Die dritte Geschichte

Der Mensch gibt sich selber viele Attribute: Als homo ist er nicht nur sapiens, sondern auch ludens, technicus, oeconomicus, religiosus. Der Mensch als das lachende oder das weinende Tier, das mit Geist begabte Tier, das spirituelle Wesen, das göttliche Kind. Offenbar genügt es dem Menschen nicht, einfach nur Mensch zu sein.  🙂

Alle diese Zusatzbezeichnungen verweisen auf eine weitere typisch menschliche Eigenheit. Vor allem anderen ist der Mensch ein homo fabulosus: das Wesen, das ohne Geschichten nicht auskommt und deshalb reich an solchen ist. Für den Menschen genügt es nicht, sich in den Kontext einer lebendigen Umwelt eingebettet zu erleben, er muss offenbar zusätzlich in eine Erzählung eingebettet sein. Deshalb ist alles, was der Mensch tut, im Grunde nichts anderes als Geschichten erzählen. Religion und Wissenschaft sind unterschiedliche Erzählkreise, so wie Fantasy, Thriller, Gebet oder wissenschaftliche Abhandlung nichts anderes als verschiedene Erzählformen sind.

In der Regel erzählt sich der Mensch zunächst mal eine Geschichte, in der er selber der Held ist und sich die ganze Welt nur um ihn dreht. Deshalb bettet er notwendig alle anderen Menschen und alle anderen Lebewesen als Objekte (Verfügungsmasse) seines eigenen Heldentums in diese seine persönliche Geschichte ein. Der Mensch kann gar nicht anders. Ein Fisch, der nicht schwimmt, ist kein Fisch. Ein Mensch, der keine Heldengeschichte zu erzählen hat, ist kein Mensch. Normalerweise zerbrechen die individuellen Heldengeschichten irgendwann, was dann als ernsthafte Krise erlebt wird. Eine Depression ist nichts anderes als der Mangel an Fantasie, aus den Scherben seiner zerbrochenen individuellen Heldengeschichte eine neue, noch bessere zu schmieden.

In diesem Zwang, Geschichten zu erfinden, liegt der Bruch zwischen Subjekt und Objekt begründet. Die Notwendigkeit des Erzählens löst den Menschen aus der Wirklichkeit heraus und trennt ihn von der Welt und allen anderen Lebewesen ab. Deshalb kommt man an einen anderen Menschen auch nicht wirklich heran. Er lebt in seinen Geschichten wie der Zellkern in einer Zelle. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass der Mensch im Zentrum jeder Zelle, nämlich im Zellkern, eine Geschichte vermutet. Wenn der Mensch von der DNA als dem Bauplan, der Blaupause, der Information spricht, erzählt er von sich, wie er selber als Mensch in der Welt steht. Um an den Zellkern heranzukommen, muss man die Zelle zerstören bzw. entkernen. Um an einen anderen Menschen heranzukommen, müsste man ihn wie die Zelle entkernen, aber da die Geschichten seinen Wesenskern bilden, bleibt vom Menschen nichts übrig, wenn man ihn seiner Geschichten beraubt.

In vielen spirituellen Wegen geht es angeblich darum, den Menschen in die Wirklichkeit zu holen, das heißt, ihn aus seinen Geschichten herauszuschälen und eben diese Entkernung zu leisten. Das wird Erwachen genannt. Wo dieser Weg bewusst gegangen wird, ist er jedoch zum Scheitern verurteilt, denn in Wahrheit folgt jeder spirituelle Weg ja doch wiederum nur einem Konzept, also einer Geschichte. Auf all den spirituellen Wegen wird also nur eine Geschichte gegen eine andere ausgetauscht. Das ist für viele Menschen durchaus hilfreich und sinnvoll, umso mehr wenn die individuelle Heldengeschichte bereits zerbrochen ist und man mit den Scherben nichts anzufangen weiß.

Spiritualität entpuppt sich also bei näherer Betrachtung nicht als Kontakt mit der Wirklichkeit, wie häufig behauptet wird, sondern als einer von zwei großen Erzählkreisen. Darunter verstehe ich eine bestimmte Art von Geschichten, die gemeinsame Merkmale haben. Was allen spirituellen Geschichten gemeinsam ist, ist die Vorstellung eines Unwandelbar-Ewigen, sei das nun die Seele, der Urgrund, der eigene Wesenskern, Gott, die Einheit, was auch immer. In diesen Geschichten geht es immer um die Überwindung aller Brüche, um Ganzheit, um Vollkommenheit. Für Menschen, deren individuelle Heldengeschichte zerbrochen ist, ist dieser Erzählkreis logischerweise sehr verlockend. Aber auch für Menschen, die sich von vornherein absolut setzen und deshalb glauben, dass das Universum im Grunde genommen mit ihnen identisch ist. Und es stimmt schon: im Zentrum aller Geschichten steht tatsächlich der Mensch. Wenn die Welt nicht so ist, wie sie sein soll, hat das mit dem Menschen zu tun. Das heißt, der Mensch muss sich wandeln, um die Welt zu erschaffen, wie sie sein soll. In diesen Geschichten weigert sich normalerweise der Mensch, der zu werden, der er ist, als der er angelegt ist, und die Folge dieser Weigerung besteht darin, dass es in der Welt Katastrophen, Schmutz, Ungerechtigkeit und Kriege gibt. In religiös-spirituellen Geschichten geht es immer und ausschließlich um die Wandlung des Menschen. Das äußere Paradies folgt dem inneren.

Die Zengeschichte vom Regenmacher bringt diese Haltung auf den Nenner: Da die Ernte von Dürre bedroht und deshalb Hungerzeiten zu erwarten sind, lädt das Dorf einen Regenmacher ein. Dieser verschwindet in der ihm zugewiesenen Hütte, setzt sich auf ein Kissen und rührt sich nicht. Die Dorfbewohner sind in höchster Aufregung, haben sie doch Beschwörungen und irgendeinen Zauber erwartet. Aber nach einer Woche fängt es wirklich an zu regnen. Auf die Frage, wie er das gemacht habe, antwortet der Regenmacher: Ich setzte mich aufs Kissen und brachte mich in Ordnung. Nachdem ich mich in Ordnung gebracht hatte, kam die Hütte in Ordnung. Nachdem die Hütte in Ordnung gebracht war, kam das Dorf in Ordnung. Nachdem das Dorf in Ordnung gebracht war, kamen die Felder in Ordnung. Und als die Felder in Ordnung waren, regnete es.

Deshalb zerren und ziehen religiös-spirituell angehauchte Menschen auch immer an ihren Mitmenschen herum. Die Öko-Bewegung gehört in diesen spirituellen Erzählkreis, in dem gebetsmühlenartig die Wandlung des Menschen gefordert und als Lösung für alle Probleme glorifiziert wird.

Dem spirituellen Erzählkreis steht der wissenschaftliche gegenüber. Diese Geschichten folgen im Grunde genommen dem umgekehrten Muster. Hier geht es darum, die Welt mit Hilfe technischer Errungenschaften in Ordnung zu bringen. Wenn erstmal die Welt in Ordnung gebracht ist, werden wir alle glücklich und zufrieden bis ans Ende unserer Tage leben, wenn es denn überhaupt noch ein Ende gibt und wir nicht mittels technischen Fortschritts und aller möglichen Eingriffe unsterblich geworden sind. Um die Welt in Ordnung zu bringen und uns selber unsterblich zu machen, müssen die Welt und deren Abläufe natürlich zuerst mal verstanden und erklärt werden. Das ist der Kern jeder wissenschaftlichen Forschung und aller wissenschaftlicher Erzählungen.

Die wissenschaftlichen Geschichten erzählen ebenfalls von der Veränderung der Welt durch den Menschen, wobei in diesen Geschichten der Mensch aber aktiv in die Welt eingreift und sie gezielt manipuliert. Nicht das Kissen ist das Werkzeug, sondern der Hammer, der Bagger, die mathematische Formeln, nach denen sich die Welt berechnen und umgestalten lässt. Alles ist Verfügungsmasse menschlicher Manipulationsfähigkeit: Landschaften und Meere ebenso wie das Klima und der Weltraum, Tiere und Pflanzen ebenso wie der Mensch selber. Denn auch vor sich selber macht der Mensch nicht halt. Das Objekt der Manipulation ist in diesen Geschichten nicht die Innenwelt, sondern die äußeren Erscheinungen für sich genommen. So bastelt der Mensch in diesen Geschichten höchst erfolgreich mit Medikamenten, Operationen und dergleichen an seinem Körper inklusive seiner Gehirnaktivitäten herum.

Auch in den wissenschaftlichen Geschichten steht der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der spirituelle Mensch nicht direkt Hand anlegt und sich nicht die Finger schmutzig macht. In den spirituellen Geschichten wirkt der Mensch, in den wissenschaftlichen macht er.

Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist, dass weder die Welt noch der Mensch oder wahlweise die Menschheit so bleiben können, wie sie sind, sondern unbedingt verändert werden müssen. Das geschieht entweder durch Wirken oder Machen. Der Unterschied liegt also lediglich in der Wahl der Methode. Beiden Erzählkreisen gemeinsam ist außerdem, dass die Veränderung immer und ausschließlich durch den Menschen geschieht. Der Mensch kann sich offenbar nicht einer wie auch immer gearteten Dynamik überlassen, sondern muss sie in irgendeiner Weise gestalten. Selbst Jesus fordert die Umkehr und Gott den Glauben. Wenn der Mensch nicht an Gott glaubt, kann nicht einmal Gott wirken oder machen.

Hinter all diesen Erzählungen, den spirituellen wie den wissenschaftlichen, wird also ein Wesen sichtbar, das zutiefst unglücklich und unzufrieden ist, denn wer glücklich und zufrieden ist, muss nichts verändern, muss weder wirken noch machen. Wer glücklich und zufrieden ist, lebt einfach vor sich hin. Wie das geht, machen Tiere uns ständig vor.

Hinter all diesen Erzählungen wird zudem ein Wesen sichtbar, das sich absolut setzt und außer sich selbst nichts anderes gelten lassen kann. Der, die oder das Andere wird verleugnet. Der, die oder das Andere hat nur ein Existenzrecht, wenn es Teil von einem selbst ist. Es wird ein Wesen sichtbar, das nur existieren kann, wenn es alles Andere vereinnahmt. Es ist getrieben von dem Zwang, die Welt zu begreifen, zu erklären und damit unter sich zu subsumieren.

Wenn einzelne Menschen wie Otto Müller oder Frieda Maier sich so zwanghaft verhalten, sich absolut setzen und keine Anderen gelten lassen, sich also für Gott halten, nennt man das Größenwahn. Wenn sie es in ihrem Wahn übertreiben, landen Otto Müller und Frieda Maier in der Psychiatrie. Meistens stellt sich dann heraus, dass sich hinter dem Größenwahn panische Ängste und Minderwertigkeitsgefühle verbergen.

Wenn an die Stelle von Otto Müller oder Frieda Maier der Mensch als Abstraktum oder die Gesamtheit aller Menschen tritt, ist das allerdings auch nichts anderes. Es ist nur ein verlagerter Größenwahn.

So offenbart sich der Mensch in all seinen Erzählungen als unglücklich, unzufrieden, größenwahnsinnig und von panischen Ängsten beherrscht.

Die dritte Geschichte befasst sich nun eben genau damit und stellt die Frage, wie es kommt, dass der Mensch zwanghaft Geschichten erzählen muss, die ihn permanent als unglücklich, unzufrieden, angstgetrieben und größenwahnsinnig entlarven. Es ist sozusagen eine Metageschichte, die auf der Basis der beiden vorliegenden Erzählkreise erzählt wird. Eine Geschichte über die menschlichen Geschichten. Das ist es, was ich hier versuche. Ich suche in diesem Blog nach einer Metageschichte. Die Geschichte des Menschen, der sich mit dem Feuer eingelassen hat, ist als eine solche Metageschichte zu verstehen.

17 Kommentare zu “Die dritte Geschichte

  1. Was ist das für eine „Metageschichte“, den Menschen unglücklich und größenwahnsinnig zu nennen? Löst diese Geschichte irgendeines der Probleme, mit denen die Menschheit sich herumschlägt?

    • Ich glaube nicht, dass die Menschheit in der Lage ist, auch nur eins der Probleme zu lösen, mit denen sie sich herumschlägt. Ein Blick in unsere Geschichte zeigt doch, dass der Mensch nach einigem moralischen Hin und Her auf Probleme stets mit technischen Lösungen antwortet. Es ist die einzige Problemlösungsstrategie, die dem Menschen zur Verfügung steht.

      Je technischer eine Lösung ist, desto umfassender allerdings ihr Zerstörungspotential, desto mehr Probleme bringt sie mit sich.

      Das geht soweit, dass wir als Menschheit aktuell dabei sind, unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Umso erstaunlicher, dass der Mensch sich immer noch für sapiens hält und sich selber feiert. Ich finde schon, dass es mal an der Zeit ist, ein solches Phänomen als das zu benennen, was es ist: Wahnsinn.

      Natur funktioniert grob gesagt so, dass eine Lebensform anderen Lebensformen nützt, und sei es nur dadurch, dass die einzelnen Exemplare als Beutetiere gefressen werden. Dieses einander dienen und ineinander aufgehen ist das Leben selbst. Der Mensch dient de facto keinen anderen Lebensformen. Er dient nur sich selber. Stattdessen schadet er in großem Stil anderen Lebensformen: dieser Vorgang ist als das sechste große Artensterben bekannt. Das einander dienen und ineinander aufgehen, biegen Menschen als religiös-moralische Forderung auf sich selber zurück. Es ist für uns Menschen okay, dass Tiere dem Menschen dienen, ebenso dass Menschen einander dienen, aber wir empfinden es als unmoralisch, wenn Menschen Tieren und Pflanzen dienen würden. Wahnsinn zeichnet sich eben dadurch aus, dass der Wahnsinnige in seiner eigenen Welt lebt, in seiner Geisteswelt hermetisch abgeschlossen ist und niemand außer sich selbst und seinen Hirngespinsten dient.

      Um aus einer Wahnwelt auszusteigen, ist die zwingende Voraussetzung, den Wahn als Wahn zu erkennen. Diese Erkenntnis ist das sine qua non, garantiert aber noch lange keinen Ausstieg aus dem Wahn. Ich weiß nicht, ob ein Wahn heilbar ist.

  2. Dass mensch Geschichten ezählt, ist die natürliche Folge eines funktionierenden Gedächtnisses, wie es in dieser leistungsfähigen Form kein anderes Tier entwickelt hat.

    Zurück schauen können heißt, die eigene Geschichte sichten/kreieren, gleichzeitig aber geht damit einher, dass wir auch voraus schauen: auf unseren Tod voraus schauen, und somit auf den Urgrund aller Angst.

    Tiere halte ich nicht für glücklich, bloß weil ihnen diese Features fehlen. Das Empfinden von Glück ist abhängig von der Möglichkeit des Unglücks – und somit wiederum von der Fähigkeit, voraus zu schauen, etwas fürchten zu können, was noch nicht direkt vor mir steht. Tiere kennen allenfalls Behagen, aber kein Glück, wie wir es ab und an empfinden können (oder eben vermissen).

    „Hinter all diesen Erzählungen wird zudem ein Wesen sichtbar, das sich absolut setzt und außer sich selbst nichts anderes gelten lassen kann. Der, die oder das Andere wird verleugnet. Der, die oder das Andere hat nur ein Existenzrecht, wenn es Teil von einem selbst ist. Es wird ein Wesen sichtbar, das nur existieren kann, wenn es alles Andere vereinnahmt.“

    So ist Trump, aber wahrlich nicht die große Mehrheit der Menschen! Zwar sind wir zwangsläufig für uns selbst der Mittelpunkt des Erlebens und Geschehens, das heißt aber nicht, dass wir das Andere und die Anderen VERLEUGNEN. Das würde ja auch gar nicht funktionieren, denn das Andere / die Anderen sind unabweisbar da. Man kann das Andere nicht „aussperren“, wie heute leider viele Kurzdenker zu glauben scheinen, denn das Andere/der Andere wirkt auf uns auch aus der Ferne: wirtschaftlich, ökologisch, kriegerisch.

    Die beiden Erzählungen, die du so schön aufzeigst, sind die beiden Weisen, wie wir uns zur Welt und zum Geschehen verhalten können. Zum einen aktive Veränderungen im Außen zum anderen mittels Selbstveränderung von „Innen“.

    Entweder man sorgt technisch dafür, dass letztlich genug für alle da ist – oder man versucht, sich die Gier abzugewöhnen. Was denn sonst?

    „Wer glücklich und zufrieden ist, lebt einfach vor sich hin. Wie das geht, machen Tiere uns ständig vor.“

    Abgesehen vom oben bereits Gesagten über das begrenzte tierische Denkvermögen leben wir nicht in den Statika. Die Welt ist ständig in dynamischer Veränderung, zu der wir uns irgendwie verhalten müssen. Wir finden die Welt lange schon nicht mehr als etwas „uns vorgesetztes“ vor, mit dem man sich nur einfach abfinden könnte. Seit zehntausenden von Jahren formen Menschengruppen und Gesellschaften die Welt, sie ist also in vieler Hinsicht bereits Ergebnis menschlichen Tuns. Ein plötzlicher Stopp in der Entwicklung ist realistisch nicht denkbar.

    Wer das trotzdem versucht, etwa in der Art: „setzt Euch doch alle hin und meditiert, übt kein Thema oder Ziel, sondern „reines Gewahrsein“!“ – dann würde das erstens nicht satt machen und zweitens wäre es auch nur wieder ein Teil der „zweiten Erzählung“.
    Denkt man es in der Manier „Trinket und esset und lasset Gott einen guten Mann sein…“, dann ignoriert das ebenfalls die Tatsache, dass viele noch hungern, denen man kaum das Streben nach mehr materieller Befriedigung abgewöhnen kann.

    That’s it. Es gibt nichts „Drittes“. Einerseits über technische Weltzerstörung klagen, aber immer auch die Ökobwegung und die spirituellen Wege ablehnen/runter schreiben – das verstehe ich nicht, bzw. es kommt mir einfach verdammt miesepetrig, regelrecht depressiv vor.

    Neti neti, nicht dies, nicht das – tja dann, warum dann noch lesen und schreiben?

    • Hm, ja! Für mich stellt es sich so dar, dass die technische Weltzerstörung und die Ökobewegung/spirituellen Wege sich wechselseitig bedingen. Es sind die beiden Seiten derselben Medaille. Das Eine existiert nicht ohne das Andere. Der Irrtum liegt darin zu glauben, die Ökobewegung und die spirituellen Wege wären die Gegenbewegung zum technischen Fortschritt. Das ist nicht der Fall. Dieser Gegensatz ist nur scheinbar, und dieser scheinbare Gegensatz ist für die Weiterentwicklung des industriell-technischen Komplexes absolut notwendig. Die spirituell-religiösen Wege (wozu auch die Ökobewegung gehört) eröffnen dem technischen Fortschritt immer nur neue Möglichkeiten mit noch größerem Zerstörungspotenzial. Das zeigt ein Blick in die Geschichte und in die Gegenwart.

      Die Ökobewegung dient doch nicht dazu, das Artensterben aufzuhalten und die Tier- und Pflanzenwelt als das ANDERE zu akzeptieren, sondern sie dient dazu, immer noch mehr Menschen bei ausgehenden Ressourcen (hier vor allem fossile Brennstoffe) am Leben zu erhalten. Es wird damit enden, dass alles Öl verbraucht und die Welt mit Windrädern und Photovoltaikanlagen zugepflastert ist, soweit die Rohstoffe (bspw. Seltene Erden) eben reichen. Ein deutlicher Hinweis dafür ist doch, dass Windräder vorzugsweise in Naturparks aufgestellt werden. Das wird ja von den Ökobewegten/Grünen befürwortet, weil Windräder, wenn sie direkt vor deiner Haustür brummen, für dich als Mensch eben lästig und vielleicht gesundheitsschädlich sind. Aber glaubst du im Ernst, den Rehen in den Naturparks machen die Windräder nichts aus? Mit derlei Maßnahmen entlarvt sich die Ökobewegung und es wird sichtbar, was dahinter steckt: man braucht bei ausgehenden Ressourcen eben trotzdem neue Absatzmärkte und da bieten sich nun Windräder, Elektro-Autos und auch Bio-Labels an, mit denen den Menschen vor allem ein gutes Gewissen verkauft wird. Die Ökobewegung dient damit nicht der Natur, sondern dem industriell-technischen Komplex und den mit diesem Komplex verschmolzenen Menschen. Nach wie vor dreht sich alles nur um den Menschen und die Rehe werden dabei verleugnet.

      Der Mensch wird nicht Vegetarier und Veganer aus Mitgefühl für die Tiere, sondern um noch mehr Menschen ernähren zu können. Darauf läuft es hinaus. Nicht auf eine bunte Vielfalt an Tieren, Pflanzen und Menschen. Es war noch nie anders, als dass das Nahrungsangebot die Größe der Population wesentlich mitbestimmt. Der Mensch wird nicht Veganer, um das, was die Erde hergibt, mit den Tieren zu teilen, sondern um die Tiere, die aufgrund der steigenden Menschenmassen plötzlich zu Nahrungskonkurrenten werden, abzuschaffen. Oder glaubst du etwa, dass der Veganer dieselbe Menge Kühe, Schweine und Hühner, wie jetzt in Massentierhaltung leben, in freier Wildbahn haben will, damit sie ihm dann die Getreidefelder leerfressen? Nein, der Veganer will eine Welt ohne diese Tiere.

      Und natürlich leistet das Veganertum einer synthetisch-künstlichen Ernährung (durch Pillen und Soylent) Vorschub, wie die Veganer ja auch synthetische Bettdecken und Sofas aus Kunstleder eher akzeptieren als Daunen und echte Ledersofas. Sie sehen dabei aber nicht, dass sie damit den industriell-technischen Komplex fördern. Dabei ist aber genau dieser industriell-technische Komplex das eigentlich Zerstörerische. Dieser industriell-technische Komplex hat weitaus mehr Anteil am Artensterben als die Wilderer, die Elefanten und Nashörner abknallen. Der industriell-technische Komplex zerstört nämlich die Lebensgrundlagen, und zwar nicht nur von Elefanten und Nashörnern, sondern von allen Lebewesen. Deshalb ist der Mensch ja auch dabei, sich von einem Lebewesen in einen Cyborg zu verwandeln resp. zu einer Art Zellen dieses die Welt mehr und mehr beherrschenden industriell-technischen Superorganismuses zu werden.

      Natürlich erzählen sich die Ökobewegten eine andere Geschichte, eine in der sie gut dastehen und sich als tier- und naturliebend darstellen. Klar! Aber der Mensch erzählt ja immer Geschichten, in denen er sich als gut darstellt und sich selbst beweihräuchert. Das liegt in seiner Natur. Das eben produziert ja das gute Gefühl und das Glück.

      Und damit sind wir ja schon bei dem, was das Gehirn (Gedächtnis, Voraussicht) zu leisten vermag. Das, was du als Vergangenheit (sei es deine persönliche oder die Vergangenheit der Menschheit/der Welt) konstruierst, ist eine Geschichte, nicht etwas, das sich wirklich so abgespielt hat. Du behältst nur im Gedächtnis, was für deine „Heldengeschichte“ von Bedeutung ist, sei es, weil du damit dein Selbstbild unterfütterst, sei es, weil eine ungeheilte Verletzung dahinter steckt, wie auch immer. (Das „du“ ist unpersönlich gemeint, schließlich kenne ich dich ja nicht).

      Und Voraussicht ist ebenfalls nur eine Geschichte. Im spirituellen Erzählkreis wird der Tod ja auf alle mögliche Weise negiert. Menschen klammern sich an etwas, das mit Wirklichkeit nichts zu tun hat: an Geschichten. Tatsächlich ist das Wissen um den Tod eine induktive Ableitung: Du siehst, dass alle möglichen, meist älteren Menschen um Dich herum verschwinden, deshalb nimmst Du an, dass alle und damit Du ebenfalls verschwinden werden. Glück und Unglück sind also abhängig von Gedankenkonstrukten und das bewertest Du höher als das Behagen oder Unbehagen der Tiere, die vermutlich ganz in der Gegenwart, also ganz und gar präsent sind. Wieso eigentlich?

      Du hast Recht: die große Mehrheit ist nicht wie Trump. Der ist nämlich viel ehrlicher als die meisten Menschen, die nicht sind, wie sie sind, sondern unbedingt „gut“ sein müssen und nicht sehen, was ihr „Gutsein“ hervorbringt. Aber vielleicht ist Trump ja auch ein Signal dahingehend, dass die Menschen es inzwischen Leid sind, immer irgendwelchen Ideologien hinterherzujagen und genug davon haben, entweder sich selber oder die Welt zu verbessern. Das wäre ja gar nicht so schlecht.

      Das „Dritte“ besteht für mich darin, den Zusammenhang zwischen technischer Weltzerstörung und Spiritualität herauszuarbeiten und beides dadurch zu übersteigen. Ich halte nichts von einer Positivität und eines Primapetrigtums, die nur aufgrund von Geschichten zustandekommen, die meiner Ansicht nach eben nicht wahr sind.

      Ist ein Krebskranker, der weiß, dass er krebskrank ist, deswegen depressiv und miesepetrig? Mit wem lassen sich gehaltvollere und interessantere Gespräche führen: mit einem Krebskranken, der weiß dass er krebskrank ist und sich mit seiner Krankheit auseinandergesetzt hat, oder mit einem Krebskranken, der behauptet, er wäre nur ein bisschen indisponiert, aber morgen wäre alles wieder in Ordnung?

  3. Du schreibst:

    “Um aus einer Wahnwelt auszusteigen, ist die zwingende Voraussetzung, den Wahn als Wahn zu erkennen. Diese Erkenntnis ist das sine qua non, garantiert aber noch lange keinen Ausstieg aus dem Wahn. Ich weiß nicht, ob ein Wahn heilbar ist.“

    Was, wenn der Wahn durch unseren Fortschritt von der Lebensgemeinschaft seinen Anfang nahm und seitdem der Wahn sich steigert, weil wir immer weiter technologisch fortschreiten? Wenn die Heilung des Wahns nur durch unser Verhalten den ANDEREN Lebewesen gegenüber möglich und somit nur durch ein Mit-EIN-ANDER auf Augenhöhe realisierbar ist, dann verunmöglichen wir mittels Fortschritt die Heilungschancen immer mehr. Wenn das mal kein Feedback ist.

    Was, wenn wir EINEN die dissoziative Störung EINER Spezies verkörpern, die sich zunehmend fragmentiert und mehr und mehr voneinander isoliert die jeweils eigene Welt betrachtet, aufgrund EINES Traumas, welches die Abkehr von der Lebensgemeinschaft ist und durch das Feuer quasi in unsere Spezies eingebrannt worden war? Sowohl Trauma, als auch die Brandmarkung, wirken bis in die heutige Zeit nach. Auswirkungen, die wir mittels unseres sich beschleunigenden Fortschritts aus der Welt zu verbannen versuchen?

    Was, wenn all die ANDEREN, in Form verwobener Akausalität, sprich, Kohärenz, das einzig wahre Therapeutikum sind, um uns vom Trauma zu lösen und die Spuren der Brandmarkung auszuheilen, damit die Fragmentierungen wieder zu-EIN-ander und letztlich zu-EIN-ANDER zu finden vermögen?

    Damit die Ausheilung gelingen kann, braucht der Mensch das Sonnenlicht und die Erde, in der dafür vorhandenen Entfernung von der Quelle dieses Lichts. Soll heißen: es macht für unsere Spezies keinerlei Sinn auf den Mars auszuwandern, oder noch weiter fort, es sei denn, er will sein Mensch-Sein endgültig aufgeben. Die Wandlung irdischer Räume in immer mehr sonnenfreie und kunstbelichtete Räumlichkeiten ist EINE, wenn nicht gar DIE Grundvoraussetzung für die Abschaffung unserer Spezies. Verkauft wird es vom Zeitgeist als Energiesparmodell, damit seine Gigamaschinerie auch weiterhin unter Strom stehen kann, auf Kosten der Spezies Mensch?!

    Vielleicht braucht es erst die sich bereits abzeichnende Entwicklung einer Mini-Eiszeit, die Sonne spricht diesbezüglich ja bereits erste, noch leise Töne in ihrer solaren Sprache, die mehr vom Leben weiß, als wir EINEN bisher zu wissen meinen.

    • Ja, das sehe ich schon so, dass der Wahn im oder als technologischer Fortschritt sichtbar ist. Aber wir als Menschen sind von diesem Fortschritt nicht zu trennen. Menschsein definiert sich eben dadurch. Menschen ohne ihre Technologie sind keine Menschen, sondern Affen.

      Dass es ein Wahn ist, kann ich übrigens gut mit Deiner Vorstellung vom „Energieräuber“ unterfüttern, denn das ist das kontinuierliche Moment dieses fortschreitenden Wahns: Von Schritt zu Schritt durch die ganze Geschichte hindurch verbraucht der Mensch mehr Fremdenergie, also nicht stoffwechselimmanente Eigenenergie. Dieser Prozess des eskalierenden Fremdenergieverbrauchs ist bislang mitnichten gestoppt, sondern wird nur auf mehr Energielieferanten verteilt, sodass man beliebig Statistiken erstellen kann, wie man sie gerade braucht. Das bedeutet wiederum, dass wir mehr und mehr das Bewusstsein/das Gefühl dafür verlieren, wieviel Energie wir als sogenannte „zivilisierte Menschen“ tatsächlich verbrauchen. Beim Holzhacken oder beim alten Kohlemeiler war der Energieraub noch besser sichtbar, jetzt verschwindet er aus unserem Bewusstsein. Energiesparlampen, energiesparende Kühlschränke, energiesparende Autos suggerieren uns stattdessen, dass wir auf einem guten Weg der Rettung sind, während gleichzeitig die technische Umwelt um uns herum uns mehr und mehr in ihren Zangengriff nimmt und uns in Cyborgs verwandelt. Dieser Tage habe ich einen Artikel über neue Haushaltsroboter gelesen, über den selbstsaugenden Staubsauger, den automatischen Fensterputzer, den eigenständigen Rasenmäher. Diese Geräte sind ja fast ständig am Laufen, weil der selbständige Staubsauger keine fünf Minuten für die Arbeit braucht, sondern eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden, und das bei einer Lautstärke von 70db. Super, oder?

      Ja, es ist ein Trauma der gesamten Spezies. In diesem Zusammenhang finde ich es hochinteressant, dass die Mutation, die unsere menschliche Großhirnrinde hervorgebracht hat, aufgetreten ist, nachdem der Mensch angefangen hatte, mit dem Feuer zu hantieren. Das Feuermachen ging der Mutation voraus. Die Mutation war also eine Anpassung an den Umgang mit dem Feuer, mithin das materiell sichtbare Symptom dieses Traumas oder dieses Wahns. Fragmentierung und Isolation kennzeichnen diesen Wahn wie übrigens jeden Wahn. Wahn zeigt sich als Fragmentierung und Isolation. Bei einem einzelnen Menschen sind wir in der Lage, den Wahn als solchen zu konstatieren, aber nicht bei der Spezies. Wir feiern ja unser Menschsein als sapiens, als genial, wobei Genie und Wahnsinn ja durchaus nah beieinander liegen.

      Ich denke nicht, dass wir uns selbst retten oder heilen können, weil wir gar nicht mehr in der Lage sind, uns Selbstheilungskräften zu überlassen, sondern auch Heilen aktiv angehen mit Maßnahmen, die uns unsere Großhirnrinde eingibt, die ja doch das Symptom des Traumas ist. Und das versuchen die Ökobewegten sowohl wie die Techniker und die Spirituellen: Alle treten als Selbstheiler auf.

      Die ANDEREN als Therapeutikum zu sehen, halte ich für gefährlich. Wer garantiert, dass Mensch auf diese Weise die ANDEREN nicht in seinen Wahn einbaut? Du weißt doch sicher, wie Schizophreniekranke und Psychotiker die Umgebung in ihren Wahn einbauen? Ich halte es deshalb für besser, gar nicht erst auf Heilung zu hoffen und das Gegebene zu akzeptieren. Ich halte einen umfassenden Zusammenbruch der Zivilisation inzwischen für relativ wahrscheinlich. Auch dass die Menschheit, so wie sie jetzt ist, von diesem Planeten verschwindet und an die leer gewordene Stelle andere Lebensformen treten, die dann die Überwindung des Traumas verkörpern. Bei einer Heilung von einem Wahn verschwindet der Wahn, wir als Menschen SIND aber der Wahn, also folgt daraus, dass wir verschwinden werden, oder?

      Aber meine Diagnose hindert mich nicht dran, trotzdem „Apfelbäumchen zu pflanzen“. Und das tust Du ja auch, wie bspw. in Form Deines neuen Projekts.

  4. Bezüglich der ANDEREN als Therapeutikum möchte ich noch hinzufügen, dass wir EINEN uns nicht einbilden sollten man müsse nur mit den Delfinen durchs Aquarium schwimmen um geheilt zu werden oder sich im Wald einnisten. Je mehr Menschen diese Art von Therapie wählen, desto eher wird es zu Folgeproblemen kommen, da wir uns etwas von etwas ANDEREM versprechen würden, ohne aber selbst EINEN Teil zur Heilung, aus eigenem Körpervermögen heraus, beizutragen. Vielmehr verstehe ich die ANDEREN als Therapeutikum im Sinne eines Spiegels, den sie gemeinsam bilden und uns vorhalten. Zwar können wir lange weg sehen und uns nicht für das Spiegelbild interessieren, aber irgendwann kommen wir nicht mehr umhin in den Spiegel zu sehen, weil wir EINEN zur Hälfte ANDEREN Ursprungs sind und dieser ANDERE Anteil uns immer zum Spiegel hinbewegen wird …

    Dazu gehört auch, dass die ANDEREN zwar von Natur aus glücklich, sprich, in Kohärenz mit dem Wesen des Lebens sind, aber durch uns EINEN immer unglücklicher werden, während wir EINEN den ANDEREN jegliches Glücklichsein absprechen und uns selbst mehr und mehr glücklich wähnen, all der Möglichkeiten unseres Fortschreitens bzw. unseres technologischen Fortschritts wegen. Was natürlich EIN Symptom des Wahns ist, dem wir erlegen sind.

    • Der Erfolg von Filmen wie „Star Wars“ oder „Blade Runner“ zeigt doch, dass sehr vielen Menschen nicht nur egal ist, sondern sogar wünschenswert erscheint, in völlig künstlichen Stein- und Metallwelten zu leben. Es gibt viele, die es toll finden, in Flugbooten durch Steinwüsten zu rasen oder selbstfahrende Trams anzuhalten oder sich im bloß im Innern eines Raumschiffs aufzuhalten. Wo Natur vorkommt, wird sie zur reinen Kulisse, wie das in „Star Trek“ demonstriert wird. Die phantastische Bibliothek in Wetzlar hat Projekte, um solche Bilder aus SF-Romanen an die Industrie zu verkaufen zwecks Inspiration der Ingenieure. Vermutlich sieht die Zukunft doch tatsächlich so aus, dass der Cyborg-Mensch fern von Sonnenlicht, Waldboden und Quellwasser dahinvegetiert. Du hast natürlich Recht damit, dass 7,5 Milliarden Menschen die Delfine und die Wälder überfordern würden. Aber was sollen wir denn konkret zur Heilung beitragen? Wir haben ja nichts außer unserem Wahn.

      Das Glück oder Unglück der ANDEREN geht uns Menschen in unserer zunehmenden Isolation immer mehr hinten am A*** vorbei. Du kannst hier in den Kommentaren lesen, dass sogar Menschen, die durchaus positiv und freundlich wirken, es nicht für möglich halten, dass Tiere und andere Lebensformen (vielleicht Pflanzen) Glück kennen. Du hast übrigens Recht mit Deiner Definition: Glück besteht darin, in Kohärenz mit dem Wesen des Lebens zu sein. So herum gesehen sind Pflanzen wahrscheinlicher glücklicher als Säugetiere und Säugetiere glücklicher als Menschen. Das denke ich übrigens manchmal tatsächlich, vor allem, wenn ich Blüten betrachte, die sich der Sonne öffnen. Pures Glück!

      Ja, und selbst wenn wir Menschen in den Spiegel sehen und erkennen würden, wer wir tatsächlich sind, ändert das nichts daran, dass wir ohne diese ganze Technik gar nicht mehr leben können.

  5. Du schreibst:

    “Aber was sollen wir denn konkret zur Heilung beitragen? Wir haben ja nichts außer unserem Wahn.“

    und

    “Das denke ich übrigens manchmal tatsächlich, vor allem, wenn ich Blüten betrachte, die sich der Sonne öffnen. Pures Glück! “

    Offensichtlich sind Menschen doch in der Lage, nebst Technologie, die auf Energieraub aufbaut, etwas zu empfinden, das keiner fremden Energie bedarf, sondern das bereits vorhandene Energie im Körper zu befreien vermag, so dass dadurch das Glück der ANDEREN geteilt werden kann, was Anverwandlung bedeutet und das Gegenteil von Aneignung mittels Energieraub ist. Je ausgeprägter der Wahn, desto eher kann die Sensibilisierung für besagtes Glück, jenseits von Friede, Freude, Eierkuchen, Dschungelcamp und Breitbildschirm, geschehen.

    Du schreibst von der Mutation, die dem Feuer vorausging. Führt der Wahn vielleicht auch zu EINER solchen Mutation, welche der Sensibilisierung vorausgeht? EINE, die bereits sich in der Spezies Mensch ausbreitet?

    • „Je ausgeprägter der Wahn, desto eher kann die Sensibilisierung für besagtes Glück … geschehen“. Ich verstehe, dass eine solche Äußerung in den Kern Deines Verständnisses vom Menschen und der Welt trifft. Es stimmt aber nur da, wo der Wahn gebrochen wird. Wo der Wahn nicht gebrochen wird, äußert sich Sensibilisierung als Sentimenalität, Kitsch und Hysterie, eben all das Kleingeschriebene 🙂 und das ist es, was ich tatsächlich beobachte. Und die Sensibilisierung nutzt ja auch nichts, denn sie ist nicht identisch mit Kohärenz. Wenn man weiß, was man verloren hat, hat man das Verlorene dadurch nicht wiedergewonnen. Wenn Du einen Arm oder ein Bein verloren hast, weißt Du auch besser, was ein Arm oder ein Bein bedeutet, als jeder, der keinen solchen Verlust erlitten hat, aber deshalb wächst Dir weder ein Arm noch ein Bein nach. Dieses Wissen um den Verlust ist die Quelle jener Seinsgestimmtheit namens Melancholie, über die vor Kurzem Gilbert einen Artikel in seinen Blog gestellt hat.

      Ich weiß nicht genau, was Du mit dem letzten Satz meinst? Willst Du sagen, dass wir bereits eine Mutation in unserem Genmaterial tragen, die zur Sensibilisierung führt. Oder führt die Sensibilisierung zur Mutation? Wie herum meinst Du das?

  6. `Du schreibst:

    “… wo der Wahn gebrochen wird …“

    Eben, denn das Aufbrechen durch Schocks, durch Unvorhersehbares und Unverfügbares, durch Impulse von Dekohärenz, ist die Zutat, die das Leben mit Lebendigkeit versorgt bzw. das Leben immer wieder den schmalen Grat zwischen Chaos und Ausgewogenheit gehen lässt, ein Weg, der keine Gerade ist, sondern sich fortwährend schlängelt.

    Nein, Sensibilität ist nicht gleich Kohärenz, aber Sensibilität ermöglicht die Wandlung von Dekohärenz in Kohärenz, daher dürfte Sensibilität eher der Rekohärenz entsprechen, sprich, dem Loslassen von Bewusstsein, damit Sensibilisierung an dessen Stelle rücken kann.

    Ja, was einmal verloren gegangen ist, kann niemals wieder gleichwertig wiederkehren bzw. nachgebildet werden, so, wie 1 + 1 nur in der Vereinfachung der Mathematik 2 ergeben kann, während 1 Vogel und noch 1 Vogel auf einem Ast, nicht zwei Vögel sind, nicht nur, weil der eine Vogel nicht exakt dem anderen entsprechen kann, sondern auch, weil sie zwei verschiedene Positionen auf dem Ast besetzen …

    Du schreibst:

    “Willst Du sagen, dass wir bereits eine Mutation in unserem Genmaterial tragen, die zur Sensibilisierung führt. “

    Wenn ich mir anschaue, wie die Umwelt auf das Genom einwirkt, Stichwort Epigenetik, dann liegt meine Aussage offensichtlich auf der Hand, die uns das Leben unablässig hinhält. Es würde erklären, warum wir Menschen so verschieden ticken und die ANDEREN entsprechend anders wahrnehmen.

    • Das Aufbrechen durch Schock ist normalerweise gleichbedeutend mit einem umfassenden Zusammenbruch. Jedes große Artensterben ist so ein Schock, ein Zusammenbruch der Biosphäre. Danach baut sich dann eine neue Umwelt mit neuen Lebensbedingungen und Lebensformen auf, die unerkannt im Schatten der zusammengebrochenen Biosphäre bereits herangereift sind. Du siehst darin den Weg zwischen Chaos und Ausgewogenheit. Im Grunde ist es der schmale Grat zwischen Dekohärenz und Kohärenz. Es stimmt schon, für die Lebendigkeit braucht es ein gewisses Maß an Dekohärenz. Wir als Menschheit sind vergleichbar mit den Dinosauriern, deshalb interessieren sie uns ja auch so. Auch die Dinosaurier haben mal die Welt beherrscht. Nach dem Zusammenbruch dieser Welt war der Weg für die Säugetiere und die nachtaktiven Tiere freigemacht. In dieser neuen Welt sind die Dinosaurier zu Hühnern mutiert. So ähnlich wird es der Menschheit auch gehen.

      Andreas Weber sieht in jeden Tier und jeder Pflanze sowie in den vielfältigen Interaktionen verkörpertes Gefühl. Das sehe ich genauso. Analog sehe ich in der Spezies Mensch eben verkörperten Wahn. Wahn, dessen Symptome als fortschreitende Entfremdung, Isolation, Dekohärenz, Fragmentierung, Vercyborgisierung erlebt werden. Ich halte es allerdings für möglich, dass wir das Endstadium noch nicht erreicht haben. Endstadium des Wahns könnte eine technisch-künstliche Maschinenwelt sein, in der jede unserer Äußerungen, jedes Gefühl, jede Mimik und Gestik, jeder Handgriff, jede Interaktion kontrolliert, dirigiert und von außen vorgeschrieben wird.

      Wenn die Spezies Mensch aber einen Wahn verkörpert, bedeutet das Aufbrechen des Wahns das Verschwinden der Spezies Mensch. Es wird keinen Menschen geben, der sensibilisiert oder aus dem Wahn aufgewacht ist und dann nackt und ohne Technik in der Welt steht. Ich glaube nicht, dass die Vorstellung des sensibilisierten, aufgewachten, nackten Menschen stimmt. Und zwar deshalb nicht, weil Materie und Geist eben nicht nur nicht getrennt voneinander, sondern identisch miteinander sind. Das Bewusstsein ist es doch, was uns als Menschen ausmacht. Wenn wir das Bewusstsein loslassen, sind wir keine Menschen mehr.

      Man müsste mal fragen, welche Lebensformen in unserem Schatten heranreifen, die nach unserem Abgang für eine neue Artenexplosion sorgen. Vielleicht die sogenannten Kulturfolger. Vielleicht haben wir deshalb so ein Faible für Katzen. Womöglich ahnen wir bereits, dass Katzen uns als Weltherrscher ablösen werden 🙂
      Dumm gelaufen, wenn wir dann in der neuen Welt zu Mäuschen mutiert sein sollten. Aber in Anbetracht der Hühner nicht ganz ausgeschlossen. Es sollte uns also zu denken geben, wenn wir unsere Kinder oder unsere Liebsten bereits so anreden. Vorahnungen? 🙂

      Was ist das für eine Aussage, die das Leben uns unablässig hinhält? Was meinst du damit? Bitte nicht verschwommen und vage werden, wenn es in der Diskussion spannend wird. 🙂

      • Ich wollte nur ein wenig die Spannung erhöhen 😉

        Kürzlich las ich das hier:

        http://www.heilpraxisnet.de/naturheilpraxis/feinstaub-belastungen-reaktiviert-schlafende-viren-in-der-lunge-20170117216480

        Ich ersetze mal Feinstaub durch Energieraub/Technologie/Wahn/Dekohärenzeskalation und Viren durch Genom. So, wie man die Möglichkeit hat eine Entscheidung bezüglich seines Wohnortes zu treffen, so hat man auch die Möglichkeiten zu entscheiden, wie weit man bereit ist am Wahn teilzunehmen bzw. wie viel Energie man raubt, um die eigenen Vorstellungen von Leben auszuleben. Daher besteht in der Gestaltung des eigenen Umfeldes, welches unmittelbar innerhalb der Reichweite meiner Hände beginnt, das epigenetische Potenzial, welches auf Mein Genom einwirkt und entsprechend (re)aktiviert, was im Sinne der Kohärenz notwendig für das Leben ist. Die Hand, die meiner Hand entgegengehalten wird, kann ich ignorieren, wegschlagen oder aber ergreifen … und wenn nicht heute, dann jederzeit, denn sie ist so lange da, wie das Leben Lebendigkeit ermöglichen kann. Erst wenn diese Hand nicht mehr vorhanden ist, braucht sich der Mensch keine Gedanken mehr zu machen, weder über sein Genom, noch über irgendetwas anderes. Aber dann gibt es nur noch Algorithmen, die alles unter Kontrolle haben, in einer Form, die keines Genoms und keiner Kohärenz bedarf. Ein Beispiel diesbezüglich findet sich hier:

        http://www.golem.de/news/demis-hassabis-dieser-mann-will-die-ultimative-ki-entwickeln-1701-125612.html

        Dröhnende Saugroboter sind dagegen die Steinaxt des digitalen Zeitalters …

      • Zwei ganz unterschiedliche Gedanken, die mir bei Deinem Kommentar durch den Kopf gegangen sind:

        1. Auf allen spirituellen Wegen wird die Existenz des ICH geleugnet. Das kommt daher, dass das ICH an der falschen Stelle gesucht wird, nämlich im Innenraum. Es wird irgendwo zwischen Seele, Gedanken und Gefühlen verortet und da kann man es natürlich nicht finden, weil es in den Außenraum gehört. Das ICH ist eben genau die Gestaltung des Umfeldes, die Veränderungen, die du mit deiner Person in die Außenwelt einbringst. Dein Ich findest du in deinem Haus, in deinem Garten, in deinen Beziehungen, in deinen Texten. In deinem Haus und deinem Garten ist dein ICH oder besser das WIR deiner Familie am deutlichsten sichtbar, aber du gestaltest noch mehr: wenn du auf dem Markt einkaufst, trägst du dazu bei, dass ein Wochenmarkt für ein paar andere Menschen eine Lebensgrundlage bildet, wenn du bei Aldi kaufst, förderst du die Aldi-Struktur. All das ist dein ICH. Dein ICH gestaltet mit vielen anderen die übergeordneten Strukturen wie Wirtschaftssystem, Kapitalsystem, Konzernwelt, Pseudo-Demokratie. Diese Landschaft inklusive der Technologisierung ist nicht das Problem von ein paar korrupten Mächtigen, ein paar geldgierigen Reichen, ein paar verrückten Technikern, sondern das, was die Masse aller ICHS hervorbringt.

        2. Wir haben uns schon drüber unterhalten, dass die Kosmologien (Urknall, beschleunigte Ausdehnung) Geschichten sind, die nicht getrennt sind von dem, wie wir als Menschen in der Welt stehen, sondern eher so was wie ein Abbild unseres menschlichen Verhaltens sind, dass wir also im Universum eine beschleunigte Ausdehnung erkennen, weil wir als Menschen derzeit in sich beschleunigenden und sich ausbreitenden Systemen (Wirtschaft, Konsum, Technisierung) leben. Ähnlich ist es mit unseren Erkenntnissen in Genetik. Als Menschen können wir nicht anders, als Vererbung und Fortpflanzung auf eine rein technische Weise zu beschreiben. Die vorliegenden Beschreibungen über DNS, Zellteilung, Geno- und Phänotyp sind nur ein verzerrtes, vollkommen technisiertes Abbild eines Geschehens, das wir aufgrund der Funktionsweise unseres Großhirns eben nicht anders erfassen können. Wie die Genetiker den Vorgang beschreiben, so funktioniert Natur aber gar nicht. Andreas Weber behilft sich damit, dass er sagt, die Zelle als Ganzes interpretiert den Bauplan (DNS). Das ist immerhin schon besser. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass der informative Teil einer Zelle (DNS, Zellkern) gar nicht in der Weise vom materiellen Teil (Zellkörper) zu trennen ist, sondern dass der geistig-informative Anteil und der materielle Anteil eine untrennbare Einheit sind. Es ist noch nicht mal so, dass Kern und Körper ständig miteinander wechselwirken, sondern eben diese Wechselwirkungen SIND.

        Wenn Wissenschaftler trotzdem eine Zelle entkernen, um einen anderen Zellkern einzuschleusen, erzeugen sie damit etwas ganz Neues, nämlich das technisierte Abbild einer Zelle. Ein Unteilbares in Bestandteile zu trennen, ist ein kreativer Prozess, der etwas grundsätzlich Neues generiert und nicht etwas beschreibt, was vorher in dieser Weise schon da war. Die Genetiker erzeugen durch genetische Manipulationen auf biologischer Ebene etwas ähnliches wie Chemiker auf der chemischen mit den Kunststoffen und dem Plastik: etwas, was nicht ins natürliche Gesamtgefüge (Kohärenz) eingebettet ist. Das wird langfristig Folgen haben und den Prozess der Vercyborgisierung vorantreiben.

  7. Verehrter Fingerphilosoph,

    Nichts für ungut, aber Sie schreiben über den Menschen und die Menschheit, als wären Sie kein Mensch. Ich nehme jedoch an, dass Sie ebenfalls dieser Spezies angehören. Ergo trifft alles, was Sie über den Menschen sagen, auch auf Sie zu. Als Mensch sind Sie in demselben Wahn befangen, den Sie diagnostizieren. Ich sehe mich mit einer Aussage konfrontiert, die mich sehr stark an das Lügnerparadoxon erinnert:

    Ein Kreter sagt, dass alle Kreter lügen. Wenn der Kreter die Wahrheit sagt, dann lügt er, weil mindestens ein Kreter die Wahrheit sagt. Wenn der Kreter lügt, dann ist der Satz, dass alle Kreter lügen, eine Lüge, mithin lügen nicht alle Kreter.

    Analog: Ein Mensch sagt, dass alle Menschen in einem Wahn befangen und deshalb nicht in der Lage sind, die Wirklichkeit zu erkennen. Wenn Sie in der Lage sind, die Wirklichkeit zu erkennen, sind Sie kein Mensch. Wer sind Sie dann?

    Mfg
    Jochen Weber

    • Guten Tag Herr Weber,

      wie immer bedarf es der Berücksichtigung von Diversität bei allem, was mit Leben zu tun hat. Leben bezeugt Lebendigkeit nicht durch pure Anwesenheit von Weiß und Schwarz, sondern durch unzählige Schattierungen, die zwischen beiden Extremen liegen. Daher gibt es Menschen ohne Wahn und eben komplett Wahnsinnige … und die meisten Menschen liegen irgendwo dazwischen. Allerdings dürfte es längst mehr komplett Wahnsinnige geben, als gänzlich vom Wahn verschonte Menschen. Im Grunde ist jeder EINEM Wahn erlegen, der sein Leben auf dem Raub von Energie aufbaut.

      Bezüglich Energieraub: Fingerphilosoph schrieb ein Stück weiter oben (Kommentar vom 17. Jan.), was es mit diesem Raub auf sich hat.

      Der Wahn ist geprägt vom körperlichen Unvermögen, das eigene Leben nicht einzig mit der Energie am Leben zu halten, die dem Körper aus eigenem Vermögen in seinem Lebensumfeld zur Verfügung steht bzw. in Reichweite des Körpers liegt.

    • Einer meiner Lieblingsfilme ist „A Beautiful Mind“. Im Film wird John Nash nicht von der Schizophrenie geheilt, aber er lernt, die Wahnvorstellungen als Wahnvorstellungen zu erkennen: die Personen, die dem Wahn entspringen, werden nicht älter. Ich weiß nicht, inwieweit der Film tatsächlich dem Leben und Leiden von John Nash entspricht, aber ich denke, dass bei sorgfältiger Suche nach der Wahrheit genau das möglich ist: den Wahn als Wahn zu erkennen.
      Der Wahn hat bestimmte Merkmale. Im Film das Nicht-Altern. Der Wahn unserer Spezies zeichnet sich, wie schon häufig erwähnt, durch den eskalierenden Energieverbrauch aus. Aber auch dadurch, dass die Menschen es für normal halten, zeitlebens einen Arzt an der Seite zu haben, also krank zu sein. Auch dadurch, dass immer mehr Menschen Psychopharmaka, Drogen, Alkohol etc. zur Bewältigung ihres Alltags brauchen. Dass den Individuen immer mehr Entscheidungen durch Organisationen und Institutionen abgenommen werden. Dass wir Worten und Texten mehr glauben als dem, was unsere Sinne uns mitteilen. etc. etc.

      Auch wenn man den Wahn als Wahn erkennt, heißt das nicht, dass man geheilt ist. Was bleibt, ist eine gebrochene Wahrnehmung: ein solcher Mensch kann nie sicher sein, ob das, was ihm seine Wahrnehmung suggeriert, von den anderen Menschen ebenfalls so wahrgenommen wird. Er fragt sich ständig, wer sich irrt: er oder die Mitmenschen.

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