenwechsel« in der Landwirtschaft – »weg von der Belieferung irgendeines Weltmarktes hin zum heimischen Regionalmarkt«“
        https://www.neues-deutschland.de/artikel/1038934.zu-wenig-bio-aus-der-region.html

        Der Trend zum Stadtleben ist im übrigen ein weltweiter und nicht nur eine Marotte bundesdeutscher Besserverdiener. Ich bin 1999 aufs Land gezogen – und nach 2 Jahren konnte ich das nur zu gut verstehen und ging zurück nach Berlin.

        „Wie bitte soll es denn anders gehen, wenn die 133 nicht bereit sind, selber direkt für ihre Ernährung zu sorgen…“

        Auch diesen Trend gibt es in der Stadt. Nicht nur als „urbanes Gärtnern“ und einem neuen Boom bei den Kleingärten, sondern auch in Form von tollen Projekten wie etwa die „Ackerbande“: eine Gruppe Städter unterhält einen Bauern und arbeitet mit, wenn die arbeitsintensiven Tätigkeiten anstehen:
        http://www.brandenburger-landpartie.de/magazin/alle-fuer-einen-einer-fuer-alle/

        Es ist nicht alles so schwarz, wie du es gerne malst! Kulturelle Veränderungen brauchen halt ihre Zeit – und die Veggie-Bewegung ist ein wichtiger Faktor in diesem Wandel.

      • Wow, danke Claudia – habe viel gelernt von deinem Kommentar. Solche Informationen sind es, die mir helfen zu differenzieren, das Sowohl-als-Auch zu sehen.

  4. @ Jochen Weber

    Das passt und bringt es auf den Punkt.

    Doch bei allem Streben nach Sicherheit und Berechenbarkeit erhebt sich EIN Dämon aus der Komplexität heraus. EINE Komplexität, die immer notwendiger erscheint, obwohl sie nur Folge von Vereinfachungen ist. Vereinfachungen, die letztlich die Sicherheit gewähren sollen. Es ist Zuckerbergs Dämon – die zunehmende Unberechenbarkeit von Menschen, im Rahmen von immer mehr Vereinfachungen, die EIN Umfeld von Sicherheit gewährleisten sollen.

  5. Die Technisierung firmiert unter dem Etikett „Freiheit“. Sie eröffnet dem Menschen neue Möglichkeiten: die Eroberung des Luftraums, des Wassers, des Weltalls. Die Technisierung der Welt hebt ihn über seine naturgegebenen Beschränkungen hinaus: Der Mensch wird zum Schöpfer. Vielleicht wird er gar unsterblich. Doch „Freiheit“ ist das Etikett auf einer Flasche, deren Inhalt sich mehr und mehr als Wermutstropfen erweist.

    Geht es überhaupt um „Freiheit“? Das, was der Mensch als „Freiheit“ betitelt, ist in Wirklichkeit „Sicherheit“. Die Technik verspricht Freiheit, macht in Wirklichkeit das Leben aber sicherer, vor allem berechenbarer. Die Suche nach absoluter Sicherheit ist der Antrieb der Dynamik, von der in obigen Kommentaren die Rede ist. In einer technischen Umgebung fühlt sich der Mensch sicherer als in der Natur, weil die technische Umgebung berechenbar, kontrollierbar ist. Ein Leben in Innenräumen ist sicherer als das Draußen, das dem Ausgesetztsein entspricht. Eine globalisierte Welt verspricht ebenfalls mehr Sicherheit. Und nicht zuletzt verspricht auch das Dasein in der Masse mehr Sicherheit. Deshalb strebt der Mensch die Vermassung an.

    In diesen Komplex gehört auch die Verniedlichung der Flora und Fauna, die im Kinderzimmer anfängt und zum allgemeinen Topos geworden ist. Von niedlichen Tieren geht keinerlei Gefahr aus, sie laden zum Kuscheln ein. Das bedeutet Sicherheit. Die Sucht nach Sicherheit geht sogar soweit, dass Aggressionen, wo sie auftauchen, verniedlicht, beschönigt oder schlicht ignoriert werden.

    Für seine Sicherheit opfert der Mensch alles. Sogar seine Freiheit. Auch wenn er sich das nicht eingestehen kann. Ich gebe der Dynamik ihren Namen: es ist die Sucht nach Sicherheit.

    • Es gibt noch eine andere Tendenz „des Menschen“: alles monokausal auf ein Prinzip verengen zu wollen 😉 Natürlich ist Technik viel zu facettenreich, als dass man sagen könnte, sie liefe nur auf Sicherheit hinaus. Genauso ist es vermessen zu sagen, „der Mensch“ will nur dies oder das… Es gibt nur Menschen im Plural und viele haben ganz unterschiedliche Wünsche, Anforderungen, Präferenzen etc.

      Also ich wäre vorsichtig mit solchen Aussagen wie „alles nur Sicherheit“. Meistens sind sie generalisierend und damit falsch.

      Sicherheit ist ein Aspekt der Technik unter vielen, es gibt viele andere, die mindestens gleichwertig sind und sie alle haben erwünschte und unerwünschte Konsequenzen.

      • Da Sie Monokausalität ablehnen, sind Sie vermutlich gegen die Urknalltheorie. Interessant.

        Alle unterschiedlichen Wünsche, Anforderungen und Präferenzen des Menschen laufen im Endeffekt darauf hinaus, sein Leben zu erhalten, um nicht zu sagen, zu sichern :-).

        Autorennfahrer, Stuntmen, Astronauten und Survival-Experten gehen Risiken ein, um ihr Leben zu erhalten. Die Risiken dienen der Sicherung des Lebensunterhalts. Sie stellen die Randgruppe, aber keine Ausnahme dar.

      • Noch einmal zu der Frage, ob Technik immer auf Sicherheit zurück geht (hatte gestern nicht die Zeit)? Dazu muss man etwas tiefer einsteigen, als das bisher hier diskutierte. Was ist Technik? Ganz allgemein: „die Summer der produzierten Artefakte, die Menschen zwischen sich und die äußere Natur schieben, um handelnd Zwecke zu verfolgen.“ (Ott in „Ethische Vernunft und Technische Rationalität“)

        In der Technikphilosophie unterscheidet man zwischen „Erfahrungstechnik“ (gewissermaßen das ältere, aber immer noch passierende sich Anpassen an vorhandene materielle Strukturen) z.B. beim Faustkeil und die sogenannte „Wissenschaftsfundierte Technik“ (die naturgegebenen Zustände ihren Zwecken anpasst) z.B. in der Gentechnik (nach Hauser, Kritik der Neomythischen Vernunft).

        Beide werden nach der Ott’schen Definition in Stellung gebracht, „um handelnd Zwecke zu verfolgen“. Sind diese Zwecke nun selbst nur Mittel zum Zweck der Sicherheit, wie Jochen Weber sagt? Nun, wenn diese Ansicht vertreten wird, sollte der Vertreter das auch belegen können und schlüssig zeigen, dass es keine anderen Zwecke von Technik gibt. Ich nehme mal hier die umgekehrte Beweislast aus Freude an der Diskussion auf mich.

        In der „Erfahrungstechnik“ kann man die Verbindung zu einem Endzweck der Sicherheit vielleicht noch herstellen. Aber auch hier ist das nicht ganz einfach, will man wirklich ausschließen, dass z.B. Sonnenuhren einfach aus Neugierde, Naturverehrung oder als Statussymbol entwickelt wurden (das Überleben war auch ohne Sonnenuhr in Sicherheit möglich). Oder noch deutlicher: Die Technik des Einbalsamierens von Toten. Hier ist es wirklich nur eine rituelle Handlung aus der Verehrung des Verstorbenen oder der Götter heraus.

        Wenn in den 60er Jahren und schon tief im Zeitalter der „Wissenschaftsfundierten Technik“ Menschen ins All und zum Mond fliegen, dann tun sie das sicher nicht mehr aus einem Sicherheitsbedürfnis. Man macht das, „weil man es kann“, weil es selbst wieder die Wissenschaft und Technik vorantreibt, weil man andere Nationen beeindrucken möchte, weil man sich territorial nun in die dritte Dimension wagt. Wenn die Gentechnik nun Eugenik erlaubt, das Verhindern von (nach welchen fragwürdigen Definitionen auch immer) Leiden oder von vornherein benachteiligtem Leben, dann ist das auch kein Sicherheitsdenken, sondern vielleicht Optimierungs- und Effizienzstreben oder positiv ausgedrückt der Versuch, das Glück zu mehren und das Leid zu mindern.

        Mir ist schon klar, dass man nun an jedes Beispiel rangehen und eine verwinkelte Argumentation in Gang bringen könnte, damit man am Ende doch sagen kann, es geht um Sicherheit. Das hat dann aber nichts mit schlüssigem Argumentieren und mehr mit gutem Erzählenkönnen zu tun (siehe Ockham’s Razor). Es erinnert mich an solche Systemwelterklärungen wie das missverstandene alles sei nur ein „Wille zur Macht“ oder der gern von Laien in Stellung gebrachten Psychologie, das jedes und auch jedes selbstloses Handeln am Ende doch nur egoistisch sei. Man kann alles konstruieren, dass es so aussieht, aber es wird der vielschichtigen menschlichen Psyche nicht gerecht.

        Was mir bei Ihrer Theorie, Herr Weber, noch nicht klar ist: Meinen Sie, es sei ein „Sicherheitsbedürfnis“ um das es geht und das die Motivation für Technik ist oder meinen Sie, es laufe am Ende faktisch auf Sicherheit hinaus? Wenn Sie das erste meinen, dann mag das für einige Menschen mit einem bestimmten psychischen Makeup stimmen (ängstlich, sicherheitsbedürftig, zwanghaft). Wenn Sie das zweite meinen, dann kann man glaube ich ganz schnell zeigen, das Technik alles mögliche ist, von Sicherheit über Ästhetik und Kunst bis hin zu Erlebnis, Stimulanz und Freude (Was haben z.B. interaktiv gesteuerte Sexspielzeuge mit Sicherheit zu tun?)

        Um es ganz klar zu sagen: Wenn Sie jegliche Technik mit Sicherheit erklären wollen, dann haben Sie beschlossen, einen eindimensionalen Standpunkt einzunehmen und jegliche Daten und Argumente diesem Standpunkt unterzuordnen, damit Ihre Erzählung stimmt. Das kann man machen und kann auch plausibel klingen, aber es hat nichts mit der Realität zu tun.

      • Die erste „Sonnenuhr“ befindet sich in Nabta-Playa, dem Schwemmlandbecken in der nubischen Wüste (Ägypten). Es ist eine Megalith-Anlage für Kalenderzwecke, zur Bestimmung der Sommersonnwende, 5000 v. Chr. und rund 1000 Jahre älter als Stonehenge. Die Megalith-Anlage diente den Nomaden dazu, ihre Wanderungszeiten festzulegen, um so über den Jahreslauf immer dort zu sein, wo es Nahrung gab. Die Sommersonnwende war ein Zeichen zum Aufbruch. Ich würde schon sagen, dass der Wunsch, dort zu sein, wo sich Nahrung befindet, einem Sicherheitsbedürfnis entspringt.

        Mit der Agrarisierung wurde die Sonnenbeobachtung notwendig, um rechtzeitig säen zu können. Mit Neugierde, Naturverehrung und Statussymbol hat das nur am Rande zu tun. Der Hauptgrund: man wollte sichergehen, dass man genug zu essen hatte. Es gibt keine Megalith-Anlagen VOR der Agrarisierung: das legt den Verdacht nahe, dass die Sonnenbeobachtung in erster Linie mit Aussaat und Ernte zu tun hat.

        Der Begräbniskult entspringt der Angst, dass die Toten entweder wiederkehren (weshalb man ihnen eine Reiseausrüstung mitgab, um sie endgültig los zu sein), oder dass sie nicht zufrieden sind und ihre Nachfahren mit Unglück verfolgen. Oder in der positiven Variante: wenn man die Toten verehrt, bringt das Glück und Erfolg. Auch hier steckt ein Sicherheitsbedürfnis dahinter. Man versichert sich der Hilfe der Ahnen.

        Sorry, ich sehe darin keine verwinkelte Argumentation. Das sind die einleuchtendsten Schlussfolgerungen, die sich anhand der Artefakte aus der Vergangenheit ergeben.

      • Gut, Herr Weber, ich will Sie nicht überzeugen. Wenn Ihnen das wichtig ist, dass alles nur auf ein Sicherheitsbedürfnis hinausläuft, dann halten Sie mal zur Sicherheit daran fest. Schadet vielleicht auch nichts 😉

        Es erscheint mir nur unplausibel, dass das ALLES auf Sicherheit zurückzuführen sein kann. Wie wir an dem Sexspielzeug sehen, muss man sich da schon ganz schön verrenken, um das noch zu erklären. Aber, ja – es geht, Sie können alles Ihrer Narration unterwerfen. Das ist das Gute an der Postmoderne: Anything goes. Und das bringt uns direkt ins postfaktische Zeitalter.

        Ich denke, wir können als Erwachsene damit leben, in dieser Sache jeweils anderer Meinung zu sein.

      • So weit braucht man gar nicht erst ausschweifen, um zu zeigen, dass Technik keineswegs nur nach Sicherheit strebt. Man braucht bloß mal einen Blick auf die vielen Medien werfen, die sich den neuesten Gadjets, Apps und Geräten im Kommunikations- und Medienbereich widmen. Kaum irgendwas davon ist „nur für die Sicherheit“, sondern vieles für Bequemlichkeit, Steigerung der Reichweite, Selbstdarstellung, just for fun.

      • „Mir ist schon klar, dass man nun an jedes Beispiel rangehen und eine Argumentation in Gang bringen kann …“

        Ich muss mal in der Wikipedia nachsehen, um welchen Typ von Argument es sich hierbei handelt. Ich schwanke zwischen folgenden rhetorischen Figuren:
        a) der Unterstellung eines unlauteren Motivs
        b) eines Totschlagarguments
        c) eines argumentum ad hominem

        Auf jeden Fall ist es ein Argument, das mich bereits im Vorfeld daran zu hindern versucht, meine Position weiter zu vertreten. Ein Gesprächspartner, der so argumentiert, will auf Biegen und Brechen Recht behalten, aber nicht mit offenem Ausgang diskutieren.

        „Um es ganz klar zu sagen: Wenn Sie jegliche Technik mit Sicherheit erklären wollen, dann haben Sie beschlossen, ….

        Da ich bei Ihnen ja bereits mit meinen Vermutungen danebenliege, können Sie unmöglich wissen, ob ich etwas beschlossen habe und was es ist. 🙂

        Und nun zum Thema: Technik ist in der Tat die Summe der produzierten Artefakte, die Menschen zwischen sich und die äußere Natur schieben, wie Herr Ott korrekt feststellt. Das heißt, der Mensch entzieht sich in dem Maße der Natur, wie sich die Technik dazwischen schiebt. Die Natur hat weniger Zugriff auf den Menschen. Er ist der Natur weniger ausgesetzt. Anders ausgedrückt: Der Mensch panzert sich mit seiner Technik gegen die Natur und die Bedingungen der Natur. Das entspringt meines Erachtens dem Bedürfnis nach Sicherheit.

        In diesem Kontext verorte ich übrigens auch das interaktiv gesteuerte Sexspielzeug. Ich habe damit keine persönliche Erfahrung, aber ich vermute, dass der oder die Benutzer sich – wie im Internet – zum Objekt machen, was zwangsweise mit innerlicher Distanzierung einhergeht. Der Benutzer bringt sich nicht in derselben Weise ein wie beim normalen Sex, bei dem man seinem Partner oder seiner Partnerin in die Augen sieht und dort möglicherweise eine Verletzung, Unlust oder ein anderes negatives Gefühl erkennt.

        Warum fliegen Menschen zum Mond? Vielleicht aus Abenteuerlust. Warum fliegen sie jetzt nicht mehr zum Mond? Vielleicht aus einem Bedürfnis nach Sicherheit heraus. 🙂
        Ergo: das Bedürfnis nach Sicherheit hat die Abenteuerlust schachmatt gesetzt.
        q.e.d.

  6. Für mich klingt es ein bisschen weit gegriffen, der Veggie-Bewegung die Liebe zu der hochindustrialisierten Welt nachzusagen. Klar ist diese Bewegung korrumpiert in den letzten Jahren, aber nur dadurch, dass sie überhaupt Mode geworden ist, konnte sich auch ein entsprechender Markt erschließen. Plastik und Synthetik essen wir Menschen inzwischen alle, nicht erst seit Menschen sich dazu entschließen vegan zu leben. Ich meine dazu gehören klar die modernen Großstadtmenschen, die sich selbst optimieren, effizienter machen wollen, die auch fliegen, im Büro arbeiten und in einer fatalistischen in Plastik eingeschweißten Disney-Welt aufgewachsen sind. Aber darüber hinaus bedingt natürlich der globale Markt, die industrielle Massenproduktion und auch zum großen Teil hier die stattfindende Überwachung, dass sich Menschen dazu entschließen kein Fleisch oder generell keine tierischen Produkte mehr zu essen bzw. zu kaufen. Das hat an und für sich noch nichts mit dem Lebensstil von hippen Großstädtern zu tun, die sich mit dieser Bewegung „kleiden“ wollen, sondern damit, dass Menschen erkennen, dass Lebewesen einfach nicht zu tausenden in Ställen eingesperrt und vollständig ihrer natürlichen Lebensäußerung und -entfaltung entzogen werden können, ohne, dass daraus folgt, dass Tod und Leid sich zwangsläufig hier vermischen. Es ist natürlich klar, dass das Städteleben wiederum dazu führt, so, wie wir es heute sehen, wo jede existentielle Basis von der Scheinwelt darin ausgelagert ist und noch zunehmend wird, dass sich alles auch vom natürlichen, ursprünglichen und organischen Leben abkapselt und daher auch synthetisches, künstliches und anorganisches weit mehr Zuwachs und Aufmerksamkeit bekommt, also auch bedingt, dass die Menschen in dieser Blase, wenn überhaupt, sehr abstrahierte und verdrehte Begriffe und Vorstellungen von Natur haben.
    Ich denke jedoch, dass es beiderlei ist. Einerseits eine Art Flucht nach vorn, weil man sich immer auch von der Masse abheben möchte, scheinen möchte, als Vereinzelter dieser Art von Selbstverwirklichung und Individualismus nachstrebt, der hier so schön zum ästhetischen Selbstzweck verkommt und damit auch immer weiter den Schein, die Vertechnisierung des Lebendigen weiter nach vorne kehrt. Aber dass darin auch eine Bewegung liegt, die sich distanzieren möchte, von diesem Eingriff des Systemischen in die Natur, von vollautomatisch industrialisierten Prozessen, die hier auf Lebewesen angewandt werden, die gezwungenermaßen in diese Maschinerie geraten sind. Und dass diese Bewegung nun mal auch damit anfängt, seine Gewohnheiten zu ändern, hinsichtlich des Konsumverhaltens.
    Leider sind solche Bauernhöfe, wo früher sicher auch noch viele Nichtnutztiere wie Katzen und Hunde heimisch waren, bestimmt nicht mehr die Normalität. Diese wurden doch von großen Agrarkonzernen abgelöst, wo Tiere in Monokultur zu Tausenden eingepfercht sind, ihrer natürlichen Triebe beraubt, ihres Lebensraumes abgeschnitten. Dort finden sich dann sicher auch keine „frei“ lebenden Draußenkatzen mehr oder andere Tiere, die hier und da von den Resten oder Hausabfällen mitversorgt werden.
    Der darauf begründete Tierschutz zur Bändigung von Tierleid hat auch diese zwei Seiten. Zum einen ist den Tieren ein Lebensraum genommen, wo sie lebendig sein können, also entsteht hier auch Leid, wo der Lebensraum nicht mehr für instinktives Verhalten und Lebendigsein als solchem aufkommen, es tragen kann. Dann stellt es sich auch zwangsläufig so dar, dass hier das frei sich äußernde Leben vermehrt überwacht, aufgesammelt, kategorisiert und untergebracht wird und werden muss, wo keine Umkehr stattfindet. Also auch sich Haustiere, Katzen und Hunde in den Singlehaushalten vermehren, weil sie von einem „freien“ Leben auf den Straßen verschwinden. Und dies wieder die Fleischproduktion in Form von Tiernahrung ankurbelt.
    Weder lässt sich der Großstadtveganer, der Milchviehbauer oder der Katzenliebhaber für seine Antriebe und Verhaltensweisen verurteilen, noch kann einer von allen für derartig sich gegenseitig bedingender Prozesse wirklich verantwortlich gemacht werden, während alle sich als Angehörig im systemischen Apparat befinden, ohne daraus entweichen zu können. Die Frage bei allen diesen Prozessen ist doch, wohin damit? Wohin mit dem Leben, das inzwischen seiner Natürlichkeit enthoben, in seine Zellen gesperrt, fort existiert um in seinem Fühlen des noch Lebendigseins in sich irgendwie auszuharren in einer Welt die freie Lebensäußerung nicht mehr zulässt, die sich irgendwo verpuppt und abkapselt, denn schließlich muss der Mensch, von Natur aus, auch alles tragen, was in der Vielzahl seiner Facetten alles, letztlich auch durch sein eigenes menschliches Handeln bedingt, wieder und noch auf ihn zukommt. Wohin also mit dem Leben, dass künstlich an eine Existenz in einer Zelle angepasst wurde, wenn die Massenproduktionsanlagen, Schlachthäuser, Altenheime, Tierheime und alle anderen Herbergen für ausrangiertes Leben abgeschafft werden müssen, weil sie ein Leben in Isolation, Gefangenschaft und Leid bedeuten? Wenn die Gnadenhöfe die man sich wünscht doch das sind, was der Mensch hinter sich zugemüllt, verseucht und verasphaltiert hat, so dass diese geschaffenen Innenräume, in denen das instinktive Leben in seiner Lebendigkeit zwar eingesperrt ist, doch das einzige ist, das noch zum Verharren, zum weiter darin existieren, verbleibt.

    • Wenn Verurteilungen erst mal beiseite gelassen werden und stattdessen die Prozesshaftigkeit/Dynamik gesehen wird, in die ausnahmslos jeder von uns eingebunden ist, bringt uns das wenigstens dahin, dass wir sehen, was IST, ohne dass der Blick durch Ideologien verstellt ist. Sowohl der Großstadtveganer wie der Milchbauer hat seine jeweilige Geschichte, die ihn dahingebracht hat, wo er jetzt eben gerade steht. Wir befinden uns tatsächlich alle in einem systemischen Apparat oder einem Superorganismus, der sich über die Jahrtausende, sogar Jahrhunderttausende, durch die Symbiose von Mensch und Feuer entwickelt hat. Zuerst ein langsamer Prozess, der durch die Agrarisierung und die Industrialisierung jeweils einen Beschleunigsungsschub erfahren hat. Ohne die Benutzung des Feuers hätten weder Agrarisierung noch Industrialisierung stattfinden können.

      Ich habe vor längerer Zeit einen Artikel gelesen, dass die Technosphäre, mit der wir Menschen uns umgeben – Straßen, Autos, Staudämme, Kugelschreiber, Häuser, Computer, Stromleitung, eben all die Produkte zusammen – 30 Billionen Tonnen wiegt. Das ist 100.000x mehr als das Gewicht aller Menschen zusammengenommen, 50 kg auf jedem qm der Erdoberfläche. Diese Technosphäre und die Kontrolle dieser Technosphäre lässt die freie Lebensäußerung nicht mehr zu, weder bei Mensch noch Tier. Die Industrialisierung der Landwirtschaft gehört ebenso in diesen Komplex wie das Großraumbüro in der Großstadt. Diese Technosphäre bringt die Natur i.S.v. Flora und Fauna zum Verschwinden.

      Freies, natürliches Leben reguliert sich selber, ohne dass Überwachung ein Thema ist. Einem technischen Komplex, dessen Innenräume die Waben bilden, wo das Leben nur noch vor sich hinvegetiert, ist Steuerung und Überwachung inhärent.

      So gesehen, ist der Protest gegen die Massentierhaltung vielleicht tatsächlich eher ein Aufschrei gegen das, was mit uns allen passiert. Ein Aufschrei gegen die sich verdichtende Technosphäre, die uns zu fensterlosen Monaden in einer Kunstwelt macht. Was Massentierhaltung und Massenmenschhaltung angeht, so ist das nicht zweierlei: auch für Menschen geht die Natur, die Lebendigkeit, die artgerechte Haltung und vor allem die Freiheit verloren. Menschen nehmen ebenfalls Fertigfutter, Antibiotika und künstliche Hormone zu sich. Die Lebensbedingungen von Menschen sind nicht so viel besser wie die von Tieren in Massentierhaltung. Aber der Mensch merkt das gar nicht, so sehr halten ihn seine künstlichen Beschäftigungen in Atem. Und seltsamerweise sucht der Mensch zu all dem ja auch noch zu seinem Vergnügen freiwillig Massenveranstaltungen auf: Fußballspiele, Rockkonzerte, Einkaufsmalls, Flugzeuginnenraum, U-Bahn. Würde er das tun, wenn das Dasein als Masse so unerträglich wäre, wie der Tierschützer es auf die Tiere projiziert?

      Wenn die Veggie-Bewegung eine Flucht nach vorn ist, so führt sie noch tiefer in die Technosphäre und Unfreiheit hinein. Das ist damit gemeint, wenn ich sage, dass die Veggies die hochindustrialisierte Welt mehr lieben als die Natur. Die Veggie-Bewegung versucht mit dem natürlichen Stoffwechselkreislauf zu brechen. Wenn nichts Tierisches gegessen wird, müssen Nahrungsergänzungsmittel den Fehlbedarf (bspw. B12) decken, also im Labor mit großem Energieaufwand hergestellte chemische Produkte. Wenn die Felder nicht mit tierischem Dünger gedüngt werden, dann braucht es die auf Erdölbasis hergestellten chemischen Produkte, die zur Herstellung energieintensiver sind als der Mist von Ziegen und Kühen. Die Distanzierung funktioniert nicht, sondern bewirkt im Gegenteil die noch tiefere Verstrickung. Und genau das möchte ich thematisieren und darüber diskutieren.

      Ja, ich denke, den Veggies geht es in erster Linie um die Distanz. Da stimme ich voll und ganz zu. Sie möchten mit all dem nichts zu tun haben. Sie möchten sich unschuldig fühlen können. Es geht ihnen im Grunde gar nicht um die Abschaffung oder Verminderung des Tierleids, das sie sich auf die Fahne schreiben, sondern darum, dass sie selber nichts damit zu tun haben. Aber damit machen die Veggies sich eben was vor. Weil sie mit ihrer Distanzierung die Technosphäre befördern. Und zum anderen geht es um den hippen Lebensstil mit einer Selbstinszenierung als Performer und Optimierer. Aber ich denke, die Distanzierung ist das sehr viel stärkere Motiv. Das ist ein guter Hinweis.

      Ich habe meine Zweifel, ob sich an der Gesamtdynamik, die sich durch die Vernichtung von Freiheit und Natur einerseits und Überwachung und Vercyborgisierung/Vertechnisierung andererseits auszeichnet, viel ändern lässt. Aber wenn doch, dann doch am ehesten, wenn Bauern mehr Unabhängigkeit von Agrarkonzernen erlangen und wieder freier wirtschaften können. Bis vor Kurzem war ich der Meinung, dass die Gesamtdynamik uns alle dirigiert und jeder von uns ihr unterworfen ist. Aber vielleicht liegt in der Unabhängigkeit der Bauern ein Schlüssel, denn der Bauer stellt ja trotz allem immer noch unser Bindeglied zur Natur dar. Wenn die Verbraucher insgesamt drauf hinarbeiten würden, dem Bauern wieder mehr Handlungsspielraum zu verschaffen, könnte das vielleicht mehr Freiheit für die Gesellschaft als Ganzes bedeuten. Dafür bräuchte es dann aber ein Bündnis mit den Bauern, keine Distanzierung.

      • „…Diese Technosphäre und die Kontrolle dieser Technosphäre lässt die freie Lebensäußerung nicht mehr zu, weder bei Mensch noch Tier.“

        “ Die Lebensbedingungen von Menschen sind nicht so viel besser wie die von Tieren in Massentierhaltung. Aber der Mensch merkt das gar nicht, so sehr halten ihn seine künstlichen Beschäftigungen in Atem.“

        Manchmal frage ich mich, wo und wie du eigentlich lebst. Würdest du denn lieber durch einen Dschungel robben und nach Würmern und Wurzeln suchen? (Schon das Agrarische ist dir ja ein Schub weg vom „artgerechten“ Leben, oder seh ich das falsch?).

        Dass Menschen nicht merken, wie „entfremdet“ sie leben, kenne ich noch aus Zeiten der K-Gruppen und es hat mich schon damals geärgert, ganz ebenso wie die Fans der Psychoanalyse in Diskussionen immer fein raus waren: man hat halt Widerstände, die das Richtige nicht erkennen lassen etc. usw.

        Damit will ich nicht Kapitalismuskritik oder Psychoanalyse an sich kritisieren, sondern diesen Impetus, Anderen zu unterstellen, sie hätten keine Ahnung wie mies/entfremdet/unfrei/ es ihnen im Leben so geht. Das entzieht jeder Diskussion die Grundlage, nämlich dass man der Selbstauskunft des Gegenübers erst einmal glaubt.

        Aber zur Sache: in der Massentierhaltung haben die Tiere keine Möglichkeiten, sich artgerecht zu bewegen. Sie werden gleich beleuchtet, gefüttert, gefesselt (Anbindehaltung), medikamentiert und geschlachtet.

        Als Städterin und Einwohnerin z.B. Berlins habe ich geradezu riesige Freiräume und unzählige Möglichkeiten. etwas anders zu machen als meine Mitmenschen.

        Ich hatte einen Baulückengarten und jetzt einen in einer der vielen Kleingartenanlagen. Da kommen jetzt immer mehr Jüngere, denn Gärtnern wird nicht mehr als „spießig“ empfunden. Auf den Balkonen meiner Umgebung wird immer mehr Gemüse angepflanzt, es gibt Gemeinschaftsgärten und Baumscheibengärtchen.Das Tempelhofer Feld ist auf Wunsch der Städter (Bürgerentscheid) nicht bebaut und nicht gestaltet worden und bieten unzähligen Einwohnern Platz für alles, was ihnen Spass macht, doch werden auch Bereiche gesperrt, wenn die Feldlerche brütet. Wie unglaublich „grün“ Berlin ist, sieht man gut von oben (Vogelperspektive-View), nicht nur in Form von Straßenbäumen, Parks, Wasserstraßen, Stadtwäldern etc. sondern in nahezu jedem Hinterhof gibt es Bäume und verschiedenste Bepflanzungen.

        Wer mit Grün nix am Hut hat, kann auf eine riesige Kulturlandschaft zugreifen oder sich auf allen erdenklichen Feldern engagieren, was auch jede Menge Leute machen. Die Initiativen bürgerschaftlichen Engagements oder klassischer Ehrenämter aufzuzählen, würde jeden Rahmen sprengen.
        Auch gibt es ganz verschiedene Lebenswelten durch die verschiedenen Einwanderer mit ihren Kulturen, an denen der gemeine Berliner Zuzügler auch Anteil nehmen kann, wenn gewünscht. Ach ja, das breite Bildungsangebot hab ich noch gar nicht erwähnt..

        Dies alles ist selbstverständlich nicht „Natur“ im Sinne von „Wildnis“. Aber sehr wohl menschliche Natur, die eben technische und kulturelle Weiterentwicklung bedeutet. Es ist uns nun mal möglich, sehr zufrieden damit zu sein, dass unser Müll entsorgt, der Strom geliefert wird, der Netzanschluss bereit steht für so „unnatürliche“ Tätigkeiten wie solche Blogdiskussionen. Ich schätze das, es macht mir unzählige „freie Lebensäußerungen“ überhaupt erst möglich und ich bin wahrlich froh, nicht zu einem früheren Zeitpunkt auf die Welt gekommen zu sein!

        Unsere Situation ist jedenfalls SEHR WEIT entfernt von der Situation eines Schweins in der Massentierhaltung. Wie man das anders sehen kann, fasse ich einfach nicht!

      • Den Menschen ist ja nicht mal richtig bewusst, dass sie das Ergebnis einer Symbiose aus Waldaffe und Feuer sind und dass sie deshalb überhaupt noch nie im Einklang mit der Natur gelebt haben. Die einen halten sich für göttliche oder gottgeschaffene Wesen und die anderen glauben, dass der Waldaffe wundersamerweise plötzlich Geist entwickelt hat. Ebenso macht sich kaum ein Mensch klar, dass Religion und Technik die beiden Seiten derselben Medaille sind. Da ist es nur gut, wenn ein Querdenker wie ich daherkommt und die Glaubensgrundsätze der Menschen mal auf den Kopf stellt.

        Wie kommst Du eigentlich darauf, dass ich unter „artgerechter Menschenhaltung“ Herumrobben im Dschungel verstehe? Dabei sage ich doch die ganze Zeit nichts anderes, als dass wir Menschen von allem Anfang an die Gegenspieler des Dschungels sind. Denn Menschsein fängt mit der Domestikation des Feuers an, und mit Feuer fackelt man den Dschungel ab, um es mal in verkürzter Form auszudrücken. Seit es Menschen gibt, vernichten sie Dschungel. Was ich in meinem Blog darlege, ist, dass das nicht erst vor 200 oder 500 oder 7000 Jahren angefangen hat, sondern bereits bei den Vorläufern des Homo sapiens, dem Neandertaler, dem Homo erectus, bis sogar vielleicht zu den Australopithecinen. Seit einer Million Jahre wird von menschenähnlichen Wesen Feuer genutzt, den Homo sapiens gibt es erst seit 200.000 Jahren.

        Ich mache mir Gedanken darüber, wohin die Symbiose mit dem Feuer uns Menschen führen wird, und eine ziemlich wahrscheinliche Möglichkeit, die sich auch erkennbar abzeichnet, ist die Vercyborgisierung, dh. wir benötigen immer noch mehr Technik, um das Alltagsleben zu bewältigen. Dh. das System, in dem wir leben, wird immer komplexer und schränkt aufgrund der Komplexität freie Lebensäußerungen immer mehr ein. Die Einschränkung erkenne ich allerdings auch an dem, was Du als tolle Möglichkeiten der Lebensentfaltung einstufst. Sorry, wenn ich das so sage.

        Als Menschen leben wir sehr gern in immer größeren Massen. Wir streben die Vermassung doch förmlich an. Rinder, Schweine, Ziegen, Schafe begleiten den Menschen seit nunmehr 10.000 Jahren. Durch Züchtung wurde der Prozess der Anpassung dieser Tiere an unsere Verhältnisse massiv beschleunigt. Diese Tiere befinden sich im selben Prozess wie der Mensch, deshalb kannst Du als artgerechte Haltung nicht das Verhalten der Wildformen zugrundelegen.

        Wenn man Dich heute mit Pfeil und Bogen in den Dschungel schicken würde, wäre das Dir gegenüber eine Grausamkeit, weil Du im Dschungel nicht zurechtkommen würdest. Es sei denn, Du bist ein heimlicher Survival-Freak, was ich Dir jetzt aber nicht zutraue. Ebenso wäre es eine Grausamkeit, wenn man heutige Schafe und Ziegen in der Savanne aussetzen würde. Was ist also artgerechte Haltung für diese Tiere? Das, was vor 50 oder 100 Jahren gut war? Sorry, da haben die Tiere in engen und finsteren Löchern gehaust, die nach Ammoniak gestunken haben. Die Bauernstuben waren ebenfalls finster und eng und nicht ganz frei vom Geruch aus dem Stall.

        Die Tiere und die Haltung der Tiere entwickelt sich entsprechend, wie wir uns als Menschen entwickeln. Davon rede ich.

      • Danke, Claudia – du sprichst mir aus der Seele mit deinen Gedanken zu Natur und Kultur (merke, nicht: vs.). In der philosophischen Anthropologie gibt es dafür ja auch den treffenden Ausdruck der Kultur als zweite Natur des Menschen, eben weil er nicht denkbar ist, ohne Kultur. Die Kultur IST seine Natur. Deshalb ist die Entfremdungsdebatte auch immer so unleidlich, weil oft nicht verstanden wird, dass es kein nicht-entfremdetes Leben gibt. Entfremdet wovon denn eigentlich? Von der Freiheit, an Cholera und Pest zu sterben? Dieses „Kultur-Bashing“ und die Ablehnung der Moderne sind nur aus einer Perspektive der Unwissenheit denkbar.

      • Na, dann ist doch alles wunderbar. Wir haben keine Überbevölkerung, keinen Klimawandel, keinen Plastikmüll im Meer, kein Artensterben, keine Abholzung. Dafür können wir zwischen einem Baulücken- und einem Kleingarten wählen. Wow! Es lebe die Kultur!

        Und äh ja … , übrigens …, wenn ich das mal so ganz am Rande anmerken darf: Thema dieses Blogs ist es, dass es kein nicht-entfremdetes menschliches Leben gibt.

        Und äh ja … , lieber Gilbert, … wie war das noch mal mit Deinem Kulturpessimismus? Dark Mountain Bewegung? Und so weiter?

      • Sorry für meinen letzten Kommentar vor diesem hier…. der ist redundant, denn ihr seid ja beide zu den selben Schlüssen gekommen (war in meinen E-Mail-Notifications über die Kommentare hier nicht zu erkennen) und ich weiß auch, dass keiner von euch beiden Kultur-Bashing macht, meinte das als eher allgemeine Beobachtung.

      • Es gibt für dich also keine „menschliche Natur“? Auch nach deiner Beschreibung „Symbiose aus Affe und Feuer“ wäre das in meinem Sprachverständnis eben „menschliche Natur“: des Menschen Natur ist, dass er ein Kulturwesen ist, Techniken entwickelt und Feuer (aber auch andere Energien) nutzt.

        Ich habe was die Nutztiere angeht nie behauptet, ihnen Lebensbedingungen „wie in der Wildnis“ verschaffen zu wollen. Es gibt da mittlerweile ein breites Wissen, was Schafe, Schweine, Rinder und Hühner für Verhältnisse benötigen, um sich wohl zu fühlen. Das ist machbar, wie ja doch viele Höfe vorführen, die per Neuland- oder Bio-Label vermarkten.

        “ Die Einschränkung erkenne ich allerdings auch an dem, was Du als tolle Möglichkeiten der Lebensentfaltung einstufst. Sorry, wenn ich das so sage. “

        Kein Problem, ganz im Gegenteil würde mich interessieren, was ich denn noch vermissen könnte! 🙂

      • Was heißt „menschliche Natur“? Kulturwesen, das Techniken entwickelt und Feuer nutzt. Klar. Sage ich doch. Ist halt nur so, dass der Begriff Natur extrem vieldeutig ist: a) Evolution i.S. von Dynamik = Prozesshaftigkeit b) Flora und Fauna im bestehenden IST-Zustand b1) ohne menschliche Eingriffe b2) inklusive menschliche Eingriffe b3) Kulturlandschaft c) Wesensart etc. Trotzdem kommt es mir vor, als wären wir uns zur Abwechslung so pi mal Daumen doch mal einig. Das ist doch mal ein positives Diskussionsergebnis 🙂

        Von wem kommt das angeblich breite Wissen? Und inwieweit sind in dieses Wissen frühkindliche Disney-Prägungen miteingeflossen? Hast Du noch nie drüber nachgedacht, dass es bei den Tierschutz-Organisationen genauso ums liebe Geld geht wie bei den Bauern und Schlachthofbesitzern? Und man deshalb beide Seiten ernst nehmen und anhören sollte?

        Was Du vermissen könntest? Vielleicht die Erkenntnis, dass es bei freien Lebensäußerungen gar nicht um die Wahlmöglichkeiten geht?

      • Willst du im Ernst behaupten, es gäbe keine Erkenntnisse darüber, wie man Nutztiere so hält, dass es ihnen deutlich besser geht als in der klassischen Massentierhaltung? Dazu muss man doch nicht mal wissenschaftl. Studien anführen, sondern kann einfach einen entsprechenden Hof aufsuchen und die frei laufenden Schweine dort mit jenen vergleichen, die im Mindeststandard leben müssen (davon gibt es recht eindrückliche Videos, aus TV-Dokus). Das ist unmittelbar evident! Und ich kann nicht glauben, dass du das wirklich leugnest.

        „Was Du vermissen könntest? Vielleicht die Erkenntnis, dass es bei freien Lebensäußerungen gar nicht um die Wahlmöglichkeiten geht?“

        Es geht natürlich auch um deren Nutzung. Aber das meinst du nicht? Was dann?

      • Vor allem gibt es Erkenntnisse darüber, was die Haltung von Nutztieren unter bestimmten Bedingungen kostet. Ob Du einen Öko-Hof mit freilaufenden Schweinen nimmst oder eine moderne Intensivhaltung oder eine Anbindehaltung: alle drei Arten gibt es nur, weil es sich jeweils rechnet. Wenn das Geld der Wohlhabenden über den Bio-Laden zum Öko-Hof fließt, rechnet sich das genauso, wie wenn das Geld der Nicht-Wohlhabenden oder Geizigen über Aldi & Co. in die Intensivhaltung oder Anbindehaltung fließt. Wo Du die klassische Massentierhaltung anprangerst, führst Du in Wirklichkeit einen Klassenkampf: Im Grunde wirfst Du den weniger Wohlhabenden vor, dass sie weniger wohlhabend sind und ihre Hühnchen deshalb bei Aldi kaufen. Das heißt, das machst Du ja gerade nicht, stattdessen betreibst Du Bauern-Bashing. Was erwartest Du denn? Dass die Bauern Wunder vollbringen und unentgeltlich glückliche Schweine züchten? Dass die Großstädter Kapitalisten sein dürfen, aber die Bauern nicht? Darauf läuft’s doch hinaus. Wenn hier einer etwas leugnet, dann bin nicht ich das.

        Es geht weder um Wahlmöglichkeiten noch um die Nutzung derselben. Wahlmöglichkeiten sind nur für das Ego interessant, das sich frei glaubt, wenn es zwischen a) und b) entscheiden kann. Je mehr Wahlmöglichkeiten, desto freier glaubt sich das Ego. Das Ego ist aber eine unlebendige Struktur. Bei freien Lebensäußerungen geht es um den Kontext, in dem Leben stattfinden kann. Je vielfältiger die Kontexte, desto freier die Lebensäußerungen. Wenn du dir die aktuellen Entwicklungen anguckst, dann siehst du, dass der Kontext der Menschen, also die Lebensbedingungen, sich vereinheitlicht. Die technisch-industrielle Struktur ist überall auf der Welt dieselbe. Sie bringt überall bloß Kopien ihrer selbst hervor, keine Originale wie die Natur. Eine Wüste ist ein ganz anderer Lebensraum als eine Halbwüste oder gar ein Regenwald. Eine Stadt ist sich immer ähnlich, egal, ob sie nun in Brasilien oder Vietnam oder Deutschland liegt. Wer eine Stadt kennt, findet sich in allen anderen zurecht, ohne dass er was prinzipiell Neues lernen muss.

  7. Sicher können die ANDEREN nur verlieren, denn das Bild, welches wir EINEN von ihnen haben, ist nur in der künstlichen Vorstellung stets verfügbar, im wahren Leben jedoch immer unverfügbarer. Daher kann die Natur selbst nur verlieren, da sie uns nie derart verfügbar ist, wie wir es mehr und mehr gewohnt sind, dass uns etwas zur Verfügung zu stehen hat. Jeder Fingerzeig über EIN Display hat sofort etwas zur Folge, Natur jedoch lässt sich, mitunter zyklisch, Zeit. Wie soll Natur denn Kinder erreichen bzw. sie ansprechen bzw. sie informieren, wenn Kindern die Zeit viel zu lang wird bis die Natur ihnen antwortet? Vor ein paar Jahren genügte es EINEM Surfer, wenn EINE Internetseite innerhalb einer halben Sekunde erreichbar war. Heute ist aus der halben Sekunde EIN Bruchteil geworden – und schon ist der Surfer fort, weil der Seitenaufbau EINE Ewigkeit dauert. Wir EINEN erhöhen die Effizienz aus Sicht der Zeit und benötigen dafür immer mehr Energie. Die ANDEREN, von Natur aus, haben alle Zeit der Welt und erhöhen so die Effizienz aus Sicht der Energie.

    Disneys verdrehte Sicht der Natur, mit all ihren Lebenwesen, und deren Umwandlung in künstliche Errungenschaften, zeigt sich auch darin, dass Disney jedem seiner Kreationen EIN Copyright über Jahrzehnte einbrennt – um es immer weiter auszudehnen:

    http://artlawjournal.com/mickey-mouse-keeps-changing-copyright-law/

  8. Spannender Artikel, danke!

    Nur am Rande: Bei uns gibt es natürlich keine Disney-Tapeten und einen Fernseher für den König der Löwen haben wir nicht. Ich habe meinem Sohn (9 Monate) gestern eine Unterwasser-Doku über Wale im Internet gezeigt, er war fasziniert, aber ich weiß nicht wovon.

    Dein zuletzt beschriebener Effekt, dass uns die echten Tiere egal werden, ist natürlich möglich. Auch möglich ist aber, dass die Konfrontation mit Tierfiguren im Kindesalter dazu führt, dass sich die Kinder (wenn sie die Distinktion zwischen Fiktion und Realität hinbekommen) so geprägt werden, dass sie sich für den Erhalt einsetzten.

    Was die ganze Anthropomorhisierung mit den kleinen Psychen wirklich macht, weiß ich aber auch nicht. Wäre interessant, wenn es dazu psychologische Studien gäbe. Kann ich mir aber nicht vorstellen.

    Generell würde ich die Kinder nicht unterschätzen wollen, ich denke schon, dass sie den Unterschied zwischen Realität und Wirklichkeit irgendwann hinbekommen. Nur hast du natürlich Recht: Wir müssen den Kindern die Möglichkeit geben, sich frei im Unterholz zu bewegen. Ich habe das auf jeden Fall vor, weil auch ich so aufgewachsen bin.

    • Die ersten Generationen, die hauptsächlich mit künstlichen Bilderwelten groß geworden sind, sind jetzt schon Erwachsene, die im Berufsleben stehen. Man kann deshalb schon erkennen, was passiert. Hier mal ein Link mit einem Interview mit Byung-Chul Han:

      http://www.zeit.de/zeit-wissen/2014/05/byung-chul-han-philosophie-neoliberalismus/komplettansicht

      Was er über Glätte sagt, ist meiner Ansicht nach eben eine Folge des Kinderzimmers aus Plastik samt seiner künstlichen Bilderwelten.

      Die Veggie-Bewegung ist eine weitere Folge. Ganz ohne Frage setzen sich die Vertreter dieser Richtung für den Erhalt der Tierwelt ein. Auf ihre verkitscht sentimentale Weise lieben sie die Tiere und die Natur. Sie sehen dabei bloß nicht, dass vegan nur auf der Basis einer hochindustrialisierten Welt mit nicht-regionaler Ernährung funktioniert, hauen stattdessen aber blindwütig auf Bauern, Fischer und Schäfer ein, den wenigen Berufen, die noch existenziell von der Natur leben und damit unser Bindeglied zur Natur sind. Sie sehen nicht, dass es in Wahrheit ihre heißgeliebte hochindustrialisierte Welt ist, die den Tieren den Garaus macht und die Natur zum Verschwinden bringt resp. zur Kulisse für nette Wanderungen degradiert. Sie lieben synthetische Stoffe (glatt!) und sehen nicht, dass die sich alle 11 Jahre verdoppelnde Kunststoffproduktion ein viel größeres Problem als die moderne Massentierhaltung ist. Zudem identifizieren sie Tod mit Leid und machen aus dem Tod, der ja zur Natur gehört, ein Schreckgespenst.

      Auf rationaler Ebene bekommen Kinder den Unterschied natürlich irgendwann hin. So wie jedes Kind sich ja auch irgendwann damit abfindet, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Wie wir als Kinder auf Gefühlsebene gepolt werden, das bleibt hingegen.

      Nimm einfach ein anderes Beispiel: Kinder mit traumatischen Erfahrungen. Wie schwer ist denn das zu korrigieren? Das braucht Jahre der Psychotherapie, und der Erfolg ist doch eher so lala.

      PS: Kennst Du das Buch von Andreas Weber: Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur? Sehr empfehlenswert!

      • Die Kunststoffproduktion ist auch ein großes Problem, wie so viele andere. Das bedeutet aber nicht, dass man die – hoch industrialisierte! – Massentierhaltung nicht ablehnen, anprangern und beim eigenen Konsum möglichst meiden könnte. Auch ganz ohne romantisch-verkitschte Bilder von Tieren und Natur.

        Ich gehöre deiner Generation an, dennoch hat mich meine Recherche über die Zustände so geschockt, dass ich 2010 spontan aus dem Fleischkonsum ausgestiegen bin, ein Blog startete und ein Buch drüber schrieb. Ein Zitat daraus, zur Illu, was es war, das mich so bewegt hat – es steht im Kontext einer langen Antwort auf die Vorhaltung, der Verbraucher wolle das alles so:

        „Man hat mich nie gefragt, ob die Milch oder das Steak es mir wert ist, dass immer noch Kühe in „Anbindehaltung“ ihr Leben gefesselt zubringen müssen – auf so engem Raum, dass sogar aufstehen und hinlegen zum Problem wird. Dass die Tiere den Haltungssystemen angepasst werden anstatt die Haltungssyseme den Bedürfnissen der Tiere. Dass man ihnen die Schnäbel kürzt, die Schwänze abschneidet, die Hornansätze ausbrennt und sie auf engstem Raum auf Spaltenböden zusammen pfercht.

        Und natürlich hat mich auch keiner gefragt, ob es für mich in Ordnung ist, wenn Rinder zur Schlachtung auf langen Tiertransporten quer durch Europa gekarrt werden. Oder dass Schweine mit ansehen müssen, wie ihre Artgenossen mit der Elektrozange für die Schlachtung betäubt werden, bevor es sie selber trifft. Was dann oft im Akkord passiert: grade mal zwei Sekunden pro Schwein hat der Schlachter in großen Schlachthäusern, um die Schlagadern durchzuschneiden. Klar dass es dabei zu Fehlern kommt, nicht als bedauerliche Einzelfälle, sondern massenhaft.

        Dass deshalb in Deutschland pro Jahr 500.000 Schweine und 200.000 Rinder bei vollem Bewusstsein gesiedet oder zerteilt werden, obwohl es möglich wäre, das mittels mehr Zeit und Kontrolle zu vermeiden – dem hätte ich nie und nimmer zugestimmt, hätte mich jemand gefragt!“

        Noch heute meide ich Massentierhaltungsfleisch, lebe aber nicht mehr voll vegetarisch oder gar vegan, was ich auch eine Zeit lang ausprobierte. Es freut mich aber, dass vegan-vegetarisch insgesamt sehr erfolgreich geworden ist, dass mehr Menschen sich auch ums Tierwohl Gedanken machen. Wenn es dazu die verkitschten Tierbilder braucht in einer Welt, in der Kinder mit Tieren kaum mehr in Berührung kommen, ist mir das auch recht.

        Gilberts Vorsatz find ich lobenswert – aber es können sich nicht viele leisten, ihren Kindern ein Umfeld „wie früher auf dem Dorf“ zu bieten. Selbst hatte ich auch kein Dorf, sondern eine große Hinterhofwiese mit Baum und Gebüschen in einem 50ger-Jahre-Wohnblock. Dennoch mit der damals normalen Freiheit, auch mal weiter um die Blöcke zu verschwinden, hin zu anderen Höfen und Wiesen oder dem interessanten Brachgrundstück, eine Art unbeaufsichtigter Abenteuerspielplatz. Das war schon toll! Tiere waren da aber nicht viele, wenn man von Insekten, Vögeln und ein paar Katzen absieht.

      • Ich freue mich auch, wenn sich Menschen Gedanken übers Tierwohl machen, aber es wäre dann wünschenswert, dass dabei Entscheidungen herauskommen, die das Tierleid effektiv vermindern. Die Veganer und Vegetarier glauben, wenn sie kein Fleisch essen, wird weniger geschlachtet: da sitzen sie eben einem gewaltigen Irrtum auf. Es wird gleich viel geschlachtet, die Zahlen sind sogar leicht steigend. Das heißt, Fleischverzehr ist nicht identisch mit -produktion.
        Das Fleisch, das nicht gegessen wird, wird zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet oder exportiert. Die Zahl der Katzen in Deutschland hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt! Beim Exportfleisch drücken Großhändler die Preise.

        Die Bauern und Schlachthöfe bekommen fürs Fleisch schlechte Preise, was sich konkret auf die Schlachtbedingungen auswirkt. Mal davon abgesehen, ist eine moderne Massentierhaltung doch gar keine Anbindehaltung mehr. Die Tiere können im Stall frei rumlaufen, fressen, wann sie wollen und gehen von selbst zur vollautomatischen Melkmaschine. Es ist alles total durchtechnisiert und superhygienisch. Am freiesten haben wohl immer Schafe gelebt, die mit dem Schäfer durchs Land zogen. In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Schafe in Deutschland halbiert, weil Schäfer durch den Druck von Politik und Tierschützern aufgeben. Dafür wird billiges Lammfleisch aus Neuseeland importiert. Die Veggies erreichen gerade das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigen. So sieht es aus.

        Ich fürchte fast, die Kinder von heute, die so was wie eine Hinterhofwiese, ein Stück Brachland oder Wiesen, Felder und Bach als unbeaufsichtigter Freiraum gar nicht mehr kennen, werden als Erwachsene einen Überwachungsstaat wollen: weil sie eben gar nichts anderes als permanente Überwachung kennen.

      • Du meinst im Ernst, Anbindehaltung sei ein überwundener Zustand? Schön wärs!

        ARD vom 11.4.2017:

        http://www.ardmediathek.de/tv/nat%C3%BCrlich/Anbindehaltung-bei-Milchk%C3%BChen/SWR-Fernsehen/Video?bcastId=1026394&documentId=34635290

        Du hast aber Recht mit der Kritik, dass Fleischverzicht alleine nicht die steigenden Exporte verhindert. Es kann aber sein, dass eine Bevölkerung, die nach und nach immer vegetarischer lebt (nicht unbedingt 100%ig) und das Tierwohl wichtig findet, es irgendwann nicht mehr duldet, dass die Äcker mit viel zu viel Gülle verseucht werden und das Grundwasser leidet. Und dass mehr Vorschriften für das Tierwohl erlassen und auch durchgesetzt werden.

        Die Preise für Fleisch und Tierprodukte können ruhig steigen, wenn insgesamt ein Lernprozess einsetzt, der zeigt: es geht auch ohne bzw. mit viel weniger davon! Unsere Vorfahren haben auch nicht täglich diese Mengen Tierprodukte verzehrt, was spricht dagegen, zu „selten Fleisch, und wenn, dann teuer und gut“ überzugehen?

        Ich hoffe, du hast nix dagegen, dass ich Teile deiner Antworten auf meinem Veggie-Blog zitiere? Schon lange will ich mal dazu einen Artikel schreiben…

      • Um seinen Hof zu modernisieren, sprich die Anbindehaltung abzuschaffen, braucht der Bauer erst mal Geld. Das hat er aber nicht, wenn die Preise seit Jahren von den großen Handelsketten gedrückt werden oder der Milchpreis in den Keller geht. Je mehr der Bauer unter Druck gerät, desto größere Macht bekommen die Handelsketten, denen es tatsächlich nur ums Geld geht. Damit wird ein negativer Kreislauf in Gang gesetzt, der dazu führt, dass immer mehr Tiere gehalten werden müssen, um über die Runden zu kommen. Das gefällt vielen Bauern vermutlich auch nicht, aber was sollen sie denn tun? Hartz-IV-Empfänger werden? Oder gleich betteln gehen? Nein, die wollen ihre Höfe natürlich so lange wie möglich erhalten. Ein Hof ist ja häufig ein Wert, der über Generationen weitergegeben wurde.

        Ich sag’s mal so: wenn jemand das Wasser bis zum Hals steht, ist es nicht die geeignete Methode, demjenigen auch noch ein Gewicht um den Hals zu hängen.

        Es ist viel sinnvoller, wenn der Verbraucher sich mit dem Bauern verbündet und beispielsweise direkt vom Hof oder vom Wochenmarkt kauft. Mit dem Konzept „teuer und gut“ erreichst Du meiner Ansicht nach wesentlich mehr als mit Boykott, wenn es Dein Wunsch ist, etwas zu ändern.

        Es ist ja auch gewiss nicht so, dass Bauern die Unmenschen sind, als die sie von den Tierschützern häufig dargestellt werden. Die meisten Bauern sind mit ihrem Land und ihren Tieren verbunden, und zwar weit mehr als jeder Tierschützer, der in Disneyland aufgewachsen ist und in einem Büro arbeitet. Bauern, Schäfer, Fischer hängen existenziell von ihren Tieren und ihrem Land ab. Deshalb gehe ich schon davon aus, dass die mehr von der Natur und den Tieren verstehen als sonstwer.

        Und was ist mit den Katzen? Wenn die Tierliebe dazu führt, dass die Leute mehr Katzen halten, brauchen sie sich nicht zu wundern, dass mehr Katzenfutter hergestellt wird. Wenn Du eine Zahl brauchst: Im Jahr 2000 gab es 6,8 Millionen Katzen in Deutschland, 2015 waren es 12,9 Millionen. Im Jahr 2000 gab es 5 Millionen Hunde, 2015 waren es 7,9 Millionen. Was ist mit den Tieren, die für Hunde- und Katzenfutter geschlachtet werden?

        Ich finde, dass der Fleischkonsum nicht als Politikum eingesetzt werden sollte, sondern jeder sollte darauf achten, was ihm selber gut tut. Ich nehme mal an,
        einer mit einer sitzenden Lebensweise braucht eh nicht so viele Kalorien wie einer, der körperlich schwer arbeitet. Der mit der sitzenden Lebensweise kann aber nicht davon ausgehen, dass für alle gut ist, was für ihn gut ist. Gilt natürlich auch umgekehrt für den Schwerarbeiter.

        Klar kannst Du mich zitieren. Gibst Du mir den Link?

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