Im Labyrinth

Ich habe letzthin die Maze Runner-Trilogie von James Dashner gelesen. Sie ist für Jugendliche geschrieben. Da sinnlose Brutalität und eine unlogische Gesamtkonzeption den Lesespaß verderben, kann ich die Trilogie nicht unbedingt empfehlen, aber der erste Band bietet eine spannende Ausgangssituation, über die es sich nachzudenken lohnt. Dieser erste Band heißt Im Labyrinth.

Eine kurze Inhaltsangabe: Ein seiner persönlichen Erinnerungen beraubter 16jähriger wird in ein Labyrinth geschickt, in dem schon eine ganze Gruppe Jugendlicher ums tägliche Überleben kämpft. In der Mitte des Labyrinths gibt es eine Lichtung, die den Jugendlichen das fürs Überleben Notwendige zur Verfügung stellt: Felder, Wald, Vieh, Wasser usw. Die verschiedenen Ausgänge aus der Lichtung führen alle hinein in ein undurchschaubares Labyrinth, dessen Wände sich über Nacht verschieben und in dem biotechnische Kreaturen (Griewer) hausen, die die Jugendlichen töten oder schwer verletzen. Das Labyrinth ist unberechenbar, voller tödlicher Gefahren und scheint keinen Ausgang zu haben.

Diese Ausgangssituation lässt sich mit dem vergleichen, was Leben ist. Als Mensch finde ich mich in eine Welt hineingeworfen, die unberechenbar ist, deren Gesetze ich weder durchschaue noch beherrschen kann und in der mein Leben permanent vom Tod und sonstigen Widrigkeiten bedroht wird. Wenn ich mich nicht ständig bemühe, gehe ich unter wie ein Schwimmer, der aufhört zu schwimmen.

Mich interessiert, wie ein Mensch unter solchen Umständen trotzdem ein gutes Leben führen kann. Im Labyrinth gibt einige Antworten, die ich gar nicht mal so schlecht finde.

Der größte Teil der Jugendlichen ist permanent damit beschäftigt, die Existenz zu sichern. Eine Gruppe ist mit der Aufzucht der Tiere beschäftigt, eine andere mit dem Anbau von Getreide und Gemüse, eine dritte mit dem Kochen, eine vierte mit dem Bau und Erhalt der Unterkünfte. Jede Gruppe hat einen Anführer. Es ist der jeweils Fähigste in seinem Fach. Arbeitsteilung ist also angesagt. So wird die Qualität sichergestellt. Das Essen beispielsweise scheint gut und auch reichlich zu sein. Wenn einer zwischendurch mal Hunger hat, bekommt er vom Apfel bis zu Bratkartoffeln, wonach ihm gerade ist.

Jeder auf der Lichtung ist also seinen Fähigkeiten gemäß einer Gruppe zugeordnet. Die Unbegabtesten machen die Putz- und Latrinendienste. Jeder bringt sich nach besten Kräften ein. Die harte Arbeit dient nicht nur dem Erhalt des Lebens. Sie ist auch deshalb wichtig, weil sie die Jugendlichen davon abhält, in Depressionen zu verfallen. Die Arbeit strukturiert den Tag und fördert den Zusammenhalt. Die Anführer wissen um diese Funktion von Arbeit und achten deshalb drauf, dass jeder sein Arbeitspensum erfüllt. Es gibt keine Faulenzer, die auf Kosten von Anderen leben.

Verletzungen durch Unfälle oder durch Angriffe der Griewer sind häufig. Deshalb gibt es zwei Sanitäter und ein Krankenzimmer. Ob die Sanitäter außerdem noch was Anderes arbeiten, bleibt unklar.

Um überleben zu können, hat sich die Gemeinschaft der Jugendlichen ziemlich strenge Regeln gegeben. Minder schwere Vergehen werden mit Gefängnis bestraft. Wer einem Anderen ans Leder will, wird von der Lichtung verbannt, d. h. den Griewern vorgeworfen, was der Todesstrafe gleichkommt. Die Anführer der einzelnen Gruppen bilden das Komitee, das die Einhaltung der Regeln überwacht. Dieses Komitee berät sich in allen die Gemeinschaft betreffenden Fragen und trifft die Entscheidungen, über die in diesem Kreis demokratisch abgestimmt wird. Es sind auch die Anführer, die den Akt der Verbannung gemeinsam durchführen. Dabei machen sie keine Ausnahmen. Es ist beispielsweise so, dass ein von den Griewern verspritztes Gift manche der Verletzten gewalttätig macht. Obwohl sie keine Schuld trifft, werden diejenigen, die von den Griewern verändert wurden, ebenso verbannt wie alle anderen, sobald sie die Gemeinschaft oder das Leben eines Anderen gefährden. Die Jugendlichen auf der Lichtung können sich Gnade schlichtweg nicht leisten. Das ist in unserer Gesellschaft anders. Die Todesstrafe ist nicht mehr nötig, aber Verbannung (lebenslanges Einsperren) ist in manchen Fällen durchaus angesagt.

Die Besten und Begabtesten der Gemeinschaft erforschen das Labyrinth und versuchen, seine Gesetzmäßigkeiten zu ergründen, obwohl alle diese Bemühungen sinn- und zwecklos erscheinen und keinen unmittelbaren Nutzen bringen. Diese herausragenden Jugendlichen sind die sogenannten Läufer, die nichts anderes tun, als den ganzen Tag im Labyrinth herumzurennen und seine Funktionsweise kennenzulernen. Die besondere Herausforderung besteht darin, abends den Rückweg auf die Lichtung zu finden. Nicht wenige scheitern daran und werden Opfer der Griewer. Läufer zu sein ist ein Höllenjob, der jeden Einzelnen täglich an seine Grenzen bringt. Abends nach ihrer Rückkehr fertigen die Läufer gemeinsam Karten an, die sorgsam verwahrt und studiert werden in der Hoffnung, dass irgendwann mal der Ausgang gefunden wird, was aber bis zum Auftritt des Protagonisten nicht geschieht.

Wenn man das Labyrinth als Symbol für unser Dasein nimmt, entspricht das, was die Läufer tun, am ehesten der Grundlagenforschung in den Wissenschaften. Auf der individuellen Ebene entspricht der Job der Läufer der Suche nach der Wahrheit.

Was die Läufer tun, ist etwas sehr Wesentliches. Das wäre es sogar dann, wenn es grundsätzlich unmöglich wäre, das Labyrinth zu entschlüsseln und den Ausgang zu finden. Ohne die Läufer ist ein gutes Leben auf der Lichtung nicht möglich. Um ein gutes Leben zu führen, braucht es nämlich mehr als nur die Befriedigung der grundlegenden existenziellen Bedürfnisse. Ohne die Läufer wäre das Leben auf der Lichtung reines Vegetieren. Für ein gutes Leben braucht es die Option auf einen Wandel, der nicht nur vorbestimmtes Schicksal ist. Um ein gutes Leben zu führen, braucht es das Gefühl, dass eine grundsätzliche Wendung herbeigeführt werden kann, oder wenigstens das Gefühl, dass man nicht alles mit sich machen lässt. Aus diesem Gefühl heraus erwächst die menschliche Würde als Absage an passives und hilfloses Ausgeliefertsein.

Vielleicht führt die Suche nach der Wahrheit weder zu den erwünschten Erkenntnissen noch zu einer Befreiung aus dem Labyrinth, aber ohne diese Suche mangelt es dem Menschen an etwas Wesentlichem, aus dem heraus er sein Selbstverständnis und seine Würde gewinnt. Im Grunde sind es die Läufer, die die einzelnen Gruppen zu einer Gemeinschaft verbinden. Die Läufer sind das gemeinsame Projekt aller Jugendlichen, vom untersten Latrinenputzer bis zum obersten Anführer. Die Jugendlichen halten an diesem Projekt fest, obwohl die meisten von ihnen die Hoffnung auf Befreiung längst aufgegeben haben. Das heißt, die Jugendlichen klammern sich nicht an falsche Hoffnungen, aber sie versinken auch nicht in Resignation.

Mit dieser Haltung sind die Jugendlichen im Labyrinth weiter als die Menschen, die in einer solchen Situation eine Religion gründen, um die Griewer oder die Schöpfer des Labyrinths anzubeten und das eigene Leben als Dienst für die Schöpfer zu verstehen. Sie sind auch weiter als Menschen, die die angefertigten Karten benutzen, um die eigenen Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche daraus herauszulesen und damit zu einer Fehleinschätzung der Realität kommen. Oder als Menschen, die die Karten missbrauchen, um Vorteile für sich selbst herauszuschlagen und die Mitglieder der Gemeinschaft für eigene Zwecke zu benutzen, wie das in unseren Wissenschaften heute leider häufig der Fall ist. Sie sind auch weiter als Menschen, die lieber glauben, dass sie die Realität (das Labyrinth) aus ihrem Bewusstsein heraus erschaffen, als sich mit der eigenen Begrenztheit auseinanderzusetzen und zu erkennen, dass der Mensch zwar vieles kann, aber deswegen noch lange nicht allmächtig ist.
Das Regelwerk, das sich die Jugendlichen erarbeitet haben, ergibt sich nicht aus einer idealisierten Vorstellung dessen, was der Mensch zu sein hat, sondern aus der realen Situation heraus. Für wie auch immer geartete Selbstbilder und -beweihräucherungen ist, da es ums Überleben geht, kein Raum.

Es ist erstaunlicherweise nicht Liebe, die das Regelwerk begründet, sondern Notwendigkeit. Die zwingende Voraussetzung ist, dass alle Jugendlichen den Willen zum Überleben haben, nicht, dass sie sich mögen. Im täglichen Überlebenskampf entstehen zwar Freundschaften ebenso wie Abneigungen, aber diese bilden nicht das tragende Gerüst für die Gemeinschaft. Das sind vielmehr die Läufer mit ihrer Aufgabe, das Labyrinth zu erforschen. Sympathien und Antipathien sind so etwas wie freie Variablen. Sie können und dürfen entstehen, aber wenn sie nicht entstehen, spielt das auch keine Rolle für das Funktionieren und den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Liebe ist frei, und tatsächlich kann Liebe ja auch nur in Freiheit entstehen und nicht unter dem Zwang von Notwendigkeiten.

Wenn in einer unberechenbaren, undurchschaubaren Welt voller Gefahren und Tücken eine Gemeinschaft durch gemeinsame Aufgaben und Regeln schließlich so gut funktioniert, wie es Im Labyrinth der Fall ist, fehlt zu einem guten Leben trotzdem noch etwas. Außer den Regeln, die die Gemeinschaft am Laufen halten, braucht auch der Einzelne ein Regelwerk, das ihm ein Gefühl von Kohärenz vermittelt und ihn zusammenhält. Zumindest ich brauche so etwas.

Hier finde ich nun das, was Moraltheologen über die Jahrhunderte als Kardinaltugenden herausgearbeitet haben, ganz sinnvoll. Tugenden, so altmodisch es klingen mag, geben dem Leben seinen Wert und seinen Sinn, selbst wenn man nicht an Gott glaubt. Zu den Tugenden gehören Klugheit, Geduld, Fairness, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mut, Freude, Maßhalten und vor allem anderen Wahrhaftigkeit. All diese Tugenden wollen zudem mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit gelebt werden. Erst in der Verbindung individueller Tugenden und gemeinschaftlicher Regeln kann der Mensch ein gutes Leben führen, das von äußeren Bedingungen weitgehend unabhängig ist.

Bei der Verinnerlichung von Tugenden geht es übrigens nicht in erster Linie um das Wohl der Anderen, wie das häufig kolportiert wird, sondern darum, von äußeren Bedingungen und damit von Anderen unabhängiger zu werden. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ob ich gerecht bin, hängt nicht davon ab, dass der Andere gerecht zu mir ist. Ob ich selber maßhalte, hängt nicht davon ab, ob die Anderen ebenfalls maßhalten. Ob ich geduldig meine Ziele verfolge, hängt nicht davon ab, ob ich viele Likes bekomme oder nicht. Genau diese Unabhängigkeit macht Tugenden erst wertvoll. Sie stellen den inneren Zusammenhalt in mir selber her. Sie geben mir das Gefühl von Kohärenz. Wie sich gelebte Tugenden auf Andere auswirken, ist deshalb nicht nur sekundär, sondern auch völlig offen. Ich bezwecke mit meinem Weg keine bestimmten Reaktionen. Tugenden dienen eben gerade nicht der Beeinflussung oder Manipulation meiner Mitmenschen. Ich weiß also nicht, wie Andere reagieren, aber eben darauf kommt es auch nicht an.

So steht das alles jedoch nicht im Buch von James Dashner. Bei ihm stellt sich das Labyrinth schließlich als ein von Wissenschaftlern geschaffenes Experiment heraus. Was ich hier beschrieben habe, sind meine eigenen Gedanken, die mir beim Lesen gekommen sind, als ich noch nicht gewusst habe, worauf die Geschichte hinausläuft.

4 Kommentare zu “Im Labyrinth

  1. Mit den ‚Tugenden‘ ist das auch so eine Sache…
    Von Plato und Cicero etwa bereits propagiert wurden sie bereits damals als Normattribute definiert für eine sogenannte tugendhafte Persönlichkeit, die mehr oder weniger jedermanns Ziel sein sollte.
    Wobei wiederum auffällig ist, dass diese ‚Tugenden‘ (exemplarisch benannt: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Selbstbeherrschung als ‚Kardinaltugenden‘) als Idealbild sittlicher Vollkommenheit zwar propagiert wurden, aber von den Propagandeuren selbst, ganz zu schweigen von ihrem Umfeld oder ihren Epigonen, weitestgehend geflissentlich bis zur Unkenntlichkeit gebeugt wurden zum Zwecke des Eigennutzes oder Staatsinteresses.
    Die erhobene Forderung nach Erfüllungspflicht des Ideals ist mehr als perfide, weil unter den faktischen Bedingungen zu allen Zeiten niemand diese realisieren konnte, ohne sich selbst gravierend in Nachteil zu versetzen – was man auch unschwer mit der heutigen Gesetzestreue nachvollziehen kann.
    Der Aufruf zur Tugendhaftigkeit ist also eigentlich der Aufruf, sich berechenbar und damit manipulierbar und damit ausnutzbar/kontrollierbar machen zu lassen.
    Wenn der Einzelne also dies für sich als wesensförderlich und/oder wesensentsprechend einstuft und sich aus diesem Grunde intrinsisch darin verwirklicht, ist das kein Problem.
    Aber das ist ungefähr so, als würde man erwarten, dass alle aus der Klasse sich den Primus zum Vorbild nehmen, obgleich sie die entscheidenden Dispositionen dazu vermissen lassen – denn sonst gäbe es nicht einen Primus, sondern leistungstechnisch Egalitäre.
    Wahrhaftig nicht jeder kann alle Achttausender ohne Sauerstoff erklimmen wie Messner.
    Nicht alle können sterben für ihren Glauben wie, laut Gerücht, Jesus, dessen unmittelbarer Nachfolger Simon Petrus ihn aber dreimal verleugnete und den Tod fürchtete?!

    Erschwerend kommt hinzu, ob diese Forderung nach Tugendhaftigkeit tatsächlich der ultimativen Weisheit letzter Schluss ist, denn es gibt schwerwiegende Indizien, dass dem nicht so sein könnte.
    Das Optimum ist keineswegs immer das Optimale und sollte nicht jeder nach seiner Facon selig werden, indem er sich selbst zum Maßstab macht und sich erstmal selbst entspricht, anstatt schon wieder irgendwelchen künstlichen Teleologien nach zu hecheln?
    Meines Wissens ist eine der Hauptursachen für das sogenannte ‚Böse‘ eben die Selbstverleugnung, die sich auf diese Weise ihre (natürlich unzulängliche und somit nie finale) Kompensation auf Kosten anderer verschafft?!

    • Es geht nicht darum, dass ich, indem ich Tugenden zu leben versuche, ein Ideal verwirkliche, sondern darum, dass ich in meinem Leben eine Richtung habe und nicht wie ein Blatt im Wind hin- und hergeschleudert werde. Es geht nicht darum, mich als Reinhold Messner des Tugend-Himalayas selbst zu beweihräuchern. Sondern es geht mir drum, einer Welt voller Unberechenbarkeiten, Tücken und Widrigkeiten, wie sie als Labyrinth beschrieben wird, etwas entgegenzusetzen.

      Wenn ich wählen könnte zwischen einer unberechenbaren, tückischen, widrigen, gefahrvollen Welt, der ich einen inneren Halt und mein Kohärenzgefühl entgegensetze oder einer Welt, in der von außen alles zu meinem Besten geregelt und vorgeschrieben ist, ich dafür keinen inneren Halt habe, würde ich zweifellos die unberechenbare Welt und den inneren Halt bevorzugen.

      Unberechenbare, tückische, gefahrvolle Welt und innere Haltlosigkeit führen zum sofortigen Zerfall (Entropie), während Außensteuerung plus verinnerlichte Tugenden zu absolutem Stillstand (dem wahren Tod) führen. Zunehmender Außensteuerung muss also anders begegnet werden als labyrinthischer Unberechenbarkeit. Das gebietet die Klugheit, und Klugheit ist wiederum eine der Kardinaltugenden 🙂

      Jesus ist gescheitert, weil keiner seiner Jünger in der Lage war, dem armen Kerl auch nur ein Mindestmaß an Freundschaft entgegenzubringen. Wenn Simon Petrus mit Jesus im Garten Gethsemane gebetet hätte, wäre die Geschichte anders ausgegangen. Wenn einer in Todesangst Dich darum bittet, dass Du eine Stunde mit ihm verbringst, was würdest Du tun? Ist das wirklich soooo wahnsinnig viel verlangt, dass es einen Menschen total überfordert? Gehört nicht im Gegenteil eine gehörige Portion Ignoranz und Hartherzigkeit dazu, in so einer Situation einfach weiterzuschlafen?

  2. Auch hier war meine Antwort eher allgemein gehalten als speziell auf Dich ausgerichtet – ich stimme Dir ja in Deiner Gegenrede fast ausnahmslos zu:

    „Wenn ich wählen könnte zwischen einer unberechenbaren, tückischen, widrigen, gefahrvollen Welt, der ich einen inneren Halt und mein Kohärenzgefühl entgegensetze oder einer Welt, in der von außen alles zu meinem Besten geregelt und vorgeschrieben ist, ich dafür keinen inneren Halt habe, würde ich zweifellos die unberechenbare Welt und den inneren Halt bevorzugen.“
    U r welcome! 😉

    „Unberechenbare, tückische, gefahrvolle Welt und innere Haltlosigkeit führen zum sofortigen Zerfall (Entropie), während Außensteuerung plus verinnerlichte Tugenden zu absolutem Stillstand (dem wahren Tod) führen. Zunehmender Außensteuerung muss also anders begegnet werden als labyrinthischer Unberechenbarkeit. Das gebietet die Klugheit, und Klugheit ist wiederum eine der Kardinaltugenden“ – dito.

    Klugheit IST eine Kardinaltugend, aber nicht, weil das irgendjemand fordert oder anderen aufschwätzen wollte – das ist alles andere als klug.
    ‚Klugheit‘ kommt von ‚Kugelheit‘ und deckt sich mit dem Hauptmotto von Musashis Schwertmeister Takuan:
    ‚Fehlerlosigkeit liegt in der freien Beweglichkeit!“

    Klug ist es also wie eine Kugel auf jeden Impuls aus jeder Richtung in alle Richtungen re/agieren zu können, weil man nicht wie ein Würfelklotz unbewegt unbeweglich sein muss, was zu massiver Ignoranz und damit in letzter Konsequenz katastrophaler Selbst-Zerstörung führt.
    Klug ist es wie im Aikido u.ä. zerstörerischen Energien auszuweichen, sie aber gleichzeitig für die eigenen Ziele/Werte nutzbar zu machen.
    Geistige, emotionale, körperliche Beweglichkeit sind aus meiner Sicht in der Tat höchste Tugenden und wenn ich z.B. einen Wert vertrete wie Petrus, dann KANN ich den um meiner selbst willen gar nicht verraten, weil ich damit mich selbst verrate, aufgebe und damit meine Existenz wortwörtlich wertlos wird und es auch keinen Unterschied macht, ob ich dann stürbe oder weiter lebte, denn das, was mich definierte oder besser: was ich definierte, um mich selbst zu definieren wäre verschwunden und zwar unwiderbringlich und restlos ohne der Möglichkeit zur Neuauflage.

    Da stirbt man besser, indem man den Wert, der einen mitdefiniert auch verkörpert, selbst um den Preis des eigenen Lebens, denn wenn man einmal sich selbst derart verraten würde, wäre man faktisch inexistent, ein Spielball fremder Launen und was soll das denn sei, verflucht nochmal? Für wen oder was könnte man jemals wieder von echtem Nutzen sein – für sich ja schon mal gleich gar nicht, denn dieses Ich/Selbst gäbe es ja bereits nicht mehr???

    Mir ist ein Schurke von Format, weil Haltung, 100x lieber als diese amorphen Winseleinheiten, die nichts anderes zu tun haben als sich permanent um ihre milchgestählte Haut zu sorgen, die sich wie ein nasser Sack um einen Haufen vermoderter Fäkalien legt.
    Mit der meinung stehe ich weitgehend alleine, aber das ist mir eben wurscht, weil es für mich eben keine Option darstellt, mich zu verleugnen (wie etwa Petrus, der erste Papst – was uns allen zu denken geben sollte 😉 ), weil: wer bin ich denn dann noch? – eben ein Nichts und damit Niemand.
    Wenn ich aber ein Niemand bin, habe ich keine Werte, bin also wortwörtlich wert(e)los.
    Welchen Wert hat gleich nochmal Wertlosigkeit? – Eben. 🙂

    • Die Geschichte von Simon Petrus: Indem er Jesus verrät, verrät er sich selbst. Als er nach dem Verrat weint, weint er nicht um Jesus, sondern um sich selbst. Könnte er sich sein Versagen eingestehen, würde er sich selbst erkennen und könnte diese Erkenntnis in sein Leben integrieren. Dann wäre sein Leben nicht wertlos, auch wenn er nicht mehr derselbe wie vorher wäre. Er könnte aus dem Versagen lernen. Diese Möglichkeit besteht immer.

      Simon Petrus kann sich sein Versagen aber nicht eingestehen. Deshalb kann er sich auch nicht eingestehen, dass es für ihn selbst keinen Unterschied mehr macht, ob er lebt oder tot ist. Das macht aus Simon Petrus einen Zombie, denn fortan muss der Unterschied, ob Petrus lebt oder tot ist, von ANDEREN gesetzt und aufrechterhalten werden. Durch den Verrat und die anschließende Verdrängung ist Simon Petrus zu einem Zombie geworden, der nur mit der Lebensenergie von ANDEREN sein Dasein inklusive Verrat und Verdrängung fristen kann. Um von ANDEREN Lebensenergie zu bekommen, muss er eine neue Geschichte erfinden: Also überhöht er Jesus den Menschen zum Gott, dessen Aufgabe es war, am Kreuz zu sterben, um die Menschen (die ANDEREN!!) zu erlösen. Jesus darf nicht mehr Mensch sein, weil Simon Petrus und die restlichen Apostel dann damit zurechtkommen müssten, hartherzige Schwächlinge und Versager zu sein. Stattdessen werden sie bis heute als Vorbilder verehrt. Man stelle sich das mal vor! Zombies können weder leben noch sterben. Deshalb geistern die Apostel immer noch rum.

      Wenn man sein eigenes Leben nicht als Preis einsetzt, ist man erpressbar und damit Anderen ausgeliefert. Der Andere muss nur damit drohen, einem das Leben zu nehmen, schon macht man, was der Andere von einem verlangt. Wenn man dieser Erpressung einen Riegel vorschieben will, muss man sein Leben riskieren, anders geht das nicht. Was leben um jeden Preis bedeutet, sieht man an Simon Petrus.

      Wenn ich unter bestimmten Bedingungen nicht leben will, muss ich dazu stehen und entsprechende Konsequenzen ziehen. Das geht nur, wenn ich selber Werte habe, für die es sich zu sterben lohnt. Das stimmt. Solche Werte wachsen in einem heran, wenn man das denn zulässt. Was nicht heißt, dass ich mein Leben nun so einfach wegwerfen würde. Für dieselben Werte, die in einem heranwachsen, lohnt es sich nämlich auch zu leben.

      Ich will bspw. nicht in einer Welt leben, in der Götterväter ihre Söhne opfern und die Söhne für mich sterben müssen, damit ich leben kann. Deshalb habe ich nein zu Gott gesagt. Merkwürdigerweise ist daraufhin Gott gestorben und nicht ich.

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