Es ist fünf nach zwölf!

Seit ich denken kann – also wenigstens seit 35 oder 40 Jahren 🙂 –, ist es fünf vor zwölf. Diese Metapher fünf vor zwölf hat mich und meine Generation von Kindesbeinen an bis zum Überdruss begleitet.

Fünf vor zwölf war es, als der Club of Rome 1972 die Grenzen des Wachstums aufzeigte. Fünf vor zwölf war es während des Kalten Krieges in den 80ern, als meine Generation gegen die Stationierung von Pershing-Raketen auf die Straße ging. 5 vor 12 war es auch anlässlich des Waldsterbens, des Ozonlochs, des Rinderwahns und der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Was das Artensterben, die Überfischung der Meere, die Vermüllung des Planeten, die Abholzung des Regenwaldes, das Bevölkerungswachstum und den eskalierenden Energieverbrauch angeht, ist es schon seit ein paar Jahrzehnten stets fünf vor zwölf. Ganz zu schweigen von der atomaren Bedrohung und dem nuklearen Wettrüsten: hier ist es bereits seit Hiroshima und Nagasaki fünf vor zwölf.

Es gibt eine Weltuntergangsuhr, die 1947 mit einer Zeigerstellung von sieben vor zwölf installiert wurde und die seither in Abhängigkeit von der Weltlage vor- und zurückgestellt wird. Durch den Bau der Wasserstoffbombe war es 1953 auch schon mal zwei vor zwölf und während des Kalten Krieges drei vor zwölf. Im Zuge der Entspannungspolitik nach dem Fall der Berliner Mauer waren wir jedoch auch schon mal siebzehn Minuten vom Weltuntergang entfernt. Inzwischen sind unsere Chancen, einer Klimakatastrophe oder einem Atomkrieg zu entgehen, wieder erheblich gesunken. Im Januar d.J. wurde die Uhr auf zwei Minuten 3o Sekunden vor 12 gestellt.

Jetzt hören wir die Metapher also wieder oder immer noch, dieses Mal vor dem Hintergrund des Klimawandels, des außer Kontrolle geratenen Finanz- und Wirtschaftssystems, des sich erneut abzeichnenden Wettrüstens und der vielfältigen, weltweiten Migrationsbewegungen, auf die manche Staaten mit Rückzug, Grenzziehung und Mauerbau reagieren.

Wenn fünf vor zwölf ein Warnruf sein soll, dann verhallt er ungehört. Oder er bewirkt gerade das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist, denn seit der Ruf erschallt, sind einige der negativen Entwicklungen förmlich explodiert, beispielsweise der Energieverbrauch, die Ressourcenverschwendung, das Bevölkerungswachstum, die Kluft zwischen Arm und Reich. In Deutschland ist der Stromverbrauch seit 1990 nochmal um 10% gestiegen, obwohl wir bereits 1990 soviel Energie verbraucht haben, dass uns dieser zusätzliche Verbrauch im Gegensatz zu den Entwicklungsländern an Lebensqualität gar nichts mehr bringt.

Wenn es also seit 50, 60 oder 70 Jahren immer fünf vor zwölf ist, kann etwas nicht stimmen. Entweder ist die Uhr stehengeblieben oder dieser Ruf fünf vor zwölf ist gar nicht als Warnruf gemeint. Dann wird mit dieser Metapher vielleicht bloß unsere Sensationsgier befriedigt, denn schließlich ist der Weltuntergang die ultimative Sensation. Oder es wird eine uns immanente Lust am Untergang gekitzelt, weil die Apokalypse in ihrer Einmaligkeit eben einen ganz besonderen Reiz hat. Der Ruf fünf vor zwölf könnte auch das Kennzeichen eines Wahns, einer Obsession sein oder eine bloße Sprechblase, die wir analog einer Grußformel benutzen: statt Grüß Gott sagen wir einander Hi, es ist fünf vor zwölf, wobei der Unterschied zwischen den Redensarten womöglich gar nicht mal so groß ist.

Vielleicht handelt es sich bei dieser permanenten Wiederholung des fünf vor zwölf jedoch auch um den Ausdruck eines Lebensgefühls, das jeder Generation immer wieder von Neuem eingepflanzt wird. Es ist das Lebensgefühl, dass jeder Einzelne von uns grundsätzlich falsch, unzulänglich, unfähig, vielleicht sogar bösartig ist: eben durch und durch ein Mängelwesen. Ein Fehler im System. Es ist das Lebensgefühl,  das uns sagt, dass wir als Individuen nicht in der Lage sind, unser Leben selbstbestimmt und frei zu leben, sondern dass wir die Hilfe von sogenannten Experten brauchen, die uns sagen, wie es richtig geht und was wir tun müssen.

Die Experten: das ist dann beispielsweise das Gremium, zu dem 17 Nobelpreisträger gehören, das auf der Weltuntergangsuhr die Minuten bis zum Untergang festlegt, ohne dafür jedoch eindeutige Kriterien zu benennen, die die Entscheidung nachvollziehbar machen. Die Menschheit wird für Wohlverhalten mit ein paar Minuten mehr belohnt und für Fehlverhalten abgestraft. Was für eine unglaubliche Arroganz! Dieselben Wissenschaftler, die die atomare Bedrohung in die Welt gesetzt haben, maßen sich an, über die gesamte Menschheit mit einem lächerlichen Belohnungs- und Strafsystem in Form einer Weltuntergangsuhr zu urteilen. Wenn Eltern so mit ihren Kindern umgingen, würde man sie dafür zu Recht in den Senkel oder an den Pranger stellen. Kommt hinzu, dass die Wissenschaftler nicht die Eltern der übrigen Menschheit sind und nicht das Recht haben, uns mit solchen erzieherischen Maßnahmen zu beglücken. Hätten die Wissenschaftler damit doch lieber bei sich selber angefangen, und zwar am besten vor der Erfindung der Atombombe!

Wenn ich in die Geschichte zurückblicke, stelle ich fest, dass dasselbe Lebensgefühl auch unseren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern eingepflanzt wurde. Nur waren die Einpflanzer damals keine Wissenschaftler, sondern Priester. Und es hieß nicht fünf vor zwölf, sondern Sünde. Unseren Vorfahren wurde eingeredet, dass sie ohne die Hilfe von Priestern und Kirche verloren wären und in die Hölle kommen würden. Uns wird heute eingeredet, dass wir ohne die Hilfe von Experten und Staat den Planeten gegen die Wand fahren. Was uns eingepflanzt wird, ist wie anno dazumal ein Schuldgefühl, das uns nicht nur lähmt und uns den Spaß am Leben nimmt, sondern uns auch verunsichert, sodass wir nicht mehr wissen, was wir denn nun eigentlich wollen und was wir tun sollen. Wie weit das gehen kann, ist hier zu lesen.

Wie unsere Vorfahren glauben wir auch heute wieder daran, dass wir per se schuldig sind, bloß weil jeder sein Leben lebt, so gut er es eben kann. Wie unsere Vorfahren glauben wir daran, dass wir uns durch magische Praktiken wie Opfer, Verzicht und Selbstkasteiung oder durch Ablasshandel von dieser Schuld befreien können. Wie unsere Vorfahren an Erlösung durch Taufe, Beichte, Buße oder andere Sakramente glaubten, so glauben wir heute an Erlösung durch Bewusstwerdung, Bio-Kost und Veganismus. Damals wie heute ging es darum, sich in ein Kollektiv zu flüchten. Damals war es der Schoß der Kirche, heute ist es der Bio-Laden. Die Hostie ist zum Ökostrom-Label mutiert.

Die Fünf-vor-Zwölf-Metapher ist nichts anderes die zeitgemäße, säkular-wissenschaftliche Variante der Erbsünde.

Was aber, wenn genau dieser Mechanismus ursächlich mitverantwortlich ist für die Zerstörungen, die wir als Menschen ja tatsächlich anrichten? Wenn man einem Menschen von klein auf einredet, dass er nichts auf die Reihe kriegt, dann wird dieser Mensch auch tatsächlich nichts auf die Reihe kriegen. Wenn man einem Menschen von klein auf einredet, dass er krank ist, wird er zeitlebens brav zum Arzt gehen. Wenn man einem Menschen einredet, ein Mängelwesen zu sein, wird er nie etwas Anderes als Mangel spüren. Wer im Grundgefühl einer Schuld aufwächst, wird sich schuldhaft verhalten, ganz egal, ob dieses Grundgefühl auf religiöse oder wissenschaftlich-säkulare Weise implantiert wurde.

Weder der Papst noch die Wissenschaftler können tatsächlich in die Zukunft sehen. Was man aber ziemlich sicher sagen kann, ist, dass der Mensch mit der Weltrettung überfordert ist. Wir Menschen sind Teil eines Prozesses, den niemand von uns überblickt, weder die siebzehn Nobelpreisträger noch der Papst, und dieser Prozess vollzieht sich, ohne dass irgendein Mensch oder irgendeine Gruppe von Experten ihn steuern kann. Wenn wir Teil von etwas sind, das wir in seiner Gesamtheit nicht steuern können, sind wir jedoch nicht schuldig, wenn dieser Gesamtprozess anders läuft, als manche von uns sich das vorstellen.

Die Fahrgäste in einem Zug können nichts dafür, wenn der Zug entgleist. Ob sie sich prügeln, ins Koma saufen, knoblauchgewürzte Buletten in sich reinstopfen oder in der Bibel lesen und Möhrchen knabbern, ändert nichts dran, ob der Zug im Gleis bleibt oder nicht. Es geht nur drum, dass es einigen Fahrgästen missfällt, wenn andere laut sind oder mit Knoblauch und Fettgestank die Luft verpesten. Dagegen ist nichts zu sagen. Die Fahrgäste müssen ihre Konflikte untereinander austragen und nach Möglichkeit irgendwie lösen. Aber bitte nicht mit Drohungen, dass irgendeiner der Fahrgäste mit seinem Verhalten den Zug zum Entgleisen bringt. Das könnte nur der Zugführer, aber wir sitzen ausnahmslos alle bloß in den Fahrabteilen und nicht in der Lokomotive.

Der Mechanismus, der uns glauben lässt, dass jeder Einzelne von uns die Aufgabe hat, die Welt zu retten, und, weil das offensichtlich nicht gelingt, jedem Einzelnen gleichzeitig Schuldgefühle einimpft, funktioniert nur, wenn es ewig fünf vor zwölf bleibt. Nur wenn die Uhr stets auf fünf vor zwölf steht, ist man bereit, Dinge zu tun, die man freiwillig und aus eigenem Ermessen nie tun würde, nämlich sich selbst kasteien und jede Menge Opfer bringen.

Wie mit der Lehre von der Erbsünde ist mit der Fünf-vor-Zwölf-Metapher Einschüchterung und massive Drohung verbunden.

Deshalb habe ich meine Uhr auf fünf nach zwölf gestellt. Ich gehe davon aus, dass die Welt nicht mehr zu retten ist, und ich habe angesichts der überall eskalierenden, unkontrollierbaren negativen Entwicklungen dafür auch gute Gründe, mit denen ich gegen die siebzehn Nobelpreisträger locker anstinken kann.

Wenn man die Uhr auf fünf nach zwölf stellt und davon ausgeht, dass es für die Weltrettung sowieso schon zu spät ist, verschwindet erstaunlicherweise das Schuldgefühl. Plötzlich erkennt man, dass man ein so schlechter Mensch gar nicht ist, selbst wenn man Auto fährt, Zigarren raucht, Steaks isst, Wein trinkt und was man sonst noch so alles macht, weil es einem eben Spaß macht.

Das ist eine schöne Erfahrung. Man kann als Mensch auf einmal wieder zum Individuum werden und tun, was man will oder was man selbst für richtig hält. Es ist wie das Aufwachen aus einem Alptraum. Plötzlich merkt man, dass die Fünf-vor-Zwölf-Metapher hauptsächlich dazu dient, anderen Leuten den Spaß am Leben zu verderben.

Ich sag euch eins, Leute. Die Uhr ist nicht stehengeblieben. In Wahrheit ist es schon fünf nach zwölf. Es ist alles zu spät. Keiner von euch kann die Welt noch retten. Deshalb tut am besten doch einfach das, was ihr wollt. Genießt das Leben.

8 Kommentare zu “Es ist fünf nach zwölf!

  1. Heftig! Sehr heftig!
    Das mit dem Schuldgefühl-Erzeugen, das würde ich unterstreichen.
    Aber Du widersprichst Dich! Zunächst sagst Du, daß keiner wissen kann, wie sich die Zukunft entwickeln wird – und zum Schluß zu sagst Du: Es ist alles zu spät.
    Da soll einer schlau draus werden!

    • Natürlich weiß niemand, wie sich die Zukunft entwickelt. Trotzdem muss jeder ständig Entscheidungen treffen, so als wüsste er es.
      Das ist nun mal das Schicksal des mit Bewusstsein begabten (oder geschlagenen) Menschen.
      Ich weiß nicht, ob ich übermorgen noch am Leben bin, trotzem muss ich mich entscheiden, ob ich fürs Alter vorsorge oder nicht.
      Die Frage, ob der Mensch die Welt retten kann oder nicht, bestimmt maßgeblich seine Verhaltensweisen.
      Das nennt man Lebensgestaltung.

  2. Ich lass mir von anderen sowieso nicht sagen, was ich tun soll. Ich habe auch kein Lust, anderen zu sagen, was die tun sollen. Das ist doch jedem seine Sache.
    Aber ich kann ja trotzdem nicht tun, was ich will, weil ich hja doch Geld verdienen muss. Ohne Geld geht nichts in dieser Welt.
    Und weil es jede Menge Vorschriften gibt, an die ich mich halten muss, wenn ich keinen Ärger mit dem Nachbarn oder dem Vermieter riskieren will. Oder mit der Polizei.
    Das reicht dicke an Einschränkungen. Ich kann ja noch nich mal nachts duschen, wenn ich von ner Fete komme, sondern muss schön leise sein.
    Da brauche ich nicht noch nen Veggie, der mir sagt, was ich essen soll. Oder nen Carsharer, der mir sagt, dass ich ein Umweltschwein bin.

    • Wenn die technische Entwicklung so weiter geht, wird die Fremd- und Außensteuerung des Menschen sich weiter verdichten. Vielleicht denkst du in 30 Jahren mit Wehmut an die Veggies und Carsharer. Wart’s mal ab.

  3. Was die Zukunft angeht, können wir doch nicht mal wissen, ob das, was wir unter Natur verstehen, nämlich Ökosysteme mit Tieren und Pflanzen, nicht vielleicht tatsächlich ein Auslaufmodell ist. Es ist möglich, dass wir Menschen in einem Zug sitzen, der diese Form von Miteinander hinter sich lässt und woanders hinfährt, vielleicht in eine Welt, die ohne die bekannten Stoffwechselkreisläufe funktioniert und in der Menschen und Roboter nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Vielleicht kann sich das, was wir Bewusstsein nennen, als alterslose, technisch-digitalisierte Struktur, als virtuelles Multiversum weitaus besser entfalten kann denn als Affe, der mit externen Energien umgeht, die er mehr schlecht als recht beherrscht. Viele glauben ja, dass es im Kosmos um nichts anderes als Bewusstwerdung geht. Sicher sagen kann man nur, dass wir im Laufe unserer Entwicklung bis jetzt immer mehr externe Energie verbraten und immer mehr Technik um uns angehäuft haben.

    Das mag uns gefallen oder nicht, aber wenn so was unsere Zukunft ist und sein will, dann sind die Fünf-vor-Zwölf-Leute die Bremser, die Ewig-Gestrigen, die Amish-People, die irgendwann als Kuriosität zurückbleiben werden.

    Da niemand weiß in welchem Zug wir sitzen und wo der hinfährt, kann jede Art der Lebensgestaltung genau die richtige sein. Deshalb ist jeder Mensch sozusagen als Individuum berufen, eine Antwort auf die gegenwärtigen Herausforderungen zu geben. Wenn niemand weiß, in welchem Zug wir sitzen und wo der hinfährt, gibt es keinen Weg, den man im Voraus planen oder über den man urteilen kann. Niemand kann davon ausgehen, dass seine Lebensgestaltung besser ist als die von anderen. Der Weg des Coach potato wie des vollverkabelten Technik-Freaks wie des Shopping-Fans kann sich genauso als die Lösung erweisen wie der Weg des Selbstversorgers, des Minimalisten, des Aussteigers.

  4. Ich stimme zu, dass die latente Weltuntergangsstimmung uns unser ganzes Leben begleitet. Das dahinterliegende Kalkül ist denkbar einfach: schlechte Nachrichten verkaufen sich eben besser, als gute. Und was sind Medien anderes als Verkaufsunternehmen? Wer über den drohenden Untergang berichtet, erhält mehr Aufmerksamkeit, als der, der die Fakten darlegt.

    Etwas Kritik noch:
    Zitat: „Dieselben Wissenschaftler, die die atomare Bedrohung in die Welt gesetzt haben, maßen sich an, über die gesamte Menschheit mit einem lächerlichen Belohnungs- und Strafsystem in Form einer Weltuntergangsuhr zu urteilen.“

    Ich bezweifle, dass es dieselben Wissenschaftler sind. Das ganze Argument ist somit hinfällig. Warum einen eigentlich guten Gedankengang mit einer unnötig schludrigen Verallgemeinerung ruinieren?

    • Der Gedanke, dass es sich beim Verkauf schlechter Nachrichten um ein lukratives Geschäft handelt, ist in meinem Artikel zu kurz gekommen. Es fällt ja schon auf, dass Katastrophenszenarien häufig im sog. „Sommerloch“ beliebte Themen sind. Danke für diese Ergänzung.

      Ja, das stimmt: es sind natürlich nicht dieselben Wissenschaftler. Ich denke allerdings, dass jemand, der Kernphysik studiert, prinzipiell bereit ist, bei einem Forschungsprojekt (wie dem Manhattan-Projekt) mitzumachen, bei dem zum erstenmal grundsätzlich was Neues, Unerhörtes ausprobiert wird. Die Neugier wird bei einem normalen Kernphysiker sämtliche moralischen und sonstigen Bedenken übertönen und die Ratio wird sich entsprechende Argumente zurechtlegen, warum das Experiment jetzt doch sein muss. Aber okay: Kritik ist angebracht.

  5. Opfer werden gebracht, wenn man weiß, dass man falsch handelt und trotzdem nichts ändern will. Unter den Umweltbewussten findet sich eine überdurchschnittlich große Zahl von Mitbürgern, die im Einfamilienhaus im Grünen wohnen, auf die Stadtanbindung jedoch nicht verzichten und in diesem Sinne zur Zersiedelung der Landschaft beitragen. Unter den Umweltbewussten finden sich erstaunlich viele Karriereist*innen, Vielflieger*innen, SUV-Fahrer*innen, in der Werbung, im Marketing, der IT-Branche Beschäftigte, die davon leben, dass sie ihre werten Mitbürger zum Konsum unnötiger Produkte verleiten. Dafür wird im Bio-Laden eingekauft, das ist in der Tat nichts anderes als Ablasshandel.

    In ähnlicher Manier versteift man sich auf den Verzicht von Plastiktüten, damit man ignorieren kann, wie immer mehr nützliche Produkte aus Kunststoffen hergestellt werden. Alle elf Jahre verdoppelt sich die Produktion von Kunststoffen. Auf Kunststoffe können und wollen wir nicht mehr verzichten. Als Buße kauft man dafür mit dem Stoffbeutel, dem Korb oder neuerdings mit Tüten aus Maisstärke ein.

    Es stimmt, dass der Mensch für das siebte (inklusive Cyanobakterien gab es schon sechs!) große Artensterben verantwortlich ist. Neulich habe ich gelesen, dass in den letzten vierzig Jahren der Bestand an größeren Wildtieren um 50% (!) zurückgegangen ist und in den Jahren davor hat auch nicht gerade eine neo-kambrische Artenexplosion stattgefunden. Angesichts dessen, was wir als Menschen sind, wirken diese Opfergaben und Ablassgeschichten in meinen Augen nur zynisch. Deshalb befürworte ich, dass der Mensch zu dem steht, was er ist, und zwar ohne Schuldgefühle, da diese doch keine Änderung bewirken. Ein Löwe hat auch kein schlechtes Gewissen, wenn er die Gazelle schlägt. Dann muss man sich auch nicht einreden, dass es fünf vor oder fünf nach zwölf ist. Das ist irgendwo mickrig.

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