Das Verschwinden der ANDEREN

In gerade mal lächerlichen 22 Jahren (zwischen 1985 – 2007) ist auf Sumatra die Hälfte (!) des Regenwaldes verschwunden. Er musste Plantagen zur Gewinnung von Palmöl, Kautschuk und Papier weichen. Nicht selten ist die bevorzugte Methode der Umwandlung von Urwald in Plantage die Brandrodung. Allein im Jahr 2015 soll es in Indonesien mehr als 100.000 Waldbrände gegeben haben. Das heißt, der Lebensraum der Orang-Utans und anderer Urwaldbewohner verschwindet nicht nur peu à peu, sondern im Eiltempo. Haben diese Menschenaffen früher ganz Südasien und Nordindien bewohnt, findet man sie jetzt nur noch auf Sumatra und Borneo.

Zum Schutz der Orangs und anderer vom Aussterben bedrohter Tierarten setzen Regierungen und NGOs auf Öko-Tourismus. Das ist eine feine Sache, denn solche Projekte tragen zum Schutz der Umwelt und zum Wohlergehen der ansässigen Bevölkerung bei. In die betroffenen Regionen fließen Gelder, die pro Naturbewahrung verwendet werden (können). Arbeitsplätze entstehen und das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge wächst. So lautet der Plan, der ja zuerst mal ganz gut klingt. Wie der ökologisch verantwortliche Tourist dem Orang-Utan trotzdem auf die Pelle rückt, ist heute in der F.A.Z. zu lesen.

Denn in Wirklichkeit dringen immer mehr Touristen in einen sowieso schon bedrohten Lebensraum ein und stören sowieso schon vom Aussterben bedrohte Tierarten bei der Nahrungssuche, bei der Paarung und bei der Aufzucht der Jungen. In Bukuit Lawang auf Sumatra sind es täglich mehrere hundert Touristen, für die die Orang-Utans die große Attraktion sind. Bei den Führungen werden weder Schonzeiten beachtet noch Mindestabstände eingehalten. Die Orangs werden gefüttert und damit an die Menschen(massen) gewöhnt und auf bestimmte Verhaltensweisen hin dressiert. Die Touristen lassen ihre Abfälle im Wald liegen und verbreiten unter den Affen Krankheiten wie Hepatitis und andere Infektionen.

Wie man an diesem Beispiel erkennt, gereichen alle Vorteile dieser ökologisch motivierten Tourismusprojekte (Geld, Arbeitsplätze, Bewusstseinschaffung) den Menschen und alle Nachteile den Tieren und der Pflanzenwelt.

Die Tragik dieser für den Umgang des Menschen mit der Natur doch sehr typischen Geschichte besteht darin, dass es immer noch besser ist, die Natur und die Menschenaffen durch Tourismusprojekte zu dezimieren als durch Abholzung, Brandrodung und Plantagen. Man gewinnt etwas Zeit. Die Zerstörung geht langsamer voran, ist entschieden sanfter, ein kleines bisschen weniger gewinnorientiert und verschafft nicht nur den Reisenden, sondern allen Beteiligten ein gutes Gewissen. Die Tragik dieser Geschichte besteht darin, dass man gar nicht ernsthaft auf diese Tourismusprojekte schimpfen kann, weil man dann Brandrodungen und Plantagenwirtschaft nur noch weiter Tür und Tor öffnen würde.

Wenn ich solche Artikel lese, wie heute den in der F.A.Z., werde ich traurig. Meine Trauer gilt nicht nur dem Aussterben eines faszinierenden Lebewesens wie dem Orang-Utan und dem Verschwinden eines vielgestaltigen Ökosystems wie dem Regenwald, sie sitzt tiefer.

Ich sehe, wie auf der Welt nach und nach alles verschwindet, was nicht menschlich ist. Es gibt keine Gebiete mehr, die unerschlossen sind und sich dem Menschen und seinem unersättlichen Besitz- und Erkenntnisdrang entziehen. Es gibt keine „dunklen Flecke“ mehr, wo geheimnisvolle Dinge stattfinden, von denen wir Menschen nichts wissen. Es gibt nichts Unbekanntes und damit kein Geheimnis mehr. Wir wissen alles, sogar, dass im Regenwald auf Sumatra noch 14.000 Orang-Utans leben.

Ich merke zunehmend, dass mir etwas fehlt, wenn wir Menschen alles wissen. Sogar etwas Wichtiges. Ich frage mich, ob ich tatsächlich alles über die Welt wissen will. Müssen wir den Wissenschaftlern und Forschern wirklich dankbar sein, wenn sie der Natur jedes Geheimnis entreißen?

Europa vom Flugzeug aus betrachtet, kommt mir schrecklich langweilig vor. Unser hochzivilisierter Kontinent sieht von oben wie eine Patchworkdecke aus lauter Vierecken und Quadraten aus. Das einzig Unregelmäßige sind die Städte. Der Mensch hat den Kontinent vollständig in Besitz genommen. Überall begegnet er nur noch sich selber. Kein Wunder, dass viele Europäer im Urlaub nach Afrika und Asien fliegen, um dort noch einen letzten Rest unberührter Natur, Geheimnis und Abenteuer zu suchen.

In einer Welt, in der nach und nach alles verschwindet, was nicht-menschlich ist, verschwindet nicht nur das Fremde und Geheimnisvolle, das unserem Leben Würze und Spannung gibt. Es geht ein Gegenpart, ein Sparringpartner, ein Widerstand verloren, der unser Menschsein begrenzt und ihm dadurch Form und Kontur verleiht. Wir brauchen das ANDERE und die ANDEREN, um zu erfahren, wer wir als Menschen sind. Definitionen geschehen in Abgrenzung zueinander. Wir erfahren nicht mehr, wer wir Menschen sind, wenn wir uns nur noch mit Menschen und Menschlichem umgeben. Aber das scheint unser Weg zu sein.

Wohin wir auch reisen, begegnen wir vor allem Menschen und wieder Menschen, Massen von Menschen, und diese werden einander immer ähnlicher, ganz egal, ob sie nun weiße, gelbe oder schokoladenbraune Haut haben. In jeder Großstadt, ob in Asien, Amerika, Europa oder Afrika finden sich fast identische Strukturen aus Verkehrswegen, Hotels, Shopping-Zonen, Banken, Tempeln (Kirchen) und Parks. Überall auf der Welt gibt es Coca Cola, Kaffee, Tee, Alkohol, Süßigkeiten und Sandwiches. Überall gibt es dieselben Marken, dieselbe Marmeladen, dieselben Dosen, dieselben Klamotten, ja sogar dasselbe Obst, wenn auch in unterschiedlicher Geschmacksintensität. Jede Großstadt ist geschäftig, laut und nachts grell beleuchtet. Je zivilisierter wir werden, desto ähnlicher werden unsere Wohnorte und desto austauschbarer wir selbst. Was wir Zivilisation nennen, ebnet alle Unterschiede ein.

Je mehr die Natur und mit ihr das ANDERE und die ANDEREN verschwinden, desto mehr gerät die Welt zu einem Spiegelkabinett, in dem wir immer nur noch uns selber begegnen. Ja, mir fehlt da was.

11 Kommentare zu “Das Verschwinden der ANDEREN

  1. Sicher kann man bedauern, dass die Orang-Utans verschwinden. Man kann sie auch als Parsprototo für die Natur sehen und bedauern, dass die Natur verschwindet. Aber kann man bedauern, dass der zivilisierte Mensch den Planeten nach und nach in seinen Besitz nimmt?
    Besitz- und Erkenntnisdrang ist dem Menschen eingeboren. Wenn er beides aufgibt, ist er kein Mensch mehr. Sollen wir Forschern und Wissenschaftlern ihre Arbeit verbieten und das Menschsein aufgeben?

    Eine andere Möglichkeit wäre, einen Teil der Natur einzuzäunen und sich selbst zu überlassen. Mauern bauen, kommt anscheinend ja gerade in Mode.

    Als Menschen sind wir die, die wir sind. Wenn wir allen anderen Lebewesen überlegen sind, ist das nicht unser Fehler, sondern ein Fehler der Natur, die uns hervorgebracht hat. Also muss die Natur eben auch die Folgen tragen.

    • Oh ja, das KANN man bedauern, sogar ziemlich schrecklich finden! Wie Fingerphilosoph ausführt, ist ein Leben ohne das „Andere“ eine sehr reduzierte Existenz. Der Boom der Tierfilme und Naturdokus zeigt, dass der Verlust bereits weiträumig gespürt wird – aber wenn es so weiter geht, wird bald nichts mehr da sein, was man abfilmen könnte.

      Wir befinden uns im 6. großen Artensterben, das – anders als die vorherigen 5 – durch Menschen verursacht ist.

      http://www.oekosystem-erde.de/html/massenaussterben.html
      http://www.oekosystem-erde.de/html/gefahrdung_der_biodiversitat.html

      Was heißt im übrigen „Überlegenheit“ ? Wenn man das ausschließlich als die Macht zur Vernichtung Anderer definiert, ist der Mensch „überlegen“. Allerdings dominiert der Mensch die Welt erst seit ein paar hundert Jahren – und angesichts der Ressourcenverschleuderung ist doch absehbar, dass das nicht lange funktionieren kann. Die Dinosaurier beherrschten die Erde 160 Millionen Jahre lang und gingen nicht an sich selbst, sondern durch einen Meteoriten-Einschlag unter. Was die Kompetenz „langes Überleben“ angeht, werden wir nicht ansatzweise den Dinos das Wasser reichen können!

      • Die Orangs auf Sumatra wie übrigens die meisten bedrohten Tier- und Pflanzenarten stehen nicht auf der Roten Liste, weil der Mensch einen Vernichtungsfeldzug durchführt, sondern weil er sich vermehrt, entsprechend mehr Lebensraum beansprucht und diesen für seine Zwecke umgestaltet. Von einer überlegenen Art spricht man, wenn sie andere Arten verdrängt. Die Natur hat den Menschen mit diesem Potenzial ausgestattet. Wäre eine beliebige andere Art mit unserem Potenzial ausgestattet, könnte man denselben Prozess beobachten: auch diese Art würde sich vermehren und andere verdrängen.

        Ich glaube mich zu erinnern, dass Sie sich dafür ausgesprochen haben, den Menschen in den Entwicklungsländern freien Zugang zur Technik zu ermöglichen. Das geht zwangsläufig mit dem Ausbau der Infrastruktur, industrieller Landwirtschaft und Häusern mit Strom- und Wasseranschluss einher. Diese Lebensweise führt zum Artensterben.
        Was größere Wildtiere angeht, so machen diese in Europa gerade mal 1% der Tiere aus gegenüber 99% Nutz- und Haustiere. Wenn die Entwicklungsländer technisch aufrüsten, werden dort vergleichbare Verhältnisse eintreten.

        Die Frage, ob das funktioniert oder nicht, werden unsere Nachkommen beantworten. Eine Zivilisation, die in einer rein technisch-industriellen Umwelt lebt, ist denkbar.

      • Ich sehe mich nicht in einer Position, darüber zu entscheiden, ob Menschen hier oder dort Technik „zugänglich gemacht“ werden sollte. Hatte bei der angesprochenen Gelegenheit lediglich gegen Fingerfilosophs romantische Meinung argumentiert, der so in etwa sagte, dass die Menschen in den noch weniger entwickelten Bereichen die Technik gar nicht wollen/nicht brauchen könnten. Leider ist dem nicht so – und ich verstehe das auch. Wer ständig im TV sieht, was es alles gibt, will auch etwas vom Wohlstand abhaben, der das Leben bequemer macht.

        Ja, das 6.große Artensterben findet nicht statt, weil wir die Tiere alle erschießen und aufessen, sondern weil wir für uns allen Lebensraum beanspruchen.
        Solange das so weiter geht, sind wir nicht besser als Bakterien – was schade ist angesichts unserer Möglichkeiten, zu erkennen, was wir anrichten. Wobei zuvorderst die Reicheren gefordert wären, Verzicht zu leisten – nicht jene, die morgens nicht wissen, wovon sie heute die Familie satt bekommen.

      • Ich wollte darauf hinaus, dass sich der Grad des Wollens/Brauchens nach dem Einsatz bemisst, den der Betroffene aktiv selber erbringt. Wenn die Leute in den Entwicklungsländern ständig TV gucken und sich dann beklagen, dass sie nichts haben, ändert sich auch nichts, wenn man ihnen die Brunnen bohrt. Dann hocken sie immer noch vor dem TV. Ich habe übrigens tatsächlich entsetzlich verwahrloste Hütten gesehen, in denen TV lief.

        Europa hat Milliardenbeträge als Entwicklungshilfe nach Afrika gegeben, mit dem Ergebnis, dass die Korruption eskaliert ist und die Bevölkerung heute ärmer ist als vor dem Geldfluss.

        Ein Mensch wird nicht gesund, wenn er seine Gesundheit nicht selbst in die Hand nimmt. Das ist keine romantische Meinung, sondern schlicht das Ergebnis meiner Beobachtungen.

      • Die Forderung an die Reichen, Verzicht zu üben, löst das Problem nicht im Geringsten.
        Streichen Sie die reichsten 10% der Weltbevölkerung samt ihrem Vermögen weg, dann bleiben immer noch 6,8 Milliarden Menschen übrig, die in nicht mal zehn Jahren die entstandene Lücke gefüllt haben werden und wieder denselben Lebensraum, dieselbe Landwirtschaft, dieselbe Infrastruktur beanspruchen. Diese Art der Argumentation lenkt von der wahren Problematik ab.

      • Mehr einschränken, als hier vorgeschlagen wird, können sich selbst die Reichen nicht. 🙂

        Neulich geisterte durch die Presse, dass die acht Reichsten soviel besitzen, wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Bei der fraglichen Summe geht es um etwa 430 Milliarden Dollar. Hätten die Reichsten dieses Geld wie Onkel Dagobert im Geldschrank, könnte man es ihnen wegnehmen und auf die Ärmsten verteilen. Die ärmste Milliarde der Weltbevölkerung wurde also einmalig 430 Dollar/pro Person bekommen. Bei der von der UN festgelegten Armutsgrenze von 2 Dollar/Tag könnte man eine Milliarde also 215 Tage über diese Armutsgrenze heben. Das sind sieben Monate. Danach wäre das Geld weg und der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt.

        Aber so funktioniert das nicht. Denn die Reichsten haben keinen Geldspeicher, sondern Firmen, in denen wiederum Hunderttausende von Menschen rödeln. Würde man den in diesen Firmen erwirtschafteten Gewinn nicht an die Reichen geben, sondern auf die Hunderttausende verteilen, hätten diese Hunderttausende zwar mehr Geld zur Verfügung, aber an der Grundstruktur des Wirtschaftssystems würde sich dadurch nichts ändern.

        Sollten die Prognosen stimmen und die afrikanische Bevölkerung in den nächsten hundert Jahren von 1,2 Milliarden auf 4,4 Milliarden ansteigen, wird es den afrikanischen Regenwald nicht mehr geben, weil die zusätzlichen drei Milliarden Menschen ihn als Lebensraum für sich beanspruchen und Ackerflächen draus machen werden.

  2. Also ich muss sagen, mir gehn die vielen Menschen inzwischen schon ziemlich auf den Senkel. Da bleibt einem doch gar nichts anders mehr übrig,als sich ins Schneckenhaus zu verkriechen und Autist zu werden. Mann, früher, als wir nur ein paar Millionen Menschen waren, hat man sich über Besuch dermaßen gefreut, dass man den sogar ins eigene Bett gelassen hat, selbst wenns blos eine Tante war. Da wars ein Fest, wenn man mal jemand anders gesehen hat. Heute kann man ja nich mal mehr durch die Shoppingstraßen bummeln, ohne dass man ständig jemand anboxt.

    • Auch Reisen zu den bekannten Naturwundern und Kultur-Resten alter Völker kann man sich komplett sparen! Wenn das abgefilmt wird, ist meist kein Mensch im Bild – aber in der Wirklichkeit herrscht Massenandrang und Konkurrenz um einen „Bildwinkel“, der die Massen nicht zeigt…

  3. Im Film sehen die Naturwunder viel toller aus als in echt. Und man ist viel näher dran. In den alten Historienschinken kommen die Pyrmiden und das Kolosseum ja total klasse rüber, aber wenn mans in echt sieht, ist es popelig. Und die Aborigines, Indianer und Pygmäen, die spielen den Touris blos Theater vor und schlüpfen vom Lendenschurz und vom Baströckchen nach der Vorstellung wieder in die Jeans. Das kennt man ja, aber jeder tut so, als glaubt er den ganzen Quatsch. Dafür macht man dann ne Reise um die halbe Welt. Gott! Das kann man echt bleiben lassen. Ich zieh mir da auch lieber nen Film rein.

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