Grundlagen für eine gottlose Ethik

Gestern habe ich auf dem Blog vom Feuerbringer einen Artikel gelesen, der den miesen Charakter von Atheisten, säkularen Humanisten und anderen Gottleugnern zum Thema hat. Das ist um so erstaunlicher, weil der Feuerbringer nicht an Gott glaubt und damit selbst zur Gruppe der von ihm Kritisierten gehört. Ich habe beim Lesen des Artikels zunächst gestutzt, aber alles in allem ich kann dem Feuerbringer nicht widersprechen.

Es ist schon richtig, dass Atheisten und säkulare Humanisten ähnlich dogmatisch daherkommen wie ehedem die Religiösen, bloß eben unter umgekehrten Vorzeichen. Regen Austausch, lebhafte Debatten, interessante Streitgespräche oder eine Vielfalt von gut begründeten Standpunkten sucht man vergeblich.

Atheisten und säkulare Humanisten wie die Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung vertreten eine Ethik, die den Menschen nicht länger als Krone der Schöpfung versteht, sondern als zufälliges Produkt der Evolution, das sich nur graduell, nicht prinzipiell von anderen Lebensformen auf diesem Staubkorn im Weltall namens Erde unterscheidet. Für den Feuerbringer ist das ein „nihilistisch reduktionistischer Materialismus, der sich im politischen Bereich als eine Variante des Marxismus äußert“.

 

Die Vertreter der Giordano-Bruno-Stiftung irren sich jedoch, wenn sie behaupten, dass sich der Mensch nur graduell, aber nicht prinzipiell von anderen Lebensformen auf diesem Planeten unterscheidet. Menschsein definiert sich durch die Nutzung des Feuers. Die Fähigkeit, mit Feuer umzugehen, finden wir in allen menschlichen Gesellschaften. Von allen Lebensformen auf diesem Planeten nutzt einzig der Mensch das Feuer. Inzwischen ist der Mensch vom Feuer und der daraus entstandenen Technologie so abhängig geworden, dass man den Menschen nicht mehr getrennt davon denken kann.

Mit Feuer umzugehen, ist nicht nur irgendeine Eigenschaft, irgendein beliebiges Merkmal wie Fellfarbe, Schnabelform, Paarungsverhalten, Ernährungsgewohnheit oder was wir sonst von der Evolution her so gewohnt sind. Feuer ist ein Instrument, welches das Ökosystem, in das man selbst eingebettet ist, hervorbringt, umgestaltet oder zerstört. Es gibt keine andere Lebensform, die über eine auch nur annähernd vergleichbare Macht verfügt. Keine andere Lebensform kann sich die Welt machen, wie sie ihr gefällt. Das kann nur der Mensch. Der Mensch kann seinen Lebensraum aktiv gestalten, beliebig umbauen, ja auch zerstören, bloß weil er Lust dazu hat. Deshalb ist der Mensch (inklusive seiner Technologie) eine prinzipiell neue Lebensform, die auf diesem Planeten keine Vorbilder hat und mit keiner anderen Lebensform vergleichbar ist. Er ist deshalb zwar nicht gleich die Krone der Schöpfung, aber er ist auch nicht nur „Leben, das leben will, inmitten von anderem Leben, das leben will“, wie Albert Schweitzer das formulierte. Ob es uns gefällt oder nicht, die Beherrschung des Feuers macht uns selbst zu dem, was wir den Göttern unterstellen.

Ich glaube weder an den christlichen noch an sonst einen Gott. Ich interpretiere die Bibel als unaufgelöstes Trauma. Trotzdem macht man es sich meiner Ansicht nach zu einfach, wenn man die auf dem Gottglauben basierende Ethik samt der Suche nach der Wahrheit verwirft, bloß weil es Kirchenleute waren, die diese Ethik ausgearbeitet und nach der Wahrheit gesucht haben. Die Tugenden, wie sie von Moraltheologen wie beispielsweise William Hoye besprochen werden, sind für den Atheisten gleich wertvoll wie für den Gläubigen. Die Suche nach der Wahrheit und die damit verbundene Wahrhaftigkeit betrifft den Atheisten genauso wie den Gläubigen.

Für mich hat die menschliche Religiosität und Spiritualität ihren Ursprung in einer ganz und gar natürlichen Erscheinung, nämlich im Feuer. Der Mensch ist ein religiöses Wesen geworden, weil er im Umgang mit dem Feuer ganz neue, im Tierreich so nicht vorhandene Eigenschaften entwickeln und einüben musste.

Der Begriff Religion wird zum einen auf das Verb „religare“ (rückbinden) zurückgeführt. Damit ist im allgemeinen Sprachgebrauch die Rückbindung an einen transzendenten, geistigen Ursprung gemeint. Für mich bedeutet es, dass sich der Frühmensch in dieser Rückbindung schlicht und einfach mit dem Feuer identifizierte. Erst aus dieser Identifikation heraus entwickelte unser Vorfahre dann später die Idee des Transzendenten respektive einer Geisterwelt, wie sie in den animistischen Religionen vertreten wird. Die Verbindung mit dem Feuer war es, die den Menschen aus seiner Tierhaftigkeit herausholte. Das Feuer war für den Frühmenschen tatsächlich etwas Übernatürlich-Göttliches, auf andere Weise konnte er es gar nicht begreifen und sich nicht darauf einlassen.

Wenn sich hinter unserem Gottglaube jedoch nichts anderes als die Vergöttlichung des Feuers (und seiner Ableitungen Sonne, Licht, Energie) verbirgt, müssen wir unser Verhältnis zum Diesseits, zum Materiellen und Körperlichen grundsätzlich neu überdenken. Feuer löst die hochkomplexen Strukturen organischer und anorganischer Substanzen auf. Das Ergebnis ist irreversibel. Die auf dem Bindungsverhalten aller Materie beruhenden Strukturen, die unsere Welt ausmachen, sind teilweise über sehr, sehr lange Zeiträume gewachsen. Der Mensch hat die Macht, diese Bindungen in kurzer Zeit gewaltsam zu zerstören.

Bis heute schätzen die allermeisten Religionen das Diesseits, das Körperliche und die materielle Welt gering, ja verachten sie häufig. Die Welt ist ihnen bloß ein vorläufiger Ort, den es zu überwinden gilt. Das ist kein Wunder, wenn die reale Grunderfahrung mit dem Göttlichen darin besteht, dass Feuer als Übernatürliches das Materielle, Körperliche und Diesseitige in Asche und Rauch verwandelt. Dass der Mensch rücksichtslos die Natur zerstört, hat sehr viel damit zu tun, dass die Religionen über Jahrtausende gelehrt haben, sie zu missachten und die Welt als Illusion (Maya) zu interpretieren.

Ja, der Mensch kann inzwischen sogar Atome spalten. Er handelt dabei jedoch nicht im Auftrag eines Gottes. Er benutzt lediglich das Feuer in seinen verschiedenen Ausgestaltungen, wozu auch unsere ganze Technologie gehört. Die Strukturen und Bindungen, die der Mensch zerstört, kann er nicht wieder herstellen, umso weniger, wenn diese materiellen Bindungen womöglich eine Innenseite haben, also Gefühle sind. Und das könnte durchaus sein. Ich finde jedenfalls keinen hinreichenden Grund, um sicher auszuschließen, dass, was in der äußeren Wahrnehmung durch die Sinne als Materie erscheint, von innen heraus erlebt, womöglich Gefühle sind.

Bäume haben weder ein Nervensystem noch ein Gehirn. Trotzdem reagieren sie auf Licht und Witterungseinflüsse. Wenn ihre Rinde verletzt wird, überwallen sie diese. Der Grund, warum wir annehmen, dass Bäume keine Gefühle haben, ist bloß der, dass ihre Reaktionen nicht unseren menschlichen Reaktionen entsprechen und wir uns deshalb nicht in Bäume hineinversetzen können. Aus demselben Grund hat der Mensch vor noch nicht allzu langer Zeit auch Tieren und sogar Kleinkindern jedes Gefühl abgesprochen. Gut möglich, dass ein Außerirdischer, der uns beobachtet, uns Menschen für gefühllose Maschinen hält, weil er mit unseren Reaktionen nichts anfangen kann.

Da der Mensch mit dem Feuer und der daraus entwickelten Technologie eine untrennbare Einheit bildet, ist Zerstörungskraft dem menschlichen Wesen immanent, so wie es im Wesen des Feuers liegt zu brennen und Stoffe in Asche zu verwandeln. Solange der Mensch das nicht erkennt, zerstört er weiterhin die Welt, gerade auch dann, wenn er sie retten will. Diese Erkenntnis bildet einen der beiden Grundpfeiler einer gottlosen Ethik. Zwischen dem Menschen und allen anderen Lebensformen besteht nämlich ein echter Interessenkonflikt. Wenn sich der Mensch entfaltet, zerstört er in dieser Entfaltung die anderen Lebensformen und die bestehenden Ökosysteme. Wenn der Mensch aufhört, Ökosysteme umzugestalten und andere Lebensformen zu zerstören, begeht er eine Art Selbstmord. Aufgabe einer gottlosen Ethik muss es sein, hier nach Lösungen zu suchen. Die Öko-Bewegung könnte, wenn sie denn wollte, mit dieser Sichtweise haufenweise Gründe für einen achtsamen Umgang mit der Welt finden, die nicht ausschließlich auf Mitgefühl, sondern auf Vernunft und Wahrhaftigkeit basieren. Aber Mitgefühl ist bequemer und belässt uns in der Rolle der großherzig-verständnisvollen Spezies, die wir noch nie waren.

Außer „religare“ gibt es noch eine andere Ableitung, die von „relegere“. Cicero bezieht das Wort auf den Tempelkult, den es sorgfältig zu beachten gilt, also auf die gewissenhafte Einhaltung überlieferter Regeln und Gebräuche.

Was den Umgang mit dem Feuer betrifft, sind beide Ableitungen korrekt: einerseits die Identifikation mit dem übermächtig-göttlichen Feuer, das dem Menschen die Idee des Transzendenten eingab, andererseits der Kult als Gesamtheit von Ritualen und religiösen Handlungen, die dazu dienten, den Umgang mit dem Feuer erstmal zu erlernen, es zu bewahren und dabei die Gruppe nicht zu gefährden.

Der von seinem Instinkt geleitete Waldaffenmensch musste eine Vielzahl neuer Eigenschaften und Verhaltensweisen lernen, die seinem Instinkt zuwiderliefen, die wir aber bis heute für wertvoll halten: Sorgfalt, Achtsamkeit, Geduld, Vorsicht, Verantwortungsgefühl, Vernunft, Pflichtbewusstsein, Disziplin, Aufrichtigkeit, Kooperationsbereitschaft, Gehorsam und die Fähigkeit, von körperlich Schwächeren, aber Klügeren zu lernen. Der Mensch musste lernen, eigene Bedürfnisse wie Hunger hintanzustellen zugunsten von Arbeiten, die zunächst keinen unmittelbaren Nutzen für ihn hatten, wie Holz sammeln oder Glühkohle transportieren. Der Erwerb dieser Eigenschaften und Verhaltensweisen war die Voraussetzung, um später überhaupt Ackerbau und Viehzucht betreiben zu können. Und ja, ich wünsche mir, dass Menschen, die ein Atomkraftwerk betreiben oder ein Flugzeug steuern, auch heute über diese sogenannten Kardinaltugenden verfügen und danach leben. Wo immer technische Unfälle in größerem Ausmaß (wie Tschernobyl, Fukushima oder der Untergang der Amoco Cadiz) passieren, stellt sich bei näherer Untersuchung heraus, dass aus Leichtsinn oder Profitgier gegen die oben beschriebenen Tugenden verstoßen wurde.

Diese Tugenden bilden den zweiten Pfeiler einer gottlosen Ethik, und man kann hier einiges von dem übernehmen, worüber sich Kirchenleute in der Vergangenheit bereits den Kopf zerbrochen haben. Man muss das Rad ja schließlich nicht jedesmal ganz neu erfinden.

Da Feuer eine Kraft ist, die das Ökosystem, in welches der Mensch zusammen mit Pflanzen und Tieren eingebettet ist, relativ schnell zerstören kann, braucht der Mensch im Unterschied zum Tier jedoch tatsächlich eine Ethik. Der Mensch muss sich selber Regeln geben, damit er die Welt nicht zerstört. Religionen haben deshalb so lange funktioniert und funktionieren teilweise immer noch, weil sie neben allerlei Unsinnigem ein solches Regelwerk zur Verfügung stellen, das den Menschen in der Vergangenheit beim Überleben geholfen und verhindert hat, dass er die Welt mutwillig in Asche verwandelt.

Die im Animismus vorherrschende Geister- und Dämonenwelt funktioniert als Regelwerk in Gesellschaften, die noch stark in die Natur eingebettet sind und von der Natur leben. Als die Menschen anfingen, Städte zu gründen und Ackerbau und Viehzucht professionell zu betreiben, erfanden sie die Götter und schließlich den einzigen und allmächtigen Gott. Seit der Industriellen Revolution, spätestens jedoch seit der Erfindung der Atombombe funktioniert das religiöse Paradigma, das in Gott den Allmächtigen und im Menschen bloß das Werkzeug sieht, nicht mehr. Seit der Mensch in der Kernphysik Prozesse nachahmt, wie sie in der Sonne stattfinden, hat der Himmel als Thron Gottes ausgedient.

Ohne ethische Grundsätze dürfte der Mensch aber trotzdem nicht weit kommen. Deshalb müssen wir das Regelwerk neu begründen. Mitgefühl allein reicht nicht aus, weil der Umgang mit dem Feuer und der daraus entstandenen Technik mehr von uns verlangt. Mit noch so viel Mitgefühl lässt sich ein zweites Tschernobyl nicht verhindern, um es mal deutlich zu sagen. Kommt außerdem hinzu, dass es mit dem Mitgefühl in Krisensituationen, und seien sie nur eingebildet, ja auch immer überraschend schnell vorbei ist. Es tut dem Menschen gut, wenn er etwas Greifbareres hat, an das er sich halten kann.

11 Kommentare zu “Grundlagen für eine gottlose Ethik

  1. „Aufgabe einer gottlosen Ethik muss es sein, hier nach Lösungen zu suchen. Die Öko-Bewegung könnte, wenn sie denn wollte, mit dieser Sichtweise haufenweise Gründe für einen achtsamen Umgang mit der Welt finden, die nicht ausschließlich auf Mitgefühl, sondern auf Vernunft und Wahrhaftigkeit basieren.“

    Seit den „Grenzen des Wachstums“ ist es doch nicht mehr bloßes Mitgefühl oder ästhetisches Empfinden, das die Ökobewegung treibt. Die Klimakatastrophe ist keine Erfindung wirtschaftsfeindlicher Spinner, die Gefahren der friedlichen Nutzung der Atomkraft haben sich mittlerweile mehrfach krass manifestiert (sowas sollte ja nur einmal in 1000 Jahren passieren…).

    Das Problem ist doch keine falsche oder fehlende Ethik, sondern der Fakt, dass sich Selbstbezähmung, Vorsicht, Verzicht nicht in Profit umsetzen lässt und der Kapitalismus nun mal Wachstum braucht, koste es, was es wolle. Ethische Überlegungen führen in diesem System nur dazu, dass man alsbald ersetzt wird, um dem Walten des Geschicks nicht im Wege zu stehen.

    • Kapitalismus ist ein abstraktes Wort, und die Superreichen zum Sündenbock zu erklären, trifft meiner Ansicht nach nicht den Kern der Problematik, die darin besteht, dass in die Technik, die der Mensch entwickelt, keinerlei ethische Überlegungen miteingehen. Denn sonst würde der Mensch keine Waffen entwickeln, mit denen man den Planeten 1000fach in die Luft sprengen kann. Tut er aber, und zwar mit wahrer Leidenschaft. Im Zentrum unserer Technik steht seit jeher der militärische Komplex. Das sind nicht nur ein paar Superreiche, sondern Millionen von angeblich normalen Leuten, die in der Rüstungs- und deren Zulieferindustrie ihre Brötchen verdienen. Was denkst Du, woher der derzeitige Wirtschaftsaufschwung in Deutschland kommt? Soweit ich weiß, beschäftigt allein die NSA mindestens 25.000 Leute. Wieso erklären sich 25.000 Leute bereit, andere zu überwachen? Sie sind sogar stolz auf ihren Job, weil sie damit dem technisch-militärischen Komplex und damit dem wahren Gott der Menschheit dienen.

      Vor einiger Zeit habe ich ein Video gesehen, in dem ein Nerd seine „Erfindung“ vorstellt, die darin besteht, Gesichter technisch so zu bewegen, dass er Menschen beliebige Worte in den Mund legen kann und es so aussieht, als würden die Leute diese Worte wirklich sprechen. Am Beispiel von Putin hat er das vorgeführt und Putin Dinge sagen lassen, die Putin in Wahrheit nie gesagt hat. Erschreckend, dass der Typ keinerlei Unrechtsbewusstsein gezeigt hat, sondern im Gegenteil stolz auf seine tolle Erfindung war.

      Dieser technische Komplex, zu dem seit Jahrtausenden Milliarden von Menschen ihren Teil beigetragen haben und immer noch beitragen, entwickelt sich aktuell zu einer Art Superorganismus, in dem der einzelne Mensch nur noch wie eine Zelle funktioniert. Dieser technische Komplex saugt immer mehr Menschen ein und zwingt ihnen seine eigenen Regeln auf, und die basieren eben nicht auf ethischen Grundlagen. Der Raubtierkapitalismus ist eine Folge des technischen Fortschritts, nicht die Ursache. Angefangen hat das mit Menschenopfern und den ersten Versklavungen im Rahmen der Agrarisierung.

      Ja, das Klima wandelt sich. Das tut es seit jeher. Ich bestreite nicht, dass der Mensch seinen Teil dazu beiträgt. Ich bestreite aber, dass er voraussagen kann, in welcher Weise das geschieht. Hinter den Prognosen verbirgt sich nur wieder diese infantile Technikgläubigkeit, die heutzutage auch Wissenschaftler dazu verführt, virtuelle Computermodelle für die Wirklichkeit zu halten. Es war zu vielen Zeiten wärmer auf der Erde als heute, bspw. zu Ötzis Zeiten, und das hat der Entwicklung der Menschheit offensichtlich nicht geschadet.

      Deshalb steckt eine Absicht dahinter, wenn der Wandel gleich von vorneweg zur Katastrophe erklärt wird. Es handelt sich m.E. um nicht weniger als das, was ich die dritte Versklavung der Menschheit nenne, nach der ersten der Agrarisierung und der zweiten der Kolonialisierung. Nein, ich unterstelle Dir nicht, dass DU es bist, die die Menschen versklaven will, aber es hat seinen eigenen Impetus, wenn Du tatsächlich glaubst, dass der Mensch das Klima nach Gutdünken steuern kann, indem ein paar wenige Menschen sehr vielen anderen den Stromverbrauch vorschreiben. Oder sich in deren Essgewohnheiten einmischen. Oder drangehen, die Menschen umzuerziehen. Ja, viele in der Öko-Bewegung denken, dass sie ethisch handeln, auch das macht eine Diskussion über das, was Ethik ist, dringend notwendig.

      Ein sozialistisches System ist übrigens auch nicht ethisch zu begründen. Denen, die angeblich alles teilen wollen, geht es nur darum, dass der Einzelne mehr Nutzen aus der angeblich solidarischen Gemeinschaft ziehen will, als er einbringt. Wer in einer Demokratie regieren will, muss den Wählern immer mehr versprechen, als er mit den real zur Verfügung stehenden Mitteln halten kann. Das ist einer der Gründe, warum die Staaten dermaßen überschuldet sind. Wie im Kapitalismus geht es im Sozialismus ebenfalls darum, Anderen was wegzunehmen.

      Ethische Überlegungen führen in diesem System nur dazu, dass man alsbald ersetzt wird, um dem Walten des Geschicks nicht im Weg zu stehen.
      So ist es, und an diesem Punkt hört der Mensch in aller Regel damit auf, ethisch zu handeln.

  2. “ Ich finde jedenfalls keinen hinreichenden Grund, um sicher auszuschließen, dass, was in der äußeren Wahrnehmung durch die Sinne als Materie erscheint, von innen heraus erlebt, womöglich Gefühle sind.“

    Ein Gedanke, der mir auch schon gekommen ist, wenn ich es auch nicht „Gefühle“, sondern eine Art Bewusstsein genannt hätte. Aber vermutlich passt „Gefühle“ sogar besser, wirkt nur noch entlegener! 🙂

    Oder pantheistisch formuliert:
    Gott schläft im Stein,
    atmet in der Pflanze,
    träumt im Tier
    und erwacht im Menschen.

    • Bewusstsein ist ein Begriff, der durch Religion und Esoterik bereits mit einer Bedeutung unterlegt ist, die auf ein Allumfassendes-Immaterielles abzielt. Man assoziert automatisch Gott und göttlich damit. Das lehne ich ab, weil damit auch immer die Trennung von Geist und Materie einhergeht. Wenn es heißt: Gott schläft im Stein, suggeriert das, dass Gott etwas anderes ist als der Stein. Der nächste Schritt in diesem Paradigma ist, dass Gott bzw. Bewusstsein/Geist der Schöpfer von Materie ist. Dass Geist Materie erschafft, ist ein gängiges Mem, das bis zum Überdruss verbreitet wird. Bewusstsein wird zum Subjekt erhöht und Materie zum Objekt degradiert. Damit ist Bewusstsein der Urgrund bzw. Alles und Materie die Illusion bzw. das Nichtige. Das sehe ich allerdings nicht so. Ich versuche, Vorstellungen zu entwickeln, die diese Dualität auflösen. Deshalb auch der Materiemönch.

      Für mich gibt es keine Entität namens Bewusstsein oder Gott, die für sich allein in einer immateriellen Form existiert. Das Geheimnis liegt in der Materie selbst, oder genauer: in den Bindungen, aus denen Materie besteht. Stein, Pflanze, Tier, Mensch sind keine Gefäße für das Wesentliche (Gott), wie das in diesem pantheistischen Spruch rüberkommt, sondern sie sind das Wesentliche selbst, weil sie ein Komplex aus Bindungen sind.

      Der Irrtum liegt darin anzunehmen, dass das Wesentliche unwandelbar sein muss. Das ist aber bloß ein Hirnfurz. Warum soll Wesentliches sich nicht wandeln?
      Bindungen wandeln sich permanent. Ich scheue mich zwar immer, diesen Komplex Liebe zu nennen, aber im Grunde ist es schon das, worauf es hinausläuft. Sein ist mit Liebe identisch. Liebe ist nichts anderes als das angemessene Verhältnis von Nähe und Distanz, und genau dieses Verhältnis von Nähe und Distanz definiert wiederum den Begriff Bindung. Liebe ist das Wesentliche, deshalb ist auch Sein das Wesentliche. Deshalb hat jedes Lebewesen einen Lebenswillen und will so lange wie möglich sein. Die Religionen/Esoterik wollen uns einreden, dass das wahre Glück im Nichtsein oder im Jenseits oder in Gott (als Jenseitiges) liegt, weil Wandel und damit Vergänglichkeit nicht akzeptiert werden können.

      Leider verstehen die meisten Menschen unter dem Begriff Liebe bloß die Nähe und lassen die Distanz immer weg. Aber bloß Nähe funktioniert nicht, das ist nämlich ein Schwarzes Loch. Wie Thomas Bernhard jedoch mal zu einer Journalistin sagte: „Jo, wenn i Sie anschau, is des Liebe. Und wenn i wegschau, is des wieder Liebe.“

      Bewusstsein ist eine Eigenschaft oder Fähigkeit, die der Mensch dem Umgang mit dem Feuer verdankt. Diese Eigenschaft/Fähigkeit ist nicht allumfassend. Eher so was wie Fliegen für die Vögel und Schwimmen für die Fische. Wenn der Mensch Bewusstsein für das Allumfassende hält, setzt er damit eine Feuereigenschaft um: die Maßlosigkeit. Der Spruch mit dem Stein, der Pflanze, dem Tier und dem Menschen läuft darauf hinaus, dass der Mensch eben doch die Krone der Schöpfung, der momentane Höhepunkt der Evolution ist.

      Feuer zerstört Bindungen. Bewusstsein zerstört ebenfalls Bindungen. Je mehr Bewusstsein der Mensch entwickelt, desto mehr entfremdet er sich von der Natur, seiner Umwelt, seinen Mitmenschen. Das ist doch das menschliche Drama, in dem wir alle stecken. Bewusst gestaltete Beziehungen zwischen Menschen (Bindungen) sind in Wahrheit gar keine Beziehungen mehr, sondern simulieren Beziehungen. Man kann jede Beziehung töten, indem man dauernd über sie redet. Was uns zu anderen hinzieht oder auch zu Abstand rät, ist ein Gefühl. Dieses Gefühl spricht für sich, man muss dafür keine Gründe nennen. Wenn man versucht, das Gefühl zu analysieren und kognitiv zu erfassen, verdreht sich dabei immer was und es wird falsch.

      Gefühl ist der innere Anzeiger für Nähe und Distanz, und je nachdem, wo man in den Beziehungen gerade steht, wandelt es sich entsprechend. Das Gefühl kognitiv zu erfassen und zu analysieren, heißt, das Gefühl an einem bestimmten Punkt einzufrieren. Und das ist eben falsch. Das Gefühl ist nie eindeutig, sondern umfasst das Eine wie sein Gegenteil, Nähe UND Distanz, während die Analyse das nicht zusammen erfassen kann, sondern Momente der Nähe und Momente der Distanz trennen muss, obwohl es im Grunde dasselbe ist.

      Das mit dem Erwachen dient bloß wieder der typisch menschlichen Selbstbeweihräucherung. Wäre schön, wenn man darauf endlich mal verzichten könnte.

      • Also ich empfand das in dem Spruch gerade NICHT so, als würde da ein Gott abseits der Wesen und Dinge angenommen. Passender wäre „das Göttliche“, wenn schon so ein Begriff, aber der Spruch ist nun mal eher traditionell (im Sinne einer Rede von Gott) formuliert.
        Das „Erwachen“ heißt doch: wahrnehmen und reflektieren können, sich selbst und die Welt erkennen… ein schönes menschliches Feature, auf das ich nicht verzichten wollen würde zu Gunsten eines versunkenen Daseins im bloßen SoSein.
        Auf der Höhe dieser Wachheit befinden wir uns ja auch nur punktuell, der meiste Alltag läuft im Modus Autopilot und Halbschlaf… 🙂
        Und: ich kann mir sehr wohl der Qualität einer Beziehung bewusst sein, gerade wenn sie in der jeweils stimmigen Nähe und Distanz stattfindet. Das ist nämlich ein Glück! Und warum sollte man das Glück nicht wahrnehmen, kennen, feiern?

      • Viele Tiere verfügen über ein weitaus leistungsfähigeres Wahrnehmungs- und Reaktionsvermögen als der Mensch. Für den Menschen ist es eine Herausforderung, eine Fliege mit bloßer Hand zu fangen, während es für die Fliege normalerweise kein Problem ist, der Hand des Menschen auszuweichen. Tiere verfügen über einen Sinn, der sie vor Erdbeben warnt, der sie über bevorstehende Witterungsverhältnisse (bspw. strenger Winter) informiert, der ihnen ganz ohne GPS eine hervorragende Orientierung in der Welt gibt, der sie die Futterquelle finden lässt etc. Also kann mit Erwachen nicht Wahrnehmung gemeint sein. Bleibt also das Reflektieren. Aber Reflektieren hat, genau genommen, nichts mit Wachsein zu tun, sondern mit nach-denken. Das Wort nach-denken deutet ja schon darauf hin, dass man sich mit etwas Vergangenem beschäftigt. Oder mit etwas Abstraktem. Oder sonst Nicht-Existierendem. Während Du reflektierst, kann ein Räuber Deine Bude ausräumen, ohne dass Du es merkst. Das kann einem im bloßen Sosein versunkenen Tier nicht passieren. Das kann nur einem Menschen passieren, der in der Vergangenheit oder in der Abstraktion versunken ist. Was ist besser: im bloßen Sosein versunken zu sein oder in einer nicht mehr existierenden Vergangenheit, einer nicht existierenden Abstraktion oder sonst einem meistens höchst konfusen Gedankengebilde?

        Der Mensch läuft doch bloß im Modus Autopilot und Halbschlaf, weil er permanent mit irgendwelchen Gedanken beschäftigt ist, also permanent reflektiert und gemäß Deiner Auslegung also wach sein müsste. Wenn ich es mir recht überlege, beinhaltet dieser pantheistische Spruch doch eine Verdrehung der Wirklichkeit. Ist es in Wahrheit nicht der Mensch, der sich in einem Wahn oder einem Traum befindet, gerade auch dann, wenn er glaubt, wach zu sein?

        Der Mensch kennt nur den Zustand, in dem er sich als Mensch befindet: sein Menschsein. Er weiß doch gar nicht, wie sich ein Tier, eine Pflanze, ein Einzeller oder ein Stein fühlt und wie deren Innenleben aussieht. Aus seinem Menschsein heraus konstruiert er doch bloß willkürlich eine Hierarchie, die ihn über den Stein, das Tier und die Pflanze setzt und das nennt er dann Erwachen, obwohl sich ein derartiger Umgang mit den Dingen und Lebewesen doch bei näherer Betrachtung als das exakte Gegenteil erweist.

        Meine Erfahrung ist die, dass sich die stabilsten Freundschaften durch eine gemeinsame Geschichte, ein gemeinsames Interesse, eine gemeinsam durchgestandene Herausforderung ergeben, und nicht dadurch, dass man bewusst Beziehungen pflegt, über Beziehungen spricht oder Beziehungen als Glück empfindet. Mit Menschen, die von sich glauben, bewusst zu leben, bewusst zu handeln und bewusst zu gestalten, entstehen keine wirklich tiefen Bindungen. Zumindest habe ich das so nicht erlebt.

  3. Viele Atheisten sind auf dem Kreuzzug gegen Gläubige unterwegs und sind damit im Sinne ihrer Sache genauso gläubig wie diejenigen, die Sie gerade bekämpfen.

    Ein sinnvolles Zusammenleben ohne irgendeine Ethik funktioniert nicht. Dies ist auch der Hauptgrund, warum in unserer heutigen Zeit noch so viele Menschen an einer Religion festhalten, obwohl sie deren Dogmen kaum mehr wörtlich nehmen können. Die Dogmen sind antiquiert, weil sie aus einer anderen Zeit stammen und unserem gesunden Menschenverstand widersprechen, z.B. Jesus als Sohn Gottes, die Wunder aus der Bibel oder die Heiligenverehrung.

    Mit ihrer Ethik verkörpern die Kirchen jedoch etwas sinnvolles, das den Menschen auch etwas wert ist. Und weil es keine sonstige Instanz gibt, die allgemein vernünftige Gebote ausgibt, bleiben viele Menschen genau deshalb bei der Religion, in die sie hineingeboren wurden.

    Hans Küng hat vor etwa 20 Jahren versucht, mit dem Projekt Weltethos eine religionsübergreifende Ethik auf die Beine zu stellen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen die Menschenrechtsdeklaration der UN oder die Präambel unseres Grundgesetzes. Eine allgemein anerkannte globale Ethik, die unabhängig von den Religionen formuliert ist, sehe ich jedoch leider nicht.

    Wenn es solch eine Ethik gäbe, wäre es aber immer noch ein gehöriger Machtverlust, wenn die Religionen diese Ethik anerkennen würden. Aber dieses Szenario halte ich für unausweichlich, wenn Gläubige aller Richtungen und Atheisten tolerant miteinander auskommen sollen.

  4. Stichwort ‚Ethik‘:

    Naja, Ethik ist weder endgültig definierbar, noch determinierbar, noch ohne wiederum ethisch fragwürdige Machtmittel implementierbar?
    Wie soll es also jemals allgemein verbindlich empfundene und freiwillig befolgte Verhaltensgrundsätze geben über alle kulturelle, historische und individuelle Differenzen hinweg?
    Die erste verbürgte ‚Ethik‘ wurde in Form der Rechtsstele von Hammurabi überliefert.
    Für uns stilbildend die sogenannten ’10 Gebote‘, die aber auch damals schon, trotz Religionshörigkeit, ja offensichtlich als notwendig erachtet wurden, weil die Religion eben nicht ausreichte, weswegen sie sich gar nicht als Ethikgarant verstehen lässt 😉
    Und die ersten Gesetze, – die ja nichts anderes sind als ethische Normen von ‚Staats wegen‘ und entsprechend von ‚Höherer GEWALT‘ verbürgt werden müssen, was sich bis heute ja nicht geändert hat -, sind ja bereits Direktiven und kein Konsensprodukt.

    Auf der anderen Seite kann es als verbrieft gelten, dass es bereits angeborene ethische Normen gibt, die allerdings durch Drill und Konditionierung überschrieben werden können, was ja paradoxerweise dann wiederum von ‚Staatsinteresse wegen‘ gefördert wird, ganz im Widerspruch dazu, dass Gesetze einerseits z.B. das Töten verbieten, auf Verlangen des Staates oder der Religion aber plötzlich wieder stattzufinden hat und darum gut ist, was vorher als böse deklariert wird.
    Einen solchen dichotomischen Schwachsinn dann auch noch von priesterlichen Weihen sanktionieren zu lassen (siehe Militärgottesdienst etwa) ist dann der Gipfel der Ethikheuchelei.
    Somit scheiden sowohl Staat als auch Religion als glaubwürdige, legitime Ethiknorminstanzen aus.

    Bleibt die Frage, ob uns diese Ethikheuchelei in den letzten 3700 Jahren auch nur 1 entscheidenden Schritt voran gebracht hat oder ob nicht die ebenfalls für diesen Zeitraum verbürgte Historie ein ganz entscheidendes Argument gegen diese vorgebliche ‚humanitär orientierte Ethikfarce‘ darstellt?!

    ‚ethos‘ ist ja als ‚Gesinnungsart durch Brauch/tum‘ definiert und somit dem Wandel der Zeiten unterworfen, wie eben alle anderen moralischen Spielvarianten aauch, die mit demselben heroischen Ernst angetreten sind, den Menschen angeblich vor sich selbst zu retten.

    Ist nur komisch, dass z.B. Affen auch nicht vor sich selbst gerettet werden müssen, sondern ausschließlich vor uns.
    Oder Delphine und Wale oder Bienen oder Schlachtvieh usw.usf.
    Keine propagierte Ethik, weder die aus der Zeit der delirierenden Sandalenträger, noch des aktuellsten päpstlichen Ukas‘ hat jemals irgendeine Gräueltat zu verhindern vermocht, zumal die meisten sogar noch im Namen irgendeiner Ethikmissionierung begangen wurden wie halt z.B. die Demokratie-u. Freiheitsbeglückung durch amerikanische Kriege etwa etc.

    Also wenn’s nach mir ginge, könnten wir uns jegliche Ethikdiskussion ersparen, da (s.o.) jeglicher institutionalisierter Ethikanspruch offensichtlich das Gegenteil bewirkt!
    Lässt sich aber Ethik ganz evident weder generalisieren, noch institutionalisieren, ist jede Diskussion per se überflüssig, da beide zur Ethisierung der Allgemeinheit notwendigen Postulate die Ethik zwangsläufig entethisieren.
    Und eine Contradicito in adiecto kann keine Grundlage für irgendeine Verhaltensnorm sein, da ein Widerspruch eben keine Verhaltens-Orientierung bietet.
    Quod erat demonstrandum.

    • Unter dem Gesichtspunkt, dass Ethik ein Komplex aus Verhaltensweisen ist, der anderen Menschen durch eine Gruppe oder einen Einzelnen auferlegt, gar aufgezwungen wird, hast Du mit allem, was Du sagst, vollkommen Recht. Dann ist Ethik bloß ein Machtmittel, und ein widersprüchliches dazu.

      Es ist so, dass ich hier in diesem Blog für mich selber spreche und nicht für Andere. Ich spreche auch nicht für die Menschheit als Ganzes oder wie sich Menschen untereinander organisieren oder verhalten sollen. Worüber ich hier spreche, sind meine persönlichen Erfahrungen. Es kann sein, dass das manchmal anders rüberkommt, weil ich mir das „ich denke …“ oder „meiner Ansicht nach …“ hier meistens spare.

      Ich versuche herauszufinden und zu tun, was ich selber will. Für mich, unabhängig von Anderen. Ich versuche, ein gutes Leben für MICH zu leben. Dabei stoße ich natürlich dauernd an Grenzen, denn heutzutage ist der Mensch kein Individuum mehr, sondern mehr kollektives Wesen denn je. Wenn man erst mal darauf angespitzt ist, ist es schon schockierend, wie sehr sich nicht nur staatliche Bürokratie, Gesundheitswesen, Medien, wer auch immer ins Leben einmischen, sondern eigentlich fast alle, auch jeder Mitbürger, Dorfbewohner und Nachbar, besonders in Deutschland, weswegen ich nicht mehr in Deutschland lebe, sondern an einem Ort, wo Otto Normalo dem Anderen realiter noch mehr Achtung zollt und die Anderen (also mich 🙂 )sein lässt, wie sie sind. Heute gilt es als normal, wenn nicht als erste Bürgerpflicht, dass jeder an jedem herumzerrt, herumerzieht und in bestimmte Richtungen drängt. Dank der Digitalisierung wird diese menschliche Qualität jetzt gerade so richtig offenbar. Die Digitalisierung bringt, so gesehen, nichts Neues, sondern bloß die Sichtbarmachung und Zuspitzung eines Verhaltens, das den Menschen schon lange prägt.

      Auf der Suche nach dem guten Leben habe ich in verschiedenen Betrieben und Institutionen gearbeitet und festgestellt, dass abhängige Arbeit als Angestellter den Menschen zerreißt und einstampft. Vertikaler Druck von oben und horizontaler Gruppendruck sind sozusagen die Werkzeuge menschlicher Umformtechnik. Ja, bei diesem Umformen spielt Ethik oder besser: Pseudo-Ethik eine wichtige Rolle, man denke nur an das ganze Weltrettungs-Gedöns der Grünen und Linken. Und ja: mit ethischen Forderungen an Andere heranzutreten, konterkariert jede Ethik und verkehrt sie ins Gegenteil. Das hast Du gut erkannt.

      Trotzdem: ich habe festgestellt, dass es mir persönlich gut tut, wenn ich an bestimmten ethischen Grundsätzen festhalte. Ich fühle mich dadurch kohärenter, mehr wie ein Individuum, das für sich selber einsteht. Ich bin stärker und kann Gruppendruck besser aus- und standhalten. Ich kann meine eigenen Anliegen kraftvoller verteidigen. Gut möglich, dass da der Affe in mir durchkommt, das heißt, dass es angeborene Verhaltensweisen gibt, die ethisch zu nennen sind, bspw. dass man Mitglieder derselben Spezies nicht umbringt. Aber schließlich ist es egal, woher das kommt. Ich lebe auf jeden Fall besser, wenn ich mich zu den sogenannten Kardinaltugenden bekenne und sie bestmöglich realisiere. Unabhängig von Anderen. Bloß für mich selbst. Es ist nicht so, dass mich das nicht verblüfft, zumal ich ja Religion, Spiritualität und Kirche bloß als logische Weiterentwicklung des Feuerkults identifiziert und damit entzaubert habe. Tja, auch hier im Kern wieder ein Paradoxon :-).

  5. Ich hätte mal besser das @Andreas Mücklich nicht vergessen 😉

    Wenn jemand für sich Werte benennt und sich daran orientiert habe ich weder etwas dagegen zu sagen, noch schließe ich mich selbst davon aus.
    Jeder ist meiner Ansicht nach das oder soviel ‚wert‘ wie er eben faktisch Werte vertritt.
    Das Propagieren von Werten ist ja heutzutage inflationär, das faktische Repräsentieren derselben quasi illusionär.
    Ohne persönliche Richtwerte kommt wohl kaum einer zurecht, noch nicht mal der schäbigste Ganove 🙂
    Ethik maßt sich halt an einen allgemein verpflichtenden Standard – gerne in Form von ‚Gottes Willen und Gesetzen‘ – zu fordern, ohne Rücksicht auf persönliche Dispositionen und Befindlichkeiten, was einer Vergewaltigung der Individualität gleich kommt.

    Wenn ich keinen umbringe, dann weder, weil ich das nicht könnte, noch weil ich Angst vor Bestrafung hätte, sondern weil es mir nicht sinnvoll erscheint.
    Der Schutz der Anderen vor meiner potentiellen Gewaltfähigkeit besteht einzig und allein darin, dass ich Alternativen dazu verfügbar habe, meine vitalen Interessen zu wahren – stummes, untätiges Erleiden wäre nicht so mein Ding ;-).
    Würde ich zu dem für mich unbedingten Schluß kommen, dass jemand sterben müsste, aus welchen Gründen auch immer, weil es alternativlos für mich wäre, dann würde ich dies wohl bewerkstelligen.
    Da interessierte mich keine Ethik oder Moral oder Gesetz, da interessierte mich lediglich, ob das meinen Zustand tatsächlich verbessern hülfe oder eben nicht.
    Da es aber für jemanden wie mich grundsätzlich eine ganze Reihe anderer Optionen gibt, um meine Verfassung zu verbessern oder zumindest zu stabilisieren, ist das nur eine hypothetische Option, die aber trotzdem immer glaubwürdig mit im Raum steht.
    Nichtsdestowenigertrotzdem halte auch ich EIGENE Regeln für sinnvoll, weil sie nützlich sind, um mir vermeidbaren Stress zu ersparen.

    Damit will ich weder ‚lieb‘ sein, noch Anerkennung finden, noch Konflikten aus dem Weg gehen – es geht mir darum, dass destruktive Friktionen ohne konstruktive Funktion suspekt und damit obsolet sind, weil sie nur Ressourcen fressen ohne sinnstiftenden Output.
    Ich betrachte Intelligenz (rationale Bewertung als Regelinstanz im Sinne eines: ‚Führt diese Aktion zu einer verbesserten oder verschlechterten Stabilität des dafür relevanten Systems?‘ – weil die Stabilität von Systemen, = Individuen wie Staatsgebilde, von persönlicher Bedeutung und damit von Wert für mich ist. Mal ganz nüchtern und unsentimental bilanziert.) als Käfig für das Tier, dem ich aber jederzeit die Tür öffnen kann, wenn es aus meiner Sicht hilfreich wäre.

    Ich gebe zu bedenken, dass selbst so vorgeblich altruistische Verhaltensweisen wie ‚Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Verzeihen et.al.‘ letztlich immer auch einen sehr wohl selbstbezogenen Aspekt haben , der in der Entscheidungsfindung zum Thema eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt 😉
    Mutter Theresa (die, btw. eine völlig gestörte Person gewesen ist) tut dies zu IHREM Seelenheil unter Berufung auf Gott und die Menschlichkeit, nur um aber doch sich selbst auch einen Gefallen zu tun – wie auch immer der subjektiv dann ausfällt, ist egal!

    Es gibt Menschen, die mit ihrem tollen (cave ambivalentia) ‚gütigen‘ Wesen mehr Schaden anrichten als so mancher Mafiaboss, der wiederum andererseits eine wichtige Rolle für systemisches Gleichgewicht und Entwicklungsoptionen darstellen kann, welche niemals durch die ‚gütige‘ Person bereit gestellt werden könnte.

    Da sind wir halt wieder bei der eindimensionalen Sichtweise dessen, was als ‚gut‘ und damit angeblich wünschenswert deklariert wird, immer auf Kosten der natürlichen Balance, was, genauer betrachtet, immer die schlechtere Option ist…

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