Der normierte Weltbürger

Vor einiger Zeit habe ich mir einen Dokumentarfilm über eine Gruppe Schimpansen im Kongo angeguckt. Neben all dem Faszinierenden, was es über unsere nächsten Verwandten zu sagen gibt, ist mir vor allem eins deutlich geworden, nämlich dass es im Urwald keine Monotonie gibt. Bestimmte Baumarten wie diverse Nussbäume wachsen in kleinen Gruppen beieinander, andere wie Feigenbäume sind offenbar Einzelkämpfer, die sich nicht gern mit ihresgleichen umgeben. Auf Menschen übertragen, würden diese Verhältnisse vielleicht am ehesten der Welt der alten Germanen entsprechen, wo jeder Haushalt (mit Gesinde vielleicht 60 bis 100 Personen) mehr oder weniger autark für sich gewirtschaftet hat und einzelne Waldläufer allein für sich unterwegs waren.

Statt einer geografischen haben die Schimpansen ganz offensichtlich eine kulinarische Landkarte im Kopf. Sie wissen genau, wo es wann was zu fressen gibt. Entsprechend gestalten sie die Wanderungen in ihrem Revier: von den Nussbäumen zu den Fruchtbäumen. Von den Fruchtbäumen zum Bach. Vom Bach zum Feigenbaum. Und vom Feigenbaum zu einem Platz, wo es leckere Ameisen gibt. Zwischendurch machen sie Jagd auf kleinere Affenarten und verteidigen ihre Bäume gegen andere Schimpansengruppen.

Monotonisierung 1.0

Während ich also diese vielgestaltige, höchst abwechslungsreiche Urwaldlandschaft im Film bewundert habe, ist mir aufgegangen, dass der Ausdruck ökologisch-biologische Landwirtschaft ein Etikettenschwindel ist. Wenn das, was ich in diesem Film an Urwaldlandschaft gesehen habe, ein Musterbeispiel für die natürliche Daseinsweise von Pflanzen ist, dann ist Landwirtschaft ganz klar widernatürlich. Dann konterkariert Landwirtschaft sämtliche Naturprinzipien. Landwirtschaft ist deshalb niemals im Einklang mit der Natur, wie der ökologisch-biologische Landbau von sich behauptet.

In der Natur gibt es keinen qm2 Fläche, auf der nur eine einzige Art wächst. Im Urwald findet sich Vielfalt nicht nur als Bodenbewuchs auf der horizontalen Ebene, sondern sogar in der vertikalen Ebene, weil die Bäume selber wieder Lebensraum für andere Pflanzen sind. Kein Baum sieht wie der andere aus. Jedes Fleckchen Urwald ist eine höchst individuelle Komposition aus vielen Elementen.

In der Landwirtschaft hingegen gibt es nur die horizontale Ebene: Felder oder Äcker. Jedes Feld und jeder Acker bringt im Wesentlichen nur eine einzige Pflanzensorte hervor: Weizen, Mais, Kartoffeln, Reis. Alles, was sonst auf dem Acker wächst, bekommt den Namen Unkraut und wird mit mehr oder weniger radikalen Methoden entfernt. Ich habe auch noch nie ein Feld gesehen, in dem Nutzpflanzen wie Weizen, Mais und Kartoffeln durcheinander wuchsen. Das ist auch in der sogenannten ökologisch-biologischen Landwirtschaft nicht der Fall. Felder sind dort ebenfalls klar als Felder erkennbar. Vielleicht sind sie kleiner als Felder aus der konventionellen Landwirtschaft, vielleicht sind die Raine mit Wiesenblumen bepflanzt, was aber nichts am Prinzip ändert. Ein einziges Mal habe ich ein Getreidefeld mit ein paar Kornblumen drin gesehen.

Landwirtschaft, ob konventionell oder ökologisch-biologisch, zwingt Pflanzen gewaltsam eine Lebensweise auf, die dem Wesen von Pflanzen total zuwiderläuft. Kaum dreht der Mensch einem Acker den Rücken zu, verunkrautet dieser deshalb sofort, das heißt, die Pflanzen versuchen umgehend, in ihre ursprüngliche Daseinsweise einer vielgestaltigen Gesellschaft zurückzukehren. Der Mensch muss permanent enorme Anstrengungen unternehmen, um die  Pflanzen von einer natürlichen Lebensweise abzuhalten, sei es mit maschinell-mechanischen (Pflügen, Jäten) oder chemischen (Pestizide) Methoden.

Aber die Vielfalt ist nicht das einzige Naturprinzip, das die Landwirtschaft ins Gegenteil verkehrt. Die meisten Pflanzen haben ihre eigenen Methoden, um Fressfeinde abzuwehren. Diese Abwehrmechanismen sind das, was uns nicht schmeckt, weil bitter oder eklig oder sogar giftig. Deshalb hat sich der Mensch dran gemacht, die Abwehrmechanismen der Pflanzen im Laufe von Hunderten von Jahren Landwirtschaft wegzuzüchten.

Nur deshalb schmecken heute die meisten Früchte süß. Da nun aber der Mensch nicht der Einzige ist, dem diese pervertierten Früchte, Samen und Knollen schmecken, ist er gezwungen, die Pflanzen zu schützen. Er tut dies in der Regel mit chemischen Mitteln, die auf industriellem Weg hergestellt werden. Ich bin gespannt, wie es sich langfristig auswirkt, wenn unseren Nutzpflanzen nun auf gentechnischem Weg neue Abwehrmechanismen implantiert werden. Ich frag mich, ob solche Veränderungen nicht den Geschmack beeinträchtigen. Aber vielleicht haben wir uns bis dahin das Schmecken eh abtrainiert.

Zuerst werden einer Pflanze über die Jahrhunderte hinweg die natürlichen Abwehrmechanismen weggezüchtet, bloß um ihr dann künstliche einzupflanzen. Irgendwie ist das schon abstrus. Sämtliche Nutzpflanzen, die in der Landwirtschaft erzeugt werden, sind durch Züchtung häufig bis fast zur Unkenntlichkeit verändert. Und auch hier gilt wieder: das ist auch in der ökologisch-biologischen Landwirtschaft nicht anders. Die sogenannten alten Sorten, die manchmal von Bio-Bauern angeboten werden, sind ausnahmslos alle ebenfalls das Resultat von Züchtung und erneuter Züchtung der Züchtung.

Ich könnte jetzt noch weitermachen und mich über die Größe und den Zuckergehalt der Pflanzen auslassen oder über Normgrößen und Qualitätsstandards, die mehr und mehr dafür sorgen, dass ein Weizenkorn wie alle Weizenkörner, eine Kartoffel wie alle Kartoffeln, eine Erdbeere wie alle Erdbeeren aussieht und auch so schmeckt. Auch die permanente Ertragssteigerung gehört in diesen Kontext.

Im Kern ist jede Art von Landwirtschaft identisch mit Monotonisierung. Seit ungefähr 10.000 Jahren sind wir Menschen dabei, die Pflanzenwelt zu vereinheitlichen, das heißt, die Vielfalt pro qm2 zugunsten monotoner Einheitsflächen zu beseitigen und den Ertrag pro qm2 ständig zu steigern. Agrarisierung ist gleichbedeutend mit Monotonisierung 1.0.

Im Jahr 2013 wurden weltweit 1,8 Milliarden Tonnen Getreide geerntet, davon sind 713 Millionen Tonnen Weizen. Außerdem 1,02 Milliarden Tonnen Mais und 746 Millionen Tonnen Reis. Diese Ernte ist nur möglich, weil dafür sehr viele andere Pflanzen von der Bildfläche verschwinden. Mehr als 40% dieser Ernte dienen als Futtermittel für Tiere. Für Tiere gilt übrigens dasselbe wie für Pflanzen. Auch hier beseitigt die Landwirtschaft in rasanten Schritten die ursprüngliche Vielfalt. Wenn man Insekten außen vor lässt, sind über  90 % der tierischen Biomasse (schreckliches Wort!) Nutztiere.

Monotonisierung 2.0

Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt: der Mensch ist, was er isst. In den letzten Jahrzehnten ist immer deutlicher geworden, dass sich dieses Sprichwort auf gruselige Weise bewahrheitet.

Nachdem die Welt durch die Landwirtschaft zunehmend der Monotonie preisgegeben wird, bemächtigt sich die Monotonisierung nun auch der Menschen selber. Wie die Getreidehalme auf dem Acker werden die Menschen allmählich ununterscheidbar (gemacht). Der Mensch vereinheitlicht sich auf einen Normbürger hin. Wir gehen heute ganz selbstverständlich davon aus, dass es einen optimalen Blutdruck gibt, der für jeden Menschen derselbe ist, nämlich 120/80. Dasselbe gilt für sämtliche anderen Parameter in der Medizin: Cholesterin, Blutzucker, Gewicht, Enzyme etc. Immer wird von einem Normwert ausgegangen, der mit Medikamenten erzwungen wird, wenn er außerhalb eines immer kleiner werdenden Toleranzbereichs liegt.

Die Normgrößen sind nichts anderes als errechnete Durchschnittswerte. Diese sind innerhalb eines großen Toleranzbereichs dieselben wie innerhalb eines kleinen. Wenn ein Blutdruck von 180/120 mit einem Blutdruck von 60/40 gemittelt wird, ergibt das genauso 120/80, wie der durchschnittliche Blutdruck von 122/82 und 118/78. Warum ausgerechnet der Mittelwert für alle am gesündesten sein soll, bleibt schleierhaft. Im Grunde geht es hier nicht um die Gesundheit der Menschen, sondern um ihre Normierung. Nach den Weizenhalmen werden nun die Menschen standardisiert. Das ist das Projekt Monotonisierung 2.0.

Die Gleichmacherei beschränkt sich allerdings nicht nur auf medizinische Werte. Sie findet in einem sehr viel umfassenderen Rahmen statt. Wir bewegen uns auf den standardisierten Weltbürger zu. Ein Amerikaner, ein Europäer und ein Chinese sind sich heute sehr viel ähnlicher, als sie dies vor 200 oder 400 Jahren waren. Die Kulturen gleichen sich an. Die Großstadt als der Ort, wo inzwischen weltweit die meisten Menschen wohnen, sieht in China nicht mehr so viel anders aus als in Amerika, in Afrika, in Europa. Die Technik und die Technisierung ist sowieso überall auf der Welt dieselbe. Das Wissen ebenso. Deshalb unterscheiden sich auch die Berufe in den verschiedenen Ländern kaum mehr voneinander. Ein indischer Programmierer findet sich in Amerika ebenso zurecht wie ein europäischer Nuklearspezialist in China oder eine polnische oder vietnamesische Pflegekraft in Deutschland. Das ist nur möglich, weil die Unterschiede sich allmählich einebnen und verschwinden. Mit den Unterschieden verschwindet das Individuum. Unsere Individualität ist nur scheinbar. Nur Oberfläche. Und selbst diese Oberfläche wird negativ bewertet. Individualisten sind nicht sehr beliebt und nicht sehr geachtet in unserer Welt. Von Bob Dylan einmal abgesehen.

Die standardisierten Weltbürger benutzen nicht nur dieselbe Sprache (Englisch), sie wenden sie auch in derselben Weise an (political correctness), benutzen dieselben Emoticons und werden systematisch darauf getrimmt, dasselbe zu denken und dasselbe zu fühlen. Die einzelnen Menschen verwandeln sich zu gleichgeschalteten Zellen in einem Superorganismus, der möglicherweise durch einen Phasensprung zu einer eigenständigen, sich selbst organisierenden neuen Lebensform wird. Das Projekt Monotonisierung 2.0 ist das große Projekt der Postmoderne und wird durch die Digitalisierung mit Riesenschritten vorangetrieben. Jeder Einzelne von uns ist Teil dieses Projekts, selbst diejenigen, die ihm entfliehen wollen. Ja, im Grunde sind die meisten jedoch sogar stolz darauf, auf irgendeine Weise an dieser Vereinheitlichung mitzuwirken. Dass die Menschen alle eins seien, wünschen sich die meisten seit Hunderten von Jahren. Ein weiser Mann hat mal gesagt, man soll vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht: es könnte in Erfüllung gehen.

45 Kommentare zu “Der normierte Weltbürger

  1. Fakten sind die Norm:

    http://www.zeit.de/wissen/2017-04/march-for-science-demonstration-wissenschaftler-gruende/komplettansicht

    Wenn selbst das Universum fortwährend evolviert und Konstanten nur konstant bleiben können, also Fakten Fakten bleiben, weil wir am vorherrschenden Bild des Universums, den Konstanten aka Fakten entsprechend festhalten, dann muss es zwangsläufig zu Spannungsfeldern kommen, um das faktisch Konstante wieder dem Fluss der Evolution zur Verfügung zu stellen, denn in der Evolution kann es keine Konstanten geben. Das indes dürfte Fakt sein. Alles andere sind Möglichkeiten, die, je nachdem wie viel Energie zum Einsatz kommt, als Fakten verkauft werden können, wenn denn ein entsprechender Nährboden dafür gegeben ist und bewirtschaftet werden kann. Im Grunde sind Fakten einzig Vereinfachungen von Interpretationsräumen, die umso mehr Spannungsfelder zur Folge haben, je mehr an der Vereinfachung energielastig festgehalten wird.

    • Wenn Wissenschaftler auf die Straße gehen, um für die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft zu demonstrieren, was ist das anderes als genau die Meinungsmache, gegen die die Wissenschaftler angeblich vorgehen?

      In einer Welt fortwährenden Wandels bleibt nichts, wie es war. Es gibt keine Fakten, die selbstidentisch durch die Zeit hindurch transportiert werden, denn wie alles andere auch, sind auch die Informationen einem permanentem Wandel unterworfen. Es gibt ja auch keine Atome oder kleinste Teilchen. Oder anders: man kann kleinste Teilchen nur da verorten, wo sie ununterscheidbar geworden sind und sich nur in summa wie ein Echo bemerkbar machen.

      Alles, was es gibt, ist Glaube. Neben dem Glauben an ewig gültige Naturgesetze gibt es eben auch den Glauben an Fakten. Und da muss ich Jochen Weber doch irgendwie Recht geben. Der Glaube an ewig gültige Naturgesetze und der Glaube an Fakten entspringt einem Sicherheitsbedürfnis. Der Mensch will sich nicht dem Strom des Wandels (Evolution) überlassen, er will ihn beherrschen. Das entspringt einem Kontrollbedürfnis und das ist wiederum identisch mit dem Sicherheitsbedürfnis. Und natürlich ist es enorm aufwändig, die Kontrolle zu behalten, wenn der eigentliche Zusammenhang gegenläufig ist: je mehr Kontrolle ausgeübt wird, desto fragiler und unsicherer das System. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Was will man machen?

      • Vielen Dank für Deine Weiterführung. Genau darauf wollte ich hinaus. Oder um es noch anders zusammenzufassen:

        Je vordergründig wir den Fakten folgen, desto mehr verschiedene Hintergründe werden ermöglicht, desto tiefer aber auch die Abgründe, die Vordergrund und Hintergründe verbinden. Realität als Vordergrund? Die Wirklichkeit als Hintergründe? Zeitgeist als Verkörperung all der Abgründe? Was will man machen? Na, einfach machen! 🙂

  2. Mal angenommen Cyborgs bzw. die gesamte Verkünstlichung der Welt ist der Zielbahnhof der gesamten Evolution. Wäre es nicht ein Armutszeugnis sondergleichen? Wir Menschen haben ja noch nicht einmal im Ansatz ausleben können, wozu das Leben OHNE Cyborgs, ohne Verkünstlichung in der Lage wäre. Du brachtest das Stichwort Selbstheilung. Verglichen mit dem Kohärenzvermögen jedes Körpers ist das Internet EIN Witz sondergleichen. Vielleicht lassen wir uns zu sehr vom technologischen Fortschritt blenden, dahingehend, dass er Resonanzachsen vor den Zukunftskarren zu spannen vermag, während dieser Karren aber nur vorwärts fahren kann, weil wir unseren Körper nicht mehr als Resonanzkörper wahrnehmen können und uns stattdessen passiv vom Karren ziehen lassen. Fortschritt mag uns so zwar nach vorne bringen, aber das Wesen des Lebens vermag uns vielleicht ÜBERALL hin zu bringen. Unsere Technologien mögen sehr schnell sein, aber es mag ein wesentlicher Grund vorliegen, warum die ANDEREN alle Zeit der Welt haben.

    • Wenn das Leben der Quell ist, aus dem alles kommt, dann gibt es keinen Anfang und kein Ende, sondern: was wie Anfang oder Ende aussieht, sind Übergänge oder Ruhephasen. Es gibt in meinem Weltbild Zeiten der Evolution (Diversifikation) und Involution (Massensterben), wobei diese Zeiten nicht scharf voneinander getrennt sind, sondern sich überlappen. Also gibt es auch keinen Zielbahnhof. Aber vielleicht einen Flaschenhals. Oder nach dem Werden das Vergehen. Oder die Abräumer, die die Spielfläche für neue Möglichkeiten freiräumen. Vielleicht führt die Vercyborgisierung dazu, dass das Spiel, von dem wir ein Teil sind, nicht auf die Erde beschränkt bleibt. Vielleicht sind Menschen notwendig, damit das Leben sich einen neuen, bisher unbekannten Raum schaffen kann, von dem wir selber noch gar keine Vorstellung haben. Zusammen mit den Vögeln musste der Luftraum entstehen. Zusammen mit Landlebewesen mussten Landmassen entstehen. Vielleicht geht es um irgendso was.

      Darüber hinaus denke ich, dass das geistige Vermögen, welches Sprache, Gedanken und Technologie hervorbringt, aus dem Umgang mit dem Feuer resultiert und von daher einseitig und beschränkt ist. Dann stellt es sich mir eben so dar, dass wir als Menschen das große Ganze gar nicht erfassen können, sondern zwangsläufig immer vereinfachen und reduzieren müssen. So wenig wie ein Maulwurf fliegen kann, so wenig können wir das Ganze erfassen, weil unser Kohärenzvermögen durch den Umgang mit dem Feuer zerbrochen ist. Deshalb sind wir in dieser Hinsicht beschränkter als ein Tier. Wir machen uns doch was vor, wenn wir so tun, als hätten wir in dieser Hinsicht immer noch dieselben Fähigkeiten. Die Technosphäre, mit der wir uns umgeben, ist in dieser Hinsicht der Ausdruck unseres UNvermögens, nicht unseres Vermögens. Ich glaube, da sind wir uns einig, oder?

      Dafür ist Feuer eine Energie, die auf der Ebene von Ökosystemen (Waldbränden), Geophysik (Vulkane) oder Planeten (Fusionsreaktor Sonne) seine Rolle spielt, uns Menschen also über ein rein biologisches Dasein hinaushebt. Das ist ja der Grund, warum wir als Menschen wie Götter in Ökosysteme eingreifen und Berge umkrempeln können. Worauf das hinausläuft, ist nicht vorhersehbar.

      Du hast natürlich Recht, die Technosphäre ist eine gewaltige Reduktion, ein billiger Abklatsch der Ökosphäre. Das Lebendige wird zu seelenloser Mechanik, Cradle to Cradle wird Cradle to Grave. Aus vormals schwingenden und interagierenden Resonanzkörpern werden von der Umwelt abgetrennte, mechanische Monaden, die sich nur noch über ein Medium (Sprache) miteinander verständigen können, wobei in der Sprache selbst wieder Mechanismen aktiv werden, die immer mehr zur Verwirrung beitragen statt zur Verständigung.

      Wenn das Leben der Quell ist, vermag es ALLES. Es erschafft sogar den Raum. Aber das heißt nicht, dass WIR als Menschen alles vermögen.

      Wenn einer Kosmologien aufstellt und so tut, als wüsste er über das Leben, die Welt, das Klima, die großen Zusammenhänge Bescheid, dann geht er über sich selbst hinaus, wird gewissermaßen zum geistigen Energieräuber, weil er sich das Leben, die Welt etc. anmaßt. Ich habe mir deshalb überlegt, ob ich auf dieser Ebene diskutieren will, und stelle fest: ja, das will ich. Ich will mir über Gott und die Welt Gedanken machen und diese auch irgendwie mitteilen. Es käme mir falsch vor, mir selbst in dieser Hinsicht Beschränkungen aufzuerlegen. Ich bin also selber so ein Energieräuber und stelle fest, dass dies mein Wesen ist. Wenn ich keine Energie raube, verleugne ich mich selbst. Wenn ich auf Öko mache und mich daran klammere, ein bisschen weniger Energie zu rauben als der Durchschnitt, hat das für mich auch mehr mit Verleugnen als mit Bewusstseinswandel zu tun. Ich will mich nicht verleugnen. Ich finde es besser, zu meinem Wesen als Energieräuber zu stehen, statt mir selbst was in die Tasche zu lügen. Dieses Eingeständnis ist natürlich nicht sehr angenehm. Aber auf jeden Fall habe ich die Nase voll davon, mir einzureden, dass mir Tofu gut schmeckt. Das ist einfach nicht wahr. Und Bio-Läden strahlen nicht Fülle aus wie Wochen- oder Supermärkte, sondern in der Regel was Verhärmtes, Freudloses, da kannst Du sagen, was Du willst. Deshalb spiegeln Wochen- und Supermärkte, so gegensätzlich sie sind, mehr von dem aus, wie ich Natur erlebe als Bio-Läden. Bio-Läden bedeuten für mich sowas wie die Zurücknahme des Lebensvollen innerhalb der Technosphäre. Sie treiben die Vercyborgisierung mehr voran als ein Supermarkt.

      Zu Deinem letzten Mail: Sonnenlicht, Erdmagnetismus und Wasser sind nicht der Ursprung, sondern ebenfalls schon durch Bindungen bedingt. Sie sind nicht bedingungslos bzw. un-bedingt. Vor allem stellt man sich unter Sonnenlicht, Erdmagnetismus und Wasser Unbelebtes vor. Das verfälscht das Bild. Andreas Weber hat sinngemäß mal gesagt: Wenn man aus dem Wasser, wie es natürlicherweise vorkommt, alle Lebewesen rausfiltern würde, bliebe kein Wasser übrig. Dann wäre alles weg. Ich weiß nicht genau, was dieser Gedanke bedeutet, aber ich finde ihn wichtig.

  3. Du schreibst:

    “Du schreibst im ersten Satz: „Menschen werden sich durch Normierung immer unähnlicher“ …. müsste das nicht besser „fremder“ heißen?“

    Passt, im Sinne von Entfremdung und Fragmentierung, oder auch dissoziativ 😉 .

    Weiter schreibst Du:

    “Wenn Du Bindungen jedweder Art auf Sonnenlicht, Erdmagnetismus und Wasser reduzierst, vereinfachst Du in derselben Weise …“

    Alle natürlichen Bindungen bauen im Wesentlichen auf Sonnenlicht, Erdmagnetismus und Wasser auf, denn dadurch erhält z. B. jedes Wirbeltier, Mensch inklusive, sein Körpergerüst. Aber auch jedes ANDERE Lebewesen, Pflanzen inklusive, binden durch diese drei “Bedingungen“ die Elemente in den Stoffwechsel des Lebens um. Für uns, die wir fortschreiten von dieser bedingungslosen Grundbedingung (https://guidovobig.wordpress.com/2017/04/08/text-31-bedingungslose-grundbedingung/), erscheint es uns als Reduzierung, weshalb der technologische Fortschritt uns feuerwandlerisch mehr als das vermeintlich Reduzierte in Aussicht stellt. Uns genügt das wesentliche Dreiergespann einfach nicht mehr, weshalb wir all die Möglichkeiten ersonnen haben, um uns nicht länger zum Wesen des Lebens hingezogen fühlen zu müssen und an der Eigenart des Wassers (like-likes-like) beteiligt zu sein.

    Du schreibst:

    “ In diesem Fall wird man, was Entscheidungen angeht, ganz auf sich selber zurückgeworfen.“

    So, wie es all den ANDEREN ergeht, oder? Mit gleichem Schicksal?! Survival of the most predatory? Überleben somit einzig die größten Energieräuber? Mal sehen, was im Verlauf meiner 42 Kurzgeschichten aus unserem immer wieder sehr interessanten Zwiegespräch hier und dort hervorgehen wird …

  4. Nochmal zurück zum Thema. Menschen werden sich durch Normierung immer unähnlicher, weil das eigentliche Individuelle immer mehr angeglichen wird. Es gibt einen schönen Satz, der das zusammenfasst: als Original geboren, sterben wir als Kopie.

    In unserer Gesellschaft ist offensichtlich, dass immer mehr Menschen die gleichen Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Wir nennen das Bildung und schreiben uns diese Gleichheit auf die sozio-kulturelle Fahne. In einer Metropole leben immer weniger Individuen, sondern immer mehr normierte Menschen, da den Menschen dort die gleichen Möglichkeiten zur Verfügung stehen. In so einer Stadt wird das Individuelle verzerrt und bedeutet letztlich nur noch: je individueller man erscheinen mag, desto mehr Energieraub ist vonnöten, um den Schein zu wahren. Die Diversität aller ANDEREN Lebewesen bezeugt die Abwesenheit von Normiertem, weil die Diversität Ausdruck fehlenden Energieraubes ist. Diversität IST Individualität, eben weil allen ANDEREN Lebewesen nicht die gleichen Möglichkeiten zur Verfügung stehen und somit völlig verschiedene Fähigkeiten vonnöten sind, um HARMONIE bewahren zu können. Allen Menschen das Internet zu ermöglichen, wodurch allen die gleichen Daten zur Verfügung stehen, bedeutet Normierung und die einzige individuelle Unterscheidung besteht im Ausmaß des Energieraubes.

    Natürlich stehen allen ANDEREN Lebewesen die gleichen Informationen (!) zur Verfügung, sich aus dem Zusammenspiel von Sonnenlicht, Erdmagnetismus und Wasser ergebend, aber deren Diversität ist Ausdruck davon, dass sämtliche Informationen individuell und ohne Energieraub genutzt werden, während wir EINEN uns mehr und mehr auf Daten (!) verlassen und die Normierung durch Energieraub als Individualität erscheinen lassen. Wir EINEN steuern direkt auf Eintönigkeit zu, während wir die Klangfülle der ANDEREN dezimieren. Cyborgs werden somit zu EINEM Ton, der sich die Eintönigkeit immer schöner reden muss, um für sich den Eindruck zu erwecken lebendig zu sein, während ANDERE Ausdruck von Lebendigkeit sind.

    Daten ungleich Informationen.
    Normierung gleich Energieraub.

    Weil wir Daten mit Informationen gleichsetzen, sehen wir uns als Individuen an, während wir normiert werden.

    Vielleicht endet die Klngfülle des Kosmos mit einem Ton, damit aus diesem Ton in einem neuen kosmischen Durchlauf eine neue Diversität sich entwickeln kann, die die LIEBE zum Leben intensiver ausleben kann, als es dem Leben im aktuellen Kosmos möglich ist. Vielleicht ist die komplette Verkünstlichung der Welt die Basis für eine neue Natürlichkeit …

    • „Vielleicht ist die komplette Verkünstlichung der Welt die Basis für eine neue Natürlichkeit …“: dieser Gedanke treibt mich bisweilen auch um. Dann allerdings wäre es kontraproduktiv, sich der Verkünstlichung in den Weg stellen zu wollen. Es würde das Leiden nur verlängern, wenn man die Verkünstlichung (Vercyborgisierung, Vertechnisierung) als Leiden auffasst. Den Zusammenhang zwischen Leiden und Verkünstlichung herzustellen, halte ich für naheliegend.

      Informationen ergeben sich nicht nur aus dem Zusammenspiel von Sonnenlicht, Erdmagnetismus und Wasser. Jede Bindung, ob physikalisch, chemisch, biologisch, sozial und jedes Fehlen von Bindung ist Information. Da Bindungen aber auf allen Ebenen geistig-materieller Art sind, lassen sie sich nicht in Daten verwandeln. Daten werden erzeugt, wenn man Bindungen auf den materiellen Anteil reduziert und verobjektiviert. Wenn Du Bindungen jedweder Art auf Sonnenlicht, Erdmagnetismus und Wasser reduzierst, vereinfachst Du in derselben Weise, wie Du das selber schon sehr gut analysiert hast.

      Du schreibst im ersten Satz: „Menschen werden sich durch Normierung immer unähnlicher“ …. müsste das nicht besser „fremder“ heißen?

      Als Menschen haben wir uns angewöhnt zu werten, und das macht Individualität und Diversifizierung unmöglich. Und vor allem in diesem Sinne, wie Du es definierst. Dass der Versuch, allen Menschen dieselben Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen, im Endeffekt nur noch Kopien erzeugt: dieser Gedanke beruht auf der Vorstellung, dass Lebewesen und damit auch Menschen, Ausdruck ihrer Umwelt sind und somit keine für sich existierenden Entitäten. Die übliche Denkweise ist jedoch gerade anders herum: es wird von für sich existierenden Entitäten ausgegangen, die ihre Individualität erst zeigen können, wenn alle dieselben Möglichkeiten haben.

      Nochmal zum Problem, wie ich es sehe: Wenn wir nicht entscheiden können, ob wir durch die Verkünstlichung/Vercyborgisierung vollständig hindurchgehen müssen, also die ANDEREN ganz aufgeben müssen, um wieder zu einem neuen Spiel mit den ANDEREN zu kommen, oder ob wir die Verkünstlichung/Vercyborgisierung aufgeben müssen, um den Kontakt (HARMONIE) mit den ANDEREN zu bewahren, wie fällen wir dann unsere Entscheidungen? Ein Weg ist, dass man sich per se für eine der beiden Möglichkeiten je nach Gusto entscheidet. Das heißt aber immer, dass man einen Teil des Problems ausgrenzt oder negiert. Ein anderer Weg ist, dass man eben diese Entscheidung nicht treffen will, weil man weiß, dass man eben dann die Hälfte des Problems ausgrenzt. In diesem Fall wird man, was Entscheidungen angeht, ganz auf sich selber zurückgeworfen.

      Ich entscheide nicht länger für die Welt, für das Gute, für die ANDEREN, sondern für mich. Damit kann ich mich auch nicht mehr hinter der Welt, dem Guten, den ANDEREN verstecken. Das ist ein guter Weg, wie ich finde.

  5. Du schreibst:

    “Deshalb teilen Krebszellen sich ewig weiter und ziehen, solange es geht, Energie aus ihrer Umgebung ab. Sie sterben erst, wenn die Umgebung keine Energie mehr liefern kann. “

    Krebszellen stellen eher ein Zuviel an Energie dar, die aber nicht in den Kontext der bereits bestehenden Zellkohärenz passt und daher die Kohärenz zerstört, weil das Kohärenzvermögen vor Ort überrannt wird. Krebszellen wachsen, wenn der Zerstörung nicht weitere Kohärenz hinzugefügt werden kann, um das weitere, noch kohärente Gewebe zu schützen. Ansonsten frisst sich die Dekohärenz weiter durchs Gewebe. Krebszellen sterben durch Zufuhr von Kohärenz, wobei der Tod eines Körpers, aus Sicht der Spezies und aus Sicht des Lebens erst recht, die Restaktivierung von Kohärenz bedeutet. Vor allem, wenn man das Leben als einen Körper betrachtet und die einzelnen Spezies als Organe dieses Körpers.
    Im Grunde weist Krebs auf einen Energiemangel vor Ort hin, in Form von Kohärenzvermögen bzw. ist Krebs Ausdruck eines Zuviels an Dekohärenz, die nicht zum Kontext des Zellverbandes passt.
    Metastasenbildung indes deutet auf ein Zuviel hin, dass der Körper (!!!) in den Körper exportiert, um es auf andere Kohärenzorte zu verteilen, im Versuch den dekohärenten Überschuss an Energie loszuwerden. Aus diesem Grund “streut“ jede Tumorart an verschiedene Orte im Körper. Erst wenn die Metastasen im Körper verschwinden, kann der Körper sich um den Primärherd kümmern, zumal dieser dann weniger fremdenergielastig ist.
    Das ist der Unterschied zwischen Tumor und Körper, auf der einen Seite, und Firmen und Globalisierung, auf der anderen Seite. Firmen exportieren/expandieren, um anderswo sich die Kohärenz einzuverleiben, um als Firma wachsen zu können. Dem Körper aber dient die “Globalisierung“, mittels Metastasen, der Neutralisierung, um weiteres Wachstum zu begrenzen bzw. rückgängig zu machen. Das Problem aus menschlicher Sicht, aus Sicht EINES Betroffenen, ist, dass das Leben ANDERS über Wachstum und Entartung “denkt“ und entsprechend umsetzt. Daher mag eine medizinische Therapie für den Einzelnen die Rettung bedeuten, doch ist es aus Sicht der Spezies immer eine Schwächung, solange der eigentliche Grund für das Zuviel an Dekohärenz in der Umwelt bestehen bleibt.

    • Mir fällt der Name der Frau, deren Krebs immer noch am Leben erhalten wird, gerade nicht ein. Auf jeden Fall ist die Frau schon lange tot, während ihr Krebs immer noch lebt. So wie ich das verstanden habe, wird er von den Forschern „gefüttert“, erhält also Energie aus der Umgebung. In diesem Fall sogar körperfremde Energie. Auch der Krebs dieser Frau weist also auf Dekohärenz hin. Was Du schreibst, ist eine gute Erklärung für Spontanheilungen, die es selten, aber immerhin gibt. Ich habe eine Zahl von 1 Spontanheilung pro 20.000 Krebsfälle, weiß aber nicht, ob die stimmt. Und dann habe ich noch eine Info im Kopf, dass bei einer alten Studie jede zweite Frau, die durch einen Unfall umgekommen war, anscheinend einen unbemerkten Krebs hatte. Das war bevor die Vorsorgeuntersuchungen Standard wurden. In der Studie wurde der Schluss gezogen, dass viele Krebse gar nichts machen, sondern dass der Körper damit umzugehen weiß. Und tatsächlich haben wir ja dauernd irgendwelche Krebszellen im Körper. Es muss ja eine bestimmte Größenordnung (als ich in der Medizin war, war es eine Million) überschritten sein, damit die Medizin den Krebs nachweisen kann. Gilt diese Zahl noch?

      Ja, Krebs ist ein Zuviel an Dekohärenz, und wo Dekohärenz vorherrscht, ist der freie Energiefluss (der Austausch im Gleichgewicht) gestört. Mit der steigenden Zahl der Sendeanlagen und Mobilfunkanlagen erobert die Dekohärenz die Ebene der elektromagnetischen Strahlung nun vollends. Ich bin mir so gut wie sicher, dass dies noch zum Problem für uns wird.

      Trotzdem bleibt für mich die Frage offen, ob wir nicht zu Cyborgs werden, die so mit ihren Maschinen verschmelzen, dass sie gänzlich ohne Natur i.S. von Flora und Fauna auskommen. Es ist eine gruslige Vorstellung, aber letztendlich sind heute Filme die Leitbilder, an denen wir unsere Aktivitäten ausrichten. Unsere Generation hat die Natur aus der Werbung vor Augen (Harmonie) und nicht die wirkliche Natur (HARMONIE). Neben der verfälschten romantischen Vorstellung von Flora und Fauna, gibt es in den meisten SF-Filmen die Vorstellung von gar keiner Flora und Fauna. Ich weiß nicht, welches von diesen Leitbildern unterschwellig mehr wirkt, auf jeden Fall prägen sie definitiv unsere Aktivitäten. Die Abschaffung der Natur i.S.v. Flora und Fauna ist für mich zwar eine Horrorvorstellung, aber eben vorstellbar. Ich kann diese Vorstellung nicht ausschließen, bloß weil sie mir kalte Schauer über den Rücken jagt.

  6. Noch EIN Gedanke: Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass die ANDEREN, durch die Ermöglichung von HARMONIE, aufgrund ihrer LIEBE zum Leben, antifragil unterwegs sind, während wir EINEN EINE immer fragilere Spezies werden, die aber immer robuster erscheinen möchte. Was uns fragiler werden lässt, übertragen wir auf unsere Technologien, in der Hoffnung, dadurch der Fragilisierung entkommen zu könnnen, ohne aber wahrhaben zu wollen, dass unsere Technologien uns immer schneller immer fragiler werden lassen. Nun, den Technologien, dem Cyborg, kann das ja nur recht sein, allerdings werden die Technologien nicht antifragil. Was wäre das für eine Entwicklung des Lebens, wenn letztlich die Maximierung von Fragilität zu einer Entität führt, die vom Kern des Lebens keine Ahnung hat und wie ein Heuschreckenschwarm über das Universum herfällt, wobei Heuschreckenschwärme ein Abbild von Antifragilität sind: https://aeon.co/essays/the-selfish-gene-is-a-great-meme-too-bad-it-s-so-wrong

    EIN ANDERER Weg bleibt für mich wahrscheinlicher … Cyborgs sind nur Mittel zum Zweck.

  7. “Wir sind keine weiterentwickelten Affen. Als Menschen sind wir die Einheit aus Affe und Feuer. Das macht den Menschen zu einer neuen Lebensform, die sich mit nichts anderem vergleichen lässt.“

    Daher denke ich, ist es kein Zufall, dass nur EINER Spezies das Feuer in die Hände gelegt “wurde“, zumal Zufall ja nichts anderes ist, als die Unwissenheit aller Vorgeschichten, die zum Ereignis führten, das als Zufall aufgrund der Unwissenheit erscheint. Das “Experiment“ der Natur mit uns EINEN kann nur gelingen, weil nur EINE Spezies über diese Fähigkeit verfügt. Gäbe es eine weitere, ließe sich das “Experiment“ seitens der ANDEREN nicht kontrollieren.

    • Experimente haben es so an sich, dass sie gelingen, aber auch schiefgehen können. Siehe Säbelzahntiger. Ich glaube nicht, dass Kontrolle das wesentliche Moment ist. Kontrolle ist eine typisch menschliche Eigenschaft, die wiederum aus dem Umgang mit dem Feuer resultiert. Die Blüten haben nicht den Zweck, die Bienen zu kontrollieren, ebensowenig wie die Kaninchen den Zweck haben, die Füchse zu kontrollieren. Das Wort „Kontrolle“ erweckt falsche Vorstellungen. Die Einzigen, denen es um Kontrolle geht, sind Menschen, deshalb bauen wir jetzt auch einen Überwachungsstaat auf.

      • Habe auch überlegt, ob ich ‚kontrollieren‘ schreiben soll. Die Natur kontrolliert in der Tat nicht, ihr genügt zu HARMONISIEREN, dabei zeigt sich die Kontrolllosigkeit der ANDEREN in all den Konsequenzen, die die ANDEREN erleben bzw. verkörpern. Am ehesten kann ich mich mit dem Goldenen Schnitt, als Synonym für HARMONIE anfreunden. Daher meine Vorliebe für Phi, als Annäherung an die HARMONIE, in einer Form, die für uns Menschen, annähernd, verständlich ist. Phi lässt sich ja als Kettenbruch aus Einsen darlegen, sozusagen als menschliche Vereinfachung des Einfachen, des Wesentlichen, das der Natur zugrunde liegt.

        Du hast recht: Kontrolle benötigen die ANDEREN nicht, da sie einzig für uns EINEN immer mehr vpnnöten scheint.

  8. Du schreibst:

    “Ich frage mich, ob die Natur mit uns Menschen den Versuch macht, eine Lebensform hervorzubringen, die nicht durch ein Anderes (wozu auch ausgehende Ressourcen, Jahreszeiten gehören) begrenzt wird, sondern die in der Lage ist, sich selber zu begrenzen.“

    Egal wie sehr wir EINEN in der Technosphäre zu gedeihen hoffen, noch ist die Technosphäre gänzlich in die Biospähre eingebunden und jeder Mensch EIN Teil des Vireoms. Daran wird sich lange Zeit nichts ändern, denn die einfachsten aller Lebensformen (Viren und Bakterien) bewahren die Lebendigkeit des Lebens und verfügen demnach über die WAHRHEIT, die dem Leben zugrundeliegt. Sie sind praktisch die Hüter des HARMONIE-Vermögens, dem wir EINEN unser Verständnis von Harmonie (!) entgegegnsetzen. Sollten wir EINEN uns selbst begrenzen, ausgehend von unserem bisherigen Verständnis, was Begrenzung von Leben bedeutet, düfte klar sein, dass es spätestens dann mit der Lebendigkeit vorbei sein dürfte und nur noch Berechenbarkeit herrscht. Das ist der Werdegang, der in CHRYSALIS in der Geschichte ZUCKERBERGS DÄMON beschrieben ist. Warum sollte die Natur ihr Knowhow voon Millionen Jahren verwerfen, um komplett dem Energieraub zu frönen? Um, EINEM Heuschreckenschwarm gleich, über das Universum herzufallen und das ALL in EINE gewaltige Tupperschüssel umzuwandeln? Was wir EINEN zunehmend verkörpern ist ja im Grunde keine Evolution, sondern Devolution. Wir vereinfachen und schaffen so den Schein von Komplexität. Warum soll die Natur das Einfache, das Wesentliche des Lebens aufgeben und durch Vereinfachungen ersetzen, die beliebig ohne Kontext nach weiterer Vereinfachung schreien?

    Dass wir EINEN notwendig wurden und somit Anteil am Versuch der Evolution haben, etwas Weiteres hervorzubringen, etwas, dass die bisherigen Möglichkeiten der Natur bereichert, ohne aber im Sinne von Profit zu sein, liegt meiner Meinung nach auf der Hand. Ich habe da ja noch diese fixe Idee, dass die Weiten des Alls nicht das sind, was wir EINEN allgemeinhin darin sehen. Im Laufe meiner Kurzgeschichten wird das noch Thema werden. Ich hatte es ja schon im Vierteiler von der Zukunft des Menschen angesprochen: https://guidovobig.wordpress.com/2017/04/10/text-37-die-zukunft-des-menschen-aus-sicht-des-bewusstseins-4/

    • Stoffwechsel besteht darin, dass wir einen Teil von uns hergeben, um aus den Produkten der Erde neu zu erstehen, wie Andreas Weber sagt. Es gibt nichts, das festgehalten wird, auch kein Know-How, weil sich auch das Know-How verwandelt. Wenn Du den Menschen aus der Technosphäre herauslöst, sieht das wie Devolution, um nicht zu sagen Degeneration aus. Aber eben das ist eine falsche Herangehensweise, weil es den Menschen als solchen, ohne seine Technosphäre gar nicht gibt und noch nie gegeben hat. Wenn man Mensch und Feuer (Technik) als Einheit betrachtet, hat das durchaus immer noch den Charakter von Evolution mit Schwerpunkt Vercyborgisierung.

      Du fragst, warum die Natur ihr Know-How von Millionen von Jahren verwerfen sollte, um dem Energieraub zu frönen. Genausogut kann man fragen, warum sie das nicht tun sollte. Vielleicht sind die Verhältnisse so, dass ein Cyborg die adäquate Antwort auf das Problemfeld Ökosystem ist. Die Frage, ob die Natur etwas tun oder nicht tun sollte, ist eine Suggestivfrage mit dem Zweck, auf eine bestimmte Antwort überzuleiten. Gilt also nicht 🙂

      Als Teil des Prozesses kannst Du doch den Prozess als Ganzes nicht überblicken. Jeder Versuch, das zu tun, bringt immer nur ein Miteinander hervor, das den ANDEREN letztendlich doch wieder in ein geschlossenes Weltbild einordnet. Und das hatten wir in unserer Vergangenheit schon Xmal. Stichwort Religionen. Ich bin sehr dafür, dieses Know-How endlich mal zu verwerfen.

      • Wenn die ANDEREN ohne Regeln und Gesetze, ohne Vorgaben und Konstanten zu HARMONISIEREN vermögen und wir EINEN immer mehr Regeln und Gesetze, Vorgaben und Konstanten benötigen, um für unsere Vorstellungen möglichst harmonisch leben zu können, dann frage ich mich, warum lässt uns die Natur dann nicht einfach Nägel mit Köpfen machen und warum sind nicht alle Menschen Feuer und Flamme den ANDEREN gänzlich den Garaus zu machen? Soll heißen: Warum updated die Natur weiterhin unser Genom und warum mischen sich weiterhin Bakterien und Viren bildbestimmend in unser Leben ein, und warum sind immer mehr Menschen bereit etwas für den Erhalt der ANDEREN zu tun? Daraus folgt doch durchaus, dass der Cyborg nicht des Lebens Lösung, sondern eher Mittel zum Zweck ist, nämlich zum Zwecke der Sensibilisierung dahingehend, dass es noch EINEN ANDEREN Weg geben muss, der noch dermaßen unvorstellbar ist, dass er praktisch (noch) gar nicht existiert.

        Wenn ALLES ein Werden ist und ALLES jederzeit auch völlig anders werden kann, dann machen Regeln, Gesetze, etc. keinen Sinn, sondern bezeugen einzig das Unvermögen EINER Spezies zu ermöglichen, was für die Bewahrung von Lebendigkeit notwendig ist. Was nicht bedeutet, dass wir EINEN uns der Möglichkeiten nicht doch noch bewusst werden, ganz im Sinne von: PROBLEM — Problematisierung des PROBLEMS — Sensibilisierung für die Notwendigkeit einer Lösung des PROBLEMS — Bewusstwerdung der Möglichkeiten — Begehung des Lösungsweges — Lösung des PROBLEMS. Das ist es, was der gesamte Kosmos im Grunde ist – und wofür es das Leben gibt …

  9. Nochmal zum Unterschied zwischen Natürlich und Künstlich, zwischen Verwobenheit und Verstrickung, zwischen Energieausgleich und Energieraub:

    Einergieraub bedeutet, dass sämtliche Konsequenzen, die der Raub zur Folge hat, nicht am eigenen Körper des Räubers direkt erfahren werden. Technologischer Fortschritt bedeutet daher überwiegend die Vermeidung von direkten Konsequenzen für jene, die fortschreiten. Zurückbleiben die Konsequenzen in der Regel bei jenen, die am Fortschritt nicht teilhaben und somit zu den Zurückgebliebenen gehören.

    In der Natur, also dort, wo nicht EIN Mensch EInfluss hat, also an einem Ort aus unvordenklicher Zeit, kommt kein Lebewesen umhin, die Konsequenzen eigenen Tuns selbst zu spüren, da durch die Abwesenheit jeglichen Energieraubes keine größere Entfernung zwischen dem Lebewesen und den Konsequenzen geschaffen werden kann als jene, zu der der Körper selbst in der Lage ist.

    Auch EINE Tupperschüssel in meiner Hand zeichnet mich als Energieräuber aus, der keine der Konsequenzen des Herstellprozesses direkt am eigenen Körper zu spüren bekommt. Wir haben den Energieraub unser aller Leben dermaßen verinnerlicht, dass er uns ganz natürlich, ganz normal erscheint.

    • Im Stoffwechselprozess verwandeln Lebewesen die aufgenommene Energie, die sie als Nahrung und Sonnenlicht zu sich nehmen, in sich selbst. Die Nahrung plus Atmung plus Sonnenlicht wird zum eigenen Körper. Es geht um eine wesenhafte Verwandlung, wie ich es im Ostertext beschreibe. Fremdenergie wird in dieser Verwandlung zur Eigenenergie.

      Auch wir als Menschen haben an diesem Stoffwechselprozess teil, dessen Bedeutung leider immer mehr aus unserem Bewusstsein verschwindet. Außerdem benutzen wir Fremdenergie, die nicht in dieser Form unsere Körper durchläuft. Aber auch diese Fremdenergie erfährt eine wesenhafte Verwandlung, nämlich indem wir Tupperware, Rohrleitungen, Autos draus machen. Was mal Ökosphäre war, wird durch diesen Umgang mit Energie zur Technosphäre. Aber wenn wir als Antwort auf die gesamte Ökosphäre entstanden sind, ist das ja logisch. Ein einzelner Mensch ist kein Titan. Aber als Menschheit werden wir, indem wir Ökosphäre in Technosphäre umwandeln, insgesamt zu so einer Art Titan.

      Wir spüren die Konsequenzen als Verwandlung unserer Umwelt. Wir leben nicht mehr länger in einer Öko-, sondern in einer Technosphäre. Und das hat natürlich auch wieder Rückwirkungen auf uns. Von diesen hast Du selber eine ganze Reihe beschrieben, bspw. in Deinem Artikel übers Barfußlaufen oder übers Sonnenlicht.
      Wir sind keine weiterentwickelten Affen. Als Menschen sind wir die Einheit aus Affe und Feuer. Das macht den Menschen zu einer neuen Lebensform, die sich mit nichts anderem vergleichen lässt.

  10. Kann sich der Mensch wirklich widernatürlich verhalten? Er wird doch von der Natur mit seinen Fähigkeiten ausgestattet. Es liegt also in der Natur des Menschen, seine Fähigkeiten zu nutzen.

    Kein Lebewesen überlebt, ohne in die Natur eingegriffen zu haben, mal mehr, mal weniger. Der Mensch hat es perfektioniert. Er entnimmt der Natur sogar Stoffe, um aus ihnen mit Hilfe der Naturgesetze neue Stoffe zu kreieren. Ja, Tupperware ist letztlich eine Kreation der Natur. Wer behauptet, das käme so in der Natur nicht vor, der blendet damit die Gegenwart aus. Ist denn nur das, was gestern oder gar bereits ohne den Menschen da war, natürlich?

    Die Frage, ob etwas natürlich ist oder nicht führt meiner Meinung nach in die Irre oder in eine Ideologie. Die Frage(n) sollte(n) doch eher sein: in welchem Maße ist etwas schädlich und für wen? Ist der Schaden vertretbar, minimierbar oder gar vermeidbar?

    Es gibt ja im Grunde nichts, was nicht auch einen Schaden verursacht, selbst wenn es andere Schäden abwendet bzw. minimiert. Sogar sowas banales wie Fensterputzen kann schädliche Folgen haben, weil Vögel die saubere Scheibe nicht mehr als Hindernis erkennen und dagegen fliegen. Also genau genommen kann man nicht sagen, dass etwas unschädlich ist, sondern nur gering schädlich. Wie in der Medizin müsste man eigentlich über die Dosis und Risiken reden.

    • Dem liegen zwei unterschiedliche Naturbegriffe zugrunde. Natur ist einerseits permanenter Wandel im Sinne von Evolution, Dynamik. Andererseits bezeichnet man als Natur die bestehende Flora und Fauna in ihrem IST-Zustand, den man bewahren möchte.

      Natur als Wandel und Evolution reguliert sich über Gegenspieler in zeitversetzten Zyklen. Wo viele Kaninchen sind, vermehren sich die Füchse. Wenn die Füchse die Kaninchen gefressen haben, geht die Zahl der Füchse mangels Nahrungsgrundlage zurück, worauf die Kaninchen sich wieder vermehren. Im Sinne dieses Wandels ist der Mensch zum Gegenspieler der bestehenden Flora und Fauna geworden, was dann manchmal als widernatürlich rüberkommt, wenn man unter Natur die Flora und Fauna versteht. Legt man den dynamischen Natur-Begriff zugrunde, ist Tupperware tatsächlich eine Kreation der Natur.

      Ja, statt mit dem Naturbegriff zu operieren, wäre es sinnvoller, in Kategorien von Nutzen und Schaden zu denken. Da legst Du den Finger auf den Punkt! Auch mit dem, was Du über die Dosis und die Risiken sagst. Es gibt nichts, das per se nützlich oder schädlich ist, es gibt auch kein Gut und Böse an sich. Es kommt immer auf den Kontext und die Dosis an.

      Es wäre schön, wenn man endlich mal zugeben könnten, dass es dabei vor allem um unseren Nutzen und Schaden geht, statt dass immer die Welt oder die Natur vorgeschoben wird, um den persönlichen Interessen mehr Gewicht zu verleihen. Verschiedene Menschen haben verschiedene Vorstellungen davon, was uns als Menschheit insgesamt nützt oder schadet. Ein Teil sieht unsere Zukunft in der Vercyborgisierung auf Kosten der bestehenden Flora und Fauna, ein anderer Teil in einer neuen Wertschätzung von Flora und Fauna auf Kosten weiterer Technisierung.

    • Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Künstlichem und Natürlichem: Alles Natürliche vermag nur die Energie umzusetzen, die dem Lebewesen in seiner unmittelbaren Umgebung körperlich zur Verfügung steht. Alles Künstliche dagegen kann nur entstehen, weil Lebewesen in der Lage sind, die Energie, die das Künstliche erst ermöglicht, nicht aus dem unmittelbaren Umfeld zu beziehen – und das obendrein mit Möglichkeiten, die dem Körper des Lebewesens nicht zueigen sind. Das kann nur EIN Lebewesen: wir Menschen. Daher ist alles Künstliche durch EINEN Energieraub gekennzeichnet, der zwangsläufig zu Ungleichgewichten führen muss, je größer der Energieraub ist von je weiter weg die Energie bezogen wird. Derartige Ungleichgewichte gibt es von Natur aus nicht..

      Ausführlicher steht es hier: https://guidovobig.wordpress.com/2017/04/07/text-21-schwarze-pflanzen-als-zeichen-des-fortschritts-1/

      • Vor längerer Zeit haben wir mal drüber diskutiert, dass alles, was IST, also existiert, einer Notwendigkeit gehorcht. Diesen Begriff der Notwendigkeit hast damals Du ins Spiel gebracht. Für mich hat das seinerzeit eher etwas von Zwang gehabt. Erinnerst Du Dich an diese Diskussionen? Als wir dann über Resonanz diskutiert haben, hat sich das Bild etwas gewandelt: Ein Existierendes ist die Antwort auf ein anderes Existierendes. Die Füchse sind eine Antwort auf Kaninchen. Die Kaninchen bringen die Füchse in gewisser Weise selber hervor. Wenn es zu wenige Kaninchen gibt, verschwinden die Füchse.

        Analog ist die Entwicklung des Menschen ebenfalls eine Antwort auf Existierendes. Wie die Kaninchen die Füchse als Antwort erforderlich machen, so hat irgendetwas in der Natur den Menschen erforderlich gemacht. So zumindest habe ich Dich verstanden, und inzwischen halte ich das für einen Gedanken, der uns hinsichtlich eines Verständnisses unserer selbst tatsächlich weiterbringt. Da habe ich also von Dir gelernt. Die logische Schlussfolgerung ist, dass wir aber auch Teil der Natur sind. Schließlich sind wir eine Antwort auf etwas Natürliches. Oder anders: Wie kann Natur etwas Unnatürliches (Künstliches) hervorbringen?

        Die nächste Frage ist dann, worauf die Menschen eine Antwort sind. Ich denke, als Menschen antworten wir nicht auf eine spezifische Tierart, wie die Füchse auf die Kaninchen. Wir sind eine Antwort auf das gesamte Ökosystem, nicht nur auf einen spezifischen Teil davon. Aus diesem Grund hat die Natur uns mit dem Feuer zu einer Einheit verschmolzen. Weder ein Waldaffe noch das Feuer konnte auf das PROBLEM, welches das Ökosystem als solches stellt, eine adäquate Antwort geben. Durch das Feuer haben wir als Menschen Zugang zu Fremdenergie bekommen, sind überhaupt auf den Trichter gekommen, Fremdenergie zu nutzen. Auch das ist ein natürlicher Prozess. Wir sind damit immer noch in der Dynamik des Natürlichen. Wenn die Nutzung von Fremdenergie natürlich ist, löst sich der Unterschied zwischen natürlich und künstlich auf.

        Die Nutzung von immer mehr Fremdenergie ist in der Tat der rote Faden, der sich konsistent durch die Geschichte der Menschheit zieht. Vom Anfang bis heute ist in dieser Hinsicht eine kontinuierliche Steigerung, gar eine Eskalation zu beobachten. Was niemand mit Bestimmtheit sagen kann, ist, ob wir bereits über das Maß hinaus sind und auf demselben Trip wie der Säbelzahntiger sind, also unseren eigenen Untergang hervorrufen, oder ob wir uns noch im Rahmen dessen bewegen, was auf das PROBLEM, welches das Ökosystem als Ganzes darstellt, antwortet.

        Dem Säbelzahntiger ist das Wachstum seines Gebisses zum Verhängnis geworden. Dem Elefanten nicht. Der Säbelzahntiger konnte nicht im Voraus sagen, dass das Wachstum seines Gebisses sein Verhängnis ist. Ebensowenig können wir zum jetzigen Zeitpunkt sagen, ob die Nutzung von Fremdenergie (wozu auch die Erzeugung von Tupperware gehört) uns zum Verhängnis wird. Wir wissen nicht, ob wir Säbelzahntiger oder Elefanten sind.

        WACHSTUM als solches scheint mir der Kern des PROBLEMS zu sein. Dem Leben und damit allen Lebensformen scheint endloses Wachstum inhärent zu sein, dass durch ein Anderes begrenzt werden muss.

        Ich frage mich, ob die Natur mit uns Menschen den Versuch macht, eine Lebensform hervorzubringen, die nicht durch ein Anderes (wozu auch ausgehende Ressourcen, Jahreszeiten gehören) begrenzt wird, sondern die in der Lage ist, sich selber zu begrenzen.

      • „Dem Leben und damit allen Lebensformen scheint endloses Wachstum inhärent zu sein, dass durch ein Anderes begrenzt werden muss.“
        Da möchte ich doch differenzieren: Dem Leben an sich/im Allgemeinen mag vielleicht tatsächlich endloses Wachstum inhärent sein. Allen (einzelnen) Lebensformen hingegen gerade nicht. Die wachsen so lange, bis sie ausgewachsen sind. Dazu brauchen sie keinerlei äußere Begrenzung, so sind sie genetisch programmiert. Und jedes einzelne Lebewesen stirbt irgendwann. Es macht sozusagen Platz für seine Nachfolger.
        Deshalb scheint mir der Kreis(lauf) das wesentlichere Merkmal des Lebens zu sein als das Wachstum.

      • Zellen bekommen die Information, dass es nun genug mit der Zellteilung ist, durch ihre Umgebung. Es gibt kein Gen, welches das Wachstum an sich beendet, sondern nur Schalter, die bei entsprechenden Umgebungsreizen umgelegt werden. Deshalb teilen Krebszellen sich ewig weiter und ziehen, solange es geht, Energie aus ihrer Umgebung ab. Sie sterben erst, wenn die Umgebung keine Energie mehr liefern kann. Einzeller sterben nicht. Sie leben in ihren Klonen weiter. Sterben tun nur komplexere Lebensformen, was heißt, dass ein bestimmtes Musterblatt aus Zellen, Bakterien und Viren zerfällt. Diese Musterblätter grenzen sich gegeneinander ab, während der Stoff beständig ausgetauscht wird.

    • Ich habe Sepp Holzner gelesen und war sehr beeindruckt. Auch wie er selber im Rahmen der Entwicklung seiner Permakultur wieder gesund geworden ist. Ich weiß jedoch zu wenig darüber, um fundiert was sagen zu können, vermute aber, dass wir insgesamt viel zu viele Menschen auf dem Planeten sind, um großflächig aus der konventionell-industriellen Landwirtschaft aussteigen zu können. Die Bevölkerungsexplosion und die Industrialisierung der Landwirtschaft bedingen sich ja wechselseitig. Weißt Du da mehr drüber?

      • Ich weiss, dass pro Fläche der ökologische Anbau viel ertragreicher ist, dafür bei deutlich mehr Arbeitsaufwand. Gerade in den armen Ländern des globalen Südens kann Biolandwirtschaft viel mehr zur Ernährungssicherheit beitragen als die industrielle Landwirtschaft. Die verwendet ja (laut Andreas Weber in „Biokapital“) 10 Kilo Erdöl, um 1 Kilo Nahrung zu produzieren.

        Andere Frage: kennst du eigentlich Jared Diamond? Der schrieb schon 1987 „recent discoveries suggest that the adoption of agriculture, supposedly our most decisive step toward a better life, was in many ways a catastrophe from which we have never recovered“ in seinem Aufsatz The Worst Mistake in the History of the Human Race. Seinen dicken Schinken „Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ hab ich noch ungelesen im Regal stehen.

      • Ich habe andere Informationen. Bei wenigen Gemüsesorten mag der ökologische Anbau pro Fläche in Einzelfällen ertragreicher sein, nicht aber bei den Hauptnahrungsmitteln Getreide, Reis, Mais, Kartoffeln. Da liegt er sogar deutlich darunter, und zwar bis zu 30%. Die traditionellen Methoden in den armen Ländern sind ja vergleichsweise biologisch, dort wird vielerorts pro Fläche aber sogar nur ein Zehntel des Ertrags der konventionellen Landwirtschaft erwirtschaftet. Und um es ganz deutlich zu sagen: auch der Öko-Anbau wirtschaftet nicht im Einklang mit der Natur, die Kampfmethoden gegen die Natur sind nur etwas weniger aggressiv als in der konventionellen Landwirtschaft und in manchen Teilen ist er sogar fragwürdig, bspw. in der Verwendung von Kupfersulfat als Pflanzenschutzmittel. Ja, ich stimme Weber zu, dass wir im Grunde Erdöl essen.

        Wenn Öko-Anbau das Allheilmittel wäre, als das er angepriesen wird, hätte die industrielle Landwirtschaft sich nicht durchsetzen können. Sie hat sich durchgesetzt, weil sie eben erhebliche Vorteile hatte und immer noch hat. Das macht mich auch ein bisschen bei der Permakultur stutzig. Wenn man mit relativ wenig Einsatz so viele Vorteile einfahren könnte wie behauptet, würden mehr geschäftstüchtige Bauern auf den Zug aufspringen. Die sind ja nicht doof. Aber wie gesagt, da weiß ich zuwenig.

        Ja klar, Jared Diamond vertritt interessante Thesen, wenn er auch nicht gerade leichtgängig zu lesen ist. Wenn wir reine „Naturwesen“ im Sinne von weiterentwickelten Waldaffen wären, hätte er vielleicht Recht, dass die Agrarisierung ein Fehler war. Wenn die Evolution mit uns Menschen aber war Neues ausprobiert, das uns über ein reines „Naturwesen“ hinaushebt, dann gehört die Agrarisierung eben zu unserer Geschichte. So oder so: rückgängig machen können wir diesen Schritt nicht ohne Weiteres. Und will das im Ernst jemand? Ich glaube nicht.

      • „Wenn Öko-Anbau das Allheilmittel wäre, als das er angepriesen wird, hätte die industrielle Landwirtschaft sich nicht durchsetzen können. Sie hat sich durchgesetzt, weil sie eben erhebliche Vorteile hatte und immer noch hat.“

        Du gehst optimistischerweise davon aus, dass sich das („objektiv“, was auch immer das sein mag) Bessere immer durchsetzt. Das ist im Kapitalismus eher selten der Fall, bekanntes Beispiel VHS vs. Video 2000.
        Auch was die industrielle Landwirtschaft angeht, stehen da natürlich massive wirtschaftliche Interessen dahinter. Hybridsaatgut nützt z.B. allein den Saatgutkonzernen, trotzdem hat es sich weitgehend durchgesetzt.

      • Antwort 1: Es setzt sich das durch, was den beteiligten Personen, soweit sie es überblicken, am meisten Vorteile bringt, denn nur dafür setzen sie sich ein. Das ist mit der sogenannten alternativen Lebensweise auch nicht anders. Ihre Vertreter sind ebenfalls überzeugt davon, dass ihnen die alternative Lebensweise mehr Vorteile bringt.

        Antwort 2: Es setzt sich derjenige durch, der über mehr Energie, Machtmittel oder sonstige Vorteile im Wettbewerb verfügt. Wenn manche Leute über mehr Macht verfügen als andere, dann deshalb, weil die Anderen die Macht oder die Verantwortung bereitwillig abgegeben haben. Wenn sich Hybridsaatgut durchgesetzt hat, dann deshalb, weil es für viele Bauern zunächst eine Vereinfachung bedeutete, das Saatgut jedes Jahr neu zu kaufen statt es mühsam selber zu ziehen. Dass sie dadurch in Abhängigkeit vom Konzern geraten, hätten sie vorher überlegen müssen. Diese Bauern haben dem Konzern die Position verschafft, die er jetzt hat und die er natürlich gegen die nachfolgenden Generationen ausnutzt.

        Antwort 3: Das „Bessere“ existiert nur in den Köpfen der Menschen. Was sich verwirklicht, kann man weder planen noch vorhersehen, weil sich die verschiedensten Interessen vermischen. Wir haben den Kapitalismus als Wirtschaftsform, weil er dem, was die Menschen sind, am meisten entspricht. Wirtschaftsformen, die auf idealisierten Vorstellungen vom Menschen beruhen, sind zum Scheitern verurteilt.

        Ich höre schon seit vierzig oder fünfzig Jahren, dass wir unsere moderne Lebensweise so nicht weiterführen können 🙂
        Und jedes Jahr ist unsere Lebensweise noch technischer, noch naturferner, noch energieintensiver geworden.

      • Sind deine drei Antworten als Alternativen gedacht? Antwort 1 und Antwort 2 widersprechen sich jedenfalls.
        Zu Antwort 2: „Wenn manche Leute über mehr Macht verfügen als andere, dann deshalb, weil die Anderen die Macht oder die Verantwortung bereitwillig abgegeben haben.“
        Sorry, das muss ich jetzt naiv nennen. Es geht ja schon bei der Geburt los: Hat ein Neugeborenes seine Macht an seine Eltern „bereitwillig abgegeben“? Vergleiche dazu die Geschichte von den drei Bären.

      • Jeder Einzelne will das durchsetzen, wovon er sich die meisten persönlichen Vorteile verspricht. Einige Personen, Gruppen oder Firmen sind erfolgreicher darin, ihre Vorteile durchzusetzen als andere. Manche versprechen sich einen persönlichen Vorteil davon, wenn sie ihre Energie an einen Konzern abgeben und sich dessen Ziele zu eigen machen. Andere wie die sogenannten Alternativen versprechen sich mehr persönliche Vorteile davon, wenn sie gegen den Konzern protestieren. Aus diesem Interessengemisch entsteht die Gesellschaft oder auch die Wirklichkeit, in der wir leben. Ich sehe da keinen Widerspruch.
        Sorry, Verhältnisse zwischen erwachsenen Menschen sind wohl was anderes als Eltern-Kind-Beziehungen.

      • Das klingt mir wie die Art, in der Mainstream-Ökonomen „beweisen“, dass alle Menschen rationale Nutzenmaximierer sind. Sie erklären einfach rückwirkend jedes Verhalten als rational.
        Bei deinem Satz „Jeder Einzelne will das durchsetzen, wovon er sich die meisten persönlichen Vorteile verspricht“ kann ich noch mitgehen. Aber: Nicht jeder Einzelne kann das durchsetzen, wovon er sich die meisten persönlichen Vorteile verspricht. Dann wäre ja alles Friede, Freude, Eierkuchen.

        Mir kam in dem Zusammenhang der Satz Jeder Mensch ist frei geboren, aber nicht souverän. Die Souveränität muss sich jedeR erst im Laufe des Lebens erarbeiten, unter besseren oder schlechteren Voraussetzungen.

        Insofern halte ich die Verhältnisse zwischen erwachsenen Menschen auch nur für graduell verschieden von Eltern-Kind-Beziehungen.

        Und in der Tiefe bin ich ganz bei Dir, wie ich in meinem Blogbeitrag über das Gehorchen geschrieben habe. Dazu muss ein Mensch allerdings eine gehörige Reife erreicht haben.

  11. Mit Erlaubnis des Verfassers hier noch Auszüge aus einem aktuellen Mailwechsel, die ganz gut zu diesem Thema passen:

    Hallo Marian,
    Beim Stöbern und Herumspielen mit dem Begriff CHRYSALIS bin ich kürzlich auf ein Buch gestoßen, dass aus meiner Sicht der Welt sehr stimmig ist. Es lautet THE CHRYSALIS EFFECT und stammt von einem Soziologen namens Philip Slater. Siehe unter: http://harvardmagazine.com/2013/03/the-world-according-to-slater

    Hallo Guido,
    Habe den von Dir angegebenen Link gelesen und bin, wie meistens, ein bisschen zwiegespalten. Dass ein Paradigmenwechsel von der control culture zur integrative culture stattfindet, ist offensichtlich. Was integrative culture bedeutet, ist jedoch nicht klar. So wie sich das real abzeichnet, ist das Ergebnis dieses Paradigmenwechsels doch gar nicht das selbstverantwortliche Individuum, das mit den ANDEREN in aller Verschiedenheit die LIEBE zum Leben teilt, sondern der ununterscheidbare Massenmensch, der sich nur noch über seinen Konsum, also statistisch bemerkbar macht.

    Für mich zeichnet sich eher ab, dass das allsehende Auge Gottes, welches in der Bronzezeit ermöglichte, dass Mitglieder verschiedener Stämme halbwegs friedlich in den sich herausbildenden Städten zusammenlebten und woraus sich dann die hierarchisch strukturierte control culture entwickelte, durch die Millionen Augen aufmerksamer Bürger ersetzt werden, was die bisherigen Hierarchien zwar auflöst, aber nicht die Überwachung und Kontrolle.
    Jeder beobachtet demokratisch jeden anderen und mischt sich regulierend in das Leben des ANDEREN ein, um es seinem eigenen Leben und das der Gemeinschaft anzupassen.

    Die Kontrollmechanismen werden zudem verinnerlicht. Polizei und Militär werden durch das Über-Ich ersetzt. Willst Du etwa bestreiten, dass wir auf dem besten Weg in den Überwachungsstaat sind? Kinder, die so behelikoptert werden, wie das heute der Fall ist, werden sich sogar nur ein einem Überwachungsstaat wohlfühlen.

    Ich kenne das Buch von Slater nicht, aber in dieser Anzeige wird mir die integrative culture zu einseitig positiv dargestellt. Das scheint mir doch nur wieder die ewig selbe Selbstbeweihräucherung zu sein, die immer nur Halbwahrheiten zulässt und alles, was nicht ins schöne Selbstbild passt, unter den Tisch fallen lässt.

    Hallo Marian,
    Sicher liegst Du mit Deiner Kritik teilweise richtig, schließlich betrachtet das verlinkte Buch auch nur die Sphäre der Menschen und lässt die ANDEREN bzw. unsere Beziehung zu ihnen unberücksichtigt. Von daher ist der beschriebene Kontext der Metamorphose EIN arg verzerrter. Mir geht es bei dem Buch (s. unten) auch eher um den Prozess als solches, vor allem die aktuell sich immer deutlicher zeigende Verflüssigung in der Menschensphäre, dem Geschehen im Kokon ähnlich, wo die Raupe förmlich zerfließt und gänzlich neu “umgebaut“ wird, ohne dass sich am genetischen Code etwas ändert, wohl aber an der Expression des Genoms. Dieser Prozess ist es, den der Autor anschaulich auf das Geschehen in der Sphäre der Menschen beschreibt. Dass das Ergebnis keinesfalls mit der Transformation in ein beflügeltes Wesen gleichgesetzt werden kann, liegt im Grunde auf der Hand, eben weil unser Eingebundensein in die Verwobenheit der ANDEREN nicht zur Sprache kommt.
    ….

    Anmerkung meinerseits:
    Es geht in dieser Diskussion um zwei verschiedene Bücher. Das erste ist das von Slater, das zweite heißt CHRYSALIS von Guido Vobig. Wer mehr über dieses zweite Buch erfahren will, hier ist der Link dazu:

    https://guidovobig.wordpress.com/

  12. “Dass die Menschen alle eins seien, wünschen sich die meisten seit Hunderten von Jahren. “

    Da wäre es doch ratsamer wir teilten alle, in aller Verschiedenheit, die gleiche LIEBE zum Leben, anstatt alle gleich sein zu wollen, um Eins zu sein.

    • Genau auf den Punkt! Wie sagte man da früher mal: BINGO, oder?

      Diese LIEBE zum Leben äußert sich darin, selber gern leben zu wollen. In Wahrheit macht das unseren innersten Kern aus. Jeder will gerne leben, und jeder will gerne ein gutes Leben haben. In der gegenwärtigen Entwicklung negieren viele Menschen diesen innersten Kern, manchmal bei sich selbst, häufig bei ANDEREN. Wir werden daraufhin konditioniert, dass wir erst ein gutes Leben haben, wenn wir uns selbst aufgeben und als ununterscheidbare Teilchen in der Gesellschaft aufgehen. Wir werden daraufhin erzogen, dass die Gemeinschaft mehr ist als der einzelne Mensch. Die LIEBE zum Leben wird zur Liebe zur Gemeinschaft (zum Nächsten) umdefiniert.

      • Deine letzten Sätze könnten stimmen, wenn du über asiatische Kulturen sprechen würdest – aber doch nicht im extrem individualisierten Westen!

        Dass Menschen grundsätzlich die Tendenz haben, sich nach Anderen zu richten und irgendwo „dazu gehören“ wollen, erklärt sich durch unser Primatentum: wir sind soziale Wesen, leben „artgerecht“ in Horden, nicht als Einzelgänger wie Bären – und eigentlich auch nicht als isoliert vor Monitoren sitzende Einzelne, die ihr „dazu gehören“ nurmehr über flukturierende virtuelle Communities oder wechselnde Bindungen an „Marken“ erleben.

        Dass eine Gemeinschaft wichtiger ist als ein Individuum: dazu werden wir wahrlich nicht erzogen! „Unterm Strich zähl ich!“, „Weil ich es mir wert bin…“ sind ganz typische Werbeaussagen, die das auf den Punkt bringen. Es gibt kaum mehr ein Produkt, das sich nicht „individualisieren“ lässt: eigener Kaffee, eigenes Müsli, selbst gestaltete Shirts, Tassen, Wandbilder, u.v.m.

        Der Trend zum Single-Haushalt ist seit Jahren ungebrochen, in Berlin sind es schon mehr als 50%. In der Arbeitswelt nehmen die Homeworker und Workspaces zu, Gewerkschaften verlieren an Einfluss. Allen großen Institutionen laufen die Mitglieder weg, man möchte sich lieber individuell und punktuell engagieren. Man geht auch nicht mehr in Sportvereine,. sondern in Fitnesscenter, wo jeder alleine an Maschinen individuell trainiert.

        Es ist nicht Gemeinschaft und auch nicht Gesellschaft, sondern allein der Markt, in dem wir uns optimal verkaufen und konsumierend dem Wohl der Allgemeinheit (Profit, Arbeitsplätze..) dienen sollen. Und das funktioniert offenbar umso besser, je vereinzelter und individualisierter wir unser Leben gestalten.

      • Individualität, die sich hauptsächlich über Konsum ausdrückt, ist keine, ob ich nun Markenartikel, Sport, Unterhaltung oder Müsli konsumiere. Vereinzelung ist auch nicht mit Individualität gleichzusetzen.

        Ich sehe die Vereinzelung als natürliche Reaktion darauf, dass wir Menschen uns in Bezug auf unsere Gemeinschaftsfähigkeit heillos überfordert haben, wesentlich bedingt durch das Christentum. Was machst Du, wenn Du in einer Beziehung nicht mehr Du selbst sein kannst, sondern Dein Gegenüber Dir immer und immer wieder sagt, wer du bist und wer du sein sollst? Wenn der Andere stets besser weiß, wer Du bist als Du selbst? Wenn der Andere unbelehrbar dabei bleibt, nur Dein Bestes zu wollen und Dir bei Deiner Entwicklung helfen zu wollen. Tja, das ist Missionieren, und Missionieren ist nun mal der Wesenskern des Christentums. Wir haben vielleicht das Christentum hinter uns gelassen, aber nicht den Glauben, den anderen sagen zu müssen, was richtig ist.

        Ich werde da also zum Bär oder zum einsamen Wolf. Und ich denke, ich bin nicht der Einzige. Zeige mir mal die Menschen, vor allem in Deutschland, die noch fähig sind, ihr Gegenüber so anzunehmen, wie es ist, ohne ihm eine bestimmte Vorstellung überzustülpen, ohne an ihm herumzuzerren, zu belehren, zu motivieren. Jeder mischt sich doch in das Leben von jedem ein. Du wirst in den Zeitungen heute nicht mehr informiert, sondern motiviert, genudged, geschubst, belehrt.

        Vielleicht war unsere ursprüngliche Gemeinschaft eine Horde. Eine solche besteht aus 20 bis 100 Mitgliedern. Wir verlangen von uns jedoch, dass wir nicht nur mit 20 oder 100 Mitmenschen Gemeinschaft bilden, sondern mit 2000, 100.000, 50.000.000. Statt kleinerer Gemeinschaften, die autark leben, bilden wir immer größere mit immer größeren undurchschaubaren existenziellen Abhängigkeiten. Jetzt streben wir die Globalisierung an, also Gemeinschaft mit 7,5 Milliarden. In solchen Gemeinschaften zählt der Einzelne nichts mehr. Wir machen uns zu ununterscheidbaren Teilchen, die nur noch über Statistiken erfasst werden. Oder eben über den Markt. Individualisierung ist das Gegenteil.

        Ja, sicher: Man glaubt, dass man innerhalb dieses Kontextes einer Staaten- oder Weltgemeinschaft wieder eine Horde bilden könnte und sich seine 20 bis 100 Gleichgesinnten suchen. Aber das funktioniert nicht, weil man in dieser neuen Horde weder autark leben kann noch sein Leben frei gestalten kann, sondern nach wie vor vom großen Kollektiv gemaßregelt und gemanaged wird. Nein, Menschen sind keine Individuen. Deshalb sind sie ja so anfällig für Werbung, die Individualität verspricht. Wäre Individualität selbstverständlich, könnte man damit keine Kunden gewinnen.

      • Also ist „Individualität“ für dich nur machbar, wenn man in kleinen Gruppen seine Scholle autonom beackert? Ich kann deiner Weltsicht nicht zustimmen, denn mein Erleben ist anders: die jeweiligen Lebenswelten der Menschen sind doch derart unterschiedlich geworden, dass man kaum noch jemand „Ähnlichen“ findet. Also ganz das Gegenteil eines „normierten“ Menschen. Der Markt als Wirtschaftsmodell ist auch nicht systembedingt „gleich machend“, sondern ganz im Gegenteil extrem auf Diversifizierung aus: aus jeder Kritik wird eine neue Produktewelt, wo Nachfrage ist, entsteht ein Angebot.

        Eine Beziehung, die dir zu übergriffig wird, kannst du beenden oder neu austarieren. Du kannst komplett alleine leben und hast sogar das Recht, dich selbst zu zerstören – der Staat ist äußerst zurück haltend, wenn es darum geht, Menschen, die total verwahrlosen oder geistig abdriften, irgendwelchen schützenden Einrichtungen zuzuführen – erst wenn Gefahr für Andere besteht oder eine manifeste Suizidgefahr besteht, dann geht das (sofern sich jemand kümmert, der das bemerkt. Oft kümmert sich niemand.).

        Und wo wird der real existierende Mensch vom Druck zur Gemeinschaft überfordert? Du kannst das doch nicht historisch vom Christentum ableiten, dessen „Gemeinschaftsdruck“ ja schon lange nicht mehr wirklich gespürt wird (und wenns doch noch irgendwo nervt, kann man das Bundesland wechseln, vom Dorf in die Stadt ziehen…).

        Es ist doch nicht zu leugnen, dass wir mit dem Aufbau des Sozialstaats genau jenen Zwangsgemeinschaften, auf die die Menschen früher angewiesen waren, den Zahn gezogen haben. Weder Stamm, noch Clan/Großfamilie, nicht einmal mehr die Kleinfamilie/Ehe hat zwingenden Bestand bzw. wirtschaftliche Notwendigkeit.

        Auch deine Lektüre kannst du frei wählen, heute aus sehr viel mehr Quellen als vor dem Internet. Du bekommst sogar „Infos“ direkt von den Orten des Geschehens, kannst Akteure selbst ansprechen und recherchieren, wie es früher nur wenige konnten. Und ich lese tatsächlich noch viele News, die nichts weiter tun als informieren, was geschah – allerdings habe ich nichts dagegen, viel Meinung / Kommentar etc. zu lesen, denn auch diese gibt es ja aus allen erdenklichen Richtungen. Auch früher wusste man, dass die FAZ eine andere Haltung vertritt als die SZ, die TAZ, die Anarchos/Antifas, die Rechtsradikalen. Heute ist das alles noch viel weiter aufgesplittert und du kannst wirklich aus dem vollen Spektrum schöpfen.

        Die Welt ist im übrigen in all ihren menschlichen Kooperationsformen nicht statisch, sondern in ständigem Wandel. Viele wollen irgend etwas anders haben, üben Kritik, wollen Verbesserung (natürlich aus der je eigenen Sicht), wollen „mehr“ oder wollen ein drohendes Übel abwenden. Ich halte es für vollkommen natürlich und normal, dass Menschen Meinungen und Wünsche haben und diese auch vertreten – in deinen Worten „den Anderen sagen, was richtig ist“. Das ist der normale Meinungsstreit, der demokratische Diskurs, das öffentliche Gespräch – wir können nämlich nicht alleine, sondern sind voneinander abhängig. Jedenfalls, solange wir nicht von „Lichtnahrung“ leben können. Wenn ich also etwas – jenseits des höchst persönlichen Konsums – ändern will, muss ich andere dafür gewinnen. Wir sind nun mal keine Bären… 🙂

      • Individualität beschreibt eine personenbezogene Qualität und hat nichts damit zu tun, ob einer nun allein, in einer Gruppe oder in der Großstadt lebt, sondern eben damit, dass ein Mensch nicht durch solche äußerlichen Bedingungen definiert wird.

        Deine Beobachtung, dass die Lebenswelten auseinanderdriften, ist richtig. Es handelt sich dabei aber nicht um Diversifizierung, sondern um Fragmentierung. Diversifizierung bedeutet Vielfalt, die miteinander in Kohärenz steht, Fragmentierung bedeutet den Verlust von Kohärenz, ist also gleichbedeutend mit Beziehungslosigkeit. Beispiel Fernsehprogramme und Lektüre. Statt ursprünglich 3 haben wir jetzt 120 Fernsehprogramme, und es kommt auf fast allen Programmen jedoch derselbe Schrott. Dito mit der Lektüre. Man verplempert seine Zeit mit der Auswahl, ohne dass man was findet, was einem wirklich interessiert. Wo vertritt die FAZ noch wesentlich eine andere Haltung als die ZEIT, die SZ oder die TAZ? Das war vielleicht mal, gilt doch aber schon längst nicht mehr. Und egal, welche Zeitung ich anklicke, ich sehe derzeit fast immer nur Trump, Trump, Trump … als gäbe es keine andere Meldungen mehr auf der Welt.

        Wenn ich heute auf einer großen Messe in Frankfurt oder Hannover bin, kann ich die Jungmanager/innen nicht mehr auseinanderhalten. Die sehen für mich alle gleich aus, oder genauer: sie strahlen dasselbe aus. Stets dasselbe Lächeln, dieselbe nichtssagende Freundlichkeit, derselbe belanglose Smalltalk. Austauschbar.

        Wenn ich im Supermarkt eine Marmelade kaufe, kann ich zwischen sechs Geschmackssorten in vierhundert verschiedenen Gläsern mit verschiedenen Etiketten wählen. Der Inhalt ist jedoch pro Geschmackssorte in allen Gläsern derselbe, und sogar die vielfältigen Anbieter entpuppen sich als Schwindel, weil sie dann doch alle zum Nestlé-Konzern gehören.

        Wo gibt es denn einen demokratischen Diskurs, der über Blabla hinausgeht? Wenn Du da Adressen hast, bitte gerne. Das interessiert mich.

        Wenn Du im Mainstream schwimmst und das vertrittst, was die große Mehrheit vertritt, dann wirst Du Dich frei fühlen. Das liegt aber bloß daran, dass Du konform mit der Gemeinschaft bist und den Regelapparat der Gemeinschaft deshalb nicht spürst. Wenn du dem Anderen sagst, „was richtig ist“, besteht Dein Wunsch darin, den Anderen zu verändern. Das heißt, der Andere passt Dir nicht, so wie er ist. Und statt dass Du Dich änderst, soll der Andere sich ändern. Und das bloß, weil Du im Mainstream schwimmst. Findest Du das nicht anmaßend?

        Ich weiß nicht … ich glaube, da bin ich doch lieber ein Bär 🙂

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